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Sep 202020
 

Gefühlsaufnahmen vom Reeperbahn Festival 2020

Sonnabendnacht, wir befinden uns auf dem Heiligengeistfeld, Sicht aufs Millerntor, Bier in der Hand und Talco spielen live. Ist das nicht wundervoll?

Jein.

Alle sitzen, sogar die Band. Nur die zahlreichen Sicherheitsleute stehen mit bedeckten Gesichtern am Rande. Wir sitzen in Zweiergruppen mit meterlangem Abstand zu anderen Konzertbesuchenden, bloß kein Aufstehen ohne Zweck (Toilette & Getränkestand sind erlaubt), Tanzen geht schon mal gar nicht. Auch wenn wir uns im Freien befinden, gilt die “Wegeregel”, also immer schön Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn man nicht am Platz ist. Bei Verstößen sind die Sicherheitsleute sofort zur Stelle. Das fühlt sich ganz schön seltsam an.

Wie ein Festival 2020 stattfinden kann

Kurzer Rückblick: Vor ein paar Wochen wurde klar, dass das Reeperbahn Festival 2020 tatsächlich stattfinden wird – mit massiven Auflagen. Eine Art Testballon für die gebeutelte Musikindustrie, inwieweit Livemusik im größeren Stil pandemiegerecht möglich ist. Kurz durchs Line-up geguckt – oh, cool, Talco? Reicht schon als Grund. Machen wir. Knapp 70 Euro für ein Tagesticket? Heidewitzka! Andererseits: Was haben wir schon groß an Ausgaben für Konzertkarten in diesem Jahr? Der Mut, ein Festival in diesen Zeiten auf die Beine zu stellen, muss irgendwie honoriert werden. Und dass eine solche Veranstaltung in diesem Jahr etwas mehr Aufwand bedeutet als nur ein paar Bühnen, Bands und Buden, ist auch klar. Nicht, dass das sonst alles einfach wäre!

Und so wollen wir dem Ganzen eine Chance geben. Auch wenn natürlich alles anders werden wird.

Willkommen in Pandemistan

Nächster Zeitsprung: Als wir spätabends wieder zu Hause sind, lösche ich mehr als ein Dutzend Fotos von verschiedensten QR-Codes vom Handy. Was hat es damit auf sich?
Vielleicht kennt ihr das von Restaurantbesuchen – statt mühsam die persönlichen Daten auf einen Zettel zu schreiben, bieten einige Betreibende eine digitale Lösung an. QR-Code scannen und Daten in eine Online-Anwendung eingeben, zack, ist das Ganze doch etwas bequemer und womöglich sogar datensicherer. Da sind wir aber ehrlich gesagt in diesen Zeiten sowieso etwas schmerzbefreit.

Jedenfalls gibt’s beim Reeperbahn Festival ebenfalls die Notwendigkeit, sich ein- und auch wieder auszuchecken. Nicht nur für die gesamte Veranstaltung, sondern für jede einzelne Location. Kein unüberwindbares Problem, aber schon ein bisschen bizarr und es nimmt ein gutes Stück der Leichtigkeit, die so ein Festivalbesuch eigentlich begleitet. Kein Wunder, dass mobile Handy-Ladestationen herumlaufen, weil das Prozedere doch gut auf den Akku geht. Ohne Smartphone hat man sicherlich noch deutlich größeres Generve.

Viel stärker ins Gewicht als der Check-in-Aufwand fällt allerdings, dass die einzelnen Spielorte – wenig überraschend – massiv die Anzahl der Gäste beschränkt haben. Und so stehen wir mehrfach vor verschlossenen Türen, weil der Laden schon voll ist. Hier läuft zwar wenig, was für uns zwingend wäre, aber gerade dieses “Sich treiben lassen und mal Sachen angucken, von denen man kaum was zuvor gehört hat” macht sonst den großen Reiz dieses Events aus. Spontaneität ist dieses Jahr nicht angesagt. Immerhin: Zu keinem Zeitpunkt sehen wir uns irgendwelchem Gedränge ausgesetzt, sodass wir uns rundum sicher fühlen können.

Dann gibt es im ganzen Regelpaket auch noch so ein paar Dinge, die schwer nachvollziehbar sind. Im Festival Village wird nur alkfrei ausgeschenkt, vor den Bühnen aber Vollbier. An ausladende Biertische vorm Knust dürfen sich trotz viel Platz lediglich zwei zusammengehörige Personen setzen, anderswo im Festivalbereich kannst du dich zusammenkuscheln, wie du willst, es stört niemanden. Freie Platzwahl vor der Hauptbühne gibt es auch nicht, wir werden schön hinter eine sichtbehindernde Säule gesetzt.

Ein Zeichen

Uff. Während wir zwischen penetranter Pausenmusik umfangreich dystopisch klingende Durchsagen erklingen (Abstand, Mund-Nasen-Schutz, nicht aufstehen, bevor man dazu aufgefordert wird, viel Spaß auf dem Reeperbahn Festival, diesdas), ist Zeit für ein Zwischenfazit. Macht das so eigentlich Freude? Besser als gar nichts, kann man vielleicht sagen. Groß ins Gespräch mit anderen Gästen kommt man nicht, deswegen bleibt das eher eine Einzelbeobachtung, auch wenn der NDR-Blog zu einer ähnlichen Einschätzung kommt. Irgendwas muss man ja machen, irgendwie muss man zeigen, dass es weitergeht. Und gerade für die Künstler*innen, die keine Lust mehr haben, bestenfalls von der Hand in den Mund zu leben, und endlich wieder ihrem Job nachgehen wollen, ist es sicherlich verdammt wichtig, wenigstens ein Zeichen zu setzen.

Viel mehr als ein Zeichen kann das Reeperbahn Festival 2020 aber kaum sein. Solange es Besorgnis erregende Infektionszahlen und keinen Impfstoff gibt, funktioniert so was doch fast nur draußen oder allenfalls drinnen mit sehr geringen Besucher*innenzahlen. Schwer vorstellbar, dass sich eine ganze (freifinanzierte) Branche auf diese Weise durch den Winter retten kann. Und doch, das Signal ist wichtig – schließlich sind wir alle auch ausgehungert nach Livemusik. Selbst wenn es sich so seltsam anfühlt wie hier. Natürlich sind die Auflagen gewaltig, nicht nur vom Gesetzgeber, vermutlich auch selbst auferlegt. Die gesamte Musikindustrie schaut mit Argusaugen auf dieses Event, da können sich die Veranstaltenden keinen Fehler, keine Infektion, keinen Skandal erlauben. Bei allem Genörgel über Maßnahmen, die der eigenen Gelassenheit im Weg stehen: Was muss, das muss. Jede*r Einzelne sollte Verständnis dafür haben. Auch wenn es da draußen so viele Hallodris gibt, die im privaten, unregulierten Rahmen einander auf die Pelle rücken und auf jegliche Verhaltensregel in Pandemiezeiten scheißen. Hier gelten andere Maßstäbe.

Stimmung ist, was du draus machst

Nun also Talco, das Highlight des Tages. Wie wohl Ska-Punk im Sitzen funktioniert? Deutlich besser als gedacht! Die Band aus Venedig hat nämlich die Zeichen der Zeit erkannt und auf ein Akustik-Set umgesattelt. Talco sitzen selbst weit auseinander, wie ein Akt der Solidarität in diesen beknackten Zeiten. Klar, die Musik reißt nicht annähernd so mit wie mit Strom verstärkt in einem schwitzigen Club. Aber das ist eben kein Wunschkonzert. Putzig zu sehen jedenfalls, wie viele andere Besucher*innen sich mit Mühe auf ihrem Klappstuhl halten und sämtliche Körperteile so gut es geht im schnellen Offbeat durch die Gegend schütteln. Die Stimmung ist dann doch so ausgelassen, wie sie es in diesen Zeiten eben sein kann. Die Leute haben schon Bock, auf und vor der Bühne. In den Gesichtern der Musiker strahlt die Freude, wieder vor Menschen spielen zu dürfen, fast heller als die Scheinwerfer. Es mag etwas überraschen, dass Talco in Sichtweite des Stadions den Song “St. Pauli” nicht mal ankündigen oder weiter ausreizen; auch “Bella Ciao“ bekommt keine Ansage oder Aufforderung zum Mitmachen. Wir vermuten mal, dass die Bands angehalten sind, die Stimmung nicht überkochen und Besucher*innen unvernünftig werden zu lassen.

Nach etwas mehr als einer Stunde sind Talco durch und wir auch. Als sich dann doch das Publikum zum abschließenden Applaus erhebt und die Band von der Bühne ein Selfie macht, während Johnny Cash “The Man Comes Around” aus den Boxen singt, scheint die Welt einen Augenblick lang fast normal. Dann aber wieder Maske auf, auf die Anweisung zum Verlassen des Geländes warten, per Handy auschecken und ab nach Hause.

Hat das Spaß gemacht? Ja, “aber“. Schreit das nach Wiederholung? Es scheint schwer vorstellbar, dass es zu einem vergleichbaren Event in naher Zukunft kommt. Betriebswirtschaftlich rechnet sich das einfach nicht. Beim RBF fließen jedes Jahr reichlich Subventionen, unabhängige Veranstaltungen können da nicht mithalten. Und so bleibt vom Reeperbahn Festival 2020, dass Livemusik nicht tot ist und auch wieder kommen wird, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin müssen wir uns wohl noch eine ganze Weile gedulden.

PS: Wir wissen nicht, wie lange, aber den Auftritt könnt ihr euch beim NDR noch in Gänze ansehen.

Mai 272020
 

Lieber Leser*innen,

ich verabschiede mich hiermit aus dem magischenfc Kollektiv. Der Abschied war länger geplant und sollte eigentlich nach unserer Aufstiegsfeier in Wiesbaden erfolgen. Dann kam Corona, die Feier fand nur in unseren Träumen statt und ich habe lange darüber nachgedacht, ob es alles zeitlich so bleiben soll. Schlussendlich hab ich mir diese Frage mit „Ja“ beantwortet und grob den Zeitrahmen eingehalten.

Das magischerfc Kollektiv ist stark und gut, es wird euch weiterhin bestens (selbst besser) unterhalten. Für mich endet eine Zeit von ca. 20 Jahren „ins Internet schreiben“, mit Pausen und Abschieden. 20 Jahre mit viel Meinung und wenig Ahnung.

Für solche ewigen Nörgler und alte weiße Männer sollte kein Platz mehr sein. Und da leider alten weißen Männern nicht gesetzlich das Äußern verboten ist, sollte man sich selber als alter weißer Mann aus der Öffentlichkeit zurück ziehen, bevor es noch lächerlicher wird, als es sowieso schon ist.

Ist dies nun das ewige Ende? Man soll niemals nie sagen und unser Chief Editor sagte was von „Artikel mit der Brieftaube schicken“. Was ich natürlich nie machen würde, sonst bekäme ein anderes Kollektivmitglied wahrscheinlich Ärger zu Hause. Aber es gibt ja auch E-Mail oder meinem Alter angemessen Faxgeräte.

Ich danke den Dreien für all die wundervollen Dinge, die wir gemeinsam erreicht haben und die ganzen wundervollen Artikel, die wir gemeinsam gestrickt haben. Ihr seid großartig!


Vielleicht schreibe ich jetzt ein Buch (nein! Die Welt braucht garantiert keine Bücher aus der Perspektive “alter weißer Mann”), vielleicht mache ich wie alle alten weißen Männer einen unbedeutenden und schlechten Podcast (nein! Gleiche Gründe), vielleicht finde ich auch endlich mal vernünftige Hobbies. Ich hab gehört, dass Hallenhalma ganz groß im Kommen sei. Soll angeblich kontaktlos und mit 1,5 Abstand spielbar sein.

Podcast: Es ist seit langem ein Traum von mir für dieses Blog einen Podcast zu haben. Aber nicht mit mir. Vielleicht setzen die beiden Damen, die eigentlich schon ein fertiges Konzept haben die Idee jetzt um. Ich guck niemanden an.

Eigentlich würde ich jetzt schreiben „wir sehen uns demnächst am Millerntor“, aber ob und wann dies der Fall sein wird, steht leider in den Sternen. Wer weiß schon, ob wir wirklich alle noch Lust auf Millerntor haben, wenn wir wieder in einigen Monaten (Jahren?) dürfen? Wer weiß, ob unser Fußball dann noch existiert? Unser Tag wird kommen? Hoffentlich!

Bleibt gesund und bleibt dieser Website gewogen, die restlichen Kollektivmitglieder haben es verdient.

Grüße

Euer Senior

Mai 172020
 

Ach Loide, 19,10 Promille haben wir wohl alle auch zwei Tage später noch. Wow, was für ein Abschluss! Also nicht nur, dass unsere Jungs da in den letzten 9 Spielen 27 Punkte holen. Nein, dass sie dann noch am letzten Spieltag in der 93. Minute das entscheidende 6-0 machen, um ein Tor besser zu stehen als die Volksparker, das setzt dem ganzen dann doch die Krone auf. Wir haben gehört, dass Popcorn auf St. Pauli schon knapp werden soll, um sich für die Relegation Volkspark gegen Weser vorzubereiten. Unsere Sympathien sind da wohl klar verteilt, oder? Hauptsache Hamburg!

Wir brechen jetzt mal das Schweigegelübde des Sonderzuges. Normalerweise gilt, dass alles, was im Sonderzug passiert, auch im Sonderzug bleibt, aber das können wir diesmal nicht einhalten. Es geht einfach nicht.

Eine freudige Crew traf sich zu nachtschlafender Zeit in Altona. Es wurden schon mal die Taschenrechner gezückt und alle Möglichkeiten in diesem verrückten Finale (und das ist mal keine Sky-Übertreibung) durchzurechnen. Die kluge Frau P. holte dann auch gleich ihr Statistikwissen raus und rechnete alles genau vor, wenn dieses und jenes … “Sieg und Platz 3 wäre uns sicher. Et hätt noch immer jot jegange” fasste unsere Lieblingskölnerin die Rechnerei zusammen.

Aber auf die Rauten 3 Punkte und 6 Tore aufholen? Puh! Harte Nummer! Aber egal, die letzten 8 Spiele waren so ekstatisch, dass wir alle mit jedem Ergebnis hätten leben können. Jacksons Comeback, sein 40 Meter Hammer letzte Woche, um Regensburg zu besiegen, sein Jubellauf über den ganzen Platz? Unser Herz ging auf. Oder das Osterfest in Karlsruhe. Mit einer brillanten Abwehrraute spielten unsere Jungs den KSC schwindelig. Die wussten nach 34 Minuten schon gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand. Ging uns auf den Rängen ob des Eierlikörs der Veteranen nebenbei nicht anders. Ihr hättet auch mal das Gesicht von Flossi sehen sollen, als Jos sie endlich erhört hatte und ihre Idee der Abwehrraute umsetzte.

Viele hatten auch noch leuchtende Augen von der Nacht zum 15.05. 1910 Bengalos hatten eine leuchtende Kette von der Südkurve bis zum Dock 10 der Blohm + Voss Werft gebildet. Ganz viel Liebe an die Arbeiter*innen der Werft, die sofort Feuer und Flamme für die Idee waren, als Trashi und Co da auftauchten. Wir sahen Drohnenaufnahmen bei Trashi auf dem Handy. Freut euch auf den Film.

Glückwunsch nach Bielefeld. Habt ihr euch verdient, den Aufstieg. Aber dass Stuttgart auch so einbricht? Wer hätte das gedacht? Nun ja, die zweite Liga freut sich.

Motto?

Ja, gab es. Und es hatte wirklich geklappt, dass niemand außerhalb des Sonderzuges es kannte. So war auch noch “neutral einsteigen” angesagt und unsere gaffenden Zivis sahen einen Haufen Fußballfans. Erst im Zug begann die Verwandlung in 1.000 Gestalten aus dem Star-Wars-Universum.Der langhaarige Lüneburger als Wookie war schon gut. Schon geil, wenn man dafür seine Haare nur toupieren muss. Das Leia-Slave-Kostüm, welches der rüpelhafte Schnörresträger trug war, äh, also. Fassen wir es kurz: Es stand ihm. USP echt geschlossen als Jedi-Ritter, alle mit Lichtschwert und Umhang hatte auch was. Und die Vorsänger*innen dann als Yoda? Wir haben Tränen gelacht. Aber der Höhepunkt kam erst.

Trinken, essen, kaufen

Erstmal wurde getrunken und gegessen, der Sonderzug verwandelte sich in den üblichen Marktplatz. Fanzines, Sticker und wow, hätten wir echt nicht gedacht, Turbo, dass ihr still und heimlich doch noch die Derbyshirts hergestellt habt. Gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmel.

Über die Getränkeauswahl wurde dann aber doch Stillschweigen bewahrt. Sekt/ Äppler/ Mate ist nicht jedermenschs Sache.

Das Buffet? Vom Feinsten! Wir schlemmten gerade an den veganen Tabouleh mit Gemüse als unser Millerntonist Bilder von seinem ausgewachsenem Tiger zeigte. “Und ich dachte, dass das ein niedliches Katzenbaby ist, als ich das holte”.

Ausstieg mit Stil

Die Zeit verging wie im Fluge und wir fuhren in Wiesbaden ein. Und nun der Clou unseres Mottos: Der Zug fährt ein, die leicht hektische Wiesbadener Polizei setzt schon mal Helme auf und anstatt einer Horde betrunkener Fußballfans steigt nur Fanladen-Justus als Darth Vader aus. Dahinter ca. 100 Stormtrooper. Sein lautes „ICH BIN EUER VATER“ sorgte dann endlich bei den Polizist*innen für fallende Kinnladen und beim Mob für schreiendes Lachen. Leider hat das mit dem Force Choke bei dem örtlichen Nazi nicht geklappt. Da war die Macht nicht mit dem Fanladen.

Aufstieg mit Stil

Sonst an diesem Tag schon. Einlass? Schnell überwunden. War vielleicht nicht ganz legal. Schwamm drüber. Choreo? Perfekt „Komm zur braun-weißen Seite der Macht, wir haben den Aufstieg“ war vielleicht nicht ganz so kreativ, aber die Blockfahne mit Schnecke als Han und so war schon cool.

Liebe nach Wiesbaden, die eine Choreo mit einem Awareness Thema organisiert hatten. Erwartet man von solchen Szenen echt nicht und man ist dann immer echt positiv überrascht. Diese Gelegenheit wollen wir echt mal nutzen und unseren Antira und Awareness Menschen für ihren Aktionen und ihren Einsatz zu danken. Feministischer Kampftag, all die anderen Sachen. Echt ganz viel Liebe an euch.

Auf dem Platz dann ein Ballet in braun-weiß. 1-0, 2-0, 3-0, wow. Und alle nach Eckbällen. Der Gärtner unseres Vertrauens neben uns schrie schon was von „ich will mehr Ecken!!“. Im Volkspark immer noch 0-0. Unsere Späher vor Ort meldeten Latte, Pfosten, auf der Linie mit der Zunge geklärt und einen komplett überlegenen Stadtrivalen. Puh, wird wohl nix. 4-0. Halbzeit. Zwei Tore noch und ein Sandhausen-Wunder? Unsere Gläubigkeit endet ja normalerweise bei dem Brüllen von „SAAANNNNKKKTTT“, wenn einer „Pauli“ sagt, aber nun wurden bei Wikipedia alle Gottheiten rausgesucht, die man anbeten kann. Nicht, dass wir am Ende den entscheidenden Götzen vergessen.

69. Minute: Es kommt die erlösende Meldung aus dem Volkspark, 1-0 Sandhausen.

Ausgerechnet Dennis Diekmeier kann sich aus einer Flanke nicht mehr herausdrehen und trifft in das Tor der Rauten. Dass ein Torschütze nach seinem Tor in Tränen ausbricht und vom Platz getragen werden muss, sieht man auch eher selten. Wir mussten die im Jolly guckende Hundesitterin wirklich 10 Mal fragen, ob sie uns nicht gerade verarscht.

Der Mob in Wiesbaden nun komplett am eskalieren. Unser Vorsänger*innen gingen vom Zaun, sie waren nicht mehr nötig. Der Mob drehte auch so komplett frei. Vielleicht steuerten sie das auch alles mit der Macht? Wir wissen es nicht.

5-0 in der 86. Minute. Nun war Zittern und Bangen angesagt. Wir machten unsere Abwehrraute auf und eigentlich war das System nun 1-0-10. Robin als Libero und alle anderen vorne. Aber die Zeit lief weg. Wiesbaden mit einem Konter? Robin in bester „Beinbruch oder Ball“-Manier dazwischen, trifft aber wie durch ein Wunder nur den Ball und leitet gleich den nächsten Angriff ein. Drei Minuten Nachspielzeit? Drei Minuten Nachspielzeit!

Volkspark? Ist abgepfiffen, 1-0 für Sandhausen, die Nordkurve ist nur noch Betonstaub. Mensch, irgendwie muss dieser verfickte Ball doch ins Tor. Himmelmann hat ihn, noch 30 Sekunden … langer Hafer, Jackson legt ab. Getümmel, Dimi, Schieß doch! Nein! Er steckt auf Henk durch und Henk holt aus 10 Meter eine Klebe raus, dass der Wiesbadener Torhüter lieber nicht die Finger dazwischen gehabt hätte. 6-0. Wir haben es noch fünfmal auf Video gesehen. Ball schlägt genau bei 92:57 ein. Schiri pfeift nicht mehr an. Noch kurze Unsicherheit, ob es gereicht hat, danach brechen alle Dämme. Jubel. Star Wars auf dem Rasen. Banki babbelt was von „Enkel*innen noch erzählen“, niemand hat was zu meckern, Schmölli sagte immer „ich liebe Kaiserslautern“ und auch sonst war das mit der Zurechnungsfähigkeit nicht weit her. Selbst der Senior wurde grinsend und bei einem Freudentanz im Block gesichtet. Video ist vorhanden.

Vollkommen verstrahlt geht es zum Zug zurück. Wir haben Tresenschicht. Gesamte Mannschaft hat auf ihren Rückflieger geschissen und steht im Partywagen. James L. vorneweg. Oke ist vollkommen hinüber. Unsere Aufsichtsratsvorsitzende und Tresenchefin Sandra war wieder clever und hatte 100 Flaschen Champagner geordert. Die waren nach 20 Minuten ausverkauft. Der Partywagen schwimmt. An dieser Stelle Danke für die Organisation! Und diesmal 1 Liter Faxe Dosen am Start zu haben war auch cool.

Zurück in den Wahnsinn Partywagen. Selbst der stabilste Haarknödel der Fanszene wird nur noch von verschütteten Schnäpsen aufrecht erhalten. Von unserer Playlist wird alles abgefeiert. Zu welchem Bums ihr da eigentlich gepogt habt? Könnta hier nachhören.

In einer etwas ruhigeren Minute kommen wir mit James vor dem Klo ins Gespräch. Netter Kerl. Wir fragen nach seiner Zukunft beim Verein. Er lächelt nur und sagt „wartet mal ab“. Ende unserer Schicht ist 20 Minuten später. Und James schnappt sich Oke und das Mikrofon. Also eigentlich ist oberkörperfrei nun echt nicht okay, aber wenn man sich als Spieler den Zehnjahresvertrag auf die Brust tätowiert hat und den live im Sonderzug auf dem Tresen vom Präsidenten gegenzeichnen lässt, dann machen wir echt mal ne Ausnahme. Einmal! Die Wiederbelebungsmaßnahmen bei einer jetzt nicht nicht namentlich genannten magischerfc Schreiberin waren zum Glück erfolgreich.

Nach diesen Szenen brauchte unser Mannschaftsarzt Schnaps. Er murmelte immer irgendwas von „wenn sich das entzündet hätte und er nicht mehr spielen kann“. Aber die war die Macht war halt mit uns.

Dieser Moment als wir in Altona einfahren und Mats uns mit Pyro an den Gleisen begrüßt. Während des gemeinsamen Marsches zum Stadion flüstert er uns dann zu “Na das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen”, so richtig verstanden, wie er es so schnell aus Genk hierhergeschafft hat, haben wir immer noch nicht. Mannschaft vorneweg, wir hinterher. Es wurde eine wilde Nacht. Über die wir dann doch lieber den Mantel des Schweigens hüllen. Naja, eine Sache sei gesagt: Den Mythos der Unaussaufbarkeit kann das Jolly jetzt endgültig streichen.

Wer im Sonderzug fehlte? Der Curi, der die Strecke nämlich als BB8 verkleidet radelte. Was er erlebte? Im nächsten Millernton!

Und dann klingelt leider der Wecker. Geisterspiel Nürnberg. Alles wieder Trist und Grau. Schade, es hätte so schön sein können.

Aber dieser Tag wird kommen. *Tiocfaidh ár lá*

(Vielen Dank an Elo, die ganz viele Ideen und Passagen beigesteuert hat.)

Apr 222020
 

Liebe Menschen da draußen, wir hoffen es geht euch gut! Wir wissen, dass es auf dieser Welt gerade ganz viele wichtige Themen gibt und der FCSP gerade eine Nebenrolle spielt.

Trotzdem (oder vielleicht auch gerade deswegen?) möchten wir euch noch mal die Veranstaltungen der AG Diversität in dieser Woche ans Herz legen. Details findet ihr auf der Vereinshomepage.

Heute geben Sandra und Christiane Einblicke in die Arbeit des Präsidiums und des Aufsichtsrates. Das können wir euch auch abseits vom Thema „Diversität“ als Blick hinter die Kulissen empfehlen. Wir garantieren euch, dass dies sehr informativ und unterhaltsam wird.

Sonntag dann von 10 bis 13 Uhr (endlich mal wieder aufstehen, als ob Heimspiel wäre!), ein Online-Workshop zum Thema „Hackt den FC St. Pauli: Wie können wir Zutrittsbarrieren verringern?“

Zugegeben, das ist ein Workshop mit einer (leider gerade notwendigen) Zutrittsbarriere, weil nicht jede*r mag gerne Online-Workshops, aber wir möchten euch einladen, diese Barriere zu überspringen und euch einzumischen.

Wie? Findet ihr unter dem angegebenen Link auf der offiziellen Homepage.

Und vielleicht sind diese beiden Veranstaltungen auch eine Gelegenheit mal andere Stimmen zu hören und sich in Zeiten von „social distancing“ (was für eine Wortschöpfung. Müsste es nicht eher „physical distancing“ heißen? Den sozial für einander da sein kann und sollte man auch in Zeiten des körperlichen Abstandes!) mit Menschen zu unterhalten und dabei den FCSP für kommende Zeiten besser zu machen.

Wir würden uns freuen Sonntag eure Stimmen zu hören und mit euch für einen besseren FCSP zu diskutieren. Wir vermissen euch Quatschköpfe nämlich auch. <3 Bis dahin: Bleibt gesund!

Apr 102020
 

Vorgeschichte

Liebe Leser*innen, Wie hält man es mit dem Sport in der Krise? Eine historisch spannende Frage.
In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebte die Menschheit zwei Weltkriege. An beiden war die USA beteiligt; dort stellte stellte man die Wirtschaftsproduktion auf „systemrelevante“ Dinge um und schickte den Rest in den Krieg. Im Ersten Weltkrieg hatten die USA auch Profisportler in den Kriegsdienst eingezogen und den Profisport als nicht systemrelevant erklärt. Daraufhin wurde die Baseballsaison verkürzt.

Im Zweiten Weltkrieg stellte sich nach Pearl Harbour erneut die Frage nach der Fortführung des Profisports und Kenesaw M. Landis, der Commissioner des Baseballs (damals der führende Sport in den USA; vor seiner Ernennung zum Ligapräsidenten war Landis Richter gewesen und wurde deswegen immer noch „Judge“ genannt), fragte Präsident Franklin D. Roosevelt, ob man denn mit der Planung der neuen Saison weitermachen solle.

FDR antwortete am nächsten Tag und schrieb die – in den USA zumindest – berühmten Sätze, die eine Fortführung anregten:

„I honestly feel that it would be best for the country to keep baseball going.“

Und er ergänzte:

„If 300 teams use 5,000 or 6,000 players, these players are a definite recreational asset to at least 20,000,000 of their fellow citizens – and that in my judgment is totally worthwhile“

Trotzdem sollten Spieler im entsprechenden Alter dienen und viele berühmte Baseballer taten dies auch. Die Angst, dass Männerbaseball beendet werden würde, ist nebenbei Grundlage für die Gründung einer professionelle Frauenbaseball-Liga, die der Film „A League of their own“ ein Denkmal gesetzt hat. Ihr wollt die ganze Story nachlesen und den Brief lesen, der mit der schönen Anrede „My dear Judge“ beginnt? Hier entlang!

FDR führt da eigentlich nur die Linie der römischen Herrscher weiter, die „panem et circenses“ laut der Satire von Juvenal zu einem Herrschaftsinstrument erkoren hatten.

Und bei dem, was wir schon letztes Mal zu Beginn schrieben. Profisport als Herrschaftsinstrument. Während in den USA wahrscheinlich das eben zitierte als Präzedenz genommen wird (ziemlich absurde Pläne des Baseballs lassen Vermutungen in diese Richtung zu; man hat diesen Plan zwischenzeitlich dementiert), wird es in Europa wahrscheinlich andersherum gehen und der Profisport eher das Letzte sein, was wieder in seine Normalität einsteigt. Und damit stellt sich immer mehr die – wie üblich juristisch betrachtete Frage – ob das eigentlich geht und was die Folgen sind.

Grundrechte in Zeiten der Pandemie


Wir müssen dafür ein bisschen ausholen. Und geben wieder den üblichen Hinweis, wenn wir juristisch werden: Jura ist Macht der Herrschenden. Jura hat nichts mit Moral und einer besseren Welt zu tun. Insofern zeigen wir im folgenden juristische (!) Fragestellungen auf, die nichts mit moralischen (!) Fragestellungen gemein haben. Dort wo es extrem unmoralisch (!) wird, weisen wir noch mal gesondert darauf hin. Nun aber zum heutigen Thema.

Nämlich: Wie ist das eigentlich mit den Grundrechten in Zeiten der Pandemie? Es gibt ja Menschen, die reagieren auf die Frage nach Grundrechten in der Krise sinngemäß mit „scheiß auf Grundrechte, bleibt zu Hause, ich zeig euch mal sonst die Leichenhalle in meinem Krankenhaus“ oder ähnlichem. Aber ganz so einfach ist das nicht. Mal ganz davon ab, dass so ein Satz öffentlich gesprochen ja die Nutzung eines Grundrechts ist. Und so ein Grundrecht steht nebenbei auch dem Fußball zu. Und jedem anderen.


Grundrechte sind aber nicht schrankenlos und auch nicht alle gleichwertig. Das Grundgesetz zählt sie einfach auf und sagt mit keinem Wort, dass z. B. Art. 1 dem Art. 15 vorgeht (fiktives Beispiel; bevor jetzt jemand auf die Ewigkeitsgarantie des Art. 79 Abs. 3 anführt, ja, die wird als Verstärkung von Art. 1 interpretiert. Wirklich da stehen tut das nicht.). Daher sind Grundrechtseinschränkungen zulässig, wenn sie denn geeignet sind und verhältmäßig.

Zur Zeit schränken wir deswegen ganz viele Grundrechte massiv ein. Zum Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit. Einem Grundrecht, was in Art. 2 Abs. 2 genannt ist und als „zentrales Grundrecht“ gilt. Etwas freier ausgedrückt steht da im Grundgesetz, dass der Staat verdammt viel darf um Leben und körperliche Unversehrtheit zu schützen und ganz wenig darf um da einzugreifen. Ha! Werdet ihr rufen, also doch zu Hause bleiben und das Verbot auf der Parkbank ein Buch zu lesen einhalten.

Aber ganz so einfach ist das nun auch wieder nicht. Wir geben euch mal ein alltägliches und ebenso makaberes wie leider auch wahres Beispiel. Es sterben pro Jahr verdammt viele Menschen im Straßenverkehr. Und trotzdem erlauben wir den als Gesellschaft. Wir erlauben selbst „Spaßfahrten“. Das ist – wenn man es brutal sehen will – ein Eingriff in Art. 2 (2), denn der Staat erlaubt hier etwas, was potentiell Menschen verletzen und umbringen wird. Und nein, er kommt da nicht aus der Verantwortung, weil sich da ein*e Verkehrsteilnehmer*in fahrlässig verhalten hat, denn dies ist ein systemimmanenter Punkt des Straßenverkehrs. Das ist der Grund, warum man zum Führen eines Fahrzeuges eines Versicherung abschließen MUSS. Oder wollt ihr ein anderes Beispiel? Wir erlauben den Alkoholverkauf. Obwohl wir wissen, dass dies Menschen tötet.


Nun ist Corona definitiv gefährlicher als der Straßenverkehr und kann insbesondere dann noch viel gefährlicher werden, wenn man es unkontrolliert ausbreiten lässt. Und ob ein rigoroses Verbot Drogen verhindert, kann man sehr stark bezweifeln. Das “flattening the curve” habt ihr alle verinnerlicht. Es ist dem Staat also in einer solchen Situation durchaus erlaubt, sehr massiv in Grundrechte einzugreifen. Deswegen lässt das Infektionsschutzgesetz Dinge zu, die nach unserer Grundrechtsordnung in keinem anderen Fall möglich wären.


Dies gilt umso mehr, wenn man eigentlich noch nichts über die Ausbreitung des Virus weiß und noch massiv daran forschen muss.

Wenn ihr das verlinkte Interview lest, dann werdet ihr merken, wie viel Unklarheit bei solchen Viren besteht. Es kann dann nur in Wahrscheinlichkeiten agiert werden und das ist uns allen immer sehr unangenehm. Wir hassen es, wenn etwas unklar ist. Außer es ist der Ausgang eines Sportereignisses, dann lieben wir die Spannung der Unklarheit. Aber wenn es um das Leben und die körperliche Unversehrtheit von uns allen geht, dann ist das ein Spannungsbogen, auf den wir gerne verzichtet hätten. Und für Juristen, die eigentlich gerne “Beweise” hätten, wird es noch unerträglicher.

Gestern fanden wir auch die Pressekonferenz zur Studie der Uni Bonn in Heinsberg sehr spannend in Bezug darauf, was erste Zahlen und Erkenntnisse aussagen.

Und ja, die Virologen streiten sich hier auch noch, und eine Beteiligung von Kai D. an der PR-Arbeit halten auch wir nur für mäßig gut. Es geht uns bei der Verlinkung ja auch eher um die da schon deutlich werdende Unsicherheit.

Arbeit muss sein!

Ist euch was aufgefallen in all diesen Verordnungen? Sie machen großzügige Ausnahmen für „Arbeiten“. Beispielhaft hier mal die Hamburger Verordnung. Wir haben nun mal versucht, die meisten quer zu lesen, in diesen Punkten ähneln die sich schon.

Auch dieser ganze Bereich ist ein Grundrecht. Art. 12. Ein Unternehmen zu haben, dies zu betreiben ist grundgesetzlich geschützt. Und so könnt ihr euch in eine volle Bahn setzen und in euer volles Großraumbüro fahren, wenn es euer*e Arbeitgeber*in denn so will. Es ist begrüßenswert, dass viele Arbeitgeber*innen dies anders sehen und soweit wie möglich Homeoffice organisiert haben, aber nicht einmal dies fordert der Verordnungsgeber. So kommt es zu leeren Verkehrsmitteln, was bei aller Unsicherheit wahrscheinlich einen guten Effekt auf die Infektionszahlen hat. Aber wie schon gesagt: Auch da regelt der Verordnungsgeber nix.


Und so fährt ein Kollektivmitglied, was seinen Arbeitsplatz noch körperlich besuchen muss, auch jeden Tag an einer Baustelle vorbei, auf der Bauarbeiter*innen eng verzahnt körperlich arbeiten und anscheinend gerade mal ein Dixie haben und zumindest keine sichtbare Wasserstelle. Da muss man nicht viel von Viren verstehen, aber das ist eine Risikoerhöhung für all diese Menschen. Niemand hat einen Plan, wie hoch dieses Risiko ist, aber es wird wohl eines sein, da werden sich Expert*innen einig sein. Das ist ein Eingriff in Art. 2 (2) für diese Menschen. Aber auf einer Parkbank sitzen? Das ist verboten!

Bei aller Unsicherheit und bei allen „Lieber erstmal zuviel“ muss in einem Rechtsstaat so etwas hinterfragt werden. Alleine schon, weil das „alleine auf der Parkbank sitzen“ ggf. ebenso für Leben und körperliche Unversehrtheit wichtig sein kann. Denn auch psychische Gesundheit ist körperliche Unversehrheit.

Der Staat hat eine Abwägung zwischen Art. 2 (2) und Art. 12 (Berufsfreiheit) vorgenommen und beschlossen, dass es vertretbar ist, soweit euer Recht auf Schutz der körperlichen Unversehrtheit einzuschränken., damit „die Arbeit“ soweit wie möglich reibungslos funktioniert. Darf er das? Natürlich! Art. 2 (2) hat – wie jedes Grundrecht – seine Grenzen, sagten wir eben bereits. Er kann eingeschränkt werden, dies unterliegt aber einer „strengen Verhältnismäßigkeitsprüfung“. Und Achtung makaber: In einer kapitalistischen Gesellschaft ist der Erhalt von „Arbeit“ von Unternehmungen allgemein wahrscheinlich systemrelevant genug, dass er rechtfertigt, Menschen einer erhöhten Ansteckungsgefahr (wie hoch die auch immer sein mag) auszusetzen. Das ist dann doch wieder wie der Straßenverkehr. Aber das ist eben nicht „scheiß auf Grundrechte“, es ist eine ganz bewusste Abwägung zwischen Grundrechten.


Ob man so breite Ausnahmen für „Arbeiten“ formulieren muss? Das kann man zumindest mal hinterfragen. Es wäre für den Verordnungsgeber ein leichtes, z. B. körperliche Meetings auch auf Arbeit zu verbieten und/oder mehr Auflagen für Kantinenbetrieb zu erlassen. Hamburg z. B. verordnet hier ausschließlich 1,5 Meter Abstand. Wäre das für die Unternehmungen nervig? Ja! Würde es ihr Grundrecht zu doll einschränken? Wahrscheinlich nicht.


Und hier möchten wir einen Ausschnitt aus dem Zeit-Interview highlighten.

Und der Fall bei München, also der deutschlandweit erste, deutet in eine ähnliche Richtung. Die Mitarbeiterin des Autozulieferers aus China hat bei ihrem Besuch nur Kollegen angesteckt, mit denen sie recht eng zusammengearbeitet hat. Es gab keine Übertragung im Restaurant, der Taxifahrer hat sich nicht infiziert und niemand in öffentlichen Verkehrsmitteln. Und das, obwohl diese Frau hochinfektiös gewesen zu sein scheint.“


Wenn man da so liest, dann scheint das Meeting- Risiko so hoch zu sein, dass der Verordnungsgeber eigentlich aus Art. 2 (2) gezwungen wäre, ein Verbot zu erlassen. Er tut dies nicht. Er verbietet lieber das Sitzen auf einer Parkbank.

Grundrechte zählen!


Wichtig ist auch in der Krise, dass wir alle nicht in eine „Jawohl, mein*e Führer*in“-Haltung fallen. Eine offene Gesellschaft, eine grundrechtsgetriebene Gesellschaft hat ihre Berechtigung und ihre Voraussetzungen und eine davon ist, dass man Handeln des Staates hinterfragt und dies eben an so etwas wie Grundrechten misst. Wer Grundrechte einschränkt, muss sich rechtfertigen, nicht, wer sie in Anspruch nimmt!

Wer dies als nervig empfindet und so Sätze wie eben zitiert sagt, der*die sollte ganz dringend sein ganzes Radar einstellen. Oder nicht meckern, wenn er*sie plötzlich 12 Stunden ohne Ruhezeit arbeitet. Denn scheiß auf Grundrechte, nech? (Nebenbei: Fuck you, SPD)

Und gerade das Parkbank-Beispiel (welches nebenbei, gerade als diese Zeilen geschrieben werden, vom bayerischen Innenminister entschärft wird) zeigt, dass jedes Handeln des Staates eben nicht immer sinnvoll ist. Das gilt insbesondere in Zeiten der Krise, wo auch mal ganz schnell irgendwas zusammengeknüppelt werden muss. Es ist trotzdem ärgerlich, wenn man seine Verordnungen beinah täglich korrigieren muss oder ändert, auch wenn an der Grundidee „Kontakt vermeiden“ sich nichts ändert. Wie wichtig wäre hier eine bessere Vorbereitung gewesen!

Und dann kommen wir über die Schlagzeilen zu Demos und Fußball

Wenn Herr Söder sich dann mit „Menschenleben gehen vor Shoppingtour“ in der Zeit-Schlagzeile (link mag veraltern, abgerufen am 07.04.2020) zitieren lässt, dann will man ihm „ja sie gehen auch deiner fucking Autobahnbaustelle und der Shareholder-Value bei XYZ vor“ zubrüllen. Aber das ist nicht die Juristerei: Die muss fragen: Ist das Verbot einer Shoppingtour angemessen und verhältnismäßig? Und dafür muss folgende Frage beantwortet werden: Ist die Shoppingtour ein zu hohes Risiko? Ist es dies nicht oder ist das Risiko aus anderen Gründen vertretbar, dann darf der Staat nicht tätigt werden. Und er muss sich da immer einem Vergleich stellen. Denn Art. 3 sagt: „Gleiche Sachverhalte müssen gleich behandelt werden.“ Bleiben wir für den Vergleich bei unserem Meeting-Beispiel: Kann wirklich begründet werden, dass die Shoppingtour (ggf mit Auflagen) wirklich so viel gefährlicher ist als das betriebliche Meeting, dass das eine vollkommen erlaubt und das andere vollkommen verboten ist? Insbesondere da die Schließung eines Ladens immer ein schwererer Eingriff ist, als das Verbot einer beruflichen Handlung.

Art. 8 ist wichtig!


Komisch, all diese „Scheiß auf Grundrechte, es sterben Menschen“-Schreiber*innen, findet ihr nicht unter dem Hinweis, dass Baumärkte wieder geöffnet sind und Meetings immer noch erlaubt sind. Sie kritisieren, wenn Menschen ihr Recht aus Artikel 8 wahrnehmen wollen. Das Demonstrationsrecht. Ein eigentlich ziemlich zentrales Grundrecht, wie in der neusten Zeit z. B. die Ereignisse 1989/1990 zeigen. Und nun kommt ihr? Art. 12 vs. Art. 8. Was ist euch wichtiger?

Denn alle Aktionen, die auf Art. 8 basieren, sind z. B. in Hamburg durchweg verboten worden, selbst wenn die Anmelder*innen Regeln zum richtigen Umgang mit der Pandemie selber aufgerufen hatten. Anders nebenbei in NRW, wo eine Anti-Atomkraft-Demo unter Auflagen genehmigt wurde.


Hier kann man berechtigte Zweifel bekommen und selbst wenn man vielleicht zu einer Rechtmäßigkeit einer solchen Untersagung käme, weil Versammlungen auch eine gewisse Dynamik haben, wo Abstände schwer einzuhalten sind oder weil man auch die An- und Abfahrtswege bedenken muss, so ist es doch nicht so eindeutig, dass man nun im Internet herumposaunen muss. Ganz im Gegenteil, man kann sich fragen, ob solche Bedenken durch Auflagen (z. B. kleine begrenzte Teilnehmer*innenzahl) gut einhaltbar wären.

Garantiert nicht vertretbar ist es, unliebe Polizei Hamburg, Menschen vom Fahrrad zu schubsen. Zur Durchsetzung einer eventuellen Ordnungswidrigkeit die körperliche Unversehrheit eines radelnden Menschen konkret zu gefährden, ist nämlich genauso ein ziemlich direkter und konkreter Eingriff in Art. 2 (2) und der ist eben nicht einfach so möglich. Siehe oben. Wer hier ein „aber die haben doch was Verbotenes gemacht“ einwirft, der*die sollte sofort seinen*ihren Mund mit Seife auswaschen. 1910-mal.

Menschenrecht

Und noch etwas dürft ihr nicht vergessen. Es gibt im Grundgesetz Menschenrechte und sogenannte Deutschengrundrechte. Der Unterschied ist, dass einige Grundrechte mit „Alle Deutschen dürfen …“ Die Rechtswissenschaft hat früher eine klare Unterteilung in „das gilt nur für Deutsche im Sinne eines deutschen Passes“ gemacht, weicht diese heutzutage aber immer mehr auf. Was ihr aber seht ist, dass Art. 2 (2) ein Menschenrecht ist. Es gilt für alle Menschen. Also auch für Geflüchtete an europäischen Außengrenzen. Wir haben die Fluchtproblematik nämlich mit Schengen ganz bequem aus unserem direkten Sichtfeld nach Griechenland und Co. verlagert, aber dieses „aus den Augen, aus dem Sinn“ ist nicht nur unmenschlich, sondern hinsichtlich Art. 2 (2) äußerst problematisch.

„Scheiß auf Grundrechte“ wird also auch ganz schnell eine äußerst priviligierte Position, die ganz gezielt anderen Menschen ihre Grundrechte verweigert. Oder anders ausgedrückt: „Demonstriert nicht, sonst sterben Menschen an der Pandemie“ kann man auch ausdrücken mit „weil ihr Demos verteufelt, sterben Menschen an der Pandemie“.

Es lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Europe, get your fuckin shit together and help refugees!


Und daher wollen wir uns unserer Hauskapelle anschließen:

Lange Rede, kurzer Sinn


Wascht eure Hände! Und lest uns alleine oder zu zweit, nicht in Gruppen. Das will nicht nur der Verordnungsgeber so, sondern das ergibt definitiv Sinn. Und solltet ihr Menschen Arbeit geben: Nicht beim ersten Problem Homeoffice widerrufen und alle wieder in das Büro stecken.

Huch, wir sind ja ein Fußballblog!

Kommen wir zum Fußball. Auch dieser hat erstmal das Recht auf Art. 12. Er hat ein Recht auf sein Geschäftsmodell, wie jedes andere Unternehmen auch. Auch jede*r Berufssportler*in hat ein Recht, seinen*ihren Beruf auszuüben und wenn ich dies verbiete, dann muss ich das eben an dem oben Gesagten messen.


Berufssportler*innen verlieren ihre Fähigkeiten, wenn sie sie nicht ausüben können. Das heißt in Teamsportarten muss auch mal das Teamspezifische trainiert werden. D. h. wenn ein Team in Gruppen trainieren will, dann ist das nicht „wahnsinnig“ oder „unnötig“, sondern hier nehmen Sportler*innen und ihre Arbeitgeber*innen einfach erstmal ihr Recht aus Art. 12 wahr. Und wenn auf der Baustelle in Gruppen geschuftet werden darf, dann dürfen die das auch.


Natürlich ergibt es Sinn, Training mit 35 Menschen auf engstem Raum zu unterlassen. Das Risiko wird ungleich höher. Es ist eine einfache Rechenaufgabe. Wenn fiktiv eine Chance von 35 Prozent besteht, dass man sich bei einem engen sozialen Kontakt ansteckt, dann sind das in einer Gruppe von 5 Menschen 2 Menschen (aufgerundet), in einer Gruppe von 35 Menschen aber schon 12 Personen. Und es macht bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit halt einen riesigen Unterschied, ob ich 12 Personen anstecke oder nur 2. Die dann ja wieder 35 Prozent aller ihrer engen Kontakte anstecken.


(Achtung, diese Zahlen sind fiktiv und haben nix mit der echten Ansteckungsgefahr zu tun. Sie sind nur zur Verdeutlichung.)


Es müssten daher schon überragende Gründe aus Art. 12 gegeben sein, dass man dieses Risiko eingeht mit einem gesamten Kader plus Trainer*innen zu trainieren.


Und daran muss sich der Fußball eben auch messen lassen und daher ist ein Training in Kleingruppen garantiert zu erlauben und vertretbar, bei einem Kadertraining wird es schon schwieriger.

Aber was ist mit dem Spielbetrieb? Es wird schmutzig

Vorsicht! Ab jetzt wird es schmutzig. Ein paar Gedanken zum Wettbewerbsbetrieb:

Das Geschäftsmodell des Fußball und aller Profisportler*innen basiert aber nicht nur auf Training, sondern auch auf „Wettkampf“. Wenn dieser lange nicht ausgetragen wird, dann wird das ein immer massiverer Eingriff in Art. 12. Eine kurzfristige Beschränkung wird mich Geld kosten und alles ein bisschen komplizierter machen, aber das wird schon irgendwie gehen, eine mittelfristige wird meine grundgesetzlich geschütztes Modell sehr stark belasten und eine langfristige wird sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vernichten.


Und so bewegen sich halt das Grundrecht aus Art. 2 (2) und der Wunsch, so wenig Menschen wie möglich anzustecken, auf das Grundrecht aus Art. 12 zu. Wo ist also der „Tipping Point“, an dem Art. 12 doch wichtiger wird als Art. 2 (2)? 10 Prozent Ansteckungsrisiko? 1 Prozent Ansteckungsrisiko? 0 Prozent Ansteckungsrisiko? Das ist eine Frage, die lässt sich juristisch wahrscheinlich nicht wirklich klären und wenn doch, dann wird niemandem die Antwort gefallen. Siehe Straßenverkehr. Jurist*innen sind ganz schlechte Moralist*innen und wir wollen hier auch keine Antwort geben.


Fragt doch einfach Twitter. Die Antwort „es sterben Menschen, da kann man doch aber kein Fußball spielen“ ist jedoch falsch. Es sterben ständig Menschen und für ganz viele dieser Morde haben wir Waffen geliefert. Hat euch das gestört und ihr „den Fußball” für seine Spiele kritisiert? Eher nein. Und wenn die bösen Ultras gegen Katar-Geschäfte protestieren, haben sie euch da auch nur wieder genervt und waren doof. Tja.

Apropos Katar. Da werden die Gastarbeiter*innen schön in “industrial areas” eingesperrt und dürfen weiter an den WM-Stadien bauen. Tja.


Bedenkt aber bitte bei eurer Abwägung einen anderen Faktor. Sagen wir mal, man kann das Risiko durch eine relativ simple und schnelle Testlösung minimieren. Dann würden wir alle wahrscheinlich sagen: „Jo, dann gibt es nur noch ein Restrisiko, das könnte man eingehen.“ Der Profisport besteht dann jedoch in einem Vakuum. Habe ich genug dieser Tests? Dann sollte der Fußball natürlich welche bekommen und bitte wieder starten, dies würde auch Art. 12 gebieten. Habe ich genug für systemrelvante Berufe (wie ich das auch immer definiere) und für den Rest nur 10 Prozent, 20 Prozent, 40 Prozent der benötigten Tests? Dann sind wir bei FDR und seinem Brief. Hier wird das Grundgesetz eventuell keine Hilfe mehr sein. Habe ich zu wenig für systemrelevante Berufe? Fick dich, Fußball! Und zwar alleine schon aus grundgesetzlichen Gründen.

Und auch andere Fragen stellen sich, die juristisch nicht befriedigend zu beantworten sind und wo man bei FDRs “Worth it” ist. Warum sollen Profisportler*innen wieder ihr Geschäftsmodell ausüben, bevor Kitas wieder offen haben? Oder gehen z. B. die Menschen Profisportler*innen vor, die kein Homeoffice machen können und wieder auf den Start ihres Geschäftsmodells warten? Kitas wird man vermutlich noch als systemrelevant beurteilen können.

Hochfahren und die Moral

Das gilt alles auch so für das „schrittweise Hochfahren“, was gerade diskutiert wird. Jeder Grundrechtseingriff muss notwendig sein. Auch ein Eingriff in Art. 12 darf eben nur so lange anhalten, wie er notwendig und verhältnismäßig ist. Und da spielen Zeitfaktoren auch eine Rolle.


Ich werde da auch politische Entscheidungen treffen müssen, die verfassungsrechtlich schwierig sind. Das fängt schon damit an, dass der Bundestag (ein politisches Organ) die sogenannte „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ feststellt. Eine Definition dafür beinhaltet das Gesetz nicht. Auf dieser Feststellung fußen aber viele Ermächtigungen. Was aber euch klar sein sollte: „Epidemische Lage von nationaler Tragweite“ ist etwas anderes als „Menschen erkranken an einem Virus und sterben“. Puh. Sorry, das zu schreiben ist schmutzig. Aber die traurige Wahrheit.

Und dann wären wir bei den Einzelmaßnahmen. Nehmen wir mal an, es wäre sinnvoll, langsam wieder hochzufahren (wann wir auch immer an diesem Punkt sind) und ein „von 0 auf 100“ wäre sinnlos, dann wird es erst richtig spannend. Nennen wir ein paar Fragestellungen:
Friseursalon oder Buchladen? Wenn beides z. B. nicht geht, weil es zu viel Mensch in Einkaufszentren treibt, um immer noch nötige Sicherheitsabstände zu gewährleisten, beides alleine aber das gleiche Risiko beinhaltet? Spricht es dann für den Friseursalon, dass der Buchladen sich online zumindest retten kann? Eine nun nicht repräsentative Twitterumfrage ergab eine 2/3-Mehrheit für den Friseursalon.

Ihr seht, hier müssen Bauchentscheidungen gefällt werden. Restaurant oder Kneipe (letztere vielleicht nur mit Sitzplätzen)? Musikclub oder Elphi? Viel Spaß bei all diesen Entscheidungen.

Und bedenkt bitte, wir vereinfachen hier alles. Niemand weiß so richtig, was den Virus antreibt und was nicht und wie genau und so weiter. Daher war es insbesondere kurzfristig immer richtig, wenn man alles zu macht. Es gibt gut begründete Vermutungen, auf deren Grundlage kann man handeln. Dies gilt auch bei einer schrittweisen Öffnung. Oder begründet ja die schrittweise Öffnung selbst. Denn was wohl feststeht, ist, dass Menschenmassen auf engstem Raum keine gute Idee in der Pandemie sind.

Wann „Aux Armes“?


Und damit sind wir beim letzten Schritt: „Fußball in vollen Stadien“ Solange das ein unkontrolliertes Risiko ist, solange werden wir darauf verzichten müssen. Ist damit „der Fußball damit immer das Letzte“ (auch gerne von Politiker*innen gesagt, um eine Schlagzeile zu erhaschen) gemeint?

Ein paar Überlegungen dazu:


Wenn es ein kontrollierbares Risiko wird, dann muss man in einer Abwägung von Art. 12 und Art. 2 (2) halt sehen, ob das vertretbar ist. Risikolos ist das Leben halt nie.


Achtung, es wird jetzt wieder sehr unmoralisch! Und da kann man halt auch mal das Geschäftsmodell betrachten. Handball, Frauenfußball, Herrenfußball unterhalb von Liga 2 z. B. hat keines ohne Zuschauer*innen im Stadion. Liga 1 und 2 könnten zumindest in einer Art Notbetrieb mit Geisterspielen überleben. Auch das müsste in einer Abwägung der Grundrechtseingriffe überlegt werden. Kneipen und Clubs haben ebenso kein Geisternotüberlebensmodell. Wenn man also bei dem Punkt ist, dass gewisse Menschenansammlungen schon wieder ein vertretbares Risiko seien, alle gemeinsam aber ein zu großes, dann müsste der Profifußball ggf. zurückstecken, um andere Geschäftsmodelle zu retten. Da sind wir dann ganz schnell bei „der Profifußball als Letztes“. Und das gut begründet und nicht als populistische Schlagzeile.


Ob und wie sich solche Beurteilungen ändern, wenn man Stadien zu 10 Prozent, zu 20 Prozent oder zu 50 Prozent füllt, wissen wir nicht und wollen wir nicht spekulieren. Ihr erinnert noch dieses Verbot von Veranstaltungen über 1000 Leuten? Kann das ein sinnvoller Zwischenschritt sein? Wir wissen es nicht. Oder es wird eklig aus diversen Gründen: namentliche Registrierung der anwesenden Menschen ist so ein Stichwort.


Wenn man wieder makaber denken will, dann könnte man auch sagen: „Hey, wenn uns ein Spiel mit 5000 Menschen in der Regionalliga eine Pandemieaufflammung gibt, dann können wir das besser abfangen, als ein Bundesligaspiel mit 80.000 Zuschauern und die Bundesliga überlebt auch besser mit Geisterspielen.“



Klingt das teilweise wie die FDP? Aber hallo! Wir machen hier ja eine juristische Betrachtung. Und ratet mal was, wir haben: Ein kapitalistisches Grundgesetz. Fühlt sich das trotzdem schmutzig an? Aber hallo! Wir gehen uns mal die Hände waschen.


Im zweiten Teil dieses Blogs nach Ostern wird es dann um „Insolvenzen im Fußball“ gehen. Und das wird dann weniger schmutzig.

Tiocfaidh ár lá


Apr 052020
 

Liebe Leser*innen.

Gerade/später/am 05.04.2020 läuft/wird laufen/lief parallel im Fernsehen ein Spiel von 2006. Ein denkwürdiges Spiel. Ein Spiel in einem Winter mit Schnee und Eis (Ja, das gab es früher) und einem Millerntor ohne Rasenheizung. 


Uns gab es noch nicht, dieses Blog begann erst 2008. Aber unser Senior schrieb damals schon ins Internet. Titel damals “Norbert regt sich auf”. Noch anders im Stil und in der Sprache und wie immer gilt, dass wir und insbesondere der Senior garantiert nicht alles mehr genauso sehen wie vor 14 Jahren. Aber wir wollen euch passend zu dem gerade im Fernsehen laufendem Spiel den Artikel von damals gönnen. Ergänzt um ein paar Anmerkungen in eckigen Klammern. Er ist sonst Original übernommen, also weder gegendert noch ist die  Rechtschreibung korrigiert worden. Aber das ist wie die Videoqualität. Früher war eben nicht alles besser. 

Immerhin nennt Ralph G. dieses Spiel eines seiner Top 5 Spiele. Mich (=Senior) hat damals eher das vorherige Spiel gegen Hertha nachhaltig geprägt. Das von einem 0-2 zurück kommen und das Lechner Tor. Das war doch erst vor einem Jahr, oder? 


Hier also der Bericht von damals: 

Allez allez, voran magischer FC
Halbfinal-Vorwort
Unglaublich.
Viertelfinalbericht
Eine Firma fragte mal bei mir an, ob sie Fotos von mir verwenden könne für so stellbare Bilder von Spielern. Das Ganze sollten Proben sein, die dann u.a. an den FC geschickt werden. Ich sagte zu und bekam auch ein Exemplar dieser Proben. Eine davon zeigt u.a. Dinzey vor einem Vereinswappen. Nun ist es ja so, dass mein Haushalt von zwei Dinzey-Skeptikern bewohnt wird. Trotzdem haben wir auch seine Figur auf dem Fernseher stehen. Nun fragte letztens meine bessere Hälfte, warum denn da Dinzey stehen würde. Und ich sagte nur, dass die Figur da so lange steht, so lange er trifft. Nun steht sie da wieder zwei Wochen. [Das mit Dinzey? Da hatten wir eine gute Nase damals.]


Ach Mensch, wo soll ich anfangen? So viele Eindrücke, so viele Geschichten. Ich habe noch nie von einem Spiel über 150 Fotos online gestellt. [Die hier im Bericht befindlichen Bilder sind von Afroh, mit freundlicher Genehmigung. Ich selber habe mein Archiv leider mal verloren] Ich habe noch nie 978 Fotos gemacht, und mein Rechner geht immer noch in die Knie, wenn ich nur versuche, den Ordner mit all diesen Fotos zu öffnen. Und heute abend, wenn ich Zeit finde, werde ich die Fotos noch mal durchgehen und gucken, dass ich noch ein paar Nachschlagbilder finde. Denn heute nacht war das doch mit sehr viel Geschwindigkeit verbunden.
So, und nun versuch ich mich langsam mal zu sortieren. Also: Ich bin ein abergläubischer Mensch. Und wenn im Achtelfinale eine Choreo zum Erfolg führt, dann muss man auch im Viertelfinale eine machen. Leider haben die Passanten ja beschlossen, 2006 (und damit ihr 10jähriges) nicht mehr erleben zu wollen, so dass irgendjemand anders das machen musste. Eine lose Gruppe von einem Zweiundvierziger, einem Touristen und ganz vielen finanziellen, moralischen und handwerklichen Unterstützern fand sich dann bereit, die Haupttribüne auszulegen. Und so begann für mich der Tag bereits um 10 Uhr mit dem Ausdruck der kleinen Choreoanweisungszettel. Danach bin ich – Achtung, ich bin abergläubisch – über Stapelfeld und den Horner Kreisel gefahren, nur damit ich mir am Horner Kreisel bei der Essotankstelle wieder einen Napoleonsekt kaufen konnte, wie ich es gegen Hertha getan habe. Von dort ging es dann Richtung Viertel.

Robert der Magier lässt Bälle schweben.

Etwas Sorgen um die Austragung des Spieles machte man sich dann doch, hatte es doch geschneit über Nacht, und so richtig gut sah es nicht aus. Aber erstmal musste die gesamte Vorbereitung normal weiterlaufen. So ging ich zum Copyshop und kopierte die Anweisungszettel. Natürlich viel zu viele, aber so richtig abschätzen, wie viele Sitze die Haupttribüne eigentlich hat, konnte ich nicht.

Nun war das Papier schon eingetroffen und mit ihm unsere Westfraktion. Leider ohne Olespapa, welcher durch eine Verletzung so gehandicapt war, dass er das Spiel nicht vor Ort verfolgen konnte. Dabei hatte er alles vorbildlich besorgt und organisiert. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass er das am Fernsehen verfolgen konnte. Aber das Gute ist ja, dass die Mannschaft ihm noch ein Pokalspiel geschenkt hat. Werde schnell gesund! [In der damaligen Meckerecke hing beim Spiel eine “Dein Herz is doch eh hier” Tapete, ein Foto davon benutzt die -längst schon wieder fitte- Person bis heute als Facebookheaderbild]

So konnten wir mit unserer Arbeit beginnen. Weissen Hintergrund und darauf eine braune 1910. Die Arbeit ging eigentlich gut voran und wäre wahrscheinlich noch schneller vonstatten gegangen, wenn die Arbeiten nicht immer wieder durch das Zuschauen bei den unzähligen Platzbegehungen gestört worden wären. Allofs und Schaaf waren schon in diesem Moment nicht wirklich glücklich mit dem Platz, Allofs schüttelte eigentlich nur den Kopf. Was es jedoch soll, Druck auf den Schiedsrichter mit dem Tenor „Ich habe hier Millionenwerte, schütz die mal, wenn etwas passiert, dann mach ich dich verantwortlich“ auszuüben, dass bleibt Allofs‘ Geheimnis. Die Gefahr, dass er dabei eine Trotzreaktion erreicht, ist doch relativ hoch.

Nunja, der Platz wurde nicht für so schlecht befunden, dass alle Bemühungen eingestellt wurden. So stellten auch wir unsere Bemühungen nicht ein und arbeiteten weiter an unserer Choreo. Auf dem Platz wurde irgendein Wundermittel verteilt, was aussah wie Salz, sich jedoch als Dünger herausstellte, der trotzdem den Platz antauen ließ. Daneben versuchte ungefähr die gesamte Geschäftsstelle, den Platz herzurichten. Der ärmste Thorsten Vierkant [damaliger Stadionchef] wurde noch einmal ein bisschen geärgert, als einer von uns erstmal ein fröhliches „Thorsten, hast du noch eine Karte für heute abend für mich?“ über den Platz brüllte. Zur Herrichtung wurden Schaufeln benutzt und der Klang, wenn diese auf den Rasen trafen, war nicht wirklich so, dass man von einem Spiel ausgehen konnte. Das klang, als ob man auf einen Stein klopfen würde.
Kurze Zeit später kam nun die Walze, um den Platz zu walzen und glatt zu machen. Und wie der Junge auf dem Gerät durchgeschüttelt wurde, das zeigte, wie hart gefroren der Boden gewesen sein muss.

Gut bespielbar der Platz

Kurze Zeit später hatten wir unsere Choreo aufgelegt und machten uns vom Acker. Da sah der Boden doch schon deutlich besser aus. Selbst einige feuchte Stellen (sprich nicht mehr gefroren) hatten sich gebildet. Auf dem Rasen, wie er um 16 Uhr vorzufinden war, hätte man sehr gut ein Fussballspiel ausführen können. [was der Bericht hier verschweigt: es begann dann wieder zu schneien] Wir machten uns fröhlich auf zum Fanladen, welcher sich schon richtig gut gefüllt hatte. Es gab ein Wiedersehen mit vielen Leuten, die man lange nicht gesehen hat. So war u.a. ein (ehemaliger?) Übersteigerredakteur aus Dortmund gekommen, welcher sonst nicht kommt „habe keine Lust für ein Spiel gegen Emden so weit zu fahren“, welcher mir aber in Erinnerung ist, dass er mal zu einem Pokalspiel in Darmstadt (das waren die Zeiten, als wir noch nicht Pokal waren) mit dem Flugzeug geflogen ist, weil er den Zug verpasst hatte. Wir verloren damals als Bundesligst ziemlich kläglich. Im Fanladen wurde die Nachricht, dass gespielt wird, nebenbei mit Jubel aufgenommen. [damals auch so ein bisschen aus Gründen kurz gemacht, nun aber ganz zu erzählen. Es klingelt das Telefon. Im überfüllten alten Fanladen in der Thadenstrasse wird es mucksmäuschenstill. Heiko-Fanladen geht ran. Meldet sich mit seinem langgezogenen Nachnamen und hört dann gefühlt 10 Minuten zu was gesagt wird. Sagt dann “es kann also gespielt werden” in den Hörer. Der Rest ist ein Jubel, der intensiver war als die Torjubel an diesem Tag.]

Und wir malten uns ja schon folgendes Szenario aus: Erste Runde Verlängerung, zweite Runde klar gewonnen, dritte Runde Verlängerung, heisst doch eigentlich, dass die vierte Runde wieder klar gewonnen werden musste.

Weiterhin wurde fröhlich Alsterwasser getrunken und auf sechs Uhr gewartet, denn vorher durften wir ja – dem Aberglaube folgend – nicht in die Kleine Pause gehen. Nur leider war Paulchen anderer Meinung und trieb zum Aufbruch. So waren wir zu früh da, die ärmste Trulline war zu Recht böse, da sie erst um sechs kam. Aber irgendwie gehört das dazu, dass die beiden erst nachträglich kommen. Ebenso zu Recht war Pauline auf mich böse, da ich ihr Essen zu bestellen vergass. Und dann schulde ich ihr noch Geld.

Insgesamt lassen sich die Szenen in der kleinen Pause nicht in Worte fassen. Der Laden war gerammelt voll und die Speisen wanderten mit einer Geschwindigkeit über den Tresen, die unglaublich war. Was mag der Laden an einem solchen Tag umsetzen?

Ein Aberglaubenhähnchen später machte ich mich in Richtung Stadion auf.[Viele Grüße an alle die damals gut 1 1/2 Jahre vor beinah jedem Spiel in der Kleinen Pause Hähnchen Essen waren. Zwischendurch aus Aberglaube wirklich alle immer mit der gleichen Bestellung.]

Olespapas Krankheit hatte dann doch was Gutes, denn so konnte noch jemand mit seiner Karte glücklich gemacht werden. Eine weitere Karte ging an einen ausgewanderten Hamburger, welcher das Glück hatte, dienstlich an diesem Tag in Hamburg zu sein und nicht wie sonst in Hongkong.
Ab zur AFM, Tommy ein fröhliches „Scheiss AFM“ an den Kopf geworfen und sich dann ins Stadion begeben. Leider hatte der Wind unsere Choreo doch erheblich gerupft, so dass nicht wirklich alles gut zu sehen war. Nun gut, als sie dann später ausgeführt wurde, konnte man das meiste dann doch sehen.

Das Stadion war gerammelt voll. Und leider mit vielen unangenehmen Gesellen. Denn wie viele sofort meckerten, wenn man mal durch wollte, das ging auf keine Kuhhaut. Genausowenig kann es sein, dass Aufgänge bewusst blockiert werden und den Leuten gesagt wird „Hier kommst du nicht durch“. Das System Millerntor ohne gekennzeichnete Aufgänge funktioniert nur dann, wenn alle Leute tolerant sind und versuchen, die Leute durchzulassen. Wenn dies nicht funktioniert, dann brauchen wir Aufgänge, die freigehalten werden, und das kostet uns wieder mindestens 1000 Zuschauer. Also, Leute: Überlegt mal, was ihr da aus kurzfristiger Bequemlichkeit riskiert. Und irgendwelchen Leuten an die Wäsche zu gehen, geht definitiv gar nicht. Aber auch das habe ich gesehen. Oder Leute, die fett ihren Körper genau zum Spielfeld drehen, damit sie möglichst breit wirken und dann auf die Bitte sich kurz mal seitlich hinzustellen behaupten dies ginge nicht. Und beinah zwingend waren das alles Leute, die man nie zuvor gesehen hat und die wahrscheinlich nie in der Regionalliga die Gegengerade betreten haben. Und genau dies kotzt mich an. Wenn ihr gegen Emden zu Hause bleibt, dann kommt doch nicht gegen Bremen hinterm Ofen her, ihr Modefans.

Bei uns lief das alles natürlich viel entspannter. Zwar regte sich eine Dame auch ein bisschen auf, aber alle wurden gut sortiert und an den richtigen Platz gebracht. So wie sich das gehört. Selbst Bullenfrank und seinen Freund konnten wir noch perfekt unter bringen.

Die sich warmmachenden Bremer wurden mit „Wir haben eiskalte Duschen“ empfangen und hinreichend auf die Unbequemlichkeit des Millerntores hingewiesen. Alle Spieler (auch unsere) nutzten das Aufwärmen zum Schuhtest. Nebenbei sorgte eine im Mittelkreis angebrachte Werbeplane für Erheiterung. Als diese nämlich wegen Schneebedeckung abgebaut wurde, liessen die Ordner den Schnee einfach als Haufen auf dem Platz zurück. Erst sehr spät und als wir uns schon fragten, ob der noch entfernt wird, kamen Ordner und schaufelten den Hügel im Mittelkreis weg.

Seien wir ehrlich (hab ich das heute schon gehabt?): Nun war der Platz nicht mehr gut bespielbar. Kurz nach der endgültigen Begehung hatte es erheblich angefangen zu schneien, und dies hatte den Platz garantiert nicht besser gemacht. Nur muss man im Nachhinein auch mal feststellen, dass 21 Akteure eigentlich einen ganz akzeptablen Stand auf dem Boden gefunden hatten. Zufallsball war das nun wirklich nicht, wie auch der zwischenzeitliche Ausgleich zeigte, der ja nun wirklich herauskombiniert war. Nur ein Spieler machte von Beginn an immer wieder einen Satz. Und das war Klose. Irgendjemand meinte bereits nach fünf Minuten, dass der ja nur auf der Nase liegen würde.

Aber gehen wir noch mal kurz zeitlich zurück. Ich fand es sehr angenehm, dass keine Musik lief. So fingen die Leute irgendwann an, ganz von alleine zu brüllen und zu singen. Und der erste Wechselgesang knapp eine Stunde vor Spielbeginn, das hat was. Ich werde nie ein Freund von musikalischer Beschallung in Fussballstadien. Für mich kann das immer so sein. Ruhe, dann zwei knackige Songs, dann die notwendigen Werbedurchsagen, und dann geht es los. So kann man das auch machen, wenn kein Strom da ist.
Dass die Bremer ihr Fanlied nicht mögen, kann ich nach Anhörung nun verstehen. Eine Detailnachricht erfreute nun jeden Fan. Der Bremer Vorsänger, welcher aufgrund von „auf der Plexiglasscheibe sitzen und einen Aufkleber anbringen“ von bundesweitem Stadionverbot bedroht war, durfte wieder zu diesem Spiel. Ist er doch ausschliesslich mit einem Stadionverbot auf Schalke belegt worden. Ist zwar immer noch lächerlich, aber immerhin kein bundesweites Stadionverbot.

Nun kommen wir zum Einlauf der Mannschaften. Die Choreo auf der Haupttribüne hat dann ja doch noch ganz annehmbar geklappt (auch wenn die 0 nicht wirklich zu erkennen war) und die Gegengeradenchoreo sah ziemlich klasse aus. Leider habe ich nur wenige gute Fotos gemacht, da ich einfach das falsche Objektiv mit hatte und leider auch nicht die perfekte Position hatte. Nächstes Mal wird das wieder besser.

Nun, das Spiel werden alle gesehen haben.[oder nun sehen] Für mich der beste Mann auf dem Platz war Lechner. Natürlich haben sich auch Dinzey und Schultz Bestnoten erspielt, aber Lechner war noch diesen Tick besser, um heute wirklich der absolute Gott zu sein. Wirklich abfallen tat kein Spieler, vielleicht mit der Ausnahme von Scharping, der für einen solchen Boden einfach zu schwer und zu langsam ist. Grossartig natürlich auch unser Torhüter, der uns beim Stande von 1-1 doch mit einigen netten Paraden im Spiel hielt.


Die Verletzung von Klose ist unglücklich, hängt aber nur bedingt mit dem Platz zusammen. Denn sie ist – wenn ich die Zeitlupenbilder richtig deute – nicht durch einen Aufprall auf dem harten Boden entstanden, sondern weil er sich mit dem Arm in Morenas Beine verheddert hat. Das kann immer passieren, und auch bei normalen Boden wären er bei diesem Zweikampf zu Boden gegangen. Allemal gute Besserung nach Bremen, ich finde Klose grundsätzlich sympathisch, insofern sei zu hoffen, dass er sich schnell wieder erholt.

Nach der Verletzung bzw. nachdem sich diese in den Köpfen der Bremer festgebissen hatte, lief bei diesen gar nix mehr. So blieb es bei einem sehr schön herausgespielten Tor. Aber da der magische Dinzey traf, Kommissar Boll den Torhüter verhaftete (so irgendein Reporter) und auch Schultz einmal traf, war Werder draussen.

Die Stimmung war – von einigen Zitterpausen mal abgesehen – grossartig. Das ganze Stadion hat durchgehend gerockt. So soll es sein.
Noch ein Wort zum Schiedsrichter. Der versuchte seinen vermeintlichen Fehler, das Spiel anzupfeifen, dadurch gut zu machen, dass er alles für Werder pfiff. So blieben unzählige Handspiele von Borowski ungesühnt (das ging so weit, dass bei uns in der Ecke mitgezählt wurde), und jeder Zweikampf von Luz wurde zu seinen Ungunsten abgepfiffen (wobei der nun wirklich kein unfairer Spieler ist). Der Höhepunkt war jedoch, dass Valdez erst eine klare Tätlichkeit begehen darf, dafür nur gelb sieht, dann kurze Zeit später die Blutgrätsche auspackt und nicht einmal dafür früher die eiskalten Duschen testen darf.

Dann war aber Feierabend, und die Party konnte losgehen. Viele Worte nutzen da nix. Das sieht man besser auf den Bildern. Gerade Boll als „Aux Armes“-Anstimmer (braucht der überhaupt das Megafon dafür, man hat der eine kräftige Stimme), Schultz als Gespenst (wenn Palicuka ihn da trifft und umgrätscht und der bricht sich was, dann hätt ich Palikuca erwürgt) und Hauke als Tanzmaus waren echte Höhepunkte. Dann machte Ralle noch bei uns das Aux Armes, um danach doch echt zu sagen, wir wären „stets bemüht“ gewesen. Komm du mal wieder runter vom Zaun. :motz: 😉 [schon damals ständig Ärger mit dem Ralph. Bis heute nichts geändert]

Der Typ in der Süd, der mit einem Bengalo auf dem Zaun sass hingegen, der will in den nächsten Jahren kein Spiel von St. Pauli mehr mitbekommen. Wie kann man eigentlich so doof sein? Eigentlich sollte das jeder langsam wissen, was einem dafür blüht.

Die Flasche Sekt wurde aus dem Auto geholt und auf einer kleinen Freundenparty in Richtung Fanladen getrunken. Unserem Pokalmaskottchen (der Frau eines sehr guten Lübecker Anwaltes) wurde noch ausgiebig gehuldigt und ungefähr ALLE schneebedeckten Autos mit 3-1 vollgemalt.

Der Rest ist Jubel

Der Fanladen war gerammelt voll, und der Brigadenbub musste – was ihm wahrscheinlich noch sein ganzes Leben nachhängen wird – mal wieder eine kleine Stichelei auf das Bayernspiel ertragen, war er doch diesmal bei einem historischen Sieg anwesend.

Danach ging es nach Hause, wo ich noch die Fotos bis drei Uhr morgens machte, da ich sowieso nicht schlafen konnte. Um halb acht war ich dann auch schon wieder wach und ging zur Arbeit. Denn frei genommen hatte ich mir nicht, ging ja wegen Aberglaubens nicht.

Wir haben zu Hause mal philosophiert, ob dies nun wirklich der grösste Erfolg der Vereinsgeschichte ist. Setzen wir es doch mal in Relation. Es gibt in Deutschland zwei Titel zu gewinnen. Die Meisterschaft und den Pokal. Sagen wir, der Pokal ist nur die Hälfte der Meisterschaft wert (ist vielleicht ein Verhältnis, das stimmt). Dann wäre dies jetzt mit einem Platz 8 in der Deutschen Meisterschaft zu vergleichen. Dies haben wir zumindest in der Neuzeit (Bundesliga) meines Wissens nicht erreicht. Der grösste Erfolg der Vereinsgeschichte wird wohl immer das Erreichen des Halbfinales in der Deutschen Meisterschaft bleiben, aber das ist so lange her, dass wahrscheinlich nur noch wenige Zeitzeugen leben. Nun ja, ich werde meinen Enkeln (die es glücklicherweise für sie nie geben wird) noch von diesen Tagen in den Jahren 2005 und 2006 erzählen.

Ich freu mich schon auf den AFM-Livestream. Der war schon gegen Hertha ein echter Genuss und wird dies auch diesmal wieder sein. Alleine dafür ist es grossartig, dass die Jungs trotz einer Fernsehliveübertragung am Start waren. Ich hoffe, sie sind es auch wieder im Halbfinale. Alleine schon aus Aberglaube heraus 🙂

Was bedeutet dies noch für den Verein? 1,1 Millionen garantierte Einnahmen. Wenn unser Präsidium jetzt nicht noch irgendeinen Wahn bekommt, bedeutet dieses, dass wir unsere gesamten Schulden bezahlen können und wahrscheinlich selbst noch ein bisschen Geld als Liquidität bunkern können. Dies heisst auch, dass die Stundung der Umsatzsteuer, welche ja nur auf hoffentlich höheren Einnahmen basierte, nun Erfolg hat und wir auch aus dieser Problematik raus kommen. Nun sollten alle Altlasten beseitigt sein, und unser Präsidium kann nun zeigen, was es kann.
Nächster Gegner? Bielefeld? Ne, lieber nicht. Die sind kampfstark und haben selber ein Stadion, welches zu schlechten Bodenverhältnissen neigt. Dann lieber Bayern oder Bankfurt. Und selbst, wenn wir da eine 0-20 Klatsche erleben: Es wäre mir egal. Soweit zu kommen ist schon ein Traum. Natürlich wäre es noch viel besser, einmal zum Finale zu fahren. Dann müsste ich mir wahrscheinlich doch noch Enkel anschaffen. 🙂

Noch ein paar Worte zur medialen Nachbetrachtung. Wie grossartig ist es, dass wir mal alleine aufgrund eines echten sportlichen Erfolges in den Nachrichten erwähnt werden, dass wir selbst bei NDR Info morgens in den Nachrichten mit Bericht und in allen Zeitungen gross abgebildet sind. Nur ein Wort zur Fotoauswahl: Wie häufig wollen Hamburger Zeitungen eigentlich noch diese Rotkutte als Foto bringen? Der Typ war bei Auswärtsfahrten eigentlich immer nur nervig, repräsentiert nun wirklich nicht den St. Paulidurchschnitt und wird bei jedem zweiten Spiel als Foto präsentiert. Warum nur? Nur weil er auf dem Zaun hockt und eine hässliche aber auffällige rote Kutte trägt?

Und noch ein paar Worte zum Bremer gejammer über den Rasen. Gut, dass die nicht noch wirklichen Protest eingelegt haben, denn dann wäre es endlich peinlich geworden. Fakt ist, dass solche Rasen bis vor 10 Jahren noch vollkommen normal waren und eben auch zum anarchistischen im Fussball gehören. Immer nur Fussball auf einem Rasenteppich ist langweilig.

Und heute auf der Arbeit von jedem mit „Herzlichen Glückwunsch“ empfangen zu werden hat auch was. [Und die wussten außer einer THW Anhängerin nun null was Fansein bedeutet]

Nun – und diese Euphoriebremse sei mir abschliessend erlaubt – gilt es aber nach der Kür die Pflicht zu erledigen. Denn ohne einen Sieg gegen Emden können wir unser wirkliches Saisonziel Aufstieg schnell aus den Augen verlieren. Daher gilt: Heute noch feiern, und ab morgen haben wir nichts erreicht.


[Es kam bekanntlich anders und wir stiegen erst ein Jahr später auf.]

Mrz 112020
 

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“

Okay, leider nicht. Es ist leider das negative Gespenst einer Pandemie und Geisterspiele, aber wenn es auch nur die kleinste Assoziation gibt, die uns die Möglichkeit auf den Tisch legt Marx zu zitieren, dann wollen wir sie als kommunistisches Propagandamedien auch nutzen.

Vorab

Wir sind keine Virolog*innen, haben keine Ahnung von Ansteckungsketten und wissen nicht was sinnvolle Maßnahmen sind und was nicht. Da gibt es Expert*innen für und wenn die sagen, dass Großveranstaltungen nicht sinnvoll sind, dann kann man das wohl so glauben. Später nennen wir mehrere Szenarien. Diese sind weniger oder mehr sinnvoll. Dass wir sie nennen ist keine Bewertung der Sinnhaftigkeit!

Als wir diese Zeilen schreiben (Stand 10.03.2020, ca. 20 Uhr), sind diverse Spiele schon als Geisterspiele ausgerufen und in diversen Bundesländern sind Veranstaltungen über 1000 Menschen verboten. Die DFL will bisher die Bundesligen ums Verrecken (das ist beinah zu wörtlich zu lesen) zu Ende bringen. Im Notfall als Gespensterliga. Dafür mögen – wie ihr gleich lesen werdet – selbst juristische Gründe sprechen.

Moralisch kann man sich natürlich fragen, ob der Sport so etwas wirklich wert ist. Uns allen ist der Besuch von Fußballspielen sehr wichtig. Hobbys an sich sind Dinge, die man tut um sich zu zerstreuen und zu vermeiden über seine eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Wenn diese Hobbys aber geeignet sind, die eigene Vergänglichkeit zu beschleunigen, dann kommt man in eine Zwickmühle. Wir können moralisch die Wertigkeit von Sport nicht beurteilen. Ganz vielleicht sind wir als Sportabhängige da auch nicht so wirklich unvoreingenommen. Wir blenden daher diesen Aspekt ab jetzt mal aus. Darüber könnte man garantiert auch noch einen Blogbeitrag schreiben. Was aber euch allen klar sein sollte: Juristerei hat sehr wenig mit Moral zu tun. Und wenn ist es die Moral der Herrschenden. „So lange wir keine Gerechtigkeit haben, müssen wir mit den Jurist*innen vorlieb nehmen“ ist ein Satz mit sehr viel Wahrheit drin.

Ob und wie sinnvoll solche Spiele aus Fanperspektive sind, da lest ihr zu den Millernton, ja?

Was wir auch nicht leisten werden ist die aufgeworfenen Fragen am Ende zu beantworten. Juristen und weniger Juristinnen (m/d) neigen dazu so zu tun, als wüssten sie die einzig wahre Antwort auf alle juristischen Fragen. Sei du nicht so ein(e) Jurist*in, lieber Senior. Bin ich nicht antwortete er und zeigte einfach nur die Fragen auf.

Grundannahmen

Wir operieren mal mit fünf Fallvarianten. Die haben nach dem oben genannten natürlich unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten, aber das ganze kann uns ja noch länger verfolgen, insofern können alle drei Szenarien irgendwann noch eintreten.

Szenario 1: Die letzten Spieltage werden in der ganzen Liga unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt.

Szenario 2: Die letzten Spieltage werden unterschiedlich gehandhabt. Verein A darf mit Publikum spielen, Verein B nicht.

Szenario 3: Die letzten Spieltage werden komplett abgesagt.

Szenario 4: Alle Spiele werden zu Ende gespielt, es stecken sich Menschen nachweislich in einem Fußballstadion an und erkranken schwer. Achtung: Juristische Betrachtung. Achtung: Ob man so etwas wirklich mit einer juristischen Sicherheit nachweisen könnte, wissen wir nicht, es ist hier mal angenommen.

Szenario 5: Die ganze Runde wird in den Sommer verschoben. Spielen 9 Spieltage im Juni/ Juli innerhalb von 5 Wochen im Paket runter.

Szenario 1: Die letzten Spieltage werden in der ganzen Liga unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt.

Hier ist vom Ligabetrieb erstmal kein Ansatzpunkt für irgendwas juristisches. Alle Teams haben ein ausgeglichenes Wettbewerbsumfeld. Vielleicht mag der eine Verein einen größeren Heimvorteil haben, weil seine Fans so laut sind, als der andere Verein, aber das ist wohl eher anekdotisch, als dass es juristisch nachweisbar wäre.
(Funfact der nicht Juristin im Blog: Auswärts holten wir bisher 0.66 Punkte pro Spiel, zu Hause holten wir bisher 1.69 Punkte pro Spiel. Der FCSP hat noch 5 Auswärts- und 4 Heimspiele)

Ansprüche könnten sich aus Kartenverhältnissen, aus gebuchten Reisen zu Auswärtsspielen und aus Hotelbuchungen ergeben. Auch Sponsorenverträge könnten betroffen sein. Ein kleiner Exkurs sei uns zu der Frage der Versicherbarkeit erlaubt.

Kartenverhältnisse

Hier wird man bei einem Geisterspiel wohl von einer Unmöglichkeit im Sinne des § 275 ausgehen müssen. Die Leistung eines Kartenvertrages definieren die ATGB unseres geliebten Vereines wie folgt:

„Eine Tageskarte berechtigt den Kunden ausschließlich das Heimspiel des Clubs im Stadion zu besuchen, für das er ein Besuchsrecht erworben hat.“

Und für die Dauerkarten:

„Eine Dauerkarte oder eine Jahreskarte Steh Süd („Dauerkarten“) berechtigt den Kunden grundsätzlich, diejenigen Heimspiele des Clubs im Stadion zu besuchen, für die er ein Besuchsrecht erworben hat.“

Diese Leistungen kann bei einem behördlich verordneten Geisterspiel (!) niemand mehr erbringen und schon die alten Lateiner*innen murmelten in diesem Fall „Impossibilium nulla est obligatio“ in ihre Toge. Nach juristischem Küchenlatein (Achtung, das ist was anderes als korrektes Latein) heißt dies übersetzt „Nichts ist Pflicht bei Unmöglichkeit.”
Das BGB sieht in diesem Fall einen Verfall der Leistung und eine Rückerstattung der Gegenleistung vor.

Unser Ticket AGB sehen für den Fall einer Sperrung des Stadions eine andere Regelung vor. Wir zitieren:

„5.5 Wird eine Veranstaltung abgesagt oder ist der FC St. Pauli, aufgrund einer Anweisung des Deutschen Fußball-Bundes e.V. („DFB“) oder der DFL, verpflichtet, Besucherplätze nicht zu besetzen, so erhält der betroffene Besteller die Möglichkeit, vom Vertrag zurückzutreten. Nach Rückgabe des Tickets erstattet wird der Vertragspreis erstattet. Der Rücktritt durch den betroffenen Kunden ist in Textform (E-Mail ausreichend), per Telefax oder schriftlich auf dem Postweg an die in Ziffer 12 genannte Kontaktadresse zu erklären. Die betroffenen Kunden erhalten gegen Vorlage des Tickets bzw. Übersendung des Tickets auf eigene Rechnung an den Club den entrichteten Ticketpreis erstattet. Service- und Versandgebühren werden nicht erstattet. Bei Spielen, die aufgrund von Maßgaben der zuständigen Verbände oder Behörden ganz oder zum Teil unter Ausschluss von Zuschauern stattfinden muss, ist auch der Verein berechtigt, vom Vertrag zurückzutreten und berechtigt, Dauer- und Tageskarten für einzelne Spiele zu sperren.
5.6 Eine anteilige Rückerstattung des Vertragspreises bei Dauerkarteninhabern ist jedoch ausgeschlossen, sofern der Inhaber der Dauerkarte in den letzten 5 Jahren vor der Veranstaltung nicht bereits von einem solchen Wegfall betroffen war.“

Das ist grundsätzlich eine ebenso spannende wie in 5.6. auch juristisch fragwürdige Regelung, die hier aber wahrscheinlich nicht greifen würde, denn bisher sind es keine Anweisungen der DFL oder des DFB, sondern der Gesundheitsämter. Analoge Anwendungen von AGB ist eher fragwürdig, so dass wir wieder bei der gesetzlichen Regelung landen.

Eine „höhere Gewalt“ Regelung beinhalten unsere Ticket AGB nebenbei nicht. Ob man für höhere Gewalt die Rückerstattung des Preises ausschließen könnte, ist wohl eher zu verneinen.

Man kann hier auch juristisch spitzfindig werden, denn die Behörden verordnen ja keine Geisterspiele. Sie verordnen, dass Veranstaltungen nicht durchgeführt werden dürfen in einem bestimmten Zeitraum. Man könnte also rein theoretisch das Spiel aus diesem Zeitraum verschieben und der Besuch wäre möglich und damit läge keine Unmöglichkeit vor. Das könnte später vielleicht einen Unterschied machen. Ihr werdet zu Recht sagen „Die spinnen, die Juristen“ und ja ihr habt Recht.

Das kostet Geld

Das eben gesagte verkürzt heißt „Geld zurück“. Es ist schwierig auszurechnen, was dies monetär bedeutet, aber wenn wir jetzt mal von einem durchschnittlichen Ticketpreis von 25 Euro ausgehen und 29.000 Zuschauern, dann käme da pro Geisterspiel eine Summe von 725.000 Euro auf den Verein zu. Klar, es werden einzelne oder viele Fans auf Rückerstattungsansprüche pfeifen, auch aus Liebe zu ihrem Verein, aber das ist schon einmal eine riesige Nummer.

Werbeverträge, Catering-Verträge, Arbeitsverträge der Spieler

Und es werden ja nicht nur die Ticketingverträge unmöglich. Auch Werbeverträge, Cateringverträge werden teilweise Leistungen beinhalten, die bei einem Zuschauer*innenausschluss unmöglich werden nach dem oben beschriebenen Kriterien. Das kommen auch Summen zusammen. Und hier wird die Bereitschaft zu einem Rückforderungsverzicht wahrscheinlich geringer ausfallen, weil da schnell die/der kühle Buchhalter*in über das heiße Herz des Fans gewinnt.

Gehaltszahlungen an Spieler laufen nebenbei normal weiter. Hier ist ja keine Unmöglichkeit eingetreten. Der Spieler kann seine Leistung anbieten, er kann trainieren und anbieten, dass er für den Verein spielt. Die Spiele finden in unserem gewählten Beispiel ja auch statt. Ähnliches gilt auch für die Fernsehverträge.

Kann man das versichern und welche Folgen hat das für die Vereine?

Diese Frage ist wirklich seriös nicht zu beantworten. Man kann sich als Veranstalter gegen den Ausfall versichern. Ob das Vereine getan haben, ist wahrscheinlich auch eine Kostenfrage. Wenn ich als Verein XYZ sowieso schon knabber, dann ist die Versicherungsprämie wahrscheinlich auch nicht drin. Wenn ich in Geld schwimme schon eher. Wir gehen aber mal davon aus, dass einige Vereine solche Versicherungen abgeschlossen haben.

Dann kommt aber das Detail. Wir haben mal einen Menschen gefragt, der sich mit solchen Details auskennt. Hier die Antwort:

„Klar, kann man das versichern. Ein Versicherer wird dann nach dem Umfang fragen was geplant ist und was davon versichert werden soll, z.B. wenn die geplante Veranstaltung im TV übertragen werden soll und sich durch den Ausfall der Veranstaltung ein Einnahmeausfall ergibt. Und wie es mit Fernsehgarantien in den Sponsorenverträgen aussieht. Und wie hoch der Verkauf von Eintrittskarten ist, und was an Merch wegfällt und dadurch Lücken reißt – alles normal und alles versicherbar.

Der Teufel liegt dann – wie so oft – im Detail, genauer: in den nicht versicherten Ausschlüssen, denn Versicherer schließen gerne mal gewisse Gefahren aus. Z.B. schließen viele Versicherern die Verträge so ab, dass „Pandemien“ genau ein solcher Ausschluss ist, manchmal ist in Verträgen auch „Krankheiten“ als Ausschluss genannt oder „direkte oder indirekte Folgen einer übertragbaren menschlichen Krankheit“.

Hierbei geht es den Versicherern dann nicht um die Krankheit eines Stars, der nicht auftreten kann – sowas kann man immer versichern. Es geht im obigen Fall um die Folge einer Krankheit, die nicht an eine bestimmte Person gebunden ist, sondern um das Risiko einer Ansteckung im Rahmen einer Pandemie. Und hier heißt es: COVID-19 wäre ausgeschlossen. Das KANN bei einem Vertrag natürlich auch mal anders sein, wäre aber unwahrscheinlich. Nochmal: Der Teufel steckt eben immer im Detail.“

Etwas verkürzt heißt dies, dass wahrscheinlich gerade in vielen Vereinsgeschäftsstellen Versicherungspolicen studiert werden. Ein Fest für Jurist*innen. Auch wenn am Ende eine Klausel unklar ist.

Wenn das nicht versichert ist, dann hab ich ein erhebliches finanzielles Risiko und so unmoralisch das ist, dies ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum Vereine und Verbände sehr langsam reagieren mit Absagen.

Zwar hat das „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten bei Menschen“ (untechnisch auch gerne „Bundesseuchengesetz“ genannt) in § 65 eine Entschädigungsnorm für erlittene „unwesentliche Vermögensnachteile“, aber da ist bei den Jurist*innen schon jetzt hochumstritten, wie weit dies geht. Und bis man da ggf. Geld von der öffentlichen Hand bekommt, laufen Kosten auch weiter. Das ist keine gute Situation bei einem Fußballverein.

Hier auch ganz wichtig: Warum sagen Vereine erst ab, wenn die Maßnahme hochoffiziell beschlossen ist? Um sich genau diesen Schadensersatzweg zumindest offen zu halten. Da steht im Gesetz „Soweit auf Grund einer Maßnahme…“ ich muss also eine Handlung machen, die kausal von der Maßnahme der Behörde ausgelöst wird. Das kann ich schwerlich vor der Maßnahme. Täte ich dies vorher, gäbe es auch in Behörden genug spitzfindige Jurist*innen, die einem dies schon vorwerfen würden.

Ein Hinweis, der hier noch mal sehr angebracht ist: Fußball ist egal, wenn uns alle die Seuche niederstreckt. Fußball ist eine Nebensache. Es geht hier nicht um eine moralische Bewertung, wenn ein Verein ggf. versucht über § 65 Geld zurück zu bekommen. Es ist eine rein formal juristische Betrachtung!

Und mein Hotel, meine Bahnfahrkarte etc?

Wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass es keine anderen Gründe gibt (Stadt zur Sperrzone erklärt etc.), dann sind diese Leistungen weiterhin möglich. Das ich sie aus einem bestimmten Grund gekauft habe, ist für die Juristerei erstmal unerheblich. Das ist ein klassischer Fall im Studium. Aus welchem Grund man eine Leistung gekauft hat, ist regelmäßig nicht Vertragsinhalt. Außer es wird dazu gemacht. Beispiel? „Besuchen sie das kultige Millerntor und gucken sie Pauli gegen den Club, wir bieten ihnen 2 Eintrittskarten, einen Joint und ein Hotelzimmer im kultigen Pauli Hotel“. Hier ist wohl klar, dass hier ein Gesamtpaket verkauft wird, die prägende Leistung nicht der Joint und nicht das kultige Hotel sind, sondern der Besuch des Spieles.

Lange Rede kurzer Sinn: Schöne Scheiße, da werden viele Bahnsitze leer durch die Gegend fahren. Auch gerade weil es wahrscheinlich virologisch wenig Sinn macht sich vor das gesperrte Stadion zu stellen. Immerhin gewähren viele Hotelbuchungsplattformen Stornierungsmöglichkeiten. Und ob aus Kulanz ggf. was geht, ist keine juristische Frage. Kulanz ist nichts juristisches.

Warum sagen die Ligen, die Vereine nicht von sich aus ab oder verfügen Geisterspiele?

Ganz einfach, wenn es keine höhere Gewalt gibt, sondern dies aus einer eigenen Entscheidung passiert, dann habe ich eben keine Unmöglichkeit, sondern einen Unwillen. Und dann wird es spannend. Dann wäre zumindest eine Haftung der Vereine, der Ligen für Bahnfahrten und Hotels anzudenken. Diesem Risiko will sich natürlich kein Verein aussetzen.

Szenario 2: Die letzten Spieltage werden bzgl. Zuschauer*innenausschluss unterschiedlich gehandhabt.

Siehe zum größten Teil Szenario 1, aber was ist mit dem Wettbewerbsnachteil der Geisterspielenden? Nehmen wir doch mal den FCSP, dieser holt Auswärts 0,66 Punkte und zu Hause 1,69 Punkte.

Wird diese Ausbeute auch durch Zuschauer*innen beeinflusst? Vielleicht. Werden sich diese Zahlen bei Geisterspielen verschieben? Vielleicht. Ist es gerecht, dass ein Verein Zuschauer*innen hat, der andere nicht, insbesondere auch wegen der finanziellen Aufwirkungen? Nein. Ist dies juristisch irgendwie korrigierbar? Wahrscheinlich nicht.

Die Spielordnungen und Regelungen des DFB sehen für einen solchen Wettbewerbsnachteil keine Regelung vor. Ob und wie ich Zuschauer*innen habe, scheint ziemlich im Risiko des Vereines zu stehen. Könnte dieser nun auf Aufstieg oder Klassenerhalt klagen, wenn er Geisterspiele hatte und sein Konkurrent nicht? Unwahrscheinlich. Das ist juristisch schwerlich zu beweisen, wie groß die Nachteile sind und ob sie wirklich vorliegen. Wäre ein lautes Publikum ein großer Vorteil, dann wäre Leverkusen schon lange abgestiegen.

Es gibt auch keine Solidaritätsklauseln oder Revenue Sharing (nach amerikanischem Vorbild) in den Ligaverträgen. Jeder lebt auf sein eigenes Risiko. Wenn also ein Verein am Ende 4 Millionen weniger hat, als ein anderer Verein, dann ist das sein persönliches Pech. Das kann in einem Etat eines Zweitligisten aber auch schon zwei krasse Spieler ausmachen.

Dieses Szenario ist aber aufgrund der zur Zeit mehr oder minder flächendeckenden Spielabsagen unwahrscheinlich.

Szenario 3: Komplette Absage der verbleibenden Spieltage.

Wir haben gerade alle Ordnungen des DFB, der DFL gewälzt. Wir haben keine Regelung dafür gefunden, wie verfahren wird, wenn eine Liga nicht zu Ende gespielt wird. Das lässt natürlich ganz viel Spielraum für Jurist*innen und juristischen Schabernack.

In der 3. Liga würden wahrscheinlich 10 Vereine zur Zeit prüfen, ob sie auf Aufstieg klagen könnten.

Selbst wenn man sagt „wir spielen 2020/2021 so, wie wir 19/20 gespielt haben“ löst es nicht das Problem. Auch im Falle einer Absage laufen Gehälter und andere Kosten weiter, ob Bielefeld auch nächste Saison so gut spielt, kann niemand ernsthaft vorher sagen. Und die würden natürlich versuchen alles zu ermöglichen um in die 1. Liga zu kommen. Denn neben dem „sportlichen Wert“ geht es auch dort um richtig viel Geld. Und Geld verschiebt moralische Bewertungen immer sehr schnell.

Arbeitsverträge noch mal ein bisschen genauer: Kündigungen werden wahrscheinlich schwierig. Ist dies ein „wichtiger Grund“ das Arbeitsverhältnis zu beenden? Wahrscheinlich nicht. Kann man befristete Verträge ordentlich kündigen? Auch nicht. Vertraglich geregelt wird so ein Fall nicht sein. Schwierig. Es wird wohl davon auszugehen sein, dass man die Spieler weiter bezahlen muss.

Es gibt noch einen anderen monetären Effekt, der wahrscheinlich den meisten Vereinen dann endgültig das Genick brechen würde. Das Fernsehen würde Gelder zurück verlangen oder nicht bezahlen. Wenn wir das richtig verstehen, dann zahlt das Fernsehen in Raten. Die letzte diese Saison würde also wahrscheinlich gekürzt werden oder aber Geld zurück verlangt werden. Es stehen noch 9 Spiele aus. Also gerundet 26 % der Saison. Insgesamt erhalten 1. und 2. Liga 1,136 Milliarden an Fernsehgeldern. Gut 300 Millionen wären dann zurück zu zahlen, oder würden nicht gezahlt werden. Der FCSP erhält diese Saison 11,5 Millionen Fernsehgelder. Er würde also bei dieser Rechnung 2,5 Millionen Euro weniger erhalten. (Alle Zahlen laut fernsehgelder.de. Keine Ahnung ob Fernsehgelder nach Spieltagen gestafftelt werden.)

Auch wären in diesem Fall Sponsoren noch weiter auszubezahlen. Denn auch unser Trikotsponsor setzt auf Fernsehbilder, wird sich diese in Verträgen wahrscheinlich auch garantiert haben und wird Geld wieder bekommen wollen.

Ihr wundert euch, warum Verbände und Vereine diese wahrscheinlich ganz logische Variante nicht diskutieren mögen? Jetzt wisst ihr es.

Warum handelt die DEL anders?

Die Antwort ist wahrscheinlich so einfach, wie sie brutal ist. Es sind andere finanzielle Voraussetzungen. Die Hauptrunde ist vorbei, es sind nur die Playoffs abgesagt. Es gibt dann folgende brutale finanzielle Unterschiede. Und die verdrängen jede Moral:

– Der Fernsehvertrag der gesamten DEL ist eine Million wert. Soviel zahlt die Telekom. Für alle Spiele, an alle Vereine. Ihr könnt euch ausrechnen, wie wenig Geld dann bei einer Absage der Play-Offs fehlt

– Spielerverträge werden so gestaltet sein, dass sie mit den Einnahmen aus der Hauptrunde grundsätzlich finanziert sind und für die Play-Offs nur Prämien vorgesehen sind. Also ist auch hier der finanzielle Verlust relativ gering.

– Dauerkarten werden „abgespielt“ sein, die Inhaber haben wahrscheinlich Vorkaufsrechte, aber keine schon gekauften Karten. Auch hier sind die finanziellen Auswirkungen also sehr gering.

(Wobei hier natürlich auch bei den Mannschaften, die in den letzten Jahren in den Play-Offs waren, sehr wahrscheinlich mit den Einnahmen rechneten. Und das eben durchaus auch Löcher in die Budgetkassen reißt. Aber eben nicht in dem Ausmaße wie dem obigen Absageszenario während der laufenden Saison.)

Szenario 4: Weiter so & jemand wird krank

Achtung: Juristische Betrachtung. Achtung: Ob man so etwas wirklich mit einer juristischen Sicherheit nachweisen könnte, wissen wir nicht, es ist hier mal angenommen.

Kann ich den Verein, die Liga nun haftbar für meine Erkrankung machen? Die deutsche Rechtsordnung sieht eine Erkrankung mit einer Grippe als allgemeines Lebensrisiko an, für das ich niemanden haftbar machen kann. Begründet wird dies damit, dass sich Tröpfcheninfektionen nahezu nicht vermeiden lassen. Es gibt für Grippekranke ja auch keine Ausgangssperre.

Anders sieht das die Rechtsprechung, wenn ich jemanden mit HIV infiziere und um meine Krankheit weiß. Hier lässt sich der Infektionsweg vermeiden und so sieht die Rechtsprechung das anders. Hier wird auch immer Vorsatz in Form des billigenden in Kaufs nehmen vorliegen.

Und damit sind wir bei Corona. Wenn empfohlen wird Großveranstaltungen abzusagen, es aber zu keinem behördlichem Verbot kommt, dann sind wir hier schon im Bereich der Fahrlässigkeit durch die Veranstalter. Würde das zu einer Haftung ausreichen? Schwierig, denn ich hab ja auch freiwillig gewählt mich in dieses Stadion zu begeben und die/ der Kranke hat wahrscheinlich keine Ausgangssperre gehabt. Missachtet sie/ er eine solche, dann sind wir wahrscheinlich schon bei einer Haftung von ihr/ ihm. Aber der Verein? Da würde man wohl eher zum allgemeinen Lebensrisiko neigen.

Szenario 5: Sommerspiele

Nebenbei in etwas das, was Fanverbünde wie Meine Kurve fordern:
https://twitter.com/UnsereKurve/status/1237768238848671746

Macht wahrscheinlich vom Standpunkt der Expert*innen Sinn. Ggf. sollte man selbst Herbstspiele schon vorziehen, denn Virolog*innen sagen für den Herbst eine zweite Welle voraus. Was würde daraus folgen. Etwas in Kurzform um Wiederholungen zu vermeiden:

Kartenerstattung? Ausgeschlossen, ist ausdrücklich geregelt in unseren Ticket AGB.

Hotel? Wie oben. Musst du neu buchen.

Probleme? Abstellung für EM und so. Regenerationszeiten, vielleicht auch Fernsehverträge, wir wissen nicht wie da die Verschiebung geregelt ist.

Größtes Problem sind die Arbeitsverträge. Die laufen unseres Wissens bis zum 30.06. da wäre so eine Runde durch Vereinswechsel mitten drin etwas chaotisch. Würde aber gehen.

Reales Problem: Die UEFA will in diesem Zeitraum fett Geld machen mit ihrer EM.
Reales Problem 2: Expert*innen gehen davon aus, dass sich bei Verlangsamung der Infektionswelle, diese Situation bis zum Sommer so durchziehen wird.

Wir würden Fußball im Sommer jedoch genießen. Und damit meinen wir nicht die EM.

Feb 232020
 

Vorwort

Liebe braun-weiße Menschen da draußen, unser Verein gewinnt das Derby mal so alle Jubeljahre und wir machen dann Aufkleber von diesen Heldentaten und verschwinden dann wieder in der sportlichen Bedeutungslosigkeit.
So oder so ähnlich werden wohl viele Einwohner*innen dieser Stadt gedacht haben, als sie das Rückspiel zum glorreichen 2-0-Hinspielsieg im Kalender gesehen haben, egal welche Vereinsfarbe sie auf ihrem Schal tragen. Es kam anders. Der Tag schrieb wahrscheinlich Millionen von unterschiedlichen Geschichten, die wir noch im Altersheim erzählen werden. Hier sind die von uns.

Freitagabend

Das Ganze beginnt am Freitagabend, wo wirklich mal alle vier Menschen dieses Blogs nebeneinander an einem Ort sind. Das passiert nicht sehr häufig und so feiern wir dies im Dschungel und später im Knust. Sehr nett von den Ultras und dem Knust, dass sie uns extra deswegen eine Party schmeißen.

Spaß beiseite. Der Derbyauftakt der Ultras – trotz miesem Wetter gut besucht – ist eine Mischung aus planlosem Rumstehen und großem Hallo. Irgendwann gibt es noch einen netten Spaziergang durchs Viertel, mit lauten Gesängen (sehr schön) sowie Vogelschreck und Silvesterfeuerwerk in engen Straßen (nicht ganz so optimal). Echt doof sind die Leute, die so einen Marsch dann echt noch mit dem Handy filmen wollen. Denkt doch wenigstens mal ein bisschen nach!

Es soll laut Hamburger Lokalpresse in der Neustadt geknallt haben. Wir sind nun echt keine Expert*innen auf diesem Gebiet, aber in unseren Ohren klingt das nicht nach einem zufälligen Treffen. Denn wir haben die Sätze von FCSP-Menschen im Ohr, wie weit es doch in die Neustadt sei. Dazu nur so viel: Wenn so etwas ein verabredetes Ding ist, dann sind wir die Letzten, die Menschen ihr komisches Hobby absprechen wollen. Passt nur bitte darauf auf, dass Unbeteiligte nicht zu Schaden kommen. Und das ist bei einer Verlagerung der Auseinandersetzung in eine „neutrale“ Kneipe nahezu nicht zu vermeiden. Das ist dann echt doof.

Zurück zum Marsch. Die Polizei lässt diesen erstaunlich weit laufen, hat aber irgendwann auch eine klare Grenze, was die Bewegung in Richtung Reeperbahn angeht. In den Verlautbarungen der Staatsmacht war von „Durchbruchversuch“ (oder so ähnlich) die Rede. Den haben wir aus dem Marsch nicht mitbekommen. Der war ziemlich friedlich unterwegs.

Spannend auch, was für ein Kauderwelsch aus unterschiedlichsten Sprachen an so einem Derbywochenende zu hören ist. Klar, dieses Großereignis zieht noch mal mehr Gäste aus fernen Ländern in die Stadt. Uns gefällt dieses internationale Flair.

Für uns ist dann „Pennen für den Derbysieg“ angesagt, naja ehrlicherweise war noch ein Bier drin. Nach Hause gefahren worden (danke!). ”Gute Nacht! Wir schlafen heute als Derbysieger*innen ein. Und morgen dann auch wieder.“ ”Haha, ja klar.“

Spieltag

Wir stehen für ein Spiel in der gleichen Stadt um 08:30 wieder auf der Matte. Es ist erschreckend zu sehen, dass die Hamburger Verantwortlichen zwar drölfmillionen Polizisten und unzählige Wasserwerfer auf die Straße bekommen, aber keinen Plan haben, wie man Gästefans in den Volkspark bekommt.

Es treffen sich gut 2000 Menschen an der Südkurve. Diese stehen da gut eine Stunde rum, singen sich ein und latschen dann langsam los. Das alleine bringt staatlichen Organisator*innen schon genügend Zeit, um S-Bahn-Kapazitäten zu ordern und bereitzustellen. Auch gerade weil der Zugang zu den Landungsbrücken noch gut 30 Minuten per Polizeikette verweigert wird. Und was machen die dann? Stellen nicht annähernd genug S-Bahnen bereit, um schnell die Leute nach Othmarschen zu transportieren. Lieber wird der Citytunnel mal so gut eine Stunde für jegliche andere S-Bahn gesperrt und man lässt die letzten FCSPler*innen lange auf dem Gleis warten, bis man dann endlich eine S-Bahn organisiert hat. Wenn wir nicht alle so entspannt wären, wäre das hier schon eskaliert.

Noch kurz zum Einsingen in der Südkurve: Sehr stimmungsvoll, mit ein bisschen Pyroeinsatz und wie schon erwähnt gut besucht. Wir bleiben aber bei einem wiederkehrenden Thema das Tages – lasst den Scheiß mit dem Vogelschreck. Die Dinger sind unfassbar laut und wenn das in der Nähe von Menschen gezündet wird, dann ist das echt gefährlich. Hier warf das irgendwer gerade mal so eben auf den Platz und die beiden sich auf dem Zaun befindlichen Vorsänger hielten sich danach ordentlich die Ohren. „Übermotiviert“ war die freundliche Beurteilung von einem der Beiden.

Um 11 Uhr (wir sind um 9:30 Uhr am Stadion losgegangen) sind dann endlich alle in Othmarschen. Pendelbusse? Vergesst es! Selbst wenn man nicht laufen will, es gibt keine andere Chance. Und so geht es auf den großen Spaziergang, wie letztes Jahr sehr entspannt und ruhig. Immerhin ist es die ganze Zeit trocken, nachdem es am Morgen noch geregnet.
[Ergänzung 23.02. 18:42: Mittlerweile haben sich Menschen gemeldet, die die Busse genutzt haben. Es waren wohl 12 im Einsatz – was halt nicht mal ansatzweise ausreicht bei der Menge an Menschen, bei Ankunft mit der letzten S-Bahn in Othmarschen auf dem Hinweg unübersichtlich war und auf dem Rückweg nur für sehr wenige Menschen funktioniert hat. Und die Option die Rautenshuttles zu nehmen sind halt keine Option, vor allem wenn du Fantrennung sonst großmäulig propagierst.]

Sowieso: „Die Fantrennung hat perfekt funktioniert“, schreibt die Polizei? Das sind komplette Fake News, denn sowohl auf dem Hinweg, als auch auf den Rückweg stehen da unfassbar viele Rauten. Gerade an diesem komischen Imbiss direkt an der Gästekurve. Das es da nicht zu Stress kommt, liegt einfach nur daran, dass alle Menschen entspannt sind.

Kurz vor zwölf ist der Volkspark erreicht. In diesem Zusammenhang: Vielen Dank an die Restaurants am Wegesrand, die es tolerieren, dass Menschen ihre Klos nutzen. Auch das ist einfach eine beschissene Planung, denn es gibt genügend Menschen, die nicht einfach mal so Bäume bewässern wollen oder können.

Zum Einlass: Wir müssen reden, lieber Nachbar. Ja, es kommen alle gleichzeitig. Ja, wir können aus eurer Sicht verstehen, dass man ein bisschen genauer durchsuchen möchte. Aber dann vielleicht 20 Abtastmenschen zu beschäftigen und von fünf möglichen Zauneingängen gerade mal zwei zu öffnen, das ist einfach schlechte Organisation. Ein dritter Eingang war für „Materialkontrolle“ geöffnet und wurde dann später zum Abtasten umgebaut. Vor dem Eingang dementsprechend ziemliches Gedrängel und irgendwann auch Unmut. Das ist nicht ungefährlich und deswegen echt Mist. Die meisten Menschen aber noch entspannt. Danke für NIX an die paar Trottel, die meinten da schieben zu müssen.

In der Schlange dann die Aufstellungsanalyse mit einem jungen Mann: „Penney? Verstehe ich nicht so ganz“ „Ja, ich auch nicht“ „Pass mal auf, der macht heute drei Buden“ „Wenn das passiert, dann kaufst du die ganze restliche Saison keine Getränke mehr, die zahl ich dir“ „Deal“

In Hamburg steht ne Schüssel …

Wir bekommen das Gerenne nicht zu 100 % mit. Für uns ist der Versuch, in den Heimblock zu kommen, und das Abschießen irgendwelcher Leuchtkörper relativ gleichzeitig, sodass wir nicht sagen können, was auf wen reagiert. Müssen wir auch nicht.

Das solche Auseinandersetzungen in engen Stadien immer suboptimal sind, wollen wir nicht unerwähnt lassen. Das trifft immer auch Menschen, die nicht so mobil sind oder einfach am falschen Ort zur falschen Zeit sind. Da wäre weniger Testosteron und mehr Nachdenken ganz angebracht.

Es wurden auch die Sitzplatzblöcke gestürmt, dies fällt wohl unter „nicht zu vermeiden“, ist aber auch nicht ohne Probleme. Letztendlich müssen sich da aber auch alle Vereine ein bisschen an die eigene Nase fassen. Wenn man Fans in Ecken quetscht, wo nie alle nebeneinander stehen können, die dies wollen, dann muss man sich irgendwie auch nicht wundern, dass die Menschen Ausweichbewegungen starten. Ebenso, wenn man Schweinepreise für Plätze nimmt. Und am Ende ist eine direkte Folge davon, dass sich „verfeindete“ (bewusste Anführungszeichen) Fans auf schlechter gesicherten Sitzplätzen gegenüber stehen. Es ist so ein bisschen so wie mit dem Pyro; je mehr ich versuche, dies draußen zu lassen, je mehr werden Menschen versuchen, dem System ein Schnippchen zu schlagen. (Und Dresden, schmiert euch eure Stellungnahme sowas von sonstwohin. Alle kritisierten Punkte treffen auch auf die Schüssel voller Scheiße (landläufig auch Volksparkstadion) zu. Kurz vergessen oder was?)

Hymne ins Klo

Wir sind spät drinnen, was angesichts der wirklich miesen Stadionshow der Rauten echt nicht schlimm ist. Mal ehrlich: Können wir Lotto wieder haben? Wir hätten nicht gedacht, dass es noch nerviger geht, aber es geht.

Wir wollen aber nicht alles schlecht machen. Auf den Sitzplätzen im Gästebereich finden sich Postkarten der Rauten, die wirklich gelungen sind.

Das ist wirklich mal eine nette Idee.

Auch die Ansage des Stadionssprechers zur Schweigeminute war deutlich und gut. Lob dafür. Und der Heimblock hat schon selbst die richtige Antwort auf die paar Arschlöcher gefunden, die meinen, eine Schweigeminute mit “Scheiß St. Pauli” unterbrechen zu müssen. Danke dafür. Und für das Plakat zur Halbzeit.

Kein Lob für die “neue” Stadionhymne. Da wird einem ja ganz anders. Reimschema? Das kann ja unser Senior besser! Und der kann echt nicht reimen. Und der Text?

„Ich hab nen harten Tag gehabt
Und musste noch mal raus.
Mit der S-Bahn in die Innenstadt,
Am Hafen steig ich aus.
Ich hab noch ein paar Bier dabei
Und setz mich an die Pier.
Die Schiffe und der Lichterglanz,
Ich denke so bei mir.“

Das ist ungefähr alles auf St. Pauli, ihr Pappnasen! Da kann eine Hymne des FC Köln auch damit beginnen, dass man einen geilen Blick aufs Bayer-Kreuz hat.

Und es wird noch schlimmer (ja, wirklich!):

„In den Straßen die mein zuhause sind!
Vom Volkspark übern Alsterlauf
Bis zum Öjendorfer See.
Von Norderstedt bis Rönneburg.
Das ist mein Revier.
Mein Wohnzimmer das ist der Kiez,
die Neustadt mein Büro
die Elbterasse mein Balkon
die Veddel is mein Klo.“

Norderstedt? Hamburger Stadtgrenzen üben wir noch mal. „die Veddel ist mein Klo“ ist dann entweder Verrat an der im Hinspiel noch gefeierten Arbeiterklasse oder der alltägliche Taschenrassismus des gut bürgerlichen Menschen. Und ”hier wo ich geboren bin“ – was für ein beschissenes Konzept von Heimat und Vereinszugehörigkeit.

Soviel auch zu diesem „Wir sind Hamburg“. Ein Scheißdreck seid ihr.

Arbeiterklasse? Gutes Stichwort. Warum genau mache ich eigentlich ein Poserfoto vor der Agentur für Arbeit?

Choreo und so

Gehen denen im Volkspark eigentlich langsam die „Tradition“-Themen aus? Diesmal gar nicht in der Choreo erwähnt. Und auch die sonst übliche Lesestunde fällt zum größten Teil aus. Und hat zumindest uns mal wieder so gar nicht getroffen.

Auf unserer Seite gibt es Wappen und Fahnen. Und keine Pyro. Die kommt dann später. Das ist ja schon beinah bemerkenswert, weil es aus den üblichen Derbyritualen ausbricht. Wobei Pyro zu Fahnen eigentlich immer so gut passt. Ja, da schlagen mehrere Herzen in unserer Brust.

Kurz zur Supportfrage

Ist gut auf unserer Seite. Natürlich auch schnell dem Spielstand geschuldet. Wie der Block ab der 70.
Minute jeden Befreiungsschlag feiert, ist schon einzigartig. Ball im Aus? Komplette Eskalation!

„Es ist nichts passiert, außer dass wir das Derby gewonnen haben“ / Zum Spiel

Die Überschrift frei nach A. Hunt. Sagen wir es mal so: Die Vorstadt hat an diesem Tag nicht das Glück gepachtet. Und die Latte und der Pfosten haben wohl zwei vernünftige Dellen erlitten. Es ist so ein bisschen wie ein Pokalspiel. Der Favorit versucht Fußball zu spielen und der Underdog kämpft und grätscht wie verrückt. Der Favorit führt am Ende eigentlich in jeder Statistik, außer bei den Karten und Fouls und bei den Toren. So ist der Fußball nun mal. Hatten wir letzte Woche so ähnlich auch. Ist nur ein bisschen unglücklich, wenn es gerade im Derby passiert. Zum Trost der Rauten sei aber erwähnt, dass sowohl Leipzig als auch Paderborn aufgestiegen sind, nachdem sie 0 Punkte gegen uns holten.

Sowieso der Rautenaufstieg. Wir haben da einen Masterplan: Derbysieg, die steigen auf, wir nicht ab. Nächste Saison direkter Wiederabstieg von denen , wir steigen nach 1910 Kopfballtoren von Leo Østigård direkt auf. Der Abstieg ist dann der finanzielle Ruin (außer der Opa hat immer noch nicht genug Geld verballert) und somit kommt es nie wieder zu einem Stadtderby. Wir sind also ewige doppelte Stadmeister*innen.

Okay, das war es nun mit der trockenen Analyse.

WIE GEIL IST DAS DENN BITTE? Diese Waldemar-Kampfmaschine? Dieser „als gegnerischen Spieler würde ich den komplett hassen“-Dimi? Dieser Henk-Ballmagnet? Dieser Penney-Hammer? Dieser Leo-Eskalierer?

Und dann diese einzelnen Szenen! Es seien nur einige genannt:

  1. Ryo als genialer Ballabfänger, Pass auf Henk. Alle brüllen „nun gib doch ab“ aber nein, Henk vernascht stattdessen Rick (einer von uns) und leckt den so lässig rein.
  2. Ball kommt zu Penney und der zieht aus gefühlt 300 Metern ab. So ein Schuss hat wahrscheinlich einen xG-Wert von minus 3, aber heute schlägt er im Eck ein. Und wie du schon beim Abdrücken siehst, dass der Schuss richtig gut ist. Dieser Jubel vor der Kurve. Ohne Witz gehen neben den Gästeblöcken nach diesem 0-2 einige Fans der Rauten den berühmten Hamburger Weg und verlassen das Stadion. Nach dem zurückgenommenen 0-3 wird dies dann eine Massenbewegung.
  3. Buballa als Klärmaschine. Ball weg gebolzt, umgedreht und so etwas von in die Kurve gebrüllt. Wie geil ist das denn? Emotion pur! Das willst du im Derby.
  4. Dimi als Stachel im Fleisch. Nach der frühen gelben Karte notieren wir alle schon „gelb-rot gefährdet“, aber der Typ kann das echt so dosieren, dass er ständig nervig ist und doch nicht in die Gefahr kommt, die zweite Gelbe zu kassieren.
  5. Jede einzelne Grätsche von Miyaichi (ey Ralle, wenn du das hier liest, dann erklär dem Kollegen bei Dazn mal, wie der Name ausgesprochen wird. Das ist ja nicht zum Aushalten). Wie viel Geschwindigkeit der Junge hat. Wie die berühmt-berüchtigte linke Seite des H$V irgendwann gar keinen Bock mehr hat. Und vielleicht auch ein wenig Angst um die eigenen Knöchel.
  6. Küsschen an den Fan des irrelevanten Sportvereins aus Hamburg, der seine Wut über das Spiel in “Hustenbonbon auf den Gästeblock werfen” entlädt. Und viel Liebe für den Ordner, der mitleidig grinsend daneben steht.
  7. Dieser Moment des vermeintlichen 1-2. Stadionregie macht volle Elle Malle-Disse-Tempel, die Pyroshow eskaliert, alle Heimfans feiern und singen laut, haben wieder Hoffnung. Erste schon gegangene Fans drehen wieder um. Und während sie noch singen und tanzen, sagt der VAR still und leise „Nope“. Das ist dann schon eine schöne Schadenfreude. Und dann merkt man auch, wie lange so ein Pyro brennt, wenn man das gerade zum Abfeiern der VAR-Entscheidung in der Hand hält. Upsi.

Und und und und und

Nach dem Spiel / “Ich weiß nicht, ob H. gerade komplett vollgekifft oder einfach nur sehr glücklich ist”

Wir sagen nur Selfie vor der Kurve. Ganz viele Herzchen für Leo. Und mindestens einen Zehnjahresvertrag. Niemand hat gesehen, dass er das Wappen geküsst hätte, er kann also bleiben. Was für ein Abriss. Es fehlen die Worte. Noch lange nach dem Spiel. Kneift uns, wir haben doppelt das Derby gewonnen. Etwas, was uns seit Oberliga-Nord-Zeiten nicht mehr gelungen ist. Und falls es einen Menschen gibt, der beides miterlebt hat: Melde Dich bei uns, wir wollen die Geschichte hören!
Und ey, wie wir uns freuen, dass wir nun wieder komplett problemlos einen Fahnentreter feiern können. Danke dafür, Leo. Danke Mats, dass du dabei geholfen hast, ihn hierherzuholen.

Wieder keine Pendelbusse, daher wieder laufen. Bei strömendem Regen. Scheißorganisation insgesamt. Menschen die nicht so gut zu Fuß sind, stürmen dann irgendwann einen Bus und überladen diesen. Immerhin kommen so alle wieder ohne Zwischenfälle ins Viertel.

Da beginnt dann die komplette Eskalation, die wir mit einem Satz beschreiben wollen:

„Was im Viertel passiert, bleibt im Viertel“.

Nur so viel. Diese verklärten Gesichter, dieses stumme freudige Umarmen, dieses abstruse Lächeln. Wer es nicht fühlt, der*dem können wir es nicht erklären. Und verstanden haben wir das selbst noch lange nicht.

Und heute:

Viel Geld für Schampus, Bier und sonstiges ausgegeben? Kopf ist dick und Nase rot? Hals ist rau und mehr Schlaf wäre auch gut gewesen? Und dann kommt dieser Gedanke. Wir sind Derbysieger*innen.

Und all die Schmerzen, all die Strapazen, all dies ist deswegen.

SCHEISSEGAL! (Es gibt hier eventuelle Sprachnachrichten, die wir Euch liebend gerne vorenthalten).

Feb 192020
 

Liebe Lesende,

es ist wieder Derby. Sportlich kann man nicht wirklich von einem Duell auf Augenhöhe sprechen, denn seitdem wir das Hinspiel gewonnen haben, lief bei uns nicht mehr viel zusammen und die AG aus dem Volkspark spielt eine halbwegs vernünftige Runde und kann wohl anfangen ganz vorsichtig für die 1. Liga zu planen. Die Ausgangslage ist also klar, egal was da gelabert wird.

Das soll uns aber nicht interessieren. Wir, der FC St. Pauli von 1910 e.V., sind schon immer der etwas dreckige Punkrockladen, der gerne auch mal wegen fehlender eigener Geschäftstüchtigkeit ums Überleben kämpft, in dem du aber die Liebe deines Lebens und das ganze Gefühl findest. Die AG? Die ist das perfekt organisierte Popevent mit viel Lightshow und wenig Herz. Nix für uns.

Wir wollen den schwitzenden Punkrockgig. Ja, wir wissen schon, wie ihr nun sagen werdet, dass der auch mal erfolgreicher sein könnte. Habt ihr Recht. Fangen wir beim Derby doch am besten damit gleich an. Wir alle haben aber zu zeigen, warum wir das Gefühl, die Liebe und der Punkrock sind und nicht die.

Daher werden wir uns alle gemeinsam in den Volkspark begeben und dort unsere Visitenkarte abgeben. Wir sind der FC St. Pauli. Es ist unser Verein. Keine AG, kein Investor, sondern wir selbst. Wir auf den Rängen und unsere Spieler.

Für unsere Spieler gelten ganz einfache Sätze: „Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!“, um mal Rolf Rüssmann zu zitieren. Werdet Legenden, kämpft und siegt für den FC St. Pauli.

Wir als der andere Teil unseres Vereines müssen ein bisschen mehr beachten. Und daher kommen nun ein paar mehr Worte.

Support

Letztes Mal im Volkspark zeigte sich, wie schwierig Support in diesem Gästeblock ist. Vieles verliert sich, man steht in dieser Ecke etwas verteilt und die Distanz zum Spielfeld tut ihr übriges. Wie schön ist es da am Millerntor! Aber jede*r sollte sich an die eigene Nase fassen und alles abrufen, was ihre/seine Stimmbänder her geben. Wir gehen davon aus, dass die Ultras wieder mit vielen Vorsänger*innen agieren werden, und an euch allen ist es, die Vorgaben umzusetzen. Supportdiskussionen können wir dann später führen. Alle gemeinsam! Laut, braun-weiß und einfach gut. Egal, wie es auf dem Platz läuft.

Hingehen-Warmmachen-Wegbrüllen! ist die Devise. Im Stadion wird es kein richtiges Bier geben. Stimmung geht auch – und erst recht – ohne! Beweist es!

Spieler

Unerklärlicherweise lesen nicht alle Spieler diesen hervorragenden Blog. Aber wenn ihr ihn lesen würdet, dann würden wir Euch folgendes mitgeben wollen:

Wenn man Eure Social-Media-Kanäle so verfolgt, scheint sich bei euch scheint langsam Derbystimmung breitzumachen. Nehmt die mit in den Volkspark. Denkt an Mats (😭) beim letzten Derby. Lauft Euch die Seele aus dem Leib. Denkt an James, der von Sekunde an keinen Millimeter hergab. Den geilen Schuss von Knolli in der 11. Minute. Das rausgezockte 1:0 von Dima. Die gedankliche Schnelligkeit vorm 2:0. So gewinnen wir wieder.
Zeigt, wer Stadtmeister*in bleibt. Wir gehen da alle zusammen hin und wir gewinnen da alle zusammen. Wir sind St. Pauli.

Dem unbedeutenden Gegner aus dem Volkspark müssen von der ersten Sekunde an die Knie schlottern. Da kommt kein Pass an, die haben vor jedem Zweikampf Angst und dass das mit dem Tore schießen nur in eine Richtung klappt, hat Rick beim letzten Derby ja schon bewiesen.

Wir haben RICHTIG Bock, gemeinsam mit Euch den Derbysieg zu feiern. Dafür geben wir unsere ganze Liebe, unsere ganze Kraft. Und nicht weniger verlangen wir von Euch.
(Und Jos, natürlich darfst du Teile dieser Ansprache gerne übernehmen. Aber ne Spende für die Braun-Weiße Hilfe ist dann im Gegenzug dazu auch drin, ne?)

Hin- und Weg

Die gilt auch für An- und Abreise. Kommt zu den ausgerufenen Treffpunkten, wir gehen da gemeinsam hin und gemeinsam wieder weg. Bildet Banden! Sprecht euch in euren Bezugsgruppen ab, geht gemeinsam zu Treffpunkten und achtet auf euch. Bei weitem nicht jede Raute will euch ans Leder, aber wenn man alleine ist, reichen zwei Doofköppe aus, damit es schlecht aussieht. Sollte etwas passieren, dann ist Ruhe und Zusammenhalt erste Bürger*innenpflicht. Wir halten zusammen! Egal was passiert. Wenn es was in den eigenen Reihen zu kritisieren gibt, dann machen wir das, wenn wir wieder „zu Hause“ sind.

Es ist auch eine aggressive Polizei zu erwarten. Diese hat laut Hamburger Presse schon mal im Stadion den Einsatz geübt (warum? In Menschenmassen gibt es nahezu keinen sinnvollen Einsatz den man üben muss) und wird wahrscheinlich darauf brennen, das Geübte auch umzusetzen. Es ist also mit Nervereien und Überreaktionen zu rechnen. Haltet auch da zusammen. Und sollte es irgendwie schief gehen, dann halten Anna und Arthur das Maul.

Und zu guter Letzt

Wir sind der FC St. Pauli, wir sind der Stadtteil St. Pauli. (Lächerlich, dass die Rauten immer noch so tun, als würde ein Teil ihnen gehören. Geht euch doch im Volkspark warmsingen!) Unser Tag kommt, wir sind die Nr. 1 der Stadt. St. Pauli ist die einzige Möglichkeit!

Es gibt was zu Gewinnen!

Wir haben einen zweiten Moneypool zugunsten der Bielefeld Hilfe eingerichtet. Hier könnt ihr spenden:

https://paypal.me/pools/c/8mH63ByW2a

Und wollen diesen Pool mit einem kleinen Ansporn verbinden:

Wenn wir bis zum 27.02.2020 19:10 Uhr 1.910 Euro erreichen, dann verlosen wir unter allen Menschen die gespendet haben einen Blogbeitrag bei uns.

Bedingungen: Ihr meldet uns kurz per Mail (Webmaster ät magischerfc.de (http://magischerfc.de/)) nach eurer Spende mit dem Hinweis, dass ihr gespendet habt und teilnehmen wollt. Was ihr schreibt ist egal, es sollte aber in den Grenzen der Leitlinien des FCSP bleiben. Wir behalten uns ein Veto vor.

Feb 112020
 

Einleitung

Die Überschrift ist ein Widerspruch in sich. Wenn wir Schlachttiere fragen könnten, ob sie getötet werden wollen, dann werden sie sehr wahrscheinlich mit „Nein“ antworten und nicht mit „aber bitte möglichst tiergerecht“. Wir sind hier ja nicht im Restaurant am Ende es Universums (in der Hoffnung, dass ihr „Per Anhalter durch die Galaxis“ Referenzen versteht).

Insofern sollte man sich als Fan immer überlegen, ob man bei gewissen Mechanismen mit macht. Nehmen wir doch mal zum Beispiel die/den Strafverteidiger*in. Deren Rolle ist gesellschaftlich eine eigenartige, denn im Endeffekt helfen sie massiv dabei mit, dass ihre Mandant*innen in den Knast kommen, sprich ziemlich viel Leid erfahren.
Wir haben uns als Gesellschaft auf die Notwendigkeit der Strafe verständigt und wollen diese irgendwie human ausgestalten und das Verfahren „gerecht“. Aber natürlich auch nicht zu viel davon, denn unser urzeitliche Racheinstinkt soll natürlich befriedigt werden. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn ein*e Strafverteidiger*in in 50 % aller Fälle erfolgreich wäre. Die Gesellschaft wäre sich sehr schnell einig, deren Rolle einzuschränken.

Trotzdem machen auch gute Menschen als Strafverteidiger*in ihren Job, weil sie eben in einem sehr fest etablierten System „das Beste“ für ihre Mandant*innen herausholen wollen.

Und genau hier kommen wir zu der Mitteilung der Schwarz-Gelben-Hilfe und Dynamo Dresden vom letzten Freitag. Die ihr hier nachlesen könnt. Inhalt ist grob zusammengefasst, dass man eine Kommission ins Leben gerufen hat, die betroffenen Fans einen Vergleich anbieten soll, wenn sie denn für eine Umlage der Verbandsstrafe in Frage kämen. Dabei wolle man verhältnismäßig agieren.

Erstes Gefühl? Hier führen Fans ihre Mitfans zur Schlachtbank. Zweites Gefühl? Vielleicht haben wir hier ein so festgefahrenes System, wie das Strafrecht, dass dies noch das Beste ist, was wir rausholen können?

Diese Frage gilt es erstmal zu untersuchen.

Ersatzstrafrecht?

Erstmal, worum geht es hier eigentlich? Machen wir uns nix vor, bei dieser ganzen Umlage von Geldstrafen geht es insbesondere darum, dass konservative Menschen mit ihrer Mär vom „zu weichen“ Strafrecht und ihrer Forderung nach harten Strafen, die abschrecken müssen den öffentlichen Diskurs bestimmen und gewinnen. Da das Strafrecht hier angeblich nicht ausreicht und nicht abschreckt, müssen härtere Mittel her und die versucht man zu erreichen, indem man absurd hohe Geldsummen auf Einzelpersonen umlegt. Das Zivilrecht wird dann zu einem Ersatzstrafrecht umgedeutet. Kommt euch bekannt vor? Genau, das gleiche haben wir im Polizeiordnungsrecht und seit neustem im Polizeigebührenrecht (Wir kommen dazu noch).

Dem entsprechend beendet Dr. Sigrid Lorz ihre Kommentierung des entsprechenden BGH (Lorz, jurisPR-BGHZivilR 2/2018 Anm. 1) mit der Hoffnung, dass Täter nun Abstand von Ausschreitungen nehmen würden, weil ein weiteres Instrument sie treffen würde.

Dieses „härtere Strafen wirken abschreckend“ ist in der Kriminologie hoch umstritten (siehe z.B: hier), aber da ist es wie bei dem Klimawandel, was Experten sagen wird im öffentlichen Diskurs nur sehr bedingt wahrgenommen.

Und dass wenn überhaupt das Strafrecht härtere Strafen vorsehen müsste, ist wohl nur noch eine Mindermeinung. Denn man umgeht durch diese Ersatzstrafrechte auch jegliche Schutzrechte des Angeklagten, jegliche Wertungssysteme und z.B. auch die Möglichkeiten eines Verteidigers. Ähnliches gilt nebenbei für solche Ideen wie „Führerscheinentzug bei Pyro“. Strafrecht soll eine individuelle Schuldangemessene Strafe ermöglichen. So etwas ist mit einem schwarz-weißen Führerscheinentzug genauso wenig möglich, als wenn man Strafen eines Sportgerichtes weitergibt. Man darf dabei auch nie vergessen, dass so ein Sportgericht eigentlich ein rechtlich zweifelhaftes (Stichwort „Pechstein-Prozess“, wir haben mal drüber gebloggt) Spezialgericht ist, welches für verbandsinterne Streitigkeiten gedacht war. Und welches bei seinen Strafen insbesondere auch an das Verhalten seines Mitglieds (=Verein) anknüpft.

Ist das also fest im Recht verankert?

Ist dies also nun so sehr fest installiert, dass ich als Fanhilfe nur noch „das kleinere Übel“ wählen kann und da wenigstens helfen muss. Wir denken nein!

Wir hatten über die rechtlichen Grundlagen bereits mal gebloggt und die damaligen kalten Füße des OLG Rostock ausführlich erörtert.

Seit 2011 ist jedoch viel Wasser die Elbe heruntergeflossen und das Thema war zwischenzeitlich beim BGH und so schreibt die Pressemitteilung von Dynamo Dresden lapidar nur:

„Die Rechtmäßigkeit der Umlegung von Verbandsstrafen auf Einzeltäter ist vom Bundesgerichtshof (BGH) in einem entsprechenden Urteil rechtskräftig bestätigt worden.“

Das ist richtig. Der BGH hat mit Urteil vom 09.11.027 (VII ZR 62/17) einen Fall entschieden und die Möglichkeit der Weitergabe zugelassen.

Und da ist der erste Punkt, warum das eben nicht ausgesungen ist und warum ein Vergleich vielleicht nicht das beste Mittel für einen Fan ist. Man muss sich mal den Prozessverlauf ansehen. LG Köln (7 O 231/14) hatte der Klage stattgegeben, das OLG Köln (I-7 U 54/15) sie dann abgewiesen, der BGH (VII ZR 14/16) hatte dann das OLG Köln rechtlich aufgehoben und an das OLG zurück verwiesen, welches dann der Klage (I-7 U 54/15) zu 2/3 (!) stattgab, die dagegen gerichtete Revision der Klägerin (!) wurde dann abgelehnt (Aktenzeichen siehe oben). Klägerin war unseres Wissens hier nebenbei der FC Köln.

Es gibt zwei entscheidende Fragen bei diesen Fällen und beide scheinen eben nicht wirklich abschließend geklärt zu sein.

Zurechnung der Verbandsstrafe

Das OLG hatte in seinem ersten Zulauf den sogenannten Zurechungszusammenhang verneint. Der BGH bejahte diesen, und meinte, dass es egal sei, dass hier eine vertragliche Nebenpflicht bestünde (siehe OLG Rostock) und der Zurechnungszusammenhang nicht durch ein Dazwischentreten Dritter aufgehoben werde. Bemerkenswert ist hier der Original Text des Urteils des BGH mit dem er das OLG aufhebt, zitiert nach Juris:

„Nach der gefestigten Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs wird die haftungsrechtliche Zurechnung nicht schlechthin dadurch ausgeschlossen, dass außer der in Rede stehenden Handlung noch weitere Ursachen zu dem eingetretenen Schaden beigetragen haben. Dies gilt auch dann, wenn der Schaden erst durch das (rechtmäßige oder rechtswidrige) Dazwischentreten eines Dritten verursacht wird. Der Zurechnungszusammenhang fehlt auch in derartigen Fällen nur, wenn die zweite Ursache den Geschehensablauf so verändert hat, dass der Schaden bei wertender Betrachtung nur noch in einem „äußerlichen“, gleichsam „zufälligen“ Zusammenhang zu der durch die erste Ursache geschaffenen Gefahrenlage steht.

Man kann das so ein bisschen zynisch so kommentieren, dass es dabei egal ist, ob das Urteil des Verbandsgerichtes rechtmäßig oder rechtswidrig ist. Haftungsrecht ist schon was lustiges. Auch gerade weil der BGH weiter ausführt:

Der Zurechnungszusammenhang kann auch nicht mit der Erwägung verneint werden, die Klägerin hätte die Geldstrafe nicht zahlen müssen, weil § 9a der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB unwirksam sei (allgemein zum Diskussionsstand: Walker, NJW 2014, 119; 120 ff.; Kober, Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien, 2015, S. 126 ff.; Müller-Eiselt, Die Gewährleistung der Sicherheit bei Fußballspielen, 2015, S. 219 ff., 267; M. Fröhlich/H.-W. Fröhlich, causa sport 2015, 157, 158 f.; Scheuch, SpuRt 2016, 58, 61, jeweils m.w.N.). Hierauf kommt es im vorliegenden Fall nicht an, weil ihre Entscheidung zur Zahlung der Geldstrafe durch das vertragswidrige Verhalten des Beklagten herausgefordert worden ist und keine ungewöhnliche oder unsachgemäße Reaktion hierauf darstellt (vgl. BGH, Urteile vom 23. November 2006 – I ZR 276/03, WM 2007, 1192 Rn. 23; vom 7. März 2002 – VII ZR 41/01, NJW 2002, 2322, 2323, juris Rn. 27 m.w.N).

Geil, oder? „Ist uns doch egal, ob das komplettes Unrecht ist, das ist nicht ganz ungewöhnlich oder unsachgemäß, also ist das okay“. Puh, das muss man sich mal echt auf der Zunge zergehen lassen. Der BGH äußert in der Folge auch keine Zweifel daran, dass so Verbandsgerichte legitim sind und blendet mal eben locker die gesamte Pechstein-Geschichte aus.

Wenn man so bei Juris die Literaturhinweise und die Kurzzusammenfassungen der entsprechenden Literatur so liest (Juris liefert hier keinen Volltext, daher auch keine Zitierung der Quellen, geneigte Leser werden diese über Jurist finden), dann ist sich die Literatur hier nicht so wirklich sicher. Es wird dem BGH geraten seine Definition zu überdenken, auch wenn ihm im Ergebnis zuzustimmen sei, andere Autoren raten den Weg nach Karlsruhe (bekanntermaßen Sitz des Bundesverfassungsgerichtes) anzustreben, wieder andere lehnen diese Zurechnung ab.

Und wir haben in Deutschland immer noch keine Case Law. Der BGH ist kein Rechtssetzer. Insofern haben Literaturmeinungen hier schon Gewicht und das ganze ist wahrscheinlich eben noch nicht abschließend geklärt.

Höhe der Zurechnung

Habt ihr euch jemals gewundert, woher diese „Wir zählen Pyros und addieren die zu einer Gesamtstrafe“ beim DFB Gericht kommt? Das sieht wie eine Reaktion auf dieses Urteil aus. Ihr werdet das gleich sehen.

Das OLG hatte nur 2/3 der Klage stattgegeben. Dem ganzen lag folgender Sachverhalt zu Grunde. Insgesamt wurde der Verein zu 80.000 Euro vom DFB verurteilt. Davon 50.000 als Geldstrafe und 30.000 für Projekte und Maßnahmen. Auf die letzte Summe wurden noch 19.000 und ein paar Kröten für eine verbesserte Videoüberwachung angerechnet. Auf diese Gesamtsumme kam das DFB Sportgericht, indem es vier Vorfälle einzeln bestrafte und für diese jeweils Geldstrafen festsetzte. Zweimal 20.000, einmal 38.000 und einmal 40.0000. Wobei 40.0000 der Vorfall des Klägers war.

Das DFB Sportgericht hatte dann nicht einfach addiert, sondern § 54 StGB (wenn ein Sportgericht Strafgesetzbuchvorschriften analog anwendet, dann sollten sich bei jedem/jeder Jurist*in die Nackenhaare aufstellen.) analog angewandt und die höchste Einzelstrafe erhöht.

Die Klägerin hatte nun argumentiert, dass sie von dem Beklagten 50 % der Summe bekäm, weil 40.000 Einzelstrafe gewesen wäre, ursprüngliche Strafe 80.000, das sind halt 50 % also 50 % von den dann verhängten 60.000 also 30.000. Dem ist das OLG nicht gefolgt, sondern will halt im Anteil aller Einzelstrafen nur haften lassen (40.000 zu 118.000 ergibt irgendwas um die 29,5 %; 29,5 % von 60.000 = 20.340; Gericht hat gerundet) Eine Gesamthaftung für alle Strafen lehnen alle Gerichte ab, weil sie die für zu zufällig halten. Hiergegen war dann nur noch die Klägerin (!) in Revision gegangen. Der BGH hat das dann bestätigt.

Hier greift halt die neue “Strafe pro Pyro” Regel des Sportsgerichts. Es ist dann halt aber ein Betrag pro Pyro zu ermitteln und es wird dann spannend, wie die Rechtsprechung das sieht. Jede(r) haftet nur in Höhe ihres/seines einzelnen Pyro? Oder für die ganze Show bei diesem Spiel?

Es bleiben Fragen

1.
Was gar nicht mehr Thema war: Das OLG Rostock (siehe unseren damaligen Artikel, der oben verlinkt ist) hatte an diesem Punkt noch Ausführungen zum Thema „gibt es eigentlich Grenzen der Haftung?“ gemacht und den Jurist*innen ist diese Frage aus dem Arbeitsrecht wohlbekannt. Das (veraltete) Stichwort ist „Gefahrgeneigte Arbeit“.
Der BGH hat hier einfach einer mathematischen Berechnung seinen Segen erteilt. Die Frage ist: Gilt das auch noch, wenn wir als Schaden das berühmte Geisterspiel haben, oder die Strafen nach dem „jetzt müssen wir noch höhere Strafen fordern“ Prinzip noch mehr angehoben werden?

2.
Auch dieses „uns doch egal, ob § 9a der DFB Verfahrensordnung rechtmäßig ist“ erscheint zumindest zweifelhaft. Man hat wieder das Gefühl, dass der BGH hier unbedingt zu einer Verurteilung kommen wollte (Abschreckung und so) und daher die Bedenken leichtfertig vom Tisch geworfen hat.

3.
Auch die Annahme einer vertraglichen Nebenpflicht kann man weiterhin kritisch sehen und die juristische Literatur sieht es weiterhin kritisch.
Klar kann ich eine (Neben-)Pflicht eine Veranstaltung nicht zu stören annehmen, aber habe ich dann wirklich die Pflicht, mich de facto einem Verbandsgericht zu unterwerfen, bei dem ich nicht Beteiligter bin und der beteiligte Verein anscheinend auch keine Schadensminderungspflicht hat, denn der BGH sagt „ist uns doch egal, ob ihr dagegen bis zum bitteren Ende vorgeht“? Das erscheint sehr weitgehend. Und man muss sich echt fragen, ob diese Nebenpflicht, die nach dem BGH auch per AGB einbezogen ist wirklich so ohne Aufklärung des Kunden möglich ist. Fragt mal eure Nebensitzer*innen/Nebensteher*innen ob ihnen eigentlich klar ist, dass sie eine Nebenpflicht haben Verbandsstrafen anteilig zu zahlen. Unsere These ist, dass das den wenigsten klar ist. Fragen wie Verbraucherschutzrecht, überraschende Vertragsklauseln etc. werden hier gar nicht angerissen.

4.
Kann man weiterhin verfassungsrechtliche Bedenken haben, denn gerade bei einer eher starren Berechnung der Weiterreichung werden all die Wertungen der schuldangemessenen Strafe und all die anderen Wertungen des Strafrechts, die meistens auf Verfassungsgütern beruhen vom Tisch gewischt und hinten herum ausgehebelt. Was ist z.B. mit „keine Strafe ohne Gesetz“, wenn man hier von einer vertraglichen (!) Nebenpflicht (!) als Grundlage ausgeht. Das wird dann schon sehr schwierig und weitreichen

5. Umfang der Haftung

Wie wird die Durchleitung durch die neue “Strafbemessung per Pyrozählen” beeinflusst? Siehe oben.

Warum Dynamos Rechtshilfe deswegen versagt hat

Wenn man all diese Bedenken sieht, dann erscheint es nicht sinnvoll hier dem Verein die ganze Hand zu reichen und bei so etwas mit zu machen. Was ist denn aus der Forderung „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ geworden? Lieber akzeptiert man dieses System.

Und legitimiert damit die immer weiter um sich greifende Überwachung und Bespitzelung der Fans durch ihre Vereine, denn eine Weiterreichung der Strafe wird man nur bei überführten Tätern durchsetzen können. Will man bei dieser Überführung dann auch noch mithelfen? Und was ist, wenn der Verein meint einen Täter überführt zu haben? Oder – wie man bei der Schwarz-Gelben Hilfe ja nachlesen kann – die Polizei mal wieder meint einen Täter dingfest gemacht zu haben, weil er einen schwarz-gelben Fischerhut trug? Wo ich als Fanhilfe jetzt noch eine strafrechtlichen Einstellung nach § 154 StGB gelassen hinnehmen kann, schaffe ich in diesem System ein Argument für eine Täterschaft, welches ich nur schwerlich widerlegen kann.

Was auch bemerkenswert ist: Wie soll denn eine Verhältnismäßigkeit aussehen, die gleichzeitig die Geschäftsführung von der angeblichen (gleich dazu noch) Schadensabwendungspflicht freistellt aussehen? Zumindest der BGH sieht eine solche Verhältnismäßigkeitsabwägung nicht, wenn ich also eine Schadensabwendungspflicht als Geschäftsführung habe, dann kann ich nicht plötzlich eine solche Verhältnismäßigkeit einbauen und meinen damit nicht mehr haftbar zu sein. Sowieso wie soll diese denn aussehen? Hans-Jürgen und Klaus beide 16 jährige Schüler zünden beim Derby gegen Magdeburg 10 Bengalos und werfen die in den Innenraum, weiterhin malen sie ein Plakat (über 3m²) mit Beleidigungen der Magdeburger*innen, der DFB verurteilt Dresden deswegen zu 17.000 Euro. Welche Weiterreichung ist nun verhältnismäßig? Zahlen können Hans-Jürgen und Klaus das so oder so nicht? Und ändert sich die Verhältnismäßigkeit, wenn die Täter*inne nicht Hans-Jürgen und Klaus sind, sondern Reinhard und Hartmut, die 20 Jahre alt sind? Oder Ulf und Dieter, die 36 sind? (Ähnlichkeiten mit Vornamen von Ehrenspielführern von Dynamo Dresden sind Absicht, deswegen kein nicht männlichen Täter in diesen Beispielen)

Das wird schnell Willkür. Schön, dass es da das Strafrecht gibt mit seinem Jugendstrafrecht. Oh wait.

Dynamo spielt falsch

Hinzu kommt, dass Dynamo in seiner Pressemitteilung falsch spielt.

Wir zitieren:

„Denn während Dynamos Geschäftsführung dazu verpflichtet ist, finanziellen Schaden vom Verein abzuwenden, wird die Sportgemeinschaft auch in Zukunft bei einer etwaigen Umlegung von Verbandsstrafen die Verhältnismäßigkeit dem Betroffenen gegenüber gewährleisten. Eine gesamtschuldnerische Haftung etwa, bei der die volle Strafe mehrerer Verursacher auf einen Einzeltäter umgelegt wird, kann Existenzen gefährden oder gar zerstören.“

Erstmal haben wir eben gesehen, dass eine gesamtschuldnerische Haftung vom BGH für die Gesamtstrafe eben gerade nicht angenommen wird. Auch muss sich Dynamos Geschäftsführung dann mal fragen lassen, wer denn bitte diese Verpflichtung gelten machen soll? Dies können nämlich nur die Mitglieder des Vereines in Form der Mitgliederversammlung. Mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist das? Gerade bei einem Verein wie Dynamo. Hier so zu argumentieren ist schon ziemlich fragwürdig.

Zusammenfassend

1) Rechtmäßigkeit von Verbandsstrafen ist nicht so einwandfrei geklärt, wie das dargestellt.
2) Das Berechnungsverfahren für die Strafhöhe ist zumindest sehr fragwürdig.
3) Wird damit – mit Unterstützung der Schwarz-Gelben-Hilfe Tür & Tor für noch mehr Überwachung geöffnet.
4) Macht es sich Dynamo in der Begründung sehr, sehr einfach.

Zuguterletzt

Liebe Braun-weiße Hilfe, lieber FCSP: Denkt nicht einmal im Traum dran.

Rechtshilfen sind wichtig!

Gerade bei uns, gerade nach den Vorkommnissen in Bielefeld.

Spendet an die braun-weiße Hilfe