Sep 202020
 

Gefühlsaufnahmen vom Reeperbahn Festival 2020

Sonnabendnacht, wir befinden uns auf dem Heiligengeistfeld, Sicht aufs Millerntor, Bier in der Hand und Talco spielen live. Ist das nicht wundervoll?

Jein.

Alle sitzen, sogar die Band. Nur die zahlreichen Sicherheitsleute stehen mit bedeckten Gesichtern am Rande. Wir sitzen in Zweiergruppen mit meterlangem Abstand zu anderen Konzertbesuchenden, bloß kein Aufstehen ohne Zweck (Toilette & Getränkestand sind erlaubt), Tanzen geht schon mal gar nicht. Auch wenn wir uns im Freien befinden, gilt die “Wegeregel”, also immer schön Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn man nicht am Platz ist. Bei Verstößen sind die Sicherheitsleute sofort zur Stelle. Das fühlt sich ganz schön seltsam an.

Wie ein Festival 2020 stattfinden kann

Kurzer Rückblick: Vor ein paar Wochen wurde klar, dass das Reeperbahn Festival 2020 tatsächlich stattfinden wird – mit massiven Auflagen. Eine Art Testballon für die gebeutelte Musikindustrie, inwieweit Livemusik im größeren Stil pandemiegerecht möglich ist. Kurz durchs Line-up geguckt – oh, cool, Talco? Reicht schon als Grund. Machen wir. Knapp 70 Euro für ein Tagesticket? Heidewitzka! Andererseits: Was haben wir schon groß an Ausgaben für Konzertkarten in diesem Jahr? Der Mut, ein Festival in diesen Zeiten auf die Beine zu stellen, muss irgendwie honoriert werden. Und dass eine solche Veranstaltung in diesem Jahr etwas mehr Aufwand bedeutet als nur ein paar Bühnen, Bands und Buden, ist auch klar. Nicht, dass das sonst alles einfach wäre!

Und so wollen wir dem Ganzen eine Chance geben. Auch wenn natürlich alles anders werden wird.

Willkommen in Pandemistan

Nächster Zeitsprung: Als wir spätabends wieder zu Hause sind, lösche ich mehr als ein Dutzend Fotos von verschiedensten QR-Codes vom Handy. Was hat es damit auf sich?
Vielleicht kennt ihr das von Restaurantbesuchen – statt mühsam die persönlichen Daten auf einen Zettel zu schreiben, bieten einige Betreibende eine digitale Lösung an. QR-Code scannen und Daten in eine Online-Anwendung eingeben, zack, ist das Ganze doch etwas bequemer und womöglich sogar datensicherer. Da sind wir aber ehrlich gesagt in diesen Zeiten sowieso etwas schmerzbefreit.

Jedenfalls gibt’s beim Reeperbahn Festival ebenfalls die Notwendigkeit, sich ein- und auch wieder auszuchecken. Nicht nur für die gesamte Veranstaltung, sondern für jede einzelne Location. Kein unüberwindbares Problem, aber schon ein bisschen bizarr und es nimmt ein gutes Stück der Leichtigkeit, die so ein Festivalbesuch eigentlich begleitet. Kein Wunder, dass mobile Handy-Ladestationen herumlaufen, weil das Prozedere doch gut auf den Akku geht. Ohne Smartphone hat man sicherlich noch deutlich größeres Generve.

Viel stärker ins Gewicht als der Check-in-Aufwand fällt allerdings, dass die einzelnen Spielorte – wenig überraschend – massiv die Anzahl der Gäste beschränkt haben. Und so stehen wir mehrfach vor verschlossenen Türen, weil der Laden schon voll ist. Hier läuft zwar wenig, was für uns zwingend wäre, aber gerade dieses “Sich treiben lassen und mal Sachen angucken, von denen man kaum was zuvor gehört hat” macht sonst den großen Reiz dieses Events aus. Spontaneität ist dieses Jahr nicht angesagt. Immerhin: Zu keinem Zeitpunkt sehen wir uns irgendwelchem Gedränge ausgesetzt, sodass wir uns rundum sicher fühlen können.

Dann gibt es im ganzen Regelpaket auch noch so ein paar Dinge, die schwer nachvollziehbar sind. Im Festival Village wird nur alkfrei ausgeschenkt, vor den Bühnen aber Vollbier. An ausladende Biertische vorm Knust dürfen sich trotz viel Platz lediglich zwei zusammengehörige Personen setzen, anderswo im Festivalbereich kannst du dich zusammenkuscheln, wie du willst, es stört niemanden. Freie Platzwahl vor der Hauptbühne gibt es auch nicht, wir werden schön hinter eine sichtbehindernde Säule gesetzt.

Ein Zeichen

Uff. Während wir zwischen penetranter Pausenmusik umfangreich dystopisch klingende Durchsagen erklingen (Abstand, Mund-Nasen-Schutz, nicht aufstehen, bevor man dazu aufgefordert wird, viel Spaß auf dem Reeperbahn Festival, diesdas), ist Zeit für ein Zwischenfazit. Macht das so eigentlich Freude? Besser als gar nichts, kann man vielleicht sagen. Groß ins Gespräch mit anderen Gästen kommt man nicht, deswegen bleibt das eher eine Einzelbeobachtung, auch wenn der NDR-Blog zu einer ähnlichen Einschätzung kommt. Irgendwas muss man ja machen, irgendwie muss man zeigen, dass es weitergeht. Und gerade für die Künstler*innen, die keine Lust mehr haben, bestenfalls von der Hand in den Mund zu leben, und endlich wieder ihrem Job nachgehen wollen, ist es sicherlich verdammt wichtig, wenigstens ein Zeichen zu setzen.

Viel mehr als ein Zeichen kann das Reeperbahn Festival 2020 aber kaum sein. Solange es Besorgnis erregende Infektionszahlen und keinen Impfstoff gibt, funktioniert so was doch fast nur draußen oder allenfalls drinnen mit sehr geringen Besucher*innenzahlen. Schwer vorstellbar, dass sich eine ganze (freifinanzierte) Branche auf diese Weise durch den Winter retten kann. Und doch, das Signal ist wichtig – schließlich sind wir alle auch ausgehungert nach Livemusik. Selbst wenn es sich so seltsam anfühlt wie hier. Natürlich sind die Auflagen gewaltig, nicht nur vom Gesetzgeber, vermutlich auch selbst auferlegt. Die gesamte Musikindustrie schaut mit Argusaugen auf dieses Event, da können sich die Veranstaltenden keinen Fehler, keine Infektion, keinen Skandal erlauben. Bei allem Genörgel über Maßnahmen, die der eigenen Gelassenheit im Weg stehen: Was muss, das muss. Jede*r Einzelne sollte Verständnis dafür haben. Auch wenn es da draußen so viele Hallodris gibt, die im privaten, unregulierten Rahmen einander auf die Pelle rücken und auf jegliche Verhaltensregel in Pandemiezeiten scheißen. Hier gelten andere Maßstäbe.

Stimmung ist, was du draus machst

Nun also Talco, das Highlight des Tages. Wie wohl Ska-Punk im Sitzen funktioniert? Deutlich besser als gedacht! Die Band aus Venedig hat nämlich die Zeichen der Zeit erkannt und auf ein Akustik-Set umgesattelt. Talco sitzen selbst weit auseinander, wie ein Akt der Solidarität in diesen beknackten Zeiten. Klar, die Musik reißt nicht annähernd so mit wie mit Strom verstärkt in einem schwitzigen Club. Aber das ist eben kein Wunschkonzert. Putzig zu sehen jedenfalls, wie viele andere Besucher*innen sich mit Mühe auf ihrem Klappstuhl halten und sämtliche Körperteile so gut es geht im schnellen Offbeat durch die Gegend schütteln. Die Stimmung ist dann doch so ausgelassen, wie sie es in diesen Zeiten eben sein kann. Die Leute haben schon Bock, auf und vor der Bühne. In den Gesichtern der Musiker strahlt die Freude, wieder vor Menschen spielen zu dürfen, fast heller als die Scheinwerfer. Es mag etwas überraschen, dass Talco in Sichtweite des Stadions den Song “St. Pauli” nicht mal ankündigen oder weiter ausreizen; auch “Bella Ciao“ bekommt keine Ansage oder Aufforderung zum Mitmachen. Wir vermuten mal, dass die Bands angehalten sind, die Stimmung nicht überkochen und Besucher*innen unvernünftig werden zu lassen.

Nach etwas mehr als einer Stunde sind Talco durch und wir auch. Als sich dann doch das Publikum zum abschließenden Applaus erhebt und die Band von der Bühne ein Selfie macht, während Johnny Cash “The Man Comes Around” aus den Boxen singt, scheint die Welt einen Augenblick lang fast normal. Dann aber wieder Maske auf, auf die Anweisung zum Verlassen des Geländes warten, per Handy auschecken und ab nach Hause.

Hat das Spaß gemacht? Ja, “aber“. Schreit das nach Wiederholung? Es scheint schwer vorstellbar, dass es zu einem vergleichbaren Event in naher Zukunft kommt. Betriebswirtschaftlich rechnet sich das einfach nicht. Beim RBF fließen jedes Jahr reichlich Subventionen, unabhängige Veranstaltungen können da nicht mithalten. Und so bleibt vom Reeperbahn Festival 2020, dass Livemusik nicht tot ist und auch wieder kommen wird, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin müssen wir uns wohl noch eine ganze Weile gedulden.

PS: Wir wissen nicht, wie lange, aber den Auftritt könnt ihr euch beim NDR noch in Gänze ansehen.

Sep 012020
 

Der FCSP ist seit einigen Tagen im Trainingslager, es gibt Fotos von Sporteinheiten, ein bisschen Quizquatsch, ein paar ernstere politische Themen in dem Video mit Jackson und Ziereis – in dem wir gerne noch stärker den Fokus auf den deutschen Kontext gelenkt gesehen hätten, aber das ist ein anderes Thema, ein paar Testspiele. Alles wie immer und ganz normal. Und Normalität in einem gewissen Maße ist in diesen Corona-Zeiten für eine gute Vorbereitung wahrscheinlich dann auch wirklich nicht zu unterschätzen. Gut leider dieses Mal ohne Mats-Videos, aber daran haben wir uns ja auch schon fast gewöhnt (😭).

Eine Sache gehört dann aber auch jedes Mal zu dieser Normalität und wir fragen uns wirklich seit langem, ob das eigentlich wirklich immer noch sein muss und ob es da nicht viel coolere Wege gäbe, die neuen im Team willkommen zu heißen. Ja, die Rede ist von den Videos des Vorsingens der neuen.

Neue willkommen heißen

Auch wir haben Sport in Vereinen gemacht, neue Jobs angefangen, Jobs gewechselt – alles verschiedenste Situationen in denen wir jeweils wenige bis niemandem aus dem neuen Umfeld kannten. Situationen, in denen es wichtig war, dass wir gut von den “alten” willkommen gehießen worden und in denen wir umso schneller ankamen, desto besser dies ablief. 
Es gibt in der (Sport-)Psychologie mehr als genug Belege dafür, dass Menschen, die sich in ihrem Umfeld wohlfühlen, die sich von ihren Mitmenschen gewollt fühlen und die sich als vollwertiger Teil einer Gruppe fühlen, bessere Leistung bringen. Und das ist ja im Fußballkontext nun wirklich nicht ganz unwichtig. Insofern ist es gut und wichtig, dass man sich auf als Profifußballverein überlegt, ob und wie man die neuen Spieler im Kreis der Mannschaft willkommen heißen kann. 
Speziell im FCSP-Kontext gab es in der Vergangenheit dann auch immer noch die bekannten Stadtteilspaziergänge, in denen den neuen das Viertel und der Verein für den sie jetzt spiele, nähergebracht wurde. Geht aus nachvollziehbaren Gründen gerade natürlich nicht in der gewohnten Form, aber auch hier hoffen wir einfach mal, dass da bereits über andere Wege nachgedacht wurde, diesen nicht ganz unwichtigen Punkt ebenfalls rüberzubringen. Das hier ist eben mehr als Fußball. (Grüße an die Grandprixvorentscheidzweiten)

Aber muss das wirklich in dieser Form sein

In diesem Kollektiv gibt es Menschen, die verschieden stark musikalische Talente haben. Von “wenn du nie wieder in der Öffentlichkeit singst, kriegst du jetzt ne 1” beim Vorsingen vor der ganzen Klasse bis zum Spielen in der eigenen Band. 
Ähnlich breit ist auch das Spektrum der musikalisch-gesanglichen Fähigkeiten der FCSP-Spieler. Einigen sieht man an, dass sie es gut und gerne machen, bei anderen kann man das Unwohlsein (dieses Jahr aber auch in vorherigen) allein beim Betrachten der Videos mitfühlen.
Aufnahmerituale sind gut und wichtig, es ist wichtig, tragfähige Beziehungen herzustellen und zu erreichen, dass die neuen sich wohlfühlen. 
Aufnahmerituale sind aber auch häufig sehr dadurch geprägt, dass man sich in einer gewissen Art und Weise vor anderen bloßstellen muss oder etwas doofes machen muss, was die anderen vor einem auch schon machen mussten. Besonders exemplarisch hier natürlich die Aufnahmerituale von Burschenschaften, in denen es meistens darum geht, so viel Alkohol in kurzer Zeit zu trinken, dass man dann eben einfach kotzen muss. Alternativ einfach die Wange hinzuhalten, während andere dir mit irgendwelchen Waffen vorm Gesicht rumwedeln. Also natürlich nicht offiziell, aber einen großen Anteil daran, dass das immer noch gemacht wird, hat’s dann eben doch.
Ähnliches auch bei Erstitagen an Unis. Ihr habt doch sicher auch schon von diesen Kleiderketten gehört, die Erstis an Marktplätzen gebildet haben? Wir haben jedenfalls direkt Bilder von komplett unbekleideten Student*innen vor Augen. Vielleicht fanden sie das ja auch wirklich cool, wir stellen aber mal die Hypothese auf, dass der vorherige Alkoholkonsum und die Gruppendynamik da auf jeden Fall auch eine ordentliche Rolle gespielt haben. Und wenn man dann die Erstitage im nächsten Jahr betreut, macht man mit dem Ritual wieder weiter, weil man musste da ja auch durch und hat es ja auch geschafft.
Und dann sind wir noch nicht mal bei der Marine angekommen, in der insbesondere rund um den Todesfall der Kadettin auf der Gorch Fock auch diverse unschöne Geschichten rund um die Aufnahmerituale ans Licht kamen.

Und an beiden Beispielen sieht man schön, was das Problem:
Eine bereits existierende Gruppe (“In-Group”) stellt Bedingungen auf, die die neuen erfüllen müssen, um dazuzugehören. Das ist Konservatismus in Reinform. 
Sicher, die neuen müssen bei diesem Vorsingen zum allergrößten Teil in gewisser Art und Weise aus sich raus, sich öffnen. Auch das ist insgesamt ein wichtiger Aspekt, um Vertrauen aufzubauen und so Mitglied einer Gruppe zu werden. Aber wird da fragwürdig, wo das nur einen Teil der Gruppe und eben nicht alle trifft. Robin ist Dienstältester, bei dem hat keine*r mehr mitbekommen, wie er live vor Ort gesungen hat. 

Und überhaupt ist das für einen modernen Profifußballclub, der Dinge hinterfragen will, “unestablished since 1910” sein will, wirklich angemessen noch in dieser Form zu agieren? Würden die Spieler das wirklich alle freiwillig machen, wenn sie sich in der Gruppendynamik nicht gezwungen fühlten? Ist es gut, etwas auszuwählen, was einige wirklich genießen und andere eben einfach richtig doof finden?
Und müssen wir dann auch noch Videos davon in den sozialen Netzwerken sehen?

Apropos soziale Netzwerke, bei einem der letzten Male war einige Zeit ein Video eines Spielers, der Xavier Naidoo sang, online. Nach Hinweis ob der Problematik war es dann relativ schnell wieder rausgenommen. Nun ist es Mickie Krause. Auch hier könnte man solche Situationen mit Liedern von Sängern, die nun wirklich weit von unseren Vorstellungen des FCSP weg sind, vermeiden.

Wir haben da andere Ideen

Das Ziel ist es doch , die neuen bestmöglich willkommen zu heißen und zu integrieren. Und da gibt es dann mindestens genauso gute Wege: Statt etwas zu nehmen, wo die Leistung hauptsächlich vom eigenen Talent abhängt, kann man sicher auch etwas finden, wo alle in gewisser Form aus sich rausmüssen, aber eben nicht die eigenen Gesangskünste (die mit Fußballspielen ja nun nur bedingt zu tun haben) im Mittelpunkt stehen. Statt einzelne aus der Gruppe rauszuholen, lasst die Leute in kleinen Teams was erarbeiten und das vorstellen. Da bringst du dann auch gleich noch “neu” und “alt” zusammen und förderst Kooperation. Und es gibt doch jetzt auch wieder einen Sportpsychologen im Verein. Der hat sicher auch noch ein paar Ideen oder kann an Menschen, die sich in Gruppendynamik und/ oder Pädagogik auskennen, verweisen.

Und wenn ihr es dann wirklich trotzdem weitermachen müsst, dann lasst das doch wenigstens mit den Videos sein.

Aug 312020
 

Liebe Lesenden

wir haben einen Sieger: Thees Uhlmann wird für den FC St. Pauli beim “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest“ antreten. Überrascht? Für viele war Thees sicherlich eh der Favorit. Aber lassen wir doch mal kurz das ganze Turnier Revue passieren.

Die Viertelfinals

Von Freitag, den 21. August, bis Montag, den 24. August, duellierten sich die acht Endrundenteilnehmer (bedauerlicherweise durchweg männlich). In der ersten Partie setzen sich die Glasgower von The Wakes souverän gegen das Hamburger Duo Swearing at Motorists mit 277 zu 125 Stimmen durch. Zugegeben, Folk Punk schien uns auch von vornherein leichter zugänglich als der lässige Zweipersonengroove von “St. Pauli ‘Til I Die”, für den das Turnier damit beendet war.

Es folgte das Duell, was nur einen Verlierer haben konnte: Thees Uhlmann trat im zweiten Viertelfinale gegen Talco an. Hach, einer muss ja rausfliegen. Und so waren es die Venezianer, die vorzeitig die Heimreise antreten mussten. Ihr knackiger Ska Punk mit italienischen Lyrics hatte nicht den Hauch einer Chance und musste sich mit 241 zu 670 Stimmen dem Hemmoorer Singer-Songwriter geschlagen geben. Da gab es sicherlich einige nassgeweinte Schultern – aber hey, Talco, immerhin nur gegen den Turniersieger verloren!

Nächste Begegnung: L.A.K. gegen The Pilgrims. Straßenpunk gegen Folk Rock. Und auch hier zahlte sich der Heimvorteil aus, L.A.K. machten keine Gefangenen und lösten mit einem deutlichen 346-zu-187-Sieg das Halbfinalticket. Für zweiten Glasgower des Turniers endete der Song Contest also schnell wieder. Vielleicht hatten unsere lesenden Hörer*innen einfach nicht die Geduld für den epischen Sechsminüter “The Fans of St. Pauli” samt Mundharmonika-Solo.

Und damit stand schon das letzte Viertelfinale an: Sibbe Rakete nahm es mit But Alive feat. OL an. Ein echter Underdog gegen ein Urgestein also. Und hier kam es zur knappsten Kiste des Turniers, denn But Alive feat. OL gewannen “nur” mit 295 zu 239 Stimmen. Sibbe Rakete griff noch selbst via Social Media in den Wettkampf ein, doch am Ende reichte es nicht für seinen halbakustikischen Melancholie-Punk in “Wochenendbeziehung”.

Die Halbfinals

Die beiden Halbfinals fanden am 26. und 27. August statt. The Wakes sahen indes gegen den späteren Gewinner kein Land und wurden von Thees Uhlmann mit seinem sentimentalen Schmachtfetzen mit 634 zu 121 Stimmen niedergewalzt. Und damit war Schluss für den letzte Vertreter aus dem Ausland, so schmissig der Folk Punk von “Pirates of the League” mit seinem liebenswürdigem Glaswegian-Akzent auch sein mag.

Im zweiten Semifinale begegneten sich L.A.K. und But Alive feat. OL. Hier konnten wir einen Zielgruppenunterschied feststellen, denn je nach Plattform fiel die Abstimmung unterschiedlich aus. Am Ende war es ein relativ knapper Sieg für L.A.K., die die Ex-Truppe von Markus Wiebusch mit “Sie war, sie ist, sie bleibt”, dem wohl ältesten Song des Contests, nach Hause schickte. 56 Stimmen machten schließlich den Unterschied, 316 zu 240 das Endergebnis..

Das Finale

Wir schreiben den 29. August: Was für ein Endspiel! Rotziger Punk gegen Rotz-und-Wasser-Melancholie. Drei Akkorde gegen vier Akkorde. Nachbarschaftsduell von der Einhundert-Platte. Oder wie jemand Schlaues sagte:

Und sollte tatsächlich an diesem Sonnabend ein Riss durch die Fanszene gehen? Tatsächlich. In den sozialen Medien tobte schnell eine waschechte Propagandaschlacht, ja fast schon ein schmutziger Krieg. Keine leichte Entscheidung, fanden auch einige Nutzer*innen.

Alle Parteinahme für L.A.K. alias “Lust auf Kunst” half jedenfalls am Ende nichts, der Schwiegersohn der Nation des Vereins durfte nach einer relativ deutlichen Abstimmung mit exakt 777 zu 376 Stimmen die Krone entgegennehmen. Tja, Thees, das heißt aber auch, dass du noch mal ranmusst. Wir sehen und hören uns in der Endrunde des “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest”, der in Kürze startet. Checkt dafür den MillernTon.

Allen Teilnehmenden vielen Dank! Das hat richtig Spaß gemacht.

PS: Wir haben hier noch das Abstimmungsverhalten von im Verein bekannten Menschen vorliegen. Die werden bei Gelegenheit selbstverständlich noch als Druckmittel zur Beschaffung von Informationen genutzt.

Aug 262020
 

In den letzten Tagen sind bei euch doch auch gerade die Dauerkarten eingetrudelt, oder? 

Habt ihr mal, liebe Leser*innen, auf die begleitende Rechnung geschaut? Wir schon. In der Rechnung sind 19 Prozent ausgewiesen. Dabei haben wir alle doch aus Presse, Funk und Fernsehen gelernt, dass zumindest für ein halbes Jahr nun der Umsatzsteuersatz 16 Prozent sein soll. Eine aufmerksame Leserin machte uns auf die Fragestellung aufmerksam und wir haben mal Menschen gefragt, die sich damit auskennen. Hier ihre Antwort:

Puh, so einfach ist das alles nicht. Beseitigen wir mal alle Klarheiten:

Zyniker*innen würden natürlich erstmal anmerken, dass Darlehen nicht der Umsatzsteuer unterliegen und wir das Geld ja sowieso alle zurück bekommen, weil wir nicht hin dürfen. Aber das ist nun ausdrücklich nicht Vertragsinhalt einer Dauerkarte.

Als Fan kann man sich jetzt natürlich sehr einfach auf den Standpunkt stellen: „Ist mir doch egal, welcher Steuersatz da berechnet wird, ich wollte 173 Euro für meine Dauerkarte zahlen, die hab ich bezahlt, alles gut.“ Und rein zivilrechtlich ist das auch richtig. Es ist wohl ein Preis inklusive Mehrwertsteuer vereinbart worden und eine Preisanpassung ist im Vertrag nicht vorgesehen. Die könnte aus Kulanz vielleicht erfolgen, aber da könnte als Fan ja schnell auch der solidarische Gedanke „dann hat der Verein halt ein paar Groschen mehr für sich“ Überhand nehmen. 

Leider kennt das Umsatzsteuerrecht aber einen ganz fiesen Paragraphen, nämlich § 14 c UStG, der vereinfacht sagt: „Wenn du Umsatzsteuer in deinen Rechnungen zu hoch ausweist, dann hast du die auch an den Fiskus zu zahlen.“ Hier könnte also der FCSP ggf. Geld verschenken, wenn er eigentlich 16 Prozent hätte ausweisen müssen für einzelne Spiele. Und dann würde der FCSP Geld verlieren. 

Daher ist das vielleicht doch ganz interessant. Denn wenn wir mal sechs Heimspiele vor dem Jahreswechsel annehmen und einen Betrag von 173 Euro brutto, dann wären das netto (=fließt dem Verein zu) 145,38 und bei 16 Prozent Umsatzsteuer für sechs Heimspiele 146,71 Euro. Klingt immer noch wenig, oder? Aber das sind bei 15.500 Karten schlappe 20.000 Euro. Und wer will schon 20.000 Euro wegen eines falschen Ausweises an das Finanzamt zahlen? Wohlgemerkt, dies gilt, wenn jede Karte 173 Euro kosten würde und dieser Preis ist ja eher das untere Ende der Preisspanne beim FCSP. Sprich: Wir sprechen hier garantiert nicht von der Leo-Ablösesumme, aber in Corona-Zeiten auch nicht um einen Betrag, der einfach so zu vernachlässigen ist. Ginge man von einem festen Nettobetrag aus (das wäre im Endeffekt die „ich will, dass der FCSP die Ersparnis weiter gibt“), dann ginge es um 1,54 pro Dauerkarte. Reicht nicht mal für ein Astra.

Sind noch Klarheiten übrig? Dann werden die nun beseitigt. 

Welcher Steuersatz ist denn nun richtig? Das ist so einfach gar nicht mal. Und so richtig Literatur findet man dazu auch nicht.

Welcher Umsatzsteuersatz gilt, ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Leistung. Sagt das Gesetz so einfach. Leistung ist das, was ihr bezahlt. Dies gilt auch dann, wenn die Leistung aus einzelnen Teilleistungen besteht und diese mit unterschiedlichen Steuersätzen belegt werden müssten. Unerheblich ist, wann eine Rechnung gestellt wurde, sagt das Gesetz weiter. Leistung ist das, was man mit seinem Geld erkauft. Bei einer Dauerkarte ist die Leistung der Eintritt an mehreren Tagen. Einfach ist es dann, wenn es sich um eine Dauerkarte für einen Freizeitpark oder so handelt und du in einer Datumsspanne halt XYZ mal da rein darfst. Dann sagt man, dass es keine trennbare Teilleistung ist und der letzte Tag des möglichen Eintrittes der Tag der Leistung ist. Beim FCSP ist das letzte Spiel irgendwann im Mai 2021, dann gilt wieder 19 Prozent (aller Voraussicht nach) und dann wäre die Rechnung richtig.

“Halt, halt!“ schreit das Steuerrecht. Ganz so einfach ist es nicht, denn wir haben ja Spieltage, die liegen zwar nur grob fest, aber immerhin so, dass man sie den Zeiten zuordnen kann. Dies könnten ja fest zugeordnete Teilleistungen auf die Dauerkarte sein, eine Trennung ist möglich, also 16 Prozent für sechs Spiele.

Eine Frage sollte man hier im Hinterkopf behalten: Wie fest sind denn Rahmenterminpläne in Zeiten von Corona?

Der Steuersatz hat sich zuletzt 2007 geändert und damals haben kluge Oberbehörden folgende Sätze als Interpretation (!) an ihre Rechtsanwender*innen abgesondert (für die Fachpraktiker*innen unter euch: Gefunden bei Beck-Online, Beispielhaft ist hier der Erlass des Finanzministeriums Nordrhein-Westfalen vom 29.08.2007 zitiert. Es gibt ziemlich gleichlautende Erlasse auch von anderen Behörden. Soweit ersichtlich gibt es aber keine Aufsätze oder Gerichtsentscheidungen zu dem Thema):

Die Überlassung einer Eintrittskarte, die zum Besuch mehrerer Sportveranstaltungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums berechtigt, ist stets als Dauerleistung anzusehen, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Leistungszeitraum ist dabei typischerweise eine Spielsaison. Dem Leistungsempfänger[*in] kommt es regelmäßig darauf an, alle im Leistungszeitraum stattfindenden Spiele besuchen zu können. Ob die Anzahl der Spiele einer Saison zum Zeitpunkt des Erwerbs der Karte bereits feststeht oder ob diese variabel ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § 12Abs. 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Diese Dauerleistung kann jedoch in Teilleistungen erbracht werden. Die Annahme von Teilleistungen setzt gem. § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG voraus, dass einem bestimmten Teil der wirtschaftlich teilbaren Leistung ein gesondertes Entgelt zugeordnet werden kann.

In den Fällen, in denen die Anzahl der Spiele, zu deren Besuch die Karte berechtigt, nicht feststeht, ist dies nicht möglich. Daher scheidet die Annahme von Teilleistungen für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeit des Entgelts aus. Der Umsatz wird erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Bei Dauerleistungen aus dem Verkauf von Karten, die zum Besuch einer feststehenden Anzahl von Spielen berechtigen, ist die in § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG geforderte Zuordnung jedoch möglich, falls gesonderte Entgeltvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen werden. Als Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist es insbesondere auch anzusehen, wenn in einer vor dem 1. 1. 2007 erteilten Rechnung das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben wird (vgl. BMF v. 11. 8. 2006 IV A 5 – S 7210 – 23/06, BStBl. I S. 477, Abschn. 3.3). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei anhand der Anzahl der Spiele zu erfolgen.

Wenn man das so auseinander dividiert, steht da, dass man theoretisch in Teilleistungen aufteilen kann und diese mit unterschiedlichem Steuersatz abrechnen kann, WENN denn eine fest bestimmte Anzahl an Spielen in der Dauerkarte umfasst ist und geteilt abgerechnet wird. Die geteilte Abrechnung wäre natürlich möglich gewesen, stellt sich die Frage, ob eine feste Spieleanzahl festgelegt ist.

Etwas einfacher zu verstehen ist vielleicht die Verfügung der OFD Frankfurt (26.01.2007) zum gleichen Thema:

Auswirkungen auf den Verkauf von Dauer- bzw. Jahreskarten

Sportvereine geben Dauer- bzw. Jahreskarten heraus, die für einen gewissen Spielzeitraum (z. B. 1. 7. bis 30. 6. eines Jahres) die Eintrittsberechtigung für Heimspiele des Vereins beinhalten.

Das Entgelt ist im Voraus zu entrichten, unabhängig davon, wie viele Spiele der Erwerber der Karte tatsächlich besucht.

1.1 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt nicht fest

Die Überlassung der Eintrittskarte stellt eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Der Umsatz wird jeweils erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Die Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § USTG § 12 Abs. USTG § 12 Absatz 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Die Annahme von Teilleistungen scheidet für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeiten des Entgelts aus.

1.2 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest

Die Überlassung solcher Dauerkarten stellt ebenfalls eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird.

Liegen jedoch die Voraussetzungen des § USTG § 13 Abs. USTG § 13 Absatz 1 Nr. 1a Satz 3 UStG vor, kann diese Dauerleistung in Teilleistungen erbracht werden, soweit gesonderte Entgeltsvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen wurden.

Demnach ist für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2006 entfällt, der Steuersatz von 16 % und für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2007 entfällt, der Steuersatz von 19 % maßgeblich.

Eine Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist auch gegeben, wenn vor dem 1. 1. 2007 eine Rechnung erteilt wurde, in der das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben ist (z. B. für Teilleistungen bis zum 31. 12. 2006 und ab dem 1. 1. 2007). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei linear anhand der Anzahl der stattfindenden Spiele zu erfolgen.

„Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest“ ist die Überschrift und erneut die entscheidende Frage.

Wie ist es denn beim FCSP geregelt? Und wenn man in die ATGB des Vereines guckt, dann steht da folgendes:

Eine Dauerkarte oder eine Jahreskarte Steh Süd („Dauerkarten“) berechtigt den Kunden grundsätzlich, diejenigen Heimspiele des Clubs im Stadion zu besuchen, für die er ein Besuchsrecht erworben hat. Der Kunde erwirbt ein Besuchsrecht für 17 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der Bundesliga oder 2. Bundesliga) bzw. 19 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der 3. Liga).

https://www.fcstpauli.com/tickets/ticket-infos/atgb/

Das ist dann wohl doch ziemlich eindeutig und heißt, dass der FCSP hier wohl auf Teilleistungen hätte aufteilen können und 20.000 Euro plus X hätte sparen können. Wäre das den Aufwand wert gewesen? Keine Ahnung.

Auch bleiben noch Zweifel, die wir nicht wirklich klären können:

Im Zeitpunkt der Bestellung stand ja noch nicht mal der Rahmenspielplan. Insofern kann man daran zweifeln, ob die „Anzahl der Heimspiele im Erwerbszeitpunkt“ wirklich feststand. Dieser wurde erst am 07.08.2020 veröffentlicht und wir wissen natürlich nicht, wann den Vereinen bekannt war, wann sie wo und wie spielen. Die Rechnung unserer Beispieldauerkarte trägt das Datum 25.06.2020, also vor dem öffentlichen feststehen. Man kann dann natürlich argumentieren, dass der Zeitpunkt eben nicht feststand, dann wieder der letzte Tag gilt und daher durchgängig 19 Prozent Umsatzsteuer richtig ist.

Klar hätte man es mit einer späteren Rechnungslegung und einer Trennung in der Rechnung als FCSP drauf ankommen lassen können und erstmal nur 16 Prozent für die sechs Heimspiele abführen können. Anscheinend hat man sich entschieden, dass das gesparte Geld den Aufwand nicht wert ist. Was vielleicht auch richtig ist. Denn die Umsatzsteuerprüfung des Finanzamtes kommt bestimmt und dann wäre so etwas immer Thema gewesen. Und das kostet Zeit, Geld (Berater*innen) und Nerven. 

Lange Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich hättest du 16 % für 6 Heimspiele versuchen können, ob es sich wirklich gelohnt hätte, sei mal dahin gestellt. 

In diesem Sinne:

Prost!

Aug 212020
 

Liebe Freund*innen der gepflegten Klangkunst,

Fußball ist ein Ergebnissport. (“GRUNZ“, freut sich das gierige Phrasenschwein.) In unser aller Lieblingssport geht es nicht um Geschmack, sondern um Zählbares. Keine Jury kürt das siegende Team eines Spiels, das machen allein die Tore. Ob’s uns gefällt oder nicht.

Ganz anders ist es in der Welt der Musik. Erlaubt ist, was gefällt. (“GRUNZ!”) Und dennoch hält das viele Menschen auf der Welt nicht davon ab, Musikerzeugnisse in einen Wettbewerb gegeneinander zu schicken. Den meisten von euch sagt vermutlich der Eurovision Song Contest etwas. Ein bisschen in der Tradition dieses schaurigschönen Wettstreits um die Musiker*innenkrone der Popmusik hat es sich der MillernTon auf die Fahnen geschrieben, das beliebteste Fanlied der Bundesrepublik zu küren. Bei den Kolleg*innen heißt das “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest” (#GPdlVSC). Und weil der Bums nach Möglichkeit die schönsten Lieder aller 55 Vereine der ersten drei Ligen des Landes umfassen soll, ist das ein ganz schön aufwendiges Vorhaben. (IHR SEID DOCH BEKLOPPT!)

Jetzt kommen wir ins Spiel.

Wir führen nämlich den regionalen Vorentscheid für den FC St. Pauli durch. In einem ersten Schritt haben wir bereits invölliger Willkür einem intransparenten und herzlich undemokratischen Verfahren acht Song-Kandidaten ermittelt. 

Nun seid ihr gefragt, liebe Lesenden und Follower*innen!

Im Rennen sind also:

  1. L.A.K. – Mehr als Fußball
  2. Thees Uhlmann – Das hier ist Fußball
  3. Talco – St. Pauli
  4. The Wakes – Pirates of the League
  5. The Pilgrims – The Fans of St. Pauli
  6. But Alive feat. OL – Sie war, sie ist, sie bleibt
  7. Sibbe Rakete – Wochenendebeziehung
  8. Swearing At Motorists – St. Pauli Till I Die

Acht Kandidat*innen, das klingt gleich nach Viertelfinale, nech? Riiiiiichtig. Die Paarungen der brandheißen Duelle stehen bereits – und ihr werdet darüber auf unseren einschlägigen Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram) abstimmen. Also demokratischer als die meisten Sportwettbewerbe war’s dann doch, wir waren höchst offiziell im Fanladen und eine Hoschi-Losfee hat folgende Begegnungen gezogen: 

Viertelfinale: Freitag, 21. August, bis Montag, 24. August

Viertelfinale 1, Freitag, 21. August: The Wakes – Swearing at Motorists
Viertelfinale 2, Sonnabend, 22. August: Thees Uhlmann – Talco
Viertelfinale 3, Sonntag, 23. August: L.A.K. – The Pilgrims
Viertelfinale 4, Montag, 24. August: Sibbe Rakete – But Alive feat. OL

Halbfinale: Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August

Halbfinale 1, Mittwoch 26. August: Sieger VF 1 – Sieger VF 2
Halbfinale 2, Donnerstag 27. August: Sieger VF 3 – Sieger VF 4

Finale: Sonnabend, 29. August

Sieger HF 1 – Sieger HF 2

Der Ablauf

Wir werden jeden Tag morgens (irgendwann zwischen 7 und 9, so grob) über Twitter, Facebook und Instagram Umfragen starten, an denen ihr dann bis Mitternacht teilnehmen könnt. Am Ende des Tages zählen wir dann die Stimmen zusammen und ermitteln so die Sieger*innen. Menschen, die uns entsprechend auf verschiedenen Kanälen folgen, haben 3x so viele Stimmen. Höchst demokratisch, sagten wir doch!

Verstanden?

Wir gehen mal davon aus, dass der Modus so weit klar ist. Also checkt ab Freitag laufend unsere Social-Media-Kanäle und stimmt ab!

Möge das beste Lied gewinnen!

Aug 032020
 

Verein und Fanladen haben am Freitag ein Positionspapier “Neuer Fußball” als Resultat der AG “Neuer Fußball” veröffentlicht. 

Wir können uns dem Papier inhaltlich allergrößtenteils anschließen, von wenigen unscharfen Formulierungen und einigen vielleicht zu vagen Passagen abgesehen. Es ist viel wichtiger, etwas in Bewegung zu setzen, auch wenn es hier und da Diskussionsbedarf nach sich zieht, als sich viel zu lange an Kleinigkeiten aufzureiben, damit das Ergebnis möglichst makellos würde.

Unsere Sicht auf das Positionspapier

Einiges mussten wir mehrfach lesen, wie z.B. “Privatisierung der Gewinne aus dem Fußballgeschäft“ vs. „Vergemeinschaftung der Kosten zulasten der Steuerzahler*innen“, gemeint ist hier in unserem Verständnis, dass Gewinne gerne mal an einige wenige fließen – beispielsweise in Form von hohen Prämien bei Gewinnen. Oder auch an mehrere in Form von Dividenden an Aktionär*innen. Wenn’s dann aber finanziell nicht so gut läuft, bezahlt die Sozialgemeinschaft gerne mal Stadien (Gruß nach Kaiserslautern) oder bürgt gleich für einen Verein, der sich selbst als „ganz normales Wirtschaftsunternehmen“ bezeichnet (Gruß nach Gelsenkirchen).

Einiges liest sich auf den ersten Blick komisch, bei „Externe Zuflüsse ohne entsprechende Gegenleistungen, wie Stimmenmehrheiten, sollen vermieden werden“ fehlt vermutlich noch mal der direkte Bezug zu 50+1 als sowieso unumrüttelbarer Eckpfeiler.

Gerade im Bereich „Risikomanagement“ wäre es aus unserer Sicht total geschickt gewesen, etwas tiefer einzusteigen. Da ja dieser Bereich gerade zum Problem für uns alle geworden ist – und da wäre dann auch die explizite Lösung über Rücklagenbildung aus unserer Sicht gut gewesen.

Schade aus unserer Sicht ebenso, dass das Thema “Mitglieder in Vereinen” nur recht oberflächlich betrachtet wurde, auch da hätte es noch Potential gegeben, einmal, um die absurden Konstrukte wie in Leipzig abzuwatschen, andererseits weil es da auch noch mehr Themen gegeben hätte, die man gerade als FC St. Pauli auch mal lautstärker in den Ligenverbund treiben könnte.

Und zum ganzen Komplex “Fernsehgelder” & gerechterer Verteilung kommt hier demnächst auch noch mal so ein bisschen mehr hier im Blog. Es sei so viel gesagt, dass “immer mehr Geld reinbuttern, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt” auf jeden Fall nicht klappt. Irgendein Scheich, der das dann ganz schnell wieder verdoppelt, findet sich nämlich überall. Und auch: Dass Kalle und Uli da gerade so viel über Reformideen im Bereich Fernsehgelder schimpfen ist auch nur davon geprägt, dass die realisieren, dass sie Teil einer kleiner werdenden Gruppe sind, die den Status Quo gut finden & beibehalten wollen. Auffällig und gut, dass sich eben auch andere Mitglieder des DFL-Präsidiums, welches über die Fernsehgelder entscheidet, sich schon sehr explizit für eine Reform ausgesprochen haben. Und diese Entscheidung wird aus unserer Sicht eine wirklich wegweisende werden.

Wer ist die AG ”Neuer Fußball”?

Allerdings möchten wir mal ein anderes Thema beleuchten, welches uns in der Entstehungsgeschichte aufgefallen ist. Das legt jetzt so ein bisschen den Finger in die Wunde, sollte aber gerade im Kontext der inhaltlichen Forderungen des Papiers auch nicht außer Acht gelassen werden.
Die AG „Neuer Fußball“ besteht aus ”Vertreter*innen der organisierten Fanszene und des Fanladens“, so lesen wir in dem Begleittext zu dem veröffentlichten Papier. Und genau hier wollen wir ansetzen:

Rund um den FCSP gibt es eine Vielzahl von Initiativen, Bündnissen und Gruppierungen, die wir irgendwann in diesem Blog mal versucht haben, transparent aufzulisten, und dann ehrlicherweise daran gescheitert sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich rund um den FCSP eine Vielzahl von Gruppierungen gibt, die sich mal öffentlicher darstellen und in anderen Fällen eher nicht bekannt sind. 
Sei es nun das (mittlerweile eher inaktive) Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus, der AK Refugees Welcome oder das Netzwerk Gegengerade, der Fanclubsprecherrat oder der Ständige Fanausschuss.

Gemein ist diesen Aufgezählten, dass es eine direkte Möglichkeit gibt, diese jeweiligen Gruppierungen per Mail oder anderweitig zu kontaktieren und man sich auf den verlinkten Seiten zumindest einen ersten Überblick über diese machen kann.

Die AG ”Neuer Fußball” tritt zum ersten Mal im Kontext des veröffentlichten Positionspapiers auf und war zumindest uns bisher nicht explizit öffentlich bekannt. Eine Google-Suche zu “AG Neuer Fußball” führt dann als erstes in die Vorstadt, aber das ist noch mal eine andere Geschichte. 

Wir wissen nun, dass diese AG teilweise über den Fanladen koordiniert wird (das steht da) und dass der Ständige Fanausschuss (STFA) involviert ist (das wurde uns auf Nachfrage mitgeteilt). Ebenso wissen wir, dass sich die Teilnehmer*innen über genau diese Wege durch Ansprechen zusammengefunden haben. 

Was aber auch aufzeigt, wer unseres Verständnisses nach nicht stark involviert war: der Fanclubsprecherrat (FCSR) – als gewählte Vertretung der Fanclubs. Oder sie waren es und stehen dann aus unbekannten Gründen nicht als Unterzeichner*innen mit dabei. Vereinseitig war das Präsidium involviert, es fehlen in der Aufzählung: der Aufsichtsrat und die AFM als Vertreterin der passiven (zumeist fußballschauenden) Mitglieder.

Wie sagte eine kluge Person kürzlich: “Fanvertretungen beim FCSP kann man nur abendfüllend erklären”. Oder könnt ihr uns auf Anhieb erklären, was den FCSR vom STFA unterscheidet? Wer eigentlich alles gerade als Person bzw. als Gremium im STFA sitzt? Und wie man da reinkommt? Und wenn man reinwill, müssen die existenten Mitglieder zustimmen. Das hat sicher gute Gründe. Birgt dann aber eben auch Probleme. Ein paar Infos gibt’s oben auf der verlinkten Seite, mehr dann aber auch nicht. Und klar kann man wie beschrieben den Fanladen fragen – aber gerade in den letzten Wochen musste man bedingt durch Corona dazu eben ‘ne Mail schreiben oder das Telefon in die Hand nehmen, und konnte nicht mal ebenso auf eine Spezi vorbeikommen. Das ist ein Hürde für Menschen, das dürfen wir hier einfach nicht vergessen.

Nun gibt es mit Sicherheit Menschen, die sich zur aktiven Fanszene des FCSP zählen würden (was ja nun mal auch keine Mitgliedschaft ist, die man sich durch ein Aufnahmeritual erwirbt, sondern eine heterogene Gruppe von Menschen), die bis heute nichts von dieser AG und diesem Reformpapier gehört haben. Die aber interessiert gewesen wären, mitzuarbeiten – und die wahrscheinlich auch kluge Inhalte beizutragen gehabt hätten. Diese konnten sich aber nicht beteiligen, und das ist doof.

Das Maß zwischen offener Diskussion und “Überraschungseffekt”

Es ist klar, dass eine Debatte über “Neuen Fußball” in der aktuellen politischen Lage rund um den Profifußball nicht komplett öffentlich geführt werden kann. Die Veröffentlichung des Papiers kurz vor der DFL-Mitgliederversammlung ist mit Sicherheit bewusst gewählt. Stichwort: Überraschungseffekt.
Und wenn man diesen erreichen will, kann man natürlich auch nicht zu einer öffentlichen (Zoom-)Veranstaltung namens “DFL & DFB reformieren: Wo würdet ihr ansetzen” einladen. Und natürlich werden solche Diskussionen mit mehr Menschen auch immer aufwändiger und man muss ein gutes Maß zwischen “arbeitsfähig sein” und “möglichst viele mitmachen lassen” finden. Aber ein gewisses Geschmäckle von “Hinterzimmerentscheidung” bleibt hier.

Aber gibt es nicht einen Zwischenweg? 

Im Mai hat z. B. eine Onlineveranstaltung der “(M)ein Verein”-Reihe zum Thema Geisterspiele stattgefunden. In dieser wurde über die Arbeitsgruppe berichtet und in verschiedenen Kleingruppen dazu diskutiert. Wir haben teilweise auch an dieser Veranstaltung teilgenommen. In einigen Kleingruppen ging es dann explizit um das hier besprochene Positionspapier, in anderen stärker um die grundlegende Situation rund um die Geisterspiele. Die Veranstaltung war nicht öffentlich beworben, sondern Menschen wurden persönlich eingeladen. Solch eine Veranstaltung wäre aber doch ein tolles Mittel gewesen, eine breitere Basis der Fans und Mitglieder rund um den Verein über diese Gruppe zu informieren, und auch expliziter zur Mitarbeit aufzurufen. 

Weitere Ideen, die uns so auf die Schnelle kommen: Nutzung des FCSR-Verteilers, um die Fanclubs direkt anzusprechen. Einladungen zu (Online-)Veranstaltungen um Teilaspekte zu besprechen und ggf. hieraus Mitwirkende zu akquirieren. Ansprechen der anderen aktiven Gruppierungen und AKs, ob es dort Interesse an der Mitarbeit gibt. Hinweis auf die Arbeitsgemeinschaft im Blickpunkt sowie die Kontaktmöglichkeit angeben. Einbeziehung weiterer gewählter Gremien z. B. Aufsichtsrat und AFM. 

All dies betrachten wir auch im Kontext der Forderung, die sich im Papier selbst wiederfindet:
“Der Fußball mit seiner Geschichte und den damit verbundenen Werten ist untrennbar mit dem Grundgedanken eines eingetragenen Vereins verbunden. Nur in dieser durch Mitglieder gestalteten Vereinskultur konnte der Fußball zu dem werden, was er größtenteils in Deutschland heute noch ist. Wenn wir von den wenigen Vereinen absehen, die dieses Prinzip umgehen, ist es auch heute noch die von der überwiegenden Mehrheit gelebte Praxis.
Das zentrale Element in einem Verein sind die Mitglieder. Nur wenn die Mitgliedschaft im Verein für alle bezahlbar ist, gibt es die Möglichkeit eines echten Vereinslebens, welches nicht nur formales Alibikonstrukt ist. Eine realistische Möglichkeit zur Mitbestimmung und Teilhabe eines jeden Mitglieds muss daher verpflichtender Inhalt des Lizenzierungsverfahrens und sogar bonifiziert werden, da das demokratische Wesen eines eingetragenen Vereins als Arbeit an der Gesellschaft wertzuschätzen ist”.
 (Hervorhebungen durch uns)

Gut sind diese Forderungen in jedem Fall. Und gerade deswegen finden wir es wichtig, auf den Bruch zwischen Forderung und eigenem Vorgehen bei der Erstellung des Papiers hinzuweisen: Wenn wir von Vereinen reden, dann reden wir in erster Linie von Mitgliedern. Diese waren hier nur indirekt über das Präsidium repräsentiert. Und klar: Viele der Mitwirkenden in der AG sind sicherlich auch Vereinsmitglieder. Aber eben nicht durch diesen als Mitarbeitende demokratisch legitimiert. (Und klar ist das Präsidium demokratisch legitimiert, aber dann hätten sie ja das Papier auch alleine schreiben können.)

Welche Möglichkeit zur Teilhabe hatten in diesem Fall Vereinsmitglieder, die nicht die richtigen Leute kennen bzw. von diesen gekannt werden?

Und wer spricht dann wieder?

Für Montag 16:00 Uhr ist laut NDR eine Pressekonferenz angesetzt, in der auch noch mal weitere Einblicke gewährleistet werden sollen.

Und wer spricht für den Verein? “Präsident Oke Göttlich, der Fanbeauftragte Sven Langner und Henning Rennekamp”. 

Wer spricht nicht? Die ebenfalls am Prozess beteiligten Frauen. Es mag gute Gründen dafür geben. Doof ist das trotzdem.

Schulle sagte gestern bei der Pressekonferenz vorm Trainingsstart, dass er “ständige Weiterentwicklung und mutig sein” von den neuen Co-Trainer und von den Spielern erwarten. Und wenn er “das ganz groß aufziehe, dann sollten wir das vom ganzen Verein erwarten“.

Wir als Kollektiv erwarten diese ständige Weiterentwicklung, auch und gerade in diesem Bereich. Und wir hören nicht auf, auf diese Themen hinzuweisen, bis sowas dann eben einfach nicht mehr passiert.

Unser Fazit

Eine immer wieder genannte Hürde, die Leute von mehr Engagement im Verein abhält ist, dass es für einzelne schwierig sei, das Konstrukt FCSP zu verstehen und nachzuvollziehen, wer wofür zuständig ist, und wie man hier “reinkommt”. Gerade im Kontext von Mitbestimmung und Partizipation ist es immens wichtig, diese bestehenden Hürden abzubauen und Menschen die Beteiligung so einfach wie möglich zu machen. Wenn wir das in dem Positionspapier von anderen fordern, dann sollten wir als Verein da als allererstes bei uns selbst beginnen.

Hinterher ist man immer schlauer, auch das ist klar. Deswegen versteht das bitte auf keinen Fall als Kritik an den einzelnen beteiligten Personen. Sondern vielmehr als Denkanstöße für uns alle, wie wir diesen “Neuen Fußball” auch im FCSP noch stärker leben können. Und dazu gehört es dann auch lange bestehende Konstrukte zu hinterfragen, Sachen anzusprechen, die nicht ideal laufen, und eben auch mal den Finger in die Wunde zu legen. 

Zu allerletzt: Vielen Dank an alle Beteiligten! Es ist gut und wichtig, dass der FCSP sich zu diesem Thema äußert und klare Position bezieht.

Unser Tag wird kommen.

Jul 122020
 

oder: Wir haben einen Trainer

Sonntagmorgen, ausgeschlafen, Kaffee im Bett – und die FCSP-Timeline dreht durch: Der Verein meldet tatsächlich eine Entscheidung bei der wochenlangen Suche nach einem neuen Cheftrainer. Aber mal ehrlich: Glaubt ihr, die hätten in den Wochen nur Däumchen gedreht? Es las sich teilweise danach. Der neue Mensch an der Seitenlinie heißt jedenfalls Timo Schultz und ist ein mehr als guter alter Bekannter. Aber wem erzählen wir da etwas Neues! Schließlich fiel der Name schon diverse Male in den vergangenen Wochen. Ein Paukenschlag ist Schulles Cheftrainerposten nicht.

Die Loide vom Millernton waren die ersten Streber*innen, die ausführlich zu der Neubesetzung geschrieben haben. Es wurde schon alles gesagt, nur nicht von uns? Fast, aber ein paar eigene Gedanken haben wir aber natürlich dazu.

Zunächst einmal: Herzlich willkommen auf der Cheftrainer*innen-Bank, Schulle! Wir finden dich gut, wir freuen uns auf dich, wir glauben an dich. Wir wollen mit dir aufsteigen und international spielen, bescheiden wie wir sind.

Man könnte jetzt viel Wasser in den Wein kippen. Ist Schulle nur zweite (oder dritte oder vierte) Wahl gewesen und hat aus reiner Not den Zuschlag bekommen? Natürlich möglich, wissen wir nicht. Dürften aber viele so interpretieren. Wird aber keine*n mehr interessieren, wenn sich Erfolg einstellt. Daran – und vor allem daran – sollte der neue Cheftrainer gemessen werden. Seht es uns nach, aber nach den vergangenen Kacksaisons ist uns “schöner Fußball” scheißegal. Wir sollten nicht so tief da unten stehen. Wir haben besseres zu tun als Abstiegskrampf. Also muss Zählbares oberste Prämisse sein. Zugegeben, auf faires Verhalten gegenüber Spielern und eine einigermaßen vernünftige Darstellung nach außen legen wir wert. Aber da wir Schulle schon eine Weile kennen, machen wir uns darüber keine Sorgen.

Und Loide, jetzt mal ehrlich: Gerade wenn sich Schulle gegen die vier, fünf anderen Kandidat*innen durchgesetzt hat, spricht das doch für sich. Für uns heißt das: Man hat sich sorgfältig umgeguckt und dann guten Gewissens für diese Variante entschieden. Und nicht – wie es mitten in der Saison der Fall ist – auf die Verlegenheitslösung zurückgreifen müssen.

Nothing to lose

Ein Eigengewächs also. Die Nachteile liegen auf der Hand: Timo Schultz hat nicht zig Jahre Erfahrungen als Trainer im Profifußball und kein großes Netzwerk außerhalb des Vereins. Er muss schauen, wie er seinen ganz eigenen Weg mit der Mannschaft findet. Wer den ganzen Bums schon seit langer Zeit kennt und mitbegleitet, scheut sich vielleicht auch mehr als Leute von außen vor unpopulären Entscheidungen, um lange gepflegte Beziehungen nicht zu belasten. Das kennen sicherlich viele von euch aus dem eigenen Berufsleben. Ein*e Aufsteiger*in aus den eigenen Reihen wird immer mit anderen Maßstäben gemessen als jemand, der*die von außerhalb kommt und einen großen Erfahrungsschatz mitbringt. 

Und dann ist da noch die Eigendynamik des Profifußball-Trainer*innendaseins: Schulles Entscheidung, die Beförderung anzunehmen, ist damit auch die erklärte Bereitschaft, sich hier die Finger zu verbrennen und es sich mit dem gesamten FC St. Pauli zu verscherzen. Unser Cheftrainer*innenposten ist ja nun in den vergangenen Jahren nun wirklich kein bequemer Sessel gewesen. Allzu viel Geduld bei Erfolglosigkeit kann Timo Schultz nicht erwarten. Aber das ist Berufsrisiko als Fußballtrainer*in, relativ egal wo.

Wir glauben jedenfalls, dass Schulle als Chefcoach eine gute Idee ist. Als Grund gehört auch dazu, das muss man mal so knallhart sagen, dass es da keine wesentlich bessere Alternative gibt. Nun kennen wir natürlich nicht jeden Namen, der jemals irgendwo auf irgendeiner Liste stand. Aber dass es seit der Trennung von Luhukay eine Weile bis zur Verkündigung des Nachfolgers gebraucht hat, sagt einiges aus. Und das kann natürlich daran liegen, dass der Trainer*innenposten bei uns – nach der Historie der letzten Jahre – auch schon mal attraktiver war. Dafür liefen die vergangenen Jahre zu mies. Andererseits: Es gehen auch immer noch Leute als Trainer zum H$V. Uns das ist sowieso und immer unattraktiv. Mancher hat sich hier schon die Zähne ausgebissen, um es milde auszudrücken. Und da hat Schulle als Mensch mit langjähriger FCSP-Erfahrung den deutlichen Vorteil, dass alle wissen, worauf sie sich einlassen. Für Schultz ist das Risiko höher als für den Rest des Vereins. Und dabei wollen wir auch nicht aus den Augen lassen, dass der Vizepräsident, der in den letzten knapp sechs Jahren für das Sportliche zuständig war, jetzt seit zwölf Tagen nicht mehr da ist. Und somit auch eine Stimme fehlt, die die letzten Entscheidungen prägte. Und dass das aber eben auch heißt, dass das der sechste Trainer unter Oke ist. Wir sagens mal so: Die Chancen auf eine Wiedernominierung (wenn er es denn selbst will) steigen nun nicht unbedingt, wenn der Trainer jetzt floppt.

Kein Allheilmittel, aber wir freuen uns trotzdem

Fußballfans neigen dazu, sehr viel an der Personalie des*der Trainer*in festzumachen. Womöglich wird diese Position manchmal sogar überbewertet. Der Einfluss ist dann eben doch begrenzt, denn an Faktoren wie den individuellen Eigenheiten der Spieler und speziellen Strukturen im Verein kann er*sie auch nicht alles ändern. Und so sollte sich niemand die Hoffnung machen, dass jetzt alles ganz anders wird. Stichwort Kaderplanung, damit steht und fällt die neue Saison. Und machen wir uns nichts vor: Die Kaderplanung wird die letzten Wochen vorangeschritten sein, wenn man denn ein sportliches Konzept hat. Das scheint man zu haben – wir nennen es mal aktiver Offensivfußball. Auf jeden Fall: Mit diesem Konzept wird man parallel nach Trainer und Spielern gesucht haben und nicht jetzt erst mit der Spielersuche beginnen.

Aber: Die Freude und die Zuversicht in der Fanszene sind unübersehbar. Ganz überwiegend steht das Umfeld des FCSP dieser neuen Konstellation positiv gegenüber. Und verdammtnochmal, das brauchen wir jetzt auch! Lasst uns noch mal kurz festhalten, wo wir uns gerade befinden: Nach einer weiteren wirklich miesen Saison (Ausnahmen – DERBYSIEGE!!! – werden nicht vergessen) stecken wir noch immer tief in der Coronakrise. Das ist niederschmetternd für uns als Fans, das ist aber auch nicht zuletzt für die Gesundheit des Vereins von einschneidender Bedeutung. Da werden keine Fuffis in den Club geschmissen. (Auch das kann ein Argument für eine elegante interne Lösung bei der Neubesetzung des Trainer*innenpostens sein.) Bis wir wieder ins Stadion können und sich Fußball wieder so anfühlt, wie wir es gewohnt sind, wird noch viel Wasser die Elbe herunterfließen.

So, und jetzt haben wir mit Schulle als Cheftrainer eine Lösung, die sich viele so gewünscht haben. Neunmalkluge Fußballexpert*innen wissen vielleicht schon ganz genau, ob das für den sportlichen Erfolg die allerbeste Idee war oder was man hätte anders machen können. Wir jedenfalls freuen uns und sind guter Hoffnung, dass es zumindest nicht schlimmer wird. Forza!

PS: Schulle hat als U19-Trainer zwei Derbysiege gegen den H$V eingefahren. HAMBURG BLEIBT BRAUN-WEISS!
(Über das andere Spiel verlieren wir einfach kein Wort.)

Jul 072020
 

Anmerkung des Kollektivs: Neben dem gestern verkündeten Besetzungswechsel konnten wir auch noch eine Gastautor*innen gewinnen, die regelmäßig unregelmäßig hier veröffentlichen werden. Und hiermit machen wir heute den Anfang. Autor*in ist dem Kollektiv bekannt und von diesem sehr geschätzt.

Mächtig gewaltig.

Schön guten Tag Herr Amin, Sie lehnen also jegliche Form der Gewalt ab? Ich zitiere: „Ich lehne jegliche Art der Gewalt und deren Androhung kategorisch ab.“

Das ist sehr löblich für Sie. Ich sehe eine Europafahne in Ihrem Twitter-Profil? Und Ihre Twitterbio sagt: „Mensch der #Mitte. Für #FDGO, gegen jeden #Extremismus, für #Toleranz, #Vielfalt und #Humanismus.“

Und dann pinnen Sie noch einen Tweet an, in dem Sie ein unbedingtes Bekenntnis zur FDGO fordern?

Ich habe ja Sympathien für Ihre gutbürgerliche Existenz, bin ich doch auch in einem Vorort aufgewachsen und hielt mich für wild, als ich die Grünen wählte. Und ich mag auch das Musical „Hair“ und Liebe, Blumen und Frieden.

Aber ich muss Sie leider enttäuschen. Zwar mag Ihre Fassade bürgerlich sein, vielleicht sehen Sie sich selbst als Mensch der Mitte und Freund der freiheitlich demokratischen Grundordnung, aber aus der Fremdwahrnehmung des Verfassungsschutzes sind Sie leider ein staatszersetzender Anarchist. Wir müssen Sie deswegen leider beobachten und in die Datei Linksradikal aufnehmen.

Ich sehe ihr erstauntes Gesicht und es ist für Sie vielleicht ein Schock, daher lassen Sie mich Ihnen kurz unsere Entscheidung erläutern.

Sie lehnen jegliche Art der Gewalt und deren Androhung KATEGORISCH ab? Das haben Sie selber geschrieben. Dabei ist Gewalt ein Kernbestandteil der von Ihnen angeblich (wahrscheinlich zur Tarnung ihres Radikalismus!) unterstützten FDGO. Lassen Sie mich dazu aus der sogenannten „NPD-Entscheidung“ des Bundesverfassungsgerichts (Urteil vom 17.01.2017 2 BvB 1/13; es wird aus den Leitsätzen zitiert) zitieren:

„3. Der Begriff der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne von Art. 21 Abs. 2 GG umfasst nur jene zentralen Grundprinzipien, die für den freiheitlichen Verfassungsstaat schlechthin unentbehrlich sind.
a) Ihren Ausgangspunkt findet die freiheitliche demokratische Grundordnung in der Würde des Menschen (Art. 1 Abs. 1 GG). Die Garantie der Menschenwürde umfasst insbesondere die Wahrung personaler Individualität, Identität und Integrität sowie die elementare Rechtsgleichheit. 
b) Ferner ist das Demokratieprinzip konstitutiver Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Unverzichtbar für ein demokratisches System sind die Möglichkeit gleichberechtigter Teilnahme aller Bürgerinnen und Bürger am Prozess der politischen Willensbildung und die Rückbindung der Ausübung der Staatsgewalt an das Volk (Art. 20 Abs. 1 und 2 GG).
c) Für den Begriff der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind schließlich die im Rechtsstaatsprinzip wurzelnde Rechtsbindung der öffentlichen Gewalt (Art. 20 Abs. 3 GG) und die Kontrolle dieser Bindung durch unabhängige Gerichte bestimmend. Zugleich erfordert die verfassungsrechtlich garantierte Freiheit des Einzelnen, dass die Anwendung physischer Gewalt den gebundenen und gerichtlicher Kontrolle unterliegenden staatlichen Organen vorbehalten ist.“

Ich sehe Sie zittern. Soviel Gewalt in so wenig Sätzen! Staatsgewalt! Die dann auch noch vom Volke ausgeht. Ist Ihnen eigentlich klar, dass sie Teil dieses Volkes sind? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie ein Problem mit dem Begriff „Staatsvolk“ haben, aber nach dem Grundgesetz sind Sie Teil davon. Ob Sie wollen oder nicht: Sie üben jeden Tag Gewalt aus.

Glauben Sie uns immer noch nicht? Immerhin verprügeln Sie ja niemanden! Aber vielleicht haben Sie da auch einfach Gewalt falsch verstanden. Gucken wir doch mal bei Google nach dem ersten Link:

„Gewalt werden Handlungen, Vorgänge und soziale Zusammenhänge bezeichnet, in denen oder durch die auf Menschen, Tiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd oder schädigend eingewirkt wird. Gemeint ist das Vermögen zur Durchführung einer Handlung, die den inneren oder wesentlichen Kern einer Angelegenheit oder Struktur (be)trifft.“

Sie lehnen also Gewalt kategorisch ab? Wie bekommen Sie eigentlich die Tür auf? Oder wie fahren Sie Auto? Denn auch da wird die Luft (ein physikalischer Gegenstand!) mit physikalischer Gewalt (!) zur Seite gedrängt.

Und das lehnen Sie alles kategorisch ab? 

Aber das wollen Sie doch gar nicht ablehnen? Es geht Ihnen doch um was Anderes? Um die politische Gewalt! Und diese schlimmen Straßenschlachten?

Ah, ich merke, Sie widersprechen sich. Das ist nicht sehr glaubwürdig. Man wird ihnen beinah eine Schutzbehauptung unterstellen müssen. Ah, Sie meinen die strafbare böse Gewalt! Soll ich Ihnen das glauben? Ich glaube nicht.

Gucken wir uns das doch mal juristisch an. Gewalt, so sagt die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes und des Bundesverfassungsgerichts, ist jede körperlich wirkende durch die Entfaltung von Kraft oder durch eine physische Einwirkung sonstiger Art, die nach ihrer Zielrichtung, Intensität und Wirkungsweise dazu bestimmt und geeignet ist, die Freiheit der Willensentschließung oder der Willensbetätigung eines anderen aufzuheben oder zu beeinträchtigen.

(Liebe Lesende, lesen Sie diese Definition bitte dreimal und beschließen Sie dann vollkommen zu Recht, dass niemand, aber wirklich NIEMAND Jurist*innen braucht. Und falls Sie zu diesem Schluss noch nicht gekommen, sind überzeugen wir sie etwas später im Text.)

Was ist da nicht erfasst? Richtig! Die Zerstörung von Sachen! Dies ist zwar strafbar (§ 303 StGB z.B.), aber es ist eben keine juristische Gewalt. Auch die Plünderung ist juristisch keine Gewalt.

Wir sind verwirrt! Also so einen Bullenwagen klauen (keine Gewalt, wenn der/ die Fahrer*in gerade nicht anwesend ist) und die Innenstadt demolieren ist für Sie also okay? Was, auch nicht? Sie widersprechen sich schon wieder!

Sie haben ja kein Problem damit, wenn man protestiert, aber diese Plünderungen sind doch viel zu weit gehende Gewalt.

Wissen Sie was Gewalt laut Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist? Eine Sitzblockade! Ihre friedlichen Protestierer, die Ghandis dieser Welt, die Dr. Martin Luther Kings, sie alle übten Gewalt aus! Gewalt z. B. in Form einer Sitzblockade.

(Liebe Lesende, Sie wissen natürlich, dass weder Ghandi noch Dr. King biblische Figuren waren, und Sie wissen natürlich auch, dass beide nicht unter deutsches Recht fallen!)

„Aber das kann doch nicht wahr sein!“ rufen Sie aus! Doch, und die Begründung des BVerfG wird Sie überraschen! Klicken Sie hi… äh halt, Entschuldigung, falscher Film. Wo waren wir? Ah ja, bei der 2. Sitzblockadeentscheidung des BVerfG (1 BvR 388/05) hat das Bundesverfassungsgericht es als Gewalt im Sinne des § 240 StGB (Nötigung) angesehen, bzw. die juristische Auslegung der Strafgerichte akzeptiert, dass eine Sitzblockade einer öffentlichen Straße Gewalt sei, weil der sitzblockierende Mensch die erste Reihe an Autos als Werkzeug nehme um die zweite (und folgende Reihe) mittels einer physischen Sperrwirkung am Weiterfahren zu hindern und damit physischen Zwang gegen diese auszuüben (sogenannte Zweite-Reihe-Rechtsprechung). Weil gegenüber der ersten Reihe sei es ja nur psychische Gewalt, denn die/der betroffene könne ja ohne weitere über die Demonstrat*innen rüber fahren. Er würde sie halt nur töten. 🤷‍♀️🤷‍♂️🤷

(Liebe Lesende, Jurist*innen, ne? Braucht kein Mensch! Seien sie nebenbei vorsichtig: Diese Rechtsprechung wird gerne mal falsch zitiert, eine Sitzblockade bleibt in D weiterhin ein juristisches Risiko. Nutzen Sie sie natürlich trotzdem in geeigneten Fällen.) 

Sie sehen also: Sie würden Sitzblockaden also ablehnen und Plünderungen befürworten! Aber Staaten ablehnen!

Wir verkürzen nun mal, Herr Amin, Sie lehnen friedliche entspannte Sitzblockaden ab, wollen geplünderte Innenstädte und mit der Staatsgewalt haben Sie es auch nicht so. Wir können uns nicht helfen, aber wenn wir Herrn Seehofer nur diese Merkmale mitteilen würden, würde der wohl sagen „Linksextremist“! 

Ach, so meinen Sie das gar nicht? Das ist Ihre einzige und beste Ausrede? Sehr glaubhaft ist das nicht!

Sie wollen nur das Gewaltmonopol beim Staat? Notwehr? Oder auch Art. 20 Abs. 4 Grundgesetz? Wollen Sie alles nicht? Es wird immer komischer.

Sowieso dieses Gewaltmonopol beim Staat, das ist doch auch mal interessant. Diesen Mietendeckel (klassische staatliche Gewalt), den finden Sie ja anscheinend nicht so cool. Da berufen sie sich auf Recht und FREIHEIT? Ja was denn nun? Schon wieder erwischen wir Sie dabei, dass Sie das Grundgesetz nicht so wichtig finden, wie es Ihnen anscheinend ist.

Sollen wir Ihnen denn noch irgendwas glauben? „Eigentum verpflichtet“, schreibt dieses. Ja, diesen kleinen Satz kann man überlesen. Das Bundesverfassungsgericht schreibt zu diesem Satz: „Hierin liegt die Absage an eine Eigentumsordnung, in der das Individualinteresse den unbedingten Vorrang vor den Interessen der Gemeinschaft hat.“ (Zitiert nach BVerfG 242/91 Urteil vom 16.02.2000.)

Gewalt! Gewalt! Ja, es ist ein schwieriges Thema, Herr Amin. Wir sind ja noch gar nicht bei dem soziologischen Gewaltbegriff. Und bei den Ursachen von Gewalt. Denken Sie nur an Diskriminierung oder die Ausgrenzung an politischer Teilhabe! Gucken Sie sich mal den Hamburger Senat an. Da finden sie niemanden, der nicht Peter oder Katarina heißt! Das ist beinah schon juristische Gewalt, wie oben beschrieben. Wir hier in Hamburg haben unfassbar viele Menschen mit dem, was viele „Migrationshintergrund“ nennen.

Wobei der Marineoffizier d. R. Kazim letztens „Migrationsvorteil“ als Bezeichnung ins Spiel brachte. Und wir wollen ihm hier mal nicht widersprechen. Wobei Marineoffizier? Bundeswehr? Das ist Gewalt, das ist nichts für Sie. Aber im Senat repräsentiert? Werden diese Menschen trotz ihres Vorteils nicht. Da gibt es nur Kartoffeln, Kartoffeln und Kartoffeln. Da wird man doch gewalttätig, oder? Jeden Tag das gleiche Essen? Mit dem gleichen Blick in das gleiche Kartoffelgesicht? Langeweile, sagt man, führt zu Gewalt. Das können wir mit Blick auf den Hamburger Senat nur bestätigen.

Herr Amin! Wissen Sie was? Sie sind ein Mann, das macht sie ja gleich noch suspekter! Denn Gewalt ist häufig genug männlich!

Aber Sie lehnen weiterhin jegliche Gewalt kategorisch ab? 

Sie sind ein Anarchist! Gucken Sie bei Wikipedia! Anarchie ist die Abwesenheit von Herrschaft. Herrschaft ist geprägt dadurch, dass sie sich durch Gewalt (Staatsgewalt!) manifestiert.

„Chaos und Anarchie!“ rufen Sie aus? Und meinen die Zustände in Stuttgart? Wenn überhaupt wäre das Anomie und auch dies, lieber Herr Amin, liegt nicht vor, wenn ein paar Jugendliche ein paar Bullenwagen demolieren. Das hat im Notfall ihr Vater schon bei den Rolling Stones in der Ernst Merck Halle gemacht. Ist davon die Welt untergegangen? Nein! Hat ihr Vater „die Republik aufgebaut“? Wahrscheinlich Ja! Es waren halt seine Streetfighting Years! (Oh ne, das waren die Simple Minds)

Lieber Herr Amin, liebe Lesende, ganz vielleicht ist es besser, wenn Jugendliche in ihrer Frustration mal ein paar Supermärkte und eine Bullenwanne smashen, dann auch mal einen „zwischen die Hörner“ bekommen (und das ist was anderes als „härteste Strafen!!!!!!!“ und die damit verbundene lebenslange Stigmatisierung), als wenn sie Nazi werden und Menschen ermorden. Gucken Sie sich einfach an, was aus den Rolling-Stones-„Krawallmachern“ und „Rowdies“ geworden ist, die damals 1965 aus einer „dumpfen Empörung gegen alles“ randaliert haben? (Zitate laut NDR).

Heute sind das Manager*innen, Ärzt*inne, Museums-Betreiber*innen. Stützen in der Mitte der Gesellschaft. Aber mit dieser haben Sie es ja nicht so, Herr Amin. Und die Stones selber? Bestechen Bezirksämter, anstatt als Bad Boys Konzerthallen zu zerlegen oder einfach ein illegales Konzert zu geben. Wir singen traurig was davon. 

Was halten Sie eigentlich von Nazi-Gewalt, Herr Amin, Sie sind in diesem Zusammenhang immer so erstaunlich ruhig?

(Bio und Zitate sind aus einem echten Twitteraccount, der Name ist leicht verfälscht. Die Zitate stimmen, das Gespräch ist natürlich fiktiv. Die Überschrift ist der wunderbaren Olsenbande entnommen.)

Jul 062020
 

Liebe Lesenden,
in unser eigenen Sommerpause haben wir auch weitere personelle Veränderungen zu vermelden. Doch lassen wir diejenigen selbst sprechen! 

Ein Abgang …

Sollten sich eines wunderbaren Tages Philolog*innen dem Wirken dieses Blogs widmen, würden sie feststellen, dass eine Stimme schon länger in den Texten fehlte. Dies ist die meine und daher möchte ich folgerichtig meinen Abschied von MagischerFC.de bekanntgeben.

Das ist – wie angedeutet – ein Entschluss, der sich länger abzeichnete und nichts mit plötzlichen Zerwürfnissen, dem mangelnden Zugang zu Fußball während einer globalen Pandemie oder der Trennung des FCSP von meinem engen, persönlichen Freundes Jos Luhukay zu tun hat.

Tatsächlich empfinde ich persönlich mittlerweile eher ein starkes Desinteresse an Fußball als Sport und den deutschen Profiligen als Institution. Die Tage, in denen ich großen Spaß daran hatte, auf transfermarkt.de Oberliga-Kader zu studieren sind zwar ohnehin schon lange vorbei, aber wenn in den letzten Wochen die stärkste Emotion eine müde Schadenfreude über die letzten beiden Spiele des hsv war, dann ist das keine gute Basis weiter über Fußball schreiben zu wollen.
Und wann oder ob die Fanszenenkultur zurückkehrt, ist angesichts der Public-Health-Situation ja noch mal eine ganz andere Frage, die mich auch nicht gerade optimistisch zurücklässt.

Ich wünsche den verbleibenden Mitgliedern des Redaktionskollektiv alles Gute und viel Kraft beim Weiterführen dieses mir nach wie vor sehr wichtigen Blogs. Magischerfc.de ist in sehr guten, kompetenten Händen; wenn ich ehrlich sein soll, haben die Anderen in den letzten Monaten den Blog ohnehin ohne wirkliche Hilfe von mir getragen. Ich bin also hoffnungsvoll, dass uns das Medium als kritischer Begleiter rund um den FCSP noch lange erhalten bleibt.

Schlussendlich natürlich vielen Dank meinen (ehemaligen) Mitstreiter*innen und allen Leser*innen für die erfüllenden Jahre. Für alle Debatten, für alle Aktionen und die entstandenen Freundschaften.

@choonradus


Und damit danken wir von allergrößtem Herzen unserem scheidenden Mitglied. Du wirst fehlen! Die Tür steht dir allezeit offen, das weißt du. 

HA, jetzt denkt ihr, die von MagischerFC.de bluten weiter aus, das kann ja nix mehr werden? Pustekuchen! (Was ist eigentlich ein “Pustekuchen“?)

Jedenfalls freuen wir uns sehr, an gleicher Stelle verkünden zu dürfen: Vorhang auf für Flossi!

… und ein Neuzugang!

Hi! Ich bin Flossi. Seit 10 Jahren widme ich Zeit, Geld, Nerven und Bahnbonuspunkte dem FC St. Pauli. In der Vergangenheit habe ich schon den einen oder anderen Gastbeitrag schreiben dürfen und freue mich, nun ein Teil des Kollektivs zu sein. An Spieltagen findet man mich auf der Gegengerade. Wenn ich dort nicht neue Spielformationen erfinde (Stichwort “Abwehrraute”), bin ich die, die Spieler noch aus 200 m Entfernung erkennt und immer mit am lautesten pöbelt. Ich möchte mich bei den anderen Mitgliedern für diese Chance bedanken und freue mich, zukünftig hier mitwirken zu dürfen. 

Jul 022020
 

Das war es nun. Die Saison 19/20 ist vorbei und damit auch die Zeit von Jos Luhukay am Millerntor. 
Wir waren einfach nur froh, dass es beim letzten Spiel um nichts mehr ging. Lange Zeit haben wir einem Saisonende nicht mehr so entgegengefiebert.

Sogar beim Spiel Kiel-Nürnberg in der Konferenz zum letzten Spielttag waren wir emotional involvierter als bei unserem eigenen. Und ja, das hängt sicherlich damit zusammen, dass wir Corona-bedingt seit 3.5 Monaten kein Spiel im Stadion gesehen haben. Dass wir den Re-start der Liga durchaus kritisch sehr kritisch gesehen haben und auch immer noch sehen. Aber eben auch mit der sportlich zuletzt doch recht desolaten Leistung, die uns zuletzt so gar nicht mehr mitgerissen hat. Das letzte geile Spiel war am 22.02.2020.

Am Tag unserem Saisonende hat der Verein dann die Trennung von Luhukay zum Saisonende bekanntgegeben. In der Mitteilung wird von gegenseitigem Einvernehmen gesprochen, klar wird daraus natürlich nicht, ob Jos, dessen Vertrag noch bis Sommer 2021 laufen sollte, einen Auflösungvertrag unterschrieben hat oder ob er weiterhin auf unserem Gehaltszettel steht.

Auch wenn Trainerentlassungen immer doof sind, glauben wir nicht, dass es unter Luhukay noch produktiv hätte weitergehen können.

Die Zeit unter Luhukay: geprägt von Gegensätzen

Offensivfußball vs. fußballerisches Komplettversagen. 

Es steht außer Frage, dass Jos mit einem klaren sportlichen Konzept ans Millerntor wechselte und eine Idee davon hatte, wie er mit der Mannschaft ein Spiel gestalten will, um vorne mitzuspielen. Das war eine wohltuende Veränderung im Vergleich zum häufig auf Zerstörung ausgelegten Spiel unter Kauczsinki. Wir können uns da an keine tollen Spiele mehr erinnern. Tim schreibt im Millernton auch davon, dass Luhukay den Gegner immer wieder ausgecoacht habe. Aber zum Bild gehören eben auch schlimme Spiele in Regensburg, in Karlsruhe und in Darmstadt, die phasenweise fußballerischen Offenbarungseiden glichen.

Heimspiele vs. Auswärtsspiele

Jos war mit einem Schnitt von 1,12 Punkten pro Spiel insgesamt nur mäßig erfolgreich. Unter allen Trainern, die die Mannschaft mehr als 20 Spiele gecoacht haben, ist dies sogar der schlechteste Schnitt.
Zum Bild gehört auch, dass es unter Luhukay Zeit nur zwei Auswärtssiege gab: im Volkspark und in Lübeck beim Pokalspiel. Beides im weitesten Sinne übrigens noch Hamburger Umland. 
Aus den insgesamt 20 Ligaspielen auswärts haben wir unter ihm neun Punkte geholt: ein Sieg (DOPPELDERBYSIEGER*INNEN), sieben Unentschieden.
In dieser Saison haben wir zu Hause 30 Punkte geholt, auswärts ganze neun. Mit der Heimbilanz liegen wir auf einem okayen 7. Platz, mit der Auswärtsbilanz dagegen auf dem letzten. 
Unter Jos gab es in der Liga zu Hause somit 1,75 Punkte pro Spiel, auswärts dagegen mickrige 0,45 Punkte im Schnitt.

Erwartungshaltung vs. zerschmetternde Pressekonferenzen

Jos war mit der Erwartung hierhergekommen, innerhalb von 2 Jahren aufzusteigen. Das stand kommunikativ immer wieder im Widerspruch zu dem, was er dann so auf Pressekonferenzen zum Potential der Mannschaft sagte. Wir schrieben darüber schon vor einem Jahr: Das ist doch scheiße.

Berechtigte Kritik äußern vs. Spieler öffentlich anzählen

Sicherlich haben Trainer*innen die Aufgabe, ihre Spieler*innen besser zu machen. Verbesserungen sind grundsätzlich auf zwei Ebenen möglich: Fehler korrigieren oder Stärken noch weiter ausbauen. Und sollte sich im Idealfall als Mischung aus beidem abspielen. Bei uns hat sich immer wieder der Eindruck verfestigt, dass Jos eher auf mögliche Fehler und Schwächen als auf Stärken konzentriert war. Immer wieder wurden Spieler öffentlich über die Presse angezählt, die danach mal mehr, mal weniger laut kommunizierten, dass sie die Kritik so persönlich noch nicht gehört hätten. Zur Kommunikation gehören immer zwei Personen, wenn das aber immer wieder passiert, liegt der Fehler zumindest nicht nur bei den Empfänger*innen.
Und dann ist da auch noch das zweite Thema: Wann ist es “berechtigte und bekannte Kritik äußern”, wann ist es “fertigmachen”? Für uns klang das in unseren Ohren teilweise zu stark nach letzterem. Und das ist nicht ok, das ist nicht, wie wir möchten, dass hier mit Leuten umgegangen wird.

Bei anderen genau wissen was schief läuft vs. die eigene Rolle nicht reflektieren

Jos ist analytisch definitiv stark und hat immer wieder den Finger in die Wunde gelegt, was auf dem Feld nicht gut gelaufen ist. Dabei hat es aber häufig die Tendenz gehabt, dass er bei anderen genau wusste, was besser gemacht werden muss, seine eigene Rolle aber – zumindest nach außen – nur wenig reflektiert hat. Beispielsweise wurde immer wieder der fehlende Fitnesszustand der Mannschaft bemängelt. Auf St. Pauli leider ja auch kein neues Thema. Aber eben genau im Verantwortungsbereich des Cheftrainers, daran nachhaltig zu arbeiten.

Jugendförderung vs. die Erfahrenen richtig einsetzen

Der Trainer hat es geschafft, unglaublich viele Jugendspieler deutlich näher an den Kader heran- oder reinzuholen. Finn-Ole Becker hat sich unter Jos in den Profikader gespielt. Galt er schon unter Kauczinski als ein großes Talent, so war er da noch weit vom Kader entfernt und kein Mal auf der Bank. Direkt unter dem ersten Spiel unter Jos saß er dann dort, wurde sogar eingewechselt und spielte die letzten drei Saisonspiele letzte Saison dann auch durch. Dieses Jahr war er in 28 von 34 Spielen auf dem Platz. Man nennt das landläufig auch einen wichtigen Stammspieler. Gleiches gilt auch in ähnlicher Form für das Raufholen von Jungs von Conteh, Coordes oder Franzke, der am Sonntag beim ersten Spiel in der Startelf dann auch direkt seinen ersten Assist verbuchte.
Und ihr kennt uns, wir finden Jugendförderung klasse und wichtig und freuen uns, wie viele Spieler es geschafft haben. Wir hoffen sehr, dass die / der nächste Trainer*in diesen Weg weiter beschreiten wird und das Potential, das wir da aufgebaut haben, weiterhin nutzen wird.
Dazu gehört aber auch, dass immer wieder “eigentliche Stammspieler” mit ein paar mehr Lebensjahren auf der Bank saßen: Hatte Knoll 2018/2019 noch 30 von 34 Spielen gemacht (und drei der vier Spiele lt. Transfermarkt mit Muskelproblemen verpasst), so waren es 2019/2020 nur 24 von 34 Spielen, wobei Verletzungen kein Thema waren. Das kann jetzt daran liegen, dass Jos nach dem reinen Leistungsprinzip aufgestellt hat. Wir wissen es nicht 100%, aber es fällt auf.

Gegen den H$V zweimal derbysieger*innenstark auftreten vs. gegen den Tabellenletzten der Abschlusstabelle nach 3:0 Führung noch ein Unentschieden fangen.

Und das fasst die Widersprüche der Zeit unter Luhukay dann einfach gut zusammen.

Es bleiben die Fragezeichen

Ist es wichtig und richtig, den Verein auf fußballerische Missstände aufmerksam zu machen? Ja. War der Weg von Luhukay immer der richtige? Nein.

Oft hatten wir Fragenzeichen auf der Stirn. Bei Aufstellungen, bei Auswechslungen, bei Aussagen auf den Pressekonferenzen. Spätestens als Henk nach seinem Tor gegen Aue nicht jubelte und es auf dem Weg in die Kabine ein für alle erkennbares Wortgefecht zwischen Jos und ihm gab, war vielen klar, dass es innen brodelt. Zu oft hatte man von Zerwürfnissen zwischen ihm und der Mannschaft gehört. Ab diesem Spiel wurden auch die Stimmen lauter, die das Ende der Ära Luhukay forderten. Wir waren von Anfang an sicherlich nicht unkritisch ihm gegenüber – was sich teilweise aus seinem Auftreten speiste, teilweise aber auch aus Erzählungen anderer Vereine, die zu sehr ähnlichen Enden wie nun dem beim FCSP führten. 

Es gab es in dieser Saison Phasen, in denen fußballerische Fortschritte zu sehen waren. Die Derbys, Wiesbaden und Bielefeld zuhause. Offensiver Fußball, der Spaß machte. Leider bekam auch Luhukay keine Konstanz in die Leistung der Mannschaft. Sah es phasenweise immer wieder gut aus, so gab es dann nach Länderspiel- oder anderen Pausen einen Bruch.
Zuletzt auch vor und nach der Coronapause. Hatten wir vorher eine gute Phase mit acht Punkten aus vier Spielen, so sind es nach Corona neun Punkte aus zehn Spielen gewesen. Es wirkt, als wäre der Graben zwischen ihm und der Mannschaft in dieser Zeit größer geworden. Die Auftritte in Darmstadt, Hannover und Wiesbaden sprachen Bände.

Trainer weg, alles gut?

Wir langweilen uns selbst ein bisschen damit, dass wir dauernd den Präsidenten zitieren. Aber es ist das zentrale Element, deswegen sei es auch hier noch mal wieder rausgeholt:

“Wenn unsere Erinnerung uns kein Schnippchen schlägt, dann war es unser Präsident, der mal sagte, dass eine Trainerentlassung auch immer heißt, dass das ganze sportliche System in einem Verein versagt hat.”

Jos war gekommen, um verkrustete Strukturen aufzubrechen, die wir als fehlenden Ehrgeiz, Genügsamkeit und nicht genügend Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten, interpretieren. Das hat sicher teilweise geklappt, ist dann aber wohl auch einfach übers Ziel hinausgeschossen. Und das Problem ist nun wahrlich nicht erst mit Jos ans Millerntor gekommen, das war auch schon vorher da. Und da muss man dann den Blick auch in Richtung des Präsidiums wenden. 

Oke ist seit 2014 im Amt, Teile der Vizepräsident*innen auch, Christiane und Carsten kamen 2017 hinzu. In dem Zeitraum seit ihrem Amtsantritt gab es fünf Trainer (Meggle, Lienen, Janßen, Kauczinski und Luhukay), wobei Meggle sehr bald nach Postenübernahme vom Trainer zum Sportlichen Leiter wurde; und eben auch fünf sportliche Leiter / Sportdirektoren (Azzouzi, Meggle, Rettig, Stöver und Bornemann), wobei Azzouzi sehr bald von Meggle ersetzt wurde. 

Konsistenz sieht anders aus.

Der Aufsteiger Bielefeld hatte im gleichen Zeitraum auch vier Trainer (wir lassen die Interimsdinger von drei Spielen o. ä. aus der Rechnung mal raus), wobei die letzten beiden jeweils mind. fast zwei Jahre im Amt waren. Seit 2016 gibt es mit Samir Arabi ein und denselben Geschäftsführer Sport. Stuttgart betrachten wir aufgrund der Querelen rund um die Abstiegssaion mal besser nicht. Das zeigt nämlich nur, dass Inkonsequenz auf diesen Posten zu nichts Gutem führt. Heidenheim hat noch Aufstiegschancen in der Relegation und mit Frank Schmidt seit 4670 Tagen den gleichen Trainer. Wisst ihr, damals, als es RB Leipzig noch nicht mal gab.

Und sogar der H$V hatte nur zwei Trainer mehr im gleichen Zeitraum. Die, über deren ständige Trainerwechsel wir uns immer so gerne lustig gemacht haben. Dankenswerterweise haben die noch ein paar andere Themen im Angebot.

Die Konsequenz dieser Wechsel und der nicht vorhanden sportlichen Stabilität zeigen sich dann auch in den Tabellenplätzen an, wo die Tendenz ebenfalls nach unten zeigt: Als 15., 4., 7., 12., 9. und nun 14. Platz der Abschlusstabellen seit Amtsantritt des Präsidiums. Das ist für einen Verein mit unseren Möglichkeiten einfach nicht genug. Da geht mehr, da muss mehr kommen. Wir wollen europäisch spielen, es gibt da einen Plan 2030.

Und dann wird mit Jos ein Trainer geholt, der die verkrusteten Strukturen aufbrechen soll. Der den Finger in die Wunde legen soll. Und der das auch macht. Was nicht nur bei uns, sondern auch beim Kader und Kaderumfeld immer wieder auf wenig Gegenliebe stößt. Der nach etwa 14 Monaten dann unter anderem genau daran scheitert. Wobei wir uns fragen: War das nach den Schilderungen aus Sheffield, aus Stuttgart, aus Augsburg nicht auch zu erwarten? Was hat man getan um zu verhindern, dass es wieder so endet?

Bornemann spricht davon, dass sich die positiven Folgen davon auch in Zukunft noch zeigen werden. Aber auch mal ehrlich: Wie verkrustet muss das denn sein, dass man das in 14 Monaten nicht geknackt kriegt? Dass immer wieder in alte Muster zurückgefallen wird? Dass wir immer wieder von trainingsfaulen Spielern hören? Es immer wieder richtig schlimme Spiele gibt? 

Klar ist: Jos hat keine Schuld an dieser Verkrustung. Das muss über Jahre gewachsen sein. Jahre, in denen das aktuelle Präsidium bereits im Amt war, Jos aber noch etwa zwei Trainerposten weit weg vom FCSP. In denen man von Verkrustung nichts hörte – das Thema kam erstmals mit dem Wechsel von Kauczinski zu Luhukay zur Sprache. Es ist gut und wichtig, dass das Thema erkannt und angegangen wird. Aber hätte das nicht auch schon vorher auffallen müssen?

Und zum Bild gehört auch, dass Jos noch im November von Oke sehr positiv beschrieben wurde. Wir haben das im MV-Bericht so beschrieben:

“Man habe sich innerhalb der Gremien auf einen Weg verständigt und dies sei der Weg, den man gehen wolle, auch mit den beiden hauptamtlichen Entscheidungsträgern Bornemann und Luhukay. Diese seien ehrgeizig und ambitioniert, sprächen auch mal Klartext. „Dies ist uns dann zu viel?“
Man habe einen Trainer, der im persönlichen Gespräch sehr inhaltsstark, offen und freundlich agiere, anders als es in einigen öffentlichen Auftritten vielleicht wirke und eines genauso wenig ab kann wie alle Fans und Profis, nämlich das Verlieren. Es werde Rückschritte und Täler geben, man werde den Weg nicht naiv aber mit aller Konsequenz weiter beschreiten.“

Die MV war ziemlich genau zur Halbzeit von Jos’ gesamter Trainerzeit hier bei uns. Damals klang das noch sehr anders. Was ist in den letzten Monaten passiert, dass sich auch im Präsidium die Meinung dann so geändert hat, die nun zum Wechsel führte? Geholfen hat es hierbei sicherlich auch nicht, dass wir zeitgleich einen neuen Sportdirektor und einen neuen Trainer geholt haben. So konnte keiner von Beginn an dem anderen helfen, was ok ist, und was dann auch mal (kommunikativ) übers Ziel hinausschießt.

Wir finden diese beschriebene Verkrustung auch alles andere als geil. Vor allem so lange sie zwischen uns und dem Aufstieg steht. Wir finden es wichtig, dass daran gearbeitet wird. Und wir können uns auch vorstellen, dass da das eine oder andere Idol auch nicht nur gut wegkommen wird. Es ist wichtig, eine*n neue*n Trainer*in zu finden, die / der diesen Weg weitergeht. Aber ihn ebenso beschreitet, dass mehr Leute mitgenommen werden.

Sodass wir dann nicht nächstes Jahr schon wieder einen Trainerwechsel-Artikel schreiben müssen. Und auch das Präsidium wird wissen, dass 2021 Wahlen anstehen und dass diese Entscheidung und die Wirksamkeit der Entscheidung da durchaus eine große Rollen spielen sollten. Wir hoffen auf ein glückliches Händchen und eine*n Trainer*in, die / der uns alle überzeugt. Mit der / dem wir in zwölf Monaten den Aufstieg feiern dürfen.

Was bleibt von Luhukay am Millerntor? 

Hoffentlich wirkt der Anstoß zur Veränderung. So wie in den letzten Saisons kann es wirklich nicht weitergehen. Vielleicht war sein Weg nicht der richtige, aber Jos Kritik war sicherlich nicht an den Haaren herbeigezogen und in vielen Punkten berechtigt. Man hatte versucht, mit Luhukay jemanden zu verpflichten, der in diesem Verein mal aufräumt. Der Pressemitteilung des Vereins nach zu urteilen, war es für manche zu viel des Guten.

Was wir nicht vergessen werden: Zwei fantastische Derbysiege. Sechs Punkte, die uns (und die Vorstadt) in der Liga halten. Spiele und Emotionen, die sich in all unsere Gehirne und Herzen gebrannt haben. Danke dafür.