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Dez 012019
 

Liebe Lesenden,

wie vielleicht mache*r von euch mitbekommen haben, gibt es bei uns eine personelle Überschneidung mit der Band Wiedergænger. Und weil ihr ja auch ganz gern mal anderen Content als nur Fußballgepöbel lest, gibt es an dieser Stelle nicht einen, nein, gleich zwei Konzertberichte – und zwar von der anderen Seite als sonst bei diesem journalistischen Genre. „Bericht“ ist dabei wie immer so eine Sache, denn von Objektivität kann natürlich keine Rede sein. Aber lest selbst.

Teil 1: Heimspiel

Es ist Donnerstag, der 7. November, und wir werden ein Konzert im Kaiserkeller spielen. Yeah. Schon seit März steht fest, dass wir die Hamburger Black-Metal-Band Herbstschatten beim Auftakt ihrer „Black Rain Over Europe“-Tour unterstützen dürfen. Genug Zeit für Vorfreude, aber auch genug Zeit, um sich einen Arm zu brechen oder mit der Band zu verkrachen. Glücklicherweise ist nichts davon passiert.

Aus mehreren Gründen sind die Erwartungen an diesen Abend höher als sonst:

  1. Der Kaiserkeller verfügt über die größte Bühne, auf der wir jemals gespielt haben, davon konnte ich mich wenige Wochen zuvor noch vergewissern. Wobei unser letzter Auftritt tatsächlich im Clochard war, wo eine Bühne an sich gar nicht existiert. Wir stapeln also tief. Aber: Yeah, große Bühne. Endlich etwas Auslauf für Bewegungshungrige.
  2. Das Paket ist gut. Vier Bands (Kataris, Wiedergænger, Herbstschatten und Thjodrörir) werden spielen. Die für eine Underground-Band ausgesprochen professionelle Organisation seitens Herbstschatten inklusive Backline und den ganzen Kram verspricht einiges. Der Vorverkauf lief auch sehr ordentlich.
  3. Wir haben es geschafft, gerade noch rechtzeitig T-Shirts anfertigen zu lassen, die wir an diesem Abend unters Volk bringen können. Zusätzliche Herausforderung, wenn man alles als Band allein wuppt, aber das kriegen wir hin.

Die Vorfreude ist also groß und natürlich werde ich hibbelig vor dem Auftritt. Vormittags noch Lohnarbeit, nachmittags frei, damit wir uns schon gegen 15 Uhr im Kaiserkeller einfinden können. Kurz zu Hause vorbei und das neue Bühnenhemd, das drei Tage zuvor durch zahlreiche Messerstiche zu einem solchen wurde, mit Dreck verzieren. Früher in den Achtzigern und Neunzigern haben die Black-Metal-Bands ihre Bühnenbekleidung noch im Wald vergraben, heute muss die Blumenerde für die Balkonpflanzen herhalten. Egal, sieht gut schmodderig aus, passt.

Also los geht’s, mein spärliches Equipment und die ca. 50 T-Shirts (uff!) eingepackt und auf Richtung Kaiserkeller. Fußläufig zum eigenen Konzert ist schon eine coole Nummer. Die Nervosität ist inzwischen doch spürbar gestiegen, aber das gehört dazu. Vaddern war Berufsmusiker und hat die Auftritte an den Nagel gehängt, als das Lampenfieber nicht mehr kam.

Was backstage passiert, bleibt backstage

Am Kaiserkeller rödeln die Jungs schon eifrig die Backline aus dem Transporter, den Herbstschatten für die Tour gemietet haben. Das Zeug ist relativ bald da, wo es ist – also gleich mal den Backstageraum auschecken. Woohoo, das ist ‘ne ordentliche Versorgung. Aber wir wollen nicht zu viel verraten, denn mit dem Backstage verhält es sich so ähnlich wie mit dem Sonderzug. Was dort passiert, bleibt dort. Aber für künftige Booker*innen: Keine Sorge, wir haben eine gute Erziehung genossen und sind stubenrein.

Als sich nach viel Zeit für ausgedehnten Soundcheck gegen 19 Uhr die Türen vom Kaiserkeller öffnen, stehe ich in freudiger Erwartung hinterm Merch-Stand. Mäßig professionell drapiert sind unsere Shirts, aber alle fangen mal klein an. Zügig werden wir eine gute Handvoll los, am Ende sind es immerhin mehr als zehn. Es sind also noch ein paar da, liebe Lesenden. Zwinker zwinker.

Währenddessen bekomme ich von Kataris leider nicht so viel mit, aber es klingt nach Spaß und sieht danach auch aus. „TO THE BAND CAVE“ heißt es kurze Zeit später und wir bereiten uns mit dem letzten Feinschliff auf unseren Auftritt vor. Dreck ins Gesicht und los, wir haben nicht viel Zeit. Es kommt mir direkt vor dem Gig ja immer sehr seltsam vor, in voller Klamotte die letzten Kabel auf der Bühne zu verlegen, während der Saal schon gefüllt ist. Aber nützt nix, für entsprechendes Personal reicht’s noch nicht ganz. Selbst ist der Wiedergænger.

Los geht’s!

Ohne Schnickschnack geht es wie geprobt mit „Die Leblosen“ und dem nahtlos anschließenden „Wiedergänger“ weiter. Joa, das haben wir schon etwas sauberer hinbekommen. Ein Bier weniger vorher? Egal. Weiter im Text, jetzt wird’s spannend: Wie macht der Kaiserkeller mit, wenn ich zum gemeinsamen „Kein Fußbreit“ auffordere? Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, gerade in Hamburg, aber Metaller*innen sind ja manchmal so entsetzlich „unpolitisch“. Aber heute mault niemand und bei den grob geschätzten 60 Leuten vor der Bühne ist zu spüren, dass die auf der richtigen Seite stehen. Yeah, „Würmer“ funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Diese Momente sind einfach nicht im Proberaum zu simulieren, das entscheidet sich knallhart auf der Bühne.

Bei „Ekke Nekkepenn“ gelingt es zwar nicht ganz wie erhofft, die Meute zum Hüpfen zu animieren – dafür klappt das völlig überflüssige und gerade deswegen megageile gegenseitige Umgreifen von Bass und Gitarre, wie ich erst später auf Fotos erkennen kann. Hahaha, Rock’n’Roll, Baby! Gesanglich und auch instrumental gelingt das unveröffentlichte „Ein höherer Feind“ richtig gut – puh, eine kleine Sorge weniger. „Weltenende“ ist zwar mal wieder für kleine Unsauberkeiten gut, wir kommen aber 1a wieder rein. Immerhin, das zeigt, dass wir eingespielt sind.

Huch, schon „Vier Tage, vier Nächte„? Das war’s ja schon fast. Aufgrund totalen Tunnelblicks entdecke ich hier auch erst später auf zugespielten Videos, wie gut das gar nicht explizit eingeübte Vier-Personen-Headbanging aussieht. Apropos Tunnelblick: Ja, ich bekomme grob mit, wer dort vor der Bühne steht, dass mal was hineingerufen oder mitgesungen wird, dass die eine oder andere Matte weht. Aber im Großen und Ganzen muss ich ehrlich zugegeben, dass bei der geringen Routine, die wir so haben, die Konzentration und der Fokus auf den eigenen Auftritt eine Menge um mich herum ausblendet. Die kurzen Pausen zwischen den Songs mit deutlichem Applaus verschaffen Hochgefühl, aber wenig Ruhe. Kommt Zeit, kommt mehr Gelassenheit.

Und damit sind wir auch schon am Ende. Die scheinbar letzten Worte sind ans Publikum gerichtet und zack, soll „Im Nobiskrug“ losgehen. Verdammt, vergessen, auf den Merch hinzuweisen. Wie gut, dass wir einmal kollektiv den Einstieg „antäuschen“ und noch mal von vorn anfangen – da kann ich das noch direkt hinterherschieben. Und zack, auf einmal sind auch diese vier Minuten vergangen und wir haben es hinter uns. Es gibt tatsächlich einzelne Stimmen, die so was wie Zugaben fordern, aber das ist heute bei dem engen Zeitplan nicht drin.

Erst mal tief durchatmen

Yeah. Das war ganz gut. Trotz kleinerer Ruckler (vielleicht hatten das frühe Treffen und die reichhaltige Getränkeversorgung einen Teil dazu beizutragen) keine ernsthafte Panne und richtig gute Stimmung. An Bühnen dieser Größenordnung und darüber hinaus kann ich mich gewöhnen, da geht noch mehr, was den Auslauf betrifft. Mal wieder keine ernsthafte Vorstellung, wie es für die Leute im Publikum gewirkt hat. Aber ich bin zufrieden. Den restlichen Abend verbringe ich am Merch, wo noch ein paar Textilien den*die Besitzer*in wechseln, ein bisschen vor der Bühne, ein bisschen backstage. Am Ende muss das ganze Geraffel wieder nach Hause und ich schleppe mich verschwitzt-ausgepowert mit Sack und Pack durch Sankt Pauli. Am nächsten Tag wieder Lohnarbeit. Was kommt mir das profan vor!

Teil 2: Auswärtsspiel

Spulen wir kurz vor. Es ist Freitag, der 29. November, und wir machen uns auf den Weg nach Berlin, um beim Nox A Carnival Vol. 7 zu spielen. Genauer gesagt machen wir uns in unterschiedlichen Kleingruppen und zu verschiedenen Zeiten auf den Weg in die Hauptstadt. „Alle Leute in den Bus und dann Rock’n’Roll“ ist also nicht ganz angesagt.

Unser Treck will sich mit dem Auto am späten Vormittag in Bewegung setzen. Allein, das haut alles nicht ganz hin. Die Fahrenden kommen a) erst deutlich später los als gedacht und b) heute gar nicht ins Zentrum, weil wir Öddel den Klimastreik verschusselt haben. Also fix umdisponiert, den Großteil der T-Shirts wieder ausgeladen und mit Hängen und Würgen treffen wir uns am Hauptbahnhof. Die Stimmung ist erst mal gereizt. Sollen wir uns das bei dem Generve jemals wieder antun mit Konzerten außerhalb der Heimatstadt?

Die Laune soll wieder besser werden

Trotz Stau vor Berlin treffen alle Wiedergænger – zwei Stunden nach Plan – noch locker rechtzeitig im Schicksaal-Tommyhaus ein. Und was für ein guter Laden! Ob es an den Menschen des SJZ Drugstore im Exil oder an den Veranstalter*innen des Nox A Carnival (oder an den wie auch immer gearteten und uns nicht näher bekannten personellen Überschneidungen) liegt: Die ganze Veranstaltung vereint eine friedliche und diskriminierungsfreie Atmosphäre mit großem Spaß an der Sache. Ab und an erscheint es ja in linken Läden, dass man zum Lachen besser in den Keller gehen sollte. Nicht aber im Schicksaal-Tommyhaus: Düstere Clowns, Zirkusmusik, ein Schminkstand und viel Liebe zum Detail erzeugen eine bizarre Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Dazu ist die Organisation zwar entspannt, aber gleichzeitig professionell. Von Anfang an fühlen wir uns pudelwohl.

Da noch etwas Zeit ist, suchen wir uns eine Kleinigkeit zu essen. Bemerkenswert wenig los in der näheren Umgebung des Ladens für einen Freitagabend, aber vielleicht schreckt das nahegelegene Willy-Brandt-Haus Gastronom*innen ab. Am Ende gibt’s eh noch eine leckere Stärkung aus der VoKü sowie eine gute und sehr günstige Bierauswahl. Der Backstageraum ist gut durchgerockt und urgemütlich. So lässt sich das aushalten.

Volle Hütte – um die Zeit?

Schon von Beginn an ist gut was los beim Nox A Carnival. Nanu, geht man in Berlin nicht erst weit nach Mitternacht feiern? Uns soll’s recht sein. Wir werden zwar erst gegen 23 Uhr auf der Bühne stehen, aber es ist ja für alle Beteiligten schöner, wenn schon was los ist. Und so ernten sowohl rýr als auch Red Strict Area viel Aufmerksamkeit. Wir selbst können früh den Merch-Stand beziehen und müssen uns offensichtlich keine Sorgen machen, dass da was ungewollt wegkäme. Verkaufen können wir leider aber auch nicht viel. Das macht aber nix, kommt sicher noch.

Kleiner Wermutstropfen: Da der Backstageraum nur über die Bühne zu erreichen ist, können wir während der Auftritte nicht zwischen vorn und hinten wechseln. Das bedeutet, dass wir uns die guten Teryky nur von schräg hinten angucken können. Aber wir werden einander eh wiedersehen.

Dann steigt die Spannung, denn allmählich sind wir an der Reihe. Klamottenwechsel und Dreck ins Gesicht. Danke noch mal an Annika von Teryky, die in Ermangelung eines vernünftigen Spiegels bei den Äußerlichkeiten assistiert. Von ihr bekomme ich außerdem die „Fernbedienung“ für die Nebelmaschine in die Hand. Oh, cool? Hätte ich mir mal vorher Gedanken gemacht, wann ich die gezielt einsetze!

Da sich alles etwas verzögert und wir sogar doch noch so etwas wie einen Soundcheck bekommen, hätte ich theoretisch noch Gelegenheit, darüber nachzudenken. Allein, so ganz den Kopf dazu habe ich nicht. Dabei ist die Nervosität heute meinerseits gar nicht so groß: Das Set wird das gleiche sein wie drei Wochen zuvor, wir sind also noch gut in der Spur. Und auswärts kennt uns eh kaum jemand. Wir können also eigentlich nur gewinnen, vor allem, weil wir gegenüber den post-metal-lastigen anderen Bands des Abends mit unserem „Deep Diggin’ Dreck’n’Roll“ stilistisch etwas aus der Reihe tanzen.

Also los!

Dann wollen wir mal. Nach der relativ langen Verzögerung in der Running Order ist Berlin jetzt auch fällig! Und das gelingt von der Bühne aus gesehen ziemlich gut: Auch wenn wir davon ausgehen müssen, in der Hauptstadt zuvor noch nicht auf viele offene Ohren getroffen zu haben, ist von Anfang Bock im Publikum spürbar. Da wehen Haare, da werden Fäuste gereckt und „Kein Fußbreit“ mitgebrüllt. Applaus geht runter wie Öl. Dass ich eine Strophe verhaue oder mal ein kleines Fill fehlt, stört offensichtlich Keine*n. Natürlich ärgert man sich als Musiker*in im Nachhinein auch noch über kleine Fehler, aber die zunehmende Erfahrung lässt uns gelassener werden. Und die meisten Unsauberkeiten fallen schließlich nur denjenigen auf, die sie verursachen.

MagischerFC Wiedergaenger Setilist Nox A Carnival November 2019
So sieht das auf der Bühne dann eben aus

Eine Weile kann ich nur wenig sehen, weil wir ziemlich viel Licht im Gesicht haben. Im Laufe des Auftritts bemerke ich allerdings zwei, drei Menschen, die in der ersten Reihe sitzen (!) und seelenruhig ihren Eintopf futtern (!!). Ich bin viel zu perplex, um was Geistreiches dazu zu sagen. Sie stören ja nun auch niemanden und bremsen uns nicht aus. Die gar nicht ganz kleine Bühne kommt meinem Bewegungsdrang jedenfalls abermals entgegen. Den kurzzeitigen Gedanken, mal von der Bühne in Publikum zu hüpfen, lasse ich zum Glück wieder fallen. Wir wollen ja nicht gleich übertreiben.

Wie das so ist, geht der Gig viel schneller um als erwartet. Liebe Lesenden, habt ihr die Nebelmaschine noch im Kopf? Ich nämlich auch nicht. Erst kurz vor Schluss fällt mir die kleine Fernbedienung wieder ein. Vermutlich wirkt der ungewollt sparsame Einsatz gewollt. Geile Option jedenfalls, die ich gern öfter hätte.

Als die letzten Takte von „Im Nobiskrug“ verklungen sind und wir höflich die gar nicht mal zaghaften „Zugabe!“-Rufe zurückgewiesen haben (es ist zeitlich eh schon alles so weit drüber), falle ich den anderen Jungs erst mal um den Hals. Das war im Ganzen richtig geil. Großartig zu spüren, dass der Mist gut ankommt und sich die wachsende Erfahrung zeigt.

Ausklang: Es wird eine lange Nacht

Herrlich, durch zu sein. Fix die Sachen nach hinten gebracht und wieder vor die Bühne, um nicht bei Kyáneos im Backstage gefangen zu sein. Der Rest ist Gelassenheit und Grinsen und Bier. Irgendwann nach 3 Uhr taumeln wir in die Unterkünfte, die für uns glücklicherweise sehr leicht erreichbar sind. Schlaf wird’s dennoch nicht viel und der Morgen knatschig. Aber hell yeah – Abende wie diese sind der Grund, warum ich den Scheiß so gern mache.

Wenn ihr Wiedergænger live sehen wollt, habt ihr schon am 14.12. nach dem Wiesbaden-Spiel die nächste Gelegenheit im Indra Club beim Next Step Festival 2019! Tickets gibt’s für schmales Geld hier.

Jul 162019
 

Hopping der harmlosesten Sorte

Liebe Lesenden,

vor knapp 1000 Jahren schrieb Adam von Bremen seine Hamburgische Kirchengeschichte. Da zum damaligen Erzbistum Hamburg Landschaften wie Holstein und Dänemark sowie nominell auch Island, Grönland und sogar Nordamerika (in Form von Vinland) gehörten, sah er sich genötigt, ein bisschen was über die Völker des Nordens zu schreiben. Auch über die Norweger*nnen verlor Adam manche Worte. Im Großen und Ganzen kam der Kirchenmann zu dem Urteil, dass die Nordländer*innen zwar überwiegend Barbaren seien, die das Christentum noch nicht ausreichend angenommen hätten, doch allzu großes kategorisches Fremdeln lässt sich aus Adams Urteil nicht herauslesen. Schließlich gehören ja alle irgendwie zusammen.

Wozu jetzt dieser kleine, stark vereinfachte mediävistische Exkurs? Nun, ein Teil von uns war kürzlich auf Norwegenreise. Und da wir ein Fußballblog sind, wollen wir euch an einem Erlebnis teilhaben lassen.

Heia Brann

Ausgangspunkt unserer Unternehmung ist Bergen. Da wir einige Tage in der Regenhaupstadt zubringen werden, machen wir uns im Vorfelde schlau, ob es nicht für Fußballjunkies auf Sommerpausenentzug was zu gucken gibt. Und es gibt, schließlich geht in Norwegen die Saison von März/April bis November. Der lokale Verein SK Brann hat an dem Freitag unseres Aufenthaltes ein Heimspiel gegen Mjøndalen IF zu bestreiten. Da kann man doch mal gucken, was das kostet – und tatsächlich schlägt ein Sitzplatz mit gerade einmal rund 30 Euro zu Buche. Angesichts der sprichwörtlich astronomischen Preise in Norwegen ist das doch ein Schnapper. Das machen wir.

MagischerFC-Brann-Stadion-aussen
Das Stadion am Kniksens Plats

Und so geht es Freitagabend in Richtung Brann Stadion. Die Kiste am Kniksens Plats fasst nicht mal 18.000 Personen, ist damit aber schon die drittgrößte Arena in Norwegen. Ja, das Land ist groß, aber Norweger*innen gibt es nicht gerade viele. Auch wenn Fußball einen hohen Stellenwert im Lande genießt, sind alle Dimensionen entsprechend überschaubar.

Braunweiß 1910

Mit der kürzlich erst erbauten Straßenbahn erreichen wir eine gute Stunde vor Anpfiff das Stadion. Offenbar ist das noch reichlich früh. Durch den Idrettsveien (“Sportweg”) latschen wir gemächlich zu unserem Ziel und bemerken dabei, dass der heutige Gegner Mjøndalen Braunweiß trägt und dick das Gründungsjahr 1910 präsentiert. Wäre der Auswärtsblock da doch die bessere Idee gewesen? Nunja, um ausgeprägte Sympathien in die eine oder andere Richtung muss es heute ja nicht gehen. Fantrennung gibt’s jedenfalls keine und beim Schlendern rund um das Brann Stadion sehen wir sage und schreibe ein einziges Polizeiauto. Nebenan ist noch großes Fanfest mit Hüpfburg und allem Pipapo. Familie wird offenbar groß geschrieben beim norwegischen Fußball. Das anscheinend vollkommene Fehlen von rivalisierendem Gekribbel ist irritierend, aber manchmal, denken wir Hippies, könnte Fußball doch wirklich so harmlos sein.

MagischerFC-SKB-Pullover
Für kleine Szenekundige?

Im Fanshop freuen wir uns noch über die Art und Weise, wie der Sportsklubben Brann sich abkürzt. Da kann man sich durchaus Menschen mit auffälliger Barttracht vorstellen, die so was tragen.

Seksjon Fjordkraft

Also auf zur Seksjon Fjordkraft. Was stellt man sich unter diesem Namen vor? Eine martialische Wikinger-Ultrà-Gruppe? Fast. Es ist lediglich die Gegentribüne des Brann Stadions, benannt nach einem Stromanbieter. Der Name der Arena ist beim Verein geblieben, dafür hat jede Tribüne einen eigenen Großsponsor. Wir sind jedenfalls ganz zufrieden mit Sitzplätzen, denn erstens wären Stehplätze kaum billiger gewesen und zweitens lässt sich das Geschehen wesentlich neutraler beobachten. Mehrere Paraglider über dem Stadion, die von den Bergener Hausbergen gestartet sein dürfen, haben einen gewissen Unterhaltungswert.

MagischerFC-Brann-Stadion-innen
Viel voller wird’s nicht. Der von oben hilft auch nicht nach.

Ernüchternd: kein Bier. Nicht mal für 20 Euro. Das puritanische Norwegen hat bekanntlich eine ziemlich restriktive Alkoholpolitik, die sogar den Verkauf von Höherprozentigem (mehr als 5 %) in Supermärkten untersagt und selbst Bier ist dort ab 18 Uhr unter Verschluss. In Kneipen kostet das flüssige Gold gern mal umgerechnet 8-9 Euro. Und so berauschen sich die Bergenser*innen mit Kaffee und Cola, Popcorn oder Speckchips. Damit auch niemand zu viel Spaß hat, ist das Stadion außerdem komplett rauchfrei. Wir legen einem Antragsteller von der letzten JHV hiermit die Auswanderung nahe. Genug Platz im Stadion ist auf jeden Fall auch, es werden keine 10.000 Gäste im Stadion gezählt. Ob es an der Ferienzeit liegt? Man weiß es nicht.

Fotball!

Das Vorgeplänkel mit einer Musikauswahl, die vermutlich selbst für den Pöbelbus zu gummibärig wäre, wird unterbrochen von der einen oder anderen Vereinshymne (in einem Gitarrenstück wird sehr wohl Hansa Øl besungen), wo niemand mitsingt. Dann aber hauen die Bergenser*innen alles raus bei “Nystemten”, der Stadthymne. Gänsehaut. Nicht. Stellt euch mal vor, hierzulande würde “Stadt Hamburg an der Elbe Auen” geschmettert. Ähnliches Level.

Nun geht das Spiel auch mal los. Und das ist auf einem überschaubaren Niveau. Brann spielt derzeit durchaus oben mit, steht zum Zeitpunkt des Spiels auf Platz 3 und hat mit dem drittletzten Mjøndalen einen schlagbaren Gegner zu Gast. Die ersten Minuten gehören allerdings den Herren aus dem Südosten des Landes. Doch das ändert sich bald. Über weite Strecken gibt es massiven Einbahnstraßenfußball zu sehen und am Ende ist der Ballbesitz mit 69 zu 31 % für die Heimmannschaft verteilt. Doch Zählbares kommt trotz einiger sehenswerter Chancen nicht dabei raus, es bleibt beim 0:0 nach 90 Minuten. Die Tore des Spieltages werden wohl alle bei den parallel stattfindenden Spielen verbraucht, wo es ein 6:0 und ein 4:2 gibt.

Lagets tolvte mann?

Ein Blick rüber zum “Brann Bataljonen”, dem offiziellen Supporterclub von SKB, der sich kreativ als “zwölfter Mann der Mannschaft” bezeichnet: Auf den Stehplätzen, wo grob geschätzt knapp 200 Leute versammelt sind, entwickelt sich kurz nach Anpfiff doch ein beachtlicher Support. Ganz ohne Trommel oder Megafon und natürlich völlig unberauscht machen die Rotweißen Alarm und singen mehr oder weniger nonstop. Das ganze Stadion kriegen sie dabei nur selten mitgerissen, lediglich zwei Mal fühlen wir uns zum Aufstehen genötigt und klatschen hier und da höflich mit. Von den wenigen mitgereisten Mjøndalern hören wir zaghafte Gesänge – wie viele tatsächlich vor Ort sind, lässt sich von unserer Sitzposition schwer ausmachen. Auf den paar Auswärts-Stehplätzen sind allenfalls zwei, drei Dutzend Menschen, aber die Sitzplätze werden sich noch mehr Braunweiße befinden.

MagischerFC SK Brann Mjoendalen IL
Unterhaltsames, aber torloses Spiel

Als nach fünf Minuten Nachspielzeit trotz verzweifelter Bemühungen von Brann die letzte Pfeife der torlosen Partie erklingt, erschüttern uns gleich zwei Dinge. Erstens ein Pfeifkonzert der Heimfans, das offensichtlich der eigenen Mannschaft gilt. Bitte was? Not our kind of support, nicht mal nach einer herben Niederlage. Aber bei einem torlosen Unentschieden, das immerhin Unterhaltungswert bot? So erfolgsverwöhnt ist der SK Brann eigentlich nicht, dass wir das nachvollziehen könnten. Zweitens leert sich das Stadion schneller, als wir “Våre hjerter står i Brann” sagen können. Vielleicht ist es ja der ungestillte Bierdurst, der die Menschen von den Tribünen zieht. Die Ankündigung des Stadionssprechers des nächsten Spiels, die Europa-League-Qualifikation gegen die Shamrock Rovers, lässt uns ein wenig wehmütig von internationalem Fußball träumen, auf den wir mit dem FCSP trotz nicht unbedingt geringeren Niveaus noch ein Weilchen warten müssen.

Da wir selbst Trottel sind, die das mit dem “kein (Voll-)Bier im Supermarkt nach 18 Uhr” noch nicht genug verinnerlicht haben, lassen wir den Abend mit Lettøl ausklingen. Als zwingend würden wir den Besuch beim SK Brann vielleicht nicht bezeichnen. Aber spannende Einblicke in den norwegischen Kosmos gab es dennoch.

Jun 222019
 

Liebe Lesenden,

wenn sich zwei Menschen ganz doll lieb haben … äh … wenn eine Biene und eine Blume …

Wartet bitte, wir kommen noch mal rein. Und ja, wir sind wohl etwas aus der Übung.

Also.

Es gibt da diese beiden Menschen, denen wir uns sehr verbunden fühlen. Sie sind jetzt schon ziemlich lange ein Paar und haben sich zu unser aller Begeisterung entschieden, demnächst die Steuerklasse zu wechseln. Einander das Ja-Wort zu geben. Sich zu vermählen. Wie auch immer wir dieses Ereignis nennen wollen, das sind ja ohnehin alles nur bürgerliche Kategorien.

Jedenfalls möchten wir, die derzeit nicht heiratenden Teile dieses Blogkollektivs, unsere wundervolle Plattform für eine bescheidenen Glückwunsch nutzen. Auch wenn zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung die Trauung noch nicht vollzogen worden sein wird (ist das jetzt Futur Drölf?), sondern vielmehr holterdiepolterbisnachobervolta ein anderer schöner Brauch zelebriert wird.

Wird bei einem Polterabend eigentlich Poltergeist serviert?

Nun verhält es sich bei so intimen Feiern ja ähnlich wie mit einer Sonderzugfahrt: Was auf dem Polterabend passiert, bleibt auf dem Polterabend. In weiser Voraussicht haben wir also diesen kleinen Text vorgeschrieben.

Und sie fahren

Und sie fahr’n nach Hannover
Und sie fahr’n zum VfB
Und sie fahren nach Wiesbaden
Und sie fahr’n zum KSC

Und sie fahren nach Sandhausen
Und sie fahr’n zu Holstein Kiel
Und sie fahren auch nach Darmstadt
Ja, sie fahren ziemlich viel

Seien sie im Erzgebirge
Oder fern im Ruhrgebiet
Ihnen ist kein Weg zu weit
daher singen wir dieses Lied

Seht ihr sie auf fremden Plätzen
Und habt ihr sie gleich erkannt
Drückt ihnen, ein, zwei Kaltgetränke
in jede schöne Hand

Und sie fahren zur Arminia
Ins obskure Bielefeld
Und sie fahren auch nach Heidenheim
Haben die denn zu viel Geld?

Sie zeigen so viel Liebe
für den magischen FC
Einst mit Fußball anzufangen
war ’ne schlimmschöne Idee

Dadadaa

Und sie fahren zu Dynamo
Und sie fahr’n nach Osnabrück
Und sie fahren zu den Rauten
Und die Bären bringen Glück

Mal ist sie auf den Lofoten
Mal ist er bei Rock im Park
Gäben wir den Beiden Noten
Gäb’s zweimal „bärenstark“

Einst fahren sie nach London
Lissabon, Paris, Madrid
Mit Sankt Pauli in die Champions League
Und wir fahren alle mit

Und dann fahren sie nach Hause
nach Haus ans Millerntor
Da stehen wir zusammen
und schreien ihnen laut ins Ohr

Und sie fahr’n auch nach Chicago
Und sie fahren zu den Cubs
Alles Gute dieser Liebe
Alles Gute, T. & N.!

Falls ihr die beiden bei nächster Gelegenheit auch besingen möchtet, geht das übrigens auf diese Melodie:

Bzw. hier in passender Karaoke-Fassung:,

Apr 082019
 

LiterarischerFC: Wir haben uns mit Toni Gottschalk in der Kneipe zusammengesetzt, um über “Konfetti im Bier”, Älterwerden und Ei-Fürze zu sprechen und schlechte Wortwitze auszutauschen. Welchen Stellenwert Gewalt und Drogen haben und ob Deutschlands erster Ultrà-Roman verfilmt wird, erfahrt ihr im Folgenden.

Toni … oder soll ich lieber Marco sagen?
Muhahaha.

Wollen wir übers Derby reden?
Willst du übers Derby reden? Ich dachte, wir reden übers Buch.

Ja, sprechen wir lieber über dein Buch „Konfetti im Bier“. Das ist nun seit ein paar Wochen draußen. Schwimmst du schon im Geld und kannst bald deinen Job kündigen?
[Verzweifeltes Lachen] Achso, das ist eine ernstgemeinte Frage oder was?

Naja. Wie sind denn insgesamt so die Reaktionen bei Freunden, Familie, der Gruppe oder Presse?
Es ist noch relativ kurz, um das einschätzen zu können. Es hat irgendwie noch niemand gelesen. Die drei Leute, die es gelesen haben, finden es ganz gut. Vielleicht haben sich aber auch nur die gemeldet, die es ganz gut finden.
Und Geld: Ich komme so ungefähr bei Null raus, wenn die erste Auflage weg ist.
Weil du was vorschießen musstest?
Nee, aber ich habe ja einfach investiert. Allein, das an zig Verlage zu schicken, auszudrucken, Probedrucke fürs Vorlektorat zu machen, dies das. Da steckt einfach eine Menge Geld drin. Und ich habe auch schon eine Menge Geld für Sankt Pauli und linke Strukturen versprochen und dann bin ich halt bei Null.

Dass man damit nicht reich wird, denke ich, ist allen klar. Aber bist du selbst zufrieden mit “Konfetti im Bier”?
Sagen wir mal so: Ich stehe dahinter. Ich bezeichne es als einen “nur ein bisschen geschliffenen Rohdiamanten”.

Wie kam es zu der Idee, den ersten deutschsprachigen Ultrà-Roman zu schreiben? Erzähl mal die grobe Entstehungsgeschichte.
Die Frage beantwortet das eigentlich schon selbst. Der Erste zu sein, ist immer ganz nett. Ich hatte schon lange Lust, ein Buch zu schreiben – eigentlich, seit ich lesen kann. Natürlich ist so etwas autobiografisch Angehauchtes ein bisschen einfacher für den Einstieg. Eine Subkultur als Basis ist natürlich ganz nett.
Wie viel Autobiografie steckt drin, so grob?
Zwei Prozent oder so, der Rest ist ausgedacht.

Wie lang hast du ungefähr daran gearbeitet?
Brutto acht Jahre, netto zwei bis zweieinhalb. Es gab lange Phasen, wo ich nichts gemacht habe. Zwischendurch haben mir immer mal verschiedene Leute in den Arsch getreten und meinten: “Du musst das jetzt auch mal fertig machen.” Irgendwann habe ich dann gedacht, jetzt muss ich das mal an Verlage schicken. Und dann hat einer gesagt: “Wir drucken das.”
War die Verlagsuche ein langes Prozedere?
Ich habe sehr viele Briefe verschickt. Aber mein Anschreiben war sensationell gut. Entsprechend hat es mich nicht gewundert, dass irgendjemand das Buch angenommen hat. [lacht]
So wie eine Standardbewerbung an hunderte Unternehmen?
Genau. Nein, ich habe das schon als Pitch-Situation begriffen und im Anschreiben präzise und auf den Punkt einen Vorgeschmack gegeben, was einen erwartet. Habe ich wohl ganz gut hingekriegt. [grinst]

Das Buch Konfetti im Bier
Konfetti im Bier zwischen Bier und Bier

Wen siehst du als deine Leser*innenschaft, an wen ist das Buch gerichtet?
Das ist eine Frage, mit der ich mich sehr lange beschäftigt habe – auch während des Schreibens noch. Es sind konzentrische Kreise nach außen: In erster Linie habe ich für meine Homies geschrieben, für meine Gruppe. In zweiter Linie für alle Sankt-Pauli-Fans und alle linken Ultras. Dann geht es nach außen gefächert weiter; dann kommen alle Ultras, alle Fußballfans, alle, die sich irgendwie als links verstehen.

Du wirst dir ja oft die Frage selbst gestellt haben: Wie viel musst du erklären, wie viel kannst du als bekannt voraussetzen. Hattest du einen konkreten Plan oder hast du das einfach laufen lassen?
Ich habe versucht, zum Einstieg etwas mehr zu erklären, es ein bisschen direkter zu machen und gegen Ende ein bisschen weniger. Das spiegelt sich ja in der Länge der Teile wider. Der erste Teil ist der längste, auch, weil die Figuren eingeführt werden, aber auch, um Kontakt aufzunehmen zu dem Ganzen. Aber auch, um es Leuten, die das Thema schon kennen, Identifikationsfläche zu bieten.
Natürlich hat der Verlag da noch etwas Einfluss genommen. Die haben gesagt: Lass uns am Ende ein paar Erklärungen machen.
Das Glossar …
Genau. Ein paar Sachen haben wir im Text gelassen, weil sie entweder Gags beinhalten oder weil es einfach besser passt, sie nicht nach hinten zu verbannen. Aber es gab keinen Masterplan.

Es kommen ein paar Charaktere vor, die manchem Fan von Sankt Pauli bekannt vorkommen müssen. Ist „Konfetti im Bier“ ein Schlüsselroman?
[Lacht] Das ist eine Fangfrage. Nee. Was die Gruppe betrifft, habe ich versucht, Leute zu schützen. Die Gruppe ist sehr groß, ich musste das auf ein paar Charaktere eindampfen. Ich wollte schon das Gewusel darstellen, das Kommen und Gehen, das in so einer Gruppe gibt, aber auch nicht übertreiben. Entsprechend fließen in den einzelnen Figuren sehr viele zusammen. Es gibt einzelne, die aufgrund ihrer Funktion exponiert sind, beispielsweise der Vorsänger. Die habe ich mit Absicht so verfremdet, dass sie ganz weit weg sind von den realen Personen.
Es gibt eine Person im Buch, die genau so ist wie im echten Leben, und die habe ich vorher gefragt.

Wenn man das Ding auf dem Klo liest, ist es dann ein Schüsselroman?
Mein eines Comicheft wurde tatsächlich schon so beworben.
Oh, entschuldige.
Macht nix, das ist schon lange her. [lacht]

Du lässt deine Geschichte in der Sankt-Pauli-Fanszene spielen. Das ist nachvollziehbar und gleichzeitig mutig. Warum kam für dich kein anderer oder ein fiktiver Verein infrage?
Darüber habe ich genau so lange nachgedacht wie darüber, für wen ich eigentlich schreibe. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, es in der Szene und im Viertel spielen zu lassen, einfach, weil es am authentischsten ist. Ich habe kurz darüber nachgedacht, gar keine Stadt zu benennen, eine ausgedachte Stadt quasi. Ich glaube, da hätten sich trotzdem viele wiedergefunden. Aber wie gesagt, ich habe entschieden: Ich schreibe das in erster Linie für meine Gruppe und meine Freundinnen und Freunde. Da war es am besten, es hier in den Straßen und Clubs undsoweiter stattfinden zu lassen.
Authentizität hast du selber gerade erwähnt – das ist dir schon wichtig, oder?
Bei einem Subkultur-Roman ist das der wichtigste Punkt, würde ich sagen. Auch in der Vermarktung.
Einen Ultrà-Roman schreiben kann nur, wer Ultrà ist oder mal war?
Aus literarischer Sicht wäre es vielleicht besser geworden, wenn das jemand anders geschrieben hätte. Ich weiß nicht, ob du den Roman “Hool” kennst, der ist vor zweieinhalb Jahren erschienen. Der spielt in der Hannoveraner Fanszene und der Autor [Philipp Winkler] hat sich mit Leuten getroffen, die auf den Acker gehen und hat das konstruiert. Literarisch ist der bestimmt besser als meiner.

War es bei dir der Weg des geringsten Widerstands und des geringsten Aufwands, das im eigenen Vorgarten spielen zu lassen?
Willst du damit sagen, ich habe es mir leicht gemacht? [lacht] Ich weiß nicht, ob das so viel leichter war. Man gerät da in Gefahr, wenn man einen Straßennamen nennt und alle das sofort vor Augen haben. So setzt man es als bekannt voraus. In einer fiktiven Stadt hätte man es viel genauer beschreiben müssen, was vielleicht an der einen oder anderen Stelle gut getan hätte.
Für Nicht-Hamburger könnte das etwas schwieriger sein, das zu verstehen, selbst wenn sie ab und an mal hier sind …
Das Verständnis vielleicht nicht, aber die Kenntnis der Orte.

„Alt vs. jung“ habe ich als einen roten Faden herausgelesen. Würdest du sagen, dass die Generationenfrage aktuell das wichtigste Thema bei USP oder der Ultrà-Bewegung insgesamt ist?
Das ist immer wichtig. Ultrà, das ist jetzt mehr als 25 Jahre alt in Deutschland, da hat es ja schon mehrere Generationenwechsel gegeben. Einige Gruppen haben das besser hinbekommen, andere schlechter. Grundsätzlich ist das immer ein Thema bei jeder Gruppe, die älter ist als fünf Jahre. Ich habe versucht, die Themen und die wiederkehrenden Motive so zu gestalten, dass es viele Anknüpfungspunkte für Leute gibt, die auch nicht direkt aus der Szene kommen. Jeder, der mal auf einem linken Plenum war, wird mit den Diskussionen und Streitpunkten auch viel anfangen können.
… worüber die ja mit etwas gesundem Zynismus drüberbügelst.
Zynismus ist ein bisschen hart, ich würde es als Sarkasmus bezeichnen. Ich liebe den Scheiß ja doch noch ganz schön – auch wenn ich viel zu alt bin – , als dass ich zynisch geworden wäre.

Einmal müssen wir doch noch im Ansatz über das Derby sprechen und zwar rund um den Veröffentlichungszeitpunkt von “Konfetti im Bier”. Das war ja auffällig nahe an dem Großereignis, das uns nun in nicht so geiler Erinnerung bleiben wird …
… den Dom, meinst du? [lacht]
War der Veröffentlichungszeitpunkt so nahe am Derby Absicht?
Nee, ich hätte mir da was Anderes gewünscht. Aber der Verlag wollte, dass es ein paar Wochen vor der Buchmesse erscheint, um schon ein bisschen Buzz zu erzeugen. Sodass es zur Buchmesse da ist, aber nicht so krass untergeht, weil sehr viele große Verlage große Sachen raushauen. Deshalb wollten die das ein paar Wochen vorher machen und dann war Anfang März der Wunschtermin des Verlages. Für mich war das nicht so richtig gut, aber ist letztlich auch egal.
Ich musste ein bisschen schmunzeln. Im Buch gibt es das kleine Derby, aber als ich anfing zu schreiben – 2011 oder so – , war das Derby in so weiter Ferne, da wurde ich von der Realität eingeholt.

Noch mal zur Erzählung: Auffällig fand ich, dass Gewalt & Drogen ziemlich selbstverständliche und, sagen wir mal, nicht gerade reflektierte Bestandteile der Erzählung sind.
Dann hast du aber nicht aufmerksam gelesen.
Sind das unverzichtbare Dinge, um ein glaubwürdiges Bild zu zeichnen?
Letztlich war mein Hauptziel mit dem Buch, eine interessante und unterhaltsame Geschichte zu erzählen. Da habe ich mir natürlich die Spitzen aus dem subkulturellen Leben herausgegriffen und dann noch hart übertrieben. Entsprechend ist nicht alles für bare Münze zu nehmen. Schlägereien wie im Buch haben die wenigsten Leute in der Gruppe tatsächlich erlebt, nicht in der Intensität. Es ist ein Roman und keine Autobiografie. Solche Sachen machen ein Buch spannend.
Aber klar, Gruppen wie Ultras mit 200 Leuten sind irgendwo ein Spiegel der Gesellschaft und Rausch und Gewalt gibt es halt. Es geht ja auch ums Erwachsenwerden und Coming of Age und da sind das gute Punkte, die man aufgreifen kann.
Und nochmal zum Thema “unreflektiert”. Ich wollte natürlich keinen erhobenen Zeigefinger hineinbringen, aber man kann schon meine Meinung zu den Sachen herauslesen. Auch in den verschiedenen Stadien: Es gibt ja Einsteiger, alter Hase und ganz alter Hase, also Aussteigerin, und die verschiedenen Einstellungen zu den Sachen werden da schon deutlich.

Kommen wir zur Buchmesse in Leipzig. Du hattest da ja auch mehrere Lesungen. Wie waren die Reaktionen? Immerhin kommt Sachsen nicht so gut weg in deinem Roman …
Aber der Vorsänger ist doch Sachse! Also, die Reaktionen: Ich habe in kleinen und auch in coolen Orten gelesen und die Leute waren schon sehr gezielt da. Einmal habe ich tagsüber in einer Buchhandlung gelesen, da war eher älteres Publikum. Die haben sich auch amüsiert. Es war nicht so, dass die älteren Herrschaften nicht auch herzlich über einen Ei-Furz lachen können. [lacht]
Es war schon lebhaftes Interesse. Natürlich habe ich auch die Sankt-Pauli-Leute aus der Region angezogen. Ein, zwei Totenkopfpullis waren auf jeder Lesung da. Aber auch jede Menge andere Szenen, das darf man eigentlich gar nicht erzählen, was da so herumlief.

Barkeeperin: Wolltest du noch?
MagischerFC: Jo!
Toni: Ich nehme auch gern noch eins.
MagischerFC: Aber du hast doch noch voll viel.
Toni schlürft.
MagischerFC: Kennst du UWE?
Toni: Welchen Uwe?
MagischerFC: U-W-E. Unten wird’s eklig. Egal, das war jetzt keine offizielle Frage.

Am 13. April steht deine erste Lesung in Hamburg im Jolly an …
Die zweite. Bei der Release-Party im Landgang am 2. März war die erste Lesung.
Großer Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspielen?
Ja klar. Das Buchmesse-Publikum reagiert auf ganz andere Sachen als die Leute hier. Ich freue mich auch auf die Jolly-Lesung. [Zur Barkeeperin: Ich nehme auch gern noch eins! Achso, kommt schon. Hervorragend. Danke.] Da kann ich auch ganz andere Stellen lesen. Das wird lustig.

Sind weitere Lesungen in Planungen? Hättest du einen Wunschort?
Naheliegend ist das Stadion, die Fanräume, Museum. Ich habe mich ehrlich gesagt noch nicht darum gekümmert. Aber vielleicht kommt ja mal jemand auf mich zu, der eine Veranstaltung macht, wo es passt. Ansonsten … ich würde von mir aus lieber in Kneipen lesen …
… als im CCH …
… als in einem kalten Raum, der wie eine Schulaula aussieht.
Also lieber eine Tresung.
Genau. Aber ich habe nichts groß geplant. Es ist ja auch alles neu für mich. [Zur Barkeeperin: Dankeschön!] Der Verlag hätte schon gern, dass ich viele mache. Aber ich bin da nicht so hinterher. Ist immer auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Bei der einen Lesung in Leipzig … die hat Spaß gemacht, die Leute waren sehr interessiert und haben viele Fragen hinterher gestellt. Wir haben vier Bücher verkauft. Vom Verlag waren zwei Leute da und ich zwei Stunden lang. Vier verkaufte Bücher, das ist dann so das Bier, das ich nach meinen Freigetränken getrunken habe. Finanziell, medienwirksam, ich weiß nicht, wie viel das wirklich bringt. Es gehört irgendwie dazu, aber ich kann das nicht richtig einschätzen. Und ich bin kein Schauspieler.
Aber da wächst man doch rein.
Ich bin auch schon ein bisschen lockerer geworden.

Du bist ja sonst überwiegend als Basch-Comiczeichner bekannt. Wann erscheint die illustrierte Ausgabe von „Konfetti im Bier“?
Ich habe schon vor, ein Heft zu machen, was dieses Jahr herauskommen soll.
Das sich auf “Konfetti im Bier” bezieht?
Nö. “Lustig ist witzich 4”. Den dritten Teil, da warst du noch gar nicht geboren, als ich den gemacht habe. Ohne Witz, das war 2000 … zehn Jahre her oder elf. [nuschelt]
2010 Jahre her?
Genau. Da warst du auf jeden Fall noch nicht geboren.

Kannst du dir eine Fortsetzung von “Konfetti im Bier” vorstellen?
Nee, das ergibt auch gar keinen Sinn. Ich kann mir vorstellen, noch einen Absatz oder ein Kapitel zu machen, das man in einem Heft herausbringt. Aber ein ganzes Buch … wer soll das denn verlegen? [lacht]

Wie würdest du reagieren, wenn jemand mit der Idee um die Ecke käme, das Ding zu verfilmen?
Wenn du das aufmerksam gelesen hast …
Nee.
Offensichtlich nicht. Ist auf jeden Fall ein zweischneidiges Schwert. Natürlich cool und eine Ehrung des Stoffes. Aber Verfilmungen sind immer schwierig, weil die Bilder anders aussehen als die, die ich im Kopf hatte. Mal abwarten. Das ist so weit weg.
Wenn ja, hättest du eine Wunschbesetzung?
Besetzung … wer das spielt, ist ja wurst. Ich kenne gar keine jungen Schauspieler.
Du brauchst doch auch alte Säcke.
Fatih Akin sollte schon der Regisseur sein. Alles andere ist nicht so wichtig.

Wir nähern uns dem Ende. Zum Abschluss: Hast du einen Lieblingscharakter? Außer Marco.
Ich mag sie natürlich alle sehr gern. Merks, Subbe und Jette sind stellvertretend für meine eigene Entwicklung in der Gruppe. Natürlich bin ich Jette am nächsten vom Alter und Weisheitsgrad her. [lacht] Entsprechend kann ich sie ganz gut leiden.

Toni, danke fürs Interview!
Sehr gerne.
Die letzten Worte gehören dir. Willst du doch was loswerden?
Wer nichts wird, wird weird.

“Konfetti im Bier” gibt’s im Fanladen eures Vertrauens, in guten Buchläden und direkt beim Liesmich Verlag.

Mrz 062019
 

Liebe Lesenden,

wir können nicht nur ausgezeichnet pöbelige Fußballspielberichte schreiben, sondern sind in unserer magischen Vielfalt natürlich auch begabte Literaturrezensent*innen. Und wenn uns schon ein Buch in die Hände fällt, das unseren Sankt-Pauli-Kosmos berührt, ja gar durchdringt, können wir gar nicht anders, als euch daran teilhaben zu lassen.

Bücher über Ultras gibt es einige …

Aber Bücher direkt aus der Kurve – und dann auch noch aus der Südkurve des Millerntors? Wahnsinn! Toni Gottschalk, allseits bekannt als der Comiczeichner der Basch, hat tatsächlich seinen Debütroman veröffentlicht. “Konfetti im Bier” heißt das Ding und beweist, dass Toni schlechte Wortwitze auch auf Buchlänge auswalzen kann. Aber wer den “Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen”-Humor nun als einziges USP (ha ha) von “Konfetti im Bier” vermutet, liegt falsch. Das Ding kann mehr.

Der erste Ultrà-Roman im deutschen Sprachraum riecht nach Bier und Kippen, nach Joints und Lines, nach Heiserkeit und Kopfschmerzen, nach alten Socken und neuen Sneakern, nach Tapetenfarbe und Nasenbluten. Toni schickt in “Konfetti im Bier” die vielfältige Gruppe rund um Merks, Subbe, Jette, Marco & Co. auf mehr oder weniger normale Wochenendtrips, die ans Millerntor, nach Dresden und sogar nach Genua führen. In den drei Abschnitten Heim, Auswärts und Hoppen wird so ziemlich nichts von dem ausgelassen, was man sich so unter dem Ultrà-Dasein vorstellt: Choreo-Gebastel, Politikdiskussionen, Drogenexzesse, Stress mit Bullen und eine kräftige Prise sportliche Auseinandersetzungen – vor allem aber das packende Spannungsfeld von unüberbrückbarer Rivalität und bedingungsloser Solidarität.

Nur die Alten, nur die Guten?

Toni-Gottschalk-Konfetti-im-Bier-Cover
Don’t judge a book by its lover

Über weite Strecken ist “Konfetti im Bier” von Tonis schrägem Humor geprägt und stößt vermutlich nicht zuletzt mit der, sagen wir mal, unkritischen Darstellung von Gewalt so manche*n Leser*in vor den Kopf. Davon ab gibt es aber immer wieder sentimentale Momente, in denen die Freundschaft innerhalb der Gruppe als einer der wichtigsten Gründe zutage tritt, warum man sich den Unfug eigentlich immer wieder aufs Neue antut. So sehr man sich auch manchmal miteinander in die Wolle kriegt, so sehr können sich die einzelnen Ultras doch aufeinander verlassen, wenn es hart auf hart kommt.

Ein weiteres, zentrales Thema, das die Protagonist*innen umtreibt, ist “Alt vs. Jung”: War früher alles besser oder nur anders? Wie ist das mit nachfolgenden Generationen, wie offen für Neues ist eine Gruppe – und vor allem: Wann ist man selbst eigentlich zu alt für den Scheiß, gründet Familie und zieht in ein Einfamilienhaus am Stadtrand? Fragen, die sich vermutlich alle Ultras mal in ihrem Leben stellen; ist diese Subkultur doch von einem sehr niedrigen Altersdurchschnitt geprägt.

Show, don’t tell

“Konfetti im Bier” bleibt seiner Form und der Vielzahl an Charakteren geschuldet eher episodisch und daher relativ arm an Höhepunkten. Vielleicht wäre bei den Figuren weniger mehr gewesen, um das Profil der übriggebliebenen Protagonist*innen zu schärfen. Außerdem braucht es ein bisschen, bis die Lektüre in Fahrt kommt, denn gerade zu Beginn laviert Toni G. zwischen “Wisst ihr doch alles” und “Ich erkläre sicherheitshalber mal, was dies und jenes ist” herum. Extrem schwierige Geschichte, denn was kann rund um diesen sehr speziellen Themenkomplex bei Nicht-Fußballfans eigentlich als bekannt vorausgesetzt werden – und wo ist es vielleicht egal, wenn “Normalos” es nicht im Detail kapieren? Im weiteren Verlauf der Erzählung funktioniert das Prinzip “Show, don’t tell” dann immer besser und sobald die Startschwierigkeiten als Leser*in überwunden sind, wird das Buch extrem kurzweilig und die 328 Seiten sind im Nu verschlungen. Von daher: Sobald ihr nach dem Derby ein bisschen Zeit zum Durchatmen habt, auf zum Buchladen eures Vertrauens und holt euch das Ding! Gibt’s auch im Online-Shop vom Liesmich Verlag.

Ach ja: Es gibt keinen Disclaimer à la “Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig”. Ihr dürft also herzlich gern gucken, ob und wen ihr in welcher Form in der Geschichte wiedererkennt.

Okt 292018
 

Eigentlich ist das alles gar nicht so schlecht. Nun, nach einem Dritten der Spielzeit und vielzuvielen lausigen Saisons im Rücken, kleben wir oben dran an der süßen Tor zum Oberhaus. Das ist mehr, als viele von uns für 18/19 erwartet hätten. Und dass wir nun nach fünf Spielen ohne Niederlage nun doch mal wieder erfahren müssen, wie sich verlieren anfühlt, gehört irgendwie dazu. Bitter nur, dass wir gegen die KSV Holstein eines der besseren Spiele unseres FCSPs sehen, was dann durch das fehlende Quentchen Glück gegen uns ausgeht. Ja nun, vielleicht ein rechtzeitiger kleiner Euphoriedämpfer, denken da die Optimisten.

Leicht zerknautscht von einer langen Nacht, die durch die Zeitumstellung noch länger wurde, erreichen wir an diesem frischen bis arschkalten Sonntag Ende Oktober die heiligen Stufen. Das unsägliche Vorprogramm dieses Spieltages, über das wir uns schon an anderer Stelle ausließen, haben wir mal geflissentlich ignoriert. MagischerFC-Leaks: Whiskey haben wir uns am Sonntagmorgen keinen reingestellt. Cool, jedenfalls dass der Auftritt dieser Westentaschencowboys von The BossHoss nicht unwidersprochen bleibt.

Der wahre Norden?

Ihr erinnert euch sicherlich, wie in der vergangenen Saison die Begegnungen zwischen Holstein Kiel und dem FC St. Pauli zu megakrassen Nordderbys hochstilisiert wurden, nech? Fanden wir damals schon lächerlich. Eiche und Sau und so. Jedenfalls ist davon dieses Mal nix mehr übrig geblieben. Vermutlich auch, weil es ein aufregenderes Nordderby in dieser Spielzeit gibt.

Und dennoch möchten die Holsteiner gern feststellen, dass sie “der wahre Norden” seien. Wisst ihr was? Ist uns doch wumpe. Dass der FCSP einen Alleinvertretungsanspruch für den “Norden” angemeldet hätte, ist uns zumindest nicht bekannt. Wir können gönnen, sollen die Kieler halt mit dem leicht abgewandelten Claim ihrer Landesregierung herumwedeln. Und offenbar muss man auch die Landesflagge so ’n bisschen um 90 Grad drehen, um cooler zu wirken.

Magischer FC St. Pauli vs. Holstein Kiel Oktober 2018

KSV Holstein nebelumschlungen

Schön aber: Wir hören einmal “Alerta, Alerta, Antifascista” aus dem Kieler Block und sehen einen “Scheiß Nazis”-Doppelhalter. Sollte selbstverständlich sein, darf dennoch hervorgebogen werden. Sonst hört man aus dem Gästeblock eigentlich nur “Scheiß St. Pauli”, worauf die Heimbereiche wie üblich einstimmen. Wir würden uns freuen, wenn wir auch in anderen, unterstützenden Gesängen mal ähnlich laut wären wie in diesen Momenten, wo es nur darum geht, die Auswärtsfans zu veräppeln.

Verweigerter Flottenbefehl

Tabellenführer mögen wir heute nicht werden. Zu einfach hätten es uns die Wettbewerber der Liga gemacht, mit diesem Spiel in guter Form an dem restlichen Pöbel der Tabelle vorbeizuziehen und Spitzenreiter zu werden. Wenn alle mehr oder weniger für dich spielen, verkackt es sich halt umso schöner. Aber wir wollen hier mal Ehrenrettung betreiben, denn die Partie gegen die KSV ist eine der besseren in dieser Saison unseres FCSPs. Viele Dinge scheinen bei uns besser zu funktionieren als in früheren Spielen, wo wir dafür oft am Ende das Glück des Tüchtigen auf unserer Seite hatten. Nur das Toreschießen verweigern unsere Spieler halt wie vor hundert Jahren die Kieler Matrosen den Flottenbefehl.

An Chancen hätte es wahrlich nicht gemangelt, da fehlt manchmal nur die letzte Konsequenz. Oder eben das notwendige kleine bisschen Glück. Oder ein Schiedsrichterassistent, der erkennt, wenn ein Keeper womöglich den Ball über die eigene Torlinie trägt. Hätte hätte, Fahrradkette. Tore musst du halt machen, nech?

Wir hoffen, dass die Jungs auf dem Platz das mit dem “Mund abwischen, weitermachen” auch kennen und beherzigen. Wie kacke so ein Tag letztlich laufen kann, sieht man wundervoll in einer Szene, wo Mats kurz vor Schluss dem Ball nahe des gegnerischen Strafraumes hinterhersprintet, ausrutscht und frustriert eine Sekunde liegen bleibt. Vi slå armene rundt halsen på deg, kjære Mats!

Werden wir langsam, wenn wir viel zu fressen kriegen?

So ein Spiel, das einigen Frust hinterlässt, dann zu deuten, ist nicht so einfach. Vielleicht ist es ein Stück weit ausgleichende Gerechtigkeit dazu, dass wir sonst in vielen Partien mittelprächtig auftreten und dennoch mit voller Punktzahl vom Feld gehen. Insgesamt schätzen wir unser Team – obwohl es an diesem Tag auch nicht in üblicher Stammformation aufgelaufen war – aber weiterhin ziemlich stark ein und freuen uns auf die nächsten Spiele. Hungrig, schnell und heiß bleiben, Leute.

Jun 032018
 

Am 01.06. fand ein Treffen der aktiven Fanszene und diverser Blogger mit Oke statt, zu welchem er geladen hatte, um einen Rückblick auf die letzte Saison zu geben.

Ähnliche Treffen hatte er auch mit den Gremien und der Hamburger Presse abgehalten.

Solche Hintergrundgespräche sind in der Verarbeitung immer etwas schwierig, da vieles nicht zitiert werden kann und auch nicht zitiert werden sollte. Daher wollen wir nur eine grobe Zusammenfassung geben und ein Bauchgefühl für das weitere Vorgehen.

Natürlich waren auch einzelne Spielernamen im Gespräch Thema, aber das wollen wir aus den oben genannten Gründen vollkommen ausblenden. Außer natürlich, dass die Runde sich einig war, dass Jogi ohne Schnecke keine Chance bei der WM haben wird. „Eindeutig Weltklasse“ ist der Kalla halt.

Wann ein Präsident schweigt und wann er redet

Vorab: Es zeigt wie besonders dieser Verein ist, dass man solche Treffen abhält. Wir erlebten einen Oke, der deutlich zielstrebiger und deutlicher in der Ansprache war, als man ihn sonst wahrnimmt.

Für ihn ist aber auch deutlich klar, dass es nicht seine Art der Führung ist, plötzlich im Abstiegskampf als Präsident was zu seinem sportlichen Personal zu sagen. Er verwies zu Recht auf einen Konkurrenten, bei dem der Präsident zu einem vollkommen unpassenden Zeitpunkt mehr aus Versehen den Trainer aus Sicht der Öffentlichkeit in Frage stellte. Wir können die Herangehensweise unseres Präsi da sehr gut nachvollziehen, aber für die sehr einfache Welt des Fußballs in der immer „Macher“ und „starke Männer“ gefordert werden, ist dies natürlich gewöhnungsbedürftig. Aber eben doch richtig.

In der Analyse der Saison wurde natürlich der Einbruch in der Hinrunde und der schlechte Abschnitt in der Rückrunde als Schwerpunkt gesehen. Ohne nun in Details gehen zu wollen, fanden wir, dass Fehler gesehen werden und zumindest die Chance besteht, dass man diese nicht mehr macht.

Oke warf auch viel deutlicher als sonst in der Öffentlichkeit ein Ziel in den Raum. Sein Ziel ist es besser zu sein als der Platz der TV-Einnahmen. Das heißt, dass wir besser als Platz 7 sein sollten.

Die zweite Liga muss man dabei grob dritteln, wenn es um die Einnahmesituation geht. Wir gehören da irgendwo in das obere Drittel und diese PS gilt es auf die Straße zu bekommen. Dies ist nicht gelungen.

Zu Recht stellte unser Präsi fest, dass wir eben nicht mehr der Underdog sind, der finanziell allen unterlegen ist. Dies ist allerdings wahrscheinlich noch nicht bei allen im Verein angekommen.

Oder um es mal deutlich zu sagen: Außer den beiden Dickschiffen, die abgestiegen sind, gibt es kein Verein, der „wenn wir wollen, kaufen wir euch auf“ ernsthaft umsetzen kann.

Natürlich verzichten wir auf Einnahmen, wenn wir nicht jeden Stadionnamen und Tribünennamen verkaufen. Diese Einnahmen müssen wir anders kompensieren und tun dies auch teilweise (Stichwort „Modelabel“). Umso wichtiger, dass wir da wieder Herr im eigenen Haus sind.

Wins above Replacement?

Wir sind ja in Teilen so Baseball-Nerds. Und in diesem Sport ist etwas üblich, was in unsere linken Köpfe nicht kritiklos rein will, aber auch im Fußball knallhart notwendig ist: nämlich einen Spieler als Anlage, als Wertgegenstand, als Investition zu sehen, die man erhalten und nutzen muss. Und dabei ist es halt wichtig, einen Spielerwert zu beurteilen. Und zwar sowohl in die Vergangenheit, wie auch in die Zukunft.

Im Baseball gibt es dafür Computermodelle, die das ganze extrem präzise beurteilen. Am Ende wird daraus ein Wert, der sich im Baseball „Wins above Replacement“ nennt. Grob übersetzt heißt das „wieviel Spiele mehr gewinnt mir dieser Spieler im Vergleich zu einem durchschnittlichen Zweitligaspieler?“. Kurze Anmerkung: 1. ist das eine sehr verkürzte Erklärung für „Wins above Replacement“. 2. wer sich für Modelle wie ZIPS oder Steamer interessiert, die so etwas für die Öffentlichkeit vorhersagen, der kann das hier nachlesen. Teams haben eigene Systeme und auch für Sportarten wie Basketball gibt es solche Modelle.

Den Schritt, Spieler als Wert zu sehen, den ist man bei uns gegangen. Und ja, das ist entmenschlichend, das ist brutaler Kapitalismus. Nur wie dieser Wert bestimmt wird, das ist bei uns und wahrscheinlich auch im Fußball insgesamt immer noch viel Bauchgefühl und „mal gucken“. Machen wir unseren Verantwortlichen gar keinen Vorwurf, aber wir hoffen, dass der FCSP irgendwann das objektivere Computermodell entwickeln und nutzen kann. Das befreit nebenbei Kapazitäten, um sich die menschliche Seite zu kümmern.

Der Idealfall wäre, dass mir der Computer relativ sicher sagt, dass der Spieler zehn Tore und fünf Vorlagen machen wird und der Scout herausfindet, ob der seit Kindheit in Rautenbettwäsche schläft und ob er in unsere Kabine passt. Das kann einem kein Computer abnehmen und diese weichen Faktoren sind extrem wichtig.

Zurück zu den Werten

Mögen wir einen Spieler noch so emotional positiv oder negativ beurteilen, so sehr muss man als Verantwortlicher versuchen, das zu objektivieren. Bleiben wir bei unserem „zehn Tore, fünf Vorlagen“-Stürmer. Wenn der uns Fans ob einer etwas lässigen Spielweise wahnsinnig macht, dann ist das eine Sache. Er ist mit 15 Torbeteiligungen aber alleine drei Tabellenplätze „wert“ und was das kostet, kann man alleine am TV-Ranking nachlesen.

Gut, dass man bei unserem Verein so weit ist, gut, dass man da präzise arbeitet. Gut, dass man da auch weiter lernt und lernen will.

Umfeldfaktoren wurden besprochen, das was Oke leicht ironisch „Wohlfühloase“ nannte. Man muss auch hier eine Balance finden zwischen „der individuelle Mensch, der selbstständig ist und nur das Gute will“ und einem „schulisch-strengen“ Ansatz. Und seien wir ehrlich: Die Ausbildung in Jugendinternaten führt nicht gerade zu einer Eigenverantwortlichkeit, die man beim späteren Profi ansprechen kann. Das ist nebenbei vielleicht auch der große Unterschied zu US-Sportlern, die im College eine extreme Eigenverantwortlichkeit und Eigenmotivation an den Tag legen müssen, um überhaupt Profi zu werden.

Umfeldfaktoren reichen vom Athletiktrainer über den Masseur bis hin zum Trainingsplatz und Teammanager. Z. B. fiel bei uns letzte Saison der Athletiktrainer durch Krankheit aus. Und dann ist da eine Unruhesituation, die man auffangen und abfedern muss. Dies gelingt oder gelingt nicht. Wichtig ist, dass man Strukturen und Prozesse hat, die so etwas vorhersehen und planen. Oder anders ausgedrückt: Ich muss das Umfeld haben, welches Erfolg ermöglicht und so wahrscheinlich wie möglich macht.

Dazu gehört auch die Trainingssituation, die klar verbessert werden kann und muss. Wir trainieren und spielen als Verein zur Zeit an fünf Standorten und besitzen z. B. keine Rasenheizung an der Kollaustraße. Auch da ist man kurz-, mittel- und langfristig dran. Stichwort ist hier natürlich auch „Verletzungen“ oder „Jugendanbindung“. Das alles kostet extrem viel Geld, was dann wieder kurzfristig im Profi-Etat fehlt.

Leider weiß man hier nicht objektiv nicht, wie unsere Konkurrenz (die oben genannten oberen sechs der zweiten Liga) aufgestellt sind. Denn das z. B. Sandhausen in diesen Umfeldfaktoren wahrscheinlich sehr schmal aufgestellt ist, kann für uns kein Maßstab sein. Definitiv haben wir hier Nachholbedarf und das wirkt sich auch direkt auf das „Produkt“ auf dem Platz aus.

„Jetzt pudern die den Versagern auch noch den Arsch“ werdet ihr nun brüllen, aber das ist Unsinn. Erfolg ermöglichen & Werte für den Verein schaffen, das sind entscheidende Stichworte. Und auch ihr arbeitet lieber und leistungsstärker in einem guten Umfeld. Also erwartet nicht von Leistungssportlern, dass sie da anders sind. Gehalt ist auch bei euch nur ein geringer Wohlfühlfaktor, wenn im Job sonst wenig stimmt.

Kommen wir zu einem Fazit

Hättet ihr euch vorstellen können, mit Corny über Prozesse im Verein zu diskutieren? Seien wir ehrlich: Mehr als ein genervtes Gesicht hättet ihr nicht bekommen. Der Verein entwickelt sich weiter. Und es gab auch viele offene Selbstkritik, die wir a. hier aus den oben genannten Gründen nicht wiedergeben wollen und die wir b. in dieser Form zuvor auch noch nicht erlebt haben.

Vieles kann, nein muss noch besser, progressiver und vielleicht auch mehr Sabermetrics werden, aber im Groben sind hier keine Träumer am Werk, eben kein Zampano, der als Präsident alles diktatorisch regelt, sondern ein prozessorientiertes Team. Das macht auch Hoffnung auf zumindest eine Stabilisierung des Vereins in sportlicher Hinsichts.

Apr 162018
 

oder

Ein Spieltag mit dem Wetter, das er verdient

93. Minute, Ecke für Braun-Weiß beim Stand von 0:1. Überzahl haben wir schon seit einer halben Stunde, aber sollte da nicht ein Torwart mit nach vorn? Alle Möglichkeiten ausschöpfen, wo es nichts mehr zu verlieren gibt? Die Lage ist schließlich bitterernst!

Doch er tut’s nicht. Und das ist jetzt kein individueller Himmelmann-Bash, es steht vielmehr sinnbildlich für eine Mannschaft, die den Ernst der Lage nicht zu erkennen scheint. Dabei ist nun echt gar nichts mehr lustig. Nachdem uns auch noch Düsseldorf den Bärendienst erwies, gegen Heidenheim zu verkacken, stehen wir tatsächlich auf dem verdammten Relegationsplatz. Ja, diese Saison in der Zweiten Bundesliga ist vollkommen absurd, was sich schon daran zeigt, dass der FCSP Platz 15 der Hinrundentabelle, in der Rückrundentabelle Platz 13, in der Gesamttabelle nun aber Platz 16 belegt. Aber dieses höllisch enge Feld in Liga 2 kann keine Ausrede/Erklärung/Versicherung für den gegenwärtigen Zustand sein.

MagischerFC St. Pauli vs. Union Berlin April 2018

This is fine

Zugegeben gefällt uns an diesem Spiel auch erst mal einiges besser als bei etlichen vorherigen Auftritten. Ein neues System mit Fünferkette (das leider ein bisschen an der Zugkraft auf den Außen krankt), Schneider statt Bouhaddouz und eine überzeugende Körpersprache in der ersten Phase, knapp eine Halbzeit ungefähr. Ballkontrolle scheint unserem bescheidenen Blick nach auch etwas besser zu funktionieren. Wie so oft kommt es aber wieder zu dem, was in der Zweiten Bundesliga so typisch ist: Die Mannschaft, die das Spiel zu machen versucht, unterliegt. Und wir dürfen uns wirklich nicht beklagen, gab’s schließlich noch zwei Aluminiumtreffer für Union.

„Sieg! Sieg! Sieg!“ Iiih!

Wir finden es noch immer von ausgesuchter Hässlichkeit, wenn ein Fanblock dieses Wort für sich allein skandiert. Union und der FCSP, wir werden im Großen und Ganzen keine Freunde mehr. Zwar halten sich die tatsächlichen Negativerlebnisse mit den Köpenicker Fans in Grenzen und wir machen nach Abpfiff vor dem Wirtshaus zum Totenkopf noch Bekanntschaft mit einem offensichtlich ganz freundlichen Exemplar, aber mehr ist da auch nicht. Wer im Block so unappetitlich mit Frakturschrift-Bannern und erwähntem „SIEG!“-Gebrüll herumdeutscht, verdient sich unsere Sympathien nicht.

Angenehmere Gesellschaft kommt dagegen von jenseits des großen Teichs. Wir lernen E. von FC St Pauli Buffalo kennen – folgt den Dudes mal, da freuen sie sich! Bemerkenswert, wie viel Kenntnis die Loide in entfernten Winkeln der Welt manchmal von unserem Club haben – und immer wieder wundervoll zu sehen, wie viel es ihnen bedeutet, mal wirklich sich den lang gehegten Traum zu erfüllen und es zu einem FCSP-Spiel zu schaffen. Wie leid es uns nur tut, dass es so ausgehen musste! E. juckt das weniger, aber in einer Sache sind wir uns dann einig …

Von sportlicher und gesellschaftlicher Relevanz

Der FC St. Pauli ist für die meisten mehr als nur ein (mittelmäßiger) Zweitligaclub. Das steht außer Frage. Wir brauchen es euch sicher nicht zu erklären, was damit gemeint ist. Viele Dinge sind am Millerntor wichtiger als der eigentliche Fußball, das ist auch richtig und wichtig so.

Allerdings – auch auf die Gefahr hin, wie schlimme Menschen zu klingen: Je heißer beim Fußball der Baum brennt, desto mehr gerät unsere gesellschaftspolitische Bedeutung als FCSP in Gefahr. Denn die Strahlkraft, die wir derzeit haben, würde bei einem sportlichen Absturz geringer werden. Denkt an Babelsberg, denkt an Roter Stern Leipzig – großartig, was bei diesen Vereinen geleistet wird. Aber so wie der FC St. Pauli werden diese Vereine nicht oder nur in Ausnahmen wirklich viele Menschen erreichen. Und das kann uns auch blühen, wenn es mal sang- und klanglos in Liga 3 runter gehen sollte.

Wir können es nicht mit letzter Bestimmtheit sagen, da wir die Arbeit hinter verschlossenen Türen im Verein natürlich nicht sehen – aber: Es ist kein sportliches Konzept, kein Weitblick erkennbar. Womöglich ist in den vergangenen Jahren der Fokus auf die wesentlichen Kernkompetenzen eines Fußballclubs etwas zu sehr flöten gegangen. Vielleicht fehlt es an den entscheidenden Stellen einfach an Expertise?

Versteht uns bitte nicht falsch. All das darf nicht heißen, dass die politische Haltung, Aktionen und Projekte vernachlässigt werden könnten! Nur müssen wir uns vielleicht noch mal bewusster werden, wie wichtig es ist, keinen sportlichen Bedeutungsverlust zu erleiden – von Arbeitsplätzen rund um den Verein mal ganz abgesehen. Mit anderen Worten: Wenn die Fahnenstange, das Rückgrat, zerbricht, wird es viel schwerer, die Botschaft auf dem Tuch weit sichtbar zu machen.

Apr 052018
 

Ja, liebe Lesende, es war kein Aprilscherz, denn Stefan verlässt die vorderste Front der Fanarbeit und wird Geschäftsführer des Vereins Jugend und Sport, der beide Fanprojekte in Hamburg organisiert.

So schön es ist, wenn jemand „Karriere“ macht, aber wir verlieren im Fanladen nicht nur namentlich einen Schatz. Sondern jemanden, der Fanarbeit beim FCSP über Jahrzehnte geprägt und geformt hat. Einst als langhaariger Student gekommen, geht er mit leicht schütterem Haar nun aus dieser Funktion. Eine der Personen, mit denen man beim FCSP alt wird.

Als er dann fest im Fanladen begann, war er irgendwie ein Novum. Mal jemand, der schon damals zumindest fest liiert, wenn nicht verheiratet war und der irgendwie das war, wozu man eine „professionelle Distanz“ aufbauen konnte. Meint, der nicht gleichzeitig Fanladen, oberster Ultra und Erster auf dem Zaun war. Man verstehe uns nicht falsch, all seine Vorgänger waren auf ihre Art für die Geschichte dieses Fanprojektes unverzichtbar. Aber Stefan konnte es wieder weiter entwickeln und hat – vielleicht auch durch seine Möglichkeit, mal mit Frau, Kindern und Motorrad abzuschalten – mit am längsten an der vordersten Front ausgehalten.

Und wer ein bisschen sein Fansein reflektiert, der weiß, dass die Betreuung von uns nicht immer einfach ist. Sei es, weil man mit einem besoffenen Sack Flöhe nach Dresden fährt oder weil man wieder mal mit dem Busfahrer diskutieren muss, ob man nicht doch über die A1 fahren und Allertal mal auslassen kann.

Ein Herz für Sozialpädagogenscheiß

Und das sind alles Sachen, die neben der eigentlichen pädagogischen Arbeit anfallen. Und gerade Stefan war ein Meister in der „Ich verstehe ja deinen Ansatz, aber …“-Arbeit. Unvergessen bleibt, wie er damit mal T. von Fanräume auf die Palme brachte, die nur erwiderte: „Nun lass mal deinen Sozialpädagogenscheiß.“ Aber gerade dieser ist auch wichtig. Gerade in Zeiten, wo viele Jugendliche zum FCSP stoßen, die den Gründungsmythos der „besonderen Fans“ und die politischen Kämpfe der 80er und 90er Jahre nur noch aus den Erzählungen ihrer Großeltern kennen.

Wofür Stefan auch für uns stand, war ein absolutes Vertrauensverhältnis. Wenn er mal was geschrieben haben wollte, dann waren wir uns sicher, dass es ehrlich und ohne Hintergedanken mitgeteilt war. Und wenn wir mal was hinter den Gardinen wissen wollten, dann war er ehrlich und wusste, dass wir nix Öffentliches draus machen würden. Danke dafür.

Nun also der nächste Schritt. Das Ganze zusammen halten. Seinen Arbeitsplatz an der Holstenstraße haben. Häufiger mal auf komische Quadrate gucken. Und wahrscheinlich sich viel mehr mit Stadt, Vereinsvorstand, Stiftungen etc. absabbeln müssen als mit Ultras, Fans und Hooligans. Oder mit Fans, die Ultras und Hooligans sind. Hoffentlich verstehen die auch dein Anliegen und mögen dich so, wie wir dich mögen.

Wir wünschen dir, dass du in dieser neuen Arbeit viel Spaß hast, dass du es auch schaffst, wieder Fan zu sein, ein Spiel entspannt irgendwo verfolgen zu können und mit deinem Verein zu leiden. Und natürlich wünschen wir uns, dass wir ab und zu mal auf die alten Zeiten anstoßen können, über vieles lachen können. Und zu guter Letzt alles Gute für die Kinder, die Frau, das Motorrad und dich.

Mrz 192018
 

In die Region sollte es gehen. Und die ganze Fahrtplanung war spannend und lässt sich in folgendem Tweet gut zusammen fassen:

Am Ende finden sich also sieben Twitterer und zwei Bären in einem schwarzen Mercedes Vito mit verdunkelten Scheiben wieder und fahren nach Kaiserlautern. Das Fahrzeug also schon mal geeignet für eine Hooligan-Tour der besten Sorte.

Aber nicht, ohne vorher eine Musikliste zusammenzustellen, die nach folgenden Regeln funktioniert: Jeder höchstens 20 Lieder und es darf auch wehtun. Die Playlist gibt dem ganzen Projekt dann auch seinen Namen: die Fahrt der Playlist des Todes. Wer sie nachhören will, der kann dies auf Spotify tun.

Eine verpasste Bahn führt zu dem ersten Kreis um ein Stadion an diesem Tag. Es soll nicht der letzte bleiben. Aber dann geht es schnell in Richtung Hannover, sollten wir da doch den letzten Mitfahrer einsammeln. Nennen wir ihn einfach mal Schmölli, denn:

Bis Hannover ist die Bahn trocken, alles läuft gut, unser Mann an der Leine ist überpünktlich da, alles super. Dann jedoch wird es sehr weiß auf der Fahrbahn und es ist kein Salz. Das ist ziemlich unangenehm zu fahren und führt natürlich auch zu Zeitverlusten. Aber in der Hoffnung, dass es besser wird, verlieren wir nicht die Ruhe. Und siehe da, kurz hinter Göttingen wird die Fahrbahn wieder super und bleibt es dann auch bis Kaiserslautern. Die Insassen des Fahrzeugs unterhält sich so lange mit und über Musik.

Kirchheim, Frankfurt, Mannheim. Weltstädte, die wir schnell durchqueren, um rechtzeitig in der Region anzukommen. Noch schnell die warme Leggings angezogen, da wir zwar „Pulloverwetter“ angemeldet haben, aber die Region im Griff von eisigen Wind ist. Ein Mitfahrer philosophiert darüber, dass das hier alles Kartoffelbauern seien. Die Realität, dass wahrscheinlich im Umkreis von 200 KM um Lautern nicht eine Kartoffel angebaut wird, lässt ihn nicht von seinem Rant ablassen. Sowieso eine interessante Frage: Warum sind Kartoffelbauern eigentlich weniger angesehen als Weinbauern?

Kaiserslautern ist eine Kleinstadt – oder kleine Großstadt – , die von einem Stadion überragt wird. Wer die Lage des Betzenberges nicht beeindruckend findet, der hat kein Fußballherz. Alles atmet hier Fußball, auch weil hier einfach sonst nix ist. Parkplatz (natürlich VIP) gefunden und rein in den Block. Nett ist die Verpflegung im Stadion. Es gibt Weinschorle in Bechern mit dem Vereinslied.

Wünsche der zuhause Gebliebenen können wir nicht alle erfüllen. Sorry, uns ist zu kalt, um vor einer Kneipe zu stehen.

Der Block füllt sich spät, ist dann aber gut mit Braun-Weißen bestückt. Und dann eigentlich auch ganz gut aufgelegt. Mehrfach hat das ordentlich Druck und deutlich mehr Wumms als in den Vorjahren. Mal was zur Heimkurve: Ja, früher hat die dich so zusammen geschrien, dass du dich eingenässt hast. Diesen Druck hat sie auch mangels Masse nicht mehr. Jedoch: Die kann immer noch ordentlich laut werden und es ist allemal deutlich schöner, als in einem Heidenheim zu stehen, wo vielleicht 100 Leute versuchen einen leeren Raum zu füllen. 32.000 Zuschauer, die angesagt waren, sind allerdings definitiv nicht da.

Es ist auch irgendwie ein zweischneidiges Schwert, denn auf der einen Seite hat die Region in braun-weißen Kreisen nun nicht wirklich viele Freunde; aber auf der anderen Seite ist es ganz schön bitter, wenn ein Verein, der immer noch 25.000 Zuschauer und mehr anzieht, im Nichts verschwindet und durch das nächste Heidenheim oder Paderborn ersetzt wird, die vielleicht 10.000 Leute ziehen. An guten Tagen. Klar, das ist alles deutlich selber verschuldet und man hätte z. B. sich nie für die WM 2006 bewerben dürfen. Aber irgendwie geht da doch ein Verein, an dem man sich auch aufgrund von Masse reiben kann. Und es kommt das nächste Nichts.

Auf dem Platz?

Das hat mit Fußball sehr wenig zu tun. Wir können uns nicht beschweren, wenn es zur Halbzeit 3-1 für Lautern steht. Das ist ziemlich mies von uns. In der zweiten Halbzeit dann etwas besser, aber diese ständigen Pässe in den Rücken des MItspielers machen einen wahnsinnig. Dann ein echt dummer Einsatz von Callsen-Bracker und Elfmeter plus Rote Karte. Seien wir mal ehrlich:

  1. Allagui hätte da selbst dann nicht getroffen, hätte er ihn laufen lassen.
  2. hätte Allagui schon weiter laufen können, anstatt stehen zu bleiben und zu meckern. Das ist eher so nicht FCSP-Style.

Ach ja, dein Twitterprofil kannst du bei Gelegenheit auch mal entherthan.

Nun denkst du, dass du das beim Tabellenletzten in Überzahl irgendwie nach Hause schaukelst, aber nee nee! Durch einen schnell ausgeführten Freistoß und einem Sekundenschlaf der Abwehr steht es 1-1 und das ist auch gerecht. In der Öffentlichkeit ist das Fazit eher ein unzufriedenes so nach dem Prinzip „Tabellenletzter, Überzahl“, jedoch: Vergesst nie, dass wir am Betzenberg jahrzehntelang nie auch nur einen Punkt gesehen haben. Dies war nun der zehnte in vier Versuchen.

Schnell wieder zum Auto und Abfahrt

Von Lautern-Fans noch mit Lebkuchen beschenkt und Gute-Fahrt-Wünsche mit auf dem Weg. Sehr nett, Danke. (Muss ja nicht immer alles Hass sein.)

Einmal was versucht, dann in eine Sperrung gefahren und dementsprechend noch eine Ehrenrunde gedreht und dann noch die Ehrenacht voll gemacht. Ja, aus Kaiserslautern heraus zu kommen, ist nicht ganz so einfach. Liegt natürlich auch an dem Berg und dass es alles ziemlich eng ist. Aber irgendwann haben wir es geschafft und sind auf der Bahn. Und in der allgemeinen Diskussion über Gott und die Welt wird die These aus der Überschrift aufgestellt.

Wieder Kirchheim, wieder unangenehme Straßenverhältnisse vor Hannover. Unser Mann in Hannover stellt fest, dass er auf einer Raststätte geparkt hat. Aber eine Brücke, die kurzzeitige Ignoranz gegenüber Verkehrsschildern und ein kleine gefahrene Runde bringen ihn zu seinem Fahrzeug und uns in Richtung zu Hause.

Wo wir dann auch schnell ankommen.

Fazit?

PS: Gilt natürlich immer noch.

Auf zum nächsten Mal.