Nov 162020
 

Vorab: 

Die Veranstaltung war in diesem Format eine Premiere. Deswegen kann das nicht perfekt sein. Der Teilnehmer*innenkreis war groß und dementsprechend auch sehr heterogen. Wo Teilnehmer Banki mehr Tiefe haben möchte, ist vielleicht Teilnehmer Headi schon überfordert. Oder so.

Das sollte man immer bedenken, wenn man die nun folgende Zusammenfassung und die Bewertungen in einzelnen Punkten sieht. Weiterhin möchten wir darauf hinweisen, dass uns die Bilanz inklusive Gewinn- und Verlustrechnungen und Erläuterungen vorlag. Sollten wir auf diese verweisen, dann machen wir es kenntlich. An diesem Artikel hat unser Senior aus der Rente heraus mitgewirkt.

Die große Anzahl der Teilnehmer*innen (ca. 300) und die 120 vorab gestellten Fragen sprechen eine deutliche Sprache. So ein Format ist gewünscht und wird angenommen. Gerade bei einem Verein, bei dem auf MVs nahezu nie Nachfragen gestellt werden, ist es begeisternd, dass diese Anzahl an Fragen eingereicht wurde. In der Beantwortung hätte man die garantiert noch besser clustern und zusammenfassen können, denn am Ende wurde ungefähr zehn Mal gefragt, ob man denn nun Leute entlassen will oder nicht. Aber da gilt der Premierenbonus, dafür bekommen alle Beteiligten garantiert noch mehr Gespür und Gefühl. Es wäre sicherlich eine Überlegung wert, das nächste Mal eine Person gezielt mit der Betreuung des Chats zu beauftragen, sodass Fragen direkt zu einem Thema gestellt werden können und sie nicht am Ende der Veranstaltung außerhalb des Kontexts beantwortet weden müssen. Auch sind wir keine riesengroßen Fans von „nur Fragen über Chat“ stellen. Für viele ist das sicher eine tolle Option, gerade, wenn man vor 250 Leuten (diese Veranstaltung) oder ein vielfaches davon (MVs u. ä.) eben auch mal bewusst nicht sprechen möchte, aber es fehlt eben doch was, wenn man nicht miteinander spricht.

Dass kein*e Gebärdendolmetscher*in vorgesehen war bzw. in der Anmeldung nicht abgefragt wurde, ist ein Rückschritt. Das konnte der FCSP schon mal besser. 

Nicht eingehen wird dieser Artikel auf die neue Eigenvermarktung der Trikots etc. Das ist einem gesonderten Artikel vorbehalten. Es wird nur kurz an einer Stelle drauf hingewiesen. 

Wir versuchen im alten MV-Stil eigene Bewertungen von der Wiedergabe des Gesagten abzusetzen.  

Der Beginn

Wir geben jetzt mal ausdrücklich den Premierenbonus, aber es ist trotzdem etwas unglücklich wenn gebeten wird, bitte pünktlich um 10:45 zu erscheinen, um dann die Menschen bis 11:07 ohne Nachricht im virtuellen Warteraum sitzen zu lassen. Um dann kurz zu sagen, dass man technische Probleme hat, sich alle wieder an- und abmelden sollen? Da kommt so ein bisschen der Satz „Wohl nicht vorab getestet, wa?“ bei uns auf. Und wir haben nun mit der AG Diversität und anderen Veranstalter*innen im Vereinsumfeld schon diverse Zoom-Dinge mitgemacht, da hat immer alles super geklappt. Und ausgerechnet beim professionellen Teil des Vereines klappt es dann nicht. Autsch. [Anmerkung der diesen Text Korrektur lesenden Menschen: Die AG Diversität ist also unprofessionell. Wir haben das notiert.]

Es eröffnete Anne Kunze mit ein paar einleitenden Worte, erklärte die Technik und erwähnte, dass neben Mitgliedern auch Presse und Blogger*innen anwesend seien. [Dass Blogger*innen hier gesondert erwähnt wurden, macht uns stutzig, wer von euch Blogger*innnen ist denn nicht Mitglied des FCSP? Vortreten zum Schellen abholen!]

Dann Oke mit einleitenden Worten. Ach Oke, wir wissen, vergebene Liebesmüh und wir Pöbelblog ändern dich nicht mehr. Aber Reden in vollständigen, abgeschlossenen Sätzen, ohne immer weitere Halbsätze aufzumachen, wären so viel besser. Und man muss sich nicht bei jeder Antwort bei jemanden bedanken. 

Es sei schade, dass man sich nicht im Stadion sehen könne, aber es sei schön, sich hier zu sehen. Er danke allen, die das organisiert haben. Man wolle diesen informellen Austausch und sei allen dankbar für den Support. Man sei insbesondere über den Verzicht auf Erstattung dankbar, dies helfe extrem. [Im Lagebericht des FCSP ist davon die Rede, dass auf insgesamt 0,95 Millionen Euro Erstattung von Karteninhaber*innen verzichtet wurde. Wohlgemerkt zum Bilanzstichtag 30.06.2020. Das ist viel Holz. Später wird davon die Rede sein, dass dem FCSP ungefähr 750.000 Euro pro Heimspiel ohne Zuschauer*innen durch die Lappen gehen. Wenn man diesen Betrag – der sich definitiv nicht nur aus Eintrittsgeldern zusammensetzt – mal vier nimmt, dann ist ein Verzicht in Höhe von 0,95 Millionen echt sehr viel.]

Thees‘ Satz „würde es gehen, würde ich dich umarmen“ sei nie besser gewesen als heute. Es gehe leider nicht, es gebe keinen gemeinsamen Jubel und kein Umarmen. Umarmungen seien überhaupt schwierig. Umso wichtiger sei es in den Austausch zu gehen und nicht nur mit Gremien, sondern allgemein einen Austausch, ein Gespräch zu pflegen. Man wolle kommunzieren, wie es um den Verein stehe und Präsenzveranstaltungen seien gerade nicht möglich. Man habe die MV in Präsenz auf den Mai verschoben, aber es gebe nun diesen Termin und bald auch noch einen Termin zum Thema „Sport“. [Es sei mal schon an dieser Stelle gesagt: Wenn wir die Anzahl und die Fragebereitschaft so sehen, dann scheint online ein guter Weg zu sein.]

Man sei als Verein und als Unternehmen von der Pandemie schwer getroffen. Man wolle nicht so doll ins Horn blasen, weil es viele gebe, die schwer getroffen seien und es bei Soloselbstständigen und anderen ums (finanzielle) Überleben gehe. Man helfe da auch, aber die eigene Situation sei eben auch angespannt und schwierig. Man müsse jede Woche die Planungen anpassen und diesen Wandel mit Weitsicht, Ruhe und Kreativität angehen. Er sei den Mitarbeiter*innen dankbar, die alle die extra Meile gehen. Es sei herausragend, was da geleistet werde, stellvertretend sei die Geschäftsleitung [nennt alle Vor- und Nachnamen] zu nennen, auch danke an die Kolleg*innen im Ehrenamt [er nennt alle Vornamen, dieser Unterschied ist irgendwie lustig], dankt dann noch Kolja (Assistenz Präsidium) und Anne. 

Man sei gut aufgestellt gewesen. Das Vorgehen in den letzten Jahren, viel selber zu machen, habe eine Basis geschaffen. Die Unabhängigkeit habe Werte geschaffen. Man wisse nicht, wie lange man nun auf Menschen im Stadion verzichten müsse, aber man wolle bei St. Pauli selber machen bleiben und forza, man gehe keinen Schritt zurück. [Irgendwer hat Oke mal gesagt, dass er Reden mit einem flammenden Aufruf beenden muss. Problem dabei: Oke ist kein Redner für flammende Aufrufe. Daher bleibt das immer etwas künstlich.]

Der Stand bei den Finanzen

Er übergab dann an Carsten (Höltkemeyer, im Präsidium für das Thema „Finanzen“ zuständig). 

Dies sei die größte Herausforderung seit der Retterkampagne. Schon in der Saison 19/20 sei das zu spüren gewesen. Man habe schnell reagiert und bereits im März einen Krisenstab eingerichtet. Man habe versucht, die Effekte zu minimieren und gegenzusteuern. Er möchte da allen ein Kompliment aussprechen, insbesondere der Geschäftsleitung. Man habe im März bereits damit geplant, dass man das ganze Jahr 2020 nicht mehr vor Zuschauer*innen spielen werde. Dies sei damals konservativ gewesen, aber habe sich als richtig herausgestellt. 

Man müsse eine Krise immer bewältigen, bevor es dann zu spät wird. Man habe beim FCSP drei Gesellschaften, die Vermarktung, das Merch und die MSB, die für die Stadionfinanzierung zuständig sei. Wenn man vom Konzern rede, dann umfasse dies diese drei Gesellschaften und nicht nur den Verein. [Im Endeffekt ist der e. V., der den Profifußball betreibt, eine sehr wichtige Komponente, aber eben nicht alles. Hinzukommen noch diverse andere Gesellschaften, die dem FCSP e. V. gehören oder an denen er beteiligt ist. Aber wir verstehen Carstens Vortrag mal so, dass er die Verhältnisse stark vereinfacht hat, um es auch einem Menschen näherzubringen, der nahezu keine Vorkenntnisse von Finanzen und Gesellschaftsrecht hat. Menschen, die davon Ahnung haben, bleiben dann natürlich ein bisschen auf der Strecke, weil sie immer mehr Tiefe, mehr Details fordern, um auch Vergleiche anstellen zu können. Das ist ein Spagat, den man nicht gewinnen kann. Insgesamt wären aber sicherlich aufbereitete Infos hilfreich, ja und damit meinen wir auch sowas wie Organigramme und Beziehungen zwischen Gremien, Tochtergesellschaften, etc.]

Carsten hatte seinen Vortrag mit einigen Folien unterlegt, die wir jetzt mal freundlich mit „do it yourself“ kommentieren wollen. Wichtig ist der Inhalt. 
Man habe seit 2010 nachhaltig wirtschaftlich gearbeitet und seitdem immer mehr eingenommen als ausgegeben. [Für die Älteren unter euch: Die Saison 2009/2010 hat auch deswegen einen Verlust erbracht, weil der FCSP mit den Spielern eine ordentliche Aufstiegsprämie vereinbart hatte, die dann halt das Ergebnis verhagelte. Ihr werdet euch erinnern, wie Corny auf der MV sagte, dass er diesen Verlust gerne vertrete. Im Endeffekt hat der FCSP also bereits noch länger wirtschaftlich solide gearbeitet.]

Man habe das Eigenkapital immer erhöht, dafür sei allen Präsidien zu danken, dies sei nun eine wichtige Komponente. Wichtig sei aber auch die Finanzierung der Ausgaben, denn wir müssen diese bezahlen können. Man brauche dafür liquide Mittel. Man habe Verbindlichkeiten zurückgefahren, der Verschuldungsgrad sei sehr zurückgegangen. Man habe eine Strategie verfolgt, die ganzen Rechte selber zu halten, zuletzt die Eigenvermarktung 2019. Dies sei nun ein großer Beitrag zur Krisenbewältigung. 

Mit 13,5 Millionen Euro Eigenkapital sei die Batterie dort ziemlich voll. Man habe nie so viel gehabt,wie vor der Pandemie, die Quote von 20 Prozent sei für den FCSP Rekord. Bei der Liqudität sei das ähnlich, die sei ungefähr 3/4 voll. Der Höchststand hier sei 12,2 Millionen gewesen, aber dann habe man die Anleihe zurück bezahlt. 
[Er hatte das in seiner Präsentation als Batterie grafisch dargestellt und das ist eine schöne Verdeutlichung. Auch wir haben in den MV-Berichten immer wieder deutlich gemacht, wie wichtig Eigenkapital und wie wichtig die Eigenkaptialquote ist. Wir wollen hier mal den Bericht 2019 zitieren, der wiederrum den Bericht 2018 zitiert:
„Wir haben laut Oke eine Eigenkapitalquote von 23 %. Auch hier ist der Konzern gemeint. Für den Verein gelten andere Zahlen. Das ist gut, aber nicht toll! Wir zitieren uns vom letzten Jahr:
„Eine Eigenkapitalquote (und das ist ein guter Indikator von wirtschaftlicher Gesundheit) von 18 % ist historisch für den FCSP und auch im Vergleich der zweiten Liga super. Es ist jedoch immer noch gering. Wenn man mal so Google anwirft, dann wird eine Eigenkapitalquote von über 30 % als gesund angesehen unter 20 % als problematisch. Wir haben bis zu 30 % noch einen weiten Weg vor uns, könnten den aber ggf. über die Rückzahlung der Anleihe schon ein ganzes Stück gegangen sein. Nur mal als Vergleich: Der FC Bayern hat eine Eigenkapitalquote von über 60 %. Selbst unsere Freunde im Volkspark hatten in der Bilanz 2016/2017 noch eine Eigenkapitalquote von 23 %. Es ist also noch ein weiter Weg zur wirklichen Stabilität. Wir sind weit gekommen, aber haben noch einen riesigen Weg vor uns.““

Richtig ist also: Dem FCSP ging es für seine Verhältnisse vor der Pandemie im Bereich Eigenkapital gut. Auch gibt es in der 2. Liga viele Vereine, die mit deutlich weniger Eigenkapital operiert haben. ABER eine volle Batterie in diesem Bereich ist halt der FC Bayern mit einer Quote von 60 Prozent, nicht der FCSP, der so gerade mal eben an der Grenze zu einem halbwegs gesunden Unternehmen stand. Das hat ausdrücklich dieses Präsidium nicht zu verschulden, es zeigt halt nur, wie lange es dauert, Versäumnisse von vor Jahrzehnten (!) wieder aufzuholen. Man darf nie vergessen: Selbst in guten Jahren machten wir nie mehr als 1,5 Millionen Gewinn. Um ein EK von 13 Millionen Euro zu erreichen, brauchten wir also ca. neun gute Jahre. Das ist sehr lang.]

In der Saison 2019/2020 habe man als Konzern ca. 500.000 Euro Verlust gemacht, dies sei ein gutes Ergebnis. [557.396,06 um genau zu sein. Vorjahr 1.522.186 Millionen Gewinn] Dies sei auf einer starken Gemeinschaft begründet. 

Das jetzt laufende Jahr werde schwieriger, letzte Saison habe man insgesamt vier Spiele ohne Zuschauer*innen gehabt, alleine jetzt gab es schon vier ohne zahlende Gäste. Man habe für 2020 keine Zuschauer*innen mehr eingeplant, für die Spiele der jetzt aktuell laufenden Saison im Jahr 2021 mit 5.000 im Schnitt pro Spiel. Mit einer Vermietung für Events habe man gar nicht geplant, auch im Bereich Merch, Fußballschule sei mit einem Rückgang von 20 Prozent geplant worden. 
[Um das mal etwas weniger abstrakt zu machen: Der FCSP als Konzern hatte 2019/2020 einen Umsatz von 51.477.293,70, 2018/2019 hatte er einen Umsatz von 54.346.741,74, davon 20 Prozent sind mal eben bummelige 10 Millionen Euro, die da fehlen. Man muss von Finanzen keinen Groschen Ahnung haben, um zu sehen, dass es keine Möglichkeit gibt, Kosten so schnell zu senken, dass man dies auffangen kann. Unsere Lizenzspielerabteilung kostet grob 13 Millionen an Gehältern inklusive Sozialabgaben, Prämien etc. Und das sind im FCSP die Ausgaben, die man am schnellsten senken könnte. Wer hätte mit einem Spieleretat von 1 Millionen in die Saison gehen wollen? Hand hoch bitte! Andere große Ausgabenposten des FCSP? Sonstige Löhne und Gehälter, ca. 7,5 Millionen, Spielbetrieb 7 Mio (von Ärzt*innen bis Hotel ist da alles mögliche drin). Wer will da senken? Hand hoch bitte! Und wenn ja wie? Rest ist ganz viel Kleinkram, der aber auch schwer zu ändern ist. Z. B. Zinsen für die Kredite für das Stadion.]

Carsten skiziierte dann, wie man gegensteuern will. Man habe einen Gehaltsverzicht vereinbart bzw. versucht diesen zu vereinbaren, insbesondere bei Bestandsverträgen, man mache Kurzarbeit bei den normalen Angestellten und habe alle nicht notwendigen Projekte gestoppt. [Wir können den Einzug des Molotow in den neuen Bürotower (das muss auf St. Pauli so heißen) in der Ecke Nord/Haupt also erst 2024 realisieren.] Insgesamt bleibe aber eine Nettobelastung von 5 bis 6 Millionen.

Exkurs. Wie genau sieht es denn aus? Was will uns Carsten damit sagen? 

Im Lagebericht zur Bilanz 2019/2020 klingt das dann wie folgt (die Zahlen, die da genannt sind, beziehen sich immer nur auf den e. V., sind also nicht 100 Prozent vergleichbar!): „Insgesamt führt dies nach aktueller Planung zu Umsätzen in Höhe von EUR 26,65 Mio mit der Folge, dass ein Verlust in Höhe von EUR 11,62 Mio in der Saison 2020/2021 erwartet wird. Dieser Verlust wird im Konzern durch die Ergebnisse der Tochtergesellschaften teiweise ausgeglichen, so dass sich im Konzern ein Verlust in Höhe von voraussichtlich EUR 5,75 einstellen wird. Weiterhin ergibt sich aus den Planungen unter den getroffenen Annahmen eine bilanzielle Überschuldung zum 30.06.2021 in Höhe von EUR 6,68 Mio. Diese bilanzielle Überschuldung kann jedoch durch Maßnahmen innerhalb des Konzernverbunds […] vermindert werden.“

Wir wollten ja diesen Artikel erst mit „Der FCSP ist ein Fall für die*den Konkursrichter*in, hier lest ihr warum“ überschreiben, aber a. machen wir keine Clickbait und b. stimmt das auch inhaltlich nicht. Was uns aber klar sein sollte ist, dass uns diese blöde Pandemie alles Eigenkapital innerhalb kürzester Zeit beinah bis auf den letzten Groschen wegfrisst. Und kein Eigenkapital nennt man Überschuldung und wenn ihr mal in die Insolvenzordnung seht, dann steht das da als ein Grund für den Gang zur*zum Konkursrichter*in drin. Ja, es gibt da dann noch Auswege, auf die kommen wir zurück, aber jedem sollte klar sein, dass „ha, wir habe Eigenkapital, fick dich Konkursrichter*in“ deutlich (!) besser ist, als „äh naja, Eigenkapital haben wir nicht, aber wir haben ja Auswege, äh wir gucken dann mal liebe*r Konkursrichter*in“.

Oder anders ausgedrückt: Es lebt sich leichter, wenn man noch 10.000 Euro am 10. des Monats auf dem Konto hat, als wenn man 0 Euro und 200 Pfandflaschen hat. Und wir können es drehen und wenden wie wir wollen, selbst wenn wir ab 2021/2022 wieder ganz normale Verhältnisse haben, wird es bei grob gleichbleibenden sportlichen und wirtschaftlichem Erfolg bis 2030 dauern, bis unsere Bilanz wieder so vernünftig aussieht wie jetzt. Ein Aufstieg, mal das Erreichen der 3. Pokalrunde, eine Qualifikation für die Champions League und das Erreichen des Halbfinales der Königsklasse (absteigende Sortierung nach Wahrscheinlichkeit) wären natürlich sofort gerne genommen. 

Schwieriger ist es, das Thema Liquidität zu beurteilen. Da wurde auch einfach zu wenig zu gesagt. Wir wissen nicht, was der Verein an liquiden Mitteln benötigt. Da sagt der Eurobetrag zu einem gewissen Zeitpunkt auch wenig aus. Was bringen mir 7,5 Millionen heute, wenn ich Morgen 14 Millionen bezahlen muss? Oder was sagen die aus, wenn übermorgen die nächste Fernsehrate kommt? 

Viel ist dann von stillen Reserven die Rede. Klar hat der FCSP Rechte und Gegenstände, die er zu Geld machen kann und die zur Zeit nicht wirklich in der Bilanz mit ihrem vollen Wert erfasst sind. Aber man muss sich da immer ein paar Dinge vor Augen führen. Punkt 1. Zyniker*innen unter den Bilanzfachmenschen sagen gerne, dass stille Reserven deswegen „still“ heißen, weil sie in der Krise still bleiben. Unser Stadion z. B. hat einen riesigen Wert, wenn da ein Zweitligist drin spielt von dem ich Miete kassieren kann. Sofort, wenn der da aber nicht mehr spielt, dann ist das nur eine Bauruine, deren Entsorgung viel Geld kostet. Gleiches gilt für z. B. unsere Merch-Rechte. Punkt 2. Wenn man so etwas zu Geld macht, dann verkauft man das. Und das wollen wir immer nicht. Der Lagebericht spricht davon, dass man Handlungsoptionen habe, wie z. B. die Aufnahme von Fremdgesellschaftern in den Tochterunternehmen oder die Veräußerung von Markenrechten. Auf Nachfrage wurde in der Veranstaltung erklärt, dass man da nix Konkretes geplant habe, aber auch hier sollte jeder*m klar sein, was die heißt: Dies heißt nix anderes als Verkauf des Stadionnamen und/oder Verkauf von Dingen an Investoren. All diese Dinge wären brutal schwere Pillen, die es zu schlucken gelte. Hoffen wir, dass die Pandemie uns nicht dazu zwingt. Punkt 3. Gerade bei Liquiditätsengpässen ist eine schnelle Umwandlung von Werten in Geld notwendig. Das schwächt Verhandlungspositionen und macht das Unterfangen noch schwieriger. Und hey, wir haben auch hier auf die Clickbait-Überschrift „Oke will den Stadionnamen verkaufen“ verzichtet. Wir bitten dies zu unterstreichen. 

Der Verein hat sich zur Sicherung der Liquidität ein KfW-Darlehen von insgesamt 3 Millionen Euro geholt. Dies hat er bereits im Geschäftsjahr 2019/2020 zur Sicherung von liquiden Mitteln gemacht. Das ergibt Sinn. Wir möchten hier die Moraldiskussion der Marke „Aber so ein Fußballverein soll doch nicht von staatlicher Hilfe profitieren, scheiß Millionäre“ gar nicht erst beginnen. Es gibt im Kapitalismus Geschäftsmodelle, die sind deutlich unmoralischer als „Betrieb eines Fußballclubs“. Wie wäre es – polemisch – z. B. mit dem Betrieb einer Airline? Hashtag Klimawandel, Und ja, es gibt auch viele, die sind moralischer. 

Klar muss uns sein, dass 3 Millionen bei Ausgaben von ca. 50 Millionen im Jahr der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein sind. Das Thema Liquidität insbesondere wird uns wohl noch die ganze Zeit bis zum Ende der Pandemie beschäftigten. Ob und wie der Verein hier versuchen wird, Mittel bei Fans zu akquirieren, z. B. durch Vorbestellung von neuen Trikots (OH WAIT), wird sich zeigen. Aber nehmen wir dies mal als Beispiel. Würden 10.000 FCSP-Fans ein Trikot vorbestellen (Wunschflock natürlich „magischerfc.de“), dann wären dies bei einem Preis von 69,95 Euro halt knapp 700.000 Euro, die man vor dem 01.12.2020 eingenommen hat und deren Gegenwert man ggf. erst vollständig am 30.06.2021 bezahlen muss. 

Exkurs Ende & Die Fragerunde

Was wir jetzt so lange erläutert haben, fasst Carsten so zusammen: Man sei optimistisch, das zu meistern, aber die Situation könne sich jederzeit ändern und daher müsse man mit größter Vorsicht agieren. 

Die Fragerunde wollen wir nur noch grob zusammenfassen. Mehrfach wurde betont, dass man mit dem Mittel der Kurzarbeit Entlassungen verhindern wolle. Und zwar in allen Bereichen. Man könne nicht versprechen, dass man dies komplett durchhalten könne, aber man wolle das wirklich möglichst vermeiden. Zur Zeit habe man aber die Kurzarbeit wegen des Weihnachtsgeschäfts zurückgefahren. [Kurzer Exkurs zum Thema Arbeitsrecht, dass wir hier nicht ganz nachvollziehen können, in welchen Situationen eine etwaige Kündigung nötig wäre, da die maximale Bezugdauer von Kurzarbeitergeld 24 Monate beträgt und dies bis Ende 2021 von staatlicher Seite übernommen wird. Planung Stand jetzt. Also zumindest aus unserer Sicht nichts, wo der Verein in diesem Kontext JETZT akuten Handlungsbedarf hat. Und wenn wir auch 2022 noch großflächig Kurzarbeitergeld brauchen, dann haben wir hierzulande ein ganz anderes Problem. Wir haben aber auf Nachfrage verzichtet und kennen die Details der Antwort daher nicht.]

Man wolle die eigene Situation nicht mit der von anderne Vereinen vergleichen, man sei im Vergleich der zweiten Liga mit Eigenkapital komfortabel ausgestattet, aber man könne nicht abschätzen, wie es anderen Vereinen ginge, man gucke da eher auf sich. 

Pro Spieltag ohne Zuschauer*innen verliere man ca. 700.000 bis 750.000 Euro. Man habe mit 5.000 Zuschauer*innen im Schnitt geplant, dies hieße aber nicht, dass man sofort im Januar mit 5.000 Zuschauer*innen rechne. Das sei ein Durchschnitt, ab wann sich das genau lohne, sei schwierig zu sagen, weil dies auch von Faktoren wie „welchen Aufwand muss ich extra betreiben wegen Pandemie?“ abhänge. 

[Wenn wir richtig zählen, sieht der Spielplan im Jahr 2021 noch 11 Heimspiele in dieser Saison vor. Wir müssen also auf 55.000 Zuschauer*innen kommen. Wir sind jetzt mal optimistisch und sagen, dass wir das letzte Heimspiel (Hannover) vor voller Hütte spielen dürfen, weil wir bis dahin eine genügend hohe Impfquote haben. In einem dramatischen Spiel vor einem ohrenbetäubenden Millerntor machen wir den Aufstieg klar und trinken danach dem Kiez jeden Tropfen an Getränken weg und alle Kneipen sind auch innerhalb einer turbulenten Nacht wieder wirtschaftlich gesund. Nur die Arbeitgeber*innen in Hamburg wundern sich, dass am 17.05.2021 leider die Produktivität sehr leidet. Leider auch, weil ein unbedeutender Verein im Volkspark wieder mal den Aufstieg knapp verpasst. Brauchen wir also in den anderen 10 Heimspielen noch 26.000 Zuschauer*innen. Das sollte machbar sein, oder?]

Mit der Mannschaft befinde man sich im ständigen Austausch, was so Themen wie Gehaltsverzicht angeht. Auch bei den Neuverträgen. Details wolle man da aber nicht kommunzieren, weil man daraus auch kein Wettbewerb machen wolle. Jeder tue was er kann. Es gäbe jedoch keine Sonderbehandlung des Profietats. Man wolle seine Wettbewerbsfähigkeit aber erhalten. 

Im Amateurbereich habe es keine nennenswerten Austritte gegeben, obwohl man Sportangebote nicht nutzen könnte. Vielmehr habe es in der Zeit des ersten Lockdowns netto 233 neue Eintritte gegeben. Man sei nun über 31.000 Mitglieder. [Der Senior möchte noch mal an dieser Stelle die AFM-Abteilungsleitung grüßen, die ihn ca. 2008 mal mit großen Augen angeguckt hat, als er sagte, dass das Ziel sein müsse mehr Mitglieder zu haben, als Plätze im Stadion. We did it!]. Man sehe keinen Grund für Einschnitte im Amateurbereich oder für eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge. [Hierbei ist wichtig zu wissen, dass da die Abteilungen eine Hoheit haben und teilweise selber über ihre Beitragshöhe entscheiden können!]

Mit den Sponsoren sei man im intensiven Dialog, Congstar habe selbst in schwierigen Zeiten verlängert, man sei da sehr dankbar. 
Die Genossenschaft sei immer noch angedacht, aber eher etwas langfristig Strategisches, als etwas was nun eingesetzt werden sollte. Das müsse die passenden Komponenten haben. [Die FCSPMolotow Baugenossenschaft, Zweck Vermietung von Büroräumen an den FCSP und Clubflächen an das Molotow ist also in Gründung. Geil, lieber FCSP!]

Besondere Vertreter*innen: Man müsse sich das nicht als zwingende finanzielle Mehrbelastung vorstellen, da diese nicht zwingend von Außen und zusätzlich geholt werden sollten. Zwar könne es Gehaltsanpassungen dann geben, aber man denke, dass sich da insbesondere auch Leute von innen drauf bewerben könnten. Es sei zur Entlastung des Ehrenamtes aber sehr wichtig.

Zum Abschluss wurde dann noch kommuniziert, dass nach dem Auslaufen des Ausstattervertrages die Ausstattung ab sofort in Eigenregie hergestellt werden soll. Wir widmen dem noch mal bei gegebener Zeit einen eigenen Blogbeitrag, das dauert aber noch etwas. Im Gegensatz zur unsäglich hofierten Springerpresse haben wir keine exklusiven Vorabinfos erhalten.

Fazit? 

Eigentlich schon oben gezogen. Eine gute Veranstaltung. Carsten machte insgesamt auch einen guten Eindruck, auch wenn wir persönlich uns mehr Zahlen, mehr Butter bei die Fische wünschen würden, wir aber auch wissen, dass dies ggf. sehr viele Teilnehmer*innen überfordern würde. Die Fragen noch besser in Blöcken zusammenfassen wäre auch noch ein Punkt, der so eine Veranstaltung noch schneller und zielführender machen würde. Aber wir denken, dass so etwas mit der Übung kommt.

Und das Krönchen wäre dann die Überlegung, wie man auch in so einem digitalen Rahmen auf einen wirklichen Dialog setzen kann. Ja, das ist schwierig bei 250+ Teilnehmenden, aber macht eben Partizipation und Mitgliedschaft auch aus. 

Nov 102020
 

Guten Abend, Tag oder wann immer ihr das lest. Als wir dies schrieben, sind wir im soliden Drei-Weißbier-Territorium, also genau die richtige Zeit, um mal ernsthaft über die Ticket-E-Mail des FCSP vom 06.11.2020 und die Ticketvergabe überhaupt zu sprechen. 

Schreiben die einem doch ernsthaft Folgendes (aus obiger Mail): 
„Sollten Zuschauer*innen zugelassen sein, so zeigt uns die überwiegend positive Erfahrung zu den ersten beiden Heimspielen, dass
• die Registrierung für Tageskarten über eine Umfrage,
• eine Verlosung der Tickets unter allen Bewerber*innen und
• die anschließende Buchung über den Ticket Onlineshop
ein geeigneten und verlässlichen Prozess für den Fan darstellt. Selbstverständlich diskutieren wir verschiedene Szenarien und prüfen weiterhin die Vergabe der Tickets. Aktuell erscheint uns das gewählte Verfahren als geeignete Lösung, um kurzfristig und flexibel handeln und die wenigen Tickets gerecht verteilen zu können“

Vor über einem Monat erklärte man öffentlich noch dies hier:

„Nach dem Spiel gegen Heidenheim werden wir sofort in die Analyse gehen. Dabei werden wir auch darauf schauen, wie wir das Losverfahren weiterhin möglichst gerecht gestalten können.“

Mal ganz ehrlich: Die Analyse hat gezeigt, dass der reine Zufall ausschließlich unter Dauerkarten Inhaber*innen (und Süd Jahreskarten Inhaber*innen) gerecht ist? Und zufällig ist dies das Verfahren, was wir schon die ersten beiden Spiele mit Zuschauer*innen gefahren haben? 
„Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur mich“, sagt der Tod der Scheibenwelt so schön. (Wer noch nie Terry Pratchett gelesen hat: Tut es!) 
Für FCSP-Fans sind diese Sätze etwas zu modifieren: „Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur unsere unkreativsten Ideen.“

Kreative Ideen?

Ja, die Ausgangslage ist scheiße. Wir haben Pandemie. Wir dürfen oder wollen nicht alle ins Stadion. Wir dürfen nicht tonnenweise THC und hektoliterweise Bier für eine Kurve außer Kontrolle. Bei uns allen staut sich alles auf. Wir vermissen unsere Freund*innen, unsere Knuffelkontakte beim Tor und den Ärger beim Gegentor. Und wenn mal ein paar Karten auf den Markt kommen, saugen wir diese auf, um wenigstens eine homöopathische Dosis unserer Droge zu erhalten. Oder auch nicht, was natürlich auch eine vollkommen okaye Entscheidung ist. Heute wollen wir einen Blick darauf wenden, wie mit dem zu verwaltenden Mangel umgegangen wird.

Es ist Kommunikation und Kreativität gefragt und beides vermissen wir sehr! Es bleiben einfach zu viele Fragen offen, die zumindest öffentlich nicht beantwortet werden. Hinter vorgehaltener Hand ist gerne mal „es sind alle in Kurzarbeit“ als Grund für fehlenden Kund*innenservice genannt. Und ja, wir Fans lassen uns sehr ungern als Kund*innen bezeichnen, aber lieber Verein: Don’t take us for granted! Und wenn ihr meint, hier Geld per Kurzarbeit anstatt beim dritten Stürmer zu sparen, dann ist dies eine bewusste Entscheidung. Und wenn Folge dieser Entscheidung ist, dass ihr es bisher nicht geschafft habt, Saisonpaketinhaber*innen, Auswärtsdauerkarteninhaber*innen etc. pp auch nur warme Worte zu schicken, UND ihr plant, diese auf absehbare Pandemiezeiten vom Stadionbesuch auszuschließen, dann wundert euch nicht, dass diese Menschen irgendwann nur noch die Die-Hard-Antwort für euch haben:
„You can have two words, fuck and you.“

Und ist es wirklich kreativ, einfach jedes Mal neu zu losen? Menschen haben drei Mal Losglück, kommen drei Spiele in Folge rein. Menschen haben drei Mal Lospech und sehen kein Spiel? Das kann man verhindern, wenn man sich mal drüber Gedanken macht. Und ja klar ist es problematisch, dass die Spiele verschieden attraktiv sind. Aber auch das kann man lösen. 

Wir müssen damit rechnen, dass dieser Scheiß noch bis 2022 dauert. Meint ihr, dass diese Menschen dann wieder diese sauteuren Saisonpakete und Einzelkarten kaufen, nachdem ihr sie gut 36 Monate mit dem Arsch nicht angeguckt habt? Ja auch das ist fucking Kund*innenservice! Leute entdecken halt auch, dass man Sonntage anders als mit Fußball verbringen kann. Wir haben beim Spiel gegen Karlsruhe jedenfalls schon häufig gehört, dass Menschen im Wald waren und vom Spiel nichts mitbekommen haben. Etwas, woran natürlich nicht der FCSP alleine Schuld ist. Aber etwas, womit der FCSP Probleme bekommt, wenn die Pandemie vorbei ist und die Leute sonntags immer noch lieber in den Wald gehen wollen. Statt sich blutleere 0:3-Heimniederlagen reinzuziehen. Ganz zu schweigen von Menschen, die seit Jahrzehnten zu diesem Verein kommen und die das Derby verpasst haben, weil andere Dinge wichtiger waren. 

Wir verheimlichen nicht, dass es uns weh tut, dass eine von uns, die die letzten Jahre nie unter 30 Spiele im Stadion war, nun nicht mal diese warmen Worte bekommt, weil sie eben wegen Lebensalter und vorherigem Wohnort keine Dauerkarte hat. Was kriegt sie stattdessen? Komische Treueerklärungen.

Wer eine Ticketverteilung ausschliesslich an Dauerkarteninhaber*innen für „gerecht“ hält, der muss erheblich an seinem Gerechtigkeitsgefühl schrauben. Auch gerade weil uns genügend Dauerkarteninhaber*innen bekannt sind, die in den letzten Jahren vielleicht bei fünf Heim- und einem Auswärtsspiel im Volkspark anwesend waren. Dürfen wir mal fragen, wer rein mehr Geld (!) in den FCSP gespült hat? Diese Menschen? Oder der Saisonpaket- und Auswärtsdauerkartenmensch? 

Und das ist euch weder ein paar warme Worte noch eine Möglichkeit, diese Menschen zukünftig an Kartenverlosungen teilnehmen zu lassen wert? Wir wiederholen das Die-Hard-Zitat jetzt nicht noch mal.

Öffentlich wird auch nichts dazu gesagt, ob und wie mit Menschen umgegangen wird, die sich schonmal erfolgreich beworben haben. Wir haben einen Mangel. Und dann soll jede*r mal. Sorry. Außer Veteranen-Bernd hat hier niemand ein Argument, mehr als ein Spiel zu sehen. Lieber Verein, dass ihr einen Menschen, der 38 Jahre kein Heimspiel verpasst hat, bis Corona kommt, nicht einmal auf dem Schirm habt, sagt schon SEHR viel aus. 

Das merkt ja selbst Kaiserslautern.

Wertschätzung ist ein so großes Wort. Dies alles ist keine.

Nov 022020
 

Von der Spendenaktion habt ihr ja alle sicher schon mitbekommen. Inzwischen ist das Geld auf unserem Konto gelandet. Und wurde natürlich direkt weiter an die 4 Empfänger*innen überwiesen.

Nachdem sich noch eine weitere Person beteiligt hatte, sind wir bei der tollen Summe von 8800€ gelandet, sprich 2200€ pro Projekt, die wir soeben überwiesen haben. Einzelne Überweisungsnachweise findet ihr am Ende dieses Beitrags.

Zusätzlich haben wir die 4 empfangenden Projekte gerade über die Aktion per Mail informiert und postwendend kam die erste Reaktion, die wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen:

„Wow! Das ist große klasse und freut mich wirklich sehr!! Tausend Dank an Euch, an Eure Fans, an die, die es werden wollen und natürlich an die, die es nie werden und Eure Aktion trotzdem unterstützen. Paßt gut auf Euch auf & bleibt zuversichtlich.“

Falls es noch weitere Reaktionen gibt, teilen wir diese natürlich ebenso.

Und falls ihr auch in Zukunft unterstützen wollt, freuen sich Alimaus, GoBanyo, Sea-Watch, ragazza und viele andere tolle und wichtige Projekt über eure Unterstützung.

Vielen, vielen Dank für eure Solidarität. Als wir diese Aktion starteten, haben nicht mal geahnt, wie viel dabei rumkommt. Bleibt solidarisch.

Okt 312020
 

Diese Woche ist auf schwatzgelb.de ein sehr lesenswerter Text über „die unterschätzte Gefahr“ erschienen. Dieser Post stellt so eine Art Antithese dazu dar, und widerspricht dem Text trotzdem nicht. 

„Es ist noch kaum absehbar, was für langfristige Folgen die lange Zeit der Unterbrechung und der dann folgenden Geisterspiele für die Clubs noch haben wird. Wenn man mit regelmäßigen Stadiongängern spricht, kann man den Eindruck bekommen, dass die Begeisterung für den Fußball und ihren Verein an der Basis erodiert. Sie haben nämlich gemerkt, dass man den Samstag auch gut anders verbringen kann. Bei vielen Fans steht im Laufe der Zeit das Gemeinschaftsgefühl höher im Kurs als das eigentliche Geschehen auf dem Rasen. Der Spieltag als „Jour fixe“ zum Treffen mit dem Freundeskreis. Und viele haben festgestellt, bzw. feststellen müssen, dass man dieses soziale Leben auch ohne den Stadionbesuch organisieren kann.“

schwatzgelb.de | Die unterschätzte Gefahr

Und dieses Gefühl kennen wir alle. Lebensplanung rund um Spieltage und Auswärtsfahrten? Ein Relikt anderer Zeiten. Fußball als sozialer Ankerpunkt? Auch, aber viel weniger als zuvor. Müdigkeit und ganz viel Zynismus, wenn Offizielle in der schwersten Krise seit Jahrzehnten den Fußball über alles andere stellen? Absolut. Stadtderbys, die in ihrer lebensdominierenden Wucht plötzlich „nur noch ein Spiel“ (und vielleicht ein bisschen mehr) sind? Auch das.

Eine fixe Idee

Und dann ist da dieses Derby und wir haben zwei Abende vorher eine fixe Idee:

Ich würde gerne noch mal ne Spendenaktion über den MFC machen, so nach dem Motto „das Bier, das wir heute versoffen hätten, spenden“. Gibt’s da irgendeinen guten Empfänger, der euch einfällt?“
„Frag mal N., die kennt sich da super aus.“

Nachricht an N. geschickt, kurze Absprache im Kollektiv, dass wir die Aktion so durchziehen, Moneypool eingerichtet (und dabei noch überlegt, ob das Ziel 1910 Euro wohl vermessen wäre, und es dann lieber rausgelassen), Blogpost vorbereitet, Freitagmorgen (am Derby-Tag) live gegangen. 

Und jetzt, 31 Stunden nachdem das ganze online gegangen ist, sitzen wir hier fassungslos darüber, wie unfassbar viele coole Leute sich im Fußballumfeld bewegen. Wie viele Leute es gibt, die gerne gemeinsam gute Projekte unterstützen wollen. Und wie viel Hoffnung uns das in diesen grauen und schweren Zeiten macht. 

6.864,10 Euro in 283 Beiträgen. (Stand 14:16 Uhr)
Das ist doch vollkommen verrückt. Und verdammt viel Geld für jedes dieser Projekte. Danke, danke, danke. 🤍🤎

Ja, es ist für ganz viele gerade verdammt schwer. Ängste um die Gesundheit der Liebsten, wirtschaftliche Not, existentielle Sorgen, Einsamkeit. Leute, die Corona immer noch leugnen, politische Machtspielchen, die Leben kosten. Ärzt*innen und Pfleger*innen am Rande der Kraft. 

Aber wisst ihr, wie wir da alle gemeinsam durchkommen? Genau so, wie wir es in dieser Aktion gezeigt haben. Indem wir an andere denken und die mit unseren Mitteln unterstützen. Sei es nun, indem wir Geld an soziale Projekte spenden, für unsere Nachbar*innen einkaufen gehen, Freund*innen mal für zwei Stunden die Kinder abnehmen oder uns regelmäßig bei unseren Leuten melden. Fragen, wie es ihnen geht. Indem wir aufeinander aufpassen und indem wir einander zuhören. Dann schaffen wir das alle gemeinsam. 

Wie viel unglaublich tolle Kraft steckt bloß in diesem Fußball als Begegnungsort. Als Ort der Solidarität. Und wie traurig ist das für all die, die das nur als wirtschaftliche Gelddruckmaschine sehen. Wie viel verpasst ihr, indem ihr die wahre Bedeutung nicht (er-)kennt? 

Es steckt so viel positive Energie in dieser Gemeinschaft, das haben wir alle gerade wieder erleben dürfen. Und dafür werden wir weiterkämpfen. Unseren Fußball nicht denen zu überlassen, die das ganze bloße mit nüchterner Wirtschaftsbrille betrachten.

Solidarität ist unsere Waffe. Bleibt solidarisch. 

Okt 302020
 

Liebe Leute,

nun ist er da, dieser Derbytag. Und wir fühlen immer noch verdammt wenig, gerade dafür, dass es nun wirklich Derbytag ist. 

Auswärtsderbys sind normalerweise nichts, was uns in absolute Begeisterungsstürme ausbrechen lässt. Und ein Faktor ist dabei auch, wie viel Geld das da alles kostet. Für alle, die es verdrängt haben: 17 Euro für ‘nen Steher, 40 Euro für den günstiger Sitzer, 59 Euro für den teuren Sitzer. Getränkepreise auch jenseits von Gut und Böse. Verdammt viel Kohle. Und unter diesen Corona-Bedingungen nun eben auch Kohle, die wir alle nicht für die Fahrt in die Schüssel ausgeben müssen. 

Geld, das einige von Euch jetzt deshalb übrighaben. Natürlich bei weitem nicht alle, weil auch viele von Euch durch den erneuten Shutdown (oder nennt es “Kontaktbeschränkungen”, uns ist da Wortklauberei nicht so wichtig) schwer betroffen sind – und weshalb ihr bitte selbst entscheidet, ob ihr euch von den nächsten Zeilen angesprochen fühlt:

Das ist Geld, das andere soziale Projekte jetzt gerade ganz dringend nötig haben. Wir würden deswegen gerne die PayPal-Moneypool-Aktion aus dem Frühjahr wiederholen und gemeinsam mit Euch euer und unser Ticketgeld spenden. Das Ganze läuft folgendermaßen ab: Wir eröffnen einen PayPal-Moneypool, der bis Samstag, 31.10. 19:10 Uhr geöffnet ist und in den ihr einen Teil oder all das Geld (oder auch noch viel mehr), das ihr normalerweise für ein Ticket ausgeben würdet, einzahlen könnt. 

Wir teilen die Summe gleichermaßen unter sozialen Projekten im Viertel auf, die gerade dringend Unterstützung gebrauchen können. Und vergessen auch #leavenoonebehind und Moria nicht.

  • ragazza als Kontakt- und Anlaufstelle für drogenkonsumierende und/ oder der Sexarbeit nachgehende Frauen
  • GoBanyo bietet Duschmöglichkeiten für obdachlose Menschen
  • Alimaus als Tagesstätte für Obdachlose und bedürftige Menschen
  • Seebrücke, weil Migration ein Menschenrecht und Seenotrettung Pflicht ist

Ausgewählt wurden diese Empfänger*innen nach Rücksprache mit Leuten, die sich in dem Bereich gut auskennen. Wenn ihr andere Projekte kennt und habt, denen ihr Euren Ticketpreis spenden möchtet, dann ist das natürlich genauso cool!
(Wie in der Vergangenheit wird dieses Geld 1:1 weiter überwiesen, Nachweise teilen wir natürlich auch.)

Und dann noch ein Bier

Derby heißt natürlich auch, dass wir in ner Kneipe entweder bis 5 Uhr morgens den Derbysieg feiern oder wahlweise unser Leid dort ertränken. Für die Kneipe ist das jedenfalls einer der wichtigsten Umsatztage des Jahres, der nun wegfällt. Nach vielen Monaten, die schon verdammt hart waren.

Deswegen überlegt euch doch auch gerne, ob ihr der Kneipe noch etwas Kleingeld da lassen könnt, falls sie am Wochenende noch geöffnet hat. Die freuen sich sicher über Trinkgeld – ob mir oder ohne Konsum einiger Kaltgetränke. Und viele Kneipen sammeln ja auch auf diversen Plattformen schon wieder und freuen sich über unsere Unterstützung.

Forza FC St. Pauli. Hamburg bleibt braun-weiß! St. Pauli bleibt solidarisch.

Das Ergebnis

01.11.2020: Unglaubliche 8734,94€ sind zusammengekommen. Wir runden noch mal auf 8740€ auf. Macht also 2185€ pro Projekt. Geld wird jetzt von Paypal überwiesen, wir überweisen es dann sofort weiter, sobald es bei uns auf dem Konto ist. Und legen natürlich auch die entsprechenden Belege vor.

Sep 252020
 

Jeden Morgen fahre ich am Stadion vorbei. Jeden Morgen schaue ich sehnsüchtig darauf. Mein Blick verweilt so lange bis der Bunker mir die Sicht versperrt. Heute Morgen bin ich traurig. Die Sehnsucht ist der Enttäuschung gewichen.

Ja, durch Corona ist vieles anders, vieles komplizierter und Dinge die vorher selbstverständlich waren gehen so jetzt nicht mehr. Halte ich die Lösung für Sonntag für okay? Ja. War mir bewusst , dass es ohne DK kaum möglich sein wird, in näherer Zukunft ins Stadion zu kommen? Auch ja. Rational kann ich das einordnen. Emotional null.

Dieser Verein und seine Fanszene ist für sehr viel in meinem Leben mitverantwortlich. Ohne würde ich sehr viele gute Menschen nicht kennen. Hier wurde ich für Themen und Probleme sozialisiert. Der Verein ist mit Schuld daran, dass ich nach Hamburg gezogen bin. “Da kann ich nicht, da bin ich in Bochum”, “Ne da bin ich im Hamburg”, “Da ist Pokal” waren Sätze die Nicht-Fußballmenschen öfter zu hören bekamen als dass ich einem Treffen zusagte. Er war Ankerpunkt für so vieles. Die Bücher, die ich lese. Die Musik, die ich höre. Ja sogar den Alkohol, den ich trinke (Aperol Spritz, Rotkäppchensekt Halbtrocken).

Die Spiele, die ich die letzten Jahre nicht live im Stadion gesehen habe, lassen sich schnell aufzählen. Um die 30.000 km mit dem Zug, dem Bus, dem 9er, der U-Bahn. Jede Saison. Als die DK-Warteliste das letzte Mal offen war, habe ich mich eingetragen. Seitdem rücken ich jedes Jahr ein kleines bisschen vorwärts. Aber sehr, sehr langsam. Also kämpfe ich (oder Freund*innen <3) jedes Jahr mit Eventim und anderen Fans um ein Saisonpaket. Der Dank? Bernd von Geldern sagt im Interview “dass die treuesten der treusten Fans die mit Dauerkarte seien”. Ja ich weiß, dass man irgendwie sortieren muss, wer jetzt ins Stadion kann und wer nicht. Sollen die Leute mit DK zuerst. Sehe ich alles ein. Aber mir die Treue zu diesem Verein abzuschreiben, bloß weil ich immer noch auf der Warteliste stehe. Nein, wirklich nicht. Zumal die Möglichkeit, an eine DK zu kommen, in den letzten Jahren faktisch nicht existierte. Das Fass mit “Wie viele der DK Inhaber*innen haben sich die Grottenkicks in Heidenheim und Aue angeschaut“ und sich in Dresden beinahe vom Rastplatz bügeln lassen“, mache ich jetzt nicht auf. Und darum geht es auch nicht. Ich bin traurig, müde und enttäuscht. Bernds Aussage hat mich getroffen.

Allen, die am Sonntag ins Stadion dürfen, wünsche ich viel Spaß. Ich freue mich für euch. Genießt es.

Sep 202020
 

Gefühlsaufnahmen vom Reeperbahn Festival 2020

Sonnabendnacht, wir befinden uns auf dem Heiligengeistfeld, Sicht aufs Millerntor, Bier in der Hand und Talco spielen live. Ist das nicht wundervoll?

Jein.

Alle sitzen, sogar die Band. Nur die zahlreichen Sicherheitsleute stehen mit bedeckten Gesichtern am Rande. Wir sitzen in Zweiergruppen mit meterlangem Abstand zu anderen Konzertbesuchenden, bloß kein Aufstehen ohne Zweck (Toilette & Getränkestand sind erlaubt), Tanzen geht schon mal gar nicht. Auch wenn wir uns im Freien befinden, gilt die “Wegeregel”, also immer schön Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn man nicht am Platz ist. Bei Verstößen sind die Sicherheitsleute sofort zur Stelle. Das fühlt sich ganz schön seltsam an.

Wie ein Festival 2020 stattfinden kann

Kurzer Rückblick: Vor ein paar Wochen wurde klar, dass das Reeperbahn Festival 2020 tatsächlich stattfinden wird – mit massiven Auflagen. Eine Art Testballon für die gebeutelte Musikindustrie, inwieweit Livemusik im größeren Stil pandemiegerecht möglich ist. Kurz durchs Line-up geguckt – oh, cool, Talco? Reicht schon als Grund. Machen wir. Knapp 70 Euro für ein Tagesticket? Heidewitzka! Andererseits: Was haben wir schon groß an Ausgaben für Konzertkarten in diesem Jahr? Der Mut, ein Festival in diesen Zeiten auf die Beine zu stellen, muss irgendwie honoriert werden. Und dass eine solche Veranstaltung in diesem Jahr etwas mehr Aufwand bedeutet als nur ein paar Bühnen, Bands und Buden, ist auch klar. Nicht, dass das sonst alles einfach wäre!

Und so wollen wir dem Ganzen eine Chance geben. Auch wenn natürlich alles anders werden wird.

Willkommen in Pandemistan

Nächster Zeitsprung: Als wir spätabends wieder zu Hause sind, lösche ich mehr als ein Dutzend Fotos von verschiedensten QR-Codes vom Handy. Was hat es damit auf sich?
Vielleicht kennt ihr das von Restaurantbesuchen – statt mühsam die persönlichen Daten auf einen Zettel zu schreiben, bieten einige Betreibende eine digitale Lösung an. QR-Code scannen und Daten in eine Online-Anwendung eingeben, zack, ist das Ganze doch etwas bequemer und womöglich sogar datensicherer. Da sind wir aber ehrlich gesagt in diesen Zeiten sowieso etwas schmerzbefreit.

Jedenfalls gibt’s beim Reeperbahn Festival ebenfalls die Notwendigkeit, sich ein- und auch wieder auszuchecken. Nicht nur für die gesamte Veranstaltung, sondern für jede einzelne Location. Kein unüberwindbares Problem, aber schon ein bisschen bizarr und es nimmt ein gutes Stück der Leichtigkeit, die so ein Festivalbesuch eigentlich begleitet. Kein Wunder, dass mobile Handy-Ladestationen herumlaufen, weil das Prozedere doch gut auf den Akku geht. Ohne Smartphone hat man sicherlich noch deutlich größeres Generve.

Viel stärker ins Gewicht als der Check-in-Aufwand fällt allerdings, dass die einzelnen Spielorte – wenig überraschend – massiv die Anzahl der Gäste beschränkt haben. Und so stehen wir mehrfach vor verschlossenen Türen, weil der Laden schon voll ist. Hier läuft zwar wenig, was für uns zwingend wäre, aber gerade dieses “Sich treiben lassen und mal Sachen angucken, von denen man kaum was zuvor gehört hat” macht sonst den großen Reiz dieses Events aus. Spontaneität ist dieses Jahr nicht angesagt. Immerhin: Zu keinem Zeitpunkt sehen wir uns irgendwelchem Gedränge ausgesetzt, sodass wir uns rundum sicher fühlen können.

Dann gibt es im ganzen Regelpaket auch noch so ein paar Dinge, die schwer nachvollziehbar sind. Im Festival Village wird nur alkfrei ausgeschenkt, vor den Bühnen aber Vollbier. An ausladende Biertische vorm Knust dürfen sich trotz viel Platz lediglich zwei zusammengehörige Personen setzen, anderswo im Festivalbereich kannst du dich zusammenkuscheln, wie du willst, es stört niemanden. Freie Platzwahl vor der Hauptbühne gibt es auch nicht, wir werden schön hinter eine sichtbehindernde Säule gesetzt.

Ein Zeichen

Uff. Während wir zwischen penetranter Pausenmusik umfangreich dystopisch klingende Durchsagen erklingen (Abstand, Mund-Nasen-Schutz, nicht aufstehen, bevor man dazu aufgefordert wird, viel Spaß auf dem Reeperbahn Festival, diesdas), ist Zeit für ein Zwischenfazit. Macht das so eigentlich Freude? Besser als gar nichts, kann man vielleicht sagen. Groß ins Gespräch mit anderen Gästen kommt man nicht, deswegen bleibt das eher eine Einzelbeobachtung, auch wenn der NDR-Blog zu einer ähnlichen Einschätzung kommt. Irgendwas muss man ja machen, irgendwie muss man zeigen, dass es weitergeht. Und gerade für die Künstler*innen, die keine Lust mehr haben, bestenfalls von der Hand in den Mund zu leben, und endlich wieder ihrem Job nachgehen wollen, ist es sicherlich verdammt wichtig, wenigstens ein Zeichen zu setzen.

Viel mehr als ein Zeichen kann das Reeperbahn Festival 2020 aber kaum sein. Solange es Besorgnis erregende Infektionszahlen und keinen Impfstoff gibt, funktioniert so was doch fast nur draußen oder allenfalls drinnen mit sehr geringen Besucher*innenzahlen. Schwer vorstellbar, dass sich eine ganze (freifinanzierte) Branche auf diese Weise durch den Winter retten kann. Und doch, das Signal ist wichtig – schließlich sind wir alle auch ausgehungert nach Livemusik. Selbst wenn es sich so seltsam anfühlt wie hier. Natürlich sind die Auflagen gewaltig, nicht nur vom Gesetzgeber, vermutlich auch selbst auferlegt. Die gesamte Musikindustrie schaut mit Argusaugen auf dieses Event, da können sich die Veranstaltenden keinen Fehler, keine Infektion, keinen Skandal erlauben. Bei allem Genörgel über Maßnahmen, die der eigenen Gelassenheit im Weg stehen: Was muss, das muss. Jede*r Einzelne sollte Verständnis dafür haben. Auch wenn es da draußen so viele Hallodris gibt, die im privaten, unregulierten Rahmen einander auf die Pelle rücken und auf jegliche Verhaltensregel in Pandemiezeiten scheißen. Hier gelten andere Maßstäbe.

Stimmung ist, was du draus machst

Nun also Talco, das Highlight des Tages. Wie wohl Ska-Punk im Sitzen funktioniert? Deutlich besser als gedacht! Die Band aus Venedig hat nämlich die Zeichen der Zeit erkannt und auf ein Akustik-Set umgesattelt. Talco sitzen selbst weit auseinander, wie ein Akt der Solidarität in diesen beknackten Zeiten. Klar, die Musik reißt nicht annähernd so mit wie mit Strom verstärkt in einem schwitzigen Club. Aber das ist eben kein Wunschkonzert. Putzig zu sehen jedenfalls, wie viele andere Besucher*innen sich mit Mühe auf ihrem Klappstuhl halten und sämtliche Körperteile so gut es geht im schnellen Offbeat durch die Gegend schütteln. Die Stimmung ist dann doch so ausgelassen, wie sie es in diesen Zeiten eben sein kann. Die Leute haben schon Bock, auf und vor der Bühne. In den Gesichtern der Musiker strahlt die Freude, wieder vor Menschen spielen zu dürfen, fast heller als die Scheinwerfer. Es mag etwas überraschen, dass Talco in Sichtweite des Stadions den Song “St. Pauli” nicht mal ankündigen oder weiter ausreizen; auch “Bella Ciao“ bekommt keine Ansage oder Aufforderung zum Mitmachen. Wir vermuten mal, dass die Bands angehalten sind, die Stimmung nicht überkochen und Besucher*innen unvernünftig werden zu lassen.

Nach etwas mehr als einer Stunde sind Talco durch und wir auch. Als sich dann doch das Publikum zum abschließenden Applaus erhebt und die Band von der Bühne ein Selfie macht, während Johnny Cash “The Man Comes Around” aus den Boxen singt, scheint die Welt einen Augenblick lang fast normal. Dann aber wieder Maske auf, auf die Anweisung zum Verlassen des Geländes warten, per Handy auschecken und ab nach Hause.

Hat das Spaß gemacht? Ja, “aber“. Schreit das nach Wiederholung? Es scheint schwer vorstellbar, dass es zu einem vergleichbaren Event in naher Zukunft kommt. Betriebswirtschaftlich rechnet sich das einfach nicht. Beim RBF fließen jedes Jahr reichlich Subventionen, unabhängige Veranstaltungen können da nicht mithalten. Und so bleibt vom Reeperbahn Festival 2020, dass Livemusik nicht tot ist und auch wieder kommen wird, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin müssen wir uns wohl noch eine ganze Weile gedulden.

PS: Wir wissen nicht, wie lange, aber den Auftritt könnt ihr euch beim NDR noch in Gänze ansehen.

Sep 012020
 

Der FCSP ist seit einigen Tagen im Trainingslager, es gibt Fotos von Sporteinheiten, ein bisschen Quizquatsch, ein paar ernstere politische Themen in dem Video mit Jackson und Ziereis – in dem wir gerne noch stärker den Fokus auf den deutschen Kontext gelenkt gesehen hätten, aber das ist ein anderes Thema, ein paar Testspiele. Alles wie immer und ganz normal. Und Normalität in einem gewissen Maße ist in diesen Corona-Zeiten für eine gute Vorbereitung wahrscheinlich dann auch wirklich nicht zu unterschätzen. Gut leider dieses Mal ohne Mats-Videos, aber daran haben wir uns ja auch schon fast gewöhnt (😭).

Eine Sache gehört dann aber auch jedes Mal zu dieser Normalität und wir fragen uns wirklich seit langem, ob das eigentlich wirklich immer noch sein muss und ob es da nicht viel coolere Wege gäbe, die neuen im Team willkommen zu heißen. Ja, die Rede ist von den Videos des Vorsingens der neuen.

Neue willkommen heißen

Auch wir haben Sport in Vereinen gemacht, neue Jobs angefangen, Jobs gewechselt – alles verschiedenste Situationen in denen wir jeweils wenige bis niemandem aus dem neuen Umfeld kannten. Situationen, in denen es wichtig war, dass wir gut von den “alten” willkommen gehießen worden und in denen wir umso schneller ankamen, desto besser dies ablief. 
Es gibt in der (Sport-)Psychologie mehr als genug Belege dafür, dass Menschen, die sich in ihrem Umfeld wohlfühlen, die sich von ihren Mitmenschen gewollt fühlen und die sich als vollwertiger Teil einer Gruppe fühlen, bessere Leistung bringen. Und das ist ja im Fußballkontext nun wirklich nicht ganz unwichtig. Insofern ist es gut und wichtig, dass man sich auf als Profifußballverein überlegt, ob und wie man die neuen Spieler im Kreis der Mannschaft willkommen heißen kann. 
Speziell im FCSP-Kontext gab es in der Vergangenheit dann auch immer noch die bekannten Stadtteilspaziergänge, in denen den neuen das Viertel und der Verein für den sie jetzt spiele, nähergebracht wurde. Geht aus nachvollziehbaren Gründen gerade natürlich nicht in der gewohnten Form, aber auch hier hoffen wir einfach mal, dass da bereits über andere Wege nachgedacht wurde, diesen nicht ganz unwichtigen Punkt ebenfalls rüberzubringen. Das hier ist eben mehr als Fußball. (Grüße an die Grandprixvorentscheidzweiten)

Aber muss das wirklich in dieser Form sein

In diesem Kollektiv gibt es Menschen, die verschieden stark musikalische Talente haben. Von “wenn du nie wieder in der Öffentlichkeit singst, kriegst du jetzt ne 1” beim Vorsingen vor der ganzen Klasse bis zum Spielen in der eigenen Band. 
Ähnlich breit ist auch das Spektrum der musikalisch-gesanglichen Fähigkeiten der FCSP-Spieler. Einigen sieht man an, dass sie es gut und gerne machen, bei anderen kann man das Unwohlsein (dieses Jahr aber auch in vorherigen) allein beim Betrachten der Videos mitfühlen.
Aufnahmerituale sind gut und wichtig, es ist wichtig, tragfähige Beziehungen herzustellen und zu erreichen, dass die neuen sich wohlfühlen. 
Aufnahmerituale sind aber auch häufig sehr dadurch geprägt, dass man sich in einer gewissen Art und Weise vor anderen bloßstellen muss oder etwas doofes machen muss, was die anderen vor einem auch schon machen mussten. Besonders exemplarisch hier natürlich die Aufnahmerituale von Burschenschaften, in denen es meistens darum geht, so viel Alkohol in kurzer Zeit zu trinken, dass man dann eben einfach kotzen muss. Alternativ einfach die Wange hinzuhalten, während andere dir mit irgendwelchen Waffen vorm Gesicht rumwedeln. Also natürlich nicht offiziell, aber einen großen Anteil daran, dass das immer noch gemacht wird, hat’s dann eben doch.
Ähnliches auch bei Erstitagen an Unis. Ihr habt doch sicher auch schon von diesen Kleiderketten gehört, die Erstis an Marktplätzen gebildet haben? Wir haben jedenfalls direkt Bilder von komplett unbekleideten Student*innen vor Augen. Vielleicht fanden sie das ja auch wirklich cool, wir stellen aber mal die Hypothese auf, dass der vorherige Alkoholkonsum und die Gruppendynamik da auf jeden Fall auch eine ordentliche Rolle gespielt haben. Und wenn man dann die Erstitage im nächsten Jahr betreut, macht man mit dem Ritual wieder weiter, weil man musste da ja auch durch und hat es ja auch geschafft.
Und dann sind wir noch nicht mal bei der Marine angekommen, in der insbesondere rund um den Todesfall der Kadettin auf der Gorch Fock auch diverse unschöne Geschichten rund um die Aufnahmerituale ans Licht kamen.

Und an beiden Beispielen sieht man schön, was das Problem:
Eine bereits existierende Gruppe (“In-Group”) stellt Bedingungen auf, die die neuen erfüllen müssen, um dazuzugehören. Das ist Konservatismus in Reinform. 
Sicher, die neuen müssen bei diesem Vorsingen zum allergrößten Teil in gewisser Art und Weise aus sich raus, sich öffnen. Auch das ist insgesamt ein wichtiger Aspekt, um Vertrauen aufzubauen und so Mitglied einer Gruppe zu werden. Aber wird da fragwürdig, wo das nur einen Teil der Gruppe und eben nicht alle trifft. Robin ist Dienstältester, bei dem hat keine*r mehr mitbekommen, wie er live vor Ort gesungen hat. 

Und überhaupt ist das für einen modernen Profifußballclub, der Dinge hinterfragen will, “unestablished since 1910” sein will, wirklich angemessen noch in dieser Form zu agieren? Würden die Spieler das wirklich alle freiwillig machen, wenn sie sich in der Gruppendynamik nicht gezwungen fühlten? Ist es gut, etwas auszuwählen, was einige wirklich genießen und andere eben einfach richtig doof finden?
Und müssen wir dann auch noch Videos davon in den sozialen Netzwerken sehen?

Apropos soziale Netzwerke, bei einem der letzten Male war einige Zeit ein Video eines Spielers, der Xavier Naidoo sang, online. Nach Hinweis ob der Problematik war es dann relativ schnell wieder rausgenommen. Nun ist es Mickie Krause. Auch hier könnte man solche Situationen mit Liedern von Sängern, die nun wirklich weit von unseren Vorstellungen des FCSP weg sind, vermeiden.

Wir haben da andere Ideen

Das Ziel ist es doch , die neuen bestmöglich willkommen zu heißen und zu integrieren. Und da gibt es dann mindestens genauso gute Wege: Statt etwas zu nehmen, wo die Leistung hauptsächlich vom eigenen Talent abhängt, kann man sicher auch etwas finden, wo alle in gewisser Form aus sich rausmüssen, aber eben nicht die eigenen Gesangskünste (die mit Fußballspielen ja nun nur bedingt zu tun haben) im Mittelpunkt stehen. Statt einzelne aus der Gruppe rauszuholen, lasst die Leute in kleinen Teams was erarbeiten und das vorstellen. Da bringst du dann auch gleich noch “neu” und “alt” zusammen und förderst Kooperation. Und es gibt doch jetzt auch wieder einen Sportpsychologen im Verein. Der hat sicher auch noch ein paar Ideen oder kann an Menschen, die sich in Gruppendynamik und/ oder Pädagogik auskennen, verweisen.

Und wenn ihr es dann wirklich trotzdem weitermachen müsst, dann lasst das doch wenigstens mit den Videos sein.

Aug 312020
 

Liebe Lesenden

wir haben einen Sieger: Thees Uhlmann wird für den FC St. Pauli beim “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest“ antreten. Überrascht? Für viele war Thees sicherlich eh der Favorit. Aber lassen wir doch mal kurz das ganze Turnier Revue passieren.

Die Viertelfinals

Von Freitag, den 21. August, bis Montag, den 24. August, duellierten sich die acht Endrundenteilnehmer (bedauerlicherweise durchweg männlich). In der ersten Partie setzen sich die Glasgower von The Wakes souverän gegen das Hamburger Duo Swearing at Motorists mit 277 zu 125 Stimmen durch. Zugegeben, Folk Punk schien uns auch von vornherein leichter zugänglich als der lässige Zweipersonengroove von “St. Pauli ‘Til I Die”, für den das Turnier damit beendet war.

Es folgte das Duell, was nur einen Verlierer haben konnte: Thees Uhlmann trat im zweiten Viertelfinale gegen Talco an. Hach, einer muss ja rausfliegen. Und so waren es die Venezianer, die vorzeitig die Heimreise antreten mussten. Ihr knackiger Ska Punk mit italienischen Lyrics hatte nicht den Hauch einer Chance und musste sich mit 241 zu 670 Stimmen dem Hemmoorer Singer-Songwriter geschlagen geben. Da gab es sicherlich einige nassgeweinte Schultern – aber hey, Talco, immerhin nur gegen den Turniersieger verloren!

Nächste Begegnung: L.A.K. gegen The Pilgrims. Straßenpunk gegen Folk Rock. Und auch hier zahlte sich der Heimvorteil aus, L.A.K. machten keine Gefangenen und lösten mit einem deutlichen 346-zu-187-Sieg das Halbfinalticket. Für zweiten Glasgower des Turniers endete der Song Contest also schnell wieder. Vielleicht hatten unsere lesenden Hörer*innen einfach nicht die Geduld für den epischen Sechsminüter “The Fans of St. Pauli” samt Mundharmonika-Solo.

Und damit stand schon das letzte Viertelfinale an: Sibbe Rakete nahm es mit But Alive feat. OL an. Ein echter Underdog gegen ein Urgestein also. Und hier kam es zur knappsten Kiste des Turniers, denn But Alive feat. OL gewannen “nur” mit 295 zu 239 Stimmen. Sibbe Rakete griff noch selbst via Social Media in den Wettkampf ein, doch am Ende reichte es nicht für seinen halbakustikischen Melancholie-Punk in “Wochenendbeziehung”.

Die Halbfinals

Die beiden Halbfinals fanden am 26. und 27. August statt. The Wakes sahen indes gegen den späteren Gewinner kein Land und wurden von Thees Uhlmann mit seinem sentimentalen Schmachtfetzen mit 634 zu 121 Stimmen niedergewalzt. Und damit war Schluss für den letzte Vertreter aus dem Ausland, so schmissig der Folk Punk von “Pirates of the League” mit seinem liebenswürdigem Glaswegian-Akzent auch sein mag.

Im zweiten Semifinale begegneten sich L.A.K. und But Alive feat. OL. Hier konnten wir einen Zielgruppenunterschied feststellen, denn je nach Plattform fiel die Abstimmung unterschiedlich aus. Am Ende war es ein relativ knapper Sieg für L.A.K., die die Ex-Truppe von Markus Wiebusch mit “Sie war, sie ist, sie bleibt”, dem wohl ältesten Song des Contests, nach Hause schickte. 56 Stimmen machten schließlich den Unterschied, 316 zu 240 das Endergebnis..

Das Finale

Wir schreiben den 29. August: Was für ein Endspiel! Rotziger Punk gegen Rotz-und-Wasser-Melancholie. Drei Akkorde gegen vier Akkorde. Nachbarschaftsduell von der Einhundert-Platte. Oder wie jemand Schlaues sagte:

Und sollte tatsächlich an diesem Sonnabend ein Riss durch die Fanszene gehen? Tatsächlich. In den sozialen Medien tobte schnell eine waschechte Propagandaschlacht, ja fast schon ein schmutziger Krieg. Keine leichte Entscheidung, fanden auch einige Nutzer*innen.

Alle Parteinahme für L.A.K. alias “Lust auf Kunst” half jedenfalls am Ende nichts, der Schwiegersohn der Nation des Vereins durfte nach einer relativ deutlichen Abstimmung mit exakt 777 zu 376 Stimmen die Krone entgegennehmen. Tja, Thees, das heißt aber auch, dass du noch mal ranmusst. Wir sehen und hören uns in der Endrunde des “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest”, der in Kürze startet. Checkt dafür den MillernTon.

Allen Teilnehmenden vielen Dank! Das hat richtig Spaß gemacht.

PS: Wir haben hier noch das Abstimmungsverhalten von im Verein bekannten Menschen vorliegen. Die werden bei Gelegenheit selbstverständlich noch als Druckmittel zur Beschaffung von Informationen genutzt.

Aug 262020
 

In den letzten Tagen sind bei euch doch auch gerade die Dauerkarten eingetrudelt, oder? 

Habt ihr mal, liebe Leser*innen, auf die begleitende Rechnung geschaut? Wir schon. In der Rechnung sind 19 Prozent ausgewiesen. Dabei haben wir alle doch aus Presse, Funk und Fernsehen gelernt, dass zumindest für ein halbes Jahr nun der Umsatzsteuersatz 16 Prozent sein soll. Eine aufmerksame Leserin machte uns auf die Fragestellung aufmerksam und wir haben mal Menschen gefragt, die sich damit auskennen. Hier ihre Antwort:

Puh, so einfach ist das alles nicht. Beseitigen wir mal alle Klarheiten:

Zyniker*innen würden natürlich erstmal anmerken, dass Darlehen nicht der Umsatzsteuer unterliegen und wir das Geld ja sowieso alle zurück bekommen, weil wir nicht hin dürfen. Aber das ist nun ausdrücklich nicht Vertragsinhalt einer Dauerkarte.

Als Fan kann man sich jetzt natürlich sehr einfach auf den Standpunkt stellen: „Ist mir doch egal, welcher Steuersatz da berechnet wird, ich wollte 173 Euro für meine Dauerkarte zahlen, die hab ich bezahlt, alles gut.“ Und rein zivilrechtlich ist das auch richtig. Es ist wohl ein Preis inklusive Mehrwertsteuer vereinbart worden und eine Preisanpassung ist im Vertrag nicht vorgesehen. Die könnte aus Kulanz vielleicht erfolgen, aber da könnte als Fan ja schnell auch der solidarische Gedanke „dann hat der Verein halt ein paar Groschen mehr für sich“ Überhand nehmen. 

Leider kennt das Umsatzsteuerrecht aber einen ganz fiesen Paragraphen, nämlich § 14 c UStG, der vereinfacht sagt: „Wenn du Umsatzsteuer in deinen Rechnungen zu hoch ausweist, dann hast du die auch an den Fiskus zu zahlen.“ Hier könnte also der FCSP ggf. Geld verschenken, wenn er eigentlich 16 Prozent hätte ausweisen müssen für einzelne Spiele. Und dann würde der FCSP Geld verlieren. 

Daher ist das vielleicht doch ganz interessant. Denn wenn wir mal sechs Heimspiele vor dem Jahreswechsel annehmen und einen Betrag von 173 Euro brutto, dann wären das netto (=fließt dem Verein zu) 145,38 und bei 16 Prozent Umsatzsteuer für sechs Heimspiele 146,71 Euro. Klingt immer noch wenig, oder? Aber das sind bei 15.500 Karten schlappe 20.000 Euro. Und wer will schon 20.000 Euro wegen eines falschen Ausweises an das Finanzamt zahlen? Wohlgemerkt, dies gilt, wenn jede Karte 173 Euro kosten würde und dieser Preis ist ja eher das untere Ende der Preisspanne beim FCSP. Sprich: Wir sprechen hier garantiert nicht von der Leo-Ablösesumme, aber in Corona-Zeiten auch nicht um einen Betrag, der einfach so zu vernachlässigen ist. Ginge man von einem festen Nettobetrag aus (das wäre im Endeffekt die „ich will, dass der FCSP die Ersparnis weiter gibt“), dann ginge es um 1,54 pro Dauerkarte. Reicht nicht mal für ein Astra.

Sind noch Klarheiten übrig? Dann werden die nun beseitigt. 

Welcher Steuersatz ist denn nun richtig? Das ist so einfach gar nicht mal. Und so richtig Literatur findet man dazu auch nicht.

Welcher Umsatzsteuersatz gilt, ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Leistung. Sagt das Gesetz so einfach. Leistung ist das, was ihr bezahlt. Dies gilt auch dann, wenn die Leistung aus einzelnen Teilleistungen besteht und diese mit unterschiedlichen Steuersätzen belegt werden müssten. Unerheblich ist, wann eine Rechnung gestellt wurde, sagt das Gesetz weiter. Leistung ist das, was man mit seinem Geld erkauft. Bei einer Dauerkarte ist die Leistung der Eintritt an mehreren Tagen. Einfach ist es dann, wenn es sich um eine Dauerkarte für einen Freizeitpark oder so handelt und du in einer Datumsspanne halt XYZ mal da rein darfst. Dann sagt man, dass es keine trennbare Teilleistung ist und der letzte Tag des möglichen Eintrittes der Tag der Leistung ist. Beim FCSP ist das letzte Spiel irgendwann im Mai 2021, dann gilt wieder 19 Prozent (aller Voraussicht nach) und dann wäre die Rechnung richtig.

“Halt, halt!“ schreit das Steuerrecht. Ganz so einfach ist es nicht, denn wir haben ja Spieltage, die liegen zwar nur grob fest, aber immerhin so, dass man sie den Zeiten zuordnen kann. Dies könnten ja fest zugeordnete Teilleistungen auf die Dauerkarte sein, eine Trennung ist möglich, also 16 Prozent für sechs Spiele.

Eine Frage sollte man hier im Hinterkopf behalten: Wie fest sind denn Rahmenterminpläne in Zeiten von Corona?

Der Steuersatz hat sich zuletzt 2007 geändert und damals haben kluge Oberbehörden folgende Sätze als Interpretation (!) an ihre Rechtsanwender*innen abgesondert (für die Fachpraktiker*innen unter euch: Gefunden bei Beck-Online, Beispielhaft ist hier der Erlass des Finanzministeriums Nordrhein-Westfalen vom 29.08.2007 zitiert. Es gibt ziemlich gleichlautende Erlasse auch von anderen Behörden. Soweit ersichtlich gibt es aber keine Aufsätze oder Gerichtsentscheidungen zu dem Thema):

Die Überlassung einer Eintrittskarte, die zum Besuch mehrerer Sportveranstaltungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums berechtigt, ist stets als Dauerleistung anzusehen, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Leistungszeitraum ist dabei typischerweise eine Spielsaison. Dem Leistungsempfänger[*in] kommt es regelmäßig darauf an, alle im Leistungszeitraum stattfindenden Spiele besuchen zu können. Ob die Anzahl der Spiele einer Saison zum Zeitpunkt des Erwerbs der Karte bereits feststeht oder ob diese variabel ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § 12Abs. 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Diese Dauerleistung kann jedoch in Teilleistungen erbracht werden. Die Annahme von Teilleistungen setzt gem. § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG voraus, dass einem bestimmten Teil der wirtschaftlich teilbaren Leistung ein gesondertes Entgelt zugeordnet werden kann.

In den Fällen, in denen die Anzahl der Spiele, zu deren Besuch die Karte berechtigt, nicht feststeht, ist dies nicht möglich. Daher scheidet die Annahme von Teilleistungen für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeit des Entgelts aus. Der Umsatz wird erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Bei Dauerleistungen aus dem Verkauf von Karten, die zum Besuch einer feststehenden Anzahl von Spielen berechtigen, ist die in § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG geforderte Zuordnung jedoch möglich, falls gesonderte Entgeltvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen werden. Als Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist es insbesondere auch anzusehen, wenn in einer vor dem 1. 1. 2007 erteilten Rechnung das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben wird (vgl. BMF v. 11. 8. 2006 IV A 5 – S 7210 – 23/06, BStBl. I S. 477, Abschn. 3.3). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei anhand der Anzahl der Spiele zu erfolgen.

Wenn man das so auseinander dividiert, steht da, dass man theoretisch in Teilleistungen aufteilen kann und diese mit unterschiedlichem Steuersatz abrechnen kann, WENN denn eine fest bestimmte Anzahl an Spielen in der Dauerkarte umfasst ist und geteilt abgerechnet wird. Die geteilte Abrechnung wäre natürlich möglich gewesen, stellt sich die Frage, ob eine feste Spieleanzahl festgelegt ist.

Etwas einfacher zu verstehen ist vielleicht die Verfügung der OFD Frankfurt (26.01.2007) zum gleichen Thema:

Auswirkungen auf den Verkauf von Dauer- bzw. Jahreskarten

Sportvereine geben Dauer- bzw. Jahreskarten heraus, die für einen gewissen Spielzeitraum (z. B. 1. 7. bis 30. 6. eines Jahres) die Eintrittsberechtigung für Heimspiele des Vereins beinhalten.

Das Entgelt ist im Voraus zu entrichten, unabhängig davon, wie viele Spiele der Erwerber der Karte tatsächlich besucht.

1.1 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt nicht fest

Die Überlassung der Eintrittskarte stellt eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Der Umsatz wird jeweils erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Die Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § USTG § 12 Abs. USTG § 12 Absatz 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Die Annahme von Teilleistungen scheidet für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeiten des Entgelts aus.

1.2 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest

Die Überlassung solcher Dauerkarten stellt ebenfalls eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird.

Liegen jedoch die Voraussetzungen des § USTG § 13 Abs. USTG § 13 Absatz 1 Nr. 1a Satz 3 UStG vor, kann diese Dauerleistung in Teilleistungen erbracht werden, soweit gesonderte Entgeltsvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen wurden.

Demnach ist für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2006 entfällt, der Steuersatz von 16 % und für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2007 entfällt, der Steuersatz von 19 % maßgeblich.

Eine Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist auch gegeben, wenn vor dem 1. 1. 2007 eine Rechnung erteilt wurde, in der das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben ist (z. B. für Teilleistungen bis zum 31. 12. 2006 und ab dem 1. 1. 2007). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei linear anhand der Anzahl der stattfindenden Spiele zu erfolgen.

„Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest“ ist die Überschrift und erneut die entscheidende Frage.

Wie ist es denn beim FCSP geregelt? Und wenn man in die ATGB des Vereines guckt, dann steht da folgendes:

Eine Dauerkarte oder eine Jahreskarte Steh Süd („Dauerkarten“) berechtigt den Kunden grundsätzlich, diejenigen Heimspiele des Clubs im Stadion zu besuchen, für die er ein Besuchsrecht erworben hat. Der Kunde erwirbt ein Besuchsrecht für 17 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der Bundesliga oder 2. Bundesliga) bzw. 19 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der 3. Liga).

https://www.fcstpauli.com/tickets/ticket-infos/atgb/

Das ist dann wohl doch ziemlich eindeutig und heißt, dass der FCSP hier wohl auf Teilleistungen hätte aufteilen können und 20.000 Euro plus X hätte sparen können. Wäre das den Aufwand wert gewesen? Keine Ahnung.

Auch bleiben noch Zweifel, die wir nicht wirklich klären können:

Im Zeitpunkt der Bestellung stand ja noch nicht mal der Rahmenspielplan. Insofern kann man daran zweifeln, ob die „Anzahl der Heimspiele im Erwerbszeitpunkt“ wirklich feststand. Dieser wurde erst am 07.08.2020 veröffentlicht und wir wissen natürlich nicht, wann den Vereinen bekannt war, wann sie wo und wie spielen. Die Rechnung unserer Beispieldauerkarte trägt das Datum 25.06.2020, also vor dem öffentlichen feststehen. Man kann dann natürlich argumentieren, dass der Zeitpunkt eben nicht feststand, dann wieder der letzte Tag gilt und daher durchgängig 19 Prozent Umsatzsteuer richtig ist.

Klar hätte man es mit einer späteren Rechnungslegung und einer Trennung in der Rechnung als FCSP drauf ankommen lassen können und erstmal nur 16 Prozent für die sechs Heimspiele abführen können. Anscheinend hat man sich entschieden, dass das gesparte Geld den Aufwand nicht wert ist. Was vielleicht auch richtig ist. Denn die Umsatzsteuerprüfung des Finanzamtes kommt bestimmt und dann wäre so etwas immer Thema gewesen. Und das kostet Zeit, Geld (Berater*innen) und Nerven. 

Lange Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich hättest du 16 % für 6 Heimspiele versuchen können, ob es sich wirklich gelohnt hätte, sei mal dahin gestellt. 

In diesem Sinne:

Prost!