Nov 072020
 

Spontan und öffentlich bekannt und nur aus den letzten sechs Monaten:

6 Männer, 0 Frauen auf Direktor*innenebene

Unisex-Business-Kollektionen, die aus Versehen nur mit männlichen Models fotografiert werden.

Solche „aus Versehen Fehler“ macht man besser doppelt:

Und heute postet die Medienabteilung dann Glückwünsche zu irgendeinem Jubiläum irgendeines Sexisten.

That’s the hot take.

Okt 282020
 

Liebe Lesenden,

es mögen komische Zeiten sein. Dennoch wird der FCSP – Stand jetzt – in diesem Jahr eine ordentliche Mitgliederversammlung abhalten und zwar am 15.11. um 13 Uhr in unserem heißgeliebten Stadion. Wisst ihr natürlich schon.
Das dürfte vom Wetter her eine kühle Angelegenheit werden, aber warm genug wird uns sicherlich. Den Grund dafür haben aufmerksame Blickpunkt-Leser*innen schon erkannt, als sie, in nervöser Vorfreude zum Bericht des Alten Stammes blätternd, über einen Artikel aus der Feder der AG Diversität stießen: 

Es wird ein Antrag auf eine Frauenquote in allen zentralen Gremien des FC St. Pauli von 1910 e. V. gestellt werden.
Den Wortlaut des Antrags brauchen wir nicht wiederzugeben, den könnt ihr hier einsehen. Auch Sandra und Oke haben sich heute zu dem Thema geäußert.

Vorbemerkung

Wir machen kein Geheimnis daraus, dass Mitglieder dieses Blog-Kollektivs federführend bei dem Thema sind. Und umgekehrt spielen wir jetzt auch mit offenen Karten, dass diese Zeilen hier nicht die Antragstellerin, sondern der einzige Y-Chromosomen-Träger (hier auch einfach Mann genannt*) des Kollektivs schreibt. Warum? Weil wir die Quote für richtig halten. Weil ich, als Mann – sie für richtig halte. Und weil ich die ernsthafte Hoffnung habe, dass meine Perspektive von vielen Geschlechtsgenossen geteilt werden möge.

Dies wird keine ausgewogene Erörterung wie im Deutschunterricht

Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Frauenquote in den Gremien des FC St. Pauli von 1910 e. V. sinnvoll ist. Dabei habe ich gar keine Lust, die ellenlange Diskussion um Für und Wider und Jahrzehnte von rhetorischen Grabenkämpfen wieder aufzuwärmen. Sachlich wurden die bekannten Argumente eh schon oft genug und ausführlich behandelt, siehe Blickpunkt. Ich sage einfach nur: Machen wir das!

Wie überzeuge ich euch dennoch, wenn ihr noch nicht überzeugt seid? 

Eine Quote halte ich für ein Hilfsmittel, das besser unnötig wäre. In einer idealen aller Welten bräuchten wir diesen Mist nicht. Da wäre alles superduper ausgeglichen und divers. Ist aber nicht so. Absichtserklärungen, gutes Zureden, Lippenbekenntnisse, kann man alles machen. Wenn man verdammt viel Zeit, Nerven und Geduld mitbringt. Nicht so meine größte Stärke. Abwarten allein dauert mir zu lange. Ich will jetzt Frischluft in den verstaubten Laden bringen – und damit meine ich nicht allein den FC St. Pauli, auch wenn in unserem Herzensverein selbstverständlich auch an der einen oder anderen Stelle ein Staubtuch gut zu tun hätte. 

Wir meinen vor den ganzen Bums Profifußball und Profisport

Dass Großorganisationen wie DFL, DFB, UEFA oder FIFA miese alte Boys Clubs sind, wird kaum jemand unserer aufgeklärten Leser*innenschaft bezweifeln. Wo fangen wir also an, diesen Herrenabend zu crashen? Richtig, in unserem eigenen Verein. Schließlich ist der FC St. Pauli Mitglied der DFL. Jede Revolution beginnt mit einem ersten Schritt. Unterschätzen wir nicht die Signalwirkung und Strahlkraft, die unser Club im Fußballzirkus national und international haben kann.

Und so träume ich von einer Fußballwelt, ja von einer gesamten Welt in der Zukunft, in der Geschlechtergrenzen nicht mehr existent sind. Wo jede*r alles werden und machen kann. Menschen als Menschen und nicht als Mann, Frau oder Streifentapir beurteilt werden. Damit es irgendwann so weit kommt: Stimmen wir für die Quote. Sie ist gewiss ein Schritt in diese Richtung.

* Wir wissen: Y-Chrosomon heißt nicht automatisch „Mann“. Davon ab klammern wir in dieser ganzen Debatte schweren Herzens Trans-/Nichtbinär-Themen noch aus, so blöd das ist. Es ist ein Anfang.

Okt 272020
 

Jetzt ist sie also da, diese Derbywoche. Derbywoche, ein Wort, das uns unter normalen Umständen sofort in eine gewisse Anspannung verfallen lässt, eine Woche in der wenig anderes wirklich wichtig ist. In der wir seit Wochen wissen, wer sich wo wann mit wem trifft, wie wir zum Stadion kommen. Eine Woche, in der jeder Pups im Training ausführlich mit “hoffentlich kann er spielen” bedacht wird. Eine Woche (die einzige Woche), in der dieses Kollektiv Redaktionspläne hat und mit vorgetimeten Tweets agiert. Eine Woche, in der wir uns auch mal zoffen, was wohl auch zu dieser Derbyfolklore gehört. Eine Woche, in der die Kolleg*innen plötzlich alle krasse Fußballfans sind und unbedingt noch ein Ticket brauchen. Eine Woche, in der es um wenig anderes geht.

Und jetzt? Jetzt ist da quasi nichts von da. Auch jetzt gibt es noch Reste dieses Kribbeln, wenn Rodrigo in der 94. Minute im letzten Spiel vorm Derby noch einen Elfmeter versenkt. In Darmstadt. Wo wir seit 1992 keinen Punkt mehr geholt haben. Was wären wir im Gästeblock alle eskaliert. Wir würden in 40 Jahren noch von der geilen Fahrt reden und es hätte sicher auch einen freudetrunkenen Bericht in diesem Medium gegeben. Und jetzt? Guckten wir das Spiel und da war maximal 0,1910% der normalen Emotion in der Situation. Wir kennen Menschen, die erinnerten sich am Tag drauf nicht mal mehr an das Ergebnis.

Und so wird es uns auch am Freitag gehen – ja, es ist zwar Derbywoche, aber es findet genau nichts statt, was diese Derbywoche ausmacht. Stattdessen dürfen wir mit einem anderen Haushalt zusammen das Spiel im Fernsehen oder am AFM-Radio verfolgen. Können nicht mal das Halbzeitentertainment der Rautenromane erleben. Uns über schlechte Verkehrsplanung bei der Anreise aufregen. Über das zugige Stadion jammern. Und wir werden sogar Samstag Morgen ganz normal unsere Stimme haben. 

Ja, es ist Derbywoche. Aber ein Derby ist das so doch nicht. 

Und allem zum Trotz: Rausgehen, warmmachen, Derbysieger*innen bleiben. Hamburg bleibt braun-weiß.

Okt 082020
 

Mit Bwin hat der FC St. Pauli einen Sportwettenanbieter unter seinen Sponsoren. In dieser Saison veranstaltet Bwin mit dem Verein ein Tippspiel. Dies wollen wir im Folgenden beleuchten und hinterfragen.

Wie läuft das Tippspiel?

Das Tippspiel ist ein klassisches Tippspiel auf kicktipp.de. Durchgeführt wird es von der GVC Services Limited, Teil der GVC Holdings PLC in Gibraltar, kurz „bwin“. Getippt wird bis zum Anpfiff des Spiels. Es werden Spieltags-, Hinrunden- und Rückrundensieger*innen ermittelt. Die Teilnahme ist kostenlos und altersunabhänig; gewinnberechtigt sind allerdings nur Personen mit einem Mindestalter von 18 Jahren.
Zu gewinnen gibt es für die Spieltagssieger*innen ein signiertes Heimtrikot der aktuellen Saison und einen 10-Euro-Freebet-Gutschein von Bwin. Außerdem erhalten die Erst-, Zweit- und Drittplatzieren der Hin- bzw. Rückrunde VIP-Tickets für ein Heimspiel, beflockte Trainingskits oder einen 100-Euro-Gutschein des Fanshops. Innerhalb der Saison werden also folglich 34 Wettgutscheine über 10 Euro vergeben. Und damit sind wir schon bei dem Problem: Mit diesem Preis wird eine verdammt niedrige Eintrittsschwelle zu Sportwetten geschaffen.

Sportwettenanbieter im deutschen Fußball

Der FC St. Pauli ist beiweitem nicht der einzige Fußballverein in Deutschland, der Werbung für Sportwetten macht. Bei unserer Recherche haben wir herausgefunden, dass alle Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga – außer Erzgebirge Aue (ausgerechnet Aue!) – Sportwettenanbieter als Sponsoren haben.
Frankfurt, Heidenheim, Hertha, Kiel, Leverkusen und Mainz machen sogar Werbung für mehr als einen Anbieter. Der SC Paderborn und der VFL Osnabrück haben mit Sunmaker einen Wettanbieter als Haupt- und Trikotsponsor. Und bei Fortuna Düsseldorf heißt das Stadion Merkur Spiel-Arena. In der folgenden Tabelle haben wir die Vereine und die jeweiligen Wettanbieter aufgeführt. Wir haben Lotto Bayern und ähnliches mitaufgenommen, da auch hier auf Fußballergebnisse gewettet werden kann. Es kann aber sein, dass wir bei den Vereinen Anbieter übersehen haben.


Verein

Anbieter

Aue

Augsburg

Lotto Bayern

Bielefeld

XTiP

Bochum

LeoVegas Sport

Braunschweig

Sportwetten.de

Bremen
Betway

Darmstadt

Skybet

Dortmund
Bwin

Düsseldorf

Merkur

Bayern

Tipico

Frankfurt

Tipwin/ Lotto Hessen

Freiburg

Lotto Baden-Württemberg

Fürth

Lotto Bayern

Gladbach

Unibet

Hannover

Skybet

Heidenheim

Lotto Baden-Württemberg/ Tiptorro

Hertha
Betway/ Lotto Berlin

Hoffenheim
Interwetten

HSV

Admiralbet

Kiel

Lotto Schleswig-Holstein/ Skybet

Köln
Bwin

Kralsruhe

Neo.bet

Leipzig

Unibet

Leverkusen
KB88.com/ Tipwin

Mainz

fb88.com/ Lotto Rheinland-Pfalz

Nürnberg

Lotto Bayern

Osnabrück

Sunmaker

Paderborn

Sunmaker

Regensburg

Lotto Bayern

Sandhausen

Skybet

Schalke
Bet-at-home

St. Pauli
Bwin

Stuttgart
Tiptoro

Union
Bwin

Wolfsburg
Interwetten

Würzburg
Bwin

DFB
Bwin

Nationalmannschaft
Bwin

DFB Pokal
Bwin
1. BundesligaTipico
2. BundesligaTipico

3. Liga
Bwin

Ligen Frauen
Bwin

Aber nicht nur die Vereine machen Werbung für Sportwetten. Bwin führt in seinem Portfolio außerdem auch den DFB, die Nationalmannschaft, die 3. Liga und die Frauenligen als Werbepartner auf. Bundesliga 1 und 2 werden von Tipico gesponsert. Während der Vorberichterstattung zur Bundesligakonferenz liefen am Samstag Werbungen für fünf verschiedene Wettanbieter (Tipico, Skybet, Mybet, Betway, Unibet).
Neben der Werbung über Sponsorships machen auch Prominente aktiv Werbung für Sportwetten. Sei es Oliver Kahn für Tipico, Podolski für Xtip oder Rapper Specter für Hpybet. Der Effekt? Sportwetten werden normalisiert und rücken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft.
Im Interview mit Buisnesspunk gab Peter Reinhard, Geschäftsführer von Hpybet, an, dass man sich bewusst für einen Rapper als Werbefigur entschieden hätte, um eine jüngere Zielgruppe und Menschen mit Migrationshintergrund zuerreichen ( https://www.business-punk.com/2019/12/mit-hiphop-fuer-sportwetten-werben-ein-gespraech-mit-hpybet-ueber-marketing/2/).
Wie zynisch das ist, zeigt sich bei der Betrachtung der Erhebung zum Thema Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Laut der Studie für das Jahr 2019 sind besonders junge Männer, Menschen mit niedrigem Einkommen und Menschen mit Migrationshintergrund gefährdet, ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten zu entwickeln.

Und es lohnt sich für die Anbieter. Im Jahr 2019 machten sie einen Umsatz von 9,3 Milliarden Euro, Tendenz steigend. (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sportwetten-deutschland-legal-1.4782648). Aber auch für die Vereine ist die Zusammenarbeit lukrativ. So zahlt Tipico dem FC Bayern München 5,5 Millionen Euro pro Saison (https://www.mittelstand-nachrichten.de/verschiedenes/tipico-und-der-fc-bayern-schliessen-sponsorendeal/). Kein Wunder also, dass die Vereine eher ein Auge zudrücken, wenn es um die Gefahren von Sportwetten und die rechtliche Lage geht.

Problematisches und pathologisches Spielen

Laut der DSM-5 (5. Auflage des Handbuchs “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders”, dies gilt als das dominante Bewertungssystem für psychiatrische Krankheiten), gibt es neun Kriterien (https://www.lsgbayern.de/information/gluecksspielsucht-daten-fakten/definition-pathologischen-gluecksspielens) für eine „Störung durch Glücksspielen“:

  • Notwendigkeit des Glücksspielens mit immer höheren Einsätzen, um eine gewünschte Erregung zu erreichen.
  • Unruhe und Reizbarkeit bei dem Versuch, das Glücksspielen einzuschränken oder aufzugeben.
  • Wiederholte erfolglose Versuche, das Glücksspielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben.
  • Starke gedankliche Eingenommenheit durch Glücksspielen (z. B. starke Beschäftigung mit gedanklichem Nacherleben vergangener Spielerfahrungen, mit Verhindern oder Planen der nächsten Spielunternehmung, Nachdenken über Wege, Geld zum Glücksspielen zu beschaffen).
  • Häufiges Glücksspielen in belastenden Gefühlszuständen (z. B. bei Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Angst, depressiver Stimmung).
  • Rückkehr zum Glücksspielen am nächsten Tag, um Verluste auszugleichen (dem Verlust „hinterherjagen“ [„Chasing“]).
  • Belügen anderer, um das Ausmaß der Verstrickung in das Glücksspielen zu vertuschen.
  • Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, eines Arbeitsplatzes, von Ausbildungs- oder Aufstiegschancen aufgrund des Glücksspielens.
  • Verlassen auf finanzielle Unterstützung durch andere, um die durch das Glücksspielen verursachte finanzielle Notlage zu überwinden.

Für die Diagnose einer „Störung durch Glücksspiel“ müssen mindestens vier Kritierien innerhalb von zwölf Monaten erfüllt sein.

Die BZgA ermittelt in ihrer Studie
https://www.bzga.de/fileadmin/user_upload/PDF/studien/BZgA-Forschungsbericht_Gluecksspielsurvey_2019.pdf auch, welche soziodemographischen Faktoren problematisches und pathologisches Spielen begünstigen können. So sind zumeist jüngere Männer betroffen. Charaktereigenschaften wie “Sensation Seeking” und Impulsivität sowie ungünstige soziale Einflüsse durch Peers und die Familie können die Enstehung von problematischem und pathologischem Spielen begünstigen. Desweiteren geht die Studie davon aus, dass es einen großen Zusammenhang mit stoffgebundenen Süchten gibt. So gibt es Hinweise, dass vor Beginn des pathologischen Spielens bei drei von vier Betroffenen eine Suchterkrankung wie z.B. Alkoholmissbrauch vorlag.

Laut der BZgA sind zwischen 0,2 und 1,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland spielsüchtig. Insgesamt haben 79,9 Prozent der Männer und 70,7 Prozent der Frauen schon einmal ein Glücksspiel gespielt. Für Sportwetten liegt der Wert bei 10 Prozent der Bevölkerung.

In der folgenden Tabelle ist dargestellt, wie viel Prozent der verschiedenen Altersgruppen in ihrem Leben schon Erfahrungen mit Sportwetten (Lebenszeitprävalenz) gemacht haben. Verteilt auf die verschiedenen Altersgruppen sieht das wie folgt aus:


Altersgruppe

16-17

18-20

21-25

26-35

36-45

46-55

56-70

Lebenszeitprävalenz

2,8 %

5,4 %

10,3 %

10,0 %

7,1 %

6,5 %

6,7 %

Laut Angaben der Seite www.schon-verloren.de ist in Hamburg jede 7. Person, die wegen einer Glücksspielproblematik ambulat betreut wird, abhängig von Sportwetten.

Welche Arten von Sportwetten gibt es?

Man unterscheidet drei Arten von Sportwetten: Toto, Oddset und Livewetten.
Toto ist die klassische Sportwette, bei der auf den Spielausgang von Fußballspielen gewettet wird.
Bei Oddset geschieht das Gleiche, nur das hier auf feste Quoten gewettet wird.
Livewetten sind die riskanteste Form der Sportwetten. Hierbei wird während des Spiels auf ein Ereignis gewettet. Der Zeitdruck, unter dem die Spieler während des Wettens stehen, erhöht das Gefährdungspotential, da die Spieler keine Ruhephase haben, um Einsätze und Wetten abzuwägen. In Deutschland ist diese Form der Sportwette nur eingeschränkt zulässig: “Wetten während des laufenden Sportereignisses sind unzulässig, da sie ein überaus hohes Suchtpotenzial aufweisen. Davon abweichend können Sportwetten, die Wetten auf das Endergebnis sind, während des laufenden Sportereignisses zugelassen werden (Endergebniswetten). Wetten auf einzelne Vorgänge während des Sportereignisses (Ereigniswetten) sind ausgeschlossen“ (Auszug aus Paragraph 21, Absatz 4 des Glücksspielstaatsvertrages).
Personen, die an Livewetten teilnehmen, haben ein fünffach höheres Risiko für problematisches bzw. abhängiges Spielverhalten. Trotzdem ist es möglich, darauf zu wetten, wer die nächste Ecke schießt oder die nächste gelbe Karte bekommt. Die Rechtslage ist hier eine einzige Grauzone.

Sportwetten werden auch als Glücksspiel mit Kompetenzanteil bezeichnet, da Wissen und Erfahrung die Gewinnchance beeinflussen. Dieser Faktor ist aber gering und wird von Spieler*innen häufig überschätzt. Aus diesem Grund gelten Sportwetten als Glücksspiel mit erhöhtem Gefährdungspotential. Im Forschungsbericht der BZgA (https://www.bzga.de/fileadmin/user_upload/PDF/studien/BZgA-Forschungsbericht_Gluecksspielsurvey_2019.pdf) wird unter anderem der GABS-Wert für die verschiedenen Arten von Glücksspiel ermittelt. Die Gambling Attitudes and Beliefs Scale erfasst kognitive Verzerrungen hinsichtlich des Glücksspiels. Als theoretische Grundlage gilt die Annahme, dass eine verzerrte Kognition (z. B. Illusion der Kontrolle) zu einer erhöhten Spielhäufikeit führt und sie problematischem Spielverhalten vorrausgeht. Sportwetten haben im Mittel einen GABS-Wert von 1,96 und weisen damit den höchsten Wert aller Glücksspiele auf. Bedeutet, dass bei Sportwetten die größte kognitive Verzerrung vorliegt.

Beim Tippspiel, das Bwin gemeinsam mit dem FC St. Pauli veranstaltet, erhält der*die Tagessieger*in nach dem erfolgreichen Tippen eines Spieltages Gutscheine für eine kostenlose Wette. Diese Person hat sich gerade als kompetent im Tippen erlebt und wird nun eingelanden, das ganze doch einmal mit der Aussicht auf einen Geldgewinn zu versuchen. Durch das vorangegangene Kompetenzerleben wird die Hemmschwelle noch weiter herabgesetzt und das Gefühl verstärkt, man hätte Einfluss auf den Wettausgang. Der Verein und Bwin verleiten somit Spieler*innen indirekt zum Glücksspiel. Zumal aus der Studie der BZgA auch hervorgeht, dass Menschen, die auf Sportergebnisse wetten, deutlich häufiger auch noch andere Formen von Glücksspielen spielen.

Rechtliche Lage

Häufig genug hört man im Leben, dass Dinge kompliziert seien, sie sind aber ganz einfach. Nehmen wir doch zum Beispiel das Schicksal flüchtender Menschen: Politiker versuchen uns zu erklären, dass das ganz kompliziert sei, es europäische Lösungen bräuche und laber. Dabei ist das ganz einfach: Die BRD kann und sollte alle Flüchtlinge aufnehmen und das ist Menschenrechtlich die einzig richtige Lösung.

Anders verhält es sich mit dem Glücksspiel. Leute werden euch sagen „es ist ganz einfach“ und dann entweder „es ist in Deutschland verboten“ oder „es ist in der EU erlaubt“ antworten. Beide Antworten sind wahrscheinlich genau so richtig wie falsch. Die Wahrheit ist: Es ist kompliziert. Sehr so gar.

Glücksspiel ist in Deutschland Sache der Länder. Es könnte also theoretisch jedes Bundesland seine eigene Glücksspielregelung treffen. Dies will man aber nicht, sodass man das ganze durch sogenannte Staatsverträge einheitlich regelt.

Ursprünglich war die Regelung mal ganz einfach. Es gibt ein staatliches Monopol. Lotto, Toto, Spielbanken und sonst nix. Außer vielleicht ein paar Daddelautomaten.

Ihr habt den Unterschied in den zwei Sätzen mit dem „erlaubt“ und dem „verboten“ oben gesehen? Die EU sah das deutsche Verbot als Monopol gegen die Dienstleistungsfreiheit und kippte es. Ganz grob vereinfacht gesagt ist nach einheitlichen Binnenmarktregeln alles in der EU erlaubt, was in einem Land erlaubt ist.

Es begannen also Sportwettenanbieter mit Sitz in anderen EU-Staaten, ihre Angebote in Deutschland anzubieten. Und beriefen sich auf diese Dienstleistungsfreiheit.

Nun gibt es aber Ausnahmen von dieser Dienstleistungsfreiheit. Z. B. zum Schutz der Gesundheit. Und ihr lest hier in den anderen Abschnitten von dem erheblichen zerstörerischen Potenzial von Online-Glücksspiel. Die Länder beschlossen daher ein staatliches Monopol und ansonsten ein Verbot. Oddset war der Name. Dies wurde von BVerfG noch bestätigt, der EuGH kassierte es jedoch und argumentierte u. a. damit, dass Oddset massiv Werbung machte und so nicht wirklich ersichtlich sei, dass das Ganze zum Schutz vor Spielsucht erfolgen würde.

Darauf reagierten die Länder und wollten 20 private Anbieter für Onlinesportwetten lizensieren. Diese Änderung erfolgte 2010. Das Ganze ist so nie gekommen. Schleswig-Holstein ging erst einen Sonderweg, vergab eigene Lizenzen und argumentierte damit, dass ausländische Anbieter über das Internet sowieso nicht an ihrem Geschäft zu hindern seien und man dann lieber die Steuern und die Arbeitsplätze haben wolle. Eine Landtagswahl und einen Machtwechsel später trat man 2013 dann doch der Änderung bei. Die Lizenzen koppelte man nebenbei mit einer Sondersteuer und man muss sich immer fragen, ob es Politiker*innen bei diesen Entscheidungen nicht immer etwas mehr um ihren Haushalt als um den Gesundheitsschutz der Süchtigen ging.

Lizenzen wurden aber trotzdem nicht vergeben. Mehrere Gerichte waren dagegen, weil sie die Vergabe als intransparent und als einen Verstoß gegen die Dienstleistungsfreiheit ansahen. 2016 entschied das auch der EuGH. Dabei wird immer wieder auf die nicht konstante Regelung in Deutschland verwiesen, die teilweise versucht, ein staatliches Monopol zu etablieren, das dann wirbt oder aber zwischen Casinospielen und Sportwetten fein unterscheiden will. Ein absolutes Verbot anderer europäischer Länder hat der EuGH jedoch akzeptiert, siehe Portugal. (C-42/07 ist das Aktenzeichen)

Seitdem versuchen sich die Länder auf eine erneute Neuregelung zu verständigen. Diese war auch vereinbart, als in Schleswig-Holstein erneut die Macht wechselte, die neue Koalition der Änderung nicht zustimmen wollte und so eine Ratifikation unterblieb und die Änderung nie in Kraft trat. Für 2021 ist ein erneuter Versuch einer Neuregelung geplant, die z. B. eine Begrenzung der Summe vorsieht, die man verspielen kann.

Too long, didn’t read?

Zurzeit gibt es aber in Deutschland keine rechtliche Grundlage für Online-Wetten, die mit dem EU-Recht vereinbar wäre. Zwar verbietet das deutsche Recht das Anbieten und Werben und Behörden rasseln da auch immer mal wieder gerne mit den Säbeln, aber im Endeffekt ist das Ganze ein sehr stumpfes Schwert.

Konsequenz daraus ist, dass nahezu alle Anbieter im europäischen Ausland sitzen. So ist z. B. der Sponsor des FCSP in Gibraltar zu Hause. Ob dies angesichts des Brexit so bleibt, kann wohl bezweifelt werden. Folge davon ist aber auch, dass in Deutschland keine Steuern anfallen.

Ob die Neuregelung Bestand hat, bleibt abzuwarten. Insbesondere wenn es erneut zu offensichtlich wird, dass es eher um Steuereinnahmen, als um Suchtprävention geht, dann wird der EuGH das ggf. wieder kassieren.

Soziale Verantwortung

Fußballvereine sozialisieren Menschen. Sie sind Vorbild und führen Menschen an Themen heran. Wir alle wissen das am besten. Zudem haben sie eine extrem große Reichweite. Der FC St. Pauli ist stolz auf seine vielen Fans und Fanclubs außerhalb Hamburgs und auch außerhalb Deutschlands. Dies ist für viele Sponsoren sicherlich ein Grund mit dem Verein zusammenzuarbeiten. Die hohe Reichweite heißt aber auch, dass viele Menschen dem Risiko der Sportwetten ausgesetzt werden. Aktuell nehmen an dem Tippspiel über 1500 Personen teil. Über 1500 potentielle Kund*innen für Bwin. Über 1500 Personen, die dazu verleitet werden, ihre Kompetenzen im Tippen auf das Wetten mit Geld zu übertragen.
Im pädagogischen Konzepts des NLZs nimmt die Präventionsarbeit eine große Stellung ein. Unsere Nachwuchsspieler nehmen regelmäßig an Workshops teil, auch zu Glücksspiel und Wetten. Gleichzeitig macht der Verein aktiv Werbung für Glücksspiel und Sportwetten. Wie passt das zusammen? Eine Frage, die auch schon bei der “Mein Verein”-Veranstaltung zum Thema Werte aufkam. Ist der Verein nicht in der Verantwortung, nicht nur seine “eigenen” Jugendlichen, sondern auch alle anderen im Stadion vor dem Einfluss von Sportwettenanbietern zu schützen? Ein häufig aufgeführtes Argument ist, dass Sportwetten nur für Menschen über 18 Jahre erlaubt ist. Machen wir uns nichts vor, im Zweifel ist im Internet jede*r über 18.

Die Vorbildfunktion, die der Verein, besonders gegenüber Kindern und Jugendlichen hat, ist sogar in unseren Leitlinien verankert.
Darin heißt es: “Jeder Einzelne und jede Gruppe sollte sein/ihr gegenwärtiges und künftiges Handeln ständig selbstkritisch prüfen und sich seiner/ihrer Verantwortung für andere bewusst sein. Die Vorbildfunktion gerade für Kinder und Jugendliche darf nicht in den Hintergrund geraten.”
Desweiteren steht in unseren Leitlinien: „Der FC St. Pauli ist ein Stadtteilverein. Hieraus zieht er seine Identifikation und hat eine soziale sowie politische Verantwortung gegenüber dem Stadtteil und den hier lebenden Menschen.“ Wenn der Verein Menschen aktiv an das Glücksspiel heranführt und die Hemmschwelle durch das Vergeben von Gutscheinen herabsetzt, vernachlässigt er seine soziale Verantwortung.

Die Frage, die sich uns stellt: Haben sich die Verantwortlichen vorher nicht mit Sportwetten und den Gefahren auseinandergesetzt oder ignorierten sie es bewusst? Beides ist fahrlässig. Beides darf nicht passieren.

Aber wir tippen im Freundeskreis doch auch, was ist Euer Problem?

Auch wir tippen im Freundeskreis – übrigens auch über die Plattform kicktipp – seit Jahren die 2. Bundesliga. Auch wir als Blog haben schon für Wetten für Wasser (https://www.wettenfuerwasser.de) Werbung gemacht – dieses Jahr übrigens bewusst nicht.
Aus unserer Sicht gibt es da einige Faktoren, die die Situationen grundlegend unterscheiden:

  • Bei uns im Freundeskreis gibt es einen Wanderpokal, der rumgeht. Keinerlei monetären Gewinne und erst recht keinen Gutschein für ein Wettspiel bei einem Wettspielanbieter.
  • Die soziale Kontrolle ist eine gänzlich andere: Wir kennen unsere Freund*innen, die mit uns gemeinsam teilnehmen – und können zumindest einigermaßen einschätzen, ob und in welcher Form sie (glückspiel-)suchtgefährdet sind. Wie wollen bwin und der FCSP überprüfen, wer da teilnimmt und ob die Personen bereits suchtgefährdet sind?

Und im Endeffekt ist es doch wie beim Alkohol und den Tabakprodukten: Es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen dem individuellen Konsum durch einzelne Personen und der Werbung/Kooperation, die eben nicht ausschließen kann, dass auch potentiell gefährdete Menschen diese Werbung erleben.

Hinzu kommt, dass Alkohol als Sucht-/Genussmittel in der Gesellschaft akzeptiert, ja sogar tief verankert ist. Sportwetten sind dies, unserem Eindruck nach, noch nicht im gleichen Maße. Sie werden aber gerade durch die vielen Sponsorships und die viele Werbung immer weiter normalisiert. Ein Trend, bei dem der FC St. Pauli sich fragen sollte, ob er wirklich daran teilhaben will.


Hilfe für Betroffene und Angehörige:
https://www.automatisch-verloren.de/de/hilfe/beratungsstellen-und-selbsthilfegruppen-in-hamburg.html

Sep 112020
 

Wenn das Innenministerium eines Bundeslandes – und insbesondere in NRW – gemeinsam mit Fußballvereinen etwas verkündet, dann schwant uns wenig Gutes. Wir würden gerne einmal eines besseren belehrt werden, aber wieder einmal fragen wir uns nur noch: Sauft ihr?

Seit der Saison 2017/2018 gibt es bereits in Baden Württemberg eine sogenannte Stadionallianz, großspurig verkündet, aber aus Fansicht bisher mit nicht nur positiver Wirkung

Wenig überraschend, dass das dann aus einer anderen Sicht gut funktioniert und der “DFL-Direktor Fußball-Angelegenheiten & Fans” sich gewünscht hat, das Modell auf andere Bundesländer zu übertragen. Klar, dass NRW da jetzt gehorsam mitzieht. Und die Vereine machen dann auch einfach alle mit. 
Die Vereine, die sich zu den äußerst fragwürdigen Einsätzen im Kontext von Spielen gegen den FCSP nicht geäußert haben. Die Vereine, deren Fans “unangekündigt und wahllos unter massivem Einsatz von Pfefferspray, Schlagstöcken und körperlicher Gewalt” repressiert werden. 

Und während die Stadionallianz in BaWü unserer Info nach zumindest noch eine Kommunikations- und Dialogskomponente hat, ist die in dieser Vereinbarung dann nicht mehr zu finden.

Jedenfalls diese Vereine wollen nun am Montag – ausgerechnet im Deutschen Fußballmuseum – eine Kooperationsvereinbarung mit den örtlichen Polizeibehörden (vertreten durch das Land NRW) unterschreiben.

Wir gehen noch mal kurz ein paar Schritte zurück: Ist das denn die neue Demut, die großspurig verkündet wurde? Und der Dank für die Fans, die sich “sehr diszipliniert gezeigt in den vergangenen Wochen” gezeigt haben?

Auf Twitter und im Internet finden sich verschiedene Zitate, wenn man ein wenig guckt. Bei Philipp Köster, aber auch anderswo.

Best Of

“Der Informationsaustausch zwischen den Vereinen und der Polizei dient der Stärkung einer gemeinsamen Lageeinschätzung”

Wir wüssten ja zu gerne, wieso da niemand explizit auf die Fanprojekte und Fanbetreuer*innen hinweist. Denen kommt doch sogar im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (ab hier NKSS) eine besondere Rolle zu und jetzt werden sie einfach vergessen, bzw. zumindest nicht genannt? Also wir würden in diesem Dokument auch nicht genannt werden wollen, aber darum geht’s gerade nicht.

Und sowieso ist der Datenschutz ein Thema: Dass die Polizei mit anderem Zweck erhobene Daten gerne mal für eigene Zwecke nutzt, ist ja nicht erst seit gestern bekannt. Wir sehen da durchaus eine Problematik – und das ist dann auch wieder der Grund, warum wir diese ganze Speicherung von personenbezogenen Daten im Corona-Fußball-Kontext weiterhin kritisch betrachten werden.

“Die transparente Darstellung von Informationen und Maßnahmen der jeweiligen Vertragspartner in der Öffentlichkeit kann zu einer Distanzierung von Gewalttätern sowie zu Verhaltensänderungen bei gewaltbereiten Personen beitragen und bereits im Vorfeld zu einer Entspannung des Gesamtgeschehens im Zusammenhang mit der Veranstaltung führen.”

Finden wir ja stark, dass man sich bereits vorher von repressiven Beamt*innen distanzieren will. 
Aber jetzt mal im Ernst, wie soll das mit dem “im Vorhinein distanzieren” denn konkret aussehen? Dass Vereine im Vorfeld sagen, dass sie sich schon mal von den Fans distanzieren, für den Fall, dass diese was Doofes machen sollten? Und dann verhalten sich alle automatisch friedlich. Scheint komplett einleuchtend.

“Die öffentliche Distanzierung im Zusammenhang mit diffamierenden Meinungsäußerungen wie z. B. Spruchbändern, kann von den Vertragspartnern, je nach den Umständen des konkreten Falles, als erforderlich angesehen werden.”

Lesen wir ja als „Wir wollen weiterhin Menschen auf den WM-Baustellen wie Sklav*innen behandeln, aber schreibt dazu bitte nichts Gemeines auf Spruchbänder“, „Wir wollen bitte Milliardäre schützen, bevor die gemeine Sachen lesen müssen“.

Meine Güte, eure immer noch nachwirkende Betroffenheit um den Sohn eines Nazis ist so unfassbar. Während ihr euch bei Rassismus schön ausschweigt. Könnt ihr eigentlich abends in den Spiegel gucken? 
Und wie dieses „als erforderlich angesehen werden“ dann aussieht, wüssten wir auch wirklich gerne mal. Was passiert denn, wenn der eine Partner das will und der andere nicht? Dazu haben wir auch noch mal Jurist*innen befragt, unten mehr.

In einem Konzept, das zum Ziel hat “die Sicherheit im Zusammenhang mit Fußballspielen nachhaltig zu erhöhen, der Entwicklung von Gewalt entschieden entgegen zu treten und die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Akteure zu stärken” werden Spruchbänder explizit genannt und somit implizit als Sicherheitsrisiko eingestuft?

Lex Hopp, wir würden es am liebsten immer noch vergessen.

“Insbesondere die öffentliche Distanzierung der Vereine von unerwünschten Verhaltensweisen stärkt die Werteorientierung des Vereins und verhindert eine „Legitimierung“ solcher Verhaltensweisen durch Verharmlosung oder Duldung.”

Was eine Werteorientierung steigern würde, wäre, wenn ihr endlich mal eure Kooperationspartner (dazu zählen seit neuestem dann die lokalen Polizeibehörden ja auch offiziell dazu) kritisch reflektiert. Wenn ihr die Toten auf dem WM-Baustellen nicht mehr hinnehmt. Wenn ihr eure Angestellten nicht scheiße bezahlt und behandelt. Wenn ihr Tickets nicht nur an die vergebt, die vorher kein Geld zurückgefordert haben. Wenn ihr… – die Liste ist so beliebig erweiterbar.

“Eine entsprechende Positionierung kann bereits dann erfolgen, wenn eine materiell strafrechtliche relevante Schwelle noch nicht vorliegt oder die strafrechtliche Relevanz noch nicht abschließend feststeht.” 

Hahaha, was? Wir freuen uns dann auf die moralische Einordnung, was okay ist und was nicht. Durch die Polizei. Noch mal: Durch die Polizei. 
Den Tatbestand der Beleidigung gibt es im Strafgesetzbuch aus gutem Grund. Und auch wenn die Polizei gerne mal heult, ist es noch lange keine relevante Straftat.

“Entsprechende Distanzierungen von gezeigtem Fehlverhalten der Anhängerschaft können durch die Vereine gemeinsam mit der Polizei in den zur Verfügung stehenden Kommunikationskanälen crossmedial erfolgen.”

Top Idee, gebt der Polizei doch gleich eure Twitteraccounts. Die finden sich sicher noch ein paar Nazis, die retweetet werden können.

“Um präventiv Gewalt im Rahmen von Fußballspielen zu verhindern, nutzt die Polizei zusätzlich spieltagsbezogen präventiv polizeiliche Maßnahmen (Gefährderansprachen, Platzverweise, Bereichsbetretungsverbote, Meldeauf-lagen). Die Verzahnung von Stadionverboten mit präventiv polizeilichen Maßnahmen ist besonders wirksam.”

N. E. I. N. und noch mal N.E.I.N.
Sowieso diese Stadionverbote: Der Verein hat natürlich Hausrecht und kann jemanden rausschmeißen, wie er möchte und Hausverbot geben. Das Ding ist dann diese Weitergabe an alle Vereine, die man sehr kritisch sehen kann. Das BVerfG hat sich damit beschäftigen müssen und das grundsätzlich abgenickt, wollte aber ganz verkürzt ein „faires Verfahren“ als Voraussetzung sehen. Und da sehen wir ein erhebliches Problem. Wo ist denn das „faire Verfahren“, wenn du in Dresden von einer*einem Naziordner*in rausgeworfen wirst, Dresden dir Stadionverbot gibt und du nun auch beim FCSP nicht mehr rein kommst, obwohl dieser null Sachverhaltskenntnis hat und diese Kenntnis auch nicht ernsthaft erlangen kann. 

Vor Gerichten musst du dann mehr oder minder deine Unschuld beweisen, was bekanntlich nicht geht. Faires Verfahren setzt unserer Meinung nach eine unabhängige Stelle voraus, die entscheidet. Und das hast du einfach nicht. Da entscheidet ein Verein, dessen Fan du im Notfall gar nicht bist und der unter derbsten Druck von Polizei und Öffentlichkeit steht. Und ob dieser die*den Ordner*in, die*der dich raus geschmissen hat, wirklich mal auf Glaubwürdigkeit und seine Aussage auf Glaubhaftigkeit abklopft, kann mal sehr gut bezweifelt werden. Das ist nicht wirklich ein faires Verfahren. Und Dresden ist hier noch ein schlechtes Beispiel, weil die das institutionalisiert haben.

Und da sind wir noch nicht mal bei der Wirksamkeit: “Die Verzahnung von Stadionverboten mit präventiv polizeilichen Maßnahmen ist besonders wirksam.“ Das ist wirklich eine Regelung eines unklaren Sachverhaltes, den nun beide Parteien als gegeben angeben. Wir bezweifeln mal ganz stark, dass es dazu wirklich kriminologische Studien gibt. Das ist für die Polizei im Endeffekt ein Freibrief immer mit Aufenthaltsverboten etc. zu arbeiten. Im NKSS (ab Seite 33) werden da auch insgesamt durchaus andere Töne angeschlagen.

Vertrag oder Kooperationsvereinbarung?

Mal wird im Dokument von “Kooperationsvereinbarung” gesprochen, mal von “den Vertragspartnern”. Wir haben dazu mal Jurist*innen befragt und um Einschätzung gebeten:

“Grundsätzlich sind Verträge auch im Polizeirecht (Gefahrenabwehrrecht) zulässig (§ 54 Abs. Verwaltungsverfahrensgesetz/VwVfG des Bundes, bzw. gleich lautende Vorschriften der Länder) im sogenannten subordinationsrechtlichen Verhältnis (wenn du so willst, Behörde oben, Bürger unten). So, wenn der Vertrag aber grundsätzlich zulässig wäre, dann gibt es trotzdem hier Dinge, die man sehr hinterfragen kann.

Man darf nie vergessen, dass wir hier ein Über-/Unterordnungsverhältnis haben. Anders als z. B. wenn du ein Stadion mit öffentlichen Mitteln baust, dann ist das eher ein Verhältnis „auf Augenhöhe“. Daher regelt das Gesetz einige Haltepunkte. So formuliert § 59 (2) Nr. 2 VwVfG, dass ein Vertrag dann nichtig ist, wenn ein entsprechender Verwaltungsakt nicht nur aus formellen Gründen rechtswidrig wäre.
Ein Verwaltungsakt mit dem Inhalt „ihr habt euch zu distanzieren“ wäre sehr wahrscheinlich rechtswidrig. Meinungsfreiheit etc. Da ist halt die Strafbarkeit eine sehr klare und verfassungsrechtlich auch gebotene Grenze des öffentlichen Eingreifens. Man darf nicht vergessen, dass auch ein Schweigen zu einem Thema wohl Meinungsfreiheit ist. Das umfasst auch, dass man mal schweigen darf (ja, gilt auch für Männer).

Die Norm setzt dann noch voraus, dass die abschließenden Parteien wissen, dass ein entsprechender Verwaltungsakt nichtig wäre. Klar, die werden sagen, dass sie natürlich nichts gewusst haben und dies auch der/die linientreuste Jurist*in im Innenministerium geprüft hat. Aber ob das ein Verwaltungsgericht mitmacht? 

Was die deswegen versuchen, ist, das wachsweich zu formulieren. Da steht ja nicht „ihr habt euch zu distanzieren“, sondern es wird darauf aufmerksam gemacht, dass es vielleicht notwendig wäre und man sich crossmedial abstimmen würde. Der*die linientreue Jurist*in war sich also der Gefahr bewusst. Im Endeffekt verpflichtet diese Norm zu nichts. Das wissen die alle, die wissen aber auch, welchen Druck das politisch aufbaut.

Und so geht es weiter. Obwohl das Ganze Vertrag genannt wird, ist da keine einzige wirklich verpflichtende Norm drin. Das ist eher eine Absichtserklärung, nett zusammen zu arbeiten. Was schon scheiße genug ist. Und wenn mal was konkret geregelt werden müsste, dann sagt das Ganze: „Ja, das machen die Kreispolizeibehörden vor Ort.“ Die einzige Idee hinter diesem Vertrag ist, dass du ihn im Konfliktfall politisch rausziehst und sagst: „Ihr habt das unterschrieben und ihr haltet euch nicht dran, also muss ich nun schärfere Maßnahmen ergreifen.“ Alleine deswegen würde ich das als Verein nicht unterschreiben. Schärfere Maßnahmen ist dann natürlich das Bremen-Konzept, sprich Beteiligung an Kosten. ”

Und wer kommt wieder nicht zu Wort?

Wie sehr kannst du eigentlich auf alle vereinbarten Spielregeln scheißen, wenn den Unterzeichnenden und dem Papier zu Folge die Fanbeauftragen und Fanprojekte nicht involviert waren? Ihr sprecht über Sicherheit und Fans und nehmt die Betroffenen und die Mittler*innen nicht mit rein? Cool, dann machen wir ganz bald Verträge mit Spielern und Sponsoren, aber ohne Euch.

PS: Fußball-Club St. Pauli von 1910 e.V.: Don’t Even think about it.

Aug 072020
 

[Ergänzung, 14. August: Wir hatten in diesem Beitrag ursprünglich geschrieben, dass Oke in der DFL-Versammlung für das Aussetzen der Stehplätze gestimmt hat, da wir aufgrund der Medienmitteilungen davon ausgegangen waren. Wie er uns selbst informiert hat, hat er jedoch bei diesem Punkt dagegen gestimmt und sich dafür eingesetzt, dass Stehplätze zugelassen werden. Wir ändern den Text unten nicht, lest unseren Absatz dazu jedoch bitte mit dem entsprechenden Wissen.]

Wir hatten in diesem Blog bisher viel Verständnis für die Weiterführung der letzten Saison, für die Sicherheitsmaßnahmen, für die Spiele ohne Zuschauer*innen gezeigt. 13 von 36 Vereinen waren in ihrer Existenz bedroht, die Politik machte indirekten Druck weiterzuspielen, und durch die hohe Abhängigkeit von den Medienpartnern gab es nur wenige Auswege.

Damals und seitdem wird immer wieder betont, wie vorbildlich sich die Fans verhalten hätten, wie schade es sei, dass sie nicht ins Stadion könnten und wie sie ein essenzieller Teil des Fußballs seien. Naja, mit einigen wenigen Ausnahme. Aber Uli ist ja nun nicht der einzige verwirrte alte Mann.

Nun gab es Mittwoch eine Reihe von DFL-Beschlüssen, die die Rahmenbedingungen für die ersten Spiele der neuen Saison geschaffen haben. Wir wollen das gerne noch mal etwas neuer betrachten. Vor allem die Beschlüsse allgemein. Aber auch den FCSP betrachten wir.

Die Beschlüsse der DFL

Ausschluss von Gästefans

Es ist schön, dass in dem Absatz, in dem Gästefans ausgeschlossen werden, erst mal mit einem expliziten Bekenntnis zu Gästefans gestartet wird. Davon haben wir aber alle nichts, wenn dann im nächsten Schritt pauschal entschieden wird, dass Gästefans bis Ende des Jahres nicht zugelassen werden. Begründet wird dies mit Verringerung der Reisetätigkeit.
Die DFL macht es sich hier verdammt einfach.

  • Was ist mit Gästefans, die am Spielort der Heimmannschaft wohnen? Die müssten nicht reisen, da ist das Argument hinfällig.
  • Was ist mit Fans der Heimmannschaft, die am anderen Ende Deutschlands wohnen und die zu den Spielen ihrer Mannschaft anreisen?
  • Was ist mit Derbys? Die ja nun mehrfach auch in einem sehr engen Einzugsgebiet stattfinden (Dortmund-Schalke, Union-Hertha, FCSP-H$V). Spätestens da ist das Argument doch ad absurdum geführt.
  • Warum nimmt man als DFL nicht noch Verhandlungsmasse mit in die Gespräche mit den Behörden, statt mit vorauseilendem Gehorsam zu agieren? Die Behörden, die nebenbei das Reeperbahnfestival 2020 in Hamburg immer noch durchführen lassen wollen.
  • Und bei den insgesamten Zulassungszahlen in die Stadien sprechen wir hier dann von einer fünfstelligen Anzahl von Reisenden. Die Junggesellenabschiede aufm Kiez freuen sich, dass immerhin die Bahnen bei der Anfahrt leer sind.

Klar ist Minimierung des Infektionsrisikos nach wie vor oberste Priorität. Und wie bei vielen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ist offenbar der Hintergedanke, es lieber unterkomplex zu formulieren, um es einfacher durchfühen und vermitteln zu können, als maßgeschneiderte, möglicherweise zu komplexe Lösungen zu finden. Aber aus unserer Sicht hätte es da durchaus sinnvolle Kompromissvorschläge gegeben, die das Bekenntnis zu Gästefans über den Status des Lippenbekenntnisses hinaus gingen ließe. 

Wieso führt man nicht eine Umkreis-Regelung ein? Gästefans, die im Umkreis von x Kilometern um das Stadion leben, dürfen Tickets für den Gästeblock erwerben. Warum traut man den Fußballfans, die man sonst gerne für ihr tolles Verhalten lobt, nicht einfach mal zu, verantwortungsvoll zu handeln? Warum fängt man nicht mit sehr kleinen Kontingenten an? Von uns aus mit 1-2 (symbolischen) Prozent. Die aber eben genau das Bekenntnis dann auch in die Realität umwandeln. Und die in der pandemischen Gesamtlage aus unserer Sicht sehr gut vertretbar wären. Wenn man denn sowieso vor Zuschauer*innen spielen will.

Ausschluss von Stehplätzen

Mindestens bis zum 31.10.2020 sollen ebenfalls alle Stehplätze nicht besetzt werden. Das macht für zwei Vereine besonders viel Probleme: Den FC Union, der ja vor Wochen mit dem Vollauslastungsthema vorgeprescht war und seitdem wenig zu dem Thema verlauten ließ, und den FC St. Pauli. 
Konsequenterweise hat der FCU-Präsident gestern dann entsprechend auch gegen diesen Beschluss gestimmt. Oke, als Vertreter des FCSP, hat nach „teilweise kontroversen Auseinandersetzungen“ für diesen Antrag gestimmt.

Jetzt mal ehrlich: Die DFL beschließt mit einfacher Mehrheit bei solchen Themen. Oder anders gesagt: Eine zweite Nein-Stimme hätte den Gesamtbeschluss nicht ins Wanken gebracht, sondern wäre ein Signal gewesen, dass nicht alles einfach so angenommen wird. So hat das ganz ehrlich einen Beigeschmack von Menschen, die sich ihre eigenen Henker*innen aussuchen.

Klar hat Oke als FCSP-Vertreter und als Mitglied des DFL-Präsidiums da eine Sonderrolle, wenn er als Teil dieses DFL-Präsidiums diesen Vorschlag einbringt. Aber er sitzt da aus unserer Sicht immer noch primär für den FCSP und vertritt unsere Interessen – die mit diesem Beschluss aus unserer Sicht eben nicht bestmöglich vertreten sind.
So hätte es auch hier insgesamt – statt der pauschalen Ablehnung – wieder Modelle geben können, in denen man ganz klein anfängt und die Zahl schrittweise erhöht. Es gibt noch Testspiele, in denen man solche Abläufe in kleinem Rahmen hätte testen können. 

Für uns hat diese pauschale Ablehnung ganz schön viele Elemente von generellem Misstrauen gegenüber den aktiven Fanszenen. Und gerade die haben das in den letzten Monaten wirklich nicht verdient, mit einen wenigen Ausnahmen. Aber von einem pauschalen Spielerfrauenausschluss haben wir nach den Geschehnissen in der Relegation in Heidenheim bisher noch nichts gehört. Waren die doch ein größeres Gesundheitsrisiko als die aktiven Fanszenen.

Auch hier wieder (Lippen-)Bekenntnisse zu Stehplätzen. Und selbst wenn man nicht glaubt, dass dies nur Lippenbekenntnisse sind, dann fangt da doch in kleinem Rahmen an und erweitert dann. Aber schließt es eben nicht pauschal aus.

Es ist im übrigen auch klar, dass dies einzelne Vereine finanziell deutlich härter trifft als andere. In einer echten Solidargemeinschaft würde man da finanzielle Modelle finden, die diese übermäßigen Verluste einzelner ausgleichen. Die sind ja nicht selbstverschuldet, sondern in der pandemischen Lage – und eben auch im Beschluss einer Solidargemeinschaft begründet.
Ja, wir träumen vielleicht ein wenig. Aber wenn ein anderer Fußball möglich sein soll, dann muss man auch solche Gedanken mal in die Debatte einbringen.

Alkoholverbot

Es ist im Fußballkontext nichts Neues, das zur Verminderung von vermeintlichen Sicherheitsrisiken im Stadion der Ausschank von Alkohol verboten wird. Es ist unbestreitbar, dass (ausschweifender) Alkoholkonsum in gewissen Situationen und bei einigen Personen zu erhöhter Aggressivität führt. Wir trinken manchmal gar nichts vor und während Spielen (Dresden, Derbys, Fahrer*innen), haben aber auch nichts gegen 1-2 Biere. Wir wissen, dass es gerade für ehemals Alkoholabhängige auch nicht immer einfach ist, wenn um sie rum viel getrunken wird. Und das Thema Alkoholwerbung und Formen des Ausschanks wurde ja nun auf der letzten MV auch kontrovers diskutiert.

Und mit all diesem vorweg fragen wir uns auch hier: Warum schließt man das pauschal aus? Glaubt ihr wirklich, dass die Heimfans in Sandhausen dann megamäßig nach dem ersten Bier eskalieren? 
Und klar gibt’s in Hamburg zum Beispiel die Regelung mit den Großveranstaltungen, die mit mehr Menschen durchgeführt werden dürfen, wenn man keinen Alkohol ausschenkt. Aber damit wären wir wieder bei dem Thema der Verhandlungsmasse. 
Und klar kommt schon der erste Hardliner, der das für immer fordert. Komplett überraschend natürlich. „Ehemaliger Kunstturner“ ist da echt nur noch die Kirsche auf der Torte. No shame, beim Kunstturnen kann er gerne seine Limo trinken.

Und das ist dann halt wieder das Problem: Auch wenn die DFL hier gerade immer betont, dies seien temporäre Maßnahmen, freut sich doch jede*r Hardliner*in weltweit, dass sie jetzt endlich die perfekten Präzedenzfälle haben, ihren Forderungen noch mehr Gehör zu verschaffen. Und das schaffst du durch Lippenbekenntnisse halt nicht aus der Welt.

Wir gehen mal davon aus, dass wir bei den Spielen eher weniger Pyro und eher weniger Banner, die Milliardäre beleidigen, sehen werden. Wir freuen uns jetzt schon auf die tollen Debattenbeiträge, die diese Sicherheitsmaßnahmen dann auch schön genau damit begründen. 

Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten

„Die Proficlubs verpflichten sich, bei ihren Spielen sicherzustellen, dass im Fall von Infektionen die Identität und Kontaktdaten möglicher und eventuell betroffener Stadionbesucher ermittelt werden können“, steht in der Veröffentlichung so schön. Das ist immerhin noch auslegbar geschrieben, sodass diese Kontaktdaten „ermittelt“ werden können. Namentliche Registrierung aller Stadionbesucher*innen ist ja seit langem eine Kernforderung der Hardliner*innen. Während man dies zumindest in dem Beschluss nicht verpflichtend macht.
Aus unserer Sicht aber auch absolut richtig, da grundsätzlich Lösungen zu haben. Infektionsketten müssen nachvollziehbar sein. Und die Polizei darf dann gerne aufhören, diese Daten für eigene Zwecke zu missbrauchen.

Der Zeithorizont

Glaubt hier eigentlich irgendjemand ernsthaft, dass Gästefans dann ab dem 31.12.2020 wieder zugelassen werden? Dass ab dem 31.10. wieder Stehplätze geöffnet werden und Alkohol ausgeschenkt wird?

Stand jetzt sehen wir keine signifikante Entwicklung in der gesamten pandemischen Lage rund um das Coronavirus, die dies realistisch macht. Und wahrscheinlich wissen das auch die Entscheider (sind ja keine Frauen dabei, müssen wir nicht gendern) bei der DFL ganz genau. Salamitaktik nennt man das. Oder Hinhaltetaktik. Oder Verarschen. Schön, wie die Fans immer so schon gelobt werden, wie toll und vorbildlich sie das alles mitmachen, wenn man dann im nächsten Schritt wieder nicht ehrlich zu ihnen ist. Dann sagt doch lieber klar, dass ihr unbedingt Fußball spielen wollt, dass das eben nicht mit Fans geht und dass das so priorisiert wird. Stattdessen immer wieder schön geartetete Erklärungen, wie toll Fans seien. Um dann aber nicht ehrlich und offen mit der gesamten Lage umzugehen. Da nehmen wir dann auch Oke nicht aus: 

Wir wissen sehr genau, wie schwer dies auch vor unserem Verständnis von einem begeisternden Stadionerlebnis wiegt, weswegen für den FC St. Pauli die zeitliche Begrenzung der Maßnahmen bis zum 31. Oktober beziehungsweise bis zum 31. Dezember von großer Bedeutung ist, um auch dem Eindruck zu widersprechen, dass es sich um die schleichende Einführung dieser Maßnahmen für einen längerfristigen Zeitraum handelt.

Zitat von der Vereinshomepage

Denn auch er muss doch wissen, dass das eben zu den genannten Zeiträumen im Kontext der gesamten pandemischen Lage nicht zu Ende sein wird. Und dass dann plötzlich auf unsere obigen Vorschläge gehört wird, möchten wir zumindest mal sehr stark bezweifeln. Gut, dass es den grundlegenden Widerspruch zur schleichenden Einführung gibt. Uns ist das aber echt nicht genug.

Vorauseilender Gehorsam

Die ganzen Beschlüsse der DFL sind unter der Prämisse beschlossen, dass für die jeweils lokale Durchführung dann die Behörden vor Ort verantwortlich sind. Quasi als eine Art gemeinsamer Pakt, mit dem man jetzt verhandeln will. Und wir sind zwiegespalten, ob und wie klug wir dieses Mitziehen des FCSP finden: 

Einerseits verhindert man so natürlich Vorpreschen wir das bei Brause Leipzig, sondern legt zumindest einige gemeinsame Leitplanken fest. Andererseits lassen die Leitplanken dir dann vor Ort aber quasi keinen Spielraum mehr, und kommen eher den Hardliner*innen und denen, die aktive Fanszenen lieber gestern als heute gänzlich ausschließen würde, zugute. Da möchten wir doch mal anzweifeln, ob wir dieses Spiel wirklich von vorne bis hinten mitspielen müssen. Klar ist, dass wir als Verein eine DFL-Entscheidung mittragen müssen, wenn wir in diesem Verbund spielen wollen. Klar ist aber auch, dass unsere Gegenstimme mehr Pluralität in den Diskurs gebracht hätte. Das hätte dem Diskurs aus unserer Sicht gut getan. Und es hätte uns als FCSP gut zu Gesicht gestanden.

Ist es das alles wert?

Klar ist, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten nicht mit einem auch nur annähernd normalen Stadionerlebnis rechnen können. Es herrscht eine pandemische Lage, die wir in Deutschland – stand jetzt – einigermaßen unter Kontrolle haben. Aber die Lage ist höchst fragil und wurde gestern vom Präsidenten des Weltärztebundes als Dauerwelle bezeichnet. 

In Hamburg sind deshalb Großveranstaltungen (ohne Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten) mit mehr als 1000 Menschen noch bis zum 31.10.2020 verboten. In NRW können sogar Veranstaltungen mit über 100 Menschen nur unter starken Auflagen durchgeführt werden. In Bayern sind Großveranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 400 Menschen möglich.
Die allermeisten Fußballstadien umfassen auch bei einer Teilauslastung eine deutlich größere Zahl von Menschen als die oben genannten Beispiele. Ausnahmen bestätigen die Regel. Gruß nach Wolfsburg.

Bereits bei Wiederanpfiff der Liga waren wir durchaus kritisch, auch ob der Sonderposition, die der Fußball für sich beanspruchte. In unserem (Nicht-Fußball-)Umfeld war die Kritik schon im Mai sehr laut. Kitas waren noch zu, Fußball sollte unbedingt wieder gespielt werden. Verständnis war da wenig zu sehen. Und dafür haben wir viel Verständnis.
Haben die Spiele kurz nach Wiederanpfiff noch hohe Zahlen von Zuschauer*innen vor die Bildschirme geholt, so ist diese Zahl kontinuierlich gesunken. Klar kann man das mit der unspannenden Meisterschaft begründen. Nachdem wir jetzt aber immer mal wieder Fußballspiele auch außerhalb der Bundesliga geschaut haben, können wir nur feststellen, dass einfach jegliche Emotion fehlt. 
Und damit kommt auch jeglicher Spaß abhanden, wenn keine Fans in den Stadien sind. Und machen wir uns nichts vor: Die Stimmung wird auch mit einigen Tausend im Stadion sitzenden Menschen nicht besser.

Immer wieder hören wir, dass die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs betont wird. Aber ist es wirklich das Verantwortlichste, einfach immer weiter zu spielen? Oder eben einfach mal den Pauseknopf zu drücken, bis das alles wieder „normal“ losgehen kann? Wenn wir uns das Weltgeschehen und die Einschränkungen allerorten so ansehen, kommt uns Fußball manchmal immer noch wahnsinnig trivial, ja fast überflüssig vor.

Aber da liegt das Problem dann auch ein bisschen im System. Das Präsidium des FCSP haftet – eben auch mit dem Privatvermögen – dafür, dass es im (finanziell) besten Sinne des Vereins agiert. Und der Betrachtungszeitraum für juristische Entlastungen ist da dann eben immer ein Jahr, nicht die langfristigen Auswirkungen einer möglichen Entscheidung pro oder contra weiterspielen. Und kurzfristig ist weiterspielen in diesem Kontext die “sicherere” Entscheidung.

Aber wäre es als FCSP nicht genau unsere Rolle, das Spiel eben mal nicht mehr mitzuspielen? Stattdessen „Halt stopp“ zu sagen? „Halt stopp. Macht es unter diesen Rahmenbedingungen wirklich Sinn, zu spielen?“ „Halt stopp. Sind Spiele ohne Gästefans und ohne Stehplätze es wirklich wert?“ „Halt stopp. Wir bedanken uns immer fleißig bei den Fans. Aber beziehen wir wirklich ihre Interessen und Belange ein?“

Wir sind uns da zumindest nicht sicher. 

Aug 072020
 

Menschen machen Fehler. Jeden Tag. Das ist so, und mal mehr und mal weniger ein Problem. 

Wenn wir hier im Blog einen Fehler machen und zum Beispiel ein Wort falsch schreiben, dann ist das nicht schlimm und die Konsequenzen des ganzen sind quasi nicht existent. 

Wenn eine Pilotin einen Fehler macht und deswegen ein Flugzeug abstürzt, dann ist das deutlich problematischer. Aber auch bei der Pilotin kann man nicht 100-prozentig ausschließen, dass sie Fehler macht. Und deswegen gibt es Sicherungssysteme, die menschliche Fehler minimieren sollen. Ein vielgenutztes Modell hierfür ist das Schweizer-Käse-Modell. Ja, das heißt wirklich so. 
Die Löcher im Käse sind mögliche Lücken in Sicherungssystemen, die bei Durchbrechen zu schwerwiegenden Fehlern führen können. Durch das Hintereinanderschalten von vielen Käsescheiben (sprich Kontrollsystemen zur Fehlerminimierung) können bewusste und unbewusste Fehler zwar nach wie vor passieren. Dann aber eben nicht zu schlimmen Folgen führen, sondern diese durch die Kontrollsysteme verhindert werden, bevor sie Schaden anrichten.

Eine Art dieses Kontrollsystems hier im Kollektiv ist, dass Artikel vor der Publikation immer von mehreren gelesen werden. Weil es einfach die Wahrscheinlichkeit von Rechtschreibfehlern verringert. Im Flugzeugkontext oder auch in der Medizin gibt es viele Trainings, die Fehlerentstehung insgesamt minimieren sollen. Und dann eben die genannten Kontrollsysteme, die verhindern sollen, dass Fehler schwerwiegende Folgen mit sich bringen: Checklisten, um sicherzugehen, dass vorm Start alles korrekt überprüft wurde, Messinstrumente, die unnatürliche Veränderungen (beispielsweise Druckabfall oder Höhenverlust) sofort an die Pilotin melden. Und vieles weiteres.

Das Ausmaß der Folgen eines Fehlers durch Veröffentlichung einer doofen neuen Kollektion beim FCSP befindet sich zwischen Rechtschreibfehler und Flugzeugabsturz. Deutlich näher dran am Rechtschreibfehler.

Was ist an der Kollektion problematisch?

Auch in den vergangenen Jahren waren wir nicht immer nur glücklich mit den Kollektionen beim FCSP. Und wir haben unter Braun-weiße Rosablau-Falle und Marketing & Vertrieb: Ein Boysclub auch schon über die jeweiligen Probleme gebloggt. 

Nun also eine neue Kollektion, betitelt mit „Business“. Nicht unser Ding, die Kollektion an sich. Aber wir müssen ja auch nicht alles kaufen. Bzw. kaufen unsere Sachen sowieso größtenteils im Fanladen. In unserem Umfeld gab es alle Meinungen zwischen „als ob das jemand zum wirklichen Business-Termin anziehen würde“ und „ich wollte immer schon mal einen schickeren Pulli mit Totenkopf“.  Wir haben dem Verein einige Nachfragen geschickt, die dankenswerterweise beantwortet wurden und die wir hier mit Genehmigung auszugweise veröffentlichen: 

Grundsätzlich sei angemerkt, dass eine Kollektion in dieser Art derart oft angefragt wurde, dass wir der hohen Nachfrage nachgekommen sind – wobei schwerpunktmäßig Frauen bei der Entwicklung beteiligt waren.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Es scheint also Bedarf gegeben haben.

Wir fragen uns ja trotzdem, ob wir als Sportverein wirklich so viel Merch rausbringen müssen, der nun wirklich nichts mehr mit dem originären Thema an sich zu tun hat. Und ob wir überhaupt auf Bitten in diesem Umfeld reagieren sollten. Klar, die Menschen, die bei uns den Merch verantworten, denken da eher im wirtschaftlichen Sinn und wollen möglichst viel verkaufen. Und das macht man, wenn man Kund*inneninteressen trifft.

Aber passt das auch zu uns als Verein?

Mit dem Totenkopf transportieren Leute, dass sie hinter den Werten des FCSP stehen, und wir tragen unsere wichtigen Positionen so in die Welt. Aber spätestens wenn rechte Rapper wie Chris Ares auf Fotos bei solchen Facebookposts den Totenkopf tragen, kannste dir halt alles sparen. Und ja, uns ist klar, dass das niemand im Verein toll findet und etwas dafür kann. Aber es passiert halt trotzdem. Und umso mehr, umso mehr Produkte wir in die Welt ballern.

Aber das ist ja auch nicht das eigentliche Problem. Sondern dass die Kollektion, die wohl unisex ist, nur mit männlichen Models geshootet wurde:

Die Kritik an der Businesskollektion ist absolut berechtigt. Die Bezeichnung der Kollektion ist natürlich unangemessen, denn die Tatsache, eine Businesskollektion nur mit Männerartikeln anzubieten, schließt Frauen* aus dieser „Businesswelt“ aus. Da müssen wir uns hinterfragen, warum unsere Korrekturprozesse bei der Benennung nicht funktioniert haben. […] Die Kollektion haben wir umgehend von der Seite genommen und wir werden zeitnah Fotos von den Artikeln, die unisex getragen werden können, mit Frauen nachproduzieren lassen.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Frauen verdienen in Deutschland 21 Prozent weniger als Männer, der Frauenanteil bei DAX-Vorständen ist 14.7 Prozent, die Rente bei Frauen über 65 ist um 46 Prozent niedriger als die von Männern. Und genau diese Realität wurde mit der ersten Darstellung der Kollektion verfestigt. Und das passt einfach nicht zu diesem Verein, wie wir ihn leben und lieben. Der die „Förderung von Frauen in den Gremien“ bei der letzten Mitgliederversammlung beschlossen hat.

Gut und wichtig, dass die ersten Hinweise, dann immerhin zu sofortiger Reaktion geführt haben. Vor zwei Jahren war das noch anders. Aber solche Sachen dürfen gar nicht erst passieren.

Zurück zu den Käsescheiben

Oben schreiben die Verantwortlichen:

Da müssen wir uns hinterfragen, warum unsere Korrekturprozesse bei der Benennung nicht funktioniert haben.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Und genau das ist das Thema. Ein Fehler kann passieren, das ist menschlich. Aber man muss eben Sicherungssysteme einbauen, die den dann noch finden, bevor er öffentlich wird. 

Es gab in der Vergangenheit Beschwerden zu falsch geschnittenen Frauenkollektionen, kleinen Größen, Farbgebungen und Mackersprüchen auf Shirts. Und hinter all diesen Themen steht, dass die Kollektionen häufig noch in binären, sexistischen Denkmustern entstehen. Und dieses Problem wurde in den Korrekturprozessen oben anscheinend immer noch nicht genug berücksichtigt, sodass diese Art von Fehler wieder passieren konnte. Es wäre gut und sehr wichtig, wenn dieses Thema umfassend verstanden und angegangen wird. 

Wir sind jetzt mal hoffnungslose Optimist*innen und hoffen auf schnellen Einbau dieser Sicherungssysteme. So wurde ja auch auf anderes Feedback gehört und beispielsweise anderes an den Kollektionen nach dem Feedback angepasst:

Demzufolge sehen wir zukünftig von engen, super taillierten Schnitten ab. Zudem nehmen wir für die Saison 2021 die Größe XXL für Frauen ins Sortiment auf. Eine entsprechende Planung für das kommende Jahr ist bereits abgeschlossen, die Vororder startet Mitte August.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Wir haben jedenfalls auch überhaupt keine Lust, uns regelmäßig über die Kollektionen zu ärgern. Aber es passieren halt doch immer wieder Dinge, auf die wir aufmerksam machen müssen.

Jul 212020
 

Letzte Woche wurden durch DFL und DFB ein Konzept vorgelegt, wie unter Corona-Bedingungen eine Teilzulassung von Zuschauer*innen ermöglicht werden kann. Und während wir einzelne Themen auf Twitter schon (teilweise eher hitzig) diskutierten, ist jetzt noch mal der Zeitpunkt für uns gekommen, das ganze zu betrachten. 

Infektionsschutz ist am allerwichtigsten

Wir hoffen und denken, dass alle Beteiligten sich hier einig sind. Eine Risikominimierung ist am allerwichtigsten. Wir haben Corona – Stand jetzt – einigermaßen unter Kontrolle in Deutschland. Und das muss unbedingt so bleiben. Wir sprechen durchaus regelmäßig mit Menschen, die im nicht-europäischen Ausland in Hot Spots leben. Und wir alle wollen darauf verzichten, sowas zu erleben.
Niemand von uns will, dass weitere Infektionsherde sich irgendwann auf den Fußball zurückführen lassen. Infektionsschutz ist oberstes Gebot. Und unter diesen Rahmenbedingungen betrachten wir auch alle weiteren Aspekte.

Wie viele Zuschauer*innen sind ok?

Wir fangen gleich mit der schwierigsten Frage an und ja, die Frage ist bewusst so formuliert. Als FCSP haben wie eine Sondersituation, weil unseres Wissens nach in der letzten Saison 17 von 18 Wettbewerbsheimspielen (im Heimbereich) ausverkauft waren. Wir haben nicht das Problem vieler anderer Erst- und Zweitligisten, die diesen Zustand nur bei vermeintlichen Spitzenspielen hinbekommen und sonst auch mal eher mit komplett leeren Tribünen aufwarten. 
Zudem sind bereits mehr als die Hälfte der maximal möglichen Plätze (ca. 15.500 von 29.546) Tickets verkauft. In anderen Worten: Selbst wenn wir ein reines Sitzplatzstadion hätten, könnten nicht alle Menschen, die ein Ticket gekauft hätten, rein. Maik hat im MillernTon berechnet, dass ca 8.400 Zuschauer*innen ins Stadion könnten, wenn man die Maximalbedingungen des Konzeptes zu Grund legt. Überschlagen heißt das, dass etwa die Hälfte der Menschen, die jetzt bereits ein Ticket haben, bei Maximalauslastung ins Stadion könn(t)en. Und da ist noch niemand mit „normalerweise Saisonabo“ eingeplant. Das viele Menschen auch in unserem Umfeld nutzen, weil sie eben nicht seit x Jahren auf der Dauerkartenwarteliste stehen.
Uns ist klar, dass es auch sonst immer eine No-Show-Rate gibt. Und dass auch wir unter unseren Fans Risikogruppen haben, die den Weg in größere Menschengruppen eher scheuen werden, so lange kein wirklich wirksamer Schutz gefunden ist. Aber wir wollen zumindest mal anzweifeln ob das 7.000 Menschen sind.

Und dabei ist dann auch ein Teilaspekt: Wir kennen Menschen, die sonst immer beim FCSP sind und unter diesen Bedingungen es aus gesundheitlichen Gründen einfach nicht machen können werden. Diese Menschen kommen in der Diskussion um eine Teilzulassung auch gefühlt leider gar nicht vor.

Alle oder kein*r

Es gibt Stimmen, die „alle oder keine*r“ sagen. Und wir können das emotional komplett nachvollziehen. Es wird kein Fußballerlebnis, wie wir das wollen. Vieles wurde bisher der Maxime „unbedingt weiterspielen“ untergeordnet. Die Fans in den Stadien, die Wochenende für Wochenende Fußball zu einem runden Ding machen, sind bisher komplett außenvorgelassen worden – wenn man von ein paar salbungsvollen Worten in deren Richtung absieht. Thema wurden sie erst, als sie dann an den letzten Spieltagen teilweise vor die Stadien kamen, sei es in Bielefeld, Stuttgart, Dresden oder Heidenheim. Nachdem die Vereine das stark befeuert hatten und es zuvor komplett ruhig geblieben war. Dies aber sowieso nur als Nebenbemerkung.

Und auch jetzt erscheinen sie eher als Beiwerk, um die Show auf jeden Fall weiterspielen zu lassen. Wir wissen um die wirtschaftlichen Zwänge. Aber die hätte man mit früherer und besserer finanzielle Vorbereitung auf gemeinschaftlicher Ebene auch deutlich besser abfedern können. Was nicht passiert ist. Und in Zukunft unbedingt passieren muss. 

Nun sind wir aber in dieser Lage, die nach wie vor für viele Vereine in erster und zweiter Liga existenzbedrohend ist. Und vor allem, bzw. eher für die e.V.-Vereine und nicht die Glitzerprodukte aus Wolfsburg, Leverkusen oder Leipzig. Die dann im Fall von VW mal eben und schön Kurzarbeit einführen (Geld der Sozialgemeinschaft), um im nächsten Schritt dann potentiell dem VfL wieder schön Geld reinzuspritzen. Kapitalismus, so geil, ne? Zu RedBull schreiben wir nichts, der Hausjurist liest solche Texte nicht und wir wissen nur, dass das wahrscheinlich justitiabel wäre.

Auf jeden Fall befinden wir uns jetzt in der Lage, dass gespielt werden „muss“, um die wirtschaftliche Insolvenz zahlreicher Vereine zu verhindern.
Wir persönlich haben eher keine Lust auf Spiele mit halbleeren Stadien, Sicherheitsabstand und ohne organisierten Support. Und diese Aussage ist eine maximale Untertreibung. Zum Fußball gehört für uns die Enge auf den Stehplätzen, der Support, das Gemeinschaftserlebnis. Das sich unter Corona-Bedingungen nur schwer einstellen wird. Und auch das ist maximale Untertreibung.

ABER: In unserem 2009 erarbeiteten Leitbild des FCSP steht auch: 
„Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Fans. Jeder kann sein Fansein nach eigenem Gutdünken ausleben, solange dies nicht gegen o.g. Bestimmungen verstößt.“

Und das heißt auch, dass wir – nur weil Du und ich darauf eher geringen Bock haben – anderen nicht das Recht absprechen sollten, das Spiel so zu erleben, wie sie das wollen. Und wenn Leute auf Fußball im Stadion unter diesen Rahmenbedingungen Lust haben, steht es uns nicht zu, ihnen das nicht möglich zu machen, wenn es grundsätzlich möglich ist.
Zumal: Wir sind uns auch nicht sicher, was wir machen, wenn denn irgendwann die Frage kommt, ob wir ins Stadion wollen, oder ob wir unseren Anspruch nicht geltend machen wollen. 
Wir sind jedenfalls froh, dass bei uns bisher noch keine Debatte, um Stadionblockierung aufgekommen ist – und können unter diesen Bedingungen auch wirklich drauf verzichten.

Aufpassen!

In der der Debatte um die Rahmenbedingungen kommen viele Themen auf, die wir – aus gutem Grund – bisher pauschal für den FCSP ausgeschlossen haben: Personalisierung von Tickets (zur Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten), zusätzliche technische Geräte bei den Eingangskontrolle (zur Identifikation potentiell Infizierter) seien jetzt nur 2 Stichworte.

Wir hoffen, dass in all diesen Themenbereichen genau abgewägt wird zwischen dem nötigen Infektionsschutz und der Normalisierung von Sicherheitsmaßnahmen, die dann ganz unauffällig Einzug halten und nach Corona auch nicht mehr weggehen.

Nicht ohne Gästefans

In den letzten Tagen entwickelten sich mehrere Diskussionen auf Twitter zur Frage der Gästefans. Und der Brauseverein, der sowieso für genau das Gegenteil von Fußballkultur steht, hat dann auch schön fleißig schon mal ein Konzept vorgelegt, in dem Gästefans bewusst ausgeschlossen werden, die haben sich auch noch nicht mal die Mühe gemacht, da irgendwie eine halbwegs vertretbare Begründung zu erfinden. So erwartbar wie scheiße.

Wir haben da eine klare Haltung: 
So lange es infektionstechnisch vertretbar ist, sind Gästefans genauso elementarer Teil des Fußballs wie Heimfans.

Im Konzept (Seite 20) steht dazu:
„Sofern für den Umgang mit den statuarisch geregelten Kontingenten für Gästefans keine bundesweiten Verfügungslagen oder Vorgaben gelten, sind – vorbehaltlich etwaiger ligaweiter einheitlicher Festlegungen durch die Clubs auf einer Mitgliederversammlung/Ligaversammlung – Heim- und Gastclub angehalten, sich unter Maßgabe des jeweiligen örtlichen Stadionkonzeptes und der damit verbundenen Einhaltung aller Schutz- und Hygienemaßnahmen hierzu miteinander abzustimmen.“

Auch hier erinnern wir noch mal an unser Leitbild:
„Der FC St. Pauli wird weiterhin ein guter Gastgeber sein. Er gesteht seinen Gästen weitgehende Rechte zu, erwartet aber auch, dass dies entsprechend gewürdigt wird.“

Wir stellen dazu fest:
Gästefans pauschal auszuschließen ist scheiße. Wenn gewisse Landkreise unter Quarantäne gestellt werden, dann dürfen die Menschen, diesen Landkreis nicht verlassen. Das hat aber mit Fußball nix zu tun. 

Es gibt mehr als genug Fußballfans, die nicht am Standort ihres Vereins wohnen und regelmäßig zu den Spielen pendeln. Auch unter uns befinden sich Leute, die lange nicht in Hamburg gewohnt haben. Die Anreise ist natürlich ein gewisser Risikofaktor, den man berücksichtigen muss. 

Aber: Wir dürfen in Deutschland Zug fahren (unter Sicherheitsbestimmungen, wie Maskenschutz, auf den aber diverse Menschen auf der letzten Fahrt auch geschissen haben), es gibt Autos, organisierte Busreisen sind wieder möglich. Warum ist das für „normale“ Menschen ok, für Fußballfans aber nicht?

Wir überspitzen: Der mit dem Zug anreisende Junggesell*innenabschied auf der Großen Freiheit ist ok, Fußballfans aber nicht? Und nein: Wir wollen auch keine Fans, die sich so verhalten. Aber guckt mal, auf wessen Seite ihr dann argumentiert, wenn ihr sowas Fußballfans pauschal zuschreibt.

Gilt für die Heimfans, die weiter weg wohnen dann auch, dass sie nicht kommen dürfen? Und klar wird das auch eher keine Anreise „wie sonst immer“ sein. Aber pauschal verbieten muss man sie nicht. Zumal das Argument spätestens bei den Stadtderbys ad absurdum geführt wird.

Dresden befindet sich nicht mehr in der Liga, insofern ist die Gefahr für Gästefans, die sich komplett danebenbenehmen, deutlich verringert. Und glaubt ihr ernsthaft, bei uns gibt’s nur coole Leute, die sich an alle Regeln halten und bei unseren Gegner nur Arschlöcher, die drauf scheißen? Und was machen wir mit den 3 Leuten, die bei uns auf alles scheißen, anders als mit den 3 Leuten im Gästeblock?

Und ja, das zieht noch mal 10% der möglichen Plätzen für „unsere Leute ab“. Aber auch ”unter Normalbedingungen“ ”verhindern“ Gästefans halt auch, dass noch mehr FCSP-Fans ins Stadion dürfen.
Zumal zu einem integren Wettbewerb, der ja als Schlagwort genutzt wird, eben eine Anwesenheit von beiden Seiten gehört. Und – und damit kommen wir zur Überschrift zurück – wir sehen jetzt schon, wie dieser Präzedenzfall dazu führt, dass unangenehme Gästefans dann eben nicht mehr willkommen sind.

Wir spielen ja (hoffentlich) nie wieder gegen Dresden. Aber falls doch: Wie schön kann man dann in Dresden FCSP-Fans mit vermeintlicher Gefahrenabwehr verhindern? Ging doch bei Corona auch.

Steh- und Sitzplätze?

Ein “Problem” – und zwar Problem nur in dieser pandemischen Lage – ist unsere hohe Anzahl an Stehplätzen. Da diese in Sicherheitskonzepten deutlich geringer ausgelastet werden dürfen, als die Sitzplätze. Es gibt nun angebliche Möglichkeiten, (einen Teil) der Stehplätze in Sitzplätze zu verwandeln. Kostet natürlich erst mal, soll dann aber wohl auch recht schnell kostendeckend sein, wenn noch weiter nicht vor komplett vollen Rängen gespielt wird.

Wir als Kollektiv befinden uns auf der Stehtribüne, sitzen beim Zuschauen nur, wenn wir in ner Kneipe gucken und verstehen die Argumente beider Seiten. Wir sind da also recht unentschlossen, ob das Sinn macht oder nicht. Da haben Menschen sicher genauere Zahlen, die dann die Entscheidungsgrundlage sind.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie du das auch mit der hohen Zahl an Stehplätzen machst. Teilst Du die Leute, die jetzt ein Ticket haben, in kleinere Gruppen (nach Tribüne und Ticketart zB) ein und vergibst daraus die Kontingente? Würde soviel heißen, dass die Leute mit Sitzplatz-DKs deutlich öfter ins Stadion gehen können, als die Leute mit Stehplatz-Tickets. Fänden wir nur so semigeil. 

Aber wie machste das dann finanziell? Stehplätze lohnen sich finanziell einfach nicht so sehr, gerade wenn du Menschen mit Stehplatztickets dann ohne Aufpreis auf die Sitzplätze lässt. Und die andere Seite: Nicht jede*r mir Stehplatzticket kann sich den Aufpreis auf den Sitzplatz leisten. 
Hier werden auch schwierige Entscheidungen zu treffen sein, zumal wir davon ausgehen, dass ggf. auch nicht alle auf ihre angestammten Tribünen können.

Wie verteilst Du die Tickets?

Es ist ziemlich klar, dass nicht alle, die wollen, ins Stadion werden gehen können. Uns ist wichtig, dass es hier ein möglichst transparentes und faires Verfahren zur Verteilung geben wird. Per „kontrolliertem“ Losen oder ähnlichem. Und trotzdem wirst Du nicht verhindern, dass die eine dann das Derby zugelost bekommt und die andere das Heimspiel gegen Sandhausen. Man muss und kann das bestmöglich regulieren, aber komplette Gleichheit wird man nicht schaffen.

Das liebe Geld

Als kommunistisches Propagandamedium reden wir wirklich nicht so gerne übers Geld. Das wisst ihr. Aber komplett wäre dieser Beitrag ohne eben auch nicht. Also wollen wir mal:
Wir haben für irgendeinen älteren Beitrag mal ausgerechnet, dass uns pro Heimspieltag ohne komplett volles Stadion eine knappe Million € fehlen. Wir finden den Beitrag gerade nicht, das können auch 300.000€ mehr oder weniger sein und Details haben die Verantwortlichen beim Verein mit Sicherheit. Aber das ist die Größenordnung, in der wir rechnen. Anders gesagt: 5 Mats-Transfers, wenn wir eine ganze Saison ohne Zuschauer*innen spielen. Und das ist eine verdammt große Zahl. Überlegt doch mal, wie wir mit 5 Matsen dastünden!

Insofern ist es – wenn die DFL mehrheitlich spielen will – simpel und einfach auch eine Frage, ob man es sich leisten kann, dann eben keine Zuschauer*innen reinzulassen. Klar ist auch, dass es bei Teilzulassungen natürlich auch um geringere Summen geht, als in einer „normalen“ Saison.

Die Kosten gehen hoch, die Einnahmen runter. Einfaches Ding. Und trotzdem möchten wir zumindest erwähnen, dass wir es bisher nach unserem Wissen geschafft haben, sehr sozialverträglich mit den Folgen der Krise umzugehen. Stichworte: Bewusster Einsatz von Kurzarbeit, keine betriebsbedingten Kündigungen, etc.

Und um das auch weiterhin zu schaffen und gleichzeitig in der Liga konkurrenzfähig zu sein, brauchen wir dann eben einfach Einnahmen. Und auch wenn wir davon nicht die größten Fans sind, lohnen sich halt insbesondere Logen in so einem Kontext doch einfach mehr als so ein einfacher Stehplatz. Und wir reden hier wirklich nur übers finanzielle, und ja, “nicht größte Fans” ist eine Untertreibung. Und wenn das berücksichtigt wird, um andere schwierige soziale Folgen abzufedern, dann können wir das zumindest verstehen.

Fragen, die bleiben

  • Warum arbeiten gefühlt alle auf Quartal 1 2021 hin? Wir haben zumindest noch nirgendwo gelesen, dass der Impfstoff (wenn es den überhaupt geben wird) genau dann fertig ist und Fußballfans genau dann alle wieder ins Stadion können.
  • Was machen wir alle zusammen bloß mit den Leuten, die jetzt im Volkspark spielen wollen? Wir sind da echt ratlos.
  • Warum werden die feiernden Horden auf dem Schulterblatt (500m vom Stadion entfernt) Abend für Abend geduldet, während Veranstalter*innen ausführliche Konzepte schreiben müssen?
  • Wie sehr freut ihr euch auf das erste richtige Spiel? Mit allen, wie vorher. 

Unser Tag wird kommen! Tiocfaidh ár lá!

Jun 302020
 

In den letzten Tagen gab es eine Vielzahl von Veränderungen im Personalbereich des FC St. Pauli. So viele, dass wir mit dem “Gedanken machen und die dann aufschreiben” gar nicht mehr hinterherkommen. Deshalb betrachtet dies nicht als allumfassende Betrachtung aller Ereignisse. Der Artikel zum Trainerwechsel steckt immer noch in der Schublade, Schnecke haben wir schon einen Artikel gewidmet, auch die Lage in und um die Mannschaft muss und soll noch weiter betrachtet werden.

Neben den Veränderungen im sportlichen Bereich wurde heute Morgen vom Verein bekannt gegeben, dass unser Vizepräsident Joachim Pawlik sein Amt mit Wirkung von heute niederlegt.

Als Begründung wird angeführt, dass “vor dem Hintergrund der vielfältigen Aufgabenstellungen mit seinen Kunden ist ein solch zeitintensives Ehrenamt als Vizepräsident des FC St. Pauli nicht mehr in dem Maße zu leisten, wie es der 55-Jährige von sich selbst stets erwartete.”
Joachim war seit 2014 Mitglied des Präsidiums und war u. a. für die Bereiche “Sponsoring, Vermarktung und Sport” zuständig. (Info aus seinem LinkedIn-Profil, wenn uns die Erinnerung nicht trügt, betreut er diese Themen auch seit Amtsantritt.)

Im Bereich Vermarktung hat er den Rückkauf der Merchandiserechte mitbegleitet, ebenso wie den Schritt in die Eigenvermarktung des Vereins. 
Der damit von ihm aus dem Präsidium verantwortete Bereich Vermarktung & Sponsoring hat sich dabei aber auch immer wieder mit mäßig tollen (und ja, wir untertreiben) Aktionen hervorgetan: Stichwort Moods (https://www.magischerfc.de/2019/09/etwas-ist-faul-im-staate-fcsp/), Stichwort “An welche Themen denken die in dem Bereich gar nicht”, Stichwort Auswahl von Partnern wie MediaMarkt, Stichwort Fansofa, Stichwort Onboarding von Kooperationspartnern.

Und das gehört ebenso zum Bild, was in diesem Verantwortungsbereich Vermarktung & Sponsoring geschehen ist, wie eben auch den Rückkauf der Rechte und die Stärkung der Eigenvermarktung. 

Für das Thema Sport stellen wir einfach mal nüchtern fest, dass wir seit der Saison 2015/2016, in der es dann erstmalig vollumfänglich eine Saison in der Verantwortung des damals neuen Präsidiums war, vierter, siebter, zwölfter, neunter und nun vierzehnter den Abschlusstabellen der 2. Liga geworden sind. 
In dem Zeitraum gab es mit Meggle, Lienen, Janßen, Kauczinski und Luhukay fünf Trainer, wobei Meggle 2014 kurz nach Antritt des neuen Präsidiums auf den Posten des Sportlichen Leiters gewechselt ist – und der Abgang des letzten Trainers ja auch schon feststeht.
Im gleichen Zeitraum waren es mit Azzouzi, Meggle, Rettig, Stöver und Bornemann fünf sportliche Leiter / Sportdirektoren. Konsistenz auf diesen wichtigen sportlichen Posten sieht anders aus.

Sicherlich ist das Präsidium ein Team, in dem die Menschen nicht singulär für gute oder schlechte Entwicklungen verantwortlich sind. Hinzu kommt, dass bei uns – mit ganz wenigen Ausnahmen – der Präsident für das Präsidium spricht und nach außen auftritt, deswegen können und wollen wir die Arbeit von Joachim gar nicht weiter bewerten.
Was uns nach knapp sechs – sicherlich sehr zeitintensiven – Jahren bleibt, in denen es die ein oder andere sportlich brenzlige Situation (aber auch zwei Derbysiege) gab, ist ein Danke für den Einsatz. 

In der Mitteilung des Vereins wird ebenso kommuniziert, dass das Präsidium “erst einmal satzungsgemäß mit vier Mitgliedern weiter agieren” werde und die Stelle nicht nachbesetzt werde.

Option wäre grundsätzlich eine Nachbesetzung des freiwerdenden Postens unter Zustimmung des Aufsichtsrates bis zur nächsten MV, auf der dann ein*e 4. Vizepräsident*in erneut gewählt würde. Man könnte den Posten auch bis zur MV freilassen und dort eine*n Nachfolger*in durch die MV wählen lassen. Oder den Posten bis zur Neuwahl des gesamten Präsidiums in 2021 freilassen.

So weit, so schlecht

Es ist grundsätzlich erst mal nichts Gutes, wenn sich Menschen zurückziehen, die auf ehrenamtlichen Posten viel geleistet haben. Es ist aber auch etwas sehr Nachvollziehbares: Es ist ein grundlegendes Problem der Vereinbarkeit, neben Lohnarbeit (und seit das nun als Angestellte*r oder als Inhaber*in eines Unternehmens) noch ein Ehrenamt zu bekleiden, insbesondere wenn diese eine große Verantwortung – und damit auch immer mal dringende, wenig planbare Einsätze und Einspringen erfordert. 

Die Lokalpresse mischt auch noch mit

Bereits kurze Zeit nach der Kommunikation durch den Verein ist in der Hamburger Lokalpresse dann ein Artikel erschienen, der sich für uns so liest, als wolle da jemand noch mal ordentlich Öl in ein eh schon gut brennendes Feuer schütten. Und klar, auch hier gilt wie immer, dass man mit reißerischen Artikeln mehr Geld verdient. Und dass die Lokalpresse seit Jahren um Auflage kämpft. 

Es gehört aber auch dazu, dass gerade über das Abendblatt und gerade der Autor auch immer wieder versucht haben, Stimmung zu machen. Wir erinnern da an das Interview mit dem ausscheidenden Präsidium in 2014. Das vom Lichterkarussell so hervorragend betrachtet wurde. (Still <3-ing Lichterkarussell!). Oder auch an die jüngere Fairnetzer-Veranstaltung, wir betrachteten die Situation bereits letztes Jahr.

Der Artikel schreibt eine Situation herbei, in der Joachim das Präsidium im Streit über die Prioritäten verlassen habe. Der Artikel gibt sich, als hätte jemand Interna gehört und würde diese uns lieben Leser*innen ganz uneigennützig und lediglich mit dem Ziel, uns alles zu erzählen, mitteilen. Dafür ist es aber tonmäßig und vermeintlich auch inhaltlich eine ganz schöne Abrechnung mit Oke bzw. dem restlichen Präsidium. 

In dem Artikel wird insgesamt der vermeinltiche Konflikt zwischen Profifußball und Politik beschrieben.
Unter anderem taucht auch wieder der der Spruch mit dem “Politbüro mit angeschlossener Sportabteilung“ auf. Der sehr wahrscheinlich nirgendwo sonst kursiert als unter Abendblatt-Reporter*innen, die sich 2014 ähnliches von Orth haben vorbeten lassen.

Wir wüssten auch wirklich gerne mal, woraus der vermeintliche Konflikt besteht

Es wird so getan, als könnte man nur eines von beidem sein: Sportlich erfolgreich oder eben politisch engagiert und meinungsstark. Wir sehen das anders: Es wird immer wieder zu Ressourcenkonflikten zwischen den beiden groben Themengebieten kommen, die man dann an der jeweiligen Stelle entscheiden muss. Aber es ist möglich und wichtig, beides zu tun. Wir haben eine wichtige Stimme, der wir Gehör verschaffen sollten und müssen. Wir sind weit mehr als nur ein Fußballverein.
Wenn wir uns die Ressourcen bei einem möglichen Ressourcenkonflikt mal genauer angucken, dann gibt es vereinfacht drei Arten von Ressourcen, die hier relevant sind. Wobei 2 der 3 dann letztendlich doch relativ das gleiche sind: Geld, Personal & Zeit. Geld & Personal dann zumindest mit starker Überschneidung: Fürs Personal braucht man halt das Geld. 

Wir betrachten das mal an einem möglichen Beispiel:

Es gibt beim FCSP eine CSR-Abteilung, die sich viel um die sozialen Initiativen des Vereins kümmert. Und es gibt einen Profisportbereich, in dem Profifußball gespielt wird. Der Bereich CSR in der Geschäftsstelle hat nach unserem Kenntnisstand weniger Mitarbeiter*innen als allein die Profimannschaft vorgestern Trainer*innen hatte. Und damit ist noch nicht das weitere “Team ums Team“ betrachtet. Ja, man könnte natürlich die CSR-Abteilung morgen auflösen und vom dem Geld noch weitere Trainer*innen bezahlen. Was die Frage nach der Wirkung der eingesetzten Ressourcen aber nicht berücksichtigt: Was bringt uns denn insgesamt als Verein weiter? Die potentiellen weiteren Trainer*innen, die den ganzen Tag mit den Spielern Elfmeter und Ecken üben? Oder die CSR-Mitarbeiter*innen, die soziale Initiativen betreuen und die gesellschaftspolitisch wichtige Themen im Verein voranbringen? Oder auch aus dieser CSR-Brille prüfen sollen, welche neuen Partnerschaften wir im Bereich Vermarktung so eingehen. Und uns durch diese Haltung und durch diese Initiativen auch neue Fans bringen. Die möglicherweise so viele Fanartikel kaufen und ‘ne Loge mieten, dass wir davon dann wiederum auch eine*n neue*n Trainer*in bezahlen können. Alles natürlich indirekt, aber wir befinden uns hier ja im Gebiet der vereinfachen Beispiele.

Und natürlich ist die Frage, was uns als Verein wichtig ist und wofür wir stehen wollen, bei diesem Beispiel auch noch nicht umfassend beantwortet. Also ja: Natürlich gibt es irgendwo einen Ressourcenkonflikt. Ist aber das Umshiften der Ressourcen erstens das, was wir als Verein wollen, und zweitens aus Wirkungssicht sinnvoll? Wir wollen das bezweifeln.

Der zweite Ressourcenkonflikt “Zeit” ist da schon etwas schwieriger zu betrachten, simpel und einfach, weil wir nicht wissen, mit welchen Themen sich auf den Präsidiumssitzungen befasst wird. Hier könnten wir nur spekulieren und das ist doof. Wir sagens aber mal so: Wir hätten kein Problem damit, wenn sich das Präsidium in Zukunft weniger mit gewissen sportlichen Fragestellungen befasst. So Trainerthemen, wenn denn die / der Nachfolger*in gefunden ist. Einfach weil es läuft.

Wir stellen hierzu fest, dass Joachim selbst in keinem Wort des Rücktritts einen solchen möglichen Konflikt aufzeigt. Er ist in dem Artikel herbeigeschrieben, ohne dass klar ist, ob der Konflikt im Präsidium so tatsächlich existiert hat und ob er dann auch noch der Grund ist, warum Joachim zurücktritt. Es wird also ein Bild gezeichnet, das mit dem nach außen kommunizierten nur wenig zusammenpasst.

Cui bono?

Nach dem Exkurs zurück zum Artikel in der Lokalpresse. Als wir den Artikel lasen, fragten wir uns sofort, wer denn mit dem Artikel welche Interessen verfolgt. Und haben da mal ein paar Szenarien aufgeschrieben. In den Szenarien kommen nicht immer alle gut weg, aber da müssen wir für das Gedankenspiel nun gemeinsam durch:

1.) Der Artikel ist wirklich die reine Privatmeinung des Autors, der sich da ein bisschen was zusammengereimt hat, was geile Auflage bringt. Und da haben die “Trainer raus!“-Artikel der letzten Tage einfach noch nicht genug gebracht und man nimmt eben, was man kriegt. Dagegen spricht das hoffentlich existente Berufsethos des Autors.
2.) Der Autor hat Insiderinfos vom scheidenden Vizepräsidenten, der nach richtigem Krach im Präsidium mit den Kolleg*innen abrechnen möchte. Wobei er den Konflikt dann doch nicht komplett entfachen will und deswegen dann nicht gleich ein ganzes Interview gibt, sondern “nur” als Informant auftritt. Dagegen spricht, dass Joachim den vermeintlich existierenden Konflikt in seinem Abschiedsstatement über den Verein mit keinem Wort erwähnt. Was natürlich auch Kalkül sein könnte. Und dagegen spricht auch, dass man sowas auch nach krassen internen Konflikten und der Rückzugsentscheidung eben einfach nicht macht.
3.) Der Autor hat Insiderinfos von anderen Personen im präsidiumsnahen Umfeld, die gegen das aktuelle Präsidium agitieren möchten und ein Interesse haben, dass das aktuelle Präsidium in 2021 nicht wiedergewählt wird. Beispielsweise, weil sie ein eigenes Team / eine*n eigene*n Kandidat*in an den Start bringen möchten. Da kann es natürlich so sein, dass der Konflikt wirklich so dramatisch war, dass er zum Rückzug führte, oder auch einfach, dass da ein Thema extrem aufgebauscht wird, weil es der eigenen Sache dient und Joachim einfach nur aus den Doppelbelastungsgründen zurückzieht. Dagegen spricht: Übernimmt der Autor die zugesteckte Meinung ohne weitere Prüfung? Dagegen spricht auch: Im Endeffekt entscheidet der Aufsichtsrat über die Kandidat*innen für das Präsidium – und man darf so einen Move aus deren Sicht mehr oder auch weniger geschickt finden. 
4.) Der Autor hat die Info über den vermeintlichen Konflikt von jemandem gesteckt bekommen, der/ die im präsidiumsnahen Umfeld davon mitbekommen hat und es nun toll findet, seine/ ihre Interna in der Presse zu lesen. Dagegen spricht: Die schlimmen Leaks sind weniger geworden und aus den internen Diskussionen im Präsidium dringt kaum etwas nach außen. Warum dann jetzt plötzlich wieder? Andererseits: Auch die Trennung von Jos war bereits eine Woche vor Kommunikation durch den Verein in der Presse zu lesen. Auch hier gab es möglicherweise ein Leck. 

Und sicherlich gibt es auch noch weitere Szenarien. Eine Kombination der obigen Szenarien ist auch möglich, ebenso wie die jeweiligen Szenarien in Abstufungen.

Was glaubt ihr vom magischenFC?

Was ist das wahrscheinlichste Szenario, fragt ihr uns? Wir haben da aktuell keine Antwort drauf.
Wir alle sollten uns aber fragen, wer vermeintlich von dieser Schilderung profitiert. Und deshalb werden wir die nächsten Wochen und Monate ganz besonders vorsichtig sein, welche Interna wann, wo, von wem und wie weiter- und an die Presse gegeben werden. Und wer davon jeweils profitiert und wer eher Schaden nimmt. 

Und während wir an diesen Zeilen schreiben, erscheint auch in der anderen Lokalpresse ein Artikel, der in der Fundamentalkritik (zu viel Politik, zu wenig sportliches) durchaus dem Betrachteten ähnelt. Interna gibt es da allerdings keine zu lesen. Ein Zufall? Mag sein. Wir glauben aber auch da nicht unbedingt dran. So oder so wichtig: Kritisch sollten wir alle bei dem, was wir in nächster Zeit so zu hören bekommen, alle sein. 

Jun 182020
 

Eigentlich wollten wir nicht bloggen. Und nachdem die MillernTon-Hoschis jetzt unter die Pöbelblogger*innen (1, 2) gegangen sind, machen wir mal einen galanten Rollenwechsel und stellen uns und euch ein paar Fragen in der Trainerdiskussion. Und nein, wir haben keine Antworten. Zumindest keine leichten.

Kommunikationsstil

Ja, Jos‘ Kommunikationsstil ist nicht immer der glücklichste. 
Wir haben uns früher sehr intensiv mit interkultureller Kommunikation auseinandergesetzt und dort gibt es verschiedene Modelle, die die Direktheit der Sprache betrachten. Die Niederlande, das Land, in dem Jos geboren ist, gilt als eines der direktesten Länder überhaupt und wird regelmäßig als „Lehrbuchbeispiel“ herangezogen. Deutschland befindet sich irgendwo in der Mitte des Spektrums mit Tendenz zu direkter Kommunikation. Treffen hier einfach gerade verschiedene Kommunikationsstile & Ansichten dazu, was sozial akzeptiert & normal ist, aufeinander? 
Und ja, Jos hat lange in Deutschland gearbeitet und kennt sich gut hier aus. Und nein, wir finden öffentliches Anzählen von Spielern, die das anscheinend im bisherigen persönlichen Austausch mit dem Trainer nicht verstanden haben, auch überhaupt nicht gut. 
Aber es ist eine Frage, die wir uns stellen. Zumal – und auch das kennen viele von uns: Sich in der Muttersprache auszudrücken, ist immer noch mal eine andere Sache, als in einer Fremdsprache zu sprechen. (Und wir arbeiten täglich mit einer Sprache, die nicht unsere Muttersprache ist. Wir sprechen die Sprache fließend und trotzdem passieren uns manchmal doofe Ausdrücke. Keine Ahnung, auf was man sich da alles einschießen könnte, wenn wir diese Dinge in Mikrofone sagen würden. Und ja, auch wir als Kollektiv haben bei unserem Trainer schon Sätze rausgezogen und uns auf die fokussiert und diese auseinandergenommen.)
Und: Modelle sind immer eine simplifizierte Darstellung der Welt – zumal wenn sie Landesgrenzen als Denominator berücksichtigen. Sie helfen uns zumindest, uns über gewisse Dinge Gedanken zu machen – am Ende des Tages sind es immer Individuen, die in diesen Modellen agieren und sie liefern keine absoluten und leichten Antworten. Aber sie helfen uns zumindest beim Nachdenken.

Haste Scheiße am Fuß

Mit einigen Ausnahmen haben wir am Millerntor insgesamt schon einige Trainer erlebt, die mit mehr Begeisterung hier empfangen wurden als Jos es genießen durfte. Markus Kauczinski war sicher kein Publikumsliebling und wir haben über den Wechsel auch nicht getrauert.

Jos hatte aber einfach einen schwierigeren Start, weil die Trainerposition nicht erst seit seinem Wechsel unterm Brennglas ist. Dazu kommen sportliche Herausforderungen mit vielen Verletzten, ein Sportchef, der das Team sehr lange nicht verstärkt hatte und auf “abwarten bis die Preise fallen” gesetzt hat. Ein optimaler Start war das nicht.
Dann die „legendäre“ Pressekonferenz – wo wir in Bezug auf Direktheit auf den obigen Abschnitt verweisen wollen.

Seitdem lief es immer mal gut, und kippte dann wieder. Geiler Derbyheimsieg gegen den H$V, okayer Auftritt gegen Osnabrück, geiles komplett souveränes Spiel gegen Sandhausen. (Wir träumen immer noch von Mats Check gegen Dennis Diekmeier!) Dann kippt es gegen Nürnberg, Länderspielpause (no borders, no nations) und es läuft plötzlich nicht mehr.

Wichtige Spieler fallen immer wieder aus. (Und ja, der Trainer ist in letzter Instanz für die Fitness zuständig und da läuft es nach wie vor nicht rund.) Es waren aber auch doofe Dinger dabei: Jacksons frühe Verletzung, James‘ Knieprobleme, als er sich gerade in die Mannschaft gespielt hatte. Hornschuh’s tolles Comeback und die erneuten körperlichen Probleme, nachdem wir uns sehr für ihn gefreut hatten, dass er wieder da ist. Das passiert, das ist schwierig. Und weil wir wissen, dass es sonst kommt: Allgemeine Fitness ist ein Thema, das wir nicht in den Griff bekommen. Und das darf nicht sein.

Dann fährt Jos die Strategie, sehr junge Spieler aufzustellen – gibt vielen die Chance. Was dann immer genau passiert, wissen wir auch nicht im Detail, aber es waren dann immer wieder gute Auftritte und dann Leistungseinbrüche bei genau diesen Spielern.

Und dann am Mittwoch auch noch mal exemplarisch: Jos erntet massiv Kritik für die „vielen“, „willkürlichen“ Wechsel. Wir haben uns das mal genauer angeguckt:

  • Henks späten Einsatz begründet Jos mit mangelnder Fitness, schlechten Athletikkennwerten und Schutz des Spielers (Quelle: Pressekonferenz nach dem Spiel). Daran hat der Trainer einen Anteil. Der Spieler aber auch. Und konsequent ist das nicht-Aufstellen bei mangelnder Fitness allemal, zumal das immer wieder genau so kommuniziert wurde.
  • Dimi is verletzt und konnte nicht spielen.
  • Bei Sobota & Viet sind uns keine Gründe bekannt. Aber: Anderes taktisches System durch den Sturmwechsel nötig; mit Coordes und Gyökeres statt Dimi und Henk musst du auch das Mittelfeld dahinter umstellen. Bei Viet wissen wir auch, dass er letztes Spiel verletzt vom Platz musste & jetzt nicht im Kader war. Auch hier kann eine Verletzung ein Grund sein. Wissen wir aber bei beiden auch einfach nicht, weil keine*r nachgefragt hat. Sondern sich alle auf Henk-Jos eingeschossen haben.

Inwiefern ist das dann wirklich das willkürliche Durchwechseln oder verletzunsgbedingte Wechsel und eine taktische Anpassung? Inwiefern ist das in einer englischen Woche auch einfach normal? Nürnberg hatte zwischen dem 0:1 und dem 6:0 nebenbei auf sechs Positionen der Startelf gewechselt.

Spieler*innen sind keine Roboter

Fußballprofis sind Menschen wie ihr und wir. Wir hören schlechtes Feedback eher nicht so gerne und freuen uns, wenn wir gelobt werden. Macht irgendwie mehr Spaß, ist angenehmer. Freuen wir uns, schlechte Rückmeldung zu bekommen? Nee, eher nicht so. Hätten wir Bock, dass unsere Chef*innen jede Woche in ner Pressekonferenz erzählen, was wir alles schlecht gemacht haben? Also nun ja. Eher nicht so.

Entwicklung klappt durch positive Verstärkung – sehen wir Jos als eher kritischen Zeitgenossen? Auch ja. Die Ansprache funktioniert nicht für die Spieler, die aktuell im Kader sind. Zumindest nicht im Gros und bei weitem nicht immer.

Aber das ist nicht das gesamte Bild. Wir ziehen noch mal Parallelen zu unserem Leben: Wir hatten schon Chef*innen, die wir unterschiedlich stark geliebt haben. War es immer einfach, für die doofen zu arbeiten? Ne, natürlich nicht. Mussten wir auch mal die Zähne zusammenbeißen? Ja.
Und zeichnet sich ein*e tolle*r Spieler*in nicht AUCH dadurch aus, dass sie/er auch mit einer/m nicht so kompatiblen Trainer*in gut zusammenarbeiten können?

Und wieso gab’s diese Leistungsschwankungen bei den Spielern auch unter einem Trainer, der einen komplett anderen Kommunikationsstil hatte?

Außenbild & das was wirklich passiert

Wir haben mehrfach kritisiert, dass wir keine Reflektion vom Trainer sehen und das Schießen in andere Richtungen deutlich mehr passiert als das öffentliche Nachdenken über die eigene Rolle. 

Aber wir sehen eben auch nur Pressekonferenzen. Die Auftritte sind nicht geil, aber bilden sie die ganze Realität ab? Wissen wir, ob und wie stark Jos sich intern reflektiert und an sich und seinem Verhalten arbeitet? Nee, wir haben aber auch noch kein persönliches Gespräch mit ihm geführt. Und in ihn reingucken können wir auch nicht.

Fußball ist Ergebnissport 

Und die Ergebnisse sind immer mal wieder da, aber eben bei weitem nicht konsistent genug. Aber das ist nun wirklich kein Jos-Phänomen, in dieser Spirale befinden wir uns seit etwa so langer Zeit wie der FCB deutscher Mei8ter in Serie ist. (Hah, wir wollten das schreiben, um uns über diesen unglaublich überheblichen Hashtag aufzuregen. Möget ihr an eurer nicht vorhanden Demut doch noch mal so richtig scheitern.) Und seitdem hatten wir viele Trainer & viele Sportchefs. Und bei niemandem hat es langfristig Erfolg gegeben.

Was genau an dem System nicht funktioniert, wissen wir wirklich auch nicht. Glaubt uns, sonst hätten wir das längst geäußert. Klar ist, dass wir alle überhaupt keinen Bock auf diese ewige Spirale haben.

Ernsthaft: Es stinkt, es nervt. Aber der Trainer alleine ist nicht das Problem. Sonst wäre das nicht das gefühlt 19.10 Mal, zu dem wir uns an diesem Punkt befinden.

Und nun?

Ist ein Trainerwechsel die Lösung? Wir wissen es nicht. Wirklich nicht. Gräbt sich der Trainer gerade ein Loch, das nicht kleiner wird? Ja. Haben wir irgendwann gewettet, dass er keine 2 Jahre bleibt? Ja. Wünschen wir uns, dass wir die Wette gewinnen? Jein. 
Trainerentlassungen sind eben immer doof. Wir schrieben letztes Jahr im April:
„Nun kann man natürlich den Trainer als Sündenbock definieren und so ganz schuldlos ist der meistens auch nicht. Aber das ist eben immer nur die halbe Wahrheit. Wenn unsere Erinnerung uns kein Schnippchen schlägt, dann war es unser Präsident, der mal sagte, dass eine Trainerentlassung auch immer heißt, dass das ganze sportliche System in einem Verein versagt hat. Und da hat er natürlich Recht. Denn in einem guten System gäbe es eine Qualitätskontrolle, Frühwarnsysteme und genügend vertrauenswürdige Stimmen, die einem Trainer frühzeitig neue Ideen mitgeben und ihm seine Arbeit erleichtern.”

Wir wünschen uns: Klare sportliche Ambitionen. Verdammt, wir wollen aufsteigen, wir wollen europäisch spielen, wir wollen verdammt noch mal Champions-League-Sieger*innen werden. Wir wollen klare Bekenntnisse zum sportlichen Erfolg und dass dann alle gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten. Und reicht da “mind. den Platz der Fernsehgeldtabelle belegen” als Inspiration aus? Wir finden nicht. Klare, inspieriende Ziele kommunizieren, gemeinsam daraufhin arbeiten. Und ja, beim Fußball spielt der Zufallsfaktor eine große Rolle. Es gibt viele Einflussfaktoren und Input ungleich Output. Gegen wen spielst du wann? Hast du ne Serie oder der Gegner? Fällt Spieler*in X beim Kochen zu Hause ein Messer auf den Fuß? Hat der BVB die Saison scheinbar abgeschenkt und du hast Glück, spät in der Saison gegen die zu spielen?
Schaffen andere Vereine mit konsistenter Arbeit konsistentere Leistung auch mehr als wir? Auch ja. Stichworte hier nur: Heidenheim, Sandhausen.
Wir lachen viel und gerne über die Vorstadt (und erst recht, wenn sie wieder nicht aufsteigen). Aber sie formulieren klare Ziele. Überheben sie sich dabei? Ja, auch das. Aber immerhin ist allen klar, wo es hingehen soll. Diese Ziele haben wir bei uns weder vom Präsidenten gehört noch von der sportlichen Leitung. Und nein, „größtmöglicher sportlicher Erfolg“ ist nicht gleich „wir wollen unter die ersten sechs Tabellenplätze“.

Tragik ist wie Liebe

Doch die Liebe beweist sich erst
Wenn der Wind zunimmt.
Und Liebe ohne Leiden
Hat noch niemand gesehn.
Man kann ein Lied davon singen,
Man kann sich selbts nicht verstehn.
Und hooray, hooray, hooray, FC St Pauli!

Unser Tag wird kommen.