AdminA

Aug 272021
 

Liebe Lesende, da nur noch ein weiterer Antrag bisher aufgetaucht ist, fasse ich die weiteren Erkenntnisse in diesem Beitrag zusammen.  

Die Veranstaltung am 24.08. 

Die Veranstaltung am 24.08 war erstmal vereinsöffentlich, aber es war eben doch keine MV*. Anders als bei einer MV daher hier keine wortwörtliche Wiedergabe. Ich beschränke mich auf neugewonnene oder ergänzende Erkenntnisse in Bezug auf die diskutierten Anträge.  

*Auch eine MV ist laut Satzung nicht öffentlich, um dann durch die breite Zulassung von Medienvertreter*innen de facto wieder öffentlich gemacht zu werden. Wir kommen aufgrund eines Antrages darauf noch zurück. Das ist imho ein entscheidender Unterschied zu dieser obigen Veranstaltung. Ich denke aber, es ist nur fair und im Sinne der Veranstaltenden AGiM Argumente, die im Verlauf der Veranstaltung gebracht wurden, diese weiter zu tragen (auch um euch alle noch besser auf die MV vorzubereiten). Insbesondere auch, wenn sie vielleicht Fragen, die in Teil 1 und 2 aufgeworfen wurden, beantworten oder zu beantworten versuchen.  Ich verzichte daher auch auf Namen der Antragssteller*innen, selbst wenn sie mir bekannt sind. Es ist vielleicht kein großes Geheimnis, dass der „Gegenantrag Quote“ u.a. von einem ehemaligen Aufsichtsratsmitglied gestellt wurde, aber diese Angabe grenzt die Identität nur ein, gibt sie aber imho nicht preis.  

Danke erstmal an die AGiM für die Organisation und Moderation. Und es sei so viel verraten, dass dies trotz des prinzipiell schwierigen Mischformat (Online und Präsenz)  gut gelöst war. [Auch wenn wir als Kollektiv ein paar Mal gehört haben, dass Äußerungen aus dem Publikum wohl online nicht so gut zu verstehen waren.]. Danke dafür an alle beteiligten Menschen. Nun zu den neuen Erkenntnissen. Ich setze dabei die Kenntnis der Teile 1 und 2 sowie der Inhalte der Anträge voraus.  

Besondere Vertreter*innen

Es tut mir jetzt schon leid, was nun folgt. Wir sprechen hier über keine einfachen Sachverhalte und ich weigere mich, euch einfache Lösungen zu präsentieren. Ich schreibe nun ganz viel „ja, aber“-Argumentationen. Ob euch das zufriedenstellt? Bitte seht und denkt selbst.  Ich habe meine Bauchweh mit dem im Antrag enthaltenen Satz „Hiervon ausgenommen sind die besonderen Vertreter*innen (§ 24a), die ausschließlich den Weisungen des Präsidiums unterliegen, sowie Aufträge an das Präsidium, den besondere Vertreter*innen Weisungen zu erteilen.“ deutlich zum Ausdruck gebracht und meine vermutete Lesart deutlich gemacht.  Die Antragssteller*innen sehen das genau anders herum und wollen mit dem letzten Halbsatz genau eine indirekte Anweisung an die besonderen Vertreter*innen ermöglichen. Dies wurde noch mal mehrfach deutlich gemacht auf der Veranstaltung, denn nicht nur mir ging es so mit der Interpretation. 

Ich sage es mal so: Meine Bauchweh mindert das deutlich. JEDOCH nicht langfristig und vollständig. Natürlich ist der historische Wille des Gesetzgebers eine nicht ganz unwichtige Auslegungsquelle. Es ist aber nicht die einzige Auslegungsart (Jurastudierende sind gerade kotzen gegangen) und ein Gesetz kann sich vom Willen des Gesetzgebers emanzipieren, insbesondere wenn die Formulierung unglücklich ist. Und wenn es – wie in diesem Fall – ja auch keine offiziellen, öffentlichen und schriftlich festgehaltenen Motive (im Sinne von Protokollen dazu, wie es gemeint ist) gibt. Man hätte das besser nicht als Schachtelsatz formulieren sollen, sondern als Ausnahme und dann als Ausnahme von der Ausnahme. Aber das ist nichts, was nicht eine redaktionelle Satzungsreform ausbügeln kann. Und die wird kommen. 

Viele Beiträge drehten sich auch um die Möglichkeit von Rücktritten gewählter Präsidiumsmitglieder und der dann entstehenden Unwucht gegenüber den besonderen Vertreter*innen. Und hierzu ist die Regelung im Vorschlag wahrscheinlich nicht wirklich auf alle Eventualitäten gut vorbereitet. Dazu folgendes:  Es ist Aufgabe von Jurist*innen, alle Eventualitäten durchzudenken. Man muss dabei aber auch vorsichtig sein. Wenn man nämlich versucht, alle extremen Eventualitäten bis ins letzte Detail für alle zufriedenstellend zu regeln, dann kommt ein unverständlicher und auch unanwendbarer Kauderwelsch heraus. Guckt euch gerne mal das Einkommensteuergesetz an. Auch gibt es einfach Momente, die nicht regelbar sind. Wenn Oke und alle Vizes morgen zurücktreten, dann haben wir ein Problem. Und das kann man nur bedingt durch eine Satzungsregelung ändern. Fakt ist, es kann hier zu Momenten kommen, in denen wir mehr besondere Vertreter*innen haben als gewählte Präsidumsmitglieder. Vorteil der besonderen Vertreter*innen in diesem Moment: Wir bleiben handlungsfähig(er) als Verein. Nachteil: Ein nicht direkt (!) von der Mitgliederversammlung gewähltes Organ übernimmt viele dieser Handlungen. Man kann hier vollkommen zu Recht Bauchweh haben. 

Ich persönlich (!) teile diese Bauchweh, denke aber wie bei dem ersten Punkt, dass man dies auch nachträglich noch ausbessern bzw. noch besser regeln/formulieren kann und dies auch tun wird. Ich denke auch, dass sich in der Praxis da sowieso noch Fehlerchen finden werden. Was uns immer klar sein muss: Besondere Vertreter*innen bleiben eine Hilfskonstruktion, die unseren Abwägungen im Verein geschuldet ist. Natürlich kann man zu einem e.V. ein ehrenamtliches Präsidium passender finden. Ich bin jetzt aber auch mal ganz gehässig und sage, dass ein Idealverein nicht gerade das passende Vehikel für eine Unternehmung mit 600 Millionen Umsatz und ca. 300 Vollzeitäquivalenten ist. Nett nebenbei, dass da mal jemand eine Zahl genannt hat. Das klingt für mein Herz sehr viel präziser als „600 Mitarbeiter*innen in Voll- und Teilzeit“. 

Ich weiß, ich begebe mich auf dünnes Eis, aber rein juristisch ist halt eine Ausgliederung sehr viel sauberer. Juristerei ist aber nicht alles, und wir müssen dann damit leben, dass wir es uns an einigen Stellen kompliziert machen (wollen). Das ist finde ich außerhalb meines juristischen Herzens auch vollkommen richtig. Wir sind halt wir, und einfach können andere. Zur Quote Es gab eine lebhafte Diskussion. Es gab gute und weniger gute Nachfragen. Es gab gute und weniger gute Anmerkungen. 

Ich möchte daraus nur einen Aspekt auswählen. Es wurde argumentiert, dass man ja bei zwei Kandidatinnen und zwei Ämtern alle wählen müsste, selbst wenn eine davon AfD-Anhängerin sei.  Richtig ist, dass unsere Satzung bei Aufsichtsratswahlen keine „Nein“-Stimmen kennt. Dies gilt eventuell selbst dann, wenn wir so viele Kandidat*innen haben wie es Ämter gibt. Aber es gibt einen Ausweg, denn § 19 Nr. 3 Abs. 3 sagt folgendes:  „Für den Fall, dass Anzahl der Kandidat*innen und Anzahl der zu besetzenden Positionen im Organ gleich sind, kann die Gruppe/Person per Akklamation mit einfacher Mehrheit bestätigt werden.“  

Das schöne Wort „kann“ sagt, dass man auch normal wählen kann und dann gilt eine relative Mehrheit und das heißt, dass alle gewählt sind, die angetreten sind. Man kann (!) dies aber verhindern, denn wenn bestätigt werden darf, dann darf auch abgelehnt werden. Das Beispiel ist also Bullshit. Und es bleibt auch die Frage, warum das jetzt bei der Quote auffällt, wenn doch bei unserer letzten Aufsichtsratswahl gerade einmal 8 Kandidat*innen für 7 Plätze antraten. Das (Schein-)Problem gibt es also auch unabhängig von einer Quote. Und eine Quote soll ja gerade mehr Kandidatinnen (!) bringen und reduziert dieses (Schein-)Problem damit selbst. Noch bemerkenswerter ist, dass die Person, die dieses Scheinproblem bildete, meines Wissens in diversen Satzungskommissionen saß. Es wäre jedoch nicht unsere Satzung, wenn die Regelung nicht ein bisschen verbesserungswürdig wäre, denn „kann“ benötigt immer jemanden, der entscheidet, ob man es macht, und wer das ist wird in der Satzung auch nicht bestimmt. Auch kann man dann wohl nur alle Kandidat*innen ablehnen, was man ja eigentlich in dem gebildeten Beispiel nicht will. Aber unsere fiktive AfD-Anhängerin ist nie automatisch gewählt. 

Ich möchte noch etwas anmerken: Wenn wir es als Verein nicht schaffen ein*en Kandidat*in so zu kennen, dass wir eine AfD-Sympathie definitiv ausschließen können und/oder keine*n Gegenkandidat*in organisiert bekämen, dann hätten wir aber sehr viel Schläge verdient. Es wurde – zu Recht – nach non-binären Menschen und ihrer Repräsentanz gefragt. Da ist die Quote unter unseren Mitgliedern noch verschwindend gering, so dass eine prozentuale Quote hier wenig ändern würde. Dass von den meisten Sportverbänden immer noch eine binäre Geschlechterstruktur vorgegeben wird, macht das Ganze nicht besser. Ich hatte aber auch deutlich das Gefühl, dass jede*r*m klar ist, dass die Quote nur ein erster Schritt ist. Menschen mit Wissen konnten der Versammlung aber berichten, dass es ein sehr wichtiger Schritt ist, der auch non-binäre Menschen ermutigt, so dass eine „Sogwirkung“ entsteht. 

Handläufe-Antrag

Es ist schwierig. Ich glaube schon, dass der Antragssteller sehr viel Gutes will. Und ich glaube auch, dass der Verein ein offenes Herz für die Belange von Menschen hat, die nicht zu jedem Platz in unserem Stadion problemlos gehen können. Es herrscht aber anscheinend eine Art Sprachbarriere und ich hatte das Gefühl, dass da mehr mit einem ehrenamtlichen Einbringen in die bestehenden Strukturen bewirkt werden könnte als mit einem unbestimmten Antrag.  Und wir rennen da in einen ganz hässlichen Zielkonflikt. Und zwar „Wertigkeit der Plätze“ vs. „alle Plätze sind vereinfacht zu erreichen“. Die notwendigen Handläufe nehmen Sichtachsen, dies macht Plätze billiger. Das ist aus Sicht des verkaufenden Vereines natürlich nicht anstrebenswert. Würde man nun einzelne Abschnitte entsprechend ausrüsten, dann wäre das keine Inklusion, es wäre klassische Exklusion. „Da die kranken und schwachen, dort die gesunden“ wäre dann das Motto. Hier gibt es garantiert Lösungen, wir haben sie nur noch nicht gefunden. 

Ich sehe es nun mal positiv und sage, dass dieser Antrag vielleicht nützlich ist und schlafende Hunde weckt und vielleicht Menschen in die bestehenden Strukturen* bringt, die ganz tolle Ideen haben. 

*wir haben u.a. mit Reyk jemanden, der sich um Inklusion kümmert, und wir haben beim Fanladen auch einen Stammtisch Barrierefrei, der die Problematik schon in seinem Namen hat.  

Ändert doch mal die Satzung, Präsidium. 

Hinzu kam noch ein Antrag, der das Präsidium bittet, die Satzung in der Form zu ändern, dass die MV einzelne oder alle Medienvertreter*innen ausschließen kann.  Ich habe grundsätzlich Sympathien für diesen Antrag. Die MV ist nicht öffentlich (so steht es in der Satzung!) und sollte sich nur selber eine gewählte Öffentlichkeit geben können. Die jetzige Regelung „nicht öffentlich, aber die Medienabteilung lässt Pressevertreter*innen mit Zustimmung des Präsidiums zu“ ist ein Eingriff in die Autonomie des höchsten Gremiums, und Bullshit. 

Der Teufel liegt natürlich im Detail und inwieweit diese Regelung etwas bringt. Denn bekanntlich sind auch Medienvertreter*innen Mitglieder im Verein, hätten so auch Zugang zur MV und könnten berichten. Und so argumentierten dann auch Organe dieses Vereines gegen diesen Antrag.

Ich möchte aber diese Organe an unsere Ticketing-AGB erinnern, in denen sich folgender Passus findet: Der Aufenthalt im Stadion zum Zwecke der medialen Berichterstattung über die Veranstaltung (Fernsehen, Hörfunk, Internet, Print, Foto) und/oder der Erhebung von Spieldaten ist nur mit Zustimmung des FC St. Pauli und in den für Medienvertreter besonders ausgewiesenen Bereichen zulässig.“  Man kann nicht bei dem öffentlichen Spiel diesen Passus haben und bei der nicht öffentlichen MV dann überzeugend anders argumentieren. Excuse me.  Trotzdem gibt es Probleme rechtlicher Art und tatsächlicher Art, die man durchdenken muss:  

1. Die Frage der Grenzen. Was ist z.B. mit Blogger*innen. Oder wie ich ab jetzt aus dem Zusammenhang gerissen ein Organmitglied zitieren werde „Bloggeridioten“ (Achtung, das ist wirklich nur ein Witz, der Sinn wird vollkommen entstellt.). 

2. Die Frage der Folgen. Ich persönlich finde, dass wir ALS VEREIN vor keinem Medium und auch nicht der Presse an sich Angst haben sollten. Hier passt das Freibeuter*innen-Klischee doch endlich mal! Keine Angst vor niemandem! Und schon gar nicht vor der Bild! Trotzdem müssen wir, bevor wir a la Düsseldorf dieses Medium aus der MV schmeißen, Pläne haben, dass die uns nicht aus Rache einzelne Menschen abschießen. Und das ist trotz allem immer noch unangenehm. Nicht jede*r von uns arbeitet in Bild-freien Umgebungen.  

3. Die Frage der Pressefreiheit. Ja, diese ist geschützt und man kann sich nicht eine Gefälligkeitspresse schaffen, indem man Medien aus öffentlichen Pressekonferenzen ausschließt (Ich habe das eine entsprechende Urteil was es dazu gibt mal übersehen, Sorry dafür und danke an Menschen, die mich zwischenzeitlich auf den Fehler aufmerksam gemacht haben). Aber wir haben nun einige Male betont, dass wir hier eben keine öffentliche Veranstaltung haben.  All dies wird es zu wälzen geben. Was aber viel nerviger ist, ist dass es immer noch genügend Menschen gibt, die gewisse Medien als nicht so schlimm oder als was auch immer verteidigen. Ich möchte hier einfach mit einem Tweet antworten.

Und diese Aufzählung ist absolut nicht vollständig: 

Wir werden hier Lösungen finden müssen. Nicht nur, aber insbesondere auch für die MV.     

Aug 242021
 

Vorwort

Meine Grundannahmen und wie man das Ganze zu benutzen hat, entnehmt ihr bitte Teil 1 dieser Serie.
Daher gleich rein in die Vollen. 

Umgestaltung des Gedenkortes Harald-Stender-Platz

Die schriftliche Begründung sagt eigentlich alles aus. Der 1962 in der alten Südkurve aufgestellte und beim Stadionneubau an seinen jetzigen Standort verbrachte Gedenkstein ist schlichtweg schlecht gealtert. 
Ich mag die 1962er Perspektive nicht komplett von oben herab verdammen; Menschen haben damals anders gedacht und haben konkret auch Freunde und Angehörige in diesem Krieg verloren, aber aus heutiger Perspektive ist dieser Stein schlichtweg nicht mehr haltbar. Man muss ihn entweder sehr stark einordnen oder aber ersetzen. Daran ändert auch die 2004 aufgestellte, besser gealterte Tafel nichts, weil beide so nebeneinander stehen, als ob sie sich ergänzen oder kommentieren könnten. Was sie nicht tun. Ich finde es komplett richtig, dass man eine Umgestaltung (Neuerrichtung?) von Gedenktafeln/einer Gedenktafel vereinsöffentlich diskutiert und sich da breit aufstellt. Zwar ist „wenn man nicht weiter weiß, dann gründet man ein Arbeitskreis“ auch inhaltlich richtig, aber hier ist es mal sinnvoll. 

Neben den schon angesprochenen Problematiken sind Gedenksteine, die auf einem Parkplatz in einer Wildpinkelecke stehen, auch nicht wirklich an einer guten Stelle untergebracht. Man sollte die Gelegenheit nutzen, die Gedenktafel(n) entweder an einer besseren Stelle oder mit einem besseren Drumherum aufzustellen.   

Hilfsmittel/ Handläufe auf den Sitztribünen

Ich finde es erstmal grundsätzlich gut, dass man sich über so etwas Gedanken macht und den Verein anstößt, sich darüber ebenfalls Gedanken zu machen. Der Antrag selber ist ja auch nicht mehr als ein Anstoß, weil er nicht konkret genug wäre, um ihn so direkt umzusetzen. Ich habe keine Ideen, was baurechtlich möglich wäre und wie die Kosten-Nutzenanalyse da ist. Aber älteren und/oder nicht so gehsicheren Menschen den Besuch des Stadions zu erleichtern muss immer unser Ziel sein. Auch das ist gelebte Diversität. Und zu Recht merkt der/die Antragssteller*in an, dass es zwischen „braucht Rolliplatz“ und „ist komplett fit“ noch sehr viele Graustufen gibt. 
Und seien wir ganz ehrlich: Wir werden nicht drum herum kommen, unser Stadion an eine immer älter werdende Gesellschaft anzupassen. Und dazu gehört auch, dass wir zur Zeit einen absoluten Mangel an billigeren, attraktiven Sitzplätzen haben. Das sind Diskussionen, die geführt werden müssen, die aber sehr unangenehm werden könnten

(Nur um alle gegen mich aufzubringen: Man kann ernsthaft überlegen, ob man nicht Bedarf an mehr Sitzern auf der GG hat und ggf. dafür auch Steher opfern könnte. Und mir ist klar, was für ein sensibles Politikum das ist.) 

Wie eben schon angemerkt: Der Antrag ist sehr unkonkret und nicht viel mehr als eine symbolische Handlungsaufforderung ohne wirklichen Adressaten. Das macht ihn nicht sehr verbindlich. („How to Anträge“ anscheinend nicht gelesen).

Ergänzung der Leitlinien-Antrag

SEUFZ! Zu Beginn hab ich ja noch gedacht, dass sich hier Leute einfach ein bisschen verquer mit dem richtigen Gedanken beschäftigen – und dann kam die Ablehnung der Quote. 

Ich mag jetzt echt nicht mehr für die Quote argumentieren müssen, sondern möchte nur ein paar Ungereimtheiten dieses Antrages darstellen: 

1. Unsere Leitlinien haben so gar keinen rechtlichen Gehalt. Sie sind so butterweich, dass selbst die AFD sie unterschreiben würde. Ja, ich bin hier polemisch. Aber so sehr sie 2009 in guter Absicht gemacht wurden und so sehr ich es begrüße, dass sie meines Wissens wirklich zum Bestandteil von Verträgen gemacht werden, so sehr sind sie gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Ja, das liegt auch an Zielkonflikten und daran, dass man sich häufig auf klarere Formulierungen nicht einigen konnte. Und es tut mir in der Seele weh, dies alles zu schreiben, weil da echt gute Menschen Herzblut hinein investiert und sich bessere Grenzen erhofft haben. 

Auch die hier vorgeschlagene Ergänzung ist butterweich und voller Leerformeln. Was heißt denn fachliche und charakterliche Eignung? Es gibt keine Ausbildung zum Fußballpräsidiumsmitglied oder Fußballaufsichtsratmitglied.

Man nimmt gerne berufliche Tätigkeiten als Pseudoqualifikation, aber das ist absolutes Lügen in die eigene Tasche. Und das schreibe ich mit einem juristischen Studium – einer Qualifikation, die in der Öffentlichkeit immer noch dazu führt, dass Menschen meinen, man sei für Führungspositionen geeignet. Und das haben weder Armin Laschet noch Olaf Scholz ändern können. Gut für meine Studienkolleg*innen, schlecht für die Welt. (Nur als Hinweis: Auch Frau Baerbock hat viel zu viel juristische Dinge studiert, besitzt aber im Gegensatz zu den beiden Herren zumindest laut Wikipedia kein erstes juristisches Staatsexamen. Dieser Absatz ist ausdrücklich keine Wahlempfehlung.)

Charakterlich? Was soll das denn heißen? Tief im katholischen Glauben verwurzelt? Immerhin ist unser Verein nach einem Heiligen benannt. Darf man noch geschieden sein? Mal Juso gewesen sein? Also letzteres wäre imho sofort disqualifizierend. (Disclaimer: Ich war von 1996 bis 1999 Juso. Jeder Mensch hat seine Jugendsünden.) 

Ältere Menschen, die Hamburger Zeitungen lesen, werden sich daran erinnern, dass eine ehemals abends erscheinende Hamburger Zeitung in Sportkommentaren zu einer Aufsichtsratswahl der Rauten mal geschrieben hat, dass man ja nicht einfach Fans wählen könne, sondern man müsse ja „Fachleute“ wählen. Damals spielten die Rauten noch international und nach einer Kampagne in besagter Zeitung (und allen anderen Zeitungen Hamburgs) wählte man diese angeblichen Fachleute. Die man in der gleichen Zeitung nach einigen Jahren wieder vom Hof schrieb, damit man nun doch bitte endlich „Fachleute“ wähle. Ihr seht selber, wo das geendet ist. Eben noch im Europacup, einige „Fachleute“-Etappen später schon nur noch Nr. 2 in Hamburg. Tja nun. 

Ich möchte auch daran erinnern, dass dieser Verein viele Quereinsteiger*innen beschäftigt. Man nehme nur den hochgeschätzten OL. Der hat wahrscheinlich auch als letzte Ausbildung „Punk“, hat sich aber seine Kompetenzen erarbeitet und auch wenn älter werdende Punks die größten Spießer sind (nicht ernst gemeint, Sven), ist es gut, auch mal Quereinsteiger*innen zu beschäftigen. Da gilt das im letzten Artikel Gesagte: Es ist gut, auch mal Menschen in Positionen zu haben, die vielleicht mal bei einem Riot dabei waren. Andere Vereine haben da gerne mal einen Ex-Bullen oder ähnliche Menschen mit echt großer fachlicher Kompetenz. 

Wer nebenbei glaubt, man könne Bewerbungsauswahlen ernsthaft objektivieren, der sitzt entweder an einem Verwaltungsgericht oder versucht, beruflich damit Geld zu machen. Ich glaube da aus eigener Erfahrung nicht [Jetzt muss das Kollektiv wir hier auch mal kurz beruflich rumnerden. Klar kann man da mehr objektivieren, wenn genau klar ist, was gewollt wird. Umso mehr „persönliche Passung“ (so nennt man das in unserem Arbeitssprech) umso schwieriger wird das allerdings, da hat der Senior Recht. Einfach gesprochen: Wenn ich jemanden brauche, der*die gut rechnet und sonst gar nichts tun muss, kann ich dazu gute Verfahren mit klaren Kriterien entwickeln. Wenn ich jemanden brauche, der*die mit vielen Leuten zurecht kommt, kann ich das auch noch machen, aber die Vorhersagefähigkeit, ob die Menschen dann wirklich auch im Job erfolgreich sein werden, sinkt automatisch. Und da haben wir noch nicht davon angefangen, dass das noch ein ganz anderer Schnack ist, wenn am Ende des Tages Wahlen bei einer MV das „Bewerbungsverfahren“ abschließen.]

2. Es ist Unsinn auf einen Satzungsänderungsantrag mit einem einfachen Antrag als „Gegenantrag“ zu antworten. Theoretisch könnte die MV beide Anträge beschließen. Sie sollte es nach einer Zustimmung zur Quote just for the lulz einfach mal tun. Denn Satzung schlägt Leitlinien. Rein technisch (ungleich inhaltlich) wäre halt eine Gegenrede das richtige Mittel. Welche die Antragssteller*innen ja auch bei dem Quotensatzungänderungsantrag sowieso halten müssten, weil sonst ihr Antrag absurd wäre. 

3. Die Argumentation ist schon sehr schwieriger Unsinn. Und jetzt argumentiere ich doch noch für die Quote. Will ich doch gar nicht mehr. Daher nur kurz und polemisch: Nur weil in den knapp 30 Jahren Aufsichtsrat beim FCSP immerhin zwei Frauen gewählt wurden, bräuchte man ja keine Quote, sondern müsse nur andere Hürden abbauen, die Frauen von Kandidaturen hemmen. Natürlich werden diese nicht wirklich benannt, die Einflüsse von Männerseilenschaften lieber ausgeblendet und die Schuld an so wenig Frauen in Führungsgremien lieber auf die Frauen verlagert. „Ihr traut euch ja nicht“. Wow! „Offensive Werbung und Überzeugungsarbeit“ Wow! Das ist bequem und inhaltsleer. Der Antrag hat in diesem Bereich auch lieber keine Adressaten. Wer soll denn werben? Die bestehenden Gremien? Die Fans? Oder die Ultras? Auch hier bleibt es dann beim Unverbindlichen, Symbolischen. Und ich glaube, das wissen die Antragssteller*innen auch. Das alles sind Nebelkerzen, weil sie so tun wollen, als gäbe es einen anderen Weg. 

Liebe Antragssteller*innen, dann haut doch mal das 100seitige Konzept raus, wie diese Dinge aussehen soll. Kleiner Tipp: Am Ende würde in so einem Konzept wahrscheinlich nichts anderes stehen als „wenn ihr Männerbünde aufbrechen wollt, dann verpflichtet euch zu einer Mindestanzahl von Frauen in den Gremien“. Oh wait, das ist ja eine Quote. „Mangelndes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten“ ist nebenbei ein sehr schönes Reproduzieren von Vorurteilen gegenüber Frauen, welches immer wieder gegen Frauen eingesetzt wird. Wer so etwas in seinen Antrag schreibt, will eben nicht eine vorurteilsfreie Auswahl, er will das genaue Gegenteil. 

4. Unsere Satzung sieht für die Wahlämter keine fachlichen Qualifikationen vor und für den Aufsichtsrat auch keinen vorgeschalteten Auswahlmechanismus, der angebliche fachliche oder charakterliche Eignung prüfen könnte. Ich kann nur davor warnen, so etwas auch nur anzudenken. Und alleine deswegen ist dieser Antrag Müll. Andere Vereine haben solche Auswahlmechanismen und da werden dann gerne mal Kandidat*innen gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Aus Gründen, die nie transparent sind. Zum Beispiel in Mainz, Düsseldorf oder Gelsenkirchen wurden über solche Vorauswahlen unliebsame Kandidat*innen gleich aussortiert. 

5. Eine Quote schränkt freie und gleiche Wahlen nicht, bzw. nicht unverhältnismäßig ein. Dies ist entschieden. Zwar sehen viele Gerichte gesetzliche (!) starre (!) Quoten immer noch als schwierig an, aber wir sprechen hier von einer privatrechtlich selbst auferlegten Quote. Der Antrag erweckt den Eindruck, als ob nun sein Recht auf freie und gleiche Wahl unverhältnismäßig eingeschränkt werde. Und will dann gleichzeitig charakterliche und fachliche Qualifikation vorab prüfen, was nebenbei das Recht auf freie und gleiche Wahlen einschränkt. Tja. 

6. Stimmt für die Quote. Sie ist wichtig und richtig. 

Weitere Anträge? 

Gibt es definitiv noch, sind aber noch nicht (Stand 23.08.2021, 15 Uhr) veröffentlicht. So bleibt wenigstens noch Platz für einen weiteren Teil. 

Aug 222021
 

Vorwort

Gastartikel vom Senior, diesmal freiwillig und nicht durch den Einsatz bewusstseinserweiternder Drogen (= Derbysiegen).  

Liebe Lesende, ich wurde letztens gefragt, ob ich das denn gut fände, was hier so auf dem Blog erscheint, weil bei mir wäre das doch immer so ausgewogen und abwägend gewesen, und meine Antwort war: „Bei den angesprochenen Themen wäre ich nicht so lieb und nett gewesen wie die aktuellen Macher*innen dieses Blogs“.

Der FCSP muss dringend – und ich wiederhole mich an dieser Stelle – aufpassen, dass er nicht in eine Harmoniefalle tritt, bei der jegliche Kritik als Nestbeschmutzung wahrgenommen wird und im Notfall die Antwort anderer Fans darauf ein „nun stell dich doch nicht so an, es ist doch alles nicht so schlimm“ ist. Ja, wir alle können froh sein, dass wir Menschen in der Vereinsführung haben, die schon mal einen Auswärtsblock von innen und einen Tresen von hinten gesehen haben, und die in ihren wilden Jahren vielleicht auch mal ein Haus besetzt haben/hätten.

Auf diesem Internetplatz ist vieles gelobt worden, was in den letzten Jahren gemacht wurde, und vieles (DIIY z.B.) sieht vielversprechend aus. Trotzdem gibt es auch Dinge, die deutlichst (!) zu kritisieren sind. Und wenn man so etwas kritisiert, dann heißt das nicht, dass man die Grundrichtung, die Oke und Co. sowie Sandra und Co. diesem Verein geben nicht gut findet und es heißt insbesondere auch nicht, dass man alle diese Menschen und auch ihre Zugänglichkeit nicht schätzt. Das soll mal von mir hier an dieser Stelle deutlich gesagt werden, auch wenn ich in letzter Zeit aufgrund der Art, wie mit Fans kommuniziert wird, extrem sauer war. Es ist auf diesem Ort genug darüber geschrieben worden, aber nicht von mir.

Ganz ehrlich: Ich hatte den offenen Austrittsbrief schon formuliert, er hätte 20 Seiten gehabt und er wäre sehr unfreundlich geworden. Dankenswerterweise haben Menschen das geahnt und mit mir gesprochen, und vielleicht braucht ihr alle mich nicht, aber ich brauche doch noch diesen Verein und sein Chaos. Und eigentlich wäre das auch ein bisschen unfair gewesen. 

ABER: Wir als Verein müssen dringend aufpassen, dass wir nicht nur eine hochglänzende PR-Kommunikation versuchen, die keine Ecken, keine Kanten und insbesondere keine eigenen Fehler mehr kommuniziert. Wir müssen aufpassen, dass unser Kiezbezug nicht nur Astra ist, sondern es muss auch Hausbesetzung sein. Wir müssen wieder lernen, zu Fehlentwicklungen wie Alkoholverbot, Kneipenschließungen um 23 Uhr und „Paulihaus“ als Verein (das ist ungleich Fanszene, sondern meint hier unsere öffentliche Kommunikation) klarer und deutlicher Stellung zu beziehen.

Und wir müssen lernen, wer privilegiert ist und wer nicht und unsere Perspektive darauf ausrichten. Wenn wir selber nur aus unserer weißen Vorortperspektive (die nebenbei auch meine ist) auf Geschehnisse vor Ort gucken, dann muss das immer hinterfragt werden. Wir dürfen uns dabei nicht die Meinung und die Befindlichkeiten der Mächtigen und der Privilegierten zu eigen machen.

Wir müssen dem Innensenator vor das Bein pissen, nicht der Münzviertel-Ini. Oder anders ausgedrückt: Es kann nicht sein, dass Bielefeld sich zu gesellschaftlichen Themen radikaler äußert als wir. Dieses Radikale ist Teil unseres USP (Unique Selling Point und aufgrund der Abkürzung ein genauso naheliegender wie müder Gag, den ich immer wieder machen muss) und muss es wieder viel mehr werden. Und neben den lokalen Themen gibt es da noch Afghanistan, Klimawandel, rechte Arschlöcher überall, etc. pp. Ruf mal wieder zu Demos auf, liebe offizielle Kommunikation! (Nachdem das geschrieben wurde, rief man zu einer Afghanistan Demo auf, als hätten sie es geahnt.) 

Warum ich dies hier schreibe? Weil es in allen Betrachtungen, die nun folgen, mitgedacht werden muss.

Gebrauchsanweisung

Es folgt eine Betrachtung aller bis zum 18.08.2021 auf der Homepage veröffentlichten Satzungsanträge. Es wird der Inhalt dieser Anträge und ihrer Begründungen voraus gesetzt, die hier nachlesbar sind. Am besten, ihr haltet die jeweiligen Texte beim lesen immer bereit.  Ebenso wird der Inhalt unserer Satzung vorausgesetzt und nicht wiederholt. §§ ohne Nennung eines Gesetzes sind §§ unserer Satzung.  Es wird noch einen Teil 2 geben mit den „einfachen“ eingegangenen Anträgen und wahrscheinlich nach dem 24.08. eine Aufbereitung des auf der Diskussionsveranstaltung Gesagten sowie eventuell einen 3. Teil, falls noch Anträge auf der Vereinswebsite nachgeschoben werden.

Besucht die Veranstaltung am 24.08. –gerne auch virtuell –, es kann nicht schaden, wenn man sich noch mal die Argumente der Antragssteller*innen anhört und diese für sich selber abwägt. Ich werde mich schwer hüten, euch hier eine abschließende Empfehlung abzugeben, wie ihr abstimmen sollt.

Meine Meinung sage ich deutlich, aber sie ist nicht Zwergallwissend. Sich selber und insbesondere seine eigene Meinung für den Mittelpunkt der Erde zu halten überlasse ich gerne anderen Menschen. Es wird jedoch eine Ausnahme geben, denn diesen Antrag halte ich für komplett zwingend und ÜBERFÄLLIG! Ihr könnt euch wahrscheinlich jetzt schon denken, um welchen es geht. 

Ausgangssituation 

Wir haben dieses Jahr zwei ordentliche MV. Achtung! Keine davon ist eine außerordentliche MV. Leider ist unsere Satzung dort unglücklich formuliert. Unsere Satzung kennt eine außerordentliche MV, die aus Gründen (§ 15 Nr. 2) einberufen wird, und eine ordentliche MV, die mindestens (!) einmal jährlich stattfinden muss. Diese Unterscheidung ist eher unsinnig; es ist unklar, ob eine außerordentliche MV nur eine beschränkte Beschlussmacht hat, und daher haben wir dann halt zwei ordentliche MV. 

Einschub: Leider ist unsere Satzung an vielen Stellen etwas ruckelig, dies ist nur das nächste Beispiel. Das letzte Mal hatte eine Kommission sich 2017 an der Satzung versucht und leider, leider ist sie schon wieder überarbeitungsreif. Das soll die Arbeit der Menschen in dieser Kommission nun null schmälern (man lese das oben Gesagte bitte analog), denn häufig genug fallen solche Probleme erst in der täglichen Nutzung auf. Im Hintergrund wird an dem Thema fleißig gearbeitet und Besserung ist hoffentlich in Sicht. An dieser Stelle noch ein weiteres Beispiel für dieses Ruckeln: In diesen Verein sind zwischen 1999 und 2001 garantiert eine hohe vierstellige Zahl an Menschen eingetreten, von denen sich die meisten als sehr zäh und langlebig in ihrer Vereinsliebe erwiesen. Das könnte ganz eventuell mit dem Erfolgsprojekt „AFM“ zusammenhängen, wenn mich jemand fragt. Diese ganzen Mitglieder wären nach aktueller Satzung auf einer MV für ihr 25-jähriges Vereinsjubiläum zu ehren. Ich freue mich jetzt schon, wenn Manfred so ab 2024 jährlich ungefähr 2.000 Menschen auf die Bühne rufen muss. Beginn der entsprechenden MVs? 6 Uhr Morgens, gegen 12 Uhr ist mit dem Ende der Verlesung der Namen zu rechnen. (Disclaimer: Auch ich bin seit 99 Vereinsmitglied.) Einschub Ende 

Man kann diskutieren, ob eine ordentliche MV nun immer alle Punkte aus § 13 Nr. 4 behandeln muss, aber imho ist dies hier nicht der Fall, denn eine Zuständigkeit heißt ja nicht, dass man jedes Mal diese Zuständigkeit auch benutzen muss. Wir wählen schließlich nicht jede MV ein Präsidium. Aber es kommt dadurch zu einer kleinen Besonderheit: Wir wählen diesmal Esin (Rager) zur Vizepräsidentin, um beim nächsten Mal gleich ein ganzes Präsidium zu wählen. Auch das ist unserer Satzung geschuldet, welche die Bestätigung einer kommissarischen Vizepräsidentin auf der nächsten MV in § 23 Nr. 4 vorsieht. PS: Esin ist im bisherigen persönlichen Kontakt sehr angenehm, bietet natürlich in vielen Dingen eine diversere Perspektive, in einigen anderen Dingen nicht (immer noch sind außer Christiane alle unsere Präsidiumsmitglieder mit dem Label „Unternehmer*in“ oder „Wirtschaft“ sehr gut umschrieben. Da ist die „Mieter*innen helfen Mieter*innen“ Anwältin aufgrund der anderen Perspektive jeden Tag Gold wert.) 

Der Schwerpunkt der MV liegt aber bei den Anträgen, und nach drei Seiten Gelaber kommen wir nun endlich zu diesen. 

Die „Faust in der Tasche“-Anträge 

Die beiden Anträge „DFB Statut“ und „Absicherung Gemeinnützigkeit“ sind leider alternativlose Notwendigkeiten. Ich persönlich balle bei solchen von außen aufgedrückten Satzungsänderungen ja immer sofort die Revoluzzerfaust und will sie am liebsten durchfallen lassen, aber die Realität sagt, dass uns dies sehr stark schaden würde, und das soll nicht sein. 

Mal ganz davon ab: Ich habe ja auch ein ganz bisschen Ahnung vom Gemeinnützigkeitsrecht und ich befürchte das Finanzamt Hamburg-Nord (das in HH zentral zuständig ist für Vereine), hat hier einfach schlichtweg Recht. Unsere Satzung entspricht da nicht den Vorgaben des Gemeinnützigkeitsrechtes. 

Schönen Gruß aber nach Leipzig

Spannend ist die Änderung in § 7 Nr. 3 Satz 3. (II. im Antrag), die darauf abzielt, dass man die Anzahl der Mitglieder nicht künstlich klein halten darf, um gemeinnützig sein zu können. Anderer Ansicht auch nach all den Jahren anscheinend immer noch das zuständige Finanzamt Leipzig. Denn bei Rasenballsport ist es bis heute ziemlich unmöglich Mitglied zu werden. Siehe Sächsische.

Und: Ja, auch die müssen gemeinnützig sein, denn sonst könnten sie nicht DFB-Mitglied sein und damit auch keine Nachwuchsteams stellen. „Fehlt ein Anspruch auf eine Aufnahme“ ist nebenbei nicht ganz so klar, wie es da in der Begründung formuliert ist, und dies gilt auch bei einem gemeinnützigen Verein. Auch ein solcher muss nicht jeden Menschen aufnehmen. Er kann Mitgliedschaften auch gut ablehnen. Er darf dies aber eben nicht komplett willkürlich, um z.B. sich eine genehme oder sehr kleine Mitgliedschaft zu schaffen. Und ja, da sind wir auch wieder beim juristischen Thema Andy Grote. Und glaubt mir, es ist nicht schön. Details? Füllen sehr viele Bücherregale. Aber gut, Obernazi T., der bei uns Mitglied werden möchte, kann gerne eine Begründung haben. „Du bist ein Drecksfascho, verpiss dich“ reicht dann. Und wäre endlich mal wieder ehrliche, gute Kommunikation. (Gerichtskosten einer eventuellen Klage machen wir als Crowdfunding. Nur damit das klar ist.)

3. Liga? „Nie mehr zweite Klasse, nie mehr dritte Liga“! Aber vielleicht will unsere 2. Mannschaft da mal spielen, und dann brauchen wir dieses Statut. Nebenbei: Von dem Statut für „Frauenfußball“ ist da nirgendwo Rede, und vom Statut für Handball, Rugby, Schach, Triathlon, Tischtennis, Bowling und Kegel (etc.) auch nicht. In all diesen Sportarten können oder dürften wir in der 3. Liga spielen ohne eine entsprechende Satzungsänderung. Teilweise spielen wir derzeit aktuell noch höher. Dies zeigt nur, was der DFB sich hier rausnimmt, dass er hier in die Satzungen (!) der Vereine eingreift. Es ist vollkommen überflüssig, hat definitiv keinen Satzungsrang und wäre auch durch ein einfaches Anerkenntnis bei Auf- oder Abstieg genauso gültig. Ihr könnt also zu Recht die Faust bei der Zustimmung in der Tasche ballen. 

Der „das sind ja 50 Mark“-Antrag 

Der Aufsichtsrat möchte die Zustimmungserfordernisse der Inflation angleichen und einige Formulierungen schärfen bzw. definieren, was eigentlich als „finanzielle Verpflichtung“ zu verstehen ist. Wenn dies das Gremium tut, das diese Kontrollfunktionen ausüben soll, dann ist das erstmal problemlos möglich und muss nicht groß hinterfragt werden. Kontrolle muss immer irgendwie begrenzt werden, denn auch zu viel zustimmungspflichtige Geschäfte sind nicht sinnvoll. Denn dann hat man gar nicht die Zeit, alles vernünftig zu kontrollieren. Und die Betragsgrenzen mal raufzusetzen ist angesichts eines in den letzten Jahren explodierten Umsatzes des Vereines absolut sinnvoll.

Warum man aber „finanzielle Verpflichtungen“ gesetzgebungstechnisch in Unterpunkt d definiert, wirft gleich die Frage auf, ob diese Definition auch für Unterpunkt c gelten soll. Und warum man in Unterpunkt f nicht die schöne Formulierung „finanzielle Verpflichtungen“ wiederholt hat. Aber wie eben schon geschrieben: Die Satzung hakt ein bisschen, die Korrektur ist am Horizont und bis dahin werden die anwendenden Menschen wissen, wie sie das meinen. 

Die erweiterte Diversität 

Der Amateurvorstand möchte sich selbst um zwei Posten erweitern, davon soll eine*r ein*e Vizepräsident*in Diversity sein. Angesichts der Tatsache, dass der Amateurvorstand ungefähr 15.000 Mitglieder dieses Vereines vertritt, sehe ich eine Erweiterung auf 7 Menschen als eher überfällig an. Und ein Posten „Diversity“ ist definitiv kein Allheilmittel, aber ein zusätzlicher Mensch, der mit dieser Perspektive und aus einer nicht privilegierten Erfahrung auf alle Entscheidungen blickt, ist ein riesiger erster (!) guter Schritt in die richtige Richtung. 

Der Quotenantrag 

Ich bin all diese Gähn-Argumente gegen Quoten leid. Ich habe keine Lust mehr, für eine Quote zu argumentieren. Sie ist überfällig, und wir sollten uns jeden Tag unsere alten, weißen Männerfressen gegenseitig polieren, dass wir eine Quote nicht seit spätestens 2000 haben. Ich mein, selbst die CDU (!!!) hat eine Quote in § 15 ihres Statuts. Wollen wir etwa rückständiger als die sein? Ja, die Quote der CDU ist butterweich formuliert, aber wir haben aktuell nicht mal eine… Stimmt zu, oder der Ex-Chief-Editor und meine Wenigkeit lesen euch den Rest eures Lebens Altherrenwitze vor. (Das ist a. eine Drohung und b. ein Vertrag zu Lasten eines Dritten.) 

Eines nur noch: Eine Frauenquote kann nur der Anfang von mehr Diversität in diesem Verein sein. Wir sind auf allen Ebenen und allen Bereichen zu männlich, zu weiß und zu studiert. Dies ist einer Stadt und einem Stadtteil, der in vielen Dingen migrantisch und durch Arbeiter*innen geprägt ist, schlichtweg unwürdig und muss unser Thema der nächsten Jahre sein. Sonst können wir auch gleich „Die Veddel ist unser Klo“ singen und das witzig finden. Sollte noch irgendwer etwas sachlichere Argumente benötigen, um einen anderen Menschen zu überzeugen, so gibt es diese auch.

Der Bauchweh-Vertreter*in-Antrag 

Ich bin ganz ehrlich. Ich werde mit der Einführung der besonderen Vertreter*innen nicht warm. In diesem Verein gibt es für mich nicht nachvollziehbare Bedenken, im Präsidium hauptamtliche Mitglieder sitzen zu haben. Selbst mit der Zahlung von angemessenen Aufwandsentschädigungen tun wir uns extrem schwer. Das ist meines Erachtens von einem falsch verstandenen Idealismus geprägt und führt dazu, dass sich eigentlich nur reiche und damit privilegierte Menschen ernsthaft eine Führungsposition bei uns leisten können.

Oder Menschen, die bescheuert genug sind, ihre kapitalistische Lohnarbeit für den Verein (teilweise) hintenanzustellen. (Ich war knapp davor das „teilweise“ im letzten Satz komplett zu streichen, aber das wäre dann wohl doch übertrieben. Oder doch nicht?)

Ich bin froh, dass wir immer noch genügend aus beiden Kategorien finden, aber gesund ist das nicht. Auch gerade weil es immer (!) Diversität verhindert. Und wir sprechen hier halt über eine Unternehmung (und ich weiß, dass wir unseren geliebten Verein sehr ungern so sehen), die irgendwas über 50 Millionen Umsatz macht und 600 Menschen beschäftigt. Ich möchte hier mal einen zugegeben groben Vergleichsmaßstab nennen. In einer GmbH, deren Gesellschafter*in man selber ist, kann man sich ein Geschäftsführer*innen-Gehalt zahlen. Diese darf steuerrechtlich aber nicht unbegrenzt sein, sondern muss angemessen sein. Warum das so ist, lasse ich jetzt mal außen vor. Bei einer GmbH mit 50 Millionen Umsatz und 500 Mitarbeiter*innen ist nach den handelsüblichen Vergleichstabellen ein Geschäftsführer*innen Jahresgehalt im Rahmen von  292.000 bis 555.000 Euro steuerlich angemessen, wenn man in der Branche „allgemeine Dienstleistungen“ tätig wäre. Wir zahlen unserem Präsidium zur Zeit 0 Euro. Und das ist einfach nicht mehr angemessen.

Ja, man kann damit argumentieren, dass wir ein gemeinnütziger Verein sind, aber dann müsste unsere Struktur so sein, dass unser Präsidium nur noch Grüßauguste und Grüßaugustas sind, die Vereinsnadeln verteilen. Es wird mir niemand widersprechen, dass wir davon weit entfernt sind, oder? Dieser in meinen Augen unhaltbare Zustand ist aber nicht Schuld der Antragssteller*innen, sondern es gibt in den ganzen Zirkeln dieses Vereines immer noch erhebliche Vorbehalte gegen eine Bezahlung der Präsidiums- und nebenbei auch Aufsichtsratsposten. 

Aus diesen Argumenten wäre mir ein Antrag sehr viel lieber gewesen, der sinngemäß sagt „das Präsidium kann bis zu X Vizepräsident*innen haben, davon dürfen Z Menschen hauptamtlich sein.“ Ja, es gibt ein Argument, was gegen eine Mischform spricht, nämlich, dass dann eine Unwucht zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitgliedern des Präsidium besteht. Weil die Hauptamtlichen immer vor Ort sind. Aber ich sage euch auch ganz ehrlich: Das überzeugt mich heute weniger als es das vielleicht noch 2020 getan hat. Insbesondere wenn ich den Zeitaufwand sehe, der heutzutage ehrenamtlich geleistet wird. Wenn man aber diesen gordischen Knoten nicht zerschlagen möchte oder kann, dann sind besondere Vertreter*innen ein möglicher und auch für unseren Verein guter Kompromiss.

Immerhin sieht das altehrwürdige BGB die in § 30 vor. Daher begrüße ich grundsätzlich (!) die Einführung dieses neuen Organs. Und nun kopiere ich teilweise, was ich bereits zum ersten Antrag gleichen Wortlautes für die MV 2020 geschrieben habe, um meine Bauchweh zu begründen (ist nicht wortgleich und ein paar Details entscheidend geändert): Tätigkeit sehr unbestimmt Nach § 30 BGB ist ein*e besondere*r Vertreter*in für alles zuständig und vertretungsbefugt, was der ihr/ihm „zugewiesene Geschäftskreis“ gewöhnlich mit sich bringt. Kiel legt diesen Geschäftskreis gleich in der Satzung auf Profifußball fest, was Manövern des Präsidiums als bestellendes Organ von vornherein Grenzen setzt. Dies erfolgt bei uns anders. In dem vorgeschlagenen § 24a ist folgendes formuliert: „Das Präsidium ist berechtigt, maximal vier besondere Vertreter*innen gemäß § 30 BGB für die folgenden Verantwortungsbereiche des Vereins zu bestellen: a) Sport, b) Finanzen, c) Vertrieb und Sponsoring/Vermarktung, d) Recht, e) Vereinsstrategie und Clubentwicklung“ 

Fällt euch ein Bereich des FCSP ein, der damit nicht abgedeckt ist? Okay, Amateursport vielleicht, aber das bekäme man auch relativ elegant unter „Sport“. 

Auch die Anzahl der besonderen Vertreter*innen ist nicht absolut, sondern nur relativ zur Anzahl der Vize- + Präsident*in begrenzt. Es ist also ohne weiteres möglich, eine*n besondere*n Vertreter*in mit einem relativ weit gefassten Geschäftsfeld zu bestimmen und diesen Menschen zum „starken Menschen“ in diesem Verein zu machen. Das gilt umso mehr, wenn man das nun folgende bedenkt: 

Ausschluss direktes (!) Weisungsrecht

Die besonderen Vertreter*innen sollen vom Weisungsrecht der MV ausgeschlossen sein. Das Weisungsrecht der MV ist ein hohes Gut und hat bei uns schon viele Dinge bewegt. Wenn man hier Bereiche pauschal davon ausnehmen will, dann muss das gut (sehr gut) begründet werden. Im engen „sportlichen Bereich“ kann ich das sofort nachvollziehen. 29.546 Trainer*innen sollt ihr sein, aber bitte keinen Einfluss auf das reale Leben nehmen. Dafür ist im Profifußball trotz aller Datenanalyse vieles einfach eine Bauchentscheidung. Da ist der „starke Mensch“, der das alleine verantwortet, aber auch alleine verantwortlich ist, vollkommen sinnvoll.

Diesen von einer Weisungsgebundenheit auszunehmen wäre ebenfalls sinnvoll. 

Anders sieht das aber schon bei anderen Geschäftsfeldern aus. Warum soll ich z.B. Bernd von Geldern in seinem Feld von so einer Weisungsgebundenheit ausnehmen?

Und ich möchte hier mal den Bereich Vermarktung und Merch (mir ist bis heute nicht klar, wer da genau für was zuständig ist und wie die Abgrenzung genau ist, soll hier mal keine Rolle spielen; nachfolgend ist zusammenfassend mal von „Vermarktung“ die Rede) als prägendes Beispiel nehmen, weil dieser Bereich eine riesige prägende Außenwirkung hat. Ich sag nur „Modelabel mit angeschlossenem Fußballbereich“. Schließe ich hier die Weisungsgebundenheit aus, weil die das nervig finden? Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in der Verantwortung der Vermarktung nur weiße Männer sitzen haben, und das ist bis hierhin nur eine Feststellung und keine Wertung!

Aber diese Besetzung führt auch zu einer Perspektive und zu einer Art der Denke. Das abzustreiten wäre ein ganz großes in-die-Tasche-lügen. Diversität prägt halt auch Denke und hier fehlt sie uns (noch?). Und es fehlt die Perspektive des Mitglieds und der Fans. Vermarkter*innen wollen vermarkten, dafür sind sie angestellt, dafür leben sie, das prägt ihre Denke. Und das ist auch gut so.

Aber Vermarkter*innen können aus dieser Perspektive gewisse Befindlichkeiten nicht sehen und/oder verstehen.

Das ist auch gut so.

Und da muss die MV als Korrektiv eben mal tätig werden.

Deswegen finde ich es schwierig, eine Weisungsgebundenheit auszuschließen. Ich will nicht sagen, dass es nicht eine Begründung für diesen Ausschluss gibt, ich habe da auch nachgefragt und mir ist auch noch eine Antwort versprochen. Oder wir bekommen die am 24.? Ich lasse mich gerne überzeugen, noch bin ich aber nicht überzeugt.  

Indirekt?

Ja? Nein?Ihr habt das Ausrufezeichen hinter dem „direkte“ in der letzten Zwischenüberschrift gesehen? Kann man die besonderen Vertreter*innen indirekt anweisen, indem man das Präsidium anweist, sie anzuweisen? Das ist mir in der Formulierung immer noch nicht wirklich klar. Wortwörtlich steht da:„Hiervon ausgenommen sind die besonderen Vertreter*innen (§ 24a), die ausschließlich den Weisungen des Präsidiums unterliegen, sowie Aufträge an das Präsidium, den besondere Vertreter*innen Weisungen zu erteilen.“

Für mich liest sich da so, dass Aufträge an das Präsidium, die besonderen Vertreter*innen anzuweisen, ausgenommen sind. Und das verstärkt dann meine Bauchweh. Bisschen elegant geschnittene Geschäftsbereiche für zwei bis drei besondere Vertreter*innen und schon ist eigentlich das gesamte operative Geschäft des FCSP von dem Weisungsrecht der MV ausgenommen.

Dann kann man das Weisungsrecht, welches unsere Satzung vorsieht, auch ganz streichen. Dies ist in einem Verein möglich. Wir können aber gerne Wetten abschließen, ob ein solcher Vorschlag eine notwendige Dreiviertelmehrheit auf einer MV erhalten würde. Mein Gefühl sagt mir, dass die MV darauf nicht verzichten würde.

Nun wird aber genau dieser Ausschluss durch die Hintertür eingeführt. Und beraubt damit der MV eines Kontrollmittels.  

Für mich bleibt daher massiver Rechtfertigungsbedarf. Im Interview 2020 wird auf diesen Punkt nur wie folgt eingegangen:  „Das Präsidium und der Aufsichtsrat werden weiterhin von den Mitgliedern gewählt. Dadurch haben unsere Mitglieder weiterhin die Möglichkeit, Einfluss auf das tägliche Geschehen des Vereins zu nehmen.“ 

Leider ist dieses Interview nicht mehr verfügbar auf der Vereins-website. Diese Argumentation bleibt aber auch Bullshit, denn wie oben schon formuliert: Ich kann sehr gut mit dem Präsidium im Ganzen einverstanden sein, dieses sehr gut gerne wiederwählen wollen, aber doch in einem Punkt so uneinverstanden sein, dass ich es anweise.

Dieses Recht nun indirekt für große Teile des Vereinsgeschehens auszuschließen, halte ich für falsch. Der MV bleibt dann nur eine alles oder nichts Lösung. Und dies auch nur durch Abwahl und/oder alle vier Jahre. Dann kann es schon zu spät sein.  Im Antrag wird breit auf die erweiterte Haftung der besonderen Vertreter*innen eingegangen.

Das kann aber kein Argument sein, die Weisung auszuschließen. Wenn die MV als höchstes Gremium den Vorstand anweist, uns morgen von der 2. Liga abzumelden, dann kann die MV nicht ein Jahr später den Vorstand für diese – komplett geschäftsschädigende – Handlung in Haftung nehmen. Egal welchen Haftungsmaßstab man wählt. Gleiches würde halt gelten, wenn es besondere Vertreter*innen anweisen würde. 

Also selbst wenn es dafür gute Gründe gäbe, diese Weisung auszuschließen, so sollten wir uns immer fragen, ob diese es uns wert sind. Vielleicht wären hauptamtliche Vorstände mit Weisungsrecht eben doch die deutlich bessere Lösung unseres Problems?  Bedenkt dabei immer auch, dass Personen wechseln. Da sitzen nicht immer Oke und Bernd von Geldern, denen ich beiden eine gewisse Zugänglichkeit bescheinigen möchte.

Erinnert euch nur mal an Corny. Wenn man den nicht sanft in die richtige Richtung gezwungen hat, dann lief das aus dem Ruder. Und dieses Weisungsrecht ist ein sehr schönes Mittel, um Leute in die richtige Richtung zu leiten, ohne ihnen gleich grundsätzlich das Vertrauen zu entziehen oder eine Abwahl mit allen ihren Folgen (die älteren erinnern Corny vs. Aufsichtsrat?) anzuzetteln. 

Ich wiederhole mich: Hier ist Rede- und Rechtfertigungsbedarf vorhanden! Die Regelung sieht vor, dass es nie mehr besondere Vertreter*innen geben darf als Vizepräsident*innen. Was mir nicht so richtig klar ist, ob da nicht eine Lücke bei einem Massenrücktritt entstehen kann zwischen Rücktritt und Neubesetzung nach § 23 Nr. 4. Auch gerade weil das nur eine „kann“-Bestimmung ist und nun aber § 24a im dritten Absatz seiner Nr. 1 eine Frist von höchstens 4 Wochen, längstens aber bis zur nächsten MV vorsieht. Das ruckelt zwischen alten Normen und neuen Normen, wäre aber nix, was sich nicht im Rahmen einer allgemeinen Reform korrigieren ließe; es würde nun meine Zustimmung nicht verhindern.

Abschließende Anmerkung: Können wir bei der anstehenden Reform unserer Satzung mal bitte Nummern und Absätze harmonisieren? Der vorgeschlagene § 24a z.B. hat in seiner Nr. 1 vier Absätze und dann pro Nummer einen Absatz. Das macht den juristischen Monk in mir vollkommen wahnsinnig. Im nächsten Teil widmen wir uns dann den einfachen Anträgen. Bis dahin: Gute Nacht und Aufstieg jetzt.  

Aug 142021
 

(Unsere Leber und Köpfe arbeiten noch, daher haben wir uns senioren Beistand geholt.
„Du solltest bloggen“ 🤎🤍)

Es ist Derby. Es ist immer noch Pandemie. Es ist nicht wirklich alles mit dem Verstand zu erklären. An diesem Tag ist nicht jede Handlung rational. Es ist zu voll. Vor dem Spiel, nach dem Spiel zu viele Menschen am Jolly, im Viertel etc. 

Aber nicht hingehen? Geht auch nicht. Das Fieber siegt. Das Fieber was am Spieltag nie aufkommt. Zu doll geht man immer wieder von Niederlage aus. Zu doll ist man als FCSP Fan auf „das hier ist Fußball, das hier ist Drama“ gepolt. Thees singt ja nicht „das hier ist Fußball, das hier sind Triumphe“ wir sind hier ja nicht bei Bayern. 

Vor dem Spiel 

Wichtige Gespräche werden geführt. Am Derbytag nicht immer klug. Zu hibbelig. Aber alle haben Zeit. Erstmal eine Paulinenplatz Pommes zum runter kommen. Immer wieder spazieren Menschen die man kennt vorbei. Teilweise froh ein Derby zu sehen „letztes Jahr hätte ich nicht gedacht in meinem Leben überhaupt noch ein Derby zu sehen, nun sitze ich auf meinen Platz im Stadion“ Krebs ist ein Arschloch. Aber hier gibt es ein Happy End. 

Fanladen läuft vorbei. Spielen wir nun so gut, weil das übliche Ritual durchbrochen wurde oder weil es sowieso so etwas wie Aberglaube nicht gibt? Warum dann die Glückstutzen? 

Fanladen ein fröhliches „Was macht ihr denn hier?“ zugeworfen. „StraSo!“ war die Antwort. Was man mit „Kaffee holen“ übersetzen konnte. 

Ne Spaß beiseite. Jobs, die Menschen aufsuchen, sind nicht gerade geil in Pandemie Zeiten. 

Der Straßenfunk sagt was von Pyroshow. Also stehen wir an der Budapester. „Fahr ruhig langsam“ sagen wir nur. Auch das zeigt, was für ein Verein wir haben. Ein Trainer, der so etwas zur Pyroshow formuliert. 

Einlass. Schlange. Namensabgleich. Nicht jede*r Ordner*in weiß, wo man den Namen in der Apple Wallet findet, wird aber alles gelöst durch eine Ordnerin, die das kennt. Trotzdem Rauten im Block. Schwierig. 
Es fehlen 19.543 Menschen im Stadion. Ja auch die von der rautigen Seite der Macht. Derby bringt ja dann richtig Spaß, wenn sich jemand ärgert. 

Stimmen gesucht

Vor dem Spiel waren die 700 Air Bäron Anhänger*innen noch bester Stimmung. Das legte sich. Nach dem Ausgleich waren sie noch  leicht zu hören. Später nicht mehr. Und nach dem Spiel war dann „Danke für nichts“ Stimmung. Mal ehrlich: da wo wir „Kein Mensch ist illegal“ stehen haben, könnten die bei sich mal „Danke für Nichts“ hinmalen. Dann lassen sie auch vielleicht mal unsere Treppen und Brücken in Ruhe. Wenn man bei so einer Aktion nebenbei noch Menschen angeht, dann ist das der letzte Dreck. 

Es fehlen Rituale. Die Choreo. Das Pyro. Die Vorsänger*innen, die heiss wie Frittenfett sind. Es entwickelt sich unter den 9.300 anwesenden Menschen braun-weißer Gesinnung aber doch ein guter Support. Auf der Haupttribüne sitzen wir. Komische Perspektive. Michel im Hintergrund? Cool! Aber uns fehlt der große Mensch, der die Sicht weg nimmt und die Fahne die vor uns wedelt. Man sieht viel zu viel. 

Und Fußball im Sitzen geht in der Pandemie. Aber unser neues Hobby wird das nicht. 

Dieses Schreien und Singen, nech? Das geht ganz schön auf die Stimmbänder. Die kollektiven Halsschmerzen sind hoffentlich bei allen nur dieses. 
Umso wichtiger: wenn ihr noch nicht geimpft sein solltet: ihr könnt euch jetzt den Derbysiegerchip impfen lassen. Direkt im Stadion. Macht es! 

Auf dem Platz

Während des Spieles wollen dann diverse Männer Simon heiraten oder ein Kind von ihm. Boa ey. Was für ein Derbyspieler. 3-1-2: 3 Tore, eine Vorlage in 2 Derbys. 

Pass Medić? Pass Medić! Und wenn FOB nun auch noch anfängt Tore zu schießen, dann werden wir ihn wohl doch mal in der CL sehen. Seufz. Oder wir spielen in der CL mit ihm. 

Wir als FCSP tun uns ja immer schwer sportlichen Erfolg zu fordern und als unseren Inhalt zu sehen. „Grosskotzig“ „dann geh doch zum…“ „erstmal Klassenerhalt“ sind Formulierungen, die einem Entgegenkommen, wenn man von „Aufstieg“ spricht. Aber liebe Leute: man holt einen Hartel nicht, um Platz 7 zu sichern. Und die Pferdelunge zeigte schon jetzt was der leisten kann. 

Und mal ehrlich: diese Liga kommt uns entgegen. Probleme haben wir immer mit den fucking Sandhausens dieser Welt. Truppen die ihr Überleben im zerstören sehen. In dieser Liga? Unfassbar viele Teams, die nach vorne spielen wollen und müssen. Teams, die ihr Heil im Fußball spielen wollen suchen. Das ist doch was für uns. Denn wir können da vom Niveau mitspielen. Glaubt ihr nicht? Guckt euch das Derby an. Wo wir noch vor kurzer Zeit mit Kampf technische Nachteile weg machen mussten, fließt der Ball nun. Das ist top. 

Wir wollen aufsteigen! Wir wollen die Nr. 1 dieser Stadt sein. Die Rauten auf den Lauterer Weg verabschieden. Und seien wir ehrlich: Mal unter uns Kapitalist*innen: wir sitzen hier in einer Pfeffersäcke Stadt mit 1,8 Mio Menschen. Was glaubt ihr welche heiße Ware unsere Werbepakete als einziger Bundesligst in der Stadt wären? Okay, Kommunismus ist uns dann doch lieber, aber man muss ja realpolitisch sein. 

Daher nun: Nicht ausruhen, keine Atempause, Paderborn weghauen. Für ein Derby gibt es ganz viel Fankarma und Liebe. Aber in der Tabelle nur 3 Punkte. Wir brauchen mindestens noch 58. Lass sie uns holen! 

Nach dem Spiel

Das Jolly war vor der Sperrstunde schon alle. Und auch der Zoo sollte seinen Schnitt gemacht haben. Am späten Abend dann skurrile Stimmung. Läden offiziell zu, inoffiziell häufig noch Stimmen zu hören. Gruppen flanieren und es wird gelacht und getrunken. Hamburg ohne Hamburger Wetter kann was. 

Liebe Autofahrer (kein Gendern nötig), wenn an der Budapester ein Mob an der Straße steht, dann muss man dort nicht mit 120 vorbei brettern. Und den dicken BMW aufheulen zu lassen Nachts, ist auch eher so 1975. 

Stimme weg, Leber am arbeiten, Gesicht am Lächeln. Wir sind Derbysieger*innen. Wir sind St. Pauli. Kommt unser Tag vielleicht gerade? 

Ein Twitteruser fasst das Gefühl der älteren Säcke sehr gut zusammen:        

Es ist so schön. 

Jul 302021
 

Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren“

Paul Watzlawick

Das Kommunikationsmodell von Paul Watzlawick beschreibt in 5 Axiomen, die Regeln menschlicher Kommunikation. Es ist ein kreisförmiges, dynamische Modell. Das bedeutet, dass nicht nur die Reaktion einer Person auf die Kommunikation einer Anderen wichtig ist, sondern auch die Rückwirkung die die Reaktion hat. Schauen wir uns die ersten beiden Axiome einmal genauer an. Das erste Axiom besagt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Jedes Verhalten hat einen Mitteilungscharakter und wird von unserer Umwelt interpretiert. Folglich ist Verhalten Kommunikation und es is dem Menschen nicht möglich nicht zu kommunizieren. Das zweite Axiom drückt aus, dass jede Kommunikation sowohl einen Inhaltlichen- als auch einen Beziehungsaspekt hat. Der Inhaltslicheaspekt beinhalten die reine Sachinformation. Der Beziehungsaspekt übermittel wie die Information vom Empfänger aufgefasst wird und wie der Sender die Beziehung zwischen Sender und Empfänger definiert.

Was das alles mit dem FC St. Pauli zu tun hat?

In Sachen Kommunikation mit seinen Fans hat der Verein Nachholbedarf

Der Verkauf von 29.546 Karten ist ein großer organisatorischer Aufwand. Die Pandemie hat dies nicht leichter gemacht. Zuschauerbeschränkung bedeutet, dass nicht alle, die bisher immer im Stadion waren, ins Stadion können. Folglich muss eine Priorisierung getroffen werden. Dauerkarten/ Jahreskarten vor Saisonpaketen. Saisonpakete vor Tageskarten. Mitglieder vor Nichtmitgliedern. Das ist hart für die, die sich erstmal keine Karte kaufen können, rational aber nachvollziehbar. Es ist genauso nachvollziehbar bei einer großen Anzahl an Auswärtskarten, bei einer geringen erwarteten Verkaufsquote zu beschließen, die ADKs nicht zu priorisieren, sondern den Verkauf für alle Dauerkarten und Mitglieder freizugeben. Egal für welche Verkaufsmodalität man sich entscheidend, man enttäuscht immer jemanden und zufrieden werden nie alle sein. Wie lässt sich also dieses Frust minimieren? Das Zauberwort lautet Kommunikation. Vier Beispiele aus unserer eigenen Erfahrungen der letzten Monaten bei denen der Verein eher unglücklich agiert hat.

Beispiel 1: Dauerkarten-Warteliste

Ein Mitglied dieses Kollektivs steht seit Jahren auf der DK-Warteliste und kämpft deshalb jede Saison mit Eventim um den Erwerb eines Saisonpakets. Wir wussten, dass, sollten irgendwann wieder Zuschauer*innen zugelassen werden, die Saisonpaketeinhaber*innen hinter den Dauer- und Jahreskarteninhaber*innen stehen würden. Die ersten Karten gingen in den Verkauf und vom Verein kam keine Erklärung an die Saisonpaketeinhaber*innen. Stattdessen erklärte Bernd von Geldern, dass die DK-Inhaber*innen „die Treusten der Treusten“ seien (wie sich das anfühlte haben wir hier niedergeschrieben.) Eine einfache Mail „Hey Leute, aktuell dürfen wir nur 2000 Zuschauer*innen zulassen, deswegen können sich als erstes die Inhaber*innen einer DK eine Karte kaufen. Wir haben euch aber nicht vergessen. Wir melden uns bei euch, wenn die zugelassene Zuschauerzahl groß genug ist, sodass wir euch auch Karten anbieten können.“ Ein kurzes „Das ist die Lage, wir haben euch nicht vergessen.“

Wäre das so schwer gewesen? Die Mailadresse von uns habt ihr ja. 

Am Ende des Tages ist es doch im Interesse des Vereins, dass die Saisonpaketeinhaber*innen sich irgendwann wieder ein Saisonpaket für den Vollpreis von 17 Heimspielen kaufen. Ob das alle tun wenn man diesen Personengruppe 18 Monate komplett ignoriert? Mal zum Vergleich: Das Saisonpaket Stehplatz Block C kostete in der Saison 19/20 246,50€ (ohne Versand), der Preis für die DK im selben Block liegt für Mitglieder bei 173€. Für 73,50€ mehr pro Saison kann man schon etwas mehr Kundenbindung erwarten als absolute Totenstille. Zumal es sich hierbei um immerhin ca. 4000 Fans handelt. 4000 Fans die vom Verein seit Beginn der Pandemie links liegen gelassen werden. Und wie man auch gesehen hat, war der Run auf das erste Heimspiel nun wirklich nicht so groß, dass das alles kein Problem ist. Auch der FCSP muss sich um seine Kund*innen kümmern.

Beispiel 2: Auswärtsdauerkarten

Für das Pokalspiel in Magdeburg bekommen wir 1500 Karten. Unter normalem Bedingungen gingen davon ca 350 Karten an die Auswärtsdauerkarteninhaber*innen. Der Rest würde auch relativ schnell über den Tisch gehen. Jetzt ist aktuell aber nichts normal, wie der Verkauf der Tickets für das Spiel gegen Kiel gezeigt hat. Am Freitag gab der Fanladen bekannt, dass sich Fanclubs bezüglich der Karten per Mail melden sollen. Der Verein würde sich dann Montag dazu äußern. Schon das war in der Kommunikation etwas ungünstig, da nicht klar war was das für die Auswärts-DKs bedeutet. Am Montag veröffentlichte dann der Vereins seine Ticketinfos zu dem Spiel. Dauer- und Jahreskarteninhaber*innen, sowie Mitglieder könnten ab Mittwoch 10 Uhr über den Ticketshop Karten kaufen. Die Auswärts-DKs seien ausgesetzt. Wäre man zynisch könnte man jetzt denken, das Allesfahrer*innen anscheinend auch nicht zu den „Treusten der Treusten“ gehören, obwohl es sich hier auch um Dauerkarten handelt. Aber das ist gar nicht der Punkt. Wir reden hier von einer Gruppe von Menschen, die teilweise seit Jahren jedes noch so beschissene Auswärtsspiel in Ingolstadt im Schneeregen im Stadion gesehen haben. Die mit dem Erwerb der ADK dazu verpflichtet sind die Karten für jedes Spiel abzunehmen. Auch hier wäre eine kurze erklärende Mail alles gewesen, was wir gewollt hätten. Denn auch die ADK-Inhaber*innen haben seit Mai 2020 kein Wort vom Verein gehört (und da ging es auch „nur“ um die Erstattung eines Spiels). 

Beispiel 3: Lebenslange Dauerkarten

Auch Inhaber*innen der lebenslangen Dauerkarte mussten lange auf gezielte Informationen in der Pandemie warten. Menschen, die immerhin mal dem Verein finanziell den Arsch gerettet haben, indem sie einen insolvenzreifen Unternehmen richtig Geld überwiesen haben. Auch da kann man gezielt informieren. Und nein, dass Pokalsaison, sportlicher Erfolg und viel Glück diesen Personen ein gutes Geschäft beschert hat, ist da unbeachtlich. 

Der Senior hat uns auf Nachfrage auch darauf aufmerksam gemacht, dass das auch rechtlich spannend ist. Denn während man den „normalen“ Dauerkartenvertrag vor der Saison 20/21 mit einem „wir müssen sehen ob und wie ihr die nutzen könnt“ eingeschränkt hatte, erfolgte vom Verein nie ein solcher Versuch gegenüber den lebenslangen Dauerkarten. Und das heißt, eigentlich hätte man diesen 450 Menschen kostenlos zuerst Karten anbieten müssen. Man war schlichtweg rechtlich dazu verpflichtet. Denn sofort als Zuschauer*innen zugelassen waren, war diese Leistung nicht mehr unmöglich. 

Jetzt zum Kiel (und Hertha) Spiel bekamen die LDK Inhaber*innen nebenbei eine individuelle E-Mail mit auf sie inhaltlich zugeschnittene E-Mail. Der Verein kann dies also von den Daten her. Er muss nur wollen. 
Jetzt könnte man natürlich anführen, dass eine Mail an einzelne Personengruppen gar nicht nötig ist, da sich alle Informationen auf der Homepage finden lassen. Der Verein verschickt allerdings personalisierte Informationsmails. Nur nicht an alle. Damit wären wir wieder bei Watzlawick. Ja, auf der Homepage finden sich alle Sachinformationen. Aber was sagt es über das Verhältnis eines Vereins zu seinen Fans aus, der seinen DK-Inhaber*innen gezielt Informationen zuspielt, alle anderen aber gekonnt ignoriert? Das nicht Verschicken von Informationen ist auch eine Information, nämlich darüber wie der Verein die Fans hinter den verschiedenen Kartenkategorien sieht. „Die Treusten der Treusten“. Beziehungsebene und so.

Beispiel 4: Schweigen

Wir kommen noch mal zurück zu den Inhaber*innen von Auswärtsdauerkarten. Als diese haben wir nämlich eine Mail an den Verein geschickt, dass wir das oben beschriebene Vorgehen ziemlich doof und enttäuschend finden und haben auch konkrete Vorschläge gemacht, was aus unserer Sicht besser laufen könnte.

Abgeschickt Montagabend. Eine Antwort haben wir bis heute nicht erhalten. Fast vier volle Arbeitstage liegen da jetzt dazwischen.

Diese Nicht-Antwort kommuniziert mehr, als es jede inhaltliche Antwort könnte. Mag sein, dass die Mitarbeiter*innen im Kartencenter aufgrund der Kurzarbeit wirklich keine Kapazitäten dafür haben. Aber auch das ist eine Entscheidung der Verantwortlichen in diesem Verein, dass solche Themen eben keine Priorität haben. Wie das bei uns ankommt, könnt ihr euch vorstellen. 

Das Zauberwort heißt Kundenbindung

Ganz trocken betrachtet sind wir am Ende des Tages alle Kund*innen des Vereins. Kund*innen, die durch den Kauf eines Produkts Einnahmen sicherstellen. 15.500 Dauerkarten reichen nicht aus um den Laden am Laufen zu halten. Durch das konsequente Ignorieren verprellt man sich Kund*innen. Kund*innen, von denen man, sollte diese Pandemie irgendwann mal vorbei sein, erwartet, dass sie ihr Geld wieder beim Verein lassen. Etwas Arbeit in die Kundenbindung zu stecken und sich nicht nur darauf zu verlassen, dass Menschen ihr ganzes Leben dem Verein verschrieben haben, scheint also angebracht. Sonst könnte der Eindruck entstehen, die nicht „Treusten der Treusten“ sind nur dann wichtig wenn es darum geht ein volles Stadion auf Social Media posten zu können. 

Jul 202021
 

Sonntag war ich nun zum ersten Mal seit 500 Tagen wieder am Millerntor, um dort ein Spiel zu verfolgen. Wie wars, fragt ihr? Die Antwort ist – typisch MagischerFC – mal wieder etwas länger.

Auf dem Platz

Joah, typisches Testspiel halt. In der ersten Halbzeit ganz gut eingespielt mit einem defensiven 4-3-3 in dem die drei Spitzen die ganze Zeit durchrotierten, offensiv mit der typischen Mittelfeldraute. Das sah alles einigermaßen eingespielt aus und mit einer ähnlichen Elf sollten wir auch beim ersten Punktspiel am Sonntag rechnen können. Auch wenn ich einen fitten James Lawrence vor Jakov Medić sehe, war das von der Aufstellung her doch ganz passabel. Was nicht heißen soll, dass Jakov Medić schlecht war. Aber James ist halt James.

Dann noch einen James Irvine (der noch Fitnessrückstand aufholen muss) und Sebastian Ohlsson (der immer noch verletzt ist leider) und wir haben da eine durchaus konkurrenzfähige Mannschaft. In die zudem noch Afeez Aremu (ich mag den Jungen) und Max Dittgen streben. Genauso wie Christopher Buchtmann (hat mich am Sonntag nicht unbedingt überzeugt), Lars Ritzka, Lukas Daschner und auch die jungen Christian Viet und Max Brandt weitere spannende Optionen sind. Auf der Torwartposition bin ich mir aktuell noch unsicher – ich sehe weder Dennis Smarsch (der bei beiden Gegentoren nicht nur glücklich aussah) als auch Nikola Vasilj als nicht so stark wie Dejan Stojanović in der vergangenen Saison. Sind aber auch beschränkte Eindrücke meinerseits.

Andererseits merkt man schon, dass uns mit Rodrigo Zalazar und Omar Marmoush ganz schön offensives Tempo abhanden gekommen ist – wie ich auf Facebook so passend gelesen habe: Makienok und Burgstaller sind eher Diesellok statt ICE. Die haben ihre Qualitäten eben ganz woanders. Pressing mit den beiden ist aber ein anderes als mit Marmoush und Zalazar. Wobei die beiden durch ihre Größe und physische Präsenz da dann auch wieder andere Qualitäten reinbringen.

Die Qualität des Spiels nahm dann mit zunehmenden Wechseln ab. Wurde in der ersten Halbzeit (bis auf kurze Trinkpause) in der Anfangsformation durchgespielt, so wurde in der zweiten Halbzeit kräftig gewechselt, was bei der Anzahl der Wechsel natürgemäß das Spiel zerfledderte und sich damit auch nur noch teilweise zur wirklichen Bewertung des Spiels eignet. Hertha sah man die fehlende Abstimmung ganz schön an (die sind zwei Wochen in der Vorbereitung hinterher) und die Aggressivität mit der in Zweikämpfe gegangen wird, ist auch nur so lange schön, wie dann – wie im Fall dieses Spiels – nichts passiert. Und da war es dann teilweise doch eher grenzwertig.

Es war aber wirklich toll – auch aus rein fußballerischer Sicht – mal wieder im Stadion zu sein. So weiß ich jetzt, dass Simon Makienok echt ganz schön behäbig ist, und auch nicht unbedingt der schnellste, dass Kyereh einen tollen Antritt hat, wie die Spieler sich bewegen in welchen Situationen. Wer wem wie schnell aufhilft, wenn er auf dem Boden liegt, wer Anweisungen gibt, wer viel mit der Trainerbank spricht. All diese Sachen, die man ob des Fernsehbildes der vergangenen 1.5 Jahre nur sehr begrenzt einschätzen kann. 

Gleiches gilt übrigens auch schon fürs Aufwärmen, es hat wirklich Spaß gemacht, das Trainerteam bei der Leitung des Aufwärmens zu beobachten. Allen drei Akteuren sieht man wirklich an, dass ihnen ihr Job Spaß macht. Für mich hervorgetan hat sich dabei Fabian Hürzeler, der gefühlt halb mitspielte beim Kleinfeldeinspielen (da gibt’s sicher irgendeinen Fachbegriff für, aber ein Fußballblog waren wir ja noch nie.).

Auch den Spielern merkte man an, dass es eben doch was anderes ist vor etwa 2500 Menschen zu spielen statt vor leeren Rängen. Immer wieder gingen die Blicke nach oben. Nach seinem Tor realisierte Kyereh, dass er ja zum Publikum laufen kann, um sich vor den Leuten zu freuen. Und gleiches konnte man danach ja auch in den Presseaussagen nach dem Spiel rauslesen.

Als Fan auf der Tribüne

Es war auf gar keinen Fall Fußball, wie ich es aus vorpandemischen Zeiten kannte. Ich gucke ja auch sonst mal gerne Livesport und es hatte einfach etwas von Tennispublikum (no shame!), wenn alle auf ihren Plätzen sitzen und vor allem das Spiel verfolgen, mal klatschen, mal anfeuern; aber eben nicht dauerhaft supporten.

Aber dann gab es da auch diese typischen Millerntor-Momente, die mir (und auch anderen, so hörte ich) dann doch ein paar Gänsehautmomente bescherten. Einlaufen mit „Das Herz von St. Pauli“, Song 2 beim Torjubel, „Antifa Hooligans“ in der Halbzeitpause. Das waren diese kurzen Momente, als der „alte“ Fußball, das „alte“ Millerntor durchblitzten. Dann aber auch schnell wieder vorbei, wenn du zum Song 2 sitzenbleibst und niemanden umarmst. (Gut, es war ein Testspiel, wäre auch sonst kaum passiert, aber ihr wisst, was ich meine.)

Andererseits waren da dann auch diese ausschließlich männlichen Mitzuschauer, die immer wieder versuchten, Support anzustimmen. Und die Diskussion, wie und ob das eigentlich selbstreferenziell ist, hatten wir ja auch schon vor Corona immer mal. In diesem Fall ging es in meiner Wahrnehmung wenig darum, tatsächlich das Team zu pushen (wie gesagt, Testspiel), sondern vor allem darum, mal schön selbst im Mittelpunkt zu stehen, wenn man einen Chant anstimmt. Auf die Spitze wurde das ganze dann für mich getrieben, als aus dem Gebiet der GG „Aux Armes“ angestimmt wurde. Sorry Leute, das startet auf der Süd, von den dort anwesenden Gruppen und nicht sonst irgendwo. Das ist einfach doof. 

Es wird spannend, wie sich das Thema weiterentwickelt. So fühlt sich für mich Support von einem Sitzplatz aus, relativ exponiert und nicht in der Masse verschwindend, auch tatsächlich ziemlich komisch an. Dazu stehe ich eigentlich irgendwo eng gedrängt, der Sitzplatz passt dazu für mich einfach nicht. Und diese Abstände, die werden wir in meiner Einschätzung nicht so bald los werden. Und klar sollen die Jungs Unterstützung kriegen, wo es passt. Aber dann halt bitte als echten Support und nicht, weil du so ein cooler Macker bist, der auch endlich mal laut brüllen und vor allem von allen gehört werden will.

Ich hatte ja schon vorher mein Ticket für Kiel besorgt und bei mir kribbelt es auch ein ganz wenig für das Spiel am Sonntag. Ich habe mich insgesamt so sicher gefühlt, wie man sich während Corona eben in größeren Menschenmassen sicherfühlen kann. Aber eben auch nicht anders/ schlimmer als vor der Kneipe am Samstagabend, im Zug, in dem die Typen extra langsam essen, um ihre Maske nicht tragen zu müssen oder in irgendwelchen Schlangen draußen, wo MNS auch nur halbherzig getragen wird. Da unterscheidet sich der Fußball dann halt auch nicht weiter von anderen gesellschaftlichen Bereichen, in denen viele Menschen zusammenkommen.

Sorgen machen mir die steigenden Zahlen in Hamburg dann durchaus diesbezüglich, dass das mit den Fußballspielen unter diesen Bedingungen dann eben auch einfach nicht weiterhin so durchgezogen werden kann und wird.

Und das organisatorische?

Zumindest aus meiner Sicht gibt es organisatorisch noch einiges an Nachholbedarf:

  • Wir waren ganz früh drin und konnten den Einlass von oben ganz gut beobachten. Reihenweise haben sich Leute falsch angestellt (Einlass war nach einzelnen Tribünenteilen organisiert) oder sie standen nur in einer der beiden möglichen Reihen. Der Mund-Nase-Schutz wurde beim Einlass auch nicht mal ansatzweise zuverlässig getragen – ihn zu sehen war zumindest in dem was ich beobachten konnte eher die Ausnahme statt die Regel. Für mich ehrlicherweise komplett unverständlich, aber das ist ja dann andererseits auch nicht nur beim Fußball so. Eindeutigere Lagepläne würden helfen, ebenso wie bessere Beschilderung direkt vor Ort. Und darauf kann man dann ja auch einen Hinweis abdrucken, dass Masken auch in den Schlangen ganz cool wären.
  • Ebenso lief das zumindest bei mir mit der Überprüfung der Impfzertifikate auch noch etwas ruckelnd. Hantiert man sowieso mit zwei Apps mindestens (Impfnachweis, bzw. Testnachweis; sowie Ticket), wird es natürlich nicht einfacher, wenn die Ordner*innen dann noch wenig Erfahrung im Lesen der Zertifikate haben. Aber genau für sowas gibt’s ja solche Testläufe. Hoffen wir, dass die Routine sich bis zum kommenden Sonntag einschleicht, wenn dann die vierfache Menge Menschen ins Stadion will. Weil so dauerte es und das wird spätestens dann ungemütlich, wenns dann zeitlich Richtung Anpfiff geht.
  • Sowieso das leidige Thema Masken. Mit einer Ausnahme waren es ausnahmslos Männer, die das mit dem Maske tragen nicht so genau nahmen. Gerne mal gar nicht, auf halbacht oder „ich will ja nur schnell ein (alkoholfreies) Bier holen“. Kannste alles gerne machen, aber trag halt bitte die Maske. Und nein, sie dann zum Niesen abzunehmen, ist immer noch keine Glanzidee. Schön war, dass die Ordner*innen darauf sehr konsequent und freundlich hingewiesen haben. Auch wenn das öfters geäußerte „sonst verlieren wir unseren Job, wenn die Spiele wieder ohne Zuschauer*innen stattfinden“ zumindest aus meiner Sicht als aufgemachte Drohkulisse gegenüber den Ordner*innen etwas reichlich unpassend ist. Hier aber auch: Keine Ahnung, wer da was wie gesagt hat. Aber das hörte ich als Erklärung mehr als einmal – und irgendwoher werden sie es ja haben.
  • Mega ätzend dagegen der Umgang einzelner mit der Ansprache durch die Ordner*innen. Eine Situation ist besonders im Gedächtnis geblieben, als ein Ordner auf die Abstände und das Tragen von Masken hinwies (Halbzeitpause, Menschen stellten sich zum Diskutieren nah aneinander hin – soweit komplett normaler Prozess, wobei ich auch komplett diesen Impuls, das so zu tun nachvollziehen kann. Aber es passt halt nicht zu den Regelungen, mit denen wir uns alle abfinden, wenn wir aktuell in ein Stadion wollen). Zumindest der Bitte wurde Folge geleistet. Warum genau man sich dann feixend und hinter dem Rücken des Ordners darüber lustig machen muss, bleibt zumindest mir ein Rätsel und in schlechter Erinnerung.
  • Ausbaufähig aus meiner Sicht auch der mobile Getränkeverkauf. So waren die regulären Verkaufsstände geschlossen (ich vermute mal, um Warteschlangen zu vermeiden, in denen sich viele Leute eng auf eng befinden). Wenn sich diese Häufung dann aber fast automatisch ergibt, wenn die mobilen Verkäufer*innen auf die Tribüne kommen, ist auch niemandem geholfen. Und wenn dadurch die Mundlöcher bei Ein- und Ausgängen verstopfen erst recht nicht. In meiner bescheidenen Sicht ist auf den Umläufen mehr Platz und ich würde aus meiner Sicht als Besucherin Sinn machen, eher wieder dort Getränke verkaufen als auf der Tribüne. Aber da mag es Argumente geben, die ich gerade einfach nur nicht kenne.
  • Zudem gab es nur Einwegplastikbecher. Ich vermute mal auch hier, dass es an rein organisatorischen Gründen liegt. Ideal ist es eben einfach trotzdem nicht und es wäre doch schön, wenn sich wieder ein Weg fände, diesen vielen Plastikmüll zu vermeiden. Ansonsten können wir die Bikinis, die es im Fanshop zu kaufen und gibt und die aus Plastik, das im Meer gesammelt wurde, hergestellt wurden, vielleicht in Zukunft einfach direkt aus dem Einmalplastik dieser Becher herstellen. Sorry, ja, das war polemisch. Die Zwänge sind klar, doof ist es halt trotzdem.
  • Für mich auch nicht ganz nachvollziehbar, warum auf der GG (wo ich mich befand) penibelst auf das Schachbrettsitzen hingewiesen wurde, während dann Leute auf der Süd (die nicht offiziell geöffnet war, wo aber u.a. die digitale Saisoneröffnung durchgeführt wurde) mehrfach direkt nebeneinander saßen. Wir können gerne lang und breit über den Sinn dieser Schachbrettlogik diskutieren (und ich persönlich hätte eine große Affinität zu 10er Sitzgruppen, die dann stärker von anderen abgegrenzt sind, statt dieses durchgängige Schachbrettsitzen), aber so lange es die gibt und die penibelst umgesetzt werden, ist es im Sinne des Vorbildcharakters einfach unnötig, wenn sich auf anderen Tribünen dann genau daran nicht gehalten wird. 
  • Der gestaffelte Auslass (von unten nach oben wurden die Reihen rausgelassen), mag in dieser Form bei einem Testspiel funktioniert haben. Ich sehe noch nicht, wie das klappt, wenn die Mannschaft noch im Mittelkreis den 3-0 Sieg gegen Kiel feiert und noch nicht auf Stadionrunde war. Einige aus den Reihen wollen dann sicher bleiben, andere raus. Wenn die Ordner*innen dann ziemlich direkt darauf hinweisen, dass man „JETZT!“ gehen müsse, trägt das sicherlich Potential, eine Konfliktquelle zu werden.
  • Auf den meisten Rängen gibt es aktuell Unisex-Klos, wie Sven Brux irgendwo auf Facebook schrieb, weil es eben nicht überall M/W Toiletten gibt. Persönlich bin ich großer Fan von deutlich mehr Unisex-Klos überall und auch im Millerntor. Die anwesenden Ordner*innen haben sich allerdings wirklich den Mund fusselig reden müssen, um das zu erklären. 

Es bleibt hier also durchaus auch im organisatorischen noch Raum nach oben. Aber genau dafür sind solche Testläufe vor dem „Ernst“ am Sonntag dann ja eben auch da.

Ansonsten steht ein Saisonauftakt an, in den wir ohne Testspielniederlage gehen (auch wenn Testspiele bekanntermaßen nur bedingt Aussagekraft haben). Und es wäre schon, wenn sich der Saisonauftakt aus der letzten Saison (Pokalspiel gegen Elversberg) dann eben diese Saison nicht in der Form für uns wiederholt. Ich bin aber auch kaum vorbereitet und habe keine Ahnung, wie stark ich Kiel diese Saison einschätze. Aber gegen einen Start in die Saison, der zu 9 Punkten am 13. August gegen 20:30 Uhr führt, hat hier vermutlich niemand was?

PS: Alerta, Alerta! Alle hassen Hertha!

Jul 152021
 

Nun steht sie also fast vor der Tür, die Saison 21/22. Und somit erstmalig auch wieder die Chance seit fast einem Jahr, ein Spiel des FC St. Pauli im Stadion zu erleben. Heute gehen die ersten Tickets für das Heimspiel gegen Kiel in den Verkauf. Im Kollektiv befinden sich Menschen, die reinkönnten, wenn sie wollten (dank Jahreskarte Süd) und Menschen, die – Stand jetzt – keine Chance haben, reinzukommen (trotz ADK und Saisonabo seit vielen Jahren). Morgen steht er also an, der erste Ticketverkauf und wir haben uns ein paar Gedanken dazu gemacht, ob es ein Stadionbesuch für uns unter diesen Bedingungen eine Option ist. Vorweg: Das ist natürlich eine höchst individuelle Entscheidung, die wir hier auch nur bedingt beleuchten können. Und zudem eine höchst privilegierte, die viele langjährige Anhänger*innen des FCSP aktuell gar nicht treffen können, weil sie eben aktuell gar keine Option haben, eine Karte zu erwerben.

Auch für mich gilt, dass ich – gerade zu Beginn der Pandemie – Anhängerin von „alle oder keine*r“ war. Aber für mich haben sich die Vorzeichen geändert: So war Corona damals eine vorübergehende Erscheinung, die wir „in ein paar Monaten“ überwunden haben werden. Für mich wandelt es sich immer mehr zu einem Dauerzustand. Dinge, die lange komplett selbstverständlich waren (volle Kneipen, in luftarmen Clubs tanzen, im ÖPNV eng auf eng kuscheln, sich unbedacht in großen Menschenmengen bewegen) werden meiner Einschätzung nach noch lange Zeit auf sich warten lassen. Das heißt auch, dass das Gefühl von damals „wir bleiben jetzt ein paar Monaten den Stadien fern und gehen dann wieder alle gemeinsam rein“ einfach nicht mehr der Realität entspricht. 

Tatsache ist, dass nicht alle, die wollen, reinkönnen. Und auch nicht alle, die könnten, reinwollen. 

Wie solidarisch verhalte ich mich mit den Leuten, die reinwollen, aber nicht können, weil ich mein Privileg der Jahreskarte ausnutze, dass ich mich überhaupt um eine Karte bewerben kann? Ich persönlich bin vor einigen Jahren von der GG auf die Süd gewandert – eine Tatsache, die nun überhaupt nur dazu führt, dass ich mir diese Gedanken machen kann. Wäre ich damals (mit Saisonabo) auf der GG geblieben, wäre ich nun ausgeschlossen. Ein ganzer Freundeskreis hat – weil sie auf der „falschen“ Tribüne stehen und obwohl sie größtenteils sogar länger und in gleicher Regelmäßigkeit zum FCSP gehen – aktuell keine Option. Das ist doof, darüber kann man elendig lange diskutieren und auch eure Kommentare in den letzten Monaten haben immer wieder gezeigt, dass das ein Thema ist, das für viel Diskussionsstoff sorgt. Aber auch ein Thema, das der FCSP auf dem Schirm hat. Zumindest ein bisschen:

„Man darf aber auch nicht vergessen, dass noch weitere Gruppen auf vieles verzichtet haben, insbesondere natürlich unsere Mitglieder, die ihr übliches Vorkaufsrecht überhaupt nicht in Anspruch nehmen konnten. Auch da denken wir über Lösungen nach, wie wir sie wieder mit einbinden und den Stadionbesuch möglich machen können. Und auch in dieser Hinsicht bekommen wir positive Signale von unseren Dauerkarteninhaber*innen, dass viele bereit wären, ihre Ansprüche zugunsten anderer auch mal hintenanzustellen. Das ist gelebte Solidarität und im allerbesten Sinne st. paulianisch!“

Jetzt kann man natürlich sagen, dass das zu wenig Solidarität ist, dass auch diese Gruppen von Anfang an mitbetrachtet hätten werden sollen. Gut ist, dass es überhaupt ein Thema ist, das diskutiert wurde und zu dem in der Umfrage vor einigen Wochen ja auch explizit Fragen gestellt wurden.

Gleiches gilt andersrum für mich übrigens auch für Gästefans. Auch die gehören für mich elementar zur Fußballkultur dazu. (Auch wenn ich mir nettere Gäst*innen vorstellen kann als Dresden und Rostock. Unfreundliche Grüße.) Auch die Kieler*innen haben keinerlei Chance, ihr Team beim ersten Auswärtsspiel der Saison zu begleiten.

Man kann das ganze jetzt auch andersrum sehr pragmatisch sehen: Bei einer Zulassung von einem Drittel werden viele Menschen, die normalerweise Spiele des FCSP mitbekommen könnten, nicht dabeisein können. Hier wurde nun eine Grenze gezogen, über die man diskutieren kann und soll. Es werden aber nicht alle Interessierten unter diesen Umständen reinkommen können.

Die Gesundheit

Ein wichtiger Abwägungsfaktor, den jede*r für sich selbst betrachten muss. Ich persönlich halte bei der vorgesehenen Auslastung, bei der aktuellen Inzidenz und mit dem Status als Geimpfte das Risiko für mich persönlich aktuell vertretbar. Einerseits ist „genug“ Platz, so dass ich mich bei potentiellen Situationen, in denen viele Menschen aufeinandertreffen, entsprechend zurückziehen kann. Zudem ist mit der 3G-Vorgabe (Geimpft, Genesen, Getestet) ein zusätzliches Sicherheitsnetz eingezogen, das sicherlich nie perfekt sein kann. Aber eben zusätzliche Sicherheit bietet. Die EM hat zu vielen, vielen Infektionen geführt. Aber vor allem an Orten, an denen genau diese Bedingungen wenig bis nicht gegeben waren. In Budapest und St. Petersburg galten deutlich laschere Vorgaben (kein 3G, nach allem was man so auf Fotos und Fernsehbildern sah war auch „Abstand halten“ und „Maske auf“ ein eher unbekanntes Konzept) und die Grundinzidenz war jeweils sehr viel höher.

Zumal die Frage ja auch ist, wie viele Menschen sich direkt im Stadion infiziert haben und wie viele auf gemeinsamen An- und Abreisen sowie bei dem drumrum. Was übrigens den Fußball nicht entschuldigen soll – die Verantwortung des Fußballs endet nicht am Stadiontor. Aber für mich eine Rolle spielt, wenn ich das Risiko abschätze. Ich komme immer zu Fuß oder mit dem Rad ans Millerntor und bin nicht gezwungen, mich durch Menschenmassen zu begegnen.

In England bei den Halbfinal- und Finalspielen war die Auslastung deutlich (!) höher als sie bei den kommenden Spielen am Millerntor sein wird, zumal sich zahlreiche Menschen ziemlich gewaltsam trotzdem Zutritt verschafft haben, die kein Ticket hatten.

Und ja, auch nach den Spielen in München gab es einige wenige Infektionen. Aber die wird es immer geben, so lange wir nicht konsequent ZeroCovid durchziehen.

Die Fußballkultur

Zu meinem Fußballerleben gehören volle Stadien, gehören Gesänge, gehören Fans von 2 Teams. Gehört das eng-auf-eng (auch wenn es einfach beschissen ist, wenn Männer gerade in solchen Situationen ihre Hände nicht bei sich lassen können). Früh ins Stadion rein, um auf „unseren“ Plätzen zu sitzen. Dazu gehört auch aktiver Support, Fangesänge. Das kollektive Erleben. Die Kurve, die komplett eskaliert beim Siegtor in der 93. Minute. Schlecht sehen, weil die Sicht aus der Süd einfach nicht so geil ist. Vorsänger*innen, die versuchen uns mehr oder weniger liebevoll zu motivieren.

Erinnert ihr euch, als wir am 26. August 2019 mit einem Wechselgesang des ganzen Stadions den Ball gegen Kiel förmlich über die Torlinie gesungen haben? DAS ist Fußball im Stadion für mich.

Kurzum: All das, was mir ein Stadionbesuch unter Coronabedingungen nicht ermöglicht. 

Dessen bin ich mir bewusst, wenn ich mich um eine Karte bemühen werde. Ich erwarte das auch nicht. Ich vermisse es nach wie vor tierisch. Aber ich will es unter den aktuellen Umständen nicht erleben. Mir persönlich wäre das zu riskant. Das paradoxe ist: Weil es eben all das, weshalb ich normalerweise zum Fußball gehe, nicht möglich ist. Ich gehe da mit anderer Erwartungshaltung ran, als an meine Stadionbesuche früher. Alleine schon, dass ich gegen Hertha sitzen werde. Ich weiß wirklich nicht, wann ich zuletzt bei einem Fußballspiel saß. Die Erinnerung sagt gerade „irgendwann in den 90ern“.

Dazu gehört für mich auch: Ich werde nicht organisiert supporten. Auch wenn ich richtig Bock habe, die Jungs mit allem was geht nach vorne zu brüllen. Ich werde es nicht tun. Ein Aux Armes, das nicht von der Süd angestimmt wird? Während die Leute, die es normalerweise anstimmen, gar nicht oder nur teilweise da sind? Undenkbar. Organisierte Fangesänge? Unter diesen Umständen nichts meins. Das heißt nicht, dass ich ausschließen will, dass ich das Spiel emotional miterlebe und das gegebenenfalls auch laut kundtun werde. Meine Nachbar*innen wissen, wovon ich spreche. Aber dann als spontane Äußerung, nicht als organisierte Aktion. Nicht mit dem, was ein bis zum letzten Platz ausgefülltes Millerntor so ausmacht. 

Und ich persönlich finde, es stünde auch jeder anderen Person gut, nicht organisiert zu supporten, so lange die entsprechenden Gruppen nicht allergrößtenteils wieder ins Stadion können. 

Die Fußballmüdigkeit

Auch mir geht es so, dass ich in den vergangenen Monaten immer weniger interessiert verfolgt habe, was den FCSP so umtreibt. Fast 500 Tage ohne richtigen Stadionbesuch und ein sich immer weiter selbst überbietendes Geifern nach mehr Geld und eine Liga, die häufig weit von der Lebensrealität der Menschen in diesem Land waren, haben ihre Spuren hinterlassen. Hatte ich früher 5 Minuten nach Ansetzung der Spiele Anreisen besprochen, Urlaubstage genommen und konnte all das auswendig aufzählen, weiß ich gerade nicht mal, gegen wen wir am 2. Spieltag spielen. (Ist übrigens Aue, ich habe nachgeguckt).

Also ja, die Fußballmüdigkeit, sie ist definitiv auch bei mir da. Aber klar ist auch, dass ich die Spiele des FCSP auch in der kommenden Saison – Stand jetzt – verfolgen werde. Und ganz ehrlich? Da ist ein Stadionbesuch unter Coronabedingungen immer noch schöner als die bekloppte Sky-Übertragung, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt.

Das Fazit?

Ich werde am Samstag erstmalig seit dem 1. März 2020 (übrigens genau 500 Tage später) wieder ein Spiel des FCSP im Millerntor verfolgen. Ich werde mich auch um ein Ticket gegen Kiel bemühen. Und dann mal schauen, was ich mit dem Derby mache (und hoffen, dass ich diese Entscheidung erst treffen muss, nachdem ich Kiel „ausprobieren“ konnte). 

Ich weiß, dass es nicht „der normale“ Stadionbesuch werden wird. Ich weiß, dass viele leider aktuell nicht reinkönnen. Aber es kribbelt zu sehr in den Fingern, mal wieder ein Spiel im Stadion zu erleben und nicht Sky dauerhaft anmaulen zu müssen. Nein, es wird auf keinen Fall so wie beim letzten Spiel gegen Sandhausen. Als wir supporteten, als wir uns mit Dudes, die sexistische Kackscheiße von sich gaben, angelegt haben.

Menschenmassen, durchdrängeln, organisierten Support wird es nicht geben. Stattdessen Sitzplatz, Abstand, Maske.

Ich halte das in meiner individuellen Risikobetrachtung bei den aktuellen Inzidenzen und den mir bekannten Vorkehrungen des FC St. Pauli (und geimpft) für vertretbar. Wie es dann war, werde ich sicherlich in diesem Blog weiterhin beleuchten.

Und vor allem hoffen wir, dass diese Diskussionen bald obsolet wird. Dass wir Corona so weit im Griff haben, bei Niedrigsinzidenzen und einer Impfquote von über 90% (Leute, lasst euch impfen – ihr schützt damit euch selbst und vor allem auch die, die nicht geimpft werden können), dass wir guten Gewissens Stadien vollmachen können.

Jul 142021
 

Am 10. Juli ist Esther Béjarano verstorben. Ein Freund des Kollektivs hat ihr einen Brief geschrieben, den wir hier veröffentlichen:

Liebe Esther,

die letzten Tage musste ich es sacken lassen und doch ist es irgendwie noch gar nicht so richtig in meiner Realität angekommen. Du bist am 10.Juli 2021 verstorben. Ich hoffe du bist einfach eingeschlafen, ohne Schmerzen. Denn Leid hast du in deinem Leben wahrlich genug erleben müssen. Viel mehr als ich und die meisten anderen meiner Generation es sich (hoffentlich) jemals vorstellen können. Ich habe in den letzten Tagen immer wieder versucht irgendwelche Worte zu finden und bin daran gescheitert. Man wirft ja sehr schnell mit Superlativen um sich, aber im Fall von dir wären sie nicht übertrieben. Es fällt mir trotzdem schwer, weil ich das Gefühl habe, sie würden dir eh nicht gerecht. Aber du hast mich in meiner Haltung und in meiner Sicht der Dinge einfach zu nachhaltig geprägt um es unversucht zu lassen. Ich habe nur wenige Sätze mit dir persönlich gewechselt, aber habe trotzdem das Gefühl dich zu kennen, so sehr hast du mich bewegt.

Du hast immer gesagt, dass du lebst, singst, stehst, redest wäre deine Rache an den Nazis. Du hast dich gerächt, lange. Ich durfte ein paarmal dabei sein. Unzählige Male hattest du ein großes Publikum dem du deine Musik präsentiert und deine Geschichte erzählt hast. Unvorstellbar dass irgendwer nicht an deinen Lippen hing. Ich jedenfalls tat es und hätte dir immer weiter zuhören können. Das klingt schräg bei diesem Thema, aber es ist vor allem die Art und Weise wie du erzählt hast. Ich durfte auch zweimal selber Veranstaltungen mit dir organisieren und war irgendwie immer froh, eher im Hintergrund etwas zu tun. Ich wäre vor Bewunderung sowieso immer im Erdboden versunken und kein vernünftiges Wort rausgebracht und du hättest sicherlich sowas gedacht wie: „Na, wenn das hier der antifaschistische Widerstand ist, dann muss ich ja noch länger ran.“ Aber im Ernst. Ich habe selten einen so beeindruckenden Menschen wie dich gesehen, gehört und getroffen. Wie unermüdlich und konsequent du deine Stimme erhoben, dich für Menschlichkeit, gegen Antisemitismus und Rassismus eingesetzt hast, hat so viele beeindruckt und nachhaltig geprägt. Immer wenn es gegen Nazis ging, warst du da. Wir durften dich auch regelmäßig bei Veranstaltungen rund um den FC St. Pauli begrüßen und dir zuhören. 

Besonders schön fand ich persönlich deinen Auftritt mit der MicrophoneMafia beim Antira Turnier 2016. Im Grunde hattest du eine 360 Grad Bühne im Mundloch der Gegengeraden. Viele Antifaschist:innen aus ganz Europa und darüber hinaus standen um euch herum und sahen euch zu. Für mich bis heute einer der schönsten Momente in meiner Zeit bei diesem Verein.

Du wirst uns gewaltig fehlen. Deine mahnenden Worte, die zugleich Antrieb für so viele waren. Du hast viele mit deinem Mut und Aktivismus inspiriert und beeinflusst. 

Die letzten Tage waren schon beeindruckend. Überall tauchte die Nachricht über dein Versterben auf. Überall fanden die Menschen Worte und alles hatte Platz. Trauer, Mut, Dankbarkeit, Gedenken, Austausch. Von privaten Social Media Accounts, über Politik, Aktivist:innen, Künstler:innen (bis in die USA), bis zur Tagesschau, überall wurde deiner gedacht. Mit Recht. Guck was du gemacht hast. Das ist das Ergebnis deiner Rache. Alle kennen dich und deine Geschichte.

„Wir machen weiter, Esther!“, schrieb eine antifaschistische Gruppe. Das ist das mindeste was wir für dich tun können. 

Danke für alles was du warst.

Siehst du, keine Worte der Welt können dir gerecht werden.

Jul 082021
 

Anmerkung des Kollektivs: Da haben die realen Geschehnisse diesen Blogbeitrag überholt – in der Zwischenzeit sollen unserer Info nach auch Fans aus anderen Bundesländer zugelassen werden. Den zu dem Zeitpunkt schon geschriebenen Blogbeitrag wollen wir euch trotzdem nicht vorenthalten.

Laut Medienberichten können beide Hamburger Vereine mit einer Stadionkapazität von 30 % in die ersten Spiele gehen. Dem Vernehmen nach ist diese Genehmigung an eine Auflage gebunden und zwar, dass nur in Hamburg wohnhafte Menschen die Spiele besuchen dürfen. 

Zwar hat sich bisher nur die Volksparkcrew offiziell dazu geäußert, aber es wäre verwunderlich, wenn am Millerntor nicht eine ähnliche Auflage bestehen würde. Bzw. dann wäre die Unzufriedenheit im Volkspark sehr gut nachvollziehbar. 

Erster Blick? Das ist doch hanebüchener Unsinn! Zweiter Blick? Nein, eventuell doch nicht. Werfen wir also mal einen juristischen Blick darauf.

Was dies nicht ist

Dies wird keine moralische Beurteilung dieses Komplexes. Jurist*innen sind absolut keine moralische Instanz und sollten zu Moral als Thema den Mund halten. Tun sie ständig nicht, aber sollten sie. Moral ist nur bedingt ein Maßstab der Juristerei. Kenner*innen werden jetzt zu Recht mit dem Thema „öffentliche Ordnung“ kommen, aber da sind sich die Jurist*innen doch weitestgehend einig, dass das eher nur noch sehr eingeschränkt als Basis für Entscheidungen dienen kann. 

Wenn man den Fokus auf die großzügigen Ausnahmen legt, die „der Fußball“ im Rahmen der EM bekommen hat und auch bedenkt, dass eine Auslastung von 30 %, die nebenbei sehr frühzeitig kommuniziert wurde in Zeiten des Deltas vielleicht eher großzügig ist, dann kann es hier sehr gute Gründe geben, einfach zu sagen „nun gut, so richtig geil finden wir diese Auflage nicht, aber so sei es“. Man kann da auch anderer Meinung sein. Klar. Z.B. werdet ihr zu Recht sagen „was haben wir mit dieser fucking EM zu tun?“ 

Wir werden uns ganz schnell einig, dass diese Regelung unfassbar unbequem ist und Menschen aus dem Stadion fernhält, die es wie wenig Hamburger*innen verdient hätten, jedem Spiel mit Zuschauer*innen beizuwohnen. Es sei hier nur ein Veteran genannt, dem diese beschissene Pandemie eine Serie von über 30 Jahren jedes Heimspiel besuchen kaputt gemacht hat. 

Auch nicht behandeln mag ich hier das riesige Thema „Kommunikation“. Es scheint da viel fragwürdig zu sein, von Seiten der Stadt und der Vereine, aber das ist noch mal ein eigener Artikel. 

Vorbemerkungen

Infektionsschutz ist Ländersache. Der berühmte Gleichheitsgrundsatz schützt nur davor, dass man von dem gleichen Normgeber gleich behandelt wird. Kurz: Volkspark und wir sollten grob die gleichen Auflagen bekommen, außer irgendwelche Auflagen ergeben sich aus stadionspezifischen Gründen. Beispiel: Es wäre u.a. denkbar, dass man während der Domzeiten uns die Auflage macht, die knapp 9.000 Zuschauer*innen nicht gleichmäßig auf die vier Tribünen zu verteilen, damit es nicht zu einem Gedränge im Dombereich kommt. Keine Ahnung, ob das sinnvoll wäre, aber so etwas wäre ortspezifisch. 

Was aber vollkommen irrelevant ist: Welche Auflagen Holstein Kiel oder Werder Bremen bekommt und welche nicht. Anderes Bundesland, anderer Gesetzgeber, daher kein Gleichheitsgrundsatz. Natürlich kann man im Rahmen von Verhältnismäßigkeiten immer mal nach Rechts und Links schielen, aber da hat das jeweilige Bundesland auch immer einen gewissen Spielraum. Insbesondere da Verhältnisse nie ganz vergleichbar sind.

Wäre eine bundeseinheitliche Lösung alleine schon aus Wettbewerbsgesichtspunkten besser? Natürlich! Würde dann auch ein „Race to the Bottom“ https://de.wikipedia.org/wiki/Race_to_the_bottom verhindert werden? Natürlich! Haben sich die Bundesländer aber anscheinend nicht zu entschieden. 

Geht das also? 

Wir sind ein besonderer Ausnahmefall

Infektionsschutz ist Gefahrenabwehrrecht. Steht so schön auf Wikipedia. Die Genehmigung ist ein Verwaltungsakt im Bereich des Gefahrenabwehrrechtes und so eine Genehmigung darf – und wird eigentlich immer – mit Auflagen verbunden. Die Corona Verordnung schreibt in § 9 Abs. 2 vor, dass in besonderen Ausnahmefällen eine Veranstaltung in der angestrebten Größe genehmigt werden KANN, wenn denn gewisse Voraussetzungen eingehalten werden. (Sinngemäße Zusammenfassung von mir, wichtig ist das „kann“ im Gesetzestext). 

Da dies eine Ermessensvorschrift („kann“) sind Behörden in ihrer Genehmigung relativ frei, sie müssen ihr Ermessen nur pflichtgemäß ausüben, wie es so schön heißt. Einzelheiten? Füllen Bibliotheken. Wollt ihr lieber nicht wissen. Der Hamburger Gesetzgeber macht aber im Gesetzestext mit den „besonderen Ausnahmefällen“ klar, dass er die Genehmigungen eher eng sieht. 

Dies sollte man alles im Hinterkopf haben, 

Was ist denn nun eine Auflage? 

Auflagen werden so schön wie folgt definiert: 

„Eine Auflage schreibt dem Begünstigten eines Verwaltungsaktes als Nebenbestimmung ein Tun, Dulden oder Unterlassen vor“ Für Kenner*innen: Die Auflagen im Demonstrationsrecht sind keine Auflagen in diesem Sinne, weil es keinen Hauptverwaltungsakt gibt.

Und wann ist die rechtswidrig? Und kann man das isoliert geltend machen? 

Jurist*innen sind ja Schlingel und natürlich kann man auch gegen eine Auflage isoliert vor Gericht vorgehen. Dabei ist sie doch absolut an den Hauptverwaltungsakt gebunden, „Nebenbestimmung“ steht doch da oben. Es wird schon hier etwas haarig, weil das natürlich ein bisschen Rosinenpicken ist. „Die 30 % nehme ich gerne, aber so? Ne, ich hätte die lieber anders.“ 

Und dann müssen wir einen Ermessensfehlgebrauch prüfen. Denn nur dieser ist gerichtlich überprüfbar. 

Aber wir wären nicht im Verwaltungsrecht, wenn wir nicht irgendwie in eine Verhältnismäßigkeitsprüfung einsteigen könnten. Denn Jurist*innen lieben Verhältnismäßigkeitsprüfungen. Spötter*innen (und dazu zähle ich mich hier auch) sprechen dann von einem Gesinnungsaufsatz. 

Die Auflagen müssen ein legitimes Ziel verfolgen, geeignet sein und Angemessen sein. 

Wir finden uns im Gefahrenabwehrrecht. Ich schenke mir jetzt mal die Definition der Gefahr, aber man findet dann relativ schnell so schöne Sätze wie 

„Ob eine Gefahr in diesem Sinne vorliegt, ermitteln Sie im konkreten Einzelfall anhand einer Gefahrenprognose. Hierbei setzen Sie die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts einerseits und den zu erwartenden Schaden am Schutzgut der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung andererseits in Bezug zueinander. Je größer der drohende Schaden ist, desto geringere Anforderungen sind an die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts zu stellen.“ 

Und ob wir es wahr haben wollen oder nicht, wir sprechen hier immer noch von der Gefahr sich mit einer Krankheit anzustecken, die ggf. tödlich ist und/oder erhebliche Folgeschäden verursacht. Stichwort „Long Covid“. Ich glaube, dass jede*r einsehen wird, dass dies ein größerer Schaden ist. Nebenbei: In diesem Bereich nicken Gerichte in letzter Zeit viel zu viele Prognosen der Polizei ab. Aber darum geht es hier nicht. 

Legitimes Ziel? 

Ist wohl fraglos, oder? Infektionsschutz. Definitiv. Off Topic: Solche Maßstäbe gelten halt auch im Demorecht und da kann man sich dann schon mal fragen, was denn das legitime Ziel von so komischen „Das Transparent darf aber nur 1,55 lang sein“ Auflagen ist.

Ist denn „nur Hamburg“ geeignet? 

Und schon sind wir im Bereich des Gesinnungsaufsatzes. Nur mal so die Argumentationslinien, die mir bei meiner Radtour gestern so spontan eingefallen sind: [Anmerkung der Redaktion: Deswegen fahren wir nicht Fahrrad. Weil man da über sowas nachdenkt.]

Das Argument aus dem Volkspark, dass ihr Stadion in Gehweite der Stadtgrenze liegt, ist ja nicht von der Hand zu weisen. BTW: Hahaha, kann man deutlicher machen, dass man in der hintersten Vorstadt spielt, ich mein ich wohne nun wirklich am Ende von Hamburg und bei mir sind es 3,5 km bis zur Stadtgrenze. 

Was hat sich der Auflagengeber dabei gedacht? Wir können nur spekulieren, aber in einer Pandemie ist Mobilität schwierig. Das wissen wir alle. Und haben wir alle auch unterschrieben, als es darum ging vielleicht mal den Sommerurlaub nicht auf Malle zu verbringen. Das ist erstmal pauschal ein Argument. 

Und man muss da dann auch ein bisschen auf die Partie England – Schottland gucken. Unter den angereisten schottischen Fans ist es zu einer Häufung von Infektionen gekommen und nach allem was wir wissen, ist dabei natürlich auch die Anreise ein Faktor. Es ist eben doch ein anderes Risiko, wenn ich 2 Stunden im Auto/in der Bahn/im Flieger sitze, als wenn ich 10 Minuten mit dem Rad fahre. 

Gegenargumente? Es ist aus Hamburg zum Stadion teilweise auch arschweit und aus Pinneberg näher. Wenn ich 40 Minuten in einer U-Bahn sitze, dann ist das gefährlicher, als wenn ich 120 Minuten nur im Angehörigen meines Haushaltes mit dem Auto fahre. 

Wieder Gegenargument? Naja, irgendwie muss man das ganze schon ein bisschen pauschalisieren und es muss auch einfach nachprüfbar sein. Ich kann z.B. schwerlich eine individuelle Anreise vorschreiben. Wie soll ich das nachprüfen? 

Natürlich könnte ich hier mit einem Radius arbeiten oder mit Postleitzahlenbereichen, die z.B. Bereiche des Pinnebergischen mit umfassen. Das macht das Ganze nur deutlich komplizierter und schwieriger nachzuprüfen. Oder ein Radius von 5 km um das jeweilige Stadion? Nach dem Prinzip „ihr müsst aber zu Fuß kommen“. Möglich. Aber vielleicht auch ein bisschen weitgehend. Ob man dann die 30 % wirklich voll bekäme? Auch das wäre wieder ein Argument. Denn dann wäre die Auflage vielleicht unverhältnismäßig. Denn durch „nur HH“ haben beide Vereine immerhin grob 1,8 Millionen mögliche Kund*innen. Damit sollte eine Besetzung der Plätze möglich sein. 

Der Hamburger Gesetzgeber wird natürlich auch sagen: „Die Infektionslage in HH? Das ist unser Ding, da haben wir Zahlen und wissen was zu tun ist. Aber was in Schleswig-Holstein und Niedersachsen oder diesen ganzen anderen Bundesländern in drei Wochen ist, das wissen wir nicht. Und dann wollen wir das hier nicht eintragen.“ 

Es sei schon hier jede*r*m Leser*in selbst überlassen, wo er*sie den Schwerpunkt setzen möchte.  Man kann hier sehr gut Argumente für beide Seiten finden und wenn man das nun gerichtlich überprüfen möchte, dann kommt es auch ein bisschen auf die Laune der Richter*innen an, welche Seite sie bevorzugen. Wenn der entscheidende Gerichtskörper z.B. aus einer Dauerkarteninhaberin aus Schenefeld und einem Saisonpaketinhaber aus Tornesch besteht, dann könnte es sein, dass die eher für eine Ungeeignetheit votieren. Ja lieber Leser*innen, auch Jurist*innen sind Menschen und es gibt bei jedem Urteil (und jedem Beschluss) die mündlichen, die schriftlichen und die wahren Gründe. 

Und unter uns: Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass wir gegen Kiel spielen. Vielleicht nicht offiziell, aber doch inoffiziell. Denn natürlich hat die Ordnungsmacht kein Bock, dass 200 Kieler*innen zu Karten kommen und dann unter Corona Bedingungen den Dicken machen. Und bei allem Unverständnis für Polizei und ihrer Denke, so 100 % von der Hand zu weisen, ist dies nicht. So ehrlich muss man dann auch mal seien. 

Ob das im Rahmen einer infektionsschutzrechtlichen Genehmigung eine Rolle spielen sollte? Vielleicht eher nicht. Aber wie schrieb mir ein kluger Mensch? „Am Ende sind es immer die Bullen, die da rein reden“. 

Ihr merkt aber: So ein Elfmeter ohne Torhüter, ist das alles nicht. Es ist erstmal legitim diese Auflage nicht so geil zu finden und es ist ein Grundrecht, dass man so etwas auch gerichtlich überprüfen kann. Man kann es aber auch halt sein lassen. Als FCSP würde ich nur immer aufpassen, dass ich eine Gleichbehandlung mit der Volksparkcrew sicherstelle. Dafür wäre eventuell eine Absprache und ein sich Anschließen an eine Klage notwendig. Und hier kann man auch mal untereinander zu einer Solidarität gezwungen sein. 

Angemessen? 

Da kann man wenig Honig draus sagen, wenn man ehrlich ist. Die Basis der möglichen Kund*innen ist groß genug um die Stadien zu füllen. Es ist eine Genehmigung für einen besonderen Ausnahmefall, wenn man das die Hamburger Verordnung  sich ansieht. Da ist die extrem begünstigende grundsätzliche Genehmigung (!) wahrscheinlich so überwiegend und wird durch diese Auflage so wenig eingeschränkt, dass man da wenig draus ziehen kann. 

Fazit? 

Viel Spaß bei der Klausur im kleinen Schein öffentliches Recht. (Schreibt man heutzutage noch kleine Scheine?)

Es grüßt aus dem Unruhestand der Senior. Der nebenbei hofft, dass die Macherinnen dieses Blogs das Spiel gegen Kiel besuchen und einen fröhlichen Heimspielsiegbericht verfassen. Hat es schon viel zu lange nicht gegeben. Und da wir letztens dort saßen, wo dieses Meisterwerk Three is the magic number – Magischer FC | Ein Sankt-Pauli-Blog entstand, stellten wir fest, dass es wieder Zeit für solche Art von Berichten wird. 

Jun 192021
 

Uns reicht es: Seit Mitte 2020 wird auf St. Pauli geschwurbelt. Die beiden traditionsreichen Clubs Große Freiheit 36 und Docks, die beide dem gleichen Eigentümer gehören, haben Plakatwände aufgestellt, auf denen die Corona-Pandemie kontinuierlich verharmlost und heruntergespielt wird. Im Rahmen dieser Plakatwand wurde offen auf verschwörungsideologische und mit antisemitischen Erzählungen gespickte Websites verwiesen.

Im März dieses Jahres gab es einen offenen Brief verschiedener Hamburger Konzertagenturen, die in beeindruckender Deutlichkeit klarstellten, dass eine Zusammenarbeit mit beiden Locations nicht möglich ist, solange diese den Schulterschluss mit „Schwurblern“, „Verschwörern“ und einem rechtsoffenen Milieu suchen, und auch das Hamburger Clubkombinat ging deutlich auf Abstand zu seinen beiden Mitgliedern.1

Die Reaktion auf die Kritik an den Plakatwänden und am gesamten schwurblerischen Tamtam war bezeichnend indifferent: „Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst“ – mit diesem, noch dazu falsch zugeordneten, Zitat inszenierten sich beide Clubs in einer gemeinsamen Stellungnahme als Verteidiger der vermeintlich angegriffenen Meinungsfreiheit.

Meine Freiheit heißt, dass ich Geschäfte machen kann und deine Freiheit heißt: Du kriegst von mir ’ne Abmahnung…

Dennoch flatterten im April Briefe und E-Mails von Torsten Engelbrecht, dem „ehrenamtlichen Pressesprecher“ der beiden Clubs, beim Fanladen St. Pauli, dem sozialpädagogischen Fanprojekt des Fußballzweitligisten FC St. Pauli in den Postkasten. Vorher war aus dem Docks schon das Hamburger Musiklabel Audiolith abgemahnt worden. Nicht die einzigen Abmahnungen und Drohungen mit Abmahnungen, die Menschen und Institutionen, die sich klar gegen Schwurbler positionierten, aus dieser Ecke erhielten. Anlass dafür, die Auseinandersetzung mit der Jugendeinrichtung zu suchen: Ein Beitrag auf dem Fanblog magischerfc.de, der sich unter dem Titel „Warum FCK LCKDOWN niemals die richtige Lösung ist“ kritisch mit dem Geflecht zwischen „Szenezeitschriften“, abgedrifteten Teilen der Veranstaltungswirtschaft und der Verschwörungideolog*innenszene befasste. Torsten Engelbrecht – der Bücher vertreibt, in denen die krankmachende Wirkung von SARS-COV-2 bestritten wird, reiht sich damit in eine Reihe von Menschen ein, die das Leugnen und Verharmlosen der Pandemie längst als Geschäftsmodell entdeckt haben.

Er war in diesem Fall auch offenbar nicht dazu bereit, sein Leben für die Meinungsfreiheit einzusetzen. Stattdessen wollte er über seinen Anwalt, Patrick-Marvin Rehkatsch, der sonst Gestalten wie „Marcus Prinz von Anhalt“ – eine Rotlichtgröße und bekennenden AFD-Wähler, der erst jüngst mit homofeindlichen Äußerungen im Privatfernsehen aufgefallen ist – vertritt, eine Unterlassungserklärung erwirken, die es bei Androhung einer Vertragsstrafe von 25.000 Euro unter anderem verbieten würde, ihn weiterhin als einen „Corona-Leugner“ zu bezeichnen. Schließlich würde er selbst sich nicht als „Corona-Leugner“ bezeichnen. Von einer Zugehörigkeit zur „Szene der Corona-Leugner“ zu sprechen, möchte er auch untersagen, schließlich gäbe es viele Menschen, die unterschiedliche Meinungen und Interessen vertreten und die Existenz einer solchen Szene sei ihm nicht bekannt – obwohl er auf mindestens einer Corona-Demo persönlich anwesend war. Zudem wird im Schreiben von Rehkatsch tatsächlich eine Verbindung zwischen den Bezeichnungen „Holocaustleugner“ und „Coronaleugner“ gezogen. Denn angeblich sei zweitere durch erstere so negativ besetzt, dass dies einer Diffamierung gleich käme.

Wer derart semantische Diskussionen juristisch klären will, legt allerdings erst recht die Axt an die Meinungsfreiheit, deren Kern es ist, zu analysieren, zusammenzufassen, zu bewerten und zu pointieren. Die diskursive Gültigkeit einer Bewertung sollte dabei der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ klären, den Gerichten sollten weiterhin eindeutige Verletzungen des Persönlichkeitsrechts vorbehalten bleiben und nicht Spitzfindigkeiten. Und das bessere Argument gegenüber Leuten, die die Pandemie leugnen, anzweifeln oder verharmlosen, wissen wir auf unserer Seite!

Unbewusst muss dies auch Engelbrecht klar gewesen sein und so traute er sich dann offenbar doch nicht, für derart steile Thesen vor Gericht zu ziehen und beschränkte seinen Antrag ans Gericht darauf, die Wiederholung der Behauptung zu untersagen, dass ein Kommentar von ihm sich bei Ken.FM in einem Podcast finde beziehungsweise dass er dort kommentiere. Tatsächlich hat er die Verwendung des Beitrags „Pandemie ohne Pandemie“ durch Ken.FM nicht autorisiert und auch nicht von ihr gewusst.

Der Beitrag, ein Auszug aus dem Buch „Virus Wahn“, wurde auf dem verschwörungsideologischen Portal Rubikon-News veröffentlicht, und zwar unter einer Creative Commons Lizenz. Von dort hat Ken.FM ihn dann ohne weitere Korrespondenz mit Engelbrecht übernommen. Engelbrecht selbst verlinkt den Beitrag bei Rubikon auf seiner Website und wird auf der Website von Rubikon als Autor geführt.

Rubikon wiederum führt Interviews mit Ken Jebsen, dem Kopf hinter Ken.FM, hat am 21.05.2021 einen Beitrag mit Jebsen als Autor veröffentlicht und pflegt mit ihm eine Zusammenarbeit, die – so das „nd“ im Jahr 2017 – bisweilen gegen journalistische Gepflogenheiten verstoße.Dass Engelbrecht von der Veröffentlichung bei Ken.FM nichts wusste, ändert daher nichts daran, dass sein Text gut in das Programm von Ken.FM passt und dass beide in einem ähnlichen verschwörungsideologischen Umfeld agieren.

Die Begründung des Gerichts, die ursprüngliche Formulierung sei mindestens missverständlich gewesen, halten wir zwar für falsch, so wie wir es weiterhin für richtig halten, juristisch eben nicht für Wortklauberei einzutreten, sondern für Inhalte. Da diese aber vom Gerichtsbeschluss nicht angegriffen werden, haben wir uns entschieden, nicht weiter zu prozessieren. Dass Justitia am Hamburger Landgericht in presserechtlichen Dingen eine Goldwaage in der Hand hält, verbuchen wir in der Kategorie ärgerlich und teuer, aber von uns nicht zu ändern.​​​​​​​

Das ist (fast) alles von einer ganzen Reihe an Grundrechten und guter Recherche gedeckt

Fanmedien leisten einen wichtigen Beitrag für selbstorganisierte Formen der Auseinandersetzung und Öffentlichkeitsarbeit rund um Themen, die für die Fanszene des FC St. Pauli wichtig sind. Der Blogbeitrag beim Magischen FC-Blog ist gut und ausführlich recherchiert und Behauptungen sind mit Quellen belegbar. Das Blogkollektiv ist auch weiterhin der Überzeugung, dass Strukturen und Argumentationsmuster der Corona-Leugner*innen benannt werden müssen. Selbstverständlich kam es deshalb für das gemeinnützige Fanprojekt, das presserechtlich verantwortlich für den Beitrag ist, nicht in Frage, die am Beginn stehende Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Wir sehen uns darin auch dadurch bestärkt, dass ein Großteil der angegriffenen Aussagen weiterhin so stehen bleiben kann, weil wir gegen die Abmahnung vorgegangen sind. 

Sich Verschwörungsideologien und ihrer Verbreitung im Stadtteil offensiv entgegenzustellen, gehört untrennbar zur Fankultur des FC St. Pauli und Teil des Auftrags von Fanprojekten ist es, Fans zur demokratischen Meinungsbildung zu ermutigen und ihnen darin den Rücken zu stärken.

Abmahnungen und Klagen sind dabei noch eins der harmlosesten Mittel, mit denen aus der Szene der Corona-Leugner*innen Medienschaffende angegangen werden. So schreibt die gewerkschaftliche Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union über Veranstaltungen der selbsternannten Verteidiger*innen von Demokratie und Meinungsfreiheit: „Bei nahezu jeder dieser Veranstaltungen werden Journalist*innen bei ihrer Arbeit behindert, bepöbelt, bedroht und häufig sogar körperlich angegriffen”.2

Wir verstehen es als gesellschaftliche Aufgabe, sich kritisch mit einer Corona-Leugner*innenbewegung auseinanderzusetzen, deren Grenzen nach rechts schon immer offen waren und die offen von einer sozialdarwinistischen Ideologie getrieben wird. Einer Szene, die sich zunehmend stärker in Gewaltandrohungen äußert, deren Protagonist*innen offen antisemitische Mordfantasien verbreiten und Todeslisten führen. Allen, die sich diesen Menschen entgegenstellen, möchten wir mit dieser Erklärung den Rücken stärken.

Alle Einzelpersonen, Institutionen, Fanclubs, Kneipen, Künstler*innen und alle anderen die sich der Idee einer solidarischen Gesellschaft und/oder dem FC St. Pauli und seiner Fanszene verbunden fühlen, rufen wir dazu auf, Verschwörungsideologien und ihren Superspreader*innen entschlossen entgegenzutreten und Euch Besuche in der Großen Freiheit 36, dem Docks und der Traum GmbH in Kiel in Zukunft vielleicht einmal öfter zu sparen!

Und, wenn ihr uns in der Auseinandersetzung mit diesen Leuten den Rücken etwas stärken wollt, dann unterstützt uns doch mit einem Teil des gesparten Eintrittsgeldes, um die Kosten von 1.973,77 € zu decken, die uns für die Beauftragung eines Rechtsanwaltes und als Prozesskosten in der Sache entstanden sind – wir würden uns freuen und sagen Danke! Eventuell überschüssiges Geld halten wir vor, um mögliche andere Betroffene von Abmahnungen aus dem Umfeld Große Freiheit/Docks zu unterstützen und was dann übrig bleiben sollte, geht an die Braun Weisse Hilfe!

Wir sammeln das Geld wieder über einen Paypal Moneypool – vielen Dank für eure Solidarität!

1 Das Statement des Clubkombinats und die Stellungnahme der Konzertagenturen findet Ihr z.B. hier zum Nachlesen.

2 Die ganze Stellungnahme der DJU in ver.di findet Ihr hier: „dju in ver.di fordert breites gesellschaftliches Bündnis zur Verteidigung der Pressefreiheit“
https://dju.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++5703edae-a98b-11eb-95aa-001a4a160119

3  https://www.nd-aktuell.de/artikel/1073273.ken-jebsen-annaeherung-an-ein-internet-phaenomen.html​​​​​​​