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Sep 112020
 

Wenn das Innenministerium eines Bundeslandes – und insbesondere in NRW – gemeinsam mit Fußballvereinen etwas verkündet, dann schwant uns wenig Gutes. Wir würden gerne einmal eines besseren belehrt werden, aber wieder einmal fragen wir uns nur noch: Sauft ihr?

Seit der Saison 2017/2018 gibt es bereits in Baden Württemberg eine sogenannte Stadionallianz, großspurig verkündet, aber aus Fansicht bisher mit nicht nur positiver Wirkung

Wenig überraschend, dass das dann aus einer anderen Sicht gut funktioniert und der “DFL-Direktor Fußball-Angelegenheiten & Fans” sich gewünscht hat, das Modell auf andere Bundesländer zu übertragen. Klar, dass NRW da jetzt gehorsam mitzieht. Und die Vereine machen dann auch einfach alle mit. 
Die Vereine, die sich zu den äußerst fragwürdigen Einsätzen im Kontext von Spielen gegen den FCSP nicht geäußert haben. Die Vereine, deren Fans “unangekündigt und wahllos unter massivem Einsatz von Pfefferspray, Schlagstöcken und körperlicher Gewalt” repressiert werden. 

Und während die Stadionallianz in BaWü unserer Info nach zumindest noch eine Kommunikations- und Dialogskomponente hat, ist die in dieser Vereinbarung dann nicht mehr zu finden.

Jedenfalls diese Vereine wollen nun am Montag – ausgerechnet im Deutschen Fußballmuseum – eine Kooperationsvereinbarung mit den örtlichen Polizeibehörden (vertreten durch das Land NRW) unterschreiben.

Wir gehen noch mal kurz ein paar Schritte zurück: Ist das denn die neue Demut, die großspurig verkündet wurde? Und der Dank für die Fans, die sich “sehr diszipliniert gezeigt in den vergangenen Wochen” gezeigt haben?

Auf Twitter und im Internet finden sich verschiedene Zitate, wenn man ein wenig guckt. Bei Philipp Köster, aber auch anderswo.

Best Of

“Der Informationsaustausch zwischen den Vereinen und der Polizei dient der Stärkung einer gemeinsamen Lageeinschätzung”

Wir wüssten ja zu gerne, wieso da niemand explizit auf die Fanprojekte und Fanbetreuer*innen hinweist. Denen kommt doch sogar im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (ab hier NKSS) eine besondere Rolle zu und jetzt werden sie einfach vergessen, bzw. zumindest nicht genannt? Also wir würden in diesem Dokument auch nicht genannt werden wollen, aber darum geht’s gerade nicht.

Und sowieso ist der Datenschutz ein Thema: Dass die Polizei mit anderem Zweck erhobene Daten gerne mal für eigene Zwecke nutzt, ist ja nicht erst seit gestern bekannt. Wir sehen da durchaus eine Problematik – und das ist dann auch wieder der Grund, warum wir diese ganze Speicherung von personenbezogenen Daten im Corona-Fußball-Kontext weiterhin kritisch betrachten werden.

“Die transparente Darstellung von Informationen und Maßnahmen der jeweiligen Vertragspartner in der Öffentlichkeit kann zu einer Distanzierung von Gewalttätern sowie zu Verhaltensänderungen bei gewaltbereiten Personen beitragen und bereits im Vorfeld zu einer Entspannung des Gesamtgeschehens im Zusammenhang mit der Veranstaltung führen.”

Finden wir ja stark, dass man sich bereits vorher von repressiven Beamt*innen distanzieren will. 
Aber jetzt mal im Ernst, wie soll das mit dem “im Vorhinein distanzieren” denn konkret aussehen? Dass Vereine im Vorfeld sagen, dass sie sich schon mal von den Fans distanzieren, für den Fall, dass diese was Doofes machen sollten? Und dann verhalten sich alle automatisch friedlich. Scheint komplett einleuchtend.

“Die öffentliche Distanzierung im Zusammenhang mit diffamierenden Meinungsäußerungen wie z. B. Spruchbändern, kann von den Vertragspartnern, je nach den Umständen des konkreten Falles, als erforderlich angesehen werden.”

Lesen wir ja als „Wir wollen weiterhin Menschen auf den WM-Baustellen wie Sklav*innen behandeln, aber schreibt dazu bitte nichts Gemeines auf Spruchbänder“, „Wir wollen bitte Milliardäre schützen, bevor die gemeine Sachen lesen müssen“.

Meine Güte, eure immer noch nachwirkende Betroffenheit um den Sohn eines Nazis ist so unfassbar. Während ihr euch bei Rassismus schön ausschweigt. Könnt ihr eigentlich abends in den Spiegel gucken? 
Und wie dieses „als erforderlich angesehen werden“ dann aussieht, wüssten wir auch wirklich gerne mal. Was passiert denn, wenn der eine Partner das will und der andere nicht? Dazu haben wir auch noch mal Jurist*innen befragt, unten mehr.

In einem Konzept, das zum Ziel hat “die Sicherheit im Zusammenhang mit Fußballspielen nachhaltig zu erhöhen, der Entwicklung von Gewalt entschieden entgegen zu treten und die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Akteure zu stärken” werden Spruchbänder explizit genannt und somit implizit als Sicherheitsrisiko eingestuft?

Lex Hopp, wir würden es am liebsten immer noch vergessen.

“Insbesondere die öffentliche Distanzierung der Vereine von unerwünschten Verhaltensweisen stärkt die Werteorientierung des Vereins und verhindert eine „Legitimierung“ solcher Verhaltensweisen durch Verharmlosung oder Duldung.”

Was eine Werteorientierung steigern würde, wäre, wenn ihr endlich mal eure Kooperationspartner (dazu zählen seit neuestem dann die lokalen Polizeibehörden ja auch offiziell dazu) kritisch reflektiert. Wenn ihr die Toten auf dem WM-Baustellen nicht mehr hinnehmt. Wenn ihr eure Angestellten nicht scheiße bezahlt und behandelt. Wenn ihr Tickets nicht nur an die vergebt, die vorher kein Geld zurückgefordert haben. Wenn ihr… – die Liste ist so beliebig erweiterbar.

“Eine entsprechende Positionierung kann bereits dann erfolgen, wenn eine materiell strafrechtliche relevante Schwelle noch nicht vorliegt oder die strafrechtliche Relevanz noch nicht abschließend feststeht.” 

Hahaha, was? Wir freuen uns dann auf die moralische Einordnung, was okay ist und was nicht. Durch die Polizei. Noch mal: Durch die Polizei. 
Den Tatbestand der Beleidigung gibt es im Strafgesetzbuch aus gutem Grund. Und auch wenn die Polizei gerne mal heult, ist es noch lange keine relevante Straftat.

“Entsprechende Distanzierungen von gezeigtem Fehlverhalten der Anhängerschaft können durch die Vereine gemeinsam mit der Polizei in den zur Verfügung stehenden Kommunikationskanälen crossmedial erfolgen.”

Top Idee, gebt der Polizei doch gleich eure Twitteraccounts. Die finden sich sicher noch ein paar Nazis, die retweetet werden können.

“Um präventiv Gewalt im Rahmen von Fußballspielen zu verhindern, nutzt die Polizei zusätzlich spieltagsbezogen präventiv polizeiliche Maßnahmen (Gefährderansprachen, Platzverweise, Bereichsbetretungsverbote, Meldeauf-lagen). Die Verzahnung von Stadionverboten mit präventiv polizeilichen Maßnahmen ist besonders wirksam.”

N. E. I. N. und noch mal N.E.I.N.
Sowieso diese Stadionverbote: Der Verein hat natürlich Hausrecht und kann jemanden rausschmeißen, wie er möchte und Hausverbot geben. Das Ding ist dann diese Weitergabe an alle Vereine, die man sehr kritisch sehen kann. Das BVerfG hat sich damit beschäftigen müssen und das grundsätzlich abgenickt, wollte aber ganz verkürzt ein „faires Verfahren“ als Voraussetzung sehen. Und da sehen wir ein erhebliches Problem. Wo ist denn das „faire Verfahren“, wenn du in Dresden von einer*einem Naziordner*in rausgeworfen wirst, Dresden dir Stadionverbot gibt und du nun auch beim FCSP nicht mehr rein kommst, obwohl dieser null Sachverhaltskenntnis hat und diese Kenntnis auch nicht ernsthaft erlangen kann. 

Vor Gerichten musst du dann mehr oder minder deine Unschuld beweisen, was bekanntlich nicht geht. Faires Verfahren setzt unserer Meinung nach eine unabhängige Stelle voraus, die entscheidet. Und das hast du einfach nicht. Da entscheidet ein Verein, dessen Fan du im Notfall gar nicht bist und der unter derbsten Druck von Polizei und Öffentlichkeit steht. Und ob dieser die*den Ordner*in, die*der dich raus geschmissen hat, wirklich mal auf Glaubwürdigkeit und seine Aussage auf Glaubhaftigkeit abklopft, kann mal sehr gut bezweifelt werden. Das ist nicht wirklich ein faires Verfahren. Und Dresden ist hier noch ein schlechtes Beispiel, weil die das institutionalisiert haben.

Und da sind wir noch nicht mal bei der Wirksamkeit: “Die Verzahnung von Stadionverboten mit präventiv polizeilichen Maßnahmen ist besonders wirksam.“ Das ist wirklich eine Regelung eines unklaren Sachverhaltes, den nun beide Parteien als gegeben angeben. Wir bezweifeln mal ganz stark, dass es dazu wirklich kriminologische Studien gibt. Das ist für die Polizei im Endeffekt ein Freibrief immer mit Aufenthaltsverboten etc. zu arbeiten. Im NKSS (ab Seite 33) werden da auch insgesamt durchaus andere Töne angeschlagen.

Vertrag oder Kooperationsvereinbarung?

Mal wird im Dokument von “Kooperationsvereinbarung” gesprochen, mal von “den Vertragspartnern”. Wir haben dazu mal Jurist*innen befragt und um Einschätzung gebeten:

“Grundsätzlich sind Verträge auch im Polizeirecht (Gefahrenabwehrrecht) zulässig (§ 54 Abs. Verwaltungsverfahrensgesetz/VwVfG des Bundes, bzw. gleich lautende Vorschriften der Länder) im sogenannten subordinationsrechtlichen Verhältnis (wenn du so willst, Behörde oben, Bürger unten). So, wenn der Vertrag aber grundsätzlich zulässig wäre, dann gibt es trotzdem hier Dinge, die man sehr hinterfragen kann.

Man darf nie vergessen, dass wir hier ein Über-/Unterordnungsverhältnis haben. Anders als z. B. wenn du ein Stadion mit öffentlichen Mitteln baust, dann ist das eher ein Verhältnis „auf Augenhöhe“. Daher regelt das Gesetz einige Haltepunkte. So formuliert § 59 (2) Nr. 2 VwVfG, dass ein Vertrag dann nichtig ist, wenn ein entsprechender Verwaltungsakt nicht nur aus formellen Gründen rechtswidrig wäre.
Ein Verwaltungsakt mit dem Inhalt „ihr habt euch zu distanzieren“ wäre sehr wahrscheinlich rechtswidrig. Meinungsfreiheit etc. Da ist halt die Strafbarkeit eine sehr klare und verfassungsrechtlich auch gebotene Grenze des öffentlichen Eingreifens. Man darf nicht vergessen, dass auch ein Schweigen zu einem Thema wohl Meinungsfreiheit ist. Das umfasst auch, dass man mal schweigen darf (ja, gilt auch für Männer).

Die Norm setzt dann noch voraus, dass die abschließenden Parteien wissen, dass ein entsprechender Verwaltungsakt nichtig wäre. Klar, die werden sagen, dass sie natürlich nichts gewusst haben und dies auch der/die linientreuste Jurist*in im Innenministerium geprüft hat. Aber ob das ein Verwaltungsgericht mitmacht? 

Was die deswegen versuchen, ist, das wachsweich zu formulieren. Da steht ja nicht „ihr habt euch zu distanzieren“, sondern es wird darauf aufmerksam gemacht, dass es vielleicht notwendig wäre und man sich crossmedial abstimmen würde. Der*die linientreue Jurist*in war sich also der Gefahr bewusst. Im Endeffekt verpflichtet diese Norm zu nichts. Das wissen die alle, die wissen aber auch, welchen Druck das politisch aufbaut.

Und so geht es weiter. Obwohl das Ganze Vertrag genannt wird, ist da keine einzige wirklich verpflichtende Norm drin. Das ist eher eine Absichtserklärung, nett zusammen zu arbeiten. Was schon scheiße genug ist. Und wenn mal was konkret geregelt werden müsste, dann sagt das Ganze: „Ja, das machen die Kreispolizeibehörden vor Ort.“ Die einzige Idee hinter diesem Vertrag ist, dass du ihn im Konfliktfall politisch rausziehst und sagst: „Ihr habt das unterschrieben und ihr haltet euch nicht dran, also muss ich nun schärfere Maßnahmen ergreifen.“ Alleine deswegen würde ich das als Verein nicht unterschreiben. Schärfere Maßnahmen ist dann natürlich das Bremen-Konzept, sprich Beteiligung an Kosten. ”

Und wer kommt wieder nicht zu Wort?

Wie sehr kannst du eigentlich auf alle vereinbarten Spielregeln scheißen, wenn den Unterzeichnenden und dem Papier zu Folge die Fanbeauftragen und Fanprojekte nicht involviert waren? Ihr sprecht über Sicherheit und Fans und nehmt die Betroffenen und die Mittler*innen nicht mit rein? Cool, dann machen wir ganz bald Verträge mit Spielern und Sponsoren, aber ohne Euch.

PS: Fußball-Club St. Pauli von 1910 e.V.: Don’t Even think about it.

Sep 012020
 

Der FCSP ist seit einigen Tagen im Trainingslager, es gibt Fotos von Sporteinheiten, ein bisschen Quizquatsch, ein paar ernstere politische Themen in dem Video mit Jackson und Ziereis – in dem wir gerne noch stärker den Fokus auf den deutschen Kontext gelenkt gesehen hätten, aber das ist ein anderes Thema, ein paar Testspiele. Alles wie immer und ganz normal. Und Normalität in einem gewissen Maße ist in diesen Corona-Zeiten für eine gute Vorbereitung wahrscheinlich dann auch wirklich nicht zu unterschätzen. Gut leider dieses Mal ohne Mats-Videos, aber daran haben wir uns ja auch schon fast gewöhnt (😭).

Eine Sache gehört dann aber auch jedes Mal zu dieser Normalität und wir fragen uns wirklich seit langem, ob das eigentlich wirklich immer noch sein muss und ob es da nicht viel coolere Wege gäbe, die neuen im Team willkommen zu heißen. Ja, die Rede ist von den Videos des Vorsingens der neuen.

Neue willkommen heißen

Auch wir haben Sport in Vereinen gemacht, neue Jobs angefangen, Jobs gewechselt – alles verschiedenste Situationen in denen wir jeweils wenige bis niemandem aus dem neuen Umfeld kannten. Situationen, in denen es wichtig war, dass wir gut von den “alten” willkommen gehießen worden und in denen wir umso schneller ankamen, desto besser dies ablief. 
Es gibt in der (Sport-)Psychologie mehr als genug Belege dafür, dass Menschen, die sich in ihrem Umfeld wohlfühlen, die sich von ihren Mitmenschen gewollt fühlen und die sich als vollwertiger Teil einer Gruppe fühlen, bessere Leistung bringen. Und das ist ja im Fußballkontext nun wirklich nicht ganz unwichtig. Insofern ist es gut und wichtig, dass man sich auf als Profifußballverein überlegt, ob und wie man die neuen Spieler im Kreis der Mannschaft willkommen heißen kann. 
Speziell im FCSP-Kontext gab es in der Vergangenheit dann auch immer noch die bekannten Stadtteilspaziergänge, in denen den neuen das Viertel und der Verein für den sie jetzt spiele, nähergebracht wurde. Geht aus nachvollziehbaren Gründen gerade natürlich nicht in der gewohnten Form, aber auch hier hoffen wir einfach mal, dass da bereits über andere Wege nachgedacht wurde, diesen nicht ganz unwichtigen Punkt ebenfalls rüberzubringen. Das hier ist eben mehr als Fußball. (Grüße an die Grandprixvorentscheidzweiten)

Aber muss das wirklich in dieser Form sein

In diesem Kollektiv gibt es Menschen, die verschieden stark musikalische Talente haben. Von “wenn du nie wieder in der Öffentlichkeit singst, kriegst du jetzt ne 1” beim Vorsingen vor der ganzen Klasse bis zum Spielen in der eigenen Band. 
Ähnlich breit ist auch das Spektrum der musikalisch-gesanglichen Fähigkeiten der FCSP-Spieler. Einigen sieht man an, dass sie es gut und gerne machen, bei anderen kann man das Unwohlsein (dieses Jahr aber auch in vorherigen) allein beim Betrachten der Videos mitfühlen.
Aufnahmerituale sind gut und wichtig, es ist wichtig, tragfähige Beziehungen herzustellen und zu erreichen, dass die neuen sich wohlfühlen. 
Aufnahmerituale sind aber auch häufig sehr dadurch geprägt, dass man sich in einer gewissen Art und Weise vor anderen bloßstellen muss oder etwas doofes machen muss, was die anderen vor einem auch schon machen mussten. Besonders exemplarisch hier natürlich die Aufnahmerituale von Burschenschaften, in denen es meistens darum geht, so viel Alkohol in kurzer Zeit zu trinken, dass man dann eben einfach kotzen muss. Alternativ einfach die Wange hinzuhalten, während andere dir mit irgendwelchen Waffen vorm Gesicht rumwedeln. Also natürlich nicht offiziell, aber einen großen Anteil daran, dass das immer noch gemacht wird, hat’s dann eben doch.
Ähnliches auch bei Erstitagen an Unis. Ihr habt doch sicher auch schon von diesen Kleiderketten gehört, die Erstis an Marktplätzen gebildet haben? Wir haben jedenfalls direkt Bilder von komplett unbekleideten Student*innen vor Augen. Vielleicht fanden sie das ja auch wirklich cool, wir stellen aber mal die Hypothese auf, dass der vorherige Alkoholkonsum und die Gruppendynamik da auf jeden Fall auch eine ordentliche Rolle gespielt haben. Und wenn man dann die Erstitage im nächsten Jahr betreut, macht man mit dem Ritual wieder weiter, weil man musste da ja auch durch und hat es ja auch geschafft.
Und dann sind wir noch nicht mal bei der Marine angekommen, in der insbesondere rund um den Todesfall der Kadettin auf der Gorch Fock auch diverse unschöne Geschichten rund um die Aufnahmerituale ans Licht kamen.

Und an beiden Beispielen sieht man schön, was das Problem:
Eine bereits existierende Gruppe (“In-Group”) stellt Bedingungen auf, die die neuen erfüllen müssen, um dazuzugehören. Das ist Konservatismus in Reinform. 
Sicher, die neuen müssen bei diesem Vorsingen zum allergrößten Teil in gewisser Art und Weise aus sich raus, sich öffnen. Auch das ist insgesamt ein wichtiger Aspekt, um Vertrauen aufzubauen und so Mitglied einer Gruppe zu werden. Aber wird da fragwürdig, wo das nur einen Teil der Gruppe und eben nicht alle trifft. Robin ist Dienstältester, bei dem hat keine*r mehr mitbekommen, wie er live vor Ort gesungen hat. 

Und überhaupt ist das für einen modernen Profifußballclub, der Dinge hinterfragen will, “unestablished since 1910” sein will, wirklich angemessen noch in dieser Form zu agieren? Würden die Spieler das wirklich alle freiwillig machen, wenn sie sich in der Gruppendynamik nicht gezwungen fühlten? Ist es gut, etwas auszuwählen, was einige wirklich genießen und andere eben einfach richtig doof finden?
Und müssen wir dann auch noch Videos davon in den sozialen Netzwerken sehen?

Apropos soziale Netzwerke, bei einem der letzten Male war einige Zeit ein Video eines Spielers, der Xavier Naidoo sang, online. Nach Hinweis ob der Problematik war es dann relativ schnell wieder rausgenommen. Nun ist es Mickie Krause. Auch hier könnte man solche Situationen mit Liedern von Sängern, die nun wirklich weit von unseren Vorstellungen des FCSP weg sind, vermeiden.

Wir haben da andere Ideen

Das Ziel ist es doch , die neuen bestmöglich willkommen zu heißen und zu integrieren. Und da gibt es dann mindestens genauso gute Wege: Statt etwas zu nehmen, wo die Leistung hauptsächlich vom eigenen Talent abhängt, kann man sicher auch etwas finden, wo alle in gewisser Form aus sich rausmüssen, aber eben nicht die eigenen Gesangskünste (die mit Fußballspielen ja nun nur bedingt zu tun haben) im Mittelpunkt stehen. Statt einzelne aus der Gruppe rauszuholen, lasst die Leute in kleinen Teams was erarbeiten und das vorstellen. Da bringst du dann auch gleich noch “neu” und “alt” zusammen und förderst Kooperation. Und es gibt doch jetzt auch wieder einen Sportpsychologen im Verein. Der hat sicher auch noch ein paar Ideen oder kann an Menschen, die sich in Gruppendynamik und/ oder Pädagogik auskennen, verweisen.

Und wenn ihr es dann wirklich trotzdem weitermachen müsst, dann lasst das doch wenigstens mit den Videos sein.

Aug 312020
 

Liebe Lesenden

wir haben einen Sieger: Thees Uhlmann wird für den FC St. Pauli beim “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest“ antreten. Überrascht? Für viele war Thees sicherlich eh der Favorit. Aber lassen wir doch mal kurz das ganze Turnier Revue passieren.

Die Viertelfinals

Von Freitag, den 21. August, bis Montag, den 24. August, duellierten sich die acht Endrundenteilnehmer (bedauerlicherweise durchweg männlich). In der ersten Partie setzen sich die Glasgower von The Wakes souverän gegen das Hamburger Duo Swearing at Motorists mit 277 zu 125 Stimmen durch. Zugegeben, Folk Punk schien uns auch von vornherein leichter zugänglich als der lässige Zweipersonengroove von “St. Pauli ‘Til I Die”, für den das Turnier damit beendet war.

Es folgte das Duell, was nur einen Verlierer haben konnte: Thees Uhlmann trat im zweiten Viertelfinale gegen Talco an. Hach, einer muss ja rausfliegen. Und so waren es die Venezianer, die vorzeitig die Heimreise antreten mussten. Ihr knackiger Ska Punk mit italienischen Lyrics hatte nicht den Hauch einer Chance und musste sich mit 241 zu 670 Stimmen dem Hemmoorer Singer-Songwriter geschlagen geben. Da gab es sicherlich einige nassgeweinte Schultern – aber hey, Talco, immerhin nur gegen den Turniersieger verloren!

Nächste Begegnung: L.A.K. gegen The Pilgrims. Straßenpunk gegen Folk Rock. Und auch hier zahlte sich der Heimvorteil aus, L.A.K. machten keine Gefangenen und lösten mit einem deutlichen 346-zu-187-Sieg das Halbfinalticket. Für zweiten Glasgower des Turniers endete der Song Contest also schnell wieder. Vielleicht hatten unsere lesenden Hörer*innen einfach nicht die Geduld für den epischen Sechsminüter “The Fans of St. Pauli” samt Mundharmonika-Solo.

Und damit stand schon das letzte Viertelfinale an: Sibbe Rakete nahm es mit But Alive feat. OL an. Ein echter Underdog gegen ein Urgestein also. Und hier kam es zur knappsten Kiste des Turniers, denn But Alive feat. OL gewannen “nur” mit 295 zu 239 Stimmen. Sibbe Rakete griff noch selbst via Social Media in den Wettkampf ein, doch am Ende reichte es nicht für seinen halbakustikischen Melancholie-Punk in “Wochenendbeziehung”.

Die Halbfinals

Die beiden Halbfinals fanden am 26. und 27. August statt. The Wakes sahen indes gegen den späteren Gewinner kein Land und wurden von Thees Uhlmann mit seinem sentimentalen Schmachtfetzen mit 634 zu 121 Stimmen niedergewalzt. Und damit war Schluss für den letzte Vertreter aus dem Ausland, so schmissig der Folk Punk von “Pirates of the League” mit seinem liebenswürdigem Glaswegian-Akzent auch sein mag.

Im zweiten Semifinale begegneten sich L.A.K. und But Alive feat. OL. Hier konnten wir einen Zielgruppenunterschied feststellen, denn je nach Plattform fiel die Abstimmung unterschiedlich aus. Am Ende war es ein relativ knapper Sieg für L.A.K., die die Ex-Truppe von Markus Wiebusch mit “Sie war, sie ist, sie bleibt”, dem wohl ältesten Song des Contests, nach Hause schickte. 56 Stimmen machten schließlich den Unterschied, 316 zu 240 das Endergebnis..

Das Finale

Wir schreiben den 29. August: Was für ein Endspiel! Rotziger Punk gegen Rotz-und-Wasser-Melancholie. Drei Akkorde gegen vier Akkorde. Nachbarschaftsduell von der Einhundert-Platte. Oder wie jemand Schlaues sagte:

Und sollte tatsächlich an diesem Sonnabend ein Riss durch die Fanszene gehen? Tatsächlich. In den sozialen Medien tobte schnell eine waschechte Propagandaschlacht, ja fast schon ein schmutziger Krieg. Keine leichte Entscheidung, fanden auch einige Nutzer*innen.

Alle Parteinahme für L.A.K. alias “Lust auf Kunst” half jedenfalls am Ende nichts, der Schwiegersohn der Nation des Vereins durfte nach einer relativ deutlichen Abstimmung mit exakt 777 zu 376 Stimmen die Krone entgegennehmen. Tja, Thees, das heißt aber auch, dass du noch mal ranmusst. Wir sehen und hören uns in der Endrunde des “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest”, der in Kürze startet. Checkt dafür den MillernTon.

Allen Teilnehmenden vielen Dank! Das hat richtig Spaß gemacht.

PS: Wir haben hier noch das Abstimmungsverhalten von im Verein bekannten Menschen vorliegen. Die werden bei Gelegenheit selbstverständlich noch als Druckmittel zur Beschaffung von Informationen genutzt.

Aug 262020
 

In den letzten Tagen sind bei euch doch auch gerade die Dauerkarten eingetrudelt, oder? 

Habt ihr mal, liebe Leser*innen, auf die begleitende Rechnung geschaut? Wir schon. In der Rechnung sind 19 Prozent ausgewiesen. Dabei haben wir alle doch aus Presse, Funk und Fernsehen gelernt, dass zumindest für ein halbes Jahr nun der Umsatzsteuersatz 16 Prozent sein soll. Eine aufmerksame Leserin machte uns auf die Fragestellung aufmerksam und wir haben mal Menschen gefragt, die sich damit auskennen. Hier ihre Antwort:

Puh, so einfach ist das alles nicht. Beseitigen wir mal alle Klarheiten:

Zyniker*innen würden natürlich erstmal anmerken, dass Darlehen nicht der Umsatzsteuer unterliegen und wir das Geld ja sowieso alle zurück bekommen, weil wir nicht hin dürfen. Aber das ist nun ausdrücklich nicht Vertragsinhalt einer Dauerkarte.

Als Fan kann man sich jetzt natürlich sehr einfach auf den Standpunkt stellen: „Ist mir doch egal, welcher Steuersatz da berechnet wird, ich wollte 173 Euro für meine Dauerkarte zahlen, die hab ich bezahlt, alles gut.“ Und rein zivilrechtlich ist das auch richtig. Es ist wohl ein Preis inklusive Mehrwertsteuer vereinbart worden und eine Preisanpassung ist im Vertrag nicht vorgesehen. Die könnte aus Kulanz vielleicht erfolgen, aber da könnte als Fan ja schnell auch der solidarische Gedanke „dann hat der Verein halt ein paar Groschen mehr für sich“ Überhand nehmen. 

Leider kennt das Umsatzsteuerrecht aber einen ganz fiesen Paragraphen, nämlich § 14 c UStG, der vereinfacht sagt: „Wenn du Umsatzsteuer in deinen Rechnungen zu hoch ausweist, dann hast du die auch an den Fiskus zu zahlen.“ Hier könnte also der FCSP ggf. Geld verschenken, wenn er eigentlich 16 Prozent hätte ausweisen müssen für einzelne Spiele. Und dann würde der FCSP Geld verlieren. 

Daher ist das vielleicht doch ganz interessant. Denn wenn wir mal sechs Heimspiele vor dem Jahreswechsel annehmen und einen Betrag von 173 Euro brutto, dann wären das netto (=fließt dem Verein zu) 145,38 und bei 16 Prozent Umsatzsteuer für sechs Heimspiele 146,71 Euro. Klingt immer noch wenig, oder? Aber das sind bei 15.500 Karten schlappe 20.000 Euro. Und wer will schon 20.000 Euro wegen eines falschen Ausweises an das Finanzamt zahlen? Wohlgemerkt, dies gilt, wenn jede Karte 173 Euro kosten würde und dieser Preis ist ja eher das untere Ende der Preisspanne beim FCSP. Sprich: Wir sprechen hier garantiert nicht von der Leo-Ablösesumme, aber in Corona-Zeiten auch nicht um einen Betrag, der einfach so zu vernachlässigen ist. Ginge man von einem festen Nettobetrag aus (das wäre im Endeffekt die „ich will, dass der FCSP die Ersparnis weiter gibt“), dann ginge es um 1,54 pro Dauerkarte. Reicht nicht mal für ein Astra.

Sind noch Klarheiten übrig? Dann werden die nun beseitigt. 

Welcher Steuersatz ist denn nun richtig? Das ist so einfach gar nicht mal. Und so richtig Literatur findet man dazu auch nicht.

Welcher Umsatzsteuersatz gilt, ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Leistung. Sagt das Gesetz so einfach. Leistung ist das, was ihr bezahlt. Dies gilt auch dann, wenn die Leistung aus einzelnen Teilleistungen besteht und diese mit unterschiedlichen Steuersätzen belegt werden müssten. Unerheblich ist, wann eine Rechnung gestellt wurde, sagt das Gesetz weiter. Leistung ist das, was man mit seinem Geld erkauft. Bei einer Dauerkarte ist die Leistung der Eintritt an mehreren Tagen. Einfach ist es dann, wenn es sich um eine Dauerkarte für einen Freizeitpark oder so handelt und du in einer Datumsspanne halt XYZ mal da rein darfst. Dann sagt man, dass es keine trennbare Teilleistung ist und der letzte Tag des möglichen Eintrittes der Tag der Leistung ist. Beim FCSP ist das letzte Spiel irgendwann im Mai 2021, dann gilt wieder 19 Prozent (aller Voraussicht nach) und dann wäre die Rechnung richtig.

“Halt, halt!“ schreit das Steuerrecht. Ganz so einfach ist es nicht, denn wir haben ja Spieltage, die liegen zwar nur grob fest, aber immerhin so, dass man sie den Zeiten zuordnen kann. Dies könnten ja fest zugeordnete Teilleistungen auf die Dauerkarte sein, eine Trennung ist möglich, also 16 Prozent für sechs Spiele.

Eine Frage sollte man hier im Hinterkopf behalten: Wie fest sind denn Rahmenterminpläne in Zeiten von Corona?

Der Steuersatz hat sich zuletzt 2007 geändert und damals haben kluge Oberbehörden folgende Sätze als Interpretation (!) an ihre Rechtsanwender*innen abgesondert (für die Fachpraktiker*innen unter euch: Gefunden bei Beck-Online, Beispielhaft ist hier der Erlass des Finanzministeriums Nordrhein-Westfalen vom 29.08.2007 zitiert. Es gibt ziemlich gleichlautende Erlasse auch von anderen Behörden. Soweit ersichtlich gibt es aber keine Aufsätze oder Gerichtsentscheidungen zu dem Thema):

Die Überlassung einer Eintrittskarte, die zum Besuch mehrerer Sportveranstaltungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums berechtigt, ist stets als Dauerleistung anzusehen, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Leistungszeitraum ist dabei typischerweise eine Spielsaison. Dem Leistungsempfänger[*in] kommt es regelmäßig darauf an, alle im Leistungszeitraum stattfindenden Spiele besuchen zu können. Ob die Anzahl der Spiele einer Saison zum Zeitpunkt des Erwerbs der Karte bereits feststeht oder ob diese variabel ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § 12Abs. 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Diese Dauerleistung kann jedoch in Teilleistungen erbracht werden. Die Annahme von Teilleistungen setzt gem. § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG voraus, dass einem bestimmten Teil der wirtschaftlich teilbaren Leistung ein gesondertes Entgelt zugeordnet werden kann.

In den Fällen, in denen die Anzahl der Spiele, zu deren Besuch die Karte berechtigt, nicht feststeht, ist dies nicht möglich. Daher scheidet die Annahme von Teilleistungen für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeit des Entgelts aus. Der Umsatz wird erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Bei Dauerleistungen aus dem Verkauf von Karten, die zum Besuch einer feststehenden Anzahl von Spielen berechtigen, ist die in § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG geforderte Zuordnung jedoch möglich, falls gesonderte Entgeltvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen werden. Als Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist es insbesondere auch anzusehen, wenn in einer vor dem 1. 1. 2007 erteilten Rechnung das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben wird (vgl. BMF v. 11. 8. 2006 IV A 5 – S 7210 – 23/06, BStBl. I S. 477, Abschn. 3.3). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei anhand der Anzahl der Spiele zu erfolgen.

Wenn man das so auseinander dividiert, steht da, dass man theoretisch in Teilleistungen aufteilen kann und diese mit unterschiedlichem Steuersatz abrechnen kann, WENN denn eine fest bestimmte Anzahl an Spielen in der Dauerkarte umfasst ist und geteilt abgerechnet wird. Die geteilte Abrechnung wäre natürlich möglich gewesen, stellt sich die Frage, ob eine feste Spieleanzahl festgelegt ist.

Etwas einfacher zu verstehen ist vielleicht die Verfügung der OFD Frankfurt (26.01.2007) zum gleichen Thema:

Auswirkungen auf den Verkauf von Dauer- bzw. Jahreskarten

Sportvereine geben Dauer- bzw. Jahreskarten heraus, die für einen gewissen Spielzeitraum (z. B. 1. 7. bis 30. 6. eines Jahres) die Eintrittsberechtigung für Heimspiele des Vereins beinhalten.

Das Entgelt ist im Voraus zu entrichten, unabhängig davon, wie viele Spiele der Erwerber der Karte tatsächlich besucht.

1.1 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt nicht fest

Die Überlassung der Eintrittskarte stellt eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Der Umsatz wird jeweils erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Die Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § USTG § 12 Abs. USTG § 12 Absatz 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Die Annahme von Teilleistungen scheidet für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeiten des Entgelts aus.

1.2 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest

Die Überlassung solcher Dauerkarten stellt ebenfalls eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird.

Liegen jedoch die Voraussetzungen des § USTG § 13 Abs. USTG § 13 Absatz 1 Nr. 1a Satz 3 UStG vor, kann diese Dauerleistung in Teilleistungen erbracht werden, soweit gesonderte Entgeltsvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen wurden.

Demnach ist für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2006 entfällt, der Steuersatz von 16 % und für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2007 entfällt, der Steuersatz von 19 % maßgeblich.

Eine Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist auch gegeben, wenn vor dem 1. 1. 2007 eine Rechnung erteilt wurde, in der das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben ist (z. B. für Teilleistungen bis zum 31. 12. 2006 und ab dem 1. 1. 2007). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei linear anhand der Anzahl der stattfindenden Spiele zu erfolgen.

„Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest“ ist die Überschrift und erneut die entscheidende Frage.

Wie ist es denn beim FCSP geregelt? Und wenn man in die ATGB des Vereines guckt, dann steht da folgendes:

Eine Dauerkarte oder eine Jahreskarte Steh Süd („Dauerkarten“) berechtigt den Kunden grundsätzlich, diejenigen Heimspiele des Clubs im Stadion zu besuchen, für die er ein Besuchsrecht erworben hat. Der Kunde erwirbt ein Besuchsrecht für 17 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der Bundesliga oder 2. Bundesliga) bzw. 19 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der 3. Liga).

https://www.fcstpauli.com/tickets/ticket-infos/atgb/

Das ist dann wohl doch ziemlich eindeutig und heißt, dass der FCSP hier wohl auf Teilleistungen hätte aufteilen können und 20.000 Euro plus X hätte sparen können. Wäre das den Aufwand wert gewesen? Keine Ahnung.

Auch bleiben noch Zweifel, die wir nicht wirklich klären können:

Im Zeitpunkt der Bestellung stand ja noch nicht mal der Rahmenspielplan. Insofern kann man daran zweifeln, ob die „Anzahl der Heimspiele im Erwerbszeitpunkt“ wirklich feststand. Dieser wurde erst am 07.08.2020 veröffentlicht und wir wissen natürlich nicht, wann den Vereinen bekannt war, wann sie wo und wie spielen. Die Rechnung unserer Beispieldauerkarte trägt das Datum 25.06.2020, also vor dem öffentlichen feststehen. Man kann dann natürlich argumentieren, dass der Zeitpunkt eben nicht feststand, dann wieder der letzte Tag gilt und daher durchgängig 19 Prozent Umsatzsteuer richtig ist.

Klar hätte man es mit einer späteren Rechnungslegung und einer Trennung in der Rechnung als FCSP drauf ankommen lassen können und erstmal nur 16 Prozent für die sechs Heimspiele abführen können. Anscheinend hat man sich entschieden, dass das gesparte Geld den Aufwand nicht wert ist. Was vielleicht auch richtig ist. Denn die Umsatzsteuerprüfung des Finanzamtes kommt bestimmt und dann wäre so etwas immer Thema gewesen. Und das kostet Zeit, Geld (Berater*innen) und Nerven. 

Lange Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich hättest du 16 % für 6 Heimspiele versuchen können, ob es sich wirklich gelohnt hätte, sei mal dahin gestellt. 

In diesem Sinne:

Prost!

Aug 212020
 

Liebe Freund*innen der gepflegten Klangkunst,

Fußball ist ein Ergebnissport. (“GRUNZ“, freut sich das gierige Phrasenschwein.) In unser aller Lieblingssport geht es nicht um Geschmack, sondern um Zählbares. Keine Jury kürt das siegende Team eines Spiels, das machen allein die Tore. Ob’s uns gefällt oder nicht.

Ganz anders ist es in der Welt der Musik. Erlaubt ist, was gefällt. (“GRUNZ!”) Und dennoch hält das viele Menschen auf der Welt nicht davon ab, Musikerzeugnisse in einen Wettbewerb gegeneinander zu schicken. Den meisten von euch sagt vermutlich der Eurovision Song Contest etwas. Ein bisschen in der Tradition dieses schaurigschönen Wettstreits um die Musiker*innenkrone der Popmusik hat es sich der MillernTon auf die Fahnen geschrieben, das beliebteste Fanlied der Bundesrepublik zu küren. Bei den Kolleg*innen heißt das “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest” (#GPdlVSC). Und weil der Bums nach Möglichkeit die schönsten Lieder aller 55 Vereine der ersten drei Ligen des Landes umfassen soll, ist das ein ganz schön aufwendiges Vorhaben. (IHR SEID DOCH BEKLOPPT!)

Jetzt kommen wir ins Spiel.

Wir führen nämlich den regionalen Vorentscheid für den FC St. Pauli durch. In einem ersten Schritt haben wir bereits invölliger Willkür einem intransparenten und herzlich undemokratischen Verfahren acht Song-Kandidaten ermittelt. 

Nun seid ihr gefragt, liebe Lesenden und Follower*innen!

Im Rennen sind also:

  1. L.A.K. – Mehr als Fußball
  2. Thees Uhlmann – Das hier ist Fußball
  3. Talco – St. Pauli
  4. The Wakes – Pirates of the League
  5. The Pilgrims – The Fans of St. Pauli
  6. But Alive feat. OL – Sie war, sie ist, sie bleibt
  7. Sibbe Rakete – Wochenendebeziehung
  8. Swearing At Motorists – St. Pauli Till I Die

Acht Kandidat*innen, das klingt gleich nach Viertelfinale, nech? Riiiiiichtig. Die Paarungen der brandheißen Duelle stehen bereits – und ihr werdet darüber auf unseren einschlägigen Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram) abstimmen. Also demokratischer als die meisten Sportwettbewerbe war’s dann doch, wir waren höchst offiziell im Fanladen und eine Hoschi-Losfee hat folgende Begegnungen gezogen: 

Viertelfinale: Freitag, 21. August, bis Montag, 24. August

Viertelfinale 1, Freitag, 21. August: The Wakes – Swearing at Motorists
Viertelfinale 2, Sonnabend, 22. August: Thees Uhlmann – Talco
Viertelfinale 3, Sonntag, 23. August: L.A.K. – The Pilgrims
Viertelfinale 4, Montag, 24. August: Sibbe Rakete – But Alive feat. OL

Halbfinale: Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August

Halbfinale 1, Mittwoch 26. August: Sieger VF 1 – Sieger VF 2
Halbfinale 2, Donnerstag 27. August: Sieger VF 3 – Sieger VF 4

Finale: Sonnabend, 29. August

Sieger HF 1 – Sieger HF 2

Der Ablauf

Wir werden jeden Tag morgens (irgendwann zwischen 7 und 9, so grob) über Twitter, Facebook und Instagram Umfragen starten, an denen ihr dann bis Mitternacht teilnehmen könnt. Am Ende des Tages zählen wir dann die Stimmen zusammen und ermitteln so die Sieger*innen. Menschen, die uns entsprechend auf verschiedenen Kanälen folgen, haben 3x so viele Stimmen. Höchst demokratisch, sagten wir doch!

Verstanden?

Wir gehen mal davon aus, dass der Modus so weit klar ist. Also checkt ab Freitag laufend unsere Social-Media-Kanäle und stimmt ab!

Möge das beste Lied gewinnen!

Aug 072020
 

[Ergänzung, 14. August: Wir hatten in diesem Beitrag ursprünglich geschrieben, dass Oke in der DFL-Versammlung für das Aussetzen der Stehplätze gestimmt hat, da wir aufgrund der Medienmitteilungen davon ausgegangen waren. Wie er uns selbst informiert hat, hat er jedoch bei diesem Punkt dagegen gestimmt und sich dafür eingesetzt, dass Stehplätze zugelassen werden. Wir ändern den Text unten nicht, lest unseren Absatz dazu jedoch bitte mit dem entsprechenden Wissen.]

Wir hatten in diesem Blog bisher viel Verständnis für die Weiterführung der letzten Saison, für die Sicherheitsmaßnahmen, für die Spiele ohne Zuschauer*innen gezeigt. 13 von 36 Vereinen waren in ihrer Existenz bedroht, die Politik machte indirekten Druck weiterzuspielen, und durch die hohe Abhängigkeit von den Medienpartnern gab es nur wenige Auswege.

Damals und seitdem wird immer wieder betont, wie vorbildlich sich die Fans verhalten hätten, wie schade es sei, dass sie nicht ins Stadion könnten und wie sie ein essenzieller Teil des Fußballs seien. Naja, mit einigen wenigen Ausnahme. Aber Uli ist ja nun nicht der einzige verwirrte alte Mann.

Nun gab es Mittwoch eine Reihe von DFL-Beschlüssen, die die Rahmenbedingungen für die ersten Spiele der neuen Saison geschaffen haben. Wir wollen das gerne noch mal etwas neuer betrachten. Vor allem die Beschlüsse allgemein. Aber auch den FCSP betrachten wir.

Die Beschlüsse der DFL

Ausschluss von Gästefans

Es ist schön, dass in dem Absatz, in dem Gästefans ausgeschlossen werden, erst mal mit einem expliziten Bekenntnis zu Gästefans gestartet wird. Davon haben wir aber alle nichts, wenn dann im nächsten Schritt pauschal entschieden wird, dass Gästefans bis Ende des Jahres nicht zugelassen werden. Begründet wird dies mit Verringerung der Reisetätigkeit.
Die DFL macht es sich hier verdammt einfach.

  • Was ist mit Gästefans, die am Spielort der Heimmannschaft wohnen? Die müssten nicht reisen, da ist das Argument hinfällig.
  • Was ist mit Fans der Heimmannschaft, die am anderen Ende Deutschlands wohnen und die zu den Spielen ihrer Mannschaft anreisen?
  • Was ist mit Derbys? Die ja nun mehrfach auch in einem sehr engen Einzugsgebiet stattfinden (Dortmund-Schalke, Union-Hertha, FCSP-H$V). Spätestens da ist das Argument doch ad absurdum geführt.
  • Warum nimmt man als DFL nicht noch Verhandlungsmasse mit in die Gespräche mit den Behörden, statt mit vorauseilendem Gehorsam zu agieren? Die Behörden, die nebenbei das Reeperbahnfestival 2020 in Hamburg immer noch durchführen lassen wollen.
  • Und bei den insgesamten Zulassungszahlen in die Stadien sprechen wir hier dann von einer fünfstelligen Anzahl von Reisenden. Die Junggesellenabschiede aufm Kiez freuen sich, dass immerhin die Bahnen bei der Anfahrt leer sind.

Klar ist Minimierung des Infektionsrisikos nach wie vor oberste Priorität. Und wie bei vielen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ist offenbar der Hintergedanke, es lieber unterkomplex zu formulieren, um es einfacher durchfühen und vermitteln zu können, als maßgeschneiderte, möglicherweise zu komplexe Lösungen zu finden. Aber aus unserer Sicht hätte es da durchaus sinnvolle Kompromissvorschläge gegeben, die das Bekenntnis zu Gästefans über den Status des Lippenbekenntnisses hinaus gingen ließe. 

Wieso führt man nicht eine Umkreis-Regelung ein? Gästefans, die im Umkreis von x Kilometern um das Stadion leben, dürfen Tickets für den Gästeblock erwerben. Warum traut man den Fußballfans, die man sonst gerne für ihr tolles Verhalten lobt, nicht einfach mal zu, verantwortungsvoll zu handeln? Warum fängt man nicht mit sehr kleinen Kontingenten an? Von uns aus mit 1-2 (symbolischen) Prozent. Die aber eben genau das Bekenntnis dann auch in die Realität umwandeln. Und die in der pandemischen Gesamtlage aus unserer Sicht sehr gut vertretbar wären. Wenn man denn sowieso vor Zuschauer*innen spielen will.

Ausschluss von Stehplätzen

Mindestens bis zum 31.10.2020 sollen ebenfalls alle Stehplätze nicht besetzt werden. Das macht für zwei Vereine besonders viel Probleme: Den FC Union, der ja vor Wochen mit dem Vollauslastungsthema vorgeprescht war und seitdem wenig zu dem Thema verlauten ließ, und den FC St. Pauli. 
Konsequenterweise hat der FCU-Präsident gestern dann entsprechend auch gegen diesen Beschluss gestimmt. Oke, als Vertreter des FCSP, hat nach „teilweise kontroversen Auseinandersetzungen“ für diesen Antrag gestimmt.

Jetzt mal ehrlich: Die DFL beschließt mit einfacher Mehrheit bei solchen Themen. Oder anders gesagt: Eine zweite Nein-Stimme hätte den Gesamtbeschluss nicht ins Wanken gebracht, sondern wäre ein Signal gewesen, dass nicht alles einfach so angenommen wird. So hat das ganz ehrlich einen Beigeschmack von Menschen, die sich ihre eigenen Henker*innen aussuchen.

Klar hat Oke als FCSP-Vertreter und als Mitglied des DFL-Präsidiums da eine Sonderrolle, wenn er als Teil dieses DFL-Präsidiums diesen Vorschlag einbringt. Aber er sitzt da aus unserer Sicht immer noch primär für den FCSP und vertritt unsere Interessen – die mit diesem Beschluss aus unserer Sicht eben nicht bestmöglich vertreten sind.
So hätte es auch hier insgesamt – statt der pauschalen Ablehnung – wieder Modelle geben können, in denen man ganz klein anfängt und die Zahl schrittweise erhöht. Es gibt noch Testspiele, in denen man solche Abläufe in kleinem Rahmen hätte testen können. 

Für uns hat diese pauschale Ablehnung ganz schön viele Elemente von generellem Misstrauen gegenüber den aktiven Fanszenen. Und gerade die haben das in den letzten Monaten wirklich nicht verdient, mit einen wenigen Ausnahmen. Aber von einem pauschalen Spielerfrauenausschluss haben wir nach den Geschehnissen in der Relegation in Heidenheim bisher noch nichts gehört. Waren die doch ein größeres Gesundheitsrisiko als die aktiven Fanszenen.

Auch hier wieder (Lippen-)Bekenntnisse zu Stehplätzen. Und selbst wenn man nicht glaubt, dass dies nur Lippenbekenntnisse sind, dann fangt da doch in kleinem Rahmen an und erweitert dann. Aber schließt es eben nicht pauschal aus.

Es ist im übrigen auch klar, dass dies einzelne Vereine finanziell deutlich härter trifft als andere. In einer echten Solidargemeinschaft würde man da finanzielle Modelle finden, die diese übermäßigen Verluste einzelner ausgleichen. Die sind ja nicht selbstverschuldet, sondern in der pandemischen Lage – und eben auch im Beschluss einer Solidargemeinschaft begründet.
Ja, wir träumen vielleicht ein wenig. Aber wenn ein anderer Fußball möglich sein soll, dann muss man auch solche Gedanken mal in die Debatte einbringen.

Alkoholverbot

Es ist im Fußballkontext nichts Neues, das zur Verminderung von vermeintlichen Sicherheitsrisiken im Stadion der Ausschank von Alkohol verboten wird. Es ist unbestreitbar, dass (ausschweifender) Alkoholkonsum in gewissen Situationen und bei einigen Personen zu erhöhter Aggressivität führt. Wir trinken manchmal gar nichts vor und während Spielen (Dresden, Derbys, Fahrer*innen), haben aber auch nichts gegen 1-2 Biere. Wir wissen, dass es gerade für ehemals Alkoholabhängige auch nicht immer einfach ist, wenn um sie rum viel getrunken wird. Und das Thema Alkoholwerbung und Formen des Ausschanks wurde ja nun auf der letzten MV auch kontrovers diskutiert.

Und mit all diesem vorweg fragen wir uns auch hier: Warum schließt man das pauschal aus? Glaubt ihr wirklich, dass die Heimfans in Sandhausen dann megamäßig nach dem ersten Bier eskalieren? 
Und klar gibt’s in Hamburg zum Beispiel die Regelung mit den Großveranstaltungen, die mit mehr Menschen durchgeführt werden dürfen, wenn man keinen Alkohol ausschenkt. Aber damit wären wir wieder bei dem Thema der Verhandlungsmasse. 
Und klar kommt schon der erste Hardliner, der das für immer fordert. Komplett überraschend natürlich. „Ehemaliger Kunstturner“ ist da echt nur noch die Kirsche auf der Torte. No shame, beim Kunstturnen kann er gerne seine Limo trinken.

Und das ist dann halt wieder das Problem: Auch wenn die DFL hier gerade immer betont, dies seien temporäre Maßnahmen, freut sich doch jede*r Hardliner*in weltweit, dass sie jetzt endlich die perfekten Präzedenzfälle haben, ihren Forderungen noch mehr Gehör zu verschaffen. Und das schaffst du durch Lippenbekenntnisse halt nicht aus der Welt.

Wir gehen mal davon aus, dass wir bei den Spielen eher weniger Pyro und eher weniger Banner, die Milliardäre beleidigen, sehen werden. Wir freuen uns jetzt schon auf die tollen Debattenbeiträge, die diese Sicherheitsmaßnahmen dann auch schön genau damit begründen. 

Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten

„Die Proficlubs verpflichten sich, bei ihren Spielen sicherzustellen, dass im Fall von Infektionen die Identität und Kontaktdaten möglicher und eventuell betroffener Stadionbesucher ermittelt werden können“, steht in der Veröffentlichung so schön. Das ist immerhin noch auslegbar geschrieben, sodass diese Kontaktdaten „ermittelt“ werden können. Namentliche Registrierung aller Stadionbesucher*innen ist ja seit langem eine Kernforderung der Hardliner*innen. Während man dies zumindest in dem Beschluss nicht verpflichtend macht.
Aus unserer Sicht aber auch absolut richtig, da grundsätzlich Lösungen zu haben. Infektionsketten müssen nachvollziehbar sein. Und die Polizei darf dann gerne aufhören, diese Daten für eigene Zwecke zu missbrauchen.

Der Zeithorizont

Glaubt hier eigentlich irgendjemand ernsthaft, dass Gästefans dann ab dem 31.12.2020 wieder zugelassen werden? Dass ab dem 31.10. wieder Stehplätze geöffnet werden und Alkohol ausgeschenkt wird?

Stand jetzt sehen wir keine signifikante Entwicklung in der gesamten pandemischen Lage rund um das Coronavirus, die dies realistisch macht. Und wahrscheinlich wissen das auch die Entscheider (sind ja keine Frauen dabei, müssen wir nicht gendern) bei der DFL ganz genau. Salamitaktik nennt man das. Oder Hinhaltetaktik. Oder Verarschen. Schön, wie die Fans immer so schon gelobt werden, wie toll und vorbildlich sie das alles mitmachen, wenn man dann im nächsten Schritt wieder nicht ehrlich zu ihnen ist. Dann sagt doch lieber klar, dass ihr unbedingt Fußball spielen wollt, dass das eben nicht mit Fans geht und dass das so priorisiert wird. Stattdessen immer wieder schön geartetete Erklärungen, wie toll Fans seien. Um dann aber nicht ehrlich und offen mit der gesamten Lage umzugehen. Da nehmen wir dann auch Oke nicht aus: 

Wir wissen sehr genau, wie schwer dies auch vor unserem Verständnis von einem begeisternden Stadionerlebnis wiegt, weswegen für den FC St. Pauli die zeitliche Begrenzung der Maßnahmen bis zum 31. Oktober beziehungsweise bis zum 31. Dezember von großer Bedeutung ist, um auch dem Eindruck zu widersprechen, dass es sich um die schleichende Einführung dieser Maßnahmen für einen längerfristigen Zeitraum handelt.

Zitat von der Vereinshomepage

Denn auch er muss doch wissen, dass das eben zu den genannten Zeiträumen im Kontext der gesamten pandemischen Lage nicht zu Ende sein wird. Und dass dann plötzlich auf unsere obigen Vorschläge gehört wird, möchten wir zumindest mal sehr stark bezweifeln. Gut, dass es den grundlegenden Widerspruch zur schleichenden Einführung gibt. Uns ist das aber echt nicht genug.

Vorauseilender Gehorsam

Die ganzen Beschlüsse der DFL sind unter der Prämisse beschlossen, dass für die jeweils lokale Durchführung dann die Behörden vor Ort verantwortlich sind. Quasi als eine Art gemeinsamer Pakt, mit dem man jetzt verhandeln will. Und wir sind zwiegespalten, ob und wie klug wir dieses Mitziehen des FCSP finden: 

Einerseits verhindert man so natürlich Vorpreschen wir das bei Brause Leipzig, sondern legt zumindest einige gemeinsame Leitplanken fest. Andererseits lassen die Leitplanken dir dann vor Ort aber quasi keinen Spielraum mehr, und kommen eher den Hardliner*innen und denen, die aktive Fanszenen lieber gestern als heute gänzlich ausschließen würde, zugute. Da möchten wir doch mal anzweifeln, ob wir dieses Spiel wirklich von vorne bis hinten mitspielen müssen. Klar ist, dass wir als Verein eine DFL-Entscheidung mittragen müssen, wenn wir in diesem Verbund spielen wollen. Klar ist aber auch, dass unsere Gegenstimme mehr Pluralität in den Diskurs gebracht hätte. Das hätte dem Diskurs aus unserer Sicht gut getan. Und es hätte uns als FCSP gut zu Gesicht gestanden.

Ist es das alles wert?

Klar ist, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten nicht mit einem auch nur annähernd normalen Stadionerlebnis rechnen können. Es herrscht eine pandemische Lage, die wir in Deutschland – stand jetzt – einigermaßen unter Kontrolle haben. Aber die Lage ist höchst fragil und wurde gestern vom Präsidenten des Weltärztebundes als Dauerwelle bezeichnet. 

In Hamburg sind deshalb Großveranstaltungen (ohne Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten) mit mehr als 1000 Menschen noch bis zum 31.10.2020 verboten. In NRW können sogar Veranstaltungen mit über 100 Menschen nur unter starken Auflagen durchgeführt werden. In Bayern sind Großveranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 400 Menschen möglich.
Die allermeisten Fußballstadien umfassen auch bei einer Teilauslastung eine deutlich größere Zahl von Menschen als die oben genannten Beispiele. Ausnahmen bestätigen die Regel. Gruß nach Wolfsburg.

Bereits bei Wiederanpfiff der Liga waren wir durchaus kritisch, auch ob der Sonderposition, die der Fußball für sich beanspruchte. In unserem (Nicht-Fußball-)Umfeld war die Kritik schon im Mai sehr laut. Kitas waren noch zu, Fußball sollte unbedingt wieder gespielt werden. Verständnis war da wenig zu sehen. Und dafür haben wir viel Verständnis.
Haben die Spiele kurz nach Wiederanpfiff noch hohe Zahlen von Zuschauer*innen vor die Bildschirme geholt, so ist diese Zahl kontinuierlich gesunken. Klar kann man das mit der unspannenden Meisterschaft begründen. Nachdem wir jetzt aber immer mal wieder Fußballspiele auch außerhalb der Bundesliga geschaut haben, können wir nur feststellen, dass einfach jegliche Emotion fehlt. 
Und damit kommt auch jeglicher Spaß abhanden, wenn keine Fans in den Stadien sind. Und machen wir uns nichts vor: Die Stimmung wird auch mit einigen Tausend im Stadion sitzenden Menschen nicht besser.

Immer wieder hören wir, dass die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs betont wird. Aber ist es wirklich das Verantwortlichste, einfach immer weiter zu spielen? Oder eben einfach mal den Pauseknopf zu drücken, bis das alles wieder „normal“ losgehen kann? Wenn wir uns das Weltgeschehen und die Einschränkungen allerorten so ansehen, kommt uns Fußball manchmal immer noch wahnsinnig trivial, ja fast überflüssig vor.

Aber da liegt das Problem dann auch ein bisschen im System. Das Präsidium des FCSP haftet – eben auch mit dem Privatvermögen – dafür, dass es im (finanziell) besten Sinne des Vereins agiert. Und der Betrachtungszeitraum für juristische Entlastungen ist da dann eben immer ein Jahr, nicht die langfristigen Auswirkungen einer möglichen Entscheidung pro oder contra weiterspielen. Und kurzfristig ist weiterspielen in diesem Kontext die “sicherere” Entscheidung.

Aber wäre es als FCSP nicht genau unsere Rolle, das Spiel eben mal nicht mehr mitzuspielen? Stattdessen „Halt stopp“ zu sagen? „Halt stopp. Macht es unter diesen Rahmenbedingungen wirklich Sinn, zu spielen?“ „Halt stopp. Sind Spiele ohne Gästefans und ohne Stehplätze es wirklich wert?“ „Halt stopp. Wir bedanken uns immer fleißig bei den Fans. Aber beziehen wir wirklich ihre Interessen und Belange ein?“

Wir sind uns da zumindest nicht sicher. 

Aug 072020
 

Menschen machen Fehler. Jeden Tag. Das ist so, und mal mehr und mal weniger ein Problem. 

Wenn wir hier im Blog einen Fehler machen und zum Beispiel ein Wort falsch schreiben, dann ist das nicht schlimm und die Konsequenzen des ganzen sind quasi nicht existent. 

Wenn eine Pilotin einen Fehler macht und deswegen ein Flugzeug abstürzt, dann ist das deutlich problematischer. Aber auch bei der Pilotin kann man nicht 100-prozentig ausschließen, dass sie Fehler macht. Und deswegen gibt es Sicherungssysteme, die menschliche Fehler minimieren sollen. Ein vielgenutztes Modell hierfür ist das Schweizer-Käse-Modell. Ja, das heißt wirklich so. 
Die Löcher im Käse sind mögliche Lücken in Sicherungssystemen, die bei Durchbrechen zu schwerwiegenden Fehlern führen können. Durch das Hintereinanderschalten von vielen Käsescheiben (sprich Kontrollsystemen zur Fehlerminimierung) können bewusste und unbewusste Fehler zwar nach wie vor passieren. Dann aber eben nicht zu schlimmen Folgen führen, sondern diese durch die Kontrollsysteme verhindert werden, bevor sie Schaden anrichten.

Eine Art dieses Kontrollsystems hier im Kollektiv ist, dass Artikel vor der Publikation immer von mehreren gelesen werden. Weil es einfach die Wahrscheinlichkeit von Rechtschreibfehlern verringert. Im Flugzeugkontext oder auch in der Medizin gibt es viele Trainings, die Fehlerentstehung insgesamt minimieren sollen. Und dann eben die genannten Kontrollsysteme, die verhindern sollen, dass Fehler schwerwiegende Folgen mit sich bringen: Checklisten, um sicherzugehen, dass vorm Start alles korrekt überprüft wurde, Messinstrumente, die unnatürliche Veränderungen (beispielsweise Druckabfall oder Höhenverlust) sofort an die Pilotin melden. Und vieles weiteres.

Das Ausmaß der Folgen eines Fehlers durch Veröffentlichung einer doofen neuen Kollektion beim FCSP befindet sich zwischen Rechtschreibfehler und Flugzeugabsturz. Deutlich näher dran am Rechtschreibfehler.

Was ist an der Kollektion problematisch?

Auch in den vergangenen Jahren waren wir nicht immer nur glücklich mit den Kollektionen beim FCSP. Und wir haben unter Braun-weiße Rosablau-Falle und Marketing & Vertrieb: Ein Boysclub auch schon über die jeweiligen Probleme gebloggt. 

Nun also eine neue Kollektion, betitelt mit „Business“. Nicht unser Ding, die Kollektion an sich. Aber wir müssen ja auch nicht alles kaufen. Bzw. kaufen unsere Sachen sowieso größtenteils im Fanladen. In unserem Umfeld gab es alle Meinungen zwischen „als ob das jemand zum wirklichen Business-Termin anziehen würde“ und „ich wollte immer schon mal einen schickeren Pulli mit Totenkopf“.  Wir haben dem Verein einige Nachfragen geschickt, die dankenswerterweise beantwortet wurden und die wir hier mit Genehmigung auszugweise veröffentlichen: 

Grundsätzlich sei angemerkt, dass eine Kollektion in dieser Art derart oft angefragt wurde, dass wir der hohen Nachfrage nachgekommen sind – wobei schwerpunktmäßig Frauen bei der Entwicklung beteiligt waren.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Es scheint also Bedarf gegeben haben.

Wir fragen uns ja trotzdem, ob wir als Sportverein wirklich so viel Merch rausbringen müssen, der nun wirklich nichts mehr mit dem originären Thema an sich zu tun hat. Und ob wir überhaupt auf Bitten in diesem Umfeld reagieren sollten. Klar, die Menschen, die bei uns den Merch verantworten, denken da eher im wirtschaftlichen Sinn und wollen möglichst viel verkaufen. Und das macht man, wenn man Kund*inneninteressen trifft.

Aber passt das auch zu uns als Verein?

Mit dem Totenkopf transportieren Leute, dass sie hinter den Werten des FCSP stehen, und wir tragen unsere wichtigen Positionen so in die Welt. Aber spätestens wenn rechte Rapper wie Chris Ares auf Fotos bei solchen Facebookposts den Totenkopf tragen, kannste dir halt alles sparen. Und ja, uns ist klar, dass das niemand im Verein toll findet und etwas dafür kann. Aber es passiert halt trotzdem. Und umso mehr, umso mehr Produkte wir in die Welt ballern.

Aber das ist ja auch nicht das eigentliche Problem. Sondern dass die Kollektion, die wohl unisex ist, nur mit männlichen Models geshootet wurde:

Die Kritik an der Businesskollektion ist absolut berechtigt. Die Bezeichnung der Kollektion ist natürlich unangemessen, denn die Tatsache, eine Businesskollektion nur mit Männerartikeln anzubieten, schließt Frauen* aus dieser „Businesswelt“ aus. Da müssen wir uns hinterfragen, warum unsere Korrekturprozesse bei der Benennung nicht funktioniert haben. […] Die Kollektion haben wir umgehend von der Seite genommen und wir werden zeitnah Fotos von den Artikeln, die unisex getragen werden können, mit Frauen nachproduzieren lassen.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Frauen verdienen in Deutschland 21 Prozent weniger als Männer, der Frauenanteil bei DAX-Vorständen ist 14.7 Prozent, die Rente bei Frauen über 65 ist um 46 Prozent niedriger als die von Männern. Und genau diese Realität wurde mit der ersten Darstellung der Kollektion verfestigt. Und das passt einfach nicht zu diesem Verein, wie wir ihn leben und lieben. Der die „Förderung von Frauen in den Gremien“ bei der letzten Mitgliederversammlung beschlossen hat.

Gut und wichtig, dass die ersten Hinweise, dann immerhin zu sofortiger Reaktion geführt haben. Vor zwei Jahren war das noch anders. Aber solche Sachen dürfen gar nicht erst passieren.

Zurück zu den Käsescheiben

Oben schreiben die Verantwortlichen:

Da müssen wir uns hinterfragen, warum unsere Korrekturprozesse bei der Benennung nicht funktioniert haben.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Und genau das ist das Thema. Ein Fehler kann passieren, das ist menschlich. Aber man muss eben Sicherungssysteme einbauen, die den dann noch finden, bevor er öffentlich wird. 

Es gab in der Vergangenheit Beschwerden zu falsch geschnittenen Frauenkollektionen, kleinen Größen, Farbgebungen und Mackersprüchen auf Shirts. Und hinter all diesen Themen steht, dass die Kollektionen häufig noch in binären, sexistischen Denkmustern entstehen. Und dieses Problem wurde in den Korrekturprozessen oben anscheinend immer noch nicht genug berücksichtigt, sodass diese Art von Fehler wieder passieren konnte. Es wäre gut und sehr wichtig, wenn dieses Thema umfassend verstanden und angegangen wird. 

Wir sind jetzt mal hoffnungslose Optimist*innen und hoffen auf schnellen Einbau dieser Sicherungssysteme. So wurde ja auch auf anderes Feedback gehört und beispielsweise anderes an den Kollektionen nach dem Feedback angepasst:

Demzufolge sehen wir zukünftig von engen, super taillierten Schnitten ab. Zudem nehmen wir für die Saison 2021 die Größe XXL für Frauen ins Sortiment auf. Eine entsprechende Planung für das kommende Jahr ist bereits abgeschlossen, die Vororder startet Mitte August.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Wir haben jedenfalls auch überhaupt keine Lust, uns regelmäßig über die Kollektionen zu ärgern. Aber es passieren halt doch immer wieder Dinge, auf die wir aufmerksam machen müssen.

Aug 032020
 

Verein und Fanladen haben am Freitag ein Positionspapier “Neuer Fußball” als Resultat der AG “Neuer Fußball” veröffentlicht. 

Wir können uns dem Papier inhaltlich allergrößtenteils anschließen, von wenigen unscharfen Formulierungen und einigen vielleicht zu vagen Passagen abgesehen. Es ist viel wichtiger, etwas in Bewegung zu setzen, auch wenn es hier und da Diskussionsbedarf nach sich zieht, als sich viel zu lange an Kleinigkeiten aufzureiben, damit das Ergebnis möglichst makellos würde.

Unsere Sicht auf das Positionspapier

Einiges mussten wir mehrfach lesen, wie z.B. “Privatisierung der Gewinne aus dem Fußballgeschäft“ vs. „Vergemeinschaftung der Kosten zulasten der Steuerzahler*innen“, gemeint ist hier in unserem Verständnis, dass Gewinne gerne mal an einige wenige fließen – beispielsweise in Form von hohen Prämien bei Gewinnen. Oder auch an mehrere in Form von Dividenden an Aktionär*innen. Wenn’s dann aber finanziell nicht so gut läuft, bezahlt die Sozialgemeinschaft gerne mal Stadien (Gruß nach Kaiserslautern) oder bürgt gleich für einen Verein, der sich selbst als „ganz normales Wirtschaftsunternehmen“ bezeichnet (Gruß nach Gelsenkirchen).

Einiges liest sich auf den ersten Blick komisch, bei „Externe Zuflüsse ohne entsprechende Gegenleistungen, wie Stimmenmehrheiten, sollen vermieden werden“ fehlt vermutlich noch mal der direkte Bezug zu 50+1 als sowieso unumrüttelbarer Eckpfeiler.

Gerade im Bereich „Risikomanagement“ wäre es aus unserer Sicht total geschickt gewesen, etwas tiefer einzusteigen. Da ja dieser Bereich gerade zum Problem für uns alle geworden ist – und da wäre dann auch die explizite Lösung über Rücklagenbildung aus unserer Sicht gut gewesen.

Schade aus unserer Sicht ebenso, dass das Thema “Mitglieder in Vereinen” nur recht oberflächlich betrachtet wurde, auch da hätte es noch Potential gegeben, einmal, um die absurden Konstrukte wie in Leipzig abzuwatschen, andererseits weil es da auch noch mehr Themen gegeben hätte, die man gerade als FC St. Pauli auch mal lautstärker in den Ligenverbund treiben könnte.

Und zum ganzen Komplex “Fernsehgelder” & gerechterer Verteilung kommt hier demnächst auch noch mal so ein bisschen mehr hier im Blog. Es sei so viel gesagt, dass “immer mehr Geld reinbuttern, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt” auf jeden Fall nicht klappt. Irgendein Scheich, der das dann ganz schnell wieder verdoppelt, findet sich nämlich überall. Und auch: Dass Kalle und Uli da gerade so viel über Reformideen im Bereich Fernsehgelder schimpfen ist auch nur davon geprägt, dass die realisieren, dass sie Teil einer kleiner werdenden Gruppe sind, die den Status Quo gut finden & beibehalten wollen. Auffällig und gut, dass sich eben auch andere Mitglieder des DFL-Präsidiums, welches über die Fernsehgelder entscheidet, sich schon sehr explizit für eine Reform ausgesprochen haben. Und diese Entscheidung wird aus unserer Sicht eine wirklich wegweisende werden.

Wer ist die AG ”Neuer Fußball”?

Allerdings möchten wir mal ein anderes Thema beleuchten, welches uns in der Entstehungsgeschichte aufgefallen ist. Das legt jetzt so ein bisschen den Finger in die Wunde, sollte aber gerade im Kontext der inhaltlichen Forderungen des Papiers auch nicht außer Acht gelassen werden.
Die AG „Neuer Fußball“ besteht aus ”Vertreter*innen der organisierten Fanszene und des Fanladens“, so lesen wir in dem Begleittext zu dem veröffentlichten Papier. Und genau hier wollen wir ansetzen:

Rund um den FCSP gibt es eine Vielzahl von Initiativen, Bündnissen und Gruppierungen, die wir irgendwann in diesem Blog mal versucht haben, transparent aufzulisten, und dann ehrlicherweise daran gescheitert sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich rund um den FCSP eine Vielzahl von Gruppierungen gibt, die sich mal öffentlicher darstellen und in anderen Fällen eher nicht bekannt sind. 
Sei es nun das (mittlerweile eher inaktive) Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus, der AK Refugees Welcome oder das Netzwerk Gegengerade, der Fanclubsprecherrat oder der Ständige Fanausschuss.

Gemein ist diesen Aufgezählten, dass es eine direkte Möglichkeit gibt, diese jeweiligen Gruppierungen per Mail oder anderweitig zu kontaktieren und man sich auf den verlinkten Seiten zumindest einen ersten Überblick über diese machen kann.

Die AG ”Neuer Fußball” tritt zum ersten Mal im Kontext des veröffentlichten Positionspapiers auf und war zumindest uns bisher nicht explizit öffentlich bekannt. Eine Google-Suche zu “AG Neuer Fußball” führt dann als erstes in die Vorstadt, aber das ist noch mal eine andere Geschichte. 

Wir wissen nun, dass diese AG teilweise über den Fanladen koordiniert wird (das steht da) und dass der Ständige Fanausschuss (STFA) involviert ist (das wurde uns auf Nachfrage mitgeteilt). Ebenso wissen wir, dass sich die Teilnehmer*innen über genau diese Wege durch Ansprechen zusammengefunden haben. 

Was aber auch aufzeigt, wer unseres Verständnisses nach nicht stark involviert war: der Fanclubsprecherrat (FCSR) – als gewählte Vertretung der Fanclubs. Oder sie waren es und stehen dann aus unbekannten Gründen nicht als Unterzeichner*innen mit dabei. Vereinseitig war das Präsidium involviert, es fehlen in der Aufzählung: der Aufsichtsrat und die AFM als Vertreterin der passiven (zumeist fußballschauenden) Mitglieder.

Wie sagte eine kluge Person kürzlich: “Fanvertretungen beim FCSP kann man nur abendfüllend erklären”. Oder könnt ihr uns auf Anhieb erklären, was den FCSR vom STFA unterscheidet? Wer eigentlich alles gerade als Person bzw. als Gremium im STFA sitzt? Und wie man da reinkommt? Und wenn man reinwill, müssen die existenten Mitglieder zustimmen. Das hat sicher gute Gründe. Birgt dann aber eben auch Probleme. Ein paar Infos gibt’s oben auf der verlinkten Seite, mehr dann aber auch nicht. Und klar kann man wie beschrieben den Fanladen fragen – aber gerade in den letzten Wochen musste man bedingt durch Corona dazu eben ‘ne Mail schreiben oder das Telefon in die Hand nehmen, und konnte nicht mal ebenso auf eine Spezi vorbeikommen. Das ist ein Hürde für Menschen, das dürfen wir hier einfach nicht vergessen.

Nun gibt es mit Sicherheit Menschen, die sich zur aktiven Fanszene des FCSP zählen würden (was ja nun mal auch keine Mitgliedschaft ist, die man sich durch ein Aufnahmeritual erwirbt, sondern eine heterogene Gruppe von Menschen), die bis heute nichts von dieser AG und diesem Reformpapier gehört haben. Die aber interessiert gewesen wären, mitzuarbeiten – und die wahrscheinlich auch kluge Inhalte beizutragen gehabt hätten. Diese konnten sich aber nicht beteiligen, und das ist doof.

Das Maß zwischen offener Diskussion und “Überraschungseffekt”

Es ist klar, dass eine Debatte über “Neuen Fußball” in der aktuellen politischen Lage rund um den Profifußball nicht komplett öffentlich geführt werden kann. Die Veröffentlichung des Papiers kurz vor der DFL-Mitgliederversammlung ist mit Sicherheit bewusst gewählt. Stichwort: Überraschungseffekt.
Und wenn man diesen erreichen will, kann man natürlich auch nicht zu einer öffentlichen (Zoom-)Veranstaltung namens “DFL & DFB reformieren: Wo würdet ihr ansetzen” einladen. Und natürlich werden solche Diskussionen mit mehr Menschen auch immer aufwändiger und man muss ein gutes Maß zwischen “arbeitsfähig sein” und “möglichst viele mitmachen lassen” finden. Aber ein gewisses Geschmäckle von “Hinterzimmerentscheidung” bleibt hier.

Aber gibt es nicht einen Zwischenweg? 

Im Mai hat z. B. eine Onlineveranstaltung der “(M)ein Verein”-Reihe zum Thema Geisterspiele stattgefunden. In dieser wurde über die Arbeitsgruppe berichtet und in verschiedenen Kleingruppen dazu diskutiert. Wir haben teilweise auch an dieser Veranstaltung teilgenommen. In einigen Kleingruppen ging es dann explizit um das hier besprochene Positionspapier, in anderen stärker um die grundlegende Situation rund um die Geisterspiele. Die Veranstaltung war nicht öffentlich beworben, sondern Menschen wurden persönlich eingeladen. Solch eine Veranstaltung wäre aber doch ein tolles Mittel gewesen, eine breitere Basis der Fans und Mitglieder rund um den Verein über diese Gruppe zu informieren, und auch expliziter zur Mitarbeit aufzurufen. 

Weitere Ideen, die uns so auf die Schnelle kommen: Nutzung des FCSR-Verteilers, um die Fanclubs direkt anzusprechen. Einladungen zu (Online-)Veranstaltungen um Teilaspekte zu besprechen und ggf. hieraus Mitwirkende zu akquirieren. Ansprechen der anderen aktiven Gruppierungen und AKs, ob es dort Interesse an der Mitarbeit gibt. Hinweis auf die Arbeitsgemeinschaft im Blickpunkt sowie die Kontaktmöglichkeit angeben. Einbeziehung weiterer gewählter Gremien z. B. Aufsichtsrat und AFM. 

All dies betrachten wir auch im Kontext der Forderung, die sich im Papier selbst wiederfindet:
“Der Fußball mit seiner Geschichte und den damit verbundenen Werten ist untrennbar mit dem Grundgedanken eines eingetragenen Vereins verbunden. Nur in dieser durch Mitglieder gestalteten Vereinskultur konnte der Fußball zu dem werden, was er größtenteils in Deutschland heute noch ist. Wenn wir von den wenigen Vereinen absehen, die dieses Prinzip umgehen, ist es auch heute noch die von der überwiegenden Mehrheit gelebte Praxis.
Das zentrale Element in einem Verein sind die Mitglieder. Nur wenn die Mitgliedschaft im Verein für alle bezahlbar ist, gibt es die Möglichkeit eines echten Vereinslebens, welches nicht nur formales Alibikonstrukt ist. Eine realistische Möglichkeit zur Mitbestimmung und Teilhabe eines jeden Mitglieds muss daher verpflichtender Inhalt des Lizenzierungsverfahrens und sogar bonifiziert werden, da das demokratische Wesen eines eingetragenen Vereins als Arbeit an der Gesellschaft wertzuschätzen ist”.
 (Hervorhebungen durch uns)

Gut sind diese Forderungen in jedem Fall. Und gerade deswegen finden wir es wichtig, auf den Bruch zwischen Forderung und eigenem Vorgehen bei der Erstellung des Papiers hinzuweisen: Wenn wir von Vereinen reden, dann reden wir in erster Linie von Mitgliedern. Diese waren hier nur indirekt über das Präsidium repräsentiert. Und klar: Viele der Mitwirkenden in der AG sind sicherlich auch Vereinsmitglieder. Aber eben nicht durch diesen als Mitarbeitende demokratisch legitimiert. (Und klar ist das Präsidium demokratisch legitimiert, aber dann hätten sie ja das Papier auch alleine schreiben können.)

Welche Möglichkeit zur Teilhabe hatten in diesem Fall Vereinsmitglieder, die nicht die richtigen Leute kennen bzw. von diesen gekannt werden?

Und wer spricht dann wieder?

Für Montag 16:00 Uhr ist laut NDR eine Pressekonferenz angesetzt, in der auch noch mal weitere Einblicke gewährleistet werden sollen.

Und wer spricht für den Verein? “Präsident Oke Göttlich, der Fanbeauftragte Sven Langner und Henning Rennekamp”. 

Wer spricht nicht? Die ebenfalls am Prozess beteiligten Frauen. Es mag gute Gründen dafür geben. Doof ist das trotzdem.

Schulle sagte gestern bei der Pressekonferenz vorm Trainingsstart, dass er “ständige Weiterentwicklung und mutig sein” von den neuen Co-Trainer und von den Spielern erwarten. Und wenn er “das ganz groß aufziehe, dann sollten wir das vom ganzen Verein erwarten“.

Wir als Kollektiv erwarten diese ständige Weiterentwicklung, auch und gerade in diesem Bereich. Und wir hören nicht auf, auf diese Themen hinzuweisen, bis sowas dann eben einfach nicht mehr passiert.

Unser Fazit

Eine immer wieder genannte Hürde, die Leute von mehr Engagement im Verein abhält ist, dass es für einzelne schwierig sei, das Konstrukt FCSP zu verstehen und nachzuvollziehen, wer wofür zuständig ist, und wie man hier “reinkommt”. Gerade im Kontext von Mitbestimmung und Partizipation ist es immens wichtig, diese bestehenden Hürden abzubauen und Menschen die Beteiligung so einfach wie möglich zu machen. Wenn wir das in dem Positionspapier von anderen fordern, dann sollten wir als Verein da als allererstes bei uns selbst beginnen.

Hinterher ist man immer schlauer, auch das ist klar. Deswegen versteht das bitte auf keinen Fall als Kritik an den einzelnen beteiligten Personen. Sondern vielmehr als Denkanstöße für uns alle, wie wir diesen “Neuen Fußball” auch im FCSP noch stärker leben können. Und dazu gehört es dann auch lange bestehende Konstrukte zu hinterfragen, Sachen anzusprechen, die nicht ideal laufen, und eben auch mal den Finger in die Wunde zu legen. 

Zu allerletzt: Vielen Dank an alle Beteiligten! Es ist gut und wichtig, dass der FCSP sich zu diesem Thema äußert und klare Position bezieht.

Unser Tag wird kommen.

Jul 212020
 

Letzte Woche wurden durch DFL und DFB ein Konzept vorgelegt, wie unter Corona-Bedingungen eine Teilzulassung von Zuschauer*innen ermöglicht werden kann. Und während wir einzelne Themen auf Twitter schon (teilweise eher hitzig) diskutierten, ist jetzt noch mal der Zeitpunkt für uns gekommen, das ganze zu betrachten. 

Infektionsschutz ist am allerwichtigsten

Wir hoffen und denken, dass alle Beteiligten sich hier einig sind. Eine Risikominimierung ist am allerwichtigsten. Wir haben Corona – Stand jetzt – einigermaßen unter Kontrolle in Deutschland. Und das muss unbedingt so bleiben. Wir sprechen durchaus regelmäßig mit Menschen, die im nicht-europäischen Ausland in Hot Spots leben. Und wir alle wollen darauf verzichten, sowas zu erleben.
Niemand von uns will, dass weitere Infektionsherde sich irgendwann auf den Fußball zurückführen lassen. Infektionsschutz ist oberstes Gebot. Und unter diesen Rahmenbedingungen betrachten wir auch alle weiteren Aspekte.

Wie viele Zuschauer*innen sind ok?

Wir fangen gleich mit der schwierigsten Frage an und ja, die Frage ist bewusst so formuliert. Als FCSP haben wie eine Sondersituation, weil unseres Wissens nach in der letzten Saison 17 von 18 Wettbewerbsheimspielen (im Heimbereich) ausverkauft waren. Wir haben nicht das Problem vieler anderer Erst- und Zweitligisten, die diesen Zustand nur bei vermeintlichen Spitzenspielen hinbekommen und sonst auch mal eher mit komplett leeren Tribünen aufwarten. 
Zudem sind bereits mehr als die Hälfte der maximal möglichen Plätze (ca. 15.500 von 29.546) Tickets verkauft. In anderen Worten: Selbst wenn wir ein reines Sitzplatzstadion hätten, könnten nicht alle Menschen, die ein Ticket gekauft hätten, rein. Maik hat im MillernTon berechnet, dass ca 8.400 Zuschauer*innen ins Stadion könnten, wenn man die Maximalbedingungen des Konzeptes zu Grund legt. Überschlagen heißt das, dass etwa die Hälfte der Menschen, die jetzt bereits ein Ticket haben, bei Maximalauslastung ins Stadion könn(t)en. Und da ist noch niemand mit „normalerweise Saisonabo“ eingeplant. Das viele Menschen auch in unserem Umfeld nutzen, weil sie eben nicht seit x Jahren auf der Dauerkartenwarteliste stehen.
Uns ist klar, dass es auch sonst immer eine No-Show-Rate gibt. Und dass auch wir unter unseren Fans Risikogruppen haben, die den Weg in größere Menschengruppen eher scheuen werden, so lange kein wirklich wirksamer Schutz gefunden ist. Aber wir wollen zumindest mal anzweifeln ob das 7.000 Menschen sind.

Und dabei ist dann auch ein Teilaspekt: Wir kennen Menschen, die sonst immer beim FCSP sind und unter diesen Bedingungen es aus gesundheitlichen Gründen einfach nicht machen können werden. Diese Menschen kommen in der Diskussion um eine Teilzulassung auch gefühlt leider gar nicht vor.

Alle oder kein*r

Es gibt Stimmen, die „alle oder keine*r“ sagen. Und wir können das emotional komplett nachvollziehen. Es wird kein Fußballerlebnis, wie wir das wollen. Vieles wurde bisher der Maxime „unbedingt weiterspielen“ untergeordnet. Die Fans in den Stadien, die Wochenende für Wochenende Fußball zu einem runden Ding machen, sind bisher komplett außenvorgelassen worden – wenn man von ein paar salbungsvollen Worten in deren Richtung absieht. Thema wurden sie erst, als sie dann an den letzten Spieltagen teilweise vor die Stadien kamen, sei es in Bielefeld, Stuttgart, Dresden oder Heidenheim. Nachdem die Vereine das stark befeuert hatten und es zuvor komplett ruhig geblieben war. Dies aber sowieso nur als Nebenbemerkung.

Und auch jetzt erscheinen sie eher als Beiwerk, um die Show auf jeden Fall weiterspielen zu lassen. Wir wissen um die wirtschaftlichen Zwänge. Aber die hätte man mit früherer und besserer finanzielle Vorbereitung auf gemeinschaftlicher Ebene auch deutlich besser abfedern können. Was nicht passiert ist. Und in Zukunft unbedingt passieren muss. 

Nun sind wir aber in dieser Lage, die nach wie vor für viele Vereine in erster und zweiter Liga existenzbedrohend ist. Und vor allem, bzw. eher für die e.V.-Vereine und nicht die Glitzerprodukte aus Wolfsburg, Leverkusen oder Leipzig. Die dann im Fall von VW mal eben und schön Kurzarbeit einführen (Geld der Sozialgemeinschaft), um im nächsten Schritt dann potentiell dem VfL wieder schön Geld reinzuspritzen. Kapitalismus, so geil, ne? Zu RedBull schreiben wir nichts, der Hausjurist liest solche Texte nicht und wir wissen nur, dass das wahrscheinlich justitiabel wäre.

Auf jeden Fall befinden wir uns jetzt in der Lage, dass gespielt werden „muss“, um die wirtschaftliche Insolvenz zahlreicher Vereine zu verhindern.
Wir persönlich haben eher keine Lust auf Spiele mit halbleeren Stadien, Sicherheitsabstand und ohne organisierten Support. Und diese Aussage ist eine maximale Untertreibung. Zum Fußball gehört für uns die Enge auf den Stehplätzen, der Support, das Gemeinschaftserlebnis. Das sich unter Corona-Bedingungen nur schwer einstellen wird. Und auch das ist maximale Untertreibung.

ABER: In unserem 2009 erarbeiteten Leitbild des FCSP steht auch: 
„Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Fans. Jeder kann sein Fansein nach eigenem Gutdünken ausleben, solange dies nicht gegen o.g. Bestimmungen verstößt.“

Und das heißt auch, dass wir – nur weil Du und ich darauf eher geringen Bock haben – anderen nicht das Recht absprechen sollten, das Spiel so zu erleben, wie sie das wollen. Und wenn Leute auf Fußball im Stadion unter diesen Rahmenbedingungen Lust haben, steht es uns nicht zu, ihnen das nicht möglich zu machen, wenn es grundsätzlich möglich ist.
Zumal: Wir sind uns auch nicht sicher, was wir machen, wenn denn irgendwann die Frage kommt, ob wir ins Stadion wollen, oder ob wir unseren Anspruch nicht geltend machen wollen. 
Wir sind jedenfalls froh, dass bei uns bisher noch keine Debatte, um Stadionblockierung aufgekommen ist – und können unter diesen Bedingungen auch wirklich drauf verzichten.

Aufpassen!

In der der Debatte um die Rahmenbedingungen kommen viele Themen auf, die wir – aus gutem Grund – bisher pauschal für den FCSP ausgeschlossen haben: Personalisierung von Tickets (zur Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten), zusätzliche technische Geräte bei den Eingangskontrolle (zur Identifikation potentiell Infizierter) seien jetzt nur 2 Stichworte.

Wir hoffen, dass in all diesen Themenbereichen genau abgewägt wird zwischen dem nötigen Infektionsschutz und der Normalisierung von Sicherheitsmaßnahmen, die dann ganz unauffällig Einzug halten und nach Corona auch nicht mehr weggehen.

Nicht ohne Gästefans

In den letzten Tagen entwickelten sich mehrere Diskussionen auf Twitter zur Frage der Gästefans. Und der Brauseverein, der sowieso für genau das Gegenteil von Fußballkultur steht, hat dann auch schön fleißig schon mal ein Konzept vorgelegt, in dem Gästefans bewusst ausgeschlossen werden, die haben sich auch noch nicht mal die Mühe gemacht, da irgendwie eine halbwegs vertretbare Begründung zu erfinden. So erwartbar wie scheiße.

Wir haben da eine klare Haltung: 
So lange es infektionstechnisch vertretbar ist, sind Gästefans genauso elementarer Teil des Fußballs wie Heimfans.

Im Konzept (Seite 20) steht dazu:
„Sofern für den Umgang mit den statuarisch geregelten Kontingenten für Gästefans keine bundesweiten Verfügungslagen oder Vorgaben gelten, sind – vorbehaltlich etwaiger ligaweiter einheitlicher Festlegungen durch die Clubs auf einer Mitgliederversammlung/Ligaversammlung – Heim- und Gastclub angehalten, sich unter Maßgabe des jeweiligen örtlichen Stadionkonzeptes und der damit verbundenen Einhaltung aller Schutz- und Hygienemaßnahmen hierzu miteinander abzustimmen.“

Auch hier erinnern wir noch mal an unser Leitbild:
„Der FC St. Pauli wird weiterhin ein guter Gastgeber sein. Er gesteht seinen Gästen weitgehende Rechte zu, erwartet aber auch, dass dies entsprechend gewürdigt wird.“

Wir stellen dazu fest:
Gästefans pauschal auszuschließen ist scheiße. Wenn gewisse Landkreise unter Quarantäne gestellt werden, dann dürfen die Menschen, diesen Landkreis nicht verlassen. Das hat aber mit Fußball nix zu tun. 

Es gibt mehr als genug Fußballfans, die nicht am Standort ihres Vereins wohnen und regelmäßig zu den Spielen pendeln. Auch unter uns befinden sich Leute, die lange nicht in Hamburg gewohnt haben. Die Anreise ist natürlich ein gewisser Risikofaktor, den man berücksichtigen muss. 

Aber: Wir dürfen in Deutschland Zug fahren (unter Sicherheitsbestimmungen, wie Maskenschutz, auf den aber diverse Menschen auf der letzten Fahrt auch geschissen haben), es gibt Autos, organisierte Busreisen sind wieder möglich. Warum ist das für „normale“ Menschen ok, für Fußballfans aber nicht?

Wir überspitzen: Der mit dem Zug anreisende Junggesell*innenabschied auf der Großen Freiheit ist ok, Fußballfans aber nicht? Und nein: Wir wollen auch keine Fans, die sich so verhalten. Aber guckt mal, auf wessen Seite ihr dann argumentiert, wenn ihr sowas Fußballfans pauschal zuschreibt.

Gilt für die Heimfans, die weiter weg wohnen dann auch, dass sie nicht kommen dürfen? Und klar wird das auch eher keine Anreise „wie sonst immer“ sein. Aber pauschal verbieten muss man sie nicht. Zumal das Argument spätestens bei den Stadtderbys ad absurdum geführt wird.

Dresden befindet sich nicht mehr in der Liga, insofern ist die Gefahr für Gästefans, die sich komplett danebenbenehmen, deutlich verringert. Und glaubt ihr ernsthaft, bei uns gibt’s nur coole Leute, die sich an alle Regeln halten und bei unseren Gegner nur Arschlöcher, die drauf scheißen? Und was machen wir mit den 3 Leuten, die bei uns auf alles scheißen, anders als mit den 3 Leuten im Gästeblock?

Und ja, das zieht noch mal 10% der möglichen Plätzen für „unsere Leute ab“. Aber auch ”unter Normalbedingungen“ ”verhindern“ Gästefans halt auch, dass noch mehr FCSP-Fans ins Stadion dürfen.
Zumal zu einem integren Wettbewerb, der ja als Schlagwort genutzt wird, eben eine Anwesenheit von beiden Seiten gehört. Und – und damit kommen wir zur Überschrift zurück – wir sehen jetzt schon, wie dieser Präzedenzfall dazu führt, dass unangenehme Gästefans dann eben nicht mehr willkommen sind.

Wir spielen ja (hoffentlich) nie wieder gegen Dresden. Aber falls doch: Wie schön kann man dann in Dresden FCSP-Fans mit vermeintlicher Gefahrenabwehr verhindern? Ging doch bei Corona auch.

Steh- und Sitzplätze?

Ein “Problem” – und zwar Problem nur in dieser pandemischen Lage – ist unsere hohe Anzahl an Stehplätzen. Da diese in Sicherheitskonzepten deutlich geringer ausgelastet werden dürfen, als die Sitzplätze. Es gibt nun angebliche Möglichkeiten, (einen Teil) der Stehplätze in Sitzplätze zu verwandeln. Kostet natürlich erst mal, soll dann aber wohl auch recht schnell kostendeckend sein, wenn noch weiter nicht vor komplett vollen Rängen gespielt wird.

Wir als Kollektiv befinden uns auf der Stehtribüne, sitzen beim Zuschauen nur, wenn wir in ner Kneipe gucken und verstehen die Argumente beider Seiten. Wir sind da also recht unentschlossen, ob das Sinn macht oder nicht. Da haben Menschen sicher genauere Zahlen, die dann die Entscheidungsgrundlage sind.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie du das auch mit der hohen Zahl an Stehplätzen machst. Teilst Du die Leute, die jetzt ein Ticket haben, in kleinere Gruppen (nach Tribüne und Ticketart zB) ein und vergibst daraus die Kontingente? Würde soviel heißen, dass die Leute mit Sitzplatz-DKs deutlich öfter ins Stadion gehen können, als die Leute mit Stehplatz-Tickets. Fänden wir nur so semigeil. 

Aber wie machste das dann finanziell? Stehplätze lohnen sich finanziell einfach nicht so sehr, gerade wenn du Menschen mit Stehplatztickets dann ohne Aufpreis auf die Sitzplätze lässt. Und die andere Seite: Nicht jede*r mir Stehplatzticket kann sich den Aufpreis auf den Sitzplatz leisten. 
Hier werden auch schwierige Entscheidungen zu treffen sein, zumal wir davon ausgehen, dass ggf. auch nicht alle auf ihre angestammten Tribünen können.

Wie verteilst Du die Tickets?

Es ist ziemlich klar, dass nicht alle, die wollen, ins Stadion werden gehen können. Uns ist wichtig, dass es hier ein möglichst transparentes und faires Verfahren zur Verteilung geben wird. Per „kontrolliertem“ Losen oder ähnlichem. Und trotzdem wirst Du nicht verhindern, dass die eine dann das Derby zugelost bekommt und die andere das Heimspiel gegen Sandhausen. Man muss und kann das bestmöglich regulieren, aber komplette Gleichheit wird man nicht schaffen.

Das liebe Geld

Als kommunistisches Propagandamedium reden wir wirklich nicht so gerne übers Geld. Das wisst ihr. Aber komplett wäre dieser Beitrag ohne eben auch nicht. Also wollen wir mal:
Wir haben für irgendeinen älteren Beitrag mal ausgerechnet, dass uns pro Heimspieltag ohne komplett volles Stadion eine knappe Million € fehlen. Wir finden den Beitrag gerade nicht, das können auch 300.000€ mehr oder weniger sein und Details haben die Verantwortlichen beim Verein mit Sicherheit. Aber das ist die Größenordnung, in der wir rechnen. Anders gesagt: 5 Mats-Transfers, wenn wir eine ganze Saison ohne Zuschauer*innen spielen. Und das ist eine verdammt große Zahl. Überlegt doch mal, wie wir mit 5 Matsen dastünden!

Insofern ist es – wenn die DFL mehrheitlich spielen will – simpel und einfach auch eine Frage, ob man es sich leisten kann, dann eben keine Zuschauer*innen reinzulassen. Klar ist auch, dass es bei Teilzulassungen natürlich auch um geringere Summen geht, als in einer „normalen“ Saison.

Die Kosten gehen hoch, die Einnahmen runter. Einfaches Ding. Und trotzdem möchten wir zumindest erwähnen, dass wir es bisher nach unserem Wissen geschafft haben, sehr sozialverträglich mit den Folgen der Krise umzugehen. Stichworte: Bewusster Einsatz von Kurzarbeit, keine betriebsbedingten Kündigungen, etc.

Und um das auch weiterhin zu schaffen und gleichzeitig in der Liga konkurrenzfähig zu sein, brauchen wir dann eben einfach Einnahmen. Und auch wenn wir davon nicht die größten Fans sind, lohnen sich halt insbesondere Logen in so einem Kontext doch einfach mehr als so ein einfacher Stehplatz. Und wir reden hier wirklich nur übers finanzielle, und ja, “nicht größte Fans” ist eine Untertreibung. Und wenn das berücksichtigt wird, um andere schwierige soziale Folgen abzufedern, dann können wir das zumindest verstehen.

Fragen, die bleiben

  • Warum arbeiten gefühlt alle auf Quartal 1 2021 hin? Wir haben zumindest noch nirgendwo gelesen, dass der Impfstoff (wenn es den überhaupt geben wird) genau dann fertig ist und Fußballfans genau dann alle wieder ins Stadion können.
  • Was machen wir alle zusammen bloß mit den Leuten, die jetzt im Volkspark spielen wollen? Wir sind da echt ratlos.
  • Warum werden die feiernden Horden auf dem Schulterblatt (500m vom Stadion entfernt) Abend für Abend geduldet, während Veranstalter*innen ausführliche Konzepte schreiben müssen?
  • Wie sehr freut ihr euch auf das erste richtige Spiel? Mit allen, wie vorher. 

Unser Tag wird kommen! Tiocfaidh ár lá!

Jul 122020
 

oder: Wir haben einen Trainer

Sonntagmorgen, ausgeschlafen, Kaffee im Bett – und die FCSP-Timeline dreht durch: Der Verein meldet tatsächlich eine Entscheidung bei der wochenlangen Suche nach einem neuen Cheftrainer. Aber mal ehrlich: Glaubt ihr, die hätten in den Wochen nur Däumchen gedreht? Es las sich teilweise danach. Der neue Mensch an der Seitenlinie heißt jedenfalls Timo Schultz und ist ein mehr als guter alter Bekannter. Aber wem erzählen wir da etwas Neues! Schließlich fiel der Name schon diverse Male in den vergangenen Wochen. Ein Paukenschlag ist Schulles Cheftrainerposten nicht.

Die Loide vom Millernton waren die ersten Streber*innen, die ausführlich zu der Neubesetzung geschrieben haben. Es wurde schon alles gesagt, nur nicht von uns? Fast, aber ein paar eigene Gedanken haben wir aber natürlich dazu.

Zunächst einmal: Herzlich willkommen auf der Cheftrainer*innen-Bank, Schulle! Wir finden dich gut, wir freuen uns auf dich, wir glauben an dich. Wir wollen mit dir aufsteigen und international spielen, bescheiden wie wir sind.

Man könnte jetzt viel Wasser in den Wein kippen. Ist Schulle nur zweite (oder dritte oder vierte) Wahl gewesen und hat aus reiner Not den Zuschlag bekommen? Natürlich möglich, wissen wir nicht. Dürften aber viele so interpretieren. Wird aber keine*n mehr interessieren, wenn sich Erfolg einstellt. Daran – und vor allem daran – sollte der neue Cheftrainer gemessen werden. Seht es uns nach, aber nach den vergangenen Kacksaisons ist uns “schöner Fußball” scheißegal. Wir sollten nicht so tief da unten stehen. Wir haben besseres zu tun als Abstiegskrampf. Also muss Zählbares oberste Prämisse sein. Zugegeben, auf faires Verhalten gegenüber Spielern und eine einigermaßen vernünftige Darstellung nach außen legen wir wert. Aber da wir Schulle schon eine Weile kennen, machen wir uns darüber keine Sorgen.

Und Loide, jetzt mal ehrlich: Gerade wenn sich Schulle gegen die vier, fünf anderen Kandidat*innen durchgesetzt hat, spricht das doch für sich. Für uns heißt das: Man hat sich sorgfältig umgeguckt und dann guten Gewissens für diese Variante entschieden. Und nicht – wie es mitten in der Saison der Fall ist – auf die Verlegenheitslösung zurückgreifen müssen.

Nothing to lose

Ein Eigengewächs also. Die Nachteile liegen auf der Hand: Timo Schultz hat nicht zig Jahre Erfahrungen als Trainer im Profifußball und kein großes Netzwerk außerhalb des Vereins. Er muss schauen, wie er seinen ganz eigenen Weg mit der Mannschaft findet. Wer den ganzen Bums schon seit langer Zeit kennt und mitbegleitet, scheut sich vielleicht auch mehr als Leute von außen vor unpopulären Entscheidungen, um lange gepflegte Beziehungen nicht zu belasten. Das kennen sicherlich viele von euch aus dem eigenen Berufsleben. Ein*e Aufsteiger*in aus den eigenen Reihen wird immer mit anderen Maßstäben gemessen als jemand, der*die von außerhalb kommt und einen großen Erfahrungsschatz mitbringt. 

Und dann ist da noch die Eigendynamik des Profifußball-Trainer*innendaseins: Schulles Entscheidung, die Beförderung anzunehmen, ist damit auch die erklärte Bereitschaft, sich hier die Finger zu verbrennen und es sich mit dem gesamten FC St. Pauli zu verscherzen. Unser Cheftrainer*innenposten ist ja nun in den vergangenen Jahren nun wirklich kein bequemer Sessel gewesen. Allzu viel Geduld bei Erfolglosigkeit kann Timo Schultz nicht erwarten. Aber das ist Berufsrisiko als Fußballtrainer*in, relativ egal wo.

Wir glauben jedenfalls, dass Schulle als Chefcoach eine gute Idee ist. Als Grund gehört auch dazu, das muss man mal so knallhart sagen, dass es da keine wesentlich bessere Alternative gibt. Nun kennen wir natürlich nicht jeden Namen, der jemals irgendwo auf irgendeiner Liste stand. Aber dass es seit der Trennung von Luhukay eine Weile bis zur Verkündigung des Nachfolgers gebraucht hat, sagt einiges aus. Und das kann natürlich daran liegen, dass der Trainer*innenposten bei uns – nach der Historie der letzten Jahre – auch schon mal attraktiver war. Dafür liefen die vergangenen Jahre zu mies. Andererseits: Es gehen auch immer noch Leute als Trainer zum H$V. Uns das ist sowieso und immer unattraktiv. Mancher hat sich hier schon die Zähne ausgebissen, um es milde auszudrücken. Und da hat Schulle als Mensch mit langjähriger FCSP-Erfahrung den deutlichen Vorteil, dass alle wissen, worauf sie sich einlassen. Für Schultz ist das Risiko höher als für den Rest des Vereins. Und dabei wollen wir auch nicht aus den Augen lassen, dass der Vizepräsident, der in den letzten knapp sechs Jahren für das Sportliche zuständig war, jetzt seit zwölf Tagen nicht mehr da ist. Und somit auch eine Stimme fehlt, die die letzten Entscheidungen prägte. Und dass das aber eben auch heißt, dass das der sechste Trainer unter Oke ist. Wir sagens mal so: Die Chancen auf eine Wiedernominierung (wenn er es denn selbst will) steigen nun nicht unbedingt, wenn der Trainer jetzt floppt.

Kein Allheilmittel, aber wir freuen uns trotzdem

Fußballfans neigen dazu, sehr viel an der Personalie des*der Trainer*in festzumachen. Womöglich wird diese Position manchmal sogar überbewertet. Der Einfluss ist dann eben doch begrenzt, denn an Faktoren wie den individuellen Eigenheiten der Spieler und speziellen Strukturen im Verein kann er*sie auch nicht alles ändern. Und so sollte sich niemand die Hoffnung machen, dass jetzt alles ganz anders wird. Stichwort Kaderplanung, damit steht und fällt die neue Saison. Und machen wir uns nichts vor: Die Kaderplanung wird die letzten Wochen vorangeschritten sein, wenn man denn ein sportliches Konzept hat. Das scheint man zu haben – wir nennen es mal aktiver Offensivfußball. Auf jeden Fall: Mit diesem Konzept wird man parallel nach Trainer und Spielern gesucht haben und nicht jetzt erst mit der Spielersuche beginnen.

Aber: Die Freude und die Zuversicht in der Fanszene sind unübersehbar. Ganz überwiegend steht das Umfeld des FCSP dieser neuen Konstellation positiv gegenüber. Und verdammtnochmal, das brauchen wir jetzt auch! Lasst uns noch mal kurz festhalten, wo wir uns gerade befinden: Nach einer weiteren wirklich miesen Saison (Ausnahmen – DERBYSIEGE!!! – werden nicht vergessen) stecken wir noch immer tief in der Coronakrise. Das ist niederschmetternd für uns als Fans, das ist aber auch nicht zuletzt für die Gesundheit des Vereins von einschneidender Bedeutung. Da werden keine Fuffis in den Club geschmissen. (Auch das kann ein Argument für eine elegante interne Lösung bei der Neubesetzung des Trainer*innenpostens sein.) Bis wir wieder ins Stadion können und sich Fußball wieder so anfühlt, wie wir es gewohnt sind, wird noch viel Wasser die Elbe herunterfließen.

So, und jetzt haben wir mit Schulle als Cheftrainer eine Lösung, die sich viele so gewünscht haben. Neunmalkluge Fußballexpert*innen wissen vielleicht schon ganz genau, ob das für den sportlichen Erfolg die allerbeste Idee war oder was man hätte anders machen können. Wir jedenfalls freuen uns und sind guter Hoffnung, dass es zumindest nicht schlimmer wird. Forza!

PS: Schulle hat als U19-Trainer zwei Derbysiege gegen den H$V eingefahren. HAMBURG BLEIBT BRAUN-WEISS!
(Über das andere Spiel verlieren wir einfach kein Wort.)