Okt 312020
 

Diese Woche ist auf schwatzgelb.de ein sehr lesenswerter Text über „die unterschätzte Gefahr“ erschienen. Dieser Post stellt so eine Art Antithese dazu dar, und widerspricht dem Text trotzdem nicht. 

„Es ist noch kaum absehbar, was für langfristige Folgen die lange Zeit der Unterbrechung und der dann folgenden Geisterspiele für die Clubs noch haben wird. Wenn man mit regelmäßigen Stadiongängern spricht, kann man den Eindruck bekommen, dass die Begeisterung für den Fußball und ihren Verein an der Basis erodiert. Sie haben nämlich gemerkt, dass man den Samstag auch gut anders verbringen kann. Bei vielen Fans steht im Laufe der Zeit das Gemeinschaftsgefühl höher im Kurs als das eigentliche Geschehen auf dem Rasen. Der Spieltag als „Jour fixe“ zum Treffen mit dem Freundeskreis. Und viele haben festgestellt, bzw. feststellen müssen, dass man dieses soziale Leben auch ohne den Stadionbesuch organisieren kann.“

schwatzgelb.de | Die unterschätzte Gefahr

Und dieses Gefühl kennen wir alle. Lebensplanung rund um Spieltage und Auswärtsfahrten? Ein Relikt anderer Zeiten. Fußball als sozialer Ankerpunkt? Auch, aber viel weniger als zuvor. Müdigkeit und ganz viel Zynismus, wenn Offizielle in der schwersten Krise seit Jahrzehnten den Fußball über alles andere stellen? Absolut. Stadtderbys, die in ihrer lebensdominierenden Wucht plötzlich „nur noch ein Spiel“ (und vielleicht ein bisschen mehr) sind? Auch das.

Eine fixe Idee

Und dann ist da dieses Derby und wir haben zwei Abende vorher eine fixe Idee:

Ich würde gerne noch mal ne Spendenaktion über den MFC machen, so nach dem Motto „das Bier, das wir heute versoffen hätten, spenden“. Gibt’s da irgendeinen guten Empfänger, der euch einfällt?“
„Frag mal N., die kennt sich da super aus.“

Nachricht an N. geschickt, kurze Absprache im Kollektiv, dass wir die Aktion so durchziehen, Moneypool eingerichtet (und dabei noch überlegt, ob das Ziel 1910 Euro wohl vermessen wäre, und es dann lieber rausgelassen), Blogpost vorbereitet, Freitagmorgen (am Derby-Tag) live gegangen. 

Und jetzt, 31 Stunden nachdem das ganze online gegangen ist, sitzen wir hier fassungslos darüber, wie unfassbar viele coole Leute sich im Fußballumfeld bewegen. Wie viele Leute es gibt, die gerne gemeinsam gute Projekte unterstützen wollen. Und wie viel Hoffnung uns das in diesen grauen und schweren Zeiten macht. 

6.864,10 Euro in 283 Beiträgen. (Stand 14:16 Uhr)
Das ist doch vollkommen verrückt. Und verdammt viel Geld für jedes dieser Projekte. Danke, danke, danke. 🤍🤎

Ja, es ist für ganz viele gerade verdammt schwer. Ängste um die Gesundheit der Liebsten, wirtschaftliche Not, existentielle Sorgen, Einsamkeit. Leute, die Corona immer noch leugnen, politische Machtspielchen, die Leben kosten. Ärzt*innen und Pfleger*innen am Rande der Kraft. 

Aber wisst ihr, wie wir da alle gemeinsam durchkommen? Genau so, wie wir es in dieser Aktion gezeigt haben. Indem wir an andere denken und die mit unseren Mitteln unterstützen. Sei es nun, indem wir Geld an soziale Projekte spenden, für unsere Nachbar*innen einkaufen gehen, Freund*innen mal für zwei Stunden die Kinder abnehmen oder uns regelmäßig bei unseren Leuten melden. Fragen, wie es ihnen geht. Indem wir aufeinander aufpassen und indem wir einander zuhören. Dann schaffen wir das alle gemeinsam. 

Wie viel unglaublich tolle Kraft steckt bloß in diesem Fußball als Begegnungsort. Als Ort der Solidarität. Und wie traurig ist das für all die, die das nur als wirtschaftliche Gelddruckmaschine sehen. Wie viel verpasst ihr, indem ihr die wahre Bedeutung nicht (er-)kennt? 

Es steckt so viel positive Energie in dieser Gemeinschaft, das haben wir alle gerade wieder erleben dürfen. Und dafür werden wir weiterkämpfen. Unseren Fußball nicht denen zu überlassen, die das ganze bloße mit nüchterner Wirtschaftsbrille betrachten.

Solidarität ist unsere Waffe. Bleibt solidarisch. 

Okt 302020
 

Liebe Leute,

nun ist er da, dieser Derbytag. Und wir fühlen immer noch verdammt wenig, gerade dafür, dass es nun wirklich Derbytag ist. 

Auswärtsderbys sind normalerweise nichts, was uns in absolute Begeisterungsstürme ausbrechen lässt. Und ein Faktor ist dabei auch, wie viel Geld das da alles kostet. Für alle, die es verdrängt haben: 17 Euro für ‘nen Steher, 40 Euro für den günstiger Sitzer, 59 Euro für den teuren Sitzer. Getränkepreise auch jenseits von Gut und Böse. Verdammt viel Kohle. Und unter diesen Corona-Bedingungen nun eben auch Kohle, die wir alle nicht für die Fahrt in die Schüssel ausgeben müssen. 

Geld, das einige von Euch jetzt deshalb übrighaben. Natürlich bei weitem nicht alle, weil auch viele von Euch durch den erneuten Shutdown (oder nennt es “Kontaktbeschränkungen”, uns ist da Wortklauberei nicht so wichtig) schwer betroffen sind – und weshalb ihr bitte selbst entscheidet, ob ihr euch von den nächsten Zeilen angesprochen fühlt:

Das ist Geld, das andere soziale Projekte jetzt gerade ganz dringend nötig haben. Wir würden deswegen gerne die PayPal-Moneypool-Aktion aus dem Frühjahr wiederholen und gemeinsam mit Euch euer und unser Ticketgeld spenden. Das Ganze läuft folgendermaßen ab: Wir eröffnen einen PayPal-Moneypool, der bis Samstag, 31.10. 19:10 Uhr geöffnet ist und in den ihr einen Teil oder all das Geld (oder auch noch viel mehr), das ihr normalerweise für ein Ticket ausgeben würdet, einzahlen könnt. 

Wir teilen die Summe gleichermaßen unter sozialen Projekten im Viertel auf, die gerade dringend Unterstützung gebrauchen können. Und vergessen auch #leavenoonebehind und Moria nicht.

  • ragazza als Kontakt- und Anlaufstelle für drogenkonsumierende und/ oder der Sexarbeit nachgehende Frauen
  • GoBanyo bietet Duschmöglichkeiten für obdachlose Menschen
  • Alimaus als Tagesstätte für Obdachlose und bedürftige Menschen
  • Seebrücke, weil Migration ein Menschenrecht und Seenotrettung Pflicht ist

Ausgewählt wurden diese Empfänger*innen nach Rücksprache mit Leuten, die sich in dem Bereich gut auskennen. Wenn ihr andere Projekte kennt und habt, denen ihr Euren Ticketpreis spenden möchtet, dann ist das natürlich genauso cool!
(Wie in der Vergangenheit wird dieses Geld 1:1 weiter überwiesen, Nachweise teilen wir natürlich auch.)

Und dann noch ein Bier

Derby heißt natürlich auch, dass wir in ner Kneipe entweder bis 5 Uhr morgens den Derbysieg feiern oder wahlweise unser Leid dort ertränken. Für die Kneipe ist das jedenfalls einer der wichtigsten Umsatztage des Jahres, der nun wegfällt. Nach vielen Monaten, die schon verdammt hart waren.

Deswegen überlegt euch doch auch gerne, ob ihr der Kneipe noch etwas Kleingeld da lassen könnt, falls sie am Wochenende noch geöffnet hat. Die freuen sich sicher über Trinkgeld – ob mir oder ohne Konsum einiger Kaltgetränke. Und viele Kneipen sammeln ja auch auf diversen Plattformen schon wieder und freuen sich über unsere Unterstützung.

Forza FC St. Pauli. Hamburg bleibt braun-weiß! St. Pauli bleibt solidarisch.

Das Ergebnis

01.11.2020: Unglaubliche 8734,94€ sind zusammengekommen. Wir runden noch mal auf 8740€ auf. Macht also 2185€ pro Projekt. Geld wird jetzt von Paypal überwiesen, wir überweisen es dann sofort weiter, sobald es bei uns auf dem Konto ist. Und legen natürlich auch die entsprechenden Belege vor.

Sep 252020
 

Jeden Morgen fahre ich am Stadion vorbei. Jeden Morgen schaue ich sehnsüchtig darauf. Mein Blick verweilt so lange bis der Bunker mir die Sicht versperrt. Heute Morgen bin ich traurig. Die Sehnsucht ist der Enttäuschung gewichen.

Ja, durch Corona ist vieles anders, vieles komplizierter und Dinge die vorher selbstverständlich waren gehen so jetzt nicht mehr. Halte ich die Lösung für Sonntag für okay? Ja. War mir bewusst , dass es ohne DK kaum möglich sein wird, in näherer Zukunft ins Stadion zu kommen? Auch ja. Rational kann ich das einordnen. Emotional null.

Dieser Verein und seine Fanszene ist für sehr viel in meinem Leben mitverantwortlich. Ohne würde ich sehr viele gute Menschen nicht kennen. Hier wurde ich für Themen und Probleme sozialisiert. Der Verein ist mit Schuld daran, dass ich nach Hamburg gezogen bin. “Da kann ich nicht, da bin ich in Bochum”, “Ne da bin ich im Hamburg”, “Da ist Pokal” waren Sätze die Nicht-Fußballmenschen öfter zu hören bekamen als dass ich einem Treffen zusagte. Er war Ankerpunkt für so vieles. Die Bücher, die ich lese. Die Musik, die ich höre. Ja sogar den Alkohol, den ich trinke (Aperol Spritz, Rotkäppchensekt Halbtrocken).

Die Spiele, die ich die letzten Jahre nicht live im Stadion gesehen habe, lassen sich schnell aufzählen. Um die 30.000 km mit dem Zug, dem Bus, dem 9er, der U-Bahn. Jede Saison. Als die DK-Warteliste das letzte Mal offen war, habe ich mich eingetragen. Seitdem rücken ich jedes Jahr ein kleines bisschen vorwärts. Aber sehr, sehr langsam. Also kämpfe ich (oder Freund*innen <3) jedes Jahr mit Eventim und anderen Fans um ein Saisonpaket. Der Dank? Bernd von Geldern sagt im Interview “dass die treuesten der treusten Fans die mit Dauerkarte seien”. Ja ich weiß, dass man irgendwie sortieren muss, wer jetzt ins Stadion kann und wer nicht. Sollen die Leute mit DK zuerst. Sehe ich alles ein. Aber mir die Treue zu diesem Verein abzuschreiben, bloß weil ich immer noch auf der Warteliste stehe. Nein, wirklich nicht. Zumal die Möglichkeit, an eine DK zu kommen, in den letzten Jahren faktisch nicht existierte. Das Fass mit “Wie viele der DK Inhaber*innen haben sich die Grottenkicks in Heidenheim und Aue angeschaut“ und sich in Dresden beinahe vom Rastplatz bügeln lassen“, mache ich jetzt nicht auf. Und darum geht es auch nicht. Ich bin traurig, müde und enttäuscht. Bernds Aussage hat mich getroffen.

Allen, die am Sonntag ins Stadion dürfen, wünsche ich viel Spaß. Ich freue mich für euch. Genießt es.

Sep 202020
 

Gefühlsaufnahmen vom Reeperbahn Festival 2020

Sonnabendnacht, wir befinden uns auf dem Heiligengeistfeld, Sicht aufs Millerntor, Bier in der Hand und Talco spielen live. Ist das nicht wundervoll?

Jein.

Alle sitzen, sogar die Band. Nur die zahlreichen Sicherheitsleute stehen mit bedeckten Gesichtern am Rande. Wir sitzen in Zweiergruppen mit meterlangem Abstand zu anderen Konzertbesuchenden, bloß kein Aufstehen ohne Zweck (Toilette & Getränkestand sind erlaubt), Tanzen geht schon mal gar nicht. Auch wenn wir uns im Freien befinden, gilt die “Wegeregel”, also immer schön Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn man nicht am Platz ist. Bei Verstößen sind die Sicherheitsleute sofort zur Stelle. Das fühlt sich ganz schön seltsam an.

Wie ein Festival 2020 stattfinden kann

Kurzer Rückblick: Vor ein paar Wochen wurde klar, dass das Reeperbahn Festival 2020 tatsächlich stattfinden wird – mit massiven Auflagen. Eine Art Testballon für die gebeutelte Musikindustrie, inwieweit Livemusik im größeren Stil pandemiegerecht möglich ist. Kurz durchs Line-up geguckt – oh, cool, Talco? Reicht schon als Grund. Machen wir. Knapp 70 Euro für ein Tagesticket? Heidewitzka! Andererseits: Was haben wir schon groß an Ausgaben für Konzertkarten in diesem Jahr? Der Mut, ein Festival in diesen Zeiten auf die Beine zu stellen, muss irgendwie honoriert werden. Und dass eine solche Veranstaltung in diesem Jahr etwas mehr Aufwand bedeutet als nur ein paar Bühnen, Bands und Buden, ist auch klar. Nicht, dass das sonst alles einfach wäre!

Und so wollen wir dem Ganzen eine Chance geben. Auch wenn natürlich alles anders werden wird.

Willkommen in Pandemistan

Nächster Zeitsprung: Als wir spätabends wieder zu Hause sind, lösche ich mehr als ein Dutzend Fotos von verschiedensten QR-Codes vom Handy. Was hat es damit auf sich?
Vielleicht kennt ihr das von Restaurantbesuchen – statt mühsam die persönlichen Daten auf einen Zettel zu schreiben, bieten einige Betreibende eine digitale Lösung an. QR-Code scannen und Daten in eine Online-Anwendung eingeben, zack, ist das Ganze doch etwas bequemer und womöglich sogar datensicherer. Da sind wir aber ehrlich gesagt in diesen Zeiten sowieso etwas schmerzbefreit.

Jedenfalls gibt’s beim Reeperbahn Festival ebenfalls die Notwendigkeit, sich ein- und auch wieder auszuchecken. Nicht nur für die gesamte Veranstaltung, sondern für jede einzelne Location. Kein unüberwindbares Problem, aber schon ein bisschen bizarr und es nimmt ein gutes Stück der Leichtigkeit, die so ein Festivalbesuch eigentlich begleitet. Kein Wunder, dass mobile Handy-Ladestationen herumlaufen, weil das Prozedere doch gut auf den Akku geht. Ohne Smartphone hat man sicherlich noch deutlich größeres Generve.

Viel stärker ins Gewicht als der Check-in-Aufwand fällt allerdings, dass die einzelnen Spielorte – wenig überraschend – massiv die Anzahl der Gäste beschränkt haben. Und so stehen wir mehrfach vor verschlossenen Türen, weil der Laden schon voll ist. Hier läuft zwar wenig, was für uns zwingend wäre, aber gerade dieses “Sich treiben lassen und mal Sachen angucken, von denen man kaum was zuvor gehört hat” macht sonst den großen Reiz dieses Events aus. Spontaneität ist dieses Jahr nicht angesagt. Immerhin: Zu keinem Zeitpunkt sehen wir uns irgendwelchem Gedränge ausgesetzt, sodass wir uns rundum sicher fühlen können.

Dann gibt es im ganzen Regelpaket auch noch so ein paar Dinge, die schwer nachvollziehbar sind. Im Festival Village wird nur alkfrei ausgeschenkt, vor den Bühnen aber Vollbier. An ausladende Biertische vorm Knust dürfen sich trotz viel Platz lediglich zwei zusammengehörige Personen setzen, anderswo im Festivalbereich kannst du dich zusammenkuscheln, wie du willst, es stört niemanden. Freie Platzwahl vor der Hauptbühne gibt es auch nicht, wir werden schön hinter eine sichtbehindernde Säule gesetzt.

Ein Zeichen

Uff. Während wir zwischen penetranter Pausenmusik umfangreich dystopisch klingende Durchsagen erklingen (Abstand, Mund-Nasen-Schutz, nicht aufstehen, bevor man dazu aufgefordert wird, viel Spaß auf dem Reeperbahn Festival, diesdas), ist Zeit für ein Zwischenfazit. Macht das so eigentlich Freude? Besser als gar nichts, kann man vielleicht sagen. Groß ins Gespräch mit anderen Gästen kommt man nicht, deswegen bleibt das eher eine Einzelbeobachtung, auch wenn der NDR-Blog zu einer ähnlichen Einschätzung kommt. Irgendwas muss man ja machen, irgendwie muss man zeigen, dass es weitergeht. Und gerade für die Künstler*innen, die keine Lust mehr haben, bestenfalls von der Hand in den Mund zu leben, und endlich wieder ihrem Job nachgehen wollen, ist es sicherlich verdammt wichtig, wenigstens ein Zeichen zu setzen.

Viel mehr als ein Zeichen kann das Reeperbahn Festival 2020 aber kaum sein. Solange es Besorgnis erregende Infektionszahlen und keinen Impfstoff gibt, funktioniert so was doch fast nur draußen oder allenfalls drinnen mit sehr geringen Besucher*innenzahlen. Schwer vorstellbar, dass sich eine ganze (freifinanzierte) Branche auf diese Weise durch den Winter retten kann. Und doch, das Signal ist wichtig – schließlich sind wir alle auch ausgehungert nach Livemusik. Selbst wenn es sich so seltsam anfühlt wie hier. Natürlich sind die Auflagen gewaltig, nicht nur vom Gesetzgeber, vermutlich auch selbst auferlegt. Die gesamte Musikindustrie schaut mit Argusaugen auf dieses Event, da können sich die Veranstaltenden keinen Fehler, keine Infektion, keinen Skandal erlauben. Bei allem Genörgel über Maßnahmen, die der eigenen Gelassenheit im Weg stehen: Was muss, das muss. Jede*r Einzelne sollte Verständnis dafür haben. Auch wenn es da draußen so viele Hallodris gibt, die im privaten, unregulierten Rahmen einander auf die Pelle rücken und auf jegliche Verhaltensregel in Pandemiezeiten scheißen. Hier gelten andere Maßstäbe.

Stimmung ist, was du draus machst

Nun also Talco, das Highlight des Tages. Wie wohl Ska-Punk im Sitzen funktioniert? Deutlich besser als gedacht! Die Band aus Venedig hat nämlich die Zeichen der Zeit erkannt und auf ein Akustik-Set umgesattelt. Talco sitzen selbst weit auseinander, wie ein Akt der Solidarität in diesen beknackten Zeiten. Klar, die Musik reißt nicht annähernd so mit wie mit Strom verstärkt in einem schwitzigen Club. Aber das ist eben kein Wunschkonzert. Putzig zu sehen jedenfalls, wie viele andere Besucher*innen sich mit Mühe auf ihrem Klappstuhl halten und sämtliche Körperteile so gut es geht im schnellen Offbeat durch die Gegend schütteln. Die Stimmung ist dann doch so ausgelassen, wie sie es in diesen Zeiten eben sein kann. Die Leute haben schon Bock, auf und vor der Bühne. In den Gesichtern der Musiker strahlt die Freude, wieder vor Menschen spielen zu dürfen, fast heller als die Scheinwerfer. Es mag etwas überraschen, dass Talco in Sichtweite des Stadions den Song “St. Pauli” nicht mal ankündigen oder weiter ausreizen; auch “Bella Ciao“ bekommt keine Ansage oder Aufforderung zum Mitmachen. Wir vermuten mal, dass die Bands angehalten sind, die Stimmung nicht überkochen und Besucher*innen unvernünftig werden zu lassen.

Nach etwas mehr als einer Stunde sind Talco durch und wir auch. Als sich dann doch das Publikum zum abschließenden Applaus erhebt und die Band von der Bühne ein Selfie macht, während Johnny Cash “The Man Comes Around” aus den Boxen singt, scheint die Welt einen Augenblick lang fast normal. Dann aber wieder Maske auf, auf die Anweisung zum Verlassen des Geländes warten, per Handy auschecken und ab nach Hause.

Hat das Spaß gemacht? Ja, “aber“. Schreit das nach Wiederholung? Es scheint schwer vorstellbar, dass es zu einem vergleichbaren Event in naher Zukunft kommt. Betriebswirtschaftlich rechnet sich das einfach nicht. Beim RBF fließen jedes Jahr reichlich Subventionen, unabhängige Veranstaltungen können da nicht mithalten. Und so bleibt vom Reeperbahn Festival 2020, dass Livemusik nicht tot ist und auch wieder kommen wird, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin müssen wir uns wohl noch eine ganze Weile gedulden.

PS: Wir wissen nicht, wie lange, aber den Auftritt könnt ihr euch beim NDR noch in Gänze ansehen.

Sep 012020
 

Der FCSP ist seit einigen Tagen im Trainingslager, es gibt Fotos von Sporteinheiten, ein bisschen Quizquatsch, ein paar ernstere politische Themen in dem Video mit Jackson und Ziereis – in dem wir gerne noch stärker den Fokus auf den deutschen Kontext gelenkt gesehen hätten, aber das ist ein anderes Thema, ein paar Testspiele. Alles wie immer und ganz normal. Und Normalität in einem gewissen Maße ist in diesen Corona-Zeiten für eine gute Vorbereitung wahrscheinlich dann auch wirklich nicht zu unterschätzen. Gut leider dieses Mal ohne Mats-Videos, aber daran haben wir uns ja auch schon fast gewöhnt (😭).

Eine Sache gehört dann aber auch jedes Mal zu dieser Normalität und wir fragen uns wirklich seit langem, ob das eigentlich wirklich immer noch sein muss und ob es da nicht viel coolere Wege gäbe, die neuen im Team willkommen zu heißen. Ja, die Rede ist von den Videos des Vorsingens der neuen.

Neue willkommen heißen

Auch wir haben Sport in Vereinen gemacht, neue Jobs angefangen, Jobs gewechselt – alles verschiedenste Situationen in denen wir jeweils wenige bis niemandem aus dem neuen Umfeld kannten. Situationen, in denen es wichtig war, dass wir gut von den “alten” willkommen gehießen worden und in denen wir umso schneller ankamen, desto besser dies ablief. 
Es gibt in der (Sport-)Psychologie mehr als genug Belege dafür, dass Menschen, die sich in ihrem Umfeld wohlfühlen, die sich von ihren Mitmenschen gewollt fühlen und die sich als vollwertiger Teil einer Gruppe fühlen, bessere Leistung bringen. Und das ist ja im Fußballkontext nun wirklich nicht ganz unwichtig. Insofern ist es gut und wichtig, dass man sich auf als Profifußballverein überlegt, ob und wie man die neuen Spieler im Kreis der Mannschaft willkommen heißen kann. 
Speziell im FCSP-Kontext gab es in der Vergangenheit dann auch immer noch die bekannten Stadtteilspaziergänge, in denen den neuen das Viertel und der Verein für den sie jetzt spiele, nähergebracht wurde. Geht aus nachvollziehbaren Gründen gerade natürlich nicht in der gewohnten Form, aber auch hier hoffen wir einfach mal, dass da bereits über andere Wege nachgedacht wurde, diesen nicht ganz unwichtigen Punkt ebenfalls rüberzubringen. Das hier ist eben mehr als Fußball. (Grüße an die Grandprixvorentscheidzweiten)

Aber muss das wirklich in dieser Form sein

In diesem Kollektiv gibt es Menschen, die verschieden stark musikalische Talente haben. Von “wenn du nie wieder in der Öffentlichkeit singst, kriegst du jetzt ne 1” beim Vorsingen vor der ganzen Klasse bis zum Spielen in der eigenen Band. 
Ähnlich breit ist auch das Spektrum der musikalisch-gesanglichen Fähigkeiten der FCSP-Spieler. Einigen sieht man an, dass sie es gut und gerne machen, bei anderen kann man das Unwohlsein (dieses Jahr aber auch in vorherigen) allein beim Betrachten der Videos mitfühlen.
Aufnahmerituale sind gut und wichtig, es ist wichtig, tragfähige Beziehungen herzustellen und zu erreichen, dass die neuen sich wohlfühlen. 
Aufnahmerituale sind aber auch häufig sehr dadurch geprägt, dass man sich in einer gewissen Art und Weise vor anderen bloßstellen muss oder etwas doofes machen muss, was die anderen vor einem auch schon machen mussten. Besonders exemplarisch hier natürlich die Aufnahmerituale von Burschenschaften, in denen es meistens darum geht, so viel Alkohol in kurzer Zeit zu trinken, dass man dann eben einfach kotzen muss. Alternativ einfach die Wange hinzuhalten, während andere dir mit irgendwelchen Waffen vorm Gesicht rumwedeln. Also natürlich nicht offiziell, aber einen großen Anteil daran, dass das immer noch gemacht wird, hat’s dann eben doch.
Ähnliches auch bei Erstitagen an Unis. Ihr habt doch sicher auch schon von diesen Kleiderketten gehört, die Erstis an Marktplätzen gebildet haben? Wir haben jedenfalls direkt Bilder von komplett unbekleideten Student*innen vor Augen. Vielleicht fanden sie das ja auch wirklich cool, wir stellen aber mal die Hypothese auf, dass der vorherige Alkoholkonsum und die Gruppendynamik da auf jeden Fall auch eine ordentliche Rolle gespielt haben. Und wenn man dann die Erstitage im nächsten Jahr betreut, macht man mit dem Ritual wieder weiter, weil man musste da ja auch durch und hat es ja auch geschafft.
Und dann sind wir noch nicht mal bei der Marine angekommen, in der insbesondere rund um den Todesfall der Kadettin auf der Gorch Fock auch diverse unschöne Geschichten rund um die Aufnahmerituale ans Licht kamen.

Und an beiden Beispielen sieht man schön, was das Problem:
Eine bereits existierende Gruppe (“In-Group”) stellt Bedingungen auf, die die neuen erfüllen müssen, um dazuzugehören. Das ist Konservatismus in Reinform. 
Sicher, die neuen müssen bei diesem Vorsingen zum allergrößten Teil in gewisser Art und Weise aus sich raus, sich öffnen. Auch das ist insgesamt ein wichtiger Aspekt, um Vertrauen aufzubauen und so Mitglied einer Gruppe zu werden. Aber wird da fragwürdig, wo das nur einen Teil der Gruppe und eben nicht alle trifft. Robin ist Dienstältester, bei dem hat keine*r mehr mitbekommen, wie er live vor Ort gesungen hat. 

Und überhaupt ist das für einen modernen Profifußballclub, der Dinge hinterfragen will, “unestablished since 1910” sein will, wirklich angemessen noch in dieser Form zu agieren? Würden die Spieler das wirklich alle freiwillig machen, wenn sie sich in der Gruppendynamik nicht gezwungen fühlten? Ist es gut, etwas auszuwählen, was einige wirklich genießen und andere eben einfach richtig doof finden?
Und müssen wir dann auch noch Videos davon in den sozialen Netzwerken sehen?

Apropos soziale Netzwerke, bei einem der letzten Male war einige Zeit ein Video eines Spielers, der Xavier Naidoo sang, online. Nach Hinweis ob der Problematik war es dann relativ schnell wieder rausgenommen. Nun ist es Mickie Krause. Auch hier könnte man solche Situationen mit Liedern von Sängern, die nun wirklich weit von unseren Vorstellungen des FCSP weg sind, vermeiden.

Wir haben da andere Ideen

Das Ziel ist es doch , die neuen bestmöglich willkommen zu heißen und zu integrieren. Und da gibt es dann mindestens genauso gute Wege: Statt etwas zu nehmen, wo die Leistung hauptsächlich vom eigenen Talent abhängt, kann man sicher auch etwas finden, wo alle in gewisser Form aus sich rausmüssen, aber eben nicht die eigenen Gesangskünste (die mit Fußballspielen ja nun nur bedingt zu tun haben) im Mittelpunkt stehen. Statt einzelne aus der Gruppe rauszuholen, lasst die Leute in kleinen Teams was erarbeiten und das vorstellen. Da bringst du dann auch gleich noch “neu” und “alt” zusammen und förderst Kooperation. Und es gibt doch jetzt auch wieder einen Sportpsychologen im Verein. Der hat sicher auch noch ein paar Ideen oder kann an Menschen, die sich in Gruppendynamik und/ oder Pädagogik auskennen, verweisen.

Und wenn ihr es dann wirklich trotzdem weitermachen müsst, dann lasst das doch wenigstens mit den Videos sein.

Aug 312020
 

Liebe Lesenden

wir haben einen Sieger: Thees Uhlmann wird für den FC St. Pauli beim “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest“ antreten. Überrascht? Für viele war Thees sicherlich eh der Favorit. Aber lassen wir doch mal kurz das ganze Turnier Revue passieren.

Die Viertelfinals

Von Freitag, den 21. August, bis Montag, den 24. August, duellierten sich die acht Endrundenteilnehmer (bedauerlicherweise durchweg männlich). In der ersten Partie setzen sich die Glasgower von The Wakes souverän gegen das Hamburger Duo Swearing at Motorists mit 277 zu 125 Stimmen durch. Zugegeben, Folk Punk schien uns auch von vornherein leichter zugänglich als der lässige Zweipersonengroove von “St. Pauli ‘Til I Die”, für den das Turnier damit beendet war.

Es folgte das Duell, was nur einen Verlierer haben konnte: Thees Uhlmann trat im zweiten Viertelfinale gegen Talco an. Hach, einer muss ja rausfliegen. Und so waren es die Venezianer, die vorzeitig die Heimreise antreten mussten. Ihr knackiger Ska Punk mit italienischen Lyrics hatte nicht den Hauch einer Chance und musste sich mit 241 zu 670 Stimmen dem Hemmoorer Singer-Songwriter geschlagen geben. Da gab es sicherlich einige nassgeweinte Schultern – aber hey, Talco, immerhin nur gegen den Turniersieger verloren!

Nächste Begegnung: L.A.K. gegen The Pilgrims. Straßenpunk gegen Folk Rock. Und auch hier zahlte sich der Heimvorteil aus, L.A.K. machten keine Gefangenen und lösten mit einem deutlichen 346-zu-187-Sieg das Halbfinalticket. Für zweiten Glasgower des Turniers endete der Song Contest also schnell wieder. Vielleicht hatten unsere lesenden Hörer*innen einfach nicht die Geduld für den epischen Sechsminüter “The Fans of St. Pauli” samt Mundharmonika-Solo.

Und damit stand schon das letzte Viertelfinale an: Sibbe Rakete nahm es mit But Alive feat. OL an. Ein echter Underdog gegen ein Urgestein also. Und hier kam es zur knappsten Kiste des Turniers, denn But Alive feat. OL gewannen “nur” mit 295 zu 239 Stimmen. Sibbe Rakete griff noch selbst via Social Media in den Wettkampf ein, doch am Ende reichte es nicht für seinen halbakustikischen Melancholie-Punk in “Wochenendbeziehung”.

Die Halbfinals

Die beiden Halbfinals fanden am 26. und 27. August statt. The Wakes sahen indes gegen den späteren Gewinner kein Land und wurden von Thees Uhlmann mit seinem sentimentalen Schmachtfetzen mit 634 zu 121 Stimmen niedergewalzt. Und damit war Schluss für den letzte Vertreter aus dem Ausland, so schmissig der Folk Punk von “Pirates of the League” mit seinem liebenswürdigem Glaswegian-Akzent auch sein mag.

Im zweiten Semifinale begegneten sich L.A.K. und But Alive feat. OL. Hier konnten wir einen Zielgruppenunterschied feststellen, denn je nach Plattform fiel die Abstimmung unterschiedlich aus. Am Ende war es ein relativ knapper Sieg für L.A.K., die die Ex-Truppe von Markus Wiebusch mit “Sie war, sie ist, sie bleibt”, dem wohl ältesten Song des Contests, nach Hause schickte. 56 Stimmen machten schließlich den Unterschied, 316 zu 240 das Endergebnis..

Das Finale

Wir schreiben den 29. August: Was für ein Endspiel! Rotziger Punk gegen Rotz-und-Wasser-Melancholie. Drei Akkorde gegen vier Akkorde. Nachbarschaftsduell von der Einhundert-Platte. Oder wie jemand Schlaues sagte:

Und sollte tatsächlich an diesem Sonnabend ein Riss durch die Fanszene gehen? Tatsächlich. In den sozialen Medien tobte schnell eine waschechte Propagandaschlacht, ja fast schon ein schmutziger Krieg. Keine leichte Entscheidung, fanden auch einige Nutzer*innen.

Alle Parteinahme für L.A.K. alias “Lust auf Kunst” half jedenfalls am Ende nichts, der Schwiegersohn der Nation des Vereins durfte nach einer relativ deutlichen Abstimmung mit exakt 777 zu 376 Stimmen die Krone entgegennehmen. Tja, Thees, das heißt aber auch, dass du noch mal ranmusst. Wir sehen und hören uns in der Endrunde des “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest”, der in Kürze startet. Checkt dafür den MillernTon.

Allen Teilnehmenden vielen Dank! Das hat richtig Spaß gemacht.

PS: Wir haben hier noch das Abstimmungsverhalten von im Verein bekannten Menschen vorliegen. Die werden bei Gelegenheit selbstverständlich noch als Druckmittel zur Beschaffung von Informationen genutzt.

Aug 262020
 

In den letzten Tagen sind bei euch doch auch gerade die Dauerkarten eingetrudelt, oder? 

Habt ihr mal, liebe Leser*innen, auf die begleitende Rechnung geschaut? Wir schon. In der Rechnung sind 19 Prozent ausgewiesen. Dabei haben wir alle doch aus Presse, Funk und Fernsehen gelernt, dass zumindest für ein halbes Jahr nun der Umsatzsteuersatz 16 Prozent sein soll. Eine aufmerksame Leserin machte uns auf die Fragestellung aufmerksam und wir haben mal Menschen gefragt, die sich damit auskennen. Hier ihre Antwort:

Puh, so einfach ist das alles nicht. Beseitigen wir mal alle Klarheiten:

Zyniker*innen würden natürlich erstmal anmerken, dass Darlehen nicht der Umsatzsteuer unterliegen und wir das Geld ja sowieso alle zurück bekommen, weil wir nicht hin dürfen. Aber das ist nun ausdrücklich nicht Vertragsinhalt einer Dauerkarte.

Als Fan kann man sich jetzt natürlich sehr einfach auf den Standpunkt stellen: „Ist mir doch egal, welcher Steuersatz da berechnet wird, ich wollte 173 Euro für meine Dauerkarte zahlen, die hab ich bezahlt, alles gut.“ Und rein zivilrechtlich ist das auch richtig. Es ist wohl ein Preis inklusive Mehrwertsteuer vereinbart worden und eine Preisanpassung ist im Vertrag nicht vorgesehen. Die könnte aus Kulanz vielleicht erfolgen, aber da könnte als Fan ja schnell auch der solidarische Gedanke „dann hat der Verein halt ein paar Groschen mehr für sich“ Überhand nehmen. 

Leider kennt das Umsatzsteuerrecht aber einen ganz fiesen Paragraphen, nämlich § 14 c UStG, der vereinfacht sagt: „Wenn du Umsatzsteuer in deinen Rechnungen zu hoch ausweist, dann hast du die auch an den Fiskus zu zahlen.“ Hier könnte also der FCSP ggf. Geld verschenken, wenn er eigentlich 16 Prozent hätte ausweisen müssen für einzelne Spiele. Und dann würde der FCSP Geld verlieren. 

Daher ist das vielleicht doch ganz interessant. Denn wenn wir mal sechs Heimspiele vor dem Jahreswechsel annehmen und einen Betrag von 173 Euro brutto, dann wären das netto (=fließt dem Verein zu) 145,38 und bei 16 Prozent Umsatzsteuer für sechs Heimspiele 146,71 Euro. Klingt immer noch wenig, oder? Aber das sind bei 15.500 Karten schlappe 20.000 Euro. Und wer will schon 20.000 Euro wegen eines falschen Ausweises an das Finanzamt zahlen? Wohlgemerkt, dies gilt, wenn jede Karte 173 Euro kosten würde und dieser Preis ist ja eher das untere Ende der Preisspanne beim FCSP. Sprich: Wir sprechen hier garantiert nicht von der Leo-Ablösesumme, aber in Corona-Zeiten auch nicht um einen Betrag, der einfach so zu vernachlässigen ist. Ginge man von einem festen Nettobetrag aus (das wäre im Endeffekt die „ich will, dass der FCSP die Ersparnis weiter gibt“), dann ginge es um 1,54 pro Dauerkarte. Reicht nicht mal für ein Astra.

Sind noch Klarheiten übrig? Dann werden die nun beseitigt. 

Welcher Steuersatz ist denn nun richtig? Das ist so einfach gar nicht mal. Und so richtig Literatur findet man dazu auch nicht.

Welcher Umsatzsteuersatz gilt, ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Leistung. Sagt das Gesetz so einfach. Leistung ist das, was ihr bezahlt. Dies gilt auch dann, wenn die Leistung aus einzelnen Teilleistungen besteht und diese mit unterschiedlichen Steuersätzen belegt werden müssten. Unerheblich ist, wann eine Rechnung gestellt wurde, sagt das Gesetz weiter. Leistung ist das, was man mit seinem Geld erkauft. Bei einer Dauerkarte ist die Leistung der Eintritt an mehreren Tagen. Einfach ist es dann, wenn es sich um eine Dauerkarte für einen Freizeitpark oder so handelt und du in einer Datumsspanne halt XYZ mal da rein darfst. Dann sagt man, dass es keine trennbare Teilleistung ist und der letzte Tag des möglichen Eintrittes der Tag der Leistung ist. Beim FCSP ist das letzte Spiel irgendwann im Mai 2021, dann gilt wieder 19 Prozent (aller Voraussicht nach) und dann wäre die Rechnung richtig.

“Halt, halt!“ schreit das Steuerrecht. Ganz so einfach ist es nicht, denn wir haben ja Spieltage, die liegen zwar nur grob fest, aber immerhin so, dass man sie den Zeiten zuordnen kann. Dies könnten ja fest zugeordnete Teilleistungen auf die Dauerkarte sein, eine Trennung ist möglich, also 16 Prozent für sechs Spiele.

Eine Frage sollte man hier im Hinterkopf behalten: Wie fest sind denn Rahmenterminpläne in Zeiten von Corona?

Der Steuersatz hat sich zuletzt 2007 geändert und damals haben kluge Oberbehörden folgende Sätze als Interpretation (!) an ihre Rechtsanwender*innen abgesondert (für die Fachpraktiker*innen unter euch: Gefunden bei Beck-Online, Beispielhaft ist hier der Erlass des Finanzministeriums Nordrhein-Westfalen vom 29.08.2007 zitiert. Es gibt ziemlich gleichlautende Erlasse auch von anderen Behörden. Soweit ersichtlich gibt es aber keine Aufsätze oder Gerichtsentscheidungen zu dem Thema):

Die Überlassung einer Eintrittskarte, die zum Besuch mehrerer Sportveranstaltungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums berechtigt, ist stets als Dauerleistung anzusehen, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Leistungszeitraum ist dabei typischerweise eine Spielsaison. Dem Leistungsempfänger[*in] kommt es regelmäßig darauf an, alle im Leistungszeitraum stattfindenden Spiele besuchen zu können. Ob die Anzahl der Spiele einer Saison zum Zeitpunkt des Erwerbs der Karte bereits feststeht oder ob diese variabel ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § 12Abs. 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Diese Dauerleistung kann jedoch in Teilleistungen erbracht werden. Die Annahme von Teilleistungen setzt gem. § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG voraus, dass einem bestimmten Teil der wirtschaftlich teilbaren Leistung ein gesondertes Entgelt zugeordnet werden kann.

In den Fällen, in denen die Anzahl der Spiele, zu deren Besuch die Karte berechtigt, nicht feststeht, ist dies nicht möglich. Daher scheidet die Annahme von Teilleistungen für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeit des Entgelts aus. Der Umsatz wird erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Bei Dauerleistungen aus dem Verkauf von Karten, die zum Besuch einer feststehenden Anzahl von Spielen berechtigen, ist die in § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG geforderte Zuordnung jedoch möglich, falls gesonderte Entgeltvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen werden. Als Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist es insbesondere auch anzusehen, wenn in einer vor dem 1. 1. 2007 erteilten Rechnung das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben wird (vgl. BMF v. 11. 8. 2006 IV A 5 – S 7210 – 23/06, BStBl. I S. 477, Abschn. 3.3). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei anhand der Anzahl der Spiele zu erfolgen.

Wenn man das so auseinander dividiert, steht da, dass man theoretisch in Teilleistungen aufteilen kann und diese mit unterschiedlichem Steuersatz abrechnen kann, WENN denn eine fest bestimmte Anzahl an Spielen in der Dauerkarte umfasst ist und geteilt abgerechnet wird. Die geteilte Abrechnung wäre natürlich möglich gewesen, stellt sich die Frage, ob eine feste Spieleanzahl festgelegt ist.

Etwas einfacher zu verstehen ist vielleicht die Verfügung der OFD Frankfurt (26.01.2007) zum gleichen Thema:

Auswirkungen auf den Verkauf von Dauer- bzw. Jahreskarten

Sportvereine geben Dauer- bzw. Jahreskarten heraus, die für einen gewissen Spielzeitraum (z. B. 1. 7. bis 30. 6. eines Jahres) die Eintrittsberechtigung für Heimspiele des Vereins beinhalten.

Das Entgelt ist im Voraus zu entrichten, unabhängig davon, wie viele Spiele der Erwerber der Karte tatsächlich besucht.

1.1 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt nicht fest

Die Überlassung der Eintrittskarte stellt eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Der Umsatz wird jeweils erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Die Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § USTG § 12 Abs. USTG § 12 Absatz 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Die Annahme von Teilleistungen scheidet für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeiten des Entgelts aus.

1.2 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest

Die Überlassung solcher Dauerkarten stellt ebenfalls eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird.

Liegen jedoch die Voraussetzungen des § USTG § 13 Abs. USTG § 13 Absatz 1 Nr. 1a Satz 3 UStG vor, kann diese Dauerleistung in Teilleistungen erbracht werden, soweit gesonderte Entgeltsvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen wurden.

Demnach ist für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2006 entfällt, der Steuersatz von 16 % und für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2007 entfällt, der Steuersatz von 19 % maßgeblich.

Eine Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist auch gegeben, wenn vor dem 1. 1. 2007 eine Rechnung erteilt wurde, in der das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben ist (z. B. für Teilleistungen bis zum 31. 12. 2006 und ab dem 1. 1. 2007). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei linear anhand der Anzahl der stattfindenden Spiele zu erfolgen.

„Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest“ ist die Überschrift und erneut die entscheidende Frage.

Wie ist es denn beim FCSP geregelt? Und wenn man in die ATGB des Vereines guckt, dann steht da folgendes:

Eine Dauerkarte oder eine Jahreskarte Steh Süd („Dauerkarten“) berechtigt den Kunden grundsätzlich, diejenigen Heimspiele des Clubs im Stadion zu besuchen, für die er ein Besuchsrecht erworben hat. Der Kunde erwirbt ein Besuchsrecht für 17 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der Bundesliga oder 2. Bundesliga) bzw. 19 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der 3. Liga).

https://www.fcstpauli.com/tickets/ticket-infos/atgb/

Das ist dann wohl doch ziemlich eindeutig und heißt, dass der FCSP hier wohl auf Teilleistungen hätte aufteilen können und 20.000 Euro plus X hätte sparen können. Wäre das den Aufwand wert gewesen? Keine Ahnung.

Auch bleiben noch Zweifel, die wir nicht wirklich klären können:

Im Zeitpunkt der Bestellung stand ja noch nicht mal der Rahmenspielplan. Insofern kann man daran zweifeln, ob die „Anzahl der Heimspiele im Erwerbszeitpunkt“ wirklich feststand. Dieser wurde erst am 07.08.2020 veröffentlicht und wir wissen natürlich nicht, wann den Vereinen bekannt war, wann sie wo und wie spielen. Die Rechnung unserer Beispieldauerkarte trägt das Datum 25.06.2020, also vor dem öffentlichen feststehen. Man kann dann natürlich argumentieren, dass der Zeitpunkt eben nicht feststand, dann wieder der letzte Tag gilt und daher durchgängig 19 Prozent Umsatzsteuer richtig ist.

Klar hätte man es mit einer späteren Rechnungslegung und einer Trennung in der Rechnung als FCSP drauf ankommen lassen können und erstmal nur 16 Prozent für die sechs Heimspiele abführen können. Anscheinend hat man sich entschieden, dass das gesparte Geld den Aufwand nicht wert ist. Was vielleicht auch richtig ist. Denn die Umsatzsteuerprüfung des Finanzamtes kommt bestimmt und dann wäre so etwas immer Thema gewesen. Und das kostet Zeit, Geld (Berater*innen) und Nerven. 

Lange Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich hättest du 16 % für 6 Heimspiele versuchen können, ob es sich wirklich gelohnt hätte, sei mal dahin gestellt. 

In diesem Sinne:

Prost!

Aug 212020
 

Liebe Freund*innen der gepflegten Klangkunst,

Fußball ist ein Ergebnissport. (“GRUNZ“, freut sich das gierige Phrasenschwein.) In unser aller Lieblingssport geht es nicht um Geschmack, sondern um Zählbares. Keine Jury kürt das siegende Team eines Spiels, das machen allein die Tore. Ob’s uns gefällt oder nicht.

Ganz anders ist es in der Welt der Musik. Erlaubt ist, was gefällt. (“GRUNZ!”) Und dennoch hält das viele Menschen auf der Welt nicht davon ab, Musikerzeugnisse in einen Wettbewerb gegeneinander zu schicken. Den meisten von euch sagt vermutlich der Eurovision Song Contest etwas. Ein bisschen in der Tradition dieses schaurigschönen Wettstreits um die Musiker*innenkrone der Popmusik hat es sich der MillernTon auf die Fahnen geschrieben, das beliebteste Fanlied der Bundesrepublik zu küren. Bei den Kolleg*innen heißt das “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest” (#GPdlVSC). Und weil der Bums nach Möglichkeit die schönsten Lieder aller 55 Vereine der ersten drei Ligen des Landes umfassen soll, ist das ein ganz schön aufwendiges Vorhaben. (IHR SEID DOCH BEKLOPPT!)

Jetzt kommen wir ins Spiel.

Wir führen nämlich den regionalen Vorentscheid für den FC St. Pauli durch. In einem ersten Schritt haben wir bereits invölliger Willkür einem intransparenten und herzlich undemokratischen Verfahren acht Song-Kandidaten ermittelt. 

Nun seid ihr gefragt, liebe Lesenden und Follower*innen!

Im Rennen sind also:

  1. L.A.K. – Mehr als Fußball
  2. Thees Uhlmann – Das hier ist Fußball
  3. Talco – St. Pauli
  4. The Wakes – Pirates of the League
  5. The Pilgrims – The Fans of St. Pauli
  6. But Alive feat. OL – Sie war, sie ist, sie bleibt
  7. Sibbe Rakete – Wochenendebeziehung
  8. Swearing At Motorists – St. Pauli Till I Die

Acht Kandidat*innen, das klingt gleich nach Viertelfinale, nech? Riiiiiichtig. Die Paarungen der brandheißen Duelle stehen bereits – und ihr werdet darüber auf unseren einschlägigen Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram) abstimmen. Also demokratischer als die meisten Sportwettbewerbe war’s dann doch, wir waren höchst offiziell im Fanladen und eine Hoschi-Losfee hat folgende Begegnungen gezogen: 

Viertelfinale: Freitag, 21. August, bis Montag, 24. August

Viertelfinale 1, Freitag, 21. August: The Wakes – Swearing at Motorists
Viertelfinale 2, Sonnabend, 22. August: Thees Uhlmann – Talco
Viertelfinale 3, Sonntag, 23. August: L.A.K. – The Pilgrims
Viertelfinale 4, Montag, 24. August: Sibbe Rakete – But Alive feat. OL

Halbfinale: Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August

Halbfinale 1, Mittwoch 26. August: Sieger VF 1 – Sieger VF 2
Halbfinale 2, Donnerstag 27. August: Sieger VF 3 – Sieger VF 4

Finale: Sonnabend, 29. August

Sieger HF 1 – Sieger HF 2

Der Ablauf

Wir werden jeden Tag morgens (irgendwann zwischen 7 und 9, so grob) über Twitter, Facebook und Instagram Umfragen starten, an denen ihr dann bis Mitternacht teilnehmen könnt. Am Ende des Tages zählen wir dann die Stimmen zusammen und ermitteln so die Sieger*innen. Menschen, die uns entsprechend auf verschiedenen Kanälen folgen, haben 3x so viele Stimmen. Höchst demokratisch, sagten wir doch!

Verstanden?

Wir gehen mal davon aus, dass der Modus so weit klar ist. Also checkt ab Freitag laufend unsere Social-Media-Kanäle und stimmt ab!

Möge das beste Lied gewinnen!

Aug 032020
 

Verein und Fanladen haben am Freitag ein Positionspapier “Neuer Fußball” als Resultat der AG “Neuer Fußball” veröffentlicht. 

Wir können uns dem Papier inhaltlich allergrößtenteils anschließen, von wenigen unscharfen Formulierungen und einigen vielleicht zu vagen Passagen abgesehen. Es ist viel wichtiger, etwas in Bewegung zu setzen, auch wenn es hier und da Diskussionsbedarf nach sich zieht, als sich viel zu lange an Kleinigkeiten aufzureiben, damit das Ergebnis möglichst makellos würde.

Unsere Sicht auf das Positionspapier

Einiges mussten wir mehrfach lesen, wie z.B. “Privatisierung der Gewinne aus dem Fußballgeschäft“ vs. „Vergemeinschaftung der Kosten zulasten der Steuerzahler*innen“, gemeint ist hier in unserem Verständnis, dass Gewinne gerne mal an einige wenige fließen – beispielsweise in Form von hohen Prämien bei Gewinnen. Oder auch an mehrere in Form von Dividenden an Aktionär*innen. Wenn’s dann aber finanziell nicht so gut läuft, bezahlt die Sozialgemeinschaft gerne mal Stadien (Gruß nach Kaiserslautern) oder bürgt gleich für einen Verein, der sich selbst als „ganz normales Wirtschaftsunternehmen“ bezeichnet (Gruß nach Gelsenkirchen).

Einiges liest sich auf den ersten Blick komisch, bei „Externe Zuflüsse ohne entsprechende Gegenleistungen, wie Stimmenmehrheiten, sollen vermieden werden“ fehlt vermutlich noch mal der direkte Bezug zu 50+1 als sowieso unumrüttelbarer Eckpfeiler.

Gerade im Bereich „Risikomanagement“ wäre es aus unserer Sicht total geschickt gewesen, etwas tiefer einzusteigen. Da ja dieser Bereich gerade zum Problem für uns alle geworden ist – und da wäre dann auch die explizite Lösung über Rücklagenbildung aus unserer Sicht gut gewesen.

Schade aus unserer Sicht ebenso, dass das Thema “Mitglieder in Vereinen” nur recht oberflächlich betrachtet wurde, auch da hätte es noch Potential gegeben, einmal, um die absurden Konstrukte wie in Leipzig abzuwatschen, andererseits weil es da auch noch mehr Themen gegeben hätte, die man gerade als FC St. Pauli auch mal lautstärker in den Ligenverbund treiben könnte.

Und zum ganzen Komplex “Fernsehgelder” & gerechterer Verteilung kommt hier demnächst auch noch mal so ein bisschen mehr hier im Blog. Es sei so viel gesagt, dass “immer mehr Geld reinbuttern, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt” auf jeden Fall nicht klappt. Irgendein Scheich, der das dann ganz schnell wieder verdoppelt, findet sich nämlich überall. Und auch: Dass Kalle und Uli da gerade so viel über Reformideen im Bereich Fernsehgelder schimpfen ist auch nur davon geprägt, dass die realisieren, dass sie Teil einer kleiner werdenden Gruppe sind, die den Status Quo gut finden & beibehalten wollen. Auffällig und gut, dass sich eben auch andere Mitglieder des DFL-Präsidiums, welches über die Fernsehgelder entscheidet, sich schon sehr explizit für eine Reform ausgesprochen haben. Und diese Entscheidung wird aus unserer Sicht eine wirklich wegweisende werden.

Wer ist die AG ”Neuer Fußball”?

Allerdings möchten wir mal ein anderes Thema beleuchten, welches uns in der Entstehungsgeschichte aufgefallen ist. Das legt jetzt so ein bisschen den Finger in die Wunde, sollte aber gerade im Kontext der inhaltlichen Forderungen des Papiers auch nicht außer Acht gelassen werden.
Die AG „Neuer Fußball“ besteht aus ”Vertreter*innen der organisierten Fanszene und des Fanladens“, so lesen wir in dem Begleittext zu dem veröffentlichten Papier. Und genau hier wollen wir ansetzen:

Rund um den FCSP gibt es eine Vielzahl von Initiativen, Bündnissen und Gruppierungen, die wir irgendwann in diesem Blog mal versucht haben, transparent aufzulisten, und dann ehrlicherweise daran gescheitert sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich rund um den FCSP eine Vielzahl von Gruppierungen gibt, die sich mal öffentlicher darstellen und in anderen Fällen eher nicht bekannt sind. 
Sei es nun das (mittlerweile eher inaktive) Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus, der AK Refugees Welcome oder das Netzwerk Gegengerade, der Fanclubsprecherrat oder der Ständige Fanausschuss.

Gemein ist diesen Aufgezählten, dass es eine direkte Möglichkeit gibt, diese jeweiligen Gruppierungen per Mail oder anderweitig zu kontaktieren und man sich auf den verlinkten Seiten zumindest einen ersten Überblick über diese machen kann.

Die AG ”Neuer Fußball” tritt zum ersten Mal im Kontext des veröffentlichten Positionspapiers auf und war zumindest uns bisher nicht explizit öffentlich bekannt. Eine Google-Suche zu “AG Neuer Fußball” führt dann als erstes in die Vorstadt, aber das ist noch mal eine andere Geschichte. 

Wir wissen nun, dass diese AG teilweise über den Fanladen koordiniert wird (das steht da) und dass der Ständige Fanausschuss (STFA) involviert ist (das wurde uns auf Nachfrage mitgeteilt). Ebenso wissen wir, dass sich die Teilnehmer*innen über genau diese Wege durch Ansprechen zusammengefunden haben. 

Was aber auch aufzeigt, wer unseres Verständnisses nach nicht stark involviert war: der Fanclubsprecherrat (FCSR) – als gewählte Vertretung der Fanclubs. Oder sie waren es und stehen dann aus unbekannten Gründen nicht als Unterzeichner*innen mit dabei. Vereinseitig war das Präsidium involviert, es fehlen in der Aufzählung: der Aufsichtsrat und die AFM als Vertreterin der passiven (zumeist fußballschauenden) Mitglieder.

Wie sagte eine kluge Person kürzlich: “Fanvertretungen beim FCSP kann man nur abendfüllend erklären”. Oder könnt ihr uns auf Anhieb erklären, was den FCSR vom STFA unterscheidet? Wer eigentlich alles gerade als Person bzw. als Gremium im STFA sitzt? Und wie man da reinkommt? Und wenn man reinwill, müssen die existenten Mitglieder zustimmen. Das hat sicher gute Gründe. Birgt dann aber eben auch Probleme. Ein paar Infos gibt’s oben auf der verlinkten Seite, mehr dann aber auch nicht. Und klar kann man wie beschrieben den Fanladen fragen – aber gerade in den letzten Wochen musste man bedingt durch Corona dazu eben ‘ne Mail schreiben oder das Telefon in die Hand nehmen, und konnte nicht mal ebenso auf eine Spezi vorbeikommen. Das ist ein Hürde für Menschen, das dürfen wir hier einfach nicht vergessen.

Nun gibt es mit Sicherheit Menschen, die sich zur aktiven Fanszene des FCSP zählen würden (was ja nun mal auch keine Mitgliedschaft ist, die man sich durch ein Aufnahmeritual erwirbt, sondern eine heterogene Gruppe von Menschen), die bis heute nichts von dieser AG und diesem Reformpapier gehört haben. Die aber interessiert gewesen wären, mitzuarbeiten – und die wahrscheinlich auch kluge Inhalte beizutragen gehabt hätten. Diese konnten sich aber nicht beteiligen, und das ist doof.

Das Maß zwischen offener Diskussion und “Überraschungseffekt”

Es ist klar, dass eine Debatte über “Neuen Fußball” in der aktuellen politischen Lage rund um den Profifußball nicht komplett öffentlich geführt werden kann. Die Veröffentlichung des Papiers kurz vor der DFL-Mitgliederversammlung ist mit Sicherheit bewusst gewählt. Stichwort: Überraschungseffekt.
Und wenn man diesen erreichen will, kann man natürlich auch nicht zu einer öffentlichen (Zoom-)Veranstaltung namens “DFL & DFB reformieren: Wo würdet ihr ansetzen” einladen. Und natürlich werden solche Diskussionen mit mehr Menschen auch immer aufwändiger und man muss ein gutes Maß zwischen “arbeitsfähig sein” und “möglichst viele mitmachen lassen” finden. Aber ein gewisses Geschmäckle von “Hinterzimmerentscheidung” bleibt hier.

Aber gibt es nicht einen Zwischenweg? 

Im Mai hat z. B. eine Onlineveranstaltung der “(M)ein Verein”-Reihe zum Thema Geisterspiele stattgefunden. In dieser wurde über die Arbeitsgruppe berichtet und in verschiedenen Kleingruppen dazu diskutiert. Wir haben teilweise auch an dieser Veranstaltung teilgenommen. In einigen Kleingruppen ging es dann explizit um das hier besprochene Positionspapier, in anderen stärker um die grundlegende Situation rund um die Geisterspiele. Die Veranstaltung war nicht öffentlich beworben, sondern Menschen wurden persönlich eingeladen. Solch eine Veranstaltung wäre aber doch ein tolles Mittel gewesen, eine breitere Basis der Fans und Mitglieder rund um den Verein über diese Gruppe zu informieren, und auch expliziter zur Mitarbeit aufzurufen. 

Weitere Ideen, die uns so auf die Schnelle kommen: Nutzung des FCSR-Verteilers, um die Fanclubs direkt anzusprechen. Einladungen zu (Online-)Veranstaltungen um Teilaspekte zu besprechen und ggf. hieraus Mitwirkende zu akquirieren. Ansprechen der anderen aktiven Gruppierungen und AKs, ob es dort Interesse an der Mitarbeit gibt. Hinweis auf die Arbeitsgemeinschaft im Blickpunkt sowie die Kontaktmöglichkeit angeben. Einbeziehung weiterer gewählter Gremien z. B. Aufsichtsrat und AFM. 

All dies betrachten wir auch im Kontext der Forderung, die sich im Papier selbst wiederfindet:
“Der Fußball mit seiner Geschichte und den damit verbundenen Werten ist untrennbar mit dem Grundgedanken eines eingetragenen Vereins verbunden. Nur in dieser durch Mitglieder gestalteten Vereinskultur konnte der Fußball zu dem werden, was er größtenteils in Deutschland heute noch ist. Wenn wir von den wenigen Vereinen absehen, die dieses Prinzip umgehen, ist es auch heute noch die von der überwiegenden Mehrheit gelebte Praxis.
Das zentrale Element in einem Verein sind die Mitglieder. Nur wenn die Mitgliedschaft im Verein für alle bezahlbar ist, gibt es die Möglichkeit eines echten Vereinslebens, welches nicht nur formales Alibikonstrukt ist. Eine realistische Möglichkeit zur Mitbestimmung und Teilhabe eines jeden Mitglieds muss daher verpflichtender Inhalt des Lizenzierungsverfahrens und sogar bonifiziert werden, da das demokratische Wesen eines eingetragenen Vereins als Arbeit an der Gesellschaft wertzuschätzen ist”.
 (Hervorhebungen durch uns)

Gut sind diese Forderungen in jedem Fall. Und gerade deswegen finden wir es wichtig, auf den Bruch zwischen Forderung und eigenem Vorgehen bei der Erstellung des Papiers hinzuweisen: Wenn wir von Vereinen reden, dann reden wir in erster Linie von Mitgliedern. Diese waren hier nur indirekt über das Präsidium repräsentiert. Und klar: Viele der Mitwirkenden in der AG sind sicherlich auch Vereinsmitglieder. Aber eben nicht durch diesen als Mitarbeitende demokratisch legitimiert. (Und klar ist das Präsidium demokratisch legitimiert, aber dann hätten sie ja das Papier auch alleine schreiben können.)

Welche Möglichkeit zur Teilhabe hatten in diesem Fall Vereinsmitglieder, die nicht die richtigen Leute kennen bzw. von diesen gekannt werden?

Und wer spricht dann wieder?

Für Montag 16:00 Uhr ist laut NDR eine Pressekonferenz angesetzt, in der auch noch mal weitere Einblicke gewährleistet werden sollen.

Und wer spricht für den Verein? “Präsident Oke Göttlich, der Fanbeauftragte Sven Langner und Henning Rennekamp”. 

Wer spricht nicht? Die ebenfalls am Prozess beteiligten Frauen. Es mag gute Gründen dafür geben. Doof ist das trotzdem.

Schulle sagte gestern bei der Pressekonferenz vorm Trainingsstart, dass er “ständige Weiterentwicklung und mutig sein” von den neuen Co-Trainer und von den Spielern erwarten. Und wenn er “das ganz groß aufziehe, dann sollten wir das vom ganzen Verein erwarten“.

Wir als Kollektiv erwarten diese ständige Weiterentwicklung, auch und gerade in diesem Bereich. Und wir hören nicht auf, auf diese Themen hinzuweisen, bis sowas dann eben einfach nicht mehr passiert.

Unser Fazit

Eine immer wieder genannte Hürde, die Leute von mehr Engagement im Verein abhält ist, dass es für einzelne schwierig sei, das Konstrukt FCSP zu verstehen und nachzuvollziehen, wer wofür zuständig ist, und wie man hier “reinkommt”. Gerade im Kontext von Mitbestimmung und Partizipation ist es immens wichtig, diese bestehenden Hürden abzubauen und Menschen die Beteiligung so einfach wie möglich zu machen. Wenn wir das in dem Positionspapier von anderen fordern, dann sollten wir als Verein da als allererstes bei uns selbst beginnen.

Hinterher ist man immer schlauer, auch das ist klar. Deswegen versteht das bitte auf keinen Fall als Kritik an den einzelnen beteiligten Personen. Sondern vielmehr als Denkanstöße für uns alle, wie wir diesen “Neuen Fußball” auch im FCSP noch stärker leben können. Und dazu gehört es dann auch lange bestehende Konstrukte zu hinterfragen, Sachen anzusprechen, die nicht ideal laufen, und eben auch mal den Finger in die Wunde zu legen. 

Zu allerletzt: Vielen Dank an alle Beteiligten! Es ist gut und wichtig, dass der FCSP sich zu diesem Thema äußert und klare Position bezieht.

Unser Tag wird kommen.

Jul 122020
 

oder: Wir haben einen Trainer

Sonntagmorgen, ausgeschlafen, Kaffee im Bett – und die FCSP-Timeline dreht durch: Der Verein meldet tatsächlich eine Entscheidung bei der wochenlangen Suche nach einem neuen Cheftrainer. Aber mal ehrlich: Glaubt ihr, die hätten in den Wochen nur Däumchen gedreht? Es las sich teilweise danach. Der neue Mensch an der Seitenlinie heißt jedenfalls Timo Schultz und ist ein mehr als guter alter Bekannter. Aber wem erzählen wir da etwas Neues! Schließlich fiel der Name schon diverse Male in den vergangenen Wochen. Ein Paukenschlag ist Schulles Cheftrainerposten nicht.

Die Loide vom Millernton waren die ersten Streber*innen, die ausführlich zu der Neubesetzung geschrieben haben. Es wurde schon alles gesagt, nur nicht von uns? Fast, aber ein paar eigene Gedanken haben wir aber natürlich dazu.

Zunächst einmal: Herzlich willkommen auf der Cheftrainer*innen-Bank, Schulle! Wir finden dich gut, wir freuen uns auf dich, wir glauben an dich. Wir wollen mit dir aufsteigen und international spielen, bescheiden wie wir sind.

Man könnte jetzt viel Wasser in den Wein kippen. Ist Schulle nur zweite (oder dritte oder vierte) Wahl gewesen und hat aus reiner Not den Zuschlag bekommen? Natürlich möglich, wissen wir nicht. Dürften aber viele so interpretieren. Wird aber keine*n mehr interessieren, wenn sich Erfolg einstellt. Daran – und vor allem daran – sollte der neue Cheftrainer gemessen werden. Seht es uns nach, aber nach den vergangenen Kacksaisons ist uns “schöner Fußball” scheißegal. Wir sollten nicht so tief da unten stehen. Wir haben besseres zu tun als Abstiegskrampf. Also muss Zählbares oberste Prämisse sein. Zugegeben, auf faires Verhalten gegenüber Spielern und eine einigermaßen vernünftige Darstellung nach außen legen wir wert. Aber da wir Schulle schon eine Weile kennen, machen wir uns darüber keine Sorgen.

Und Loide, jetzt mal ehrlich: Gerade wenn sich Schulle gegen die vier, fünf anderen Kandidat*innen durchgesetzt hat, spricht das doch für sich. Für uns heißt das: Man hat sich sorgfältig umgeguckt und dann guten Gewissens für diese Variante entschieden. Und nicht – wie es mitten in der Saison der Fall ist – auf die Verlegenheitslösung zurückgreifen müssen.

Nothing to lose

Ein Eigengewächs also. Die Nachteile liegen auf der Hand: Timo Schultz hat nicht zig Jahre Erfahrungen als Trainer im Profifußball und kein großes Netzwerk außerhalb des Vereins. Er muss schauen, wie er seinen ganz eigenen Weg mit der Mannschaft findet. Wer den ganzen Bums schon seit langer Zeit kennt und mitbegleitet, scheut sich vielleicht auch mehr als Leute von außen vor unpopulären Entscheidungen, um lange gepflegte Beziehungen nicht zu belasten. Das kennen sicherlich viele von euch aus dem eigenen Berufsleben. Ein*e Aufsteiger*in aus den eigenen Reihen wird immer mit anderen Maßstäben gemessen als jemand, der*die von außerhalb kommt und einen großen Erfahrungsschatz mitbringt. 

Und dann ist da noch die Eigendynamik des Profifußball-Trainer*innendaseins: Schulles Entscheidung, die Beförderung anzunehmen, ist damit auch die erklärte Bereitschaft, sich hier die Finger zu verbrennen und es sich mit dem gesamten FC St. Pauli zu verscherzen. Unser Cheftrainer*innenposten ist ja nun in den vergangenen Jahren nun wirklich kein bequemer Sessel gewesen. Allzu viel Geduld bei Erfolglosigkeit kann Timo Schultz nicht erwarten. Aber das ist Berufsrisiko als Fußballtrainer*in, relativ egal wo.

Wir glauben jedenfalls, dass Schulle als Chefcoach eine gute Idee ist. Als Grund gehört auch dazu, das muss man mal so knallhart sagen, dass es da keine wesentlich bessere Alternative gibt. Nun kennen wir natürlich nicht jeden Namen, der jemals irgendwo auf irgendeiner Liste stand. Aber dass es seit der Trennung von Luhukay eine Weile bis zur Verkündigung des Nachfolgers gebraucht hat, sagt einiges aus. Und das kann natürlich daran liegen, dass der Trainer*innenposten bei uns – nach der Historie der letzten Jahre – auch schon mal attraktiver war. Dafür liefen die vergangenen Jahre zu mies. Andererseits: Es gehen auch immer noch Leute als Trainer zum H$V. Uns das ist sowieso und immer unattraktiv. Mancher hat sich hier schon die Zähne ausgebissen, um es milde auszudrücken. Und da hat Schulle als Mensch mit langjähriger FCSP-Erfahrung den deutlichen Vorteil, dass alle wissen, worauf sie sich einlassen. Für Schultz ist das Risiko höher als für den Rest des Vereins. Und dabei wollen wir auch nicht aus den Augen lassen, dass der Vizepräsident, der in den letzten knapp sechs Jahren für das Sportliche zuständig war, jetzt seit zwölf Tagen nicht mehr da ist. Und somit auch eine Stimme fehlt, die die letzten Entscheidungen prägte. Und dass das aber eben auch heißt, dass das der sechste Trainer unter Oke ist. Wir sagens mal so: Die Chancen auf eine Wiedernominierung (wenn er es denn selbst will) steigen nun nicht unbedingt, wenn der Trainer jetzt floppt.

Kein Allheilmittel, aber wir freuen uns trotzdem

Fußballfans neigen dazu, sehr viel an der Personalie des*der Trainer*in festzumachen. Womöglich wird diese Position manchmal sogar überbewertet. Der Einfluss ist dann eben doch begrenzt, denn an Faktoren wie den individuellen Eigenheiten der Spieler und speziellen Strukturen im Verein kann er*sie auch nicht alles ändern. Und so sollte sich niemand die Hoffnung machen, dass jetzt alles ganz anders wird. Stichwort Kaderplanung, damit steht und fällt die neue Saison. Und machen wir uns nichts vor: Die Kaderplanung wird die letzten Wochen vorangeschritten sein, wenn man denn ein sportliches Konzept hat. Das scheint man zu haben – wir nennen es mal aktiver Offensivfußball. Auf jeden Fall: Mit diesem Konzept wird man parallel nach Trainer und Spielern gesucht haben und nicht jetzt erst mit der Spielersuche beginnen.

Aber: Die Freude und die Zuversicht in der Fanszene sind unübersehbar. Ganz überwiegend steht das Umfeld des FCSP dieser neuen Konstellation positiv gegenüber. Und verdammtnochmal, das brauchen wir jetzt auch! Lasst uns noch mal kurz festhalten, wo wir uns gerade befinden: Nach einer weiteren wirklich miesen Saison (Ausnahmen – DERBYSIEGE!!! – werden nicht vergessen) stecken wir noch immer tief in der Coronakrise. Das ist niederschmetternd für uns als Fans, das ist aber auch nicht zuletzt für die Gesundheit des Vereins von einschneidender Bedeutung. Da werden keine Fuffis in den Club geschmissen. (Auch das kann ein Argument für eine elegante interne Lösung bei der Neubesetzung des Trainer*innenpostens sein.) Bis wir wieder ins Stadion können und sich Fußball wieder so anfühlt, wie wir es gewohnt sind, wird noch viel Wasser die Elbe herunterfließen.

So, und jetzt haben wir mit Schulle als Cheftrainer eine Lösung, die sich viele so gewünscht haben. Neunmalkluge Fußballexpert*innen wissen vielleicht schon ganz genau, ob das für den sportlichen Erfolg die allerbeste Idee war oder was man hätte anders machen können. Wir jedenfalls freuen uns und sind guter Hoffnung, dass es zumindest nicht schlimmer wird. Forza!

PS: Schulle hat als U19-Trainer zwei Derbysiege gegen den H$V eingefahren. HAMBURG BLEIBT BRAUN-WEISS!
(Über das andere Spiel verlieren wir einfach kein Wort.)