Feb 252020
 

Ja, ihr werdet uns nun vorwerfen, dass dies das „übliche Genörgel“ ist, aber wir müssen bei aller Derbyeuphorie sowohl sportlich als auch in Fanbelangen Wasser in den Wein schmeißen [schütten wäre wohl das passendere Wort, aber wir lassen das mit dem Schmeißen mal so stehen]. Außerdem mögen wir Weinschorle. Nur deswegen fahren wir noch nach Heidenheim.

Sportlich: Zwei Gesichter

Wir haben gegen die „großen Drei“ (Bielefeld, Stuttgart, Volkspark) von möglichen 18 Punkten 11 geholt. Das ist eine Quote von 1,83 Punkten pro Spiel. Gegen die „kleinen 14“ haben wir aus bisher 15 Punkte in 17 Spielen geholt. Macht eine Quote von 0,88. Während letzteres ein klarer Abstiegskurs ist, würden wir gegen die großen Drei über eine Saison gerechnet 62 Punkte holen. Nur mal so: Stuttgart ist diese Saison etwas besser, die Volksparkler ein bisschen schlechter als 1,83 Punkte pro Spiel.

Torverhältnis gegen die “großen Drei” ist nebenbei 10:4, gegen den Rest der Liga 18:25. Und auch nebenbei lagen wir in jedem dieser 6 Spiele zwischenzeitlich in Führung, haben dann noch verloren (Stuttgart Hinspiel) und unentschieden gespielt (Stuttgart Rückspiel, Arminia Hinspiel). Ebenso der Vollständigkeit halber: All diese entscheidenen Gegentore fielen dann in der 90. Minute (Arminia Hinspiel), 60. (Ausgleich) & 90. (Führung) Minute (Stuttgart Hinspiel) und 81. Minute. Ihr erkennt sicherlich gewisse Tendenzen bzgl. des “über die Zeit bringen”.

Man könnte auch sagen: Wenn wir so wie gegen die großen Drei immer spielen würden, dann würden wir um den Aufstieg mitspielen. Und wenn wir solche Spiele dann auch über die Zeit bringen würden, dann wären wir quasi schon Europacupsieger*innen. Also quasi.

Klar, das ist alles auch ein bisschen zufällig, weil es z.B. keine wirkliche Abgrenzung der ersten drei Plätze zum Rest der Liga gibt und auch „small sample size“ bei insgesamt 6 Begegnungen eine Rolle spielt. Es zeigt aber schon eine kleine Tendenz. 

Ziehen wir erstmal das positive aus dieser Beobachtung

Wir können grundsätzlich in dieser Liga mithalten, wir haben taktische und fußballerische Mittel um „die Großen“ zu schlagen. Kein Verein in dieser Liga ist uns komplett überlegen und wir können anscheinend eine schwer zu bespielende Truppe auf den Rasen stellen. 

„Fußballerische Mittel“ spricht hier nebenbei ausdrücklich nicht von spielerischen Mitteln. Denn z.B. in beiden Derbys waren doch schon von einer spielerischen Überlegenheit des Gegners geprägt, die halt mit Lauf und Kampf ausgeglichen wurden. Das erkennen auch die Spieler selbst, hier sei exemplarisch James in der 11Freunde zitiert: ”Zu Beginn hatte der HSV einen Einwurf, ihr Stürmer sollte den Ball mit der Brust annehmen, doch ich ging dazwischen und köpfte ihn weg. Der Stürmer sah mich verdutzt an, da machte ich ihm klar: ‘Oh yeah. So wird das hier laufen. Ich bin da — und ich werde das ganze Spiel da sein.’ So waren wir alle drauf. Wir kämpften um jeden Ball.“

Aber warum geht das nicht immer?

Die Analyse fällt schwer. Es gibt zumindest keine statistischen Auffälligkeiten, die nun ein sofort ins Auge springendes Muster zeigen würden. Es ist nicht so, dass wir nun gegen die großen Drei viel mehr gelaufen sind als sonst oder irgendwie plötzlich wahnsinnig gespielt haben. 

Zu vermuten ist erstmal eine ganz grundlegende Problematik von Vereinen in Liga 2. Wir tun uns immer dann schwer, wenn der Gegner nicht „mitspielen“ will.

Dafür würde sprechen, dass unsere Offensive echt nur unteres Mittelfeld in allen statistischen Werten ist.

Wir sind nicht gerade gut darin Torschüsse (290 Torschüsse insgesamt, gut für Platz 13, via sport.de) oder einen offensiven xG Wert (Platz 12, Danke an Millernton-Tim, der diese Zahl auf dem laufenden hält) zu generieren. Drei weitere Werte (Quelle für alles), die in die gleiche Kerbe schlagen? 
Im Schnitt sind das 12.5 Schüsse pro Spiel (im Ligavergleich ist das Platz 13), davon gehen 4.1 Schüsse aufs Tor (ebenfalls Platz 13 im Vergleich), insgesamt haben wir 28 Tore gemacht (Platz 15 im Vergleich).
Aufällig? Wir dribbeln deutlich mehr als viele andere Mannschaften: 10.9 mal pro Spiel – das ist Platz 4. Auffällig hierbei auch: Es sind eine ganze Reihe von Spieler, die die Dribblings machen, der Wert vieler Teams ist hier stark von einzelnen Spielern getrieben. Bei uns gibt es eine deutlich breitere Streuung – was sicherlich auch an den verschiedenen Formationen mit denen wir aufgelaufen sind, liegt.

Bei der Torquote ist bemerkenswert, dass wir mit Henk einen Spieler haben, den wir mit „jeder Schuss ein Treffer“ ganz gut beschreiben können. Der verwertet bisher jeden dritten (7 Tore bei 23 Schüssen) seiner abgegeben Schüsse und jeden zweiten Schuss, der den Weg aufs Tor findet. Sind dies gute Werte? 
Aber Hallo! Arminia Bielefeld als beste Mannschaft nutzt gerade mal jeden 7. abgegebenen Schuss für ein Tor. Fabian Klos als führender Torschütze (und als langjährige Tormaschine) jeden 5. Wir sollten mehr Schussgelegenheiten für Henk generieren. (Ist in den letzten Spielen aber definitiv auch das offensive Mittel der Wahl gewesen). 
Und hierbei nicht vergessen: Henk ist auch noch nicht so lange wieder voll im Kader – small sample size auf der einen Seite; auf der anderen aber auch, dass deswegen unsere allgemeinen Zahlen nicht so klasse sind.

Ein*e Statistiker*in wird natürlich fragen, ob man so eine Quote wie Henk wirklich dauerhaft halten kann. Wahrscheinlicher ist, dass man sich irgendwann in Richtung eines Schnitts für einen Stürmer orientiert. Und dieser liegt wahrscheinlich deutlich unter der Quote eines Fabian Klos. Wir werden sehen. 

Unsere Defensive hingegen ist im Ligavergleich ziemlich gut. Wir haben nur 29 Tore zugelassen. Das ist immerhin Platz 6 in dieser Statistik. Bei 14.4 zugelassenen Schüssen pro Spiel. Da sind wir im Ligavergleich auf Platz 11.
Die Kombination aus geschossenen und erhaltenen Toren führt dazu, dass wir für die/den neutrale*n Zuschauer*in nicht gerade ein Feuerwerk an Toren bieten. 57 insgesamt gefallene Tore in Spielen des FCSP? Ist Platz 15 in dieser Wertung. Noch weniger insgesamt gefallene Tore in den Spielen? Osnabrück, Sandhausen und Heidenheim. Diese drei Mannschaften spielen wir nun innerhalb der nächsten 5 Spiele. Es sind Torfestivals zu erwarten. Bemerkenswert dabei ist vielleicht, dass Sandhausen zwar nur sehr wenig Tore erzielt (nur Dresden erzielt weniger), aber Torschüsse ohne Ende abgibt (Platz 3 in dieser Wertung; in der Verwertungsquote sind sie dementsprechend mit Abstand Letzter). Skyman, habe also bitte einen guten Tag. Alternativ schießt Aziz halt ein paar Buden auf die Nord. Wäre ja nun auch nicht das erste Mal im Millerntor (#scnr).
(Quellen für diesen Absatz sind die oben bereits verlinkten Seiten.)

Auch bei den zugelassenen Schüssen ordnen wir uns auf Platz 8 ein (Quelle hier whoscored), beim defensiven xG Wert auf Platz 4 (nochmal Danke an Tim).

Was zu all den genannten Statistiken zu sagen ist: Der Abstand zwischen den einzelnen Mannschaften ist meistens äußerst gering. Vieles ist sehr eng beieinander. Die eine Ausnahme ist im Text beschrieben.

Konteroffensive?

Wenn man unser Profil bei WhoScored so ansieht, dann nennt diese Seite vier Dinge als unsere Stärke: 1. Creating chances through individual skill; 2. Counter attacks; 3. Attacking down the wings; 4. Stealing the ball from the opposition. 
Und als Schwächen (hier nicht alle genannt) 1. Keeping possession of the ball; 2. Avoiding individual errors; 3. Defending set pieces; 4. Defending against long shots.

Kombiniert man das alles, dann wird wieder deutlich, dass uns “Spiel machen“ immer noch nicht liegt. Es mag der Wunsch von uns allen sein, nicht mehr den ätzenden Darmstadt-Fußball (und eben auch die Art Fußball, die unserem letzen Trainer u.a. den Job gekostet hat) als mögliche Kunstform am Millerntor zu sehen, aber zur Zeit sind unsere Stärken und Schwächen wahrscheinlich genau für so einen Fußball vorteilhaft. Der Wunsch aller sportlich Verantwortlichen ist ein anderer und hier wird es auch durch Veränderung des Spielermaterials dran zu arbeiten sein.

Ein bemerkenswerter Spieler in diesem Zusammenhang ist Benatelli, dessen Stärke im Passen liegt und dessen 90 % Passquote bei uns kein anderer Spieler auch nur annähernd erreicht. Und der in der Rückrunde bisher auch gut spielt. Mit Ausnahme eines unterirdischen Spiels in Kiel. Aber das passiert wahrscheinlich auch dem Besten. Es gibt wahrscheinlich schon ganz viele FCSP Fans, die den Jungen unter Fehleinkauf abgeheftet hatten, aber ganz vielleicht wird das noch ein richtig wertvoller Spieler. Wenn er denn den Eindruck aus den paar Spielen nach der Winterpause bestätigen kann. Die große Schwäche auf der Ebene, unser Eindruck — nicht gemessen: Gegen schnelle Gegenspieler sieht er ganz schnell alt aus. Kann man intern in so einer Mannschaft natürlich auffangen. Aber eben auch nicht komplett. Und macht es schwierig, wenn Du dann im Ballbesitz doch mal einen Fehlpass spielst. Oder im allgemeinen Defensivverhalten gegen schnelle Mannschaft, die gut umschalten können.

Wie bestreiten wir nun die restlichen Spiele so, dass wir nicht absteigen?

Und nur darum geht es den Rest der Saison.

Wir haben da einen Plan. Wir vermitteln unseren Jungs, dass alle Spiele Derbys sind. Schon werden sie zu Kampfmaschinen und das wird dann schon irgendwie reichen. Bei Osnabrück ist das ja ganz einfach. Das Spiel ist ja als Mutter aller Derbys bekannt. (Setzen Sie hier bitte ein lautes kollektivinternes „DAS IST KEIN DERBY“ ein). Danach kommt halt das „S“ Derby und dann das Club Derby etc. pp.

Okay, dieser Plan überzeugt uns noch nicht wirklich. Wir werden abwarten müssen, welche Anpassungen die sportliche Leitung noch vornehmen kann. Da wir aber gegen keinen der großen Drei mehr spielen, müssen wir die restlichen Punkte woanders holen. Am liebsten bald, damit wir nicht zu einem großen Endspiel nach Wiesbaden fahren. Und ansonsten bleibt immer noch die Variante mit Versprechen, die Buballa Elo abgeben muss. Fanladenhoschis: Ihr seid doch an was dran, Euren 30. Geburtstag zu feiern. Ggf. bitte mit ins Programm aufnehmen. Wir haben nämlich nur so begrenzt Lust auf #pumpenfuerdiedritteliga.

Soviel zum sportlichen – noch mehr und heute ehrlicherweise den Hauptgrund für Wasser in den Wein liefert aber auch das drumrum.

Es geht hier um Sexismus

Vorweg: Wir hatten schon im Derbybericht deutlich gemacht, dass wir Menschen, die sich unbedingt zum aufeinander rumhauen verabreden wollen, ihr komisches Hobby nicht absprechen wollen. Wenn ihr das untereinander machen wollt, dann sind wir die Letzten, die daraus irgendeinen Skandal konstruieren. 

Man muss wohl auch realistisch in Kauf nehmen, dass auch der FCSP genügend Menschen als Fans (keine Anführungszeichen!) hat, die solchen „sportlichen“ Auseinandersetzungen nicht abgeneigt sind. Man kann das doof finden, aber es ist nun mal so. 

Der „früher war alles besser“ Fraktion sei gesagt, dass außer vielleicht einer klitzekleinen Zeit in den 90ern beim FCSP immer sportliche Fraktionen unterwegs waren und diese auch immer irgendwie (mal mehr, mal weniger) Teil der Fanszene waren. Und es ist auch nichts Neues, dass diese Fraktionen unsere Werte teilweise auch eher großzügig ausgelegt haben. Um es mal freundlich zu umschreiben. Nein, Freundlichkeit mal zur Seite geschoben: Ihnen gehen Teile unserer Werte gepflegt am muskelbepackten Hintern vorbei. Und das nervt. Und da gab es dankenswerterweise auch häufig genug genau die richtige Reaktion.

Man muss auch ganz klar sagen, dass jede Fanszene, auch die des FCSP, bisher dazu neigt, zwar den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im eigenen Auge zu sehen. Um mal die Bergpredigt zu zitieren, wie es zu uns alten Hippies passt.

Übersetzt heißt dies, dass sich jede Fanszene sehr schwer damit tut, doofes Verhalten in den eigenen Reihen konkret anzusprechen und auch zu isolieren. “Wir gegen die” sei hier nur beispielhaft als Grund genannt.

Dieser Unwille wird noch dadurch verstärkt, dass die Medien so unterirdisch berichten, dass man viel Aufmerksamkeit darauf verwenden MUSS, diese wieder einzufangen. Ja, ein Restaurant zu demolieren ist Scheiße, ja es sind unschuldige zu Schaden gekommen, aber Nein es war nicht „wie Hanau“. Wer so etwas in Schlagzeilen druckt, handelt unverantwortlich und will Panik machen. Und kann sich gerne gehackt legen.

Dies alles vorweg gesagt, kommen wir zu einem Video (bewusst nicht verlinkt), welches unseren Marsch zeigt und diese typische „nun komm doch her wenn du dich traust“ Diskussion, die eigentlich immer nur dann erfolgt, wenn die/der Provozierende sich sicher sein kann, dass aufgrund von Zaun und daneben stehenden Ordner*innen und Polizei, ihr/ ihm keine*r was tun kann.

Im Rahmen dieser Diskussion fällt dann das „F“ Wort und ein Satz im Sinne von „deine Frau wird von einem von uns gef…“. (Einmal geht’s um Geschlechtsteile, einmal um Geschlechtsverkehr). Hierbei sei natürlich auch noch angemerkt, dass diese implizite Annahme, das Gegenüber sei heterosexuell auch absolut nicht unproblematisch ist.

Das ist einfach sexistische Rotzscheiße und hat beim FCSP nichts verloren. Digga, wenn Dir in deinem albernen „durch den Zaun Macho“ Talk echt nichts besseres einfällt, dann lass es doch einfach. Das ist in der oben beschriebenen Situation sowieso schon albernes Rumgemacker, wird es aber so noch mehr. Und hat mit „Antifa Hooligan“ aber mal so gar nix mehr zu tun.

Ach ja: Küsschen an alle anderen Szenen, die dieses Video nun mit „aber die Paulis sind ganz böse und tun immer so politisch korrekt“ verbreiten. Erstens: Glückwunsch, dass ihr erkannt habt, dass das nicht so geil war. Ist ja nun nicht immer so. Vor allem wenn ihr das selbst tut. Zweitens: Natürlich sind wir ganz böse. Aber wir sind da ganz schnell wieder bei dem Splitter und dem Balken. Es werfen bitte die den ersten Stein, die solche Rübenköppe nicht in ihrer Szene hat. Wir haben ähnlichen Rotz uns z.B. von Stuttgarter*innen diese Saison schon anhören müssen. Nur bei uns waren (immerhin – und ja die Messlatte liegt niedrig) seit langem keine irgendsolche Banner mehr in der Kurve. Wir wissen um das Problem und wir nehmen uns dem intern an.

Aber haltet eure verdammte Fresse, wenn ihr die Worte, die ein Mackertyp bei billiger Provokation sagt, bei Euch noch nicht mal auf irgendwelchen Transpis verhindert kriegt. Aber auch ey Leute, dieser Thematik jetzt komplette Facebookseiten (ebenfalls bewusst nicht verlinkt) zu widmen, ist komplett daneben – Kreativität sieht nebenbei auch anders aus.

Vorschlag zur Güte: Sexist*innen raus. Aus jeder Kurve. 

Feb 232020
 

Vorwort

Liebe braun-weiße Menschen da draußen, unser Verein gewinnt das Derby mal so alle Jubeljahre und wir machen dann Aufkleber von diesen Heldentaten und verschwinden dann wieder in der sportlichen Bedeutungslosigkeit.
So oder so ähnlich werden wohl viele Einwohner*innen dieser Stadt gedacht haben, als sie das Rückspiel zum glorreichen 2-0-Hinspielsieg im Kalender gesehen haben, egal welche Vereinsfarbe sie auf ihrem Schal tragen. Es kam anders. Der Tag schrieb wahrscheinlich Millionen von unterschiedlichen Geschichten, die wir noch im Altersheim erzählen werden. Hier sind die von uns.

Freitagabend

Das Ganze beginnt am Freitagabend, wo wirklich mal alle vier Menschen dieses Blogs nebeneinander an einem Ort sind. Das passiert nicht sehr häufig und so feiern wir dies im Dschungel und später im Knust. Sehr nett von den Ultras und dem Knust, dass sie uns extra deswegen eine Party schmeißen.

Spaß beiseite. Der Derbyauftakt der Ultras – trotz miesem Wetter gut besucht – ist eine Mischung aus planlosem Rumstehen und großem Hallo. Irgendwann gibt es noch einen netten Spaziergang durchs Viertel, mit lauten Gesängen (sehr schön) sowie Vogelschreck und Silvesterfeuerwerk in engen Straßen (nicht ganz so optimal). Echt doof sind die Leute, die so einen Marsch dann echt noch mit dem Handy filmen wollen. Denkt doch wenigstens mal ein bisschen nach!

Es soll laut Hamburger Lokalpresse in der Neustadt geknallt haben. Wir sind nun echt keine Expert*innen auf diesem Gebiet, aber in unseren Ohren klingt das nicht nach einem zufälligen Treffen. Denn wir haben die Sätze von FCSP-Menschen im Ohr, wie weit es doch in die Neustadt sei. Dazu nur so viel: Wenn so etwas ein verabredetes Ding ist, dann sind wir die Letzten, die Menschen ihr komisches Hobby absprechen wollen. Passt nur bitte darauf auf, dass Unbeteiligte nicht zu Schaden kommen. Und das ist bei einer Verlagerung der Auseinandersetzung in eine „neutrale“ Kneipe nahezu nicht zu vermeiden. Das ist dann echt doof.

Zurück zum Marsch. Die Polizei lässt diesen erstaunlich weit laufen, hat aber irgendwann auch eine klare Grenze, was die Bewegung in Richtung Reeperbahn angeht. In den Verlautbarungen der Staatsmacht war von „Durchbruchversuch“ (oder so ähnlich) die Rede. Den haben wir aus dem Marsch nicht mitbekommen. Der war ziemlich friedlich unterwegs.

Spannend auch, was für ein Kauderwelsch aus unterschiedlichsten Sprachen an so einem Derbywochenende zu hören ist. Klar, dieses Großereignis zieht noch mal mehr Gäste aus fernen Ländern in die Stadt. Uns gefällt dieses internationale Flair.

Für uns ist dann „Pennen für den Derbysieg“ angesagt, naja ehrlicherweise war noch ein Bier drin. Nach Hause gefahren worden (danke!). ”Gute Nacht! Wir schlafen heute als Derbysieger*innen ein. Und morgen dann auch wieder.“ ”Haha, ja klar.“

Spieltag

Wir stehen für ein Spiel in der gleichen Stadt um 08:30 wieder auf der Matte. Es ist erschreckend zu sehen, dass die Hamburger Verantwortlichen zwar drölfmillionen Polizisten und unzählige Wasserwerfer auf die Straße bekommen, aber keinen Plan haben, wie man Gästefans in den Volkspark bekommt.

Es treffen sich gut 2000 Menschen an der Südkurve. Diese stehen da gut eine Stunde rum, singen sich ein und latschen dann langsam los. Das alleine bringt staatlichen Organisator*innen schon genügend Zeit, um S-Bahn-Kapazitäten zu ordern und bereitzustellen. Auch gerade weil der Zugang zu den Landungsbrücken noch gut 30 Minuten per Polizeikette verweigert wird. Und was machen die dann? Stellen nicht annähernd genug S-Bahnen bereit, um schnell die Leute nach Othmarschen zu transportieren. Lieber wird der Citytunnel mal so gut eine Stunde für jegliche andere S-Bahn gesperrt und man lässt die letzten FCSPler*innen lange auf dem Gleis warten, bis man dann endlich eine S-Bahn organisiert hat. Wenn wir nicht alle so entspannt wären, wäre das hier schon eskaliert.

Noch kurz zum Einsingen in der Südkurve: Sehr stimmungsvoll, mit ein bisschen Pyroeinsatz und wie schon erwähnt gut besucht. Wir bleiben aber bei einem wiederkehrenden Thema das Tages – lasst den Scheiß mit dem Vogelschreck. Die Dinger sind unfassbar laut und wenn das in der Nähe von Menschen gezündet wird, dann ist das echt gefährlich. Hier warf das irgendwer gerade mal so eben auf den Platz und die beiden sich auf dem Zaun befindlichen Vorsänger hielten sich danach ordentlich die Ohren. „Übermotiviert“ war die freundliche Beurteilung von einem der Beiden.

Um 11 Uhr (wir sind um 9:30 Uhr am Stadion losgegangen) sind dann endlich alle in Othmarschen. Pendelbusse? Vergesst es! Selbst wenn man nicht laufen will, es gibt keine andere Chance. Und so geht es auf den großen Spaziergang, wie letztes Jahr sehr entspannt und ruhig. Immerhin ist es die ganze Zeit trocken, nachdem es am Morgen noch geregnet.
[Ergänzung 23.02. 18:42: Mittlerweile haben sich Menschen gemeldet, die die Busse genutzt haben. Es waren wohl 12 im Einsatz – was halt nicht mal ansatzweise ausreicht bei der Menge an Menschen, bei Ankunft mit der letzten S-Bahn in Othmarschen auf dem Hinweg unübersichtlich war und auf dem Rückweg nur für sehr wenige Menschen funktioniert hat. Und die Option die Rautenshuttles zu nehmen sind halt keine Option, vor allem wenn du Fantrennung sonst großmäulig propagierst.]

Sowieso: „Die Fantrennung hat perfekt funktioniert“, schreibt die Polizei? Das sind komplette Fake News, denn sowohl auf dem Hinweg, als auch auf den Rückweg stehen da unfassbar viele Rauten. Gerade an diesem komischen Imbiss direkt an der Gästekurve. Das es da nicht zu Stress kommt, liegt einfach nur daran, dass alle Menschen entspannt sind.

Kurz vor zwölf ist der Volkspark erreicht. In diesem Zusammenhang: Vielen Dank an die Restaurants am Wegesrand, die es tolerieren, dass Menschen ihre Klos nutzen. Auch das ist einfach eine beschissene Planung, denn es gibt genügend Menschen, die nicht einfach mal so Bäume bewässern wollen oder können.

Zum Einlass: Wir müssen reden, lieber Nachbar. Ja, es kommen alle gleichzeitig. Ja, wir können aus eurer Sicht verstehen, dass man ein bisschen genauer durchsuchen möchte. Aber dann vielleicht 20 Abtastmenschen zu beschäftigen und von fünf möglichen Zauneingängen gerade mal zwei zu öffnen, das ist einfach schlechte Organisation. Ein dritter Eingang war für „Materialkontrolle“ geöffnet und wurde dann später zum Abtasten umgebaut. Vor dem Eingang dementsprechend ziemliches Gedrängel und irgendwann auch Unmut. Das ist nicht ungefährlich und deswegen echt Mist. Die meisten Menschen aber noch entspannt. Danke für NIX an die paar Trottel, die meinten da schieben zu müssen.

In der Schlange dann die Aufstellungsanalyse mit einem jungen Mann: „Penney? Verstehe ich nicht so ganz“ „Ja, ich auch nicht“ „Pass mal auf, der macht heute drei Buden“ „Wenn das passiert, dann kaufst du die ganze restliche Saison keine Getränke mehr, die zahl ich dir“ „Deal“

In Hamburg steht ne Schüssel …

Wir bekommen das Gerenne nicht zu 100 % mit. Für uns ist der Versuch, in den Heimblock zu kommen, und das Abschießen irgendwelcher Leuchtkörper relativ gleichzeitig, sodass wir nicht sagen können, was auf wen reagiert. Müssen wir auch nicht.

Das solche Auseinandersetzungen in engen Stadien immer suboptimal sind, wollen wir nicht unerwähnt lassen. Das trifft immer auch Menschen, die nicht so mobil sind oder einfach am falschen Ort zur falschen Zeit sind. Da wäre weniger Testosteron und mehr Nachdenken ganz angebracht.

Es wurden auch die Sitzplatzblöcke gestürmt, dies fällt wohl unter „nicht zu vermeiden“, ist aber auch nicht ohne Probleme. Letztendlich müssen sich da aber auch alle Vereine ein bisschen an die eigene Nase fassen. Wenn man Fans in Ecken quetscht, wo nie alle nebeneinander stehen können, die dies wollen, dann muss man sich irgendwie auch nicht wundern, dass die Menschen Ausweichbewegungen starten. Ebenso, wenn man Schweinepreise für Plätze nimmt. Und am Ende ist eine direkte Folge davon, dass sich „verfeindete“ (bewusste Anführungszeichen) Fans auf schlechter gesicherten Sitzplätzen gegenüber stehen. Es ist so ein bisschen so wie mit dem Pyro; je mehr ich versuche, dies draußen zu lassen, je mehr werden Menschen versuchen, dem System ein Schnippchen zu schlagen. (Und Dresden, schmiert euch eure Stellungnahme sowas von sonstwohin. Alle kritisierten Punkte treffen auch auf die Schüssel voller Scheiße (landläufig auch Volksparkstadion) zu. Kurz vergessen oder was?)

Hymne ins Klo

Wir sind spät drinnen, was angesichts der wirklich miesen Stadionshow der Rauten echt nicht schlimm ist. Mal ehrlich: Können wir Lotto wieder haben? Wir hätten nicht gedacht, dass es noch nerviger geht, aber es geht.

Wir wollen aber nicht alles schlecht machen. Auf den Sitzplätzen im Gästebereich finden sich Postkarten der Rauten, die wirklich gelungen sind.

Das ist wirklich mal eine nette Idee.

Auch die Ansage des Stadionssprechers zur Schweigeminute war deutlich und gut. Lob dafür. Und der Heimblock hat schon selbst die richtige Antwort auf die paar Arschlöcher gefunden, die meinen, eine Schweigeminute mit “Scheiß St. Pauli” unterbrechen zu müssen. Danke dafür. Und für das Plakat zur Halbzeit.

Kein Lob für die “neue” Stadionhymne. Da wird einem ja ganz anders. Reimschema? Das kann ja unser Senior besser! Und der kann echt nicht reimen. Und der Text?

„Ich hab nen harten Tag gehabt
Und musste noch mal raus.
Mit der S-Bahn in die Innenstadt,
Am Hafen steig ich aus.
Ich hab noch ein paar Bier dabei
Und setz mich an die Pier.
Die Schiffe und der Lichterglanz,
Ich denke so bei mir.“

Das ist ungefähr alles auf St. Pauli, ihr Pappnasen! Da kann eine Hymne des FC Köln auch damit beginnen, dass man einen geilen Blick aufs Bayer-Kreuz hat.

Und es wird noch schlimmer (ja, wirklich!):

„In den Straßen die mein zuhause sind!
Vom Volkspark übern Alsterlauf
Bis zum Öjendorfer See.
Von Norderstedt bis Rönneburg.
Das ist mein Revier.
Mein Wohnzimmer das ist der Kiez,
die Neustadt mein Büro
die Elbterasse mein Balkon
die Veddel is mein Klo.“

Norderstedt? Hamburger Stadtgrenzen üben wir noch mal. „die Veddel ist mein Klo“ ist dann entweder Verrat an der im Hinspiel noch gefeierten Arbeiterklasse oder der alltägliche Taschenrassismus des gut bürgerlichen Menschen. Und ”hier wo ich geboren bin“ – was für ein beschissenes Konzept von Heimat und Vereinszugehörigkeit.

Soviel auch zu diesem „Wir sind Hamburg“. Ein Scheißdreck seid ihr.

Arbeiterklasse? Gutes Stichwort. Warum genau mache ich eigentlich ein Poserfoto vor der Agentur für Arbeit?

Choreo und so

Gehen denen im Volkspark eigentlich langsam die „Tradition“-Themen aus? Diesmal gar nicht in der Choreo erwähnt. Und auch die sonst übliche Lesestunde fällt zum größten Teil aus. Und hat zumindest uns mal wieder so gar nicht getroffen.

Auf unserer Seite gibt es Wappen und Fahnen. Und keine Pyro. Die kommt dann später. Das ist ja schon beinah bemerkenswert, weil es aus den üblichen Derbyritualen ausbricht. Wobei Pyro zu Fahnen eigentlich immer so gut passt. Ja, da schlagen mehrere Herzen in unserer Brust.

Kurz zur Supportfrage

Ist gut auf unserer Seite. Natürlich auch schnell dem Spielstand geschuldet. Wie der Block ab der 70.
Minute jeden Befreiungsschlag feiert, ist schon einzigartig. Ball im Aus? Komplette Eskalation!

„Es ist nichts passiert, außer dass wir das Derby gewonnen haben“ / Zum Spiel

Die Überschrift frei nach A. Hunt. Sagen wir es mal so: Die Vorstadt hat an diesem Tag nicht das Glück gepachtet. Und die Latte und der Pfosten haben wohl zwei vernünftige Dellen erlitten. Es ist so ein bisschen wie ein Pokalspiel. Der Favorit versucht Fußball zu spielen und der Underdog kämpft und grätscht wie verrückt. Der Favorit führt am Ende eigentlich in jeder Statistik, außer bei den Karten und Fouls und bei den Toren. So ist der Fußball nun mal. Hatten wir letzte Woche so ähnlich auch. Ist nur ein bisschen unglücklich, wenn es gerade im Derby passiert. Zum Trost der Rauten sei aber erwähnt, dass sowohl Leipzig als auch Paderborn aufgestiegen sind, nachdem sie 0 Punkte gegen uns holten.

Sowieso der Rautenaufstieg. Wir haben da einen Masterplan: Derbysieg, die steigen auf, wir nicht ab. Nächste Saison direkter Wiederabstieg von denen , wir steigen nach 1910 Kopfballtoren von Leo Østigård direkt auf. Der Abstieg ist dann der finanzielle Ruin (außer der Opa hat immer noch nicht genug Geld verballert) und somit kommt es nie wieder zu einem Stadtderby. Wir sind also ewige doppelte Stadmeister*innen.

Okay, das war es nun mit der trockenen Analyse.

WIE GEIL IST DAS DENN BITTE? Diese Waldemar-Kampfmaschine? Dieser „als gegnerischen Spieler würde ich den komplett hassen“-Dimi? Dieser Henk-Ballmagnet? Dieser Penney-Hammer? Dieser Leo-Eskalierer?

Und dann diese einzelnen Szenen! Es seien nur einige genannt:

  1. Ryo als genialer Ballabfänger, Pass auf Henk. Alle brüllen „nun gib doch ab“ aber nein, Henk vernascht stattdessen Rick (einer von uns) und leckt den so lässig rein.
  2. Ball kommt zu Penney und der zieht aus gefühlt 300 Metern ab. So ein Schuss hat wahrscheinlich einen xG-Wert von minus 3, aber heute schlägt er im Eck ein. Und wie du schon beim Abdrücken siehst, dass der Schuss richtig gut ist. Dieser Jubel vor der Kurve. Ohne Witz gehen neben den Gästeblöcken nach diesem 0-2 einige Fans der Rauten den berühmten Hamburger Weg und verlassen das Stadion. Nach dem zurückgenommenen 0-3 wird dies dann eine Massenbewegung.
  3. Buballa als Klärmaschine. Ball weg gebolzt, umgedreht und so etwas von in die Kurve gebrüllt. Wie geil ist das denn? Emotion pur! Das willst du im Derby.
  4. Dimi als Stachel im Fleisch. Nach der frühen gelben Karte notieren wir alle schon „gelb-rot gefährdet“, aber der Typ kann das echt so dosieren, dass er ständig nervig ist und doch nicht in die Gefahr kommt, die zweite Gelbe zu kassieren.
  5. Jede einzelne Grätsche von Miyaichi (ey Ralle, wenn du das hier liest, dann erklär dem Kollegen bei Dazn mal, wie der Name ausgesprochen wird. Das ist ja nicht zum Aushalten). Wie viel Geschwindigkeit der Junge hat. Wie die berühmt-berüchtigte linke Seite des H$V irgendwann gar keinen Bock mehr hat. Und vielleicht auch ein wenig Angst um die eigenen Knöchel.
  6. Küsschen an den Fan des irrelevanten Sportvereins aus Hamburg, der seine Wut über das Spiel in “Hustenbonbon auf den Gästeblock werfen” entlädt. Und viel Liebe für den Ordner, der mitleidig grinsend daneben steht.
  7. Dieser Moment des vermeintlichen 1-2. Stadionregie macht volle Elle Malle-Disse-Tempel, die Pyroshow eskaliert, alle Heimfans feiern und singen laut, haben wieder Hoffnung. Erste schon gegangene Fans drehen wieder um. Und während sie noch singen und tanzen, sagt der VAR still und leise „Nope“. Das ist dann schon eine schöne Schadenfreude. Und dann merkt man auch, wie lange so ein Pyro brennt, wenn man das gerade zum Abfeiern der VAR-Entscheidung in der Hand hält. Upsi.

Und und und und und

Nach dem Spiel / “Ich weiß nicht, ob H. gerade komplett vollgekifft oder einfach nur sehr glücklich ist”

Wir sagen nur Selfie vor der Kurve. Ganz viele Herzchen für Leo. Und mindestens einen Zehnjahresvertrag. Niemand hat gesehen, dass er das Wappen geküsst hätte, er kann also bleiben. Was für ein Abriss. Es fehlen die Worte. Noch lange nach dem Spiel. Kneift uns, wir haben doppelt das Derby gewonnen. Etwas, was uns seit Oberliga-Nord-Zeiten nicht mehr gelungen ist. Und falls es einen Menschen gibt, der beides miterlebt hat: Melde Dich bei uns, wir wollen die Geschichte hören!
Und ey, wie wir uns freuen, dass wir nun wieder komplett problemlos einen Fahnentreter feiern können. Danke dafür, Leo. Danke Mats, dass du dabei geholfen hast, ihn hierherzuholen.

Wieder keine Pendelbusse, daher wieder laufen. Bei strömendem Regen. Scheißorganisation insgesamt. Menschen die nicht so gut zu Fuß sind, stürmen dann irgendwann einen Bus und überladen diesen. Immerhin kommen so alle wieder ohne Zwischenfälle ins Viertel.

Da beginnt dann die komplette Eskalation, die wir mit einem Satz beschreiben wollen:

„Was im Viertel passiert, bleibt im Viertel“.

Nur so viel. Diese verklärten Gesichter, dieses stumme freudige Umarmen, dieses abstruse Lächeln. Wer es nicht fühlt, der*dem können wir es nicht erklären. Und verstanden haben wir das selbst noch lange nicht.

Und heute:

Viel Geld für Schampus, Bier und sonstiges ausgegeben? Kopf ist dick und Nase rot? Hals ist rau und mehr Schlaf wäre auch gut gewesen? Und dann kommt dieser Gedanke. Wir sind Derbysieger*innen.

Und all die Schmerzen, all die Strapazen, all dies ist deswegen.

SCHEISSEGAL! (Es gibt hier eventuelle Sprachnachrichten, die wir Euch liebend gerne vorenthalten).

Feb 212020
 

Stellungnahmen sind extrem überflüssig. Eigentlich hat noch nie eine Stellungnahme irgendwas besser gemacht.

Dies gilt noch umso mehr, wenn Vereine meinen zu Fanverhalten Stellung beziehen zu müssen. Trotzdem können sie alle auch nicht nichts sagen (höchsten Respekt an Peter Fox, der diese doppelte Verneinung fehlerfrei singen kann). Irgendwie ist dem Menschen nicht wohl, wenn er einfach mal schweigt. Meistens erfolgt das ganze auch noch übereilt und ohne vernünftiges Nachdenken und schon kommt Mist heraus.

Dem wollen wir vorbeugen und bevor Menschen Sonntag Morgen vom Wählen abgehalten werden, weil sie Stellungnahmen verfassen müssen, möchten wir hier schon einmal die ultimative Stellungnahme zu den Geschehnissen nach dem Hamburger Derby veröffentlichen. Zutreffendes bitte ankreuzen.

„Der FC St Pauli verurteilt die Ereignisse rund um das gestrige Spiel im Volkspark.

Den Ereignissen ging ein emotionales Stadtderby voraus, welches durch ein unglückliches Eigentor in der 99. Minute zugunsten des FC St. Pauli entschieden wurde. Wir wollen an dieser Stelle Aaron Hunt unser Mitgefühl aussprechen, dessen Lattenschuß, freistehend aus zwei Metern abgegeben über den ganzen Platz ins eigene Tor prallte.

Bereits während des Spieles kam es zu einer Kampfkraft auf dem Platz und einem Supportverhalten des Gästeblocks, der weit über das akzeptable Maß hinaus ging. Der FC St. Pauli verurteilt die verursachten Hörschäden und den kaputten Rasen im Volkspark aufs Schärfste! 

Wir haben den schwer betroffenen Familienmitgliedern und Lebenspartner*innen der Spieler des Hamburger Sportvereins bereits unsere volle Unterstützung angeboten. Es ist nur schwer ertragbar, dass diese aufgrund des unaufhaltsamen Tränenflusses der Spieler seit nun mehr 24 Stunden ausschließlich mit Wasserzufuhr beschäftigt sind. Wir können und wollen das nicht länger akzeptieren. Ebenso übernehmen wir volle Verantwortung für die zerstörte Tür in Schindeleggi (Schweiz). Wir können die Wut über die verprassten Millionen nur zu gut verstehen. 

Die Vorfälle danach sind mit den Werten des FC St. Pauli, seinen Leitlinien und seiner Toleranz nicht zu vereinbaren. Der FC St. Pauli distanziert sich in aller Deutlichkeit von diesen Ereignissen.

Es ist nicht akzeptabel, dass die Hans-Albers Statue braun-weiß gestrichen wurde. Auch bei den Anwohner*innen im Stadtteil St. Pauli müssen wir uns wegen der Vorfälle entschuldigen. Lautes Weinen im Umfeld der Gerhardstraße 7 und laute „Hamburg ist braun-weiß“ Gesänge im restlichen Viertel raubten diversen Menschen die ganze Nacht den Schlaf. Ebenso sind die Geschichten der traumatisierten Betreiber*innen der Fankneipe Jolly Roger nur schwer ertragbar. Einen leergetrunkenen Getränkekeller hat es in der 1910-jährigen Geschichte der Kneipe noch nicht gegeben. Dies ist eine Zäsur im Fanverhalten und wir werden den Inhalt des weiteren Umgangs innnerhalb des Vereins kritisch diskutieren.

Ebenso möchten wir uns bei der Hamburger Polizei entschuldigen, dass ihre Aufstandsbekämpfungsmittel einrosteten und nicht gebraucht wurden. Die Verursachung von Langeweile und unnötiger Steuergeldausgaben ist mit den humanitären Grundsätzen des Vereines nicht vereinbar und gerade in Zeiten knapper Steuergelder nicht hinzunehmen. So kann unser geschätztes Vereinsmitglied Andy ja gar keine Steuergeschenke an Privatbanken mehr verteilen. Wir werden dieses Fehlverhalten intern aufarbeiten müssen.

Abschließend stellt der FC St. Pauli klar, dass er für Vielfalt und Toleranz steht und die 0,1 % Wahlergebnis für die AfD und die FDP sehr bedauert.

Für alle Geschädigten haben wir eine Hotline eingerichtet. Rufen sie unter 0800 33729743437 [Für alle U25: T9, Diggis] kostenfrei an.“

Es gibt was zu Gewinnen!

Wir haben einen zweiten Moneypool zugunsten der Bielefeld Hilfe eingerichtet. Hier könnt ihr spenden.

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Feb 192020
 

Liebe Lesende,

es ist wieder Derby. Sportlich kann man nicht wirklich von einem Duell auf Augenhöhe sprechen, denn seitdem wir das Hinspiel gewonnen haben, lief bei uns nicht mehr viel zusammen und die AG aus dem Volkspark spielt eine halbwegs vernünftige Runde und kann wohl anfangen ganz vorsichtig für die 1. Liga zu planen. Die Ausgangslage ist also klar, egal was da gelabert wird.

Das soll uns aber nicht interessieren. Wir, der FC St. Pauli von 1910 e.V., sind schon immer der etwas dreckige Punkrockladen, der gerne auch mal wegen fehlender eigener Geschäftstüchtigkeit ums Überleben kämpft, in dem du aber die Liebe deines Lebens und das ganze Gefühl findest. Die AG? Die ist das perfekt organisierte Popevent mit viel Lightshow und wenig Herz. Nix für uns.

Wir wollen den schwitzenden Punkrockgig. Ja, wir wissen schon, wie ihr nun sagen werdet, dass der auch mal erfolgreicher sein könnte. Habt ihr Recht. Fangen wir beim Derby doch am besten damit gleich an. Wir alle haben aber zu zeigen, warum wir das Gefühl, die Liebe und der Punkrock sind und nicht die.

Daher werden wir uns alle gemeinsam in den Volkspark begeben und dort unsere Visitenkarte abgeben. Wir sind der FC St. Pauli. Es ist unser Verein. Keine AG, kein Investor, sondern wir selbst. Wir auf den Rängen und unsere Spieler.

Für unsere Spieler gelten ganz einfache Sätze: „Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!“, um mal Rolf Rüssmann zu zitieren. Werdet Legenden, kämpft und siegt für den FC St. Pauli.

Wir als der andere Teil unseres Vereines müssen ein bisschen mehr beachten. Und daher kommen nun ein paar mehr Worte.

Support

Letztes Mal im Volkspark zeigte sich, wie schwierig Support in diesem Gästeblock ist. Vieles verliert sich, man steht in dieser Ecke etwas verteilt und die Distanz zum Spielfeld tut ihr übriges. Wie schön ist es da am Millerntor! Aber jede*r sollte sich an die eigene Nase fassen und alles abrufen, was ihre/seine Stimmbänder her geben. Wir gehen davon aus, dass die Ultras wieder mit vielen Vorsänger*innen agieren werden, und an euch allen ist es, die Vorgaben umzusetzen. Supportdiskussionen können wir dann später führen. Alle gemeinsam! Laut, braun-weiß und einfach gut. Egal, wie es auf dem Platz läuft.

Hingehen-Warmmachen-Wegbrüllen! ist die Devise. Im Stadion wird es kein richtiges Bier geben. Stimmung geht auch – und erst recht – ohne! Beweist es!

Spieler

Unerklärlicherweise lesen nicht alle Spieler diesen hervorragenden Blog. Aber wenn ihr ihn lesen würdet, dann würden wir Euch folgendes mitgeben wollen:

Wenn man Eure Social-Media-Kanäle so verfolgt, scheint sich bei euch scheint langsam Derbystimmung breitzumachen. Nehmt die mit in den Volkspark. Denkt an Mats (😭) beim letzten Derby. Lauft Euch die Seele aus dem Leib. Denkt an James, der von Sekunde an keinen Millimeter hergab. Den geilen Schuss von Knolli in der 11. Minute. Das rausgezockte 1:0 von Dima. Die gedankliche Schnelligkeit vorm 2:0. So gewinnen wir wieder.
Zeigt, wer Stadtmeister*in bleibt. Wir gehen da alle zusammen hin und wir gewinnen da alle zusammen. Wir sind St. Pauli.

Dem unbedeutenden Gegner aus dem Volkspark müssen von der ersten Sekunde an die Knie schlottern. Da kommt kein Pass an, die haben vor jedem Zweikampf Angst und dass das mit dem Tore schießen nur in eine Richtung klappt, hat Rick beim letzten Derby ja schon bewiesen.

Wir haben RICHTIG Bock, gemeinsam mit Euch den Derbysieg zu feiern. Dafür geben wir unsere ganze Liebe, unsere ganze Kraft. Und nicht weniger verlangen wir von Euch.
(Und Jos, natürlich darfst du Teile dieser Ansprache gerne übernehmen. Aber ne Spende für die Braun-Weiße Hilfe ist dann im Gegenzug dazu auch drin, ne?)

Hin- und Weg

Die gilt auch für An- und Abreise. Kommt zu den ausgerufenen Treffpunkten, wir gehen da gemeinsam hin und gemeinsam wieder weg. Bildet Banden! Sprecht euch in euren Bezugsgruppen ab, geht gemeinsam zu Treffpunkten und achtet auf euch. Bei weitem nicht jede Raute will euch ans Leder, aber wenn man alleine ist, reichen zwei Doofköppe aus, damit es schlecht aussieht. Sollte etwas passieren, dann ist Ruhe und Zusammenhalt erste Bürger*innenpflicht. Wir halten zusammen! Egal was passiert. Wenn es was in den eigenen Reihen zu kritisieren gibt, dann machen wir das, wenn wir wieder „zu Hause“ sind.

Es ist auch eine aggressive Polizei zu erwarten. Diese hat laut Hamburger Presse schon mal im Stadion den Einsatz geübt (warum? In Menschenmassen gibt es nahezu keinen sinnvollen Einsatz den man üben muss) und wird wahrscheinlich darauf brennen, das Geübte auch umzusetzen. Es ist also mit Nervereien und Überreaktionen zu rechnen. Haltet auch da zusammen. Und sollte es irgendwie schief gehen, dann halten Anna und Arthur das Maul.

Und zu guter Letzt

Wir sind der FC St. Pauli, wir sind der Stadtteil St. Pauli. (Lächerlich, dass die Rauten immer noch so tun, als würde ein Teil ihnen gehören. Geht euch doch im Volkspark warmsingen!) Unser Tag kommt, wir sind die Nr. 1 der Stadt. St. Pauli ist die einzige Möglichkeit!

Es gibt was zu Gewinnen!

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Feb 162020
 

„Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt … Aber ich denke an Coventry und ich habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“ 

(Thomas Mann in seiner BBC Radioansprache vom April 1942)

Um es gleich vorweg zu sagen: Leo Østigård hat sich (vor-)gestern wieder ein Stück mehr in unsere Herzen gewütet. Und vom entscheidenen Østigård-Kopfballtor im Derby habt ihr hier zuerst gelesen.
Danke Leo, das hat einen äußerst räudigen Spieltag aus sportlicher Sicht zumindest etwas besser gemacht.

Teile dieses Kollektivs haben den Fanräumetresen mitorganisiert, kamen deswegen erst sehr kurz vor Anpfiff ins Stadion. Und ganz ehrlich, liebe Menschen in der Süd: Die Aufgänge sind Aufgänge. Keine Stehtribünen. Und wenn ihr da dann kurz vor Anpfiff bequem rumsteht, dann macht wenigstens Platz, wenn Leute durchwollen. Und hört auf, euch über einen Anmotzer aufzuregen, nachdem ihr euch augenrollend genau keinen Millimeter bewegt habt. Das kommt jetzt wahrscheinlich überraschend, aber ihr seid tatsächlich nicht alleine im Stadion. Und das ist ein Aufgang, damit Menschen da durchgehen können. Wenig überraschend auch, dass das nie bekannte Gesichter sind, die da rumstehen. Und die komischerweise auch viel das Handy zum Fotografieren nutzen.

Das Spiel?

Macht eigentlich Laune. Da wird der Tabellenletzte über weite Strecken vorgeführt und wir sehen eine wirklich angemesse Leistung unserer Spieler. Doch dass es zur Halbzeit noch nicht mindestens 2:0 steht und am Ende tatsächlich kein einziger Treffer und damit nur ein lumpiger Punkt herausspringt, macht uns fassungslos. So eine schwache Dynamo-Truppe, die nicht nur destruktiv spielt, sondern auch noch in bester Dresdener Tradition herumopfert, wenn ein Spieler in einem Zweikampf zu Boden geht, hat in unseren Augen in der Zweiten Liga nicht mehr viel verloren. Kauczinski weinen wir auch nach wie vor keine Träne nach. Was für ein beschissener Anti-Fußball. Mehr Gemotze ansonsten auch bei den Hoschis vom Millernton.

In der 68. Minute haben wir “musst du anders von der Bank eingreifen” notiert. Und freuen uns dann, als in der 72. Minute Diamantakos schon zur Einwechselbank läuft. Um dann wieder umzudrehen und Buchtmann zu holen. Und das ist dann auch der Moment, als wir das Spiel abschreiben. Wieso dieser Wechsel zu diesem Zeitpunkt, mit diesen Alternativen?

Ganz allgemein ist es im Fußball bemerkenswert, wie spät gewechselt wird. Statistisch ist der Wechsel vorteilhaft, sodass uns immer noch nicht klar ist, warum eigentlich alle Trainer 75 Minuten (und damit 5/6 des Spieles) verstreichen lassen, bevor sie wechseln. Hier liegt eine Möglichkeit, sich kleine Vorteile zu verschaffen auf der Hand. Und kleine Vorteile können in einem so engen Sport wie Fußball entscheidend sein. In diesem Zusammenhang: Unser erster Wechsel wirkte sehr nach einem “angeschlagen”-Wechsel, oder? 

Wir haben mittlerweile übrigens auch Albträume von der Handbewegung, die Veerman nach verpassten Großchancen macht. Hoffen wir mal, dass die verpassten 3 Punkte aus den letzten beiden Spielen und die verpassten 4 Punkte gegen den Scheißverein nicht noch zu viel mehr Albträumen führen. Auch wenn wir gerade nicht sehen, wir wir das in der aktuellen Situation spielerisch gelöst bekommen wollen. 

Nach dem Spiel dann zurück in die Fanräume, um dort den Tresen zu schmeißen. Wir gucken dann das nächste Mal erst um 23:30 auf die Uhr. Und mussten kurz überlegen, wie das Spiel eigentlich ausgegangen ist. Vielleicht ist das die allerbeste Verarbeitungsform nach solchen Spielen. Danke an alle, die mit uns gefeiert haben, danke an all die Spenden in den Spendendosen.

Alkoholfreie Getränke im Eingangsbereich der Fanräume.

Aus Sicht eines Nutzers und anderem Teils des Kollektivs: Danke für den nichtalkoholischer Stand gleich vorne an. Sich schnell ein Wasser holen zu können, ohne sich in die vollen Fanräume drängeln zu müssen, ist echt toll. Und das sind jetzt nur die subjektiven persönlichen Gründe des Schreibers. 

Der Abend endet dann wieder einmal vorm Jolly. Mit der Feststellung, dass in einer Woche Derby ist. Und dass die Derbystimmung im Vergleich zum September 2018 ganz schön abgeflacht ist. Wir sind uns noch unsicher, ob das gut oder schlecht ist.

Stickertheater

Der Verein hat sich gestern noch zu einer Stellungnahme hinreißen lassen. Mal ehrlich gefragt: Gab es in jüngerer Vergangenheit jemals eine Stellungnahme, die irgendwas besser gemacht hat? Wir erinnern uns nicht und sehen diese als einen weiteren Beleg dafür.

Warum braucht es diese Stellungnahme überhaupt? Bisher ist nicht öffentlich geworden, dass es ein nennenswertes Fehlverhalten seitens der Anhänger*innen unseres Vereins gab, und es wird auch in der Stellungnahme nur auf “Provokationen beider Seiten” eingegangen. Wie ihr wisst, stehen wir nicht auf der Nord, und können und wollen deshalb nicht genauer darauf eingehen, wie das ausgesehen haben könnte. 

Das Statement nennt explizit die Sticker. Und auch wenn dann sofort gesagt wird, dass die Sticker nicht als Begründung für den Angriff dienen sollen, stellt man selbst dann halt damit die Verbindung her. Das ist wie mit den blauen Elefanten, einmal als Bild in die Welt gesetzt, kriegst das nicht mehr raus. Was ist die Alternative, fragt ihr uns? Einfach gar keine Stellungnahme, es gibt einfach keinen Bedarf. Und ansonsten: Sticker einfach nicht erwähnen.

Sowieso die Sticker. Diese Sticker sind mehrere Jahre alt. Sie wurden jetzt von Dresdener Seite als “Begründung” herangezogen. Es wird von Verteilaktionen vorm Stadion gesprochen und es klingt, als wären jeder/jedem Stadionbesucher*in mehrere dieser Aufkleber in die Hand gedrückt worden und sie wären dann gezwungen worden, diese im Stadion zu verteilen; Kinder wurden dabei bestimmt auch noch instrumentalisiert. Und jeder Person, die keinen Sticker haben wollte, wurde sicher auch noch sofortig der Zugang zum Stadion verwehrt. 
Wir haben davon jedenfalls gar nichts mitbekommen und den ganzen Tag keinen einzigen neuen Sticker gesehen außer den Awareness-Stickern. Aber auch bei denen finden die Dresdener*innen sicherlich auch noch irgendeinen Grund rumzuopfern, weil die Sticker bestimmt irgendwie gemein sind. Das Hintergrundbraun erinnert sicherlich daran, wie irgendwas irgendwann ausgesehen hat.
Es reicht also, dass ein einzelner Twitteruser ein Foto dieser Sticker hochlädt und ankündigt, diese vor dem Stadion zu verteilen, um hier eine riesige Geschichte aus nichts zu machen. 

Exkurs: Humanitäre Sticker

Die Sticker sind nicht bloß als “geschmacklose Provokation” zu sehen, wie es jetzt auch verschiedenste Wutpaulis auf unserer Seite postulieren. Und von Dresden fangen wir besser gar nicht erst an. 

„Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Aliierten sind nicht mehr weit! Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns.“

Überlebende des Ghettos Theresienstadt

Wir stellen fest: 
Dresden wurde nicht inhumanitär angegriffen.
Andere deutsche Städte hat es schlimmer getroffen.
Der “Bombenkrieg der Alliierten“ war Teil des Zweiten Weltkrieges. Den die Deutschen begonnen hatten, und in dessen Kontext Millionen Menschen Opfer des nationalsozialistischen, faschistischen Weltbildes wurden. 
Der Krieg war am 13./14. Februar noch nicht beendet, sondern lief noch Monate weiter. 
Ein Großteil der Städte dieses Landes misst diesen Bombardierungen keine Besonderheit zu, sondern ordnet sie eben historisch ein, wie sie einzuordnen sind: eine Maßnahme der Alliierten, um den Zweiten Weltkrieg schneller zu beenden. 
Am 13./14. Februar gab es noch mehrere Millionen deutscher Soldaten, die nach wie vor mordeten. Warschau war gerade seit 4 Wochen befreit, Auschwitz seit 18, Budapest seit 2 Tagen. Deutsche Städte waren in nach wie vor nationalsozialistischer Hand und die Unterstützung durch die Bevölkerung war ungebrochen. Tausende Jüd*innen und Internierte der Konzentrationslager wurden zu diesem Zeitpunkt in Todesmärschen durchs Land getrieben. 

Wisst ihr, wann Hamburg bombardiert wurde? Habt ihr da jemals Trauermärsche mitbekommen?

Eben. Dresden ist die einzige deutsche Stadt, in der in dieser Massivität eine Täter-Opfer-Umkehr gesellschaftlich akzeptiert wird. In der immer wieder die deutschen Opfer prioritär beklagt werden. In der Ursache-Wirkung einfach umgekehrt werden. Diese Behauptung einer Singulärität ist auch deswegen indiskutabel, weil in dem Gedenken niemand ein Wort zu Gernika (baskische Schreibweise des Ortes) und Coventry verliert. 

Und gegen diesen zum Konsens gewordenen Faschismus stellen sich die kritisierten Sicker und die entsprechenden Transparente, die das Thema auch immer wieder aufgreifen. Reflexhafte Distanzierungen bringen genau niemandem was. Sondern im Gegenteil, sie stärken den Dresdener Konsens, der niemals Konsens werden darf.

Wenn wir “Nie wieder Deutschland” brüllen, dann meinen wir das genau so. Nie wieder Angriffskrieg, nie wieder Faschismus; gegen jede Geisteshaltung, die hierfür den Nährboden bietet. 

Überflüssige Statements

Und unsere Vereinsführung fühlt sich allen Ernstes noch bemüßigt, darauf einzugehen. Spitzenvorlage für das nächste rumopfernde Statement aus Dresden, wie gemein die bösen Paulis aber auch immer mit ihrer klar antifaschistischen Grundhaltung sind. Einfach mal nicht drauf eingehen, einfach ignorieren und wegatmen. 

Und dann auch noch “verhöhnender Darstellung von Bombenangriffen sind mit den humanitären Grundsätzen des Vereins nicht vereinbar” schreiben. Sie verhöhnen eben nicht die zivilen Opfer, sondern sie richten sich gegen die Täter-Opfer-Umkehr, die in Dresden jedes Jahr auf die Straßen getragen werden. Kaum ein Mensch in Fußballdeutschland oder linker Szene thematisiert unserer Kenntnis nach die Menschen, die bei Bombenangriffen auf andere deutsche Städte als Dresden ums Leben gekommen sind. Warum? Weil keine andere Stadt ein so bizarr verzerrtes Gedenken an den Zweiten Weltkrieg zelebriert. Zuerst war der Opfermythos, dann erst kam die – geschmacklich vielleicht nicht immer ganz so treffsichere – Kritik daran. Wer diese als Verhöhnung der Toten begreift, ignoriert den Kontext und interpretiert folglich schlicht falsch.

Warum die eigene Fanszene den rechten Trollen zum Fraß vorwerfen? Ist die Angst vor der DFB-Strafe so groß? (Wir haben doch genug Geld durch den Mats-Transfer, der so hervorragend intern aufgefangen wurde.) 
Man muss als Offizielle ja nun nicht sagen, dass man die Sticker als Reaktion auf den Dresdener Opfermythos gut findet. Auch wenn wir da nichts dagegen hätten. Aber man kann doch gottverdammtnochmal einfach mal nicht reagieren. Ein uns bekannter Mensch sagt immer, wenn sich ein Mitglied des Kollektivs zu sehr aufregt: “Unrat vorbei schwimmen lassen”, uns das wäre hier die sehr viel bessere Variante gewesen.

(Ja, irgendein Frankfurter Vizepräsident hat dazu was in einem Interview gesagt, was auch nicht so klug war. Aber von offizielle Vereinsseite ohne Absender wie bei uns haben wir da nichts gefunden.)

Insgesamt: Ebenfalls in jüngster Vergangenheit hat es sich als wenig sinnvoll erwiesen, vor rechten Shitstorms einzuknicken. Um nicht zu sagen, dass das Einknicken noch nie eine kluge Idee war.

Und ansonsten ziehen wir ab sofort bei jeder Auseinandersetzung außerhalb des Platzes irgendeine alte Aktion des Gegnervereins als Begründung hervor. Dann können wir ja einfach die öffentliche Diskussion darauf lenken. Für nächsten Samstag sind es dann Puppen, die von Autobahnbrücken hingen.

Heiligengeistfeld

Wir hatten vor dem Spiel die Faninfos für Dynamo zufällig gelesen. Da war das Heiligengeistfeld als Parkplatz für Gästefans ausgewiesen. Das ist natürlich auch eine super Idee. Und einige Dynamo-Irrlichter meinten auch, dort einen auf Hooligan machen zu müssen und vermummt Menschen anzugreifen. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll das wohl in einem “So was kommt von so was” für die geendet sein. Kein Mitleid. Echt nicht. 

Off Topic: Unser Fanladen fügt den Infos für Auswärtsfans eine sehr ausführliche Erläuterung zu der VcA-Bechersammlung bei und das ist sehr cool. 

Solidarität, immer noch

Wir sammeln via PayPal Moneypool immer für die Braun-Weiße Hilfe. Zu den Gründen haben wir alles gesagt.

Feb 112020
 

Einleitung

Die Überschrift ist ein Widerspruch in sich. Wenn wir Schlachttiere fragen könnten, ob sie getötet werden wollen, dann werden sie sehr wahrscheinlich mit „Nein“ antworten und nicht mit „aber bitte möglichst tiergerecht“. Wir sind hier ja nicht im Restaurant am Ende es Universums (in der Hoffnung, dass ihr „Per Anhalter durch die Galaxis“ Referenzen versteht).

Insofern sollte man sich als Fan immer überlegen, ob man bei gewissen Mechanismen mit macht. Nehmen wir doch mal zum Beispiel die/den Strafverteidiger*in. Deren Rolle ist gesellschaftlich eine eigenartige, denn im Endeffekt helfen sie massiv dabei mit, dass ihre Mandant*innen in den Knast kommen, sprich ziemlich viel Leid erfahren.
Wir haben uns als Gesellschaft auf die Notwendigkeit der Strafe verständigt und wollen diese irgendwie human ausgestalten und das Verfahren „gerecht“. Aber natürlich auch nicht zu viel davon, denn unser urzeitliche Racheinstinkt soll natürlich befriedigt werden. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn ein*e Strafverteidiger*in in 50 % aller Fälle erfolgreich wäre. Die Gesellschaft wäre sich sehr schnell einig, deren Rolle einzuschränken.

Trotzdem machen auch gute Menschen als Strafverteidiger*in ihren Job, weil sie eben in einem sehr fest etablierten System „das Beste“ für ihre Mandant*innen herausholen wollen.

Und genau hier kommen wir zu der Mitteilung der Schwarz-Gelben-Hilfe und Dynamo Dresden vom letzten Freitag. Die ihr hier nachlesen könnt. Inhalt ist grob zusammengefasst, dass man eine Kommission ins Leben gerufen hat, die betroffenen Fans einen Vergleich anbieten soll, wenn sie denn für eine Umlage der Verbandsstrafe in Frage kämen. Dabei wolle man verhältnismäßig agieren.

Erstes Gefühl? Hier führen Fans ihre Mitfans zur Schlachtbank. Zweites Gefühl? Vielleicht haben wir hier ein so festgefahrenes System, wie das Strafrecht, dass dies noch das Beste ist, was wir rausholen können?

Diese Frage gilt es erstmal zu untersuchen.

Ersatzstrafrecht?

Erstmal, worum geht es hier eigentlich? Machen wir uns nix vor, bei dieser ganzen Umlage von Geldstrafen geht es insbesondere darum, dass konservative Menschen mit ihrer Mär vom „zu weichen“ Strafrecht und ihrer Forderung nach harten Strafen, die abschrecken müssen den öffentlichen Diskurs bestimmen und gewinnen. Da das Strafrecht hier angeblich nicht ausreicht und nicht abschreckt, müssen härtere Mittel her und die versucht man zu erreichen, indem man absurd hohe Geldsummen auf Einzelpersonen umlegt. Das Zivilrecht wird dann zu einem Ersatzstrafrecht umgedeutet. Kommt euch bekannt vor? Genau, das gleiche haben wir im Polizeiordnungsrecht und seit neustem im Polizeigebührenrecht (Wir kommen dazu noch).

Dem entsprechend beendet Dr. Sigrid Lorz ihre Kommentierung des entsprechenden BGH (Lorz, jurisPR-BGHZivilR 2/2018 Anm. 1) mit der Hoffnung, dass Täter nun Abstand von Ausschreitungen nehmen würden, weil ein weiteres Instrument sie treffen würde.

Dieses „härtere Strafen wirken abschreckend“ ist in der Kriminologie hoch umstritten (siehe z.B: hier), aber da ist es wie bei dem Klimawandel, was Experten sagen wird im öffentlichen Diskurs nur sehr bedingt wahrgenommen.

Und dass wenn überhaupt das Strafrecht härtere Strafen vorsehen müsste, ist wohl nur noch eine Mindermeinung. Denn man umgeht durch diese Ersatzstrafrechte auch jegliche Schutzrechte des Angeklagten, jegliche Wertungssysteme und z.B. auch die Möglichkeiten eines Verteidigers. Ähnliches gilt nebenbei für solche Ideen wie „Führerscheinentzug bei Pyro“. Strafrecht soll eine individuelle Schuldangemessene Strafe ermöglichen. So etwas ist mit einem schwarz-weißen Führerscheinentzug genauso wenig möglich, als wenn man Strafen eines Sportgerichtes weitergibt. Man darf dabei auch nie vergessen, dass so ein Sportgericht eigentlich ein rechtlich zweifelhaftes (Stichwort „Pechstein-Prozess“, wir haben mal drüber gebloggt) Spezialgericht ist, welches für verbandsinterne Streitigkeiten gedacht war. Und welches bei seinen Strafen insbesondere auch an das Verhalten seines Mitglieds (=Verein) anknüpft.

Ist das also fest im Recht verankert?

Ist dies also nun so sehr fest installiert, dass ich als Fanhilfe nur noch „das kleinere Übel“ wählen kann und da wenigstens helfen muss. Wir denken nein!

Wir hatten über die rechtlichen Grundlagen bereits mal gebloggt und die damaligen kalten Füße des OLG Rostock ausführlich erörtert.

Seit 2011 ist jedoch viel Wasser die Elbe heruntergeflossen und das Thema war zwischenzeitlich beim BGH und so schreibt die Pressemitteilung von Dynamo Dresden lapidar nur:

„Die Rechtmäßigkeit der Umlegung von Verbandsstrafen auf Einzeltäter ist vom Bundesgerichtshof (BGH) in einem entsprechenden Urteil rechtskräftig bestätigt worden.“

Das ist richtig. Der BGH hat mit Urteil vom 09.11.027 (VII ZR 62/17) einen Fall entschieden und die Möglichkeit der Weitergabe zugelassen.

Und da ist der erste Punkt, warum das eben nicht ausgesungen ist und warum ein Vergleich vielleicht nicht das beste Mittel für einen Fan ist. Man muss sich mal den Prozessverlauf ansehen. LG Köln (7 O 231/14) hatte der Klage stattgegeben, das OLG Köln (I-7 U 54/15) sie dann abgewiesen, der BGH (VII ZR 14/16) hatte dann das OLG Köln rechtlich aufgehoben und an das OLG zurück verwiesen, welches dann der Klage (I-7 U 54/15) zu 2/3 (!) stattgab, die dagegen gerichtete Revision der Klägerin (!) wurde dann abgelehnt (Aktenzeichen siehe oben). Klägerin war unseres Wissens hier nebenbei der FC Köln.

Es gibt zwei entscheidende Fragen bei diesen Fällen und beide scheinen eben nicht wirklich abschließend geklärt zu sein.

Zurechnung der Verbandsstrafe

Das OLG hatte in seinem ersten Zulauf den sogenannten Zurechungszusammenhang verneint. Der BGH bejahte diesen, und meinte, dass es egal sei, dass hier eine vertragliche Nebenpflicht bestünde (siehe OLG Rostock) und der Zurechnungszusammenhang nicht durch ein Dazwischentreten Dritter aufgehoben werde. Bemerkenswert ist hier der Original Text des Urteils des BGH mit dem er das OLG aufhebt, zitiert nach Juris:

„Nach der gefestigten Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs wird die haftungsrechtliche Zurechnung nicht schlechthin dadurch ausgeschlossen, dass außer der in Rede stehenden Handlung noch weitere Ursachen zu dem eingetretenen Schaden beigetragen haben. Dies gilt auch dann, wenn der Schaden erst durch das (rechtmäßige oder rechtswidrige) Dazwischentreten eines Dritten verursacht wird. Der Zurechnungszusammenhang fehlt auch in derartigen Fällen nur, wenn die zweite Ursache den Geschehensablauf so verändert hat, dass der Schaden bei wertender Betrachtung nur noch in einem „äußerlichen“, gleichsam „zufälligen“ Zusammenhang zu der durch die erste Ursache geschaffenen Gefahrenlage steht.

Man kann das so ein bisschen zynisch so kommentieren, dass es dabei egal ist, ob das Urteil des Verbandsgerichtes rechtmäßig oder rechtswidrig ist. Haftungsrecht ist schon was lustiges. Auch gerade weil der BGH weiter ausführt:

Der Zurechnungszusammenhang kann auch nicht mit der Erwägung verneint werden, die Klägerin hätte die Geldstrafe nicht zahlen müssen, weil § 9a der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB unwirksam sei (allgemein zum Diskussionsstand: Walker, NJW 2014, 119; 120 ff.; Kober, Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien, 2015, S. 126 ff.; Müller-Eiselt, Die Gewährleistung der Sicherheit bei Fußballspielen, 2015, S. 219 ff., 267; M. Fröhlich/H.-W. Fröhlich, causa sport 2015, 157, 158 f.; Scheuch, SpuRt 2016, 58, 61, jeweils m.w.N.). Hierauf kommt es im vorliegenden Fall nicht an, weil ihre Entscheidung zur Zahlung der Geldstrafe durch das vertragswidrige Verhalten des Beklagten herausgefordert worden ist und keine ungewöhnliche oder unsachgemäße Reaktion hierauf darstellt (vgl. BGH, Urteile vom 23. November 2006 – I ZR 276/03, WM 2007, 1192 Rn. 23; vom 7. März 2002 – VII ZR 41/01, NJW 2002, 2322, 2323, juris Rn. 27 m.w.N).

Geil, oder? „Ist uns doch egal, ob das komplettes Unrecht ist, das ist nicht ganz ungewöhnlich oder unsachgemäß, also ist das okay“. Puh, das muss man sich mal echt auf der Zunge zergehen lassen. Der BGH äußert in der Folge auch keine Zweifel daran, dass so Verbandsgerichte legitim sind und blendet mal eben locker die gesamte Pechstein-Geschichte aus.

Wenn man so bei Juris die Literaturhinweise und die Kurzzusammenfassungen der entsprechenden Literatur so liest (Juris liefert hier keinen Volltext, daher auch keine Zitierung der Quellen, geneigte Leser werden diese über Jurist finden), dann ist sich die Literatur hier nicht so wirklich sicher. Es wird dem BGH geraten seine Definition zu überdenken, auch wenn ihm im Ergebnis zuzustimmen sei, andere Autoren raten den Weg nach Karlsruhe (bekanntermaßen Sitz des Bundesverfassungsgerichtes) anzustreben, wieder andere lehnen diese Zurechnung ab.

Und wir haben in Deutschland immer noch keine Case Law. Der BGH ist kein Rechtssetzer. Insofern haben Literaturmeinungen hier schon Gewicht und das ganze ist wahrscheinlich eben noch nicht abschließend geklärt.

Höhe der Zurechnung

Habt ihr euch jemals gewundert, woher diese „Wir zählen Pyros und addieren die zu einer Gesamtstrafe“ beim DFB Gericht kommt? Das sieht wie eine Reaktion auf dieses Urteil aus. Ihr werdet das gleich sehen.

Das OLG hatte nur 2/3 der Klage stattgegeben. Dem ganzen lag folgender Sachverhalt zu Grunde. Insgesamt wurde der Verein zu 80.000 Euro vom DFB verurteilt. Davon 50.000 als Geldstrafe und 30.000 für Projekte und Maßnahmen. Auf die letzte Summe wurden noch 19.000 und ein paar Kröten für eine verbesserte Videoüberwachung angerechnet. Auf diese Gesamtsumme kam das DFB Sportgericht, indem es vier Vorfälle einzeln bestrafte und für diese jeweils Geldstrafen festsetzte. Zweimal 20.000, einmal 38.000 und einmal 40.0000. Wobei 40.0000 der Vorfall des Klägers war.

Das DFB Sportgericht hatte dann nicht einfach addiert, sondern § 54 StGB (wenn ein Sportgericht Strafgesetzbuchvorschriften analog anwendet, dann sollten sich bei jedem/jeder Jurist*in die Nackenhaare aufstellen.) analog angewandt und die höchste Einzelstrafe erhöht.

Die Klägerin hatte nun argumentiert, dass sie von dem Beklagten 50 % der Summe bekäm, weil 40.000 Einzelstrafe gewesen wäre, ursprüngliche Strafe 80.000, das sind halt 50 % also 50 % von den dann verhängten 60.000 also 30.000. Dem ist das OLG nicht gefolgt, sondern will halt im Anteil aller Einzelstrafen nur haften lassen (40.000 zu 118.000 ergibt irgendwas um die 29,5 %; 29,5 % von 60.000 = 20.340; Gericht hat gerundet) Eine Gesamthaftung für alle Strafen lehnen alle Gerichte ab, weil sie die für zu zufällig halten. Hiergegen war dann nur noch die Klägerin (!) in Revision gegangen. Der BGH hat das dann bestätigt.

Hier greift halt die neue “Strafe pro Pyro” Regel des Sportsgerichts. Es ist dann halt aber ein Betrag pro Pyro zu ermitteln und es wird dann spannend, wie die Rechtsprechung das sieht. Jede(r) haftet nur in Höhe ihres/seines einzelnen Pyro? Oder für die ganze Show bei diesem Spiel?

Es bleiben Fragen

1.
Was gar nicht mehr Thema war: Das OLG Rostock (siehe unseren damaligen Artikel, der oben verlinkt ist) hatte an diesem Punkt noch Ausführungen zum Thema „gibt es eigentlich Grenzen der Haftung?“ gemacht und den Jurist*innen ist diese Frage aus dem Arbeitsrecht wohlbekannt. Das (veraltete) Stichwort ist „Gefahrgeneigte Arbeit“.
Der BGH hat hier einfach einer mathematischen Berechnung seinen Segen erteilt. Die Frage ist: Gilt das auch noch, wenn wir als Schaden das berühmte Geisterspiel haben, oder die Strafen nach dem „jetzt müssen wir noch höhere Strafen fordern“ Prinzip noch mehr angehoben werden?

2.
Auch dieses „uns doch egal, ob § 9a der DFB Verfahrensordnung rechtmäßig ist“ erscheint zumindest zweifelhaft. Man hat wieder das Gefühl, dass der BGH hier unbedingt zu einer Verurteilung kommen wollte (Abschreckung und so) und daher die Bedenken leichtfertig vom Tisch geworfen hat.

3.
Auch die Annahme einer vertraglichen Nebenpflicht kann man weiterhin kritisch sehen und die juristische Literatur sieht es weiterhin kritisch.
Klar kann ich eine (Neben-)Pflicht eine Veranstaltung nicht zu stören annehmen, aber habe ich dann wirklich die Pflicht, mich de facto einem Verbandsgericht zu unterwerfen, bei dem ich nicht Beteiligter bin und der beteiligte Verein anscheinend auch keine Schadensminderungspflicht hat, denn der BGH sagt „ist uns doch egal, ob ihr dagegen bis zum bitteren Ende vorgeht“? Das erscheint sehr weitgehend. Und man muss sich echt fragen, ob diese Nebenpflicht, die nach dem BGH auch per AGB einbezogen ist wirklich so ohne Aufklärung des Kunden möglich ist. Fragt mal eure Nebensitzer*innen/Nebensteher*innen ob ihnen eigentlich klar ist, dass sie eine Nebenpflicht haben Verbandsstrafen anteilig zu zahlen. Unsere These ist, dass das den wenigsten klar ist. Fragen wie Verbraucherschutzrecht, überraschende Vertragsklauseln etc. werden hier gar nicht angerissen.

4.
Kann man weiterhin verfassungsrechtliche Bedenken haben, denn gerade bei einer eher starren Berechnung der Weiterreichung werden all die Wertungen der schuldangemessenen Strafe und all die anderen Wertungen des Strafrechts, die meistens auf Verfassungsgütern beruhen vom Tisch gewischt und hinten herum ausgehebelt. Was ist z.B. mit „keine Strafe ohne Gesetz“, wenn man hier von einer vertraglichen (!) Nebenpflicht (!) als Grundlage ausgeht. Das wird dann schon sehr schwierig und weitreichen

5. Umfang der Haftung

Wie wird die Durchleitung durch die neue “Strafbemessung per Pyrozählen” beeinflusst? Siehe oben.

Warum Dynamos Rechtshilfe deswegen versagt hat

Wenn man all diese Bedenken sieht, dann erscheint es nicht sinnvoll hier dem Verein die ganze Hand zu reichen und bei so etwas mit zu machen. Was ist denn aus der Forderung „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ geworden? Lieber akzeptiert man dieses System.

Und legitimiert damit die immer weiter um sich greifende Überwachung und Bespitzelung der Fans durch ihre Vereine, denn eine Weiterreichung der Strafe wird man nur bei überführten Tätern durchsetzen können. Will man bei dieser Überführung dann auch noch mithelfen? Und was ist, wenn der Verein meint einen Täter überführt zu haben? Oder – wie man bei der Schwarz-Gelben Hilfe ja nachlesen kann – die Polizei mal wieder meint einen Täter dingfest gemacht zu haben, weil er einen schwarz-gelben Fischerhut trug? Wo ich als Fanhilfe jetzt noch eine strafrechtlichen Einstellung nach § 154 StGB gelassen hinnehmen kann, schaffe ich in diesem System ein Argument für eine Täterschaft, welches ich nur schwerlich widerlegen kann.

Was auch bemerkenswert ist: Wie soll denn eine Verhältnismäßigkeit aussehen, die gleichzeitig die Geschäftsführung von der angeblichen (gleich dazu noch) Schadensabwendungspflicht freistellt aussehen? Zumindest der BGH sieht eine solche Verhältnismäßigkeitsabwägung nicht, wenn ich also eine Schadensabwendungspflicht als Geschäftsführung habe, dann kann ich nicht plötzlich eine solche Verhältnismäßigkeit einbauen und meinen damit nicht mehr haftbar zu sein. Sowieso wie soll diese denn aussehen? Hans-Jürgen und Klaus beide 16 jährige Schüler zünden beim Derby gegen Magdeburg 10 Bengalos und werfen die in den Innenraum, weiterhin malen sie ein Plakat (über 3m²) mit Beleidigungen der Magdeburger*innen, der DFB verurteilt Dresden deswegen zu 17.000 Euro. Welche Weiterreichung ist nun verhältnismäßig? Zahlen können Hans-Jürgen und Klaus das so oder so nicht? Und ändert sich die Verhältnismäßigkeit, wenn die Täter*inne nicht Hans-Jürgen und Klaus sind, sondern Reinhard und Hartmut, die 20 Jahre alt sind? Oder Ulf und Dieter, die 36 sind? (Ähnlichkeiten mit Vornamen von Ehrenspielführern von Dynamo Dresden sind Absicht, deswegen kein nicht männlichen Täter in diesen Beispielen)

Das wird schnell Willkür. Schön, dass es da das Strafrecht gibt mit seinem Jugendstrafrecht. Oh wait.

Dynamo spielt falsch

Hinzu kommt, dass Dynamo in seiner Pressemitteilung falsch spielt.

Wir zitieren:

„Denn während Dynamos Geschäftsführung dazu verpflichtet ist, finanziellen Schaden vom Verein abzuwenden, wird die Sportgemeinschaft auch in Zukunft bei einer etwaigen Umlegung von Verbandsstrafen die Verhältnismäßigkeit dem Betroffenen gegenüber gewährleisten. Eine gesamtschuldnerische Haftung etwa, bei der die volle Strafe mehrerer Verursacher auf einen Einzeltäter umgelegt wird, kann Existenzen gefährden oder gar zerstören.“

Erstmal haben wir eben gesehen, dass eine gesamtschuldnerische Haftung vom BGH für die Gesamtstrafe eben gerade nicht angenommen wird. Auch muss sich Dynamos Geschäftsführung dann mal fragen lassen, wer denn bitte diese Verpflichtung gelten machen soll? Dies können nämlich nur die Mitglieder des Vereines in Form der Mitgliederversammlung. Mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist das? Gerade bei einem Verein wie Dynamo. Hier so zu argumentieren ist schon ziemlich fragwürdig.

Zusammenfassend

1) Rechtmäßigkeit von Verbandsstrafen ist nicht so einwandfrei geklärt, wie das dargestellt.
2) Das Berechnungsverfahren für die Strafhöhe ist zumindest sehr fragwürdig.
3) Wird damit – mit Unterstützung der Schwarz-Gelben-Hilfe Tür & Tor für noch mehr Überwachung geöffnet.
4) Macht es sich Dynamo in der Begründung sehr, sehr einfach.

Zuguterletzt

Liebe Braun-weiße Hilfe, lieber FCSP: Denkt nicht einmal im Traum dran.

Rechtshilfen sind wichtig!

Gerade bei uns, gerade nach den Vorkommnissen in Bielefeld.

Spendet an die braun-weiße Hilfe

Feb 112020
 

Zähne, Krankheiten, der perfekte Mord, Pony & Ride. 
Dies ist eine Zusammenfassung der Gesprächsthemen der Hinfahrt.

Zu früh da, zu kalt. Rumlungern vorm Block. Zwischenzeitlich Info, dass USP und bahnreisender Mob von Zugausfällen (Danke Sabine!) betroffen ist. Kommen dann immerhin noch, aber verspätet.

Eigentlich geplanter Fanmarsch dann zeitlich nicht mehr drin, deswegen Shuttlebusvariante. Und die Cops versuchen sich an billiger Provokation, lassen nur so viele Menschen in jeden Bus wie er Sitze hat. Es ist kurz vor Anpfiff, die Menschen wollen zum Spiel und euch fällt echt nichts besseres ein, als sinnlose Vorgaben zu machen? Die Busse vom Park (Ähh, sorry, Pony) & Ride durften doch auch voller fahren. BFE natürlich auch sofort am Start. Naja, Eutin muss ja auch mal in praktischer Anwendung üben. 

„Kiel ist die DDR Norddeutschlands“

Wir waren zuletzt im April des vergangenen Jahres in Kiel. Und ganz ehrlich, wir könnten jetzt aufs Neue ranten. Wir sind aber faul, müde und schlechtgelaunt und zitieren uns selbst:

Erstmal seid ihr kein Derby, auch wenn ihr das noch so häufig verkündet. Wir messen uns mit Gegnern und nicht mit irgendwelchen daher gelaufenen Landeshauptdörfern.
Dann kann Euer Hosentaschen-Lotto sich noch so häufig auf den Rasen stellen mit seiner Gitarre, der Song tut nur weh. Verein gereimt auf Holstein? Da dreht sich ja Goethe im Grab um!
Dieser Gästeblock ist der letzte Rotz, viel zu klein für die verkauften Karten, Ordner im Eingangsbereich mit Nazisymbolen und ein Netz vor dem Block, das sofort Migräne macht. Geil. Nicht.

[Ok, Netz war dieses Mal weg aus dem direkten Gesichtsfeld, bei Ordner*innen ist uns dieses Mal auch nichts aufgefallen. Aber der/die Architekt*in dieses Blocks in dem die Hälfte der Menschen nichts sehen kann, kommt nach der Revolution zeitig in den Gulag. Wobei, die Ordner*innen ließen die Lesebrille eines Mitreisenden nicht mit ins Stadion. „Wurfgeschoss“. Ähhh, ja. Tja, nun.]

Und dann kriegt der weibliche Teil dieses Kollektivs in Kiel regelmäßig eine sehr große Krise, wenn da leicht bekleidete Mädchen vor Fussballottos tanzen. Cheerleading ist ein toller Sport. Wir haben Respekt vor den Menschen, die ihn ausüben. Wer aber auf die Idee gekommen ist, dass es toll wäre, ebenjene Cheerleader*innen vor durchschnittlich zweieinhalb Mal so alten Männern (mehrheitlich) im Kontext eines Fussballspiels tanzen zu lassen, der/ die sollte sich vielleicht mal hinterfragen. Und dass die Cheerleader*innen dann auch noch jedes Mal aufs Neue vorm Gästeblock auftreten, ist echt unfassbar. Wir haben jetzt 5 Minuten überlegt, was wir mit der verantwortlichen Person gerne machen würden. Und naja, keine Idee, alles nicht angemessen. Der Gästeblock bleibt ruhig, vereinzeltes „Das hat mit Fußball nichts zu tun“, ansonsten Stille. Wie das bei den sexistischen Held*innen aus Dresden, Aue und Stuttgart klingt, wollen wir uns echt nicht vorstellen. 

Wobei, wir haben gerade doch noch eine Idee für eine Strafe: Lebenslang mit all diesen Fritzis, Störchen (der/ die hat noch nicht mal nen Namen, oder?) und weiteren Maskottchen schlechte Montagskicke auf irgendwelchen Ackern angucken. Dabei in Vorbereitung auf die rituelle Opfergabe aller Maskottchen eine passende Cheer-Choreo einüben.
(Machen wir dann nach dem Champions League Gewinn des FCSP.)

Hendrik Andreas Jacobus

So lautet der volle Vorname unseres Stürmers. Einer der wenigen Lichtblicke dieses Spiels. Zumindest zeitweise.

Insgesamt eher lahmer Einstieg ins Spiel. Dann bettelst du 5 Minuten lang ums Gegentor, verlierst die defensive Stabilität und kriegst dann halt auch das Tor. Alles wie immer. Jedes scheiss Spiel. Das musst du abgestellt bekommen haben zu diesem Saisonzeitpunkt. Vor allem wenn du in der Winterpause so auf deinen Kader vertraust, dass du keine neuen Spieler holst.

Wir kommen besser als sonst aus der Kabine nach der Halbzeit, Gyökeres tankt dann schön durch und Henk schiebt nach Dreher wieder ein – quasi analog zum Stuttgart-Tor.

Apropos Henk. Wie sich jedes Spiel aufs neue Gegner komplett an ihn ranhängen können und es nie, nie, nie Foul gibt. Ja, der ist 201 groß. Aber auch solche Spieler können gefoult werden. Wir überlegen noch, ob man ihn mal ein paar Monate zum American Football Training schickt, um ihm beizubringen, wie man auch mit 3 Gegnern, die an einem dranhängen, weiterläuft. Und nein, das ist natürlich nicht die Lösung. Wäre aber auch echt viel von Schiedsrichtern verlangt, da mal zu pfeifen. Ein einziges Mal.

Spiel schläft dann wieder ein, wir geben Kiel zu viel Platz und der Ball geht nach ner Ecke rein. Wohlgemerkt, das 2. Tor für Kiel nach Ecke diese Saison. Einziges Wunder ist, dass das andere Tor nach Ecke nicht auch gegen uns gefallen ist.

Henk kann dann auch nach der 80. noch Sprints anziehen, und das im Gegensatz zu den Spielern, die die Sommervorbereitung mitgemacht haben. Kann man auch mal hinterfragen.

Genauso wie den Transfer und den erneuten Einsatz von Tashchy. Wie schlecht hat Diamantakos diese Woche denn bitte trainiert? Tashchy springt an mehreren Bällen eiskalt vorbei. So wie wir vorbeispringen würden. Und wir haben den letzten Kopfball gefühlt vor 20 Jahren gemacht. Naja, ehrlicherweise nicht nur gefühlt.
Und hatte der überhaupt schon eine einzige gute Aktion in braun-weiß? Wir haben schlechte Laune (wir erwähnten das evtl. schon) und wollen jetzt auch nicht nachgucken. Aber dass uns auf Anhieb keine Aktion einfällt, spricht ja auch für sich.

In der Nachspielzeit kriegen wir dann noch einen Elfmeter zugesprochen. Der Schiedsrichter beweist ein weiteres Mal, dass er heute wirklich nicht auf der Höhe ist und der VAR muss sich nicht nur einschalten, sondern er schaut dann wirklich auch noch die Bilder an. Wenn das kein klares Handspiel ist, was denn dann?

Henk schießt den Ball schwach, die Kieler waren zu früh reingelaufen und kommen somit schneller an den Abpraller.
Also wenn du hier schon die VAR Nummer abziehst, dann halt bitte auch konsequent auch in der Situation. Frühes Einlaufen heißt nämlich Wiederholung. Genauso übrigens wie das zu frühe Verlassen der Linie durch den Torwart. Beides passiert. 
Stattdessen gibt es dann einen indirekten Freistoss. Der auch wieder fragwürdig ist. Weil wenn du mal das zu frühe Einlaufen ausblendest, dann ist das halt auch nicht unbedingt ein kontrolliertes Rückspiel, ergo kein indirekter Freistoß.

Und wenn du den dann ausführen lässt, wie du ihn ausführen lässt (die komplette Kieler Verteidigung bewegt sich viel zu früh), dann hast Du hoffentlich noch berufliche Alternativen. 
Wie gesagt, irrlichterndere Schiedsrichter olé.

Die letzte Ecke des Spiels landet dann zielsicher in den Armen des Kieler Torwarts. Mehr musste zu dem Spiel echt nicht mehr wissen.

Und Kiel ey, bemitleidenswert wer den eigenen Sieg mit „Scheiss St. Pauli“ feiert. You only sing when you’re winning.

Robocop

Robocop zweifelt nicht, Robocop marschiert (ey)
Robocop macht das, was man ihm sagt (ey)
Robocop fragt nich‘, Robocop akzeptiert (ey, ey)
Robocop wird nicht fürs Denken bezahlt (ey)“

(Disarstar, Robocop. Und ja, H$V, ja roter Aufbau. Beides nicht geil.)

War ja bis dahin ruhig geblieben. Also muss Robocop dann noch mal bei der Abreise rumnerven & komplett anlasslos in den Shuttlebussen behelmt mitfahren. Das ist noch so ein billiger Provokationsversuch. Jaja Eutin, diesdas.

Ansonsten zügige Rückreise, um 23:31 wieder die Hamburger Landesgrenze überquert, um kurz nach Mitternacht zu Hause.

Der Senior beendet diese Beiträge in letzter Zeit immer mit „Unser Tag wird kommen“. Und ganz ehrlich, das darf dann jetzt auch gerne bald mal der Fall sein. Seit 31 Spieltagen auswärts keine drei Punkte mehr mitgenommen, seit der Winterpause ein grandioser Punkteschnitt von 0.33.

Freitag gehts dann bereits weiter gegen Dresden. Seid ihr auch schon so gespannt auf den tollen Offensivfussball von Markus Kauczinsksi? Freut ihr euch auch schon so auf kreative sexistische oder transfeindliche Banner? Auf die fehlende defensive Zuordnung & Stabilität?

Wie auch immer, steckt ein paar Euro extra ein: Die braun-weiße Hilfe sammelt für die Betroffenen des Bielefelder Kessels, und der AK Awareness schmeißt den Tresen in den Fanräumen. Gibt schlechtere Sachen, die Mensch mit seinem/ ihrem Geld machen kann.

Unser Tag wird kommen.

Feb 102020
 

4. November 2018. Auswärtsspiel in Bielefeld. Auswärtssieg in Bielefeld. Für die Menschen, die in jüngerer Vergangenheit öfters mit dem FCSP auswärts fahren: Das ist das, wo man sich auf der Rückfahrt freut, weil man gewonnen hat. Wir fuhren da nebenbei als Tabellenfünfter hin und fuhren als Tabellenerster zurück (und wurden dann am Montagabend noch vom Verein mit dem Stadion an der Müllverbrennungsanlage überholt, aber das ist eine andere Geschichte).

Auch wenn das Spiel aus sportlicher Sicht (inkl. Tor nach Standard durch Knoll & Tor von Mats 😥) also ganz ok war, dann ist das nicht der Grund, warum wir als Fanszene uns heute noch mit diesem Spiel befassen (müssen). Der Grund ist der Polizeieinsatz, der den Verein im Mai 2019 zu einer Strafanzeige gegen die polizeiliche Einsatzleitung veranlasste. 

Wir zitieren hier mal Oke, der die Strafanzeige folgendermaßen begründet:
“Für uns liegt hier ein klarer strafrechtlich relevanter Verstoß durch die Einsatzleitung der Polizei vor, den wir so nicht akzeptieren können. Mit der Maßnahme wollen wir auch gemeinsam mit dem Fanladen ein klares Zeichen für Fußballfans setzen, die bei Auswärtsfahrten durch polizeiliche Maßnahmen ohne ersichtlichen Grund daran gehindert werden, ihre Mannschaft zu unterstützen. Dennoch wollen wir unsere Fans ermutigen, weiter so zahlreich auswärts mitzufahren wie bisher.”

Fragwürdiger Polizeieinsatz

Zwei der vier Kollektivmitglieder hatten sich an jenem Tag ebenfalls auf den Weg nach Bielefeld gemacht. Eine Person per Neuner, eine Person per Bahn. Ihr kennt uns, wir fahren auf verschiedene Weisen auswärts, mal Neuner, mal Fanladentours, mal Regiotours. Und wir träumen immer noch davon, dass wir diese Anreise per Rennrad mal organisiert bekommen. Wobei sich die Polizei auch bei der Anreiseform sicherlich noch „kreative“ Repressionsmaßnahmen einfallen ließe.

Die per Bahn anreisende Person hatte sich in dem Fall für den Komfort bei der Anreise entschieden und war daher mit dem ICE gefahren. Und alleine diese Entscheidung führte dazu, dass uns stundenlange polizeiliche Maßnahmen erspart blieben. Allein diese Entscheidung. Sonst nichts.

“Zu keinem Zeitpunkt wurde den festgehaltenen Personen Wasser angeboten. Der Toilettengang wurde ebenso verwehrt wie der Besuch des anliegenden Imbisses; sich außerhalb des Kessels befindliche Personen, die den festgehaltenen Personen Nahrungsmittel reichen wollten, wurden massiv von der Polizei bedrängt und teilweise an ihrem Vorhaben gehindert.“

(Augenzeugenbericht aus dem sehr lesenswerten anwaltlichen Gutachten)

So blieben uns anders Anreisenden aber nicht nur polizeiliche Maßnahmen, über deren Rechtmäßigkeit bis heute nicht entschieden ist, erspart. Sondern auch die nun anstehenden Gerichtsverfahren, von denen viele der damals gekesselten Sankt Paulianer*innen betroffen sind.

Wie ihr oben sehen könnt, führten für uns kleine Entscheidungen dazu, dass wir nicht Opfer dieser Maßnahmen wurden. Für jede*n Sankt Paulianer*in bedeutet das aber auch, dass wir nur aufgrund von kleinen Entscheidungen, die uns zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein lassen, in langfristige Gerichtsverfahren eingebunden sein können.

Und welch massive Auswirkungen ein solches Gerichtsverfahren auf das Privatleben hat, können wir uns also ausmalen. 

Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität

“Was wir wollen, können wir erreichen
Wenn wir wollen, stehen alle Räder still
Wir haben keine Angst zu kämpfen
Denn die Freiheit ist unser Ziel
Denn die Freiheit ist unser Ziel
Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität“

(Ton Steine Scherben)

Die einzig richtige, die auf St. Pauli einzig mögliche Antwort ist bedingungslose Solidarität. Wenn ihr Menschen in Eurem Umfeld habt, die von diesen Maßnahmen betroffen seid, dann seid für sie da. 

Und leider kosten solche Gerichtsverfahren auch noch Geld, in diesem Fall aufgrund der Menge an Verfahren sogar eine ganze Menge Geld. Und wenigstens hier können wir alle allen Betroffenen das Leben leichter machen. Spendet an die Braun-Weiße Hilfe. Beim nächsten Heimspiel wird es Sammeldosen auf allen Tribünen geben, und wenn ihr jetzt direkt Geld überweist ist das sicherlich auch nicht verkehrt.

Und hier auch mal ein riesengroßer Dank an die Aktiven in der Braun-Weißen Hilfe, die den Betroffenen seit 1.5 Jahren (auch ehrenamtlich) zur Seite stehen.

Feb 042020
 

Liebe Lesenden,

kennt ihr das? Da ist dieses Familienmitglied, dem geht es nicht gut. Seit mehreren Jahren macht es zu wenig aus sich, kommt nicht aus dem Quark, obwohl es könnte, und dümpelt so vor sich hin. Immer wieder muss man sich Sorgen seinetwegen machen und man versucht, ihm gut zuzureden, um doch mal mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen. Und dann geht’s wird es irgendwann richtig ungemütlich. Das Familienmitglied gerät in einen Abwärtsstrudel und baut immer weiter ab. Nun ist Handeln gefragt, aber wie? Kluge Ratschläge und ausgestreckte Hände erreichen es nicht und mal im Ernst, da fehlt einem doch eh die Expertise. Immer wieder kommen neue Tiefschläge, die aber stets unterbrochen werden von lichten Momenten. In diesen Augenblicken ist man geneigt, zu denken: Na also, jetzt kriegen wir die Kurve. Auch wenn es eigentlich nur ein kleiner Schritt war, wir nehmen den Rückenwind auf und bringen es jetzt nach vorn! Denn wir müssen doch füreinander da sein, wir müssen ihm helfen!

Wir sprechen von gebrechlichen Verwandten. Oder vom FC St. Pauli. Eigentlich die gleiche Geschichte.

An diesem Tag ist auch für die Auswärtsmuffel die Winterpause vorbei. Schon am Dienstag haben wir uns nach dem Auftritt in Fürth die spielfreie Zeit zurückgewünscht, aber nützt nix, vom Ligabetrieb abmelden geht nicht. Und dann ist unser Club ja ohnehin eine Wundertüte, nicht zuletzt in dieser Saison. Bei den dicken Fischen sah unsere Mannschaft in der Regel ganz ordentlich aus.

Also ran da gegen Stuttgart

Bei frühlingshaften Temperaturen, aber schmuddeliger Luft geht es also mal wieder auf die heiligen Stufen. Der Rasen sieht aus wie Dresden ‘45 (ach nee, das ist ja erst in zwei Wochen), als die Ränge bereits das ganze Gras weggeraucht hätten. “Da muss ein halbhoher Aufdittscher her, der wird bei dem durchgeweichten ’Grün’ sicher unhaltbar”, denken wir uns. Weiß die Mannschaft aber sicher nix von.

Auf den vier Tribünen des Stadions steht heute fast alles im Zeichen der Opposition gegen neue Polizeigesetze. Nicht nur von den Braunweißen, auch aus Stuttgart kommen deutliche Worte in Richtung der Politik. Danke an dieser Stelle für die Solidarität. Keinen Dank für ein anderes, armseliges Spruchband auf Dynamo-Niveau. Saß der Brustring mal wieder ein bisschen zu eng, dass er die Sauerstoffzufuhr ins Gehirn unterbrochen hat? Geht zurück in eure Höhle, wo ihr hergekommen seid, und bleibt da.

Schon schlimmeren Fußball gesehen

Kommen wir zum Spiel. Wir denken, die meisten hatten ähnlich wie wir doch recht geringe Erwartungen an diese Begegnung angesichts unserer Leistung in Fürth und der Platzierung des VfB. Und da sollten wir doch eigentlich zufrieden sein mit dem Unentschieden. Hmnaja. Nee.

Zum einen funktioniert das mit dem Laufen heute wieder besser. In Fürth wurde noch getrabt wie ein Rudel müder Esel, heute checken die Boys in Brown etwas besser, dass das Spielfeld 105 Meter lang und 68 Meter breit ist.

MagischerFC St. Pauli vs. VfB Stuttgart Februar 2020
Wer behauptet, das Bild sei bearbeitet, lügt!!!

Zum anderen zeigen einige der Spieler deutlich mehr Biss als vor vier Tagen. (Wer hat sich bloß diesen Quatsch mit einer Englischen Woche als Rückrundenauftakt ausgedacht?) Zweikämpfe, Kompaktheit im Mittelfeld, Übersicht und auch mal Foul spielen, wenn es sein muss. Nur leider nicht vorm Gegentor. Das wäre eine gut investierte Gelbe Karte gewesen. Allerdings ist die Linie von Dr. Felix Brych ohnehin seltsam an diesem Tag. Da kann man sich auf nichts verlassen.

Und schließlich ist Stuttgart bemerkenswert fehleranfällig. Mehr als einmal sieht der VfB gar nicht gut aus, geradezu tölpelhaft – nicht gerade souverän für einen Aufstiegsaspiranten. Da wäre also wirklich mehr drin, wenn man die Gelegenheiten nutzt, die sich eröffnen. Klar, wir haben auch himm(e)l(mann)isches Glück, dass da kurz vor der Pause kein Gegentor fällt. Aber insgesamt ist da doch ein leichtes Plus an hochkarätigen Chancen auf unserer Seite, so wie wir das sehen.

Die verflixten letzten Minuten

Besonders ärgerlich ist mal wieder ein Gegentor in der Schlussphase. Wir hatten schon mehrere Phasen in unserer Vereinshistorie, in denen späte Gegentore nicht nur nervig, sondern ein echtes Problem waren. Wie viele Punkte haben wir in dieser Saison schon weggeschenkt auf diese Art und Weise? Das ist nicht nur Pech, das ist vor allem fehlende Kondition und Konzentration. Und das kann man abstellen oder zumindest angehen. Wir verstehen es nicht, wie die Verfassung der Mannschaft vom Trainerstab gelobt wird und wir in den vergangenen zwei Spielen nichts davon sehen, dass wir hier eine Truppe mit Ausdauer auf dem Feld hätten.

Und so bleibt am Ende zwar ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich unser kränkliches Familienmitglied auf dem Weg der Besserung sein möge. Vielleicht zeigt sich jetzt ja allmählich mal die Entwicklung, auf die wir so lange hoffen. Vielleicht kriegen wir nächste Woche gleich wieder einen auf den Deckel, dass uns die Ohren klingeln. Aber nun, wir können ja eh nicht anders, als füreinander da zu sein.

Jan 292020
 

… but someones gotta do it, sangen Faith No More vor Jahrzehnten. Und fassten die “wer schreibt den Bericht zum Auswärtsspiel in Fürth” Redaktionsdiskussion vollständig zusammen.

Der Pöbelbus war in das Mordor der Nürnberger, die Vorstadt oder wie die das nennen per Bahn unterwegs. Und es wäre ungewöhnlich wenn wir den Nürnberger*innen hier nicht vehement widersprechen wollten. Denn zwar ist dir grün-weiße Seite der Macht klein an Zahl, aber glänzte an diesem Dienstag mit klarer und guter Stadiondurchsage und Banner zum Holocaust Gedenktag. In Nürnberg hätte man wahrscheinlich lieber irgendeinem Wehrmachtsoffizier der für den Club Tore geschossen hat gehuldigt, als sich so klar zu positionieren.

Die Vollpfosten bei uns im Block, die die Gedenkdurchsage durch Gesang störten bekamen ne klare Ansage. Im übrigen auch die Jungs, die nach dem Spiel die Fürther als “H*rensöhne” bezeichneten. Wir dokumentieren diese Vorfälle weiterhin. Kommentieren könnten wir sie sowieso nur mit bereits gesagtem.

Auswärtsfanfreuden

Anreise bis Fürth problemlos. In Fürth wieder massiv nervig. Die angekündigten Shuttlebusse waren nicht existent und auch die paar Polizisten (keine Frauen weit und breit) konnten nicht weiter helfen. Es stellte sich später heraus, dass Shuttlebusse lieber leer unseren spazierenden Ultras hinterherfuhren, als wirklich als bequemes Anreisemittel bereit zu stehen. Und dann wissen wir auch wieder wo der Hase her läuft. Scheiss auf Fans im allgemeinen und Gastfreundlichkeit durch netten Service. Dahinter verbirgt sich immer nur die Angst, dass die bösen Ultras die Stadt in Schutt und Asche legen könnten. Klar wir und Fürth sind ja auch für ständige Auseinandersetzungen und richtig Krawall bekannt. Wie oben schon geschrieben: Das sind die Guten.

Und ins Bild passt dann auch, dass nach dem Spiel ganze 2 Busse bereit standen um die Gastfans zum Bahnhof zu bringen. Könnt ihr euch ja denken, da blieben viele Menschen stehen.

Eine Aktion zur Sammlung von Daten, die dann wahrscheinlich in irgendwelchen „Gefährder[*in]“ Dateien landen, machte die Polizei mit den autofahrenden Menschen, denn sie verlangte von Fahrer*innen Ausweispapiere und andere Angaben. Gründe, die über das Sammeln von Daten hinaus gehen? Keine.

Der Einlass wurde schnell überwunden und es sich auf den Stufen, welche die Welt bedeuten, bequem gemacht.

#nurnochpositiv (naja, fast)

Kommen wir zum Spiel. Und zum positiven: Kein Gegentor nach Ecken, mehr Punkte als zum selben Zeitpunkt der Hinrunde. Und weniger Gegentore und mehr selber geschossene Tore. Rico von der Bank echt auffällig gut. Wir sind sportlich auf einem gutem Weg (wer Ironie findet, darf sie behalten).

Wenn wir jetzt noch so Kleinigkeiten wie die komplette körperliche Unfähigkeit irgendeine vernünftige Laufleistung auf den Platz zu bringen, überwinden könnten und offensichtliche taktische Fehler wie “wir spielen mal ohne 6”, dann kommen wir groß raus. Groß heißt im übrigen Nicht-Abstiegplatz.

Ohne jetzt in Details zu gehen, aber wenn deine gesamte Laufleistung am unteren Ende des normalen Spektrums in Liga 2 ist UND davon noch ein überproportionaler Anteil im “Gehen, langsam laufen“ Bereich stattfindet, dann gewinnst du keinen Blumenstil. Nur mal so: 85 % Laufen im langsamem Bereich ist in Liga 2 Topwert und auch für den FCSP selber Top. Im negativen. Wohlgemerkt im ersten Spiel nach der Pause.

Es ist nun keine neue Weisheit, dass im Fußball eine schnelle und präzise Spielweise eine gute Möglichkeit ist Erfolg zu haben. „Präzise“ hat in Liga 2 immer seine Grenzen, aber an Schnelligkeit und Intensität kann man arbeiten. Falls ihr euch fragt, was das Erfolgsrezept von Bielefeld ist: genau dies. Denn die haben keinen superduper Milliardenmarktwertkader (lt. Transfermarkt etwa 10% höherer Wert als unser Kader). Bielefeld hat eher das Problem, dass die überdrehen und in den letzten Spielen der Halbrunden gerne mal Probleme bekommen. Beispiel dafür habt ihr letztens gesehen.

Aber bei uns ist das anders. Unser Trainer, Fachmann, Kenner der Materie und unsere Hoffnung sagte am 10.01.2020 folgendes:

„Die Spieler treten aktuell sehr positiv auf und hinterlassen in den bisherigen Einheiten einen guten Eindruck. Wir werden wenig im Ausdauerbereich ohne Ball arbeiten müssen.“

“Machen einen guten Eindruck” ist nebenbei eine richtige Formulierung. Denn während andere Vereine hübsche Fitnesstestfotos zu Beginn einer Runde veröffentlichten, verzichtete offenbar der FCSP auf einen solchen. Oder hielt ihn komplett geheim. Wir vermuten mal, dass Ersteres stimmt.

Wir sind vielleicht einfach nicht Kenner*innen genug, aber die harten Zahlen hätten den Eindruck vielleicht widerlegt. Und es ist ja nicht so, dass wir nach dem Sommertraining in diesem Bereich problemlos gewesen wären. Hat selbst der Trainer gesagt. Damals. Zweimal das Gleiche machen und auf andere Ergebnisse zu hoffen, ist Unsinn. Sagte mal ein kluger Mensch. Selbst wenn man es anders umrahmt.

Es ist zwar schön, dass aktuell niemand verletzt ist, aber wir Zyniker*innen würden beinah behaupten wollen, dass dies auch daran liegt, dass man nicht trainiert hat. Bitte lieber Gott, lass uns mal nicht Recht haben.

Leihgeschäfte und Einkaufsstrategien

Womit wir bei dem Abgang von Diarra wären. Wenn man ein Leihgeschäft macht, dann sollte der Spieler im Saft stehen und “sofort weiter helfen”. Das haben wir uns nicht ausgedacht, dass waren sinngemäß die Worte unserer Verantwortlichen. Wenn man dann einen Spieler ausleiht, der relativ frisch von einem Kreuzbandriss kommt und dies mit unserer anscheinend echt wunderbaren Betreuung kombiniert, dann war beinah dieses Ergebnis zu erwarten. Und glaubt uns, unsere Prophetin hätte echt gerne hier Unrecht gehabt.

Was bleibt von Diarra? Ein geiles Testspieltor und eine Derbysieg Eskalation. Danke dafür. Wir hoffen für dich, dass du schnell wieder fit wirst und dann irgendwo dein Glück findest.

Nach dem Spiel ging es zu unserer Übernachtung und zum besten Frühstück der Welt. Das rettete dann wenigstens halbwegs diese Tour.

Ansonsten zitieren wir unsere spontane familiären Begleitung, die einsprang als unsere Reisegruppe krankheitsbedingt dezimiert war: “Naja, jetzt habe ich die Gurkentruppe auch endlich mal gesehen.” Vorschlag für ein alternatives Hobby ist im übrigen Kegeln. Wir nehmen das mal auf die Liste mit auf.

Und im Endeffekt bleibt es ein dreckiger Job, den irgendwer tun muss.

Vielleicht erkennt das jetzt auch mal die Mannschaft oder die sportlich Verantwortlichen.

Samstag ist die nächste Gelegenheit.

Und weil wir es gar nicht oft genug sagen können: Danach ist Demo. Alle hin da, verflixt noch mal!