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Sep 192019
 

Es war mal wieder Zeit für die Challenge Almere. Mein Lieblingsrennen. Warum auch immer. Vielleicht weil gut 50% der Radstrecke auf einem Deich sind? Weil ich als Kind immer in der Nähe Urlaub gemacht habe? Keine Ahnung, aber ich freute mich ein Jahr lang, dass dieser Wettkampf wieder mein A-Wettkampf war.

Schnell fanden sich noch zwei Begleiter*innen, die beide das erste Mal eine Mitteldistanz angehen wollten. In Naarden Vesting eine kleine Ferienwohnung gebucht und schon konnte die Show starten.

Die Anreise und das Testschwimmen

Anreise? Ohne wirkliche Ereignisse. Holländer*innen fahren auf ihren Autobahnen eigentlich ganz gechillt, aber das Wort „Sicherheitsabstand“ scheint im Flämischen keine Entsprechung zu haben. Teilweise zogen Verkehrsteilnehmerinnen doch sehr eng wieder auf die eigene Spur.

Wir wollten abends noch zum Testschwimmen und ich war erstaunt, wie viele Leute das auch taten. Als ich hier vor vier Jahren startete und das Schwimmen testete waren es vielleicht 5 Leute; diesmal gut 200. „Ihr könnt eine oder auch zwei Runden schwimmen“ oder ihr könnt wie ich kurz mal 100 Meter raus schwimmen, feststellen, dass die Wasserpflanzen noch leben, dass Wasser kalt und nass ist und Schwimmen nicht mehr meine Disziplin wird. Reicht. Aber einige schwimmen das an, als ob es der Wettkampf wäre. Jeder Triathlet ist anders. (Und hier kann man sich Gendern echt sparen).

Unsere Unterkunft hatte einen Herd und einen Albert Heijn um die Ecke. Perfekt für Essen kochen. Unsere Vertreterin zauberte eine Nudelsauce die alle satt und zufrieden machte. Zeit ins Bett zu gehen. Was ein Abenteuer war. Denn die Unterkunft hatte drei Ebenen die durch steilste Treppen erreichbar waren. Die Nutzung auf rutschigen Socken haben wir uns dann gleich mal verboten.

Warm up und Wettkampfbesprechung

Am nächsten Morgen dann die üblichen 10 km Rad gekoppelt mit 2 km Laufen. Das Radfahren als Slalom durch Naarden. Als Slalomstangen wurden dabei u.a. ganz viele Hollandräderfahrer*innen genutzt. Sowieso: Hollandräder sind Liebe.

Der anschließende lockere(!) Lauf lies meine Laufuhr verkünden, dass ich so eben die schnellste Meile gelaufen sei, seitdem ich die Uhr habe. Nehmen wir das mal als gutes Zeichen für die Form.

Ab zu den Formalien. Die Wettkampfbesprechung erbrachte nicht viel Neues. Immerhin hörte der in Roth gewonnene Glücksbär aufmerksam zu. Foto klappt gerade nicht.

Die Wechselzone hat sich geändert und ist nun nicht nur größer, sondern nutzt leider nicht mehr die Fahrradgarage des örtlichen Einkaufszentrums. Schade. Das war irgendwie immer lustig. Der Ersatz in Form eines riesigen Zelts war aber okay. Die Wege zwar länger als früher, aber noch okay.
Beim Check-in der Räder haben wir auch noch mal die Wege sehr aufmerksam studiert. Ganz pannenfrei ging es dann im Wettkampf trotzdem nicht. Schwamm drüber.
Was in der Wettkampfbesprechung nicht erwähnt wurde: die Existenz von Trashzones. Was die Folge war: Müll ohne Ende verteilt über die Strecke. Das ist echt doof. Gerade weil genug auch in das Naturschutzgebiet geweht wird. Leute passt doch auf eure Umwelt auf. In den Regeln war das Thema Trashzone klar benannt.
Die Pastaparty ist in Almere von Auswahl und Qualität echt okay. Das Leute am Tag vor dem Wettkampf Lachs essen zeigt von einem gewissen Gottvertrauen.
Unsere Chefsupporterin haben wir noch eingesammelt und dann war auch Schlafenszeit.

Guten Morgen Triathlon

Und schon war Wettkampftag. Trocken, Wind von Südosten, Sonne. Für Almere eher ungewöhnlich. Insbesondere der fehlende starke Westwind, der sonst dieses Rennen sehr prägen kann. Letzte Checks am Rad, einer Britin noch die Pumpe geliehen, nachdem ihr Schlauch die Nacht nicht überstanden hatte, die üblichen Dixiebesuche und schon war es Zeit sich in die Reihe zu stellen.

Ins Wasser!


Rolling Starts sind ein Segen. Klar verhindern sie die spektakulären Bilder eines Massenstarts, aber so hat jede*r Platz, nie kommt von hinten jemand angeflogen, man kann schnell sein Tempo finden. Nachteil an dieser Startmethode ist nur, dass man am Land startet und so wortwörtlich ins kalte Wasser springen muss.

Meine ersten Züge fielen entsprechend kurz und atemlos aus. Dann war aber schnell ein halbwegs vernünftiger Rhythmus drin. Für die erste Zeit einen Fuß gefunden, dem ich hinter her schwimmen konnte, so dass auch die Orientierung kein Problem war. Bis zur ersten Wende bin ich so geschwommen. Dann wurde mir die Besitzerin des Fußes zu langsam und ich wollte überholen. Was ich dabei übersah: Vorneweg kein neuer Fuß in erreichbarer Nähe und es ging gegen die Sonne. Die Orientierung ging also flöten und ich schwamm einen ordentlichen Bogen, der so nicht geplant war. Bojen sah ich eine ganze Zeit gar nicht, nur ein paar andere Teilnehmer in meiner Nähe versicherten mir, dass ich grob richtig war. Erst als ich einen Paddler nach der Richtung fragte und dann über die Sonne zu peilen begann wurde es besser.

Nächste Wende und nun lief es ein langes Stück wirklich gut. Viele Freistilzüge, wenig Brust, gut in der Linie. Letzte Wende und ab an Land! So zumindest der Plan und auch hier war das mit dem geradeaus schwimmen noch mal etwa schwierig und noch ein paar unnötige Meter kamen noch hinzu.

52:48 stand am Ende in den Ergebnislisten. Das war schon mal ein sehr guter Anfang. Alles unter 55 Minuten hätte ich sofort gekauft und eine 52 bin ich innerhalb eines Triathlons noch nie geschwommen. Auf zum Rad

Rollen auf dem Deich

Ich bin kein Wechselprofi, lass mir lieber ein paar Sekunden zu viel Zeit und hab dementsprechend 8 Minuten gebraucht, bis ich die auch lange Wechselzone durchlaufen habe.

Der Radkurs beginnt mit einem geschlängelten Fahrradweg, der einen zum Deich bringt. Da gilt es erstmal ein bisschen in Stimmung zu kommen und Gefühl für das Rad aufzubauen. Also erstmal ein bisschen in Ruhe. Klar einige knallen hier schon an einem vorbei, als ob es kein Morgen gibt, aber viele davon holt man auch wieder ein. Schönen Gruß an dieser Stelle an einen der Mitreisenden.

Meine Priorität war erstmal essen, trinken, warm werden. Als es dann auf den Deich ging, war ich im Radfahren drin und konnte nun Tempo machen. Bei normalen Windverhältnissen hat man bei diesem Rennen zwischen 10 und 40 Rückenwind und muss dann gucken, wie man den Rest überlebt. Diesmal war der Wind gar kein Faktor, so dass man sein eigenes Tempo ertreten und auch finden musste. Ich persönlich wurde mir auf dem langen Deich irgendwann zu langsam und zu gemütlich, so dass ich beschloss mir vorzunehmen, nie unter 28,4 zu fallen. Vollkommen willkürlich gesuchte Zahl, aber das war für mich ein Tempo, was etwas schneller als gemütlich war, aber sich auch nicht nach zerstören anfühlte.

Ich holte immer mehr Teilnehmer*innen ein. Auffällig viele britische Triathletinnen überholte ich. Irgendwann stellte ich in meinem Kopf die These auf, dass britische Triathletinnen alle unfassbar gute Schwimmerinnen, aber unfassbar schlechte Radfahrerinnen seien. Kann man so wahrscheinlich nicht generalisieren.

Was macht man sonst so auf einem Deich, der eigentlich nur geradeaus geht, dessen Ende mit einem Fernsehturm gekennzeichnet ist, der gefühlt nicht näher kommt und der wenig Abwechselung bietet? Man guckt sich die zahlreichen Vögel an, man freut sich über die Segelschiffe, die bei bestem Wetter und klarer Sicht auf dem IJsselmeer (das große J ist laut Wikipedia richtig) unterwegs waren. Auch die beiden historischen Bromfiets (die schöne holländische Bezeichnung eines Mopeds), die auf dem Radweg neben dem Deich rum knatterten sorgten für schöne Abwechselung.

Nach 40 Kilometern ändert sich der Charakter des Rennens, denn nun geht es über die Insel, durch einen Naturpark und teilweise auch über sehr schmale Radwege zurück. Stimmung machendes Publikum gibt es nur vereinzelt, dieses ist dann aber umso enthusiastischer, dafür gibt es Natur in ausreichender Menge.

Einige Stellen waren sehr eng und Überholvorgänge deswegen nicht immer mit wirklichem Abstand möglich. Aber die meisten Teilnehmer*innen lösten das entspannt, mit Warnrufen und Dankesworten. Das war gut.

Die Strecke ist zu 99% gesperrt, nur landwirtschaftlicher örtlicher Verkehr ist zugelassen. Natürlich auch, weil man Bauern an einem sonnigen Samstag im September nicht von ihren Feldern abklemmen kann. Leider gab es wieder den einen LKW-Fahrer, der meinte, dass ihn das alles nicht zu interessieren hat und der auf einer klitzeschmalen Straße nicht einen Millimeter Platz geben wollte. Das war noch mal so ein Adrenalinausstoß, den ich nicht unbedingt hätte haben müssen. Alle anderen Trecker-, PKW- oder LKW-Fahrer*innen verhielten sich absolut vorbildlich, schufen Platz und beeinträchtigten zumindest mein Rennen gar nicht.

Das Ende der Radstrecke näherte sich. Meine Idee von einem 28er Schnitt hielt ich gut durch. Die Beine fühlten sich noch relativ locker an. Und nun? Ich beschloss, dass ich den Halbmarathon doch relativ schnell angehen wollte. Sieg oder Spielabbruch.

Rennen um den See

Zweiter Wechsel verlief wieder ruhig, geordnet und in etwas über 5 Minuten. Das ist für mich okay.

Raus aus dem Zelt und rein in das Getümmel. Die Laufrunde ist 7 KM lang und dreimal zu umrunden. Sie ist nicht gerade schön, aber gut zu laufen und bietet an den meisten Stellen auch ganz viel Platz für unterschiedliche Geschwindigkeiten. Es findet sich relativ viel Publikum ein, so dass man auch immer aufmunternde Worte zugeworfen bekommt.

Highlight dabei sind immer die Gruppe mit den blauen Perücken, die ungefähr bei der Hälfte ein Stimmungszentrum aufbauen. Wenn nicht deren Vorliebe für Kirmestechno wäre. Oh man, einige Runden war die Musik echt mies. [Anmerkung des Kollektivs: Diese unverschämte Aussage gibt selbstverständlich nicht die Meinung aller wider. <3] Irgendwie witzig auch der Typ von irgendeinem deutschen Triathlonverein (ich hab nicht richtig gelesen, welcher), der alle auf Deutsch anfeuerte und von allen Highfives einforderte. Ich fand den lustig.

Am Ende der Runde dann noch ein Triathlonveranstalter, der irgendwelche bekannten Metalsongs spielte. Das spülte dann immer kurzfristig das Ohr durch bevor man wieder in den Zielbereich lief, wo es Stimmungshits und Kirmestechno auf die Ohren gab.

Erste Runde? 44:24. Ähm, das wäre ein 2:18 Halbmarathon geworden. Gut, dann versuchen wir das halt. Rückblickend war das vielleicht ein klitzekleines bisschen zu schnell angegangen, aber nun ja.

Zweite Runde, der T. überholte mich, lief kurz mit mir, dann trennten uns unsere Tempi. Er vorneweg, ich hinterher. Der Typ ist einfach eine Laufmaschine.

Verpflegung? Cola, Wasser, Schwamm. Nicht immer austrinken, sondern auch viel Wasser in den Nacken und auf die Beine. Dazu alle 6 KM ein Gel. Ging gut rein und mein Magen mochte das eigentlich alles.

In der zweiten Runde eine Schiffsglocke am letzten Verpflegungsstand entdeckt, die man auf seiner letzten Runde bimmeln sollte. Das darfst du nicht vergessen. Hab ich dann auch nicht.

Ich wurde nun langsamer, aber Gehpausen musste ich nicht einlegen. Bei den Getränkeständen ja, denn da will ich auch nicht in Hektik verfallen, lieber ruhig, aber sonst konnte ich eigentlich bis zum Ende mit zwei kurzen Ausnahmen durchlaufen.

48:12 für die zweite Runde. Ich war also doch deutlich langsamer. Da war aber auch ein Pinkelstop drin, der so eine Minute gekostet hatte. Aber alles immer noch in einem guten Tempo.

So Mitte der letzten Runde wollte mein Magen dann doch nicht mehr. So langsam stand mir das Wasser und alles andere vor dem Magen. Auch die Beine waren nun platt und die letzten Kilometer wurden langsamer. Nun entschied halt der Wille. Häufig genug platze ich in diesen Momenten vollständig und gehe einfach nur ins Ziel. Diesmal nicht. Einmal war die ganze Zeit noch eine Bestzeit drin und ich fühlte mich auch so, dass zumindest locker zu Ende laufen echt drin war.

Das hat dann auch gut geklappt. In knapp unter 53 Minuten beendete ich die letzte Runde und schloss den Halbmarathon in 2:25:29 ab. Funfact dazu: Ich war in 2019 noch nicht so schnell auf einem Halbmarathon. Selbst wenn ich ihn alleine ohne vorheriges Radfahren gelaufen war.

Ab ins Ziel! Jubeln, klatschen und mit 6:49:21 ins Ziel laufen. Bestzeit auf der Halbdistanz mal eben um 9 Minuten verbessert. 1226. von 1356 ins Ziel kommenden Triathlet*innen, 1002. von 1045 Männern und der 186. Platz von 195 in meiner Altersklasse. Das ich mal 9 Triathleten meiner Altersklasse hinter mir lasse, passiert mir sonst auch nicht. Ich bin sonst eigentlich immer Letzter oder Vorletzter.

Zwischen Schwimmende und Ziel habe ich mich um über 50 Positionen im Feld verbessert. Wir müssen also nicht analysieren, wo meine Schwäche liegt.

Danach

In der Zielverpflegung einen großen Schluck Wasser genommen und den fand mein Magen dann irgendwie nicht gut. Mir wurde richtig gut schlecht und es half nix, es half nur einmal über das Waschbecken hängen. Danke an die beiden Jungs, die fragten, ob ich einen Arzt brauchte, brauchte ich aber nicht. Als der Kram raus war, war alles wieder gut.

Hab ich so auch noch nicht gehabt, dass auf der Strecke der Magen eigentlich die ganze Zeit halbwegs okay ist und dann im Ziel keinen Bock mehr hat. Wahrscheinlich ein bisschen hastig getrunken im Ziel.

Am Abend war das auch alles wieder okay und die Pizza war lecker.

Almere ist eine Reise wert. Das Rennen ist gut organisiert, die Helfer toll, das Publikum nicht viele, aber sehr engagiert. Der Kurs ist halt flach, flach, flach, aber dafür mit viel Natur. Ich mag dieses Rennen. Und spätestens 2021 steh ich da wieder am Start.

Die Analyse

Bestzeit um 9 Minuten verbessern? Das spricht erstmal dafür, dass das Training und der Plan gegriffen hat. Da lässt sich drauf aufbauen. Schwimmen wird nicht mehr meine Stärke, da bin ich auch so ehrlich, dass mir ein „mehr trainieren“ einfach zu wenig Bock bringen würde. Schwimmbäder nerven, sind in HH und Umgebung sowieso rar und wenn dann sind sie voll. Ne danke. Da muss das reichen, was ich machen kann.

Auf dem Rad will ich nächstes Jahr mal versuchen ein bisschen schneller zu werden. Ich hab da so meine Grundbelastung, die ich auch im Notfall 180 km durchtrete, aber über die rüber zu gehen fällt mir immer noch schwer.

Und Laufen? Ja das probieren wir jetzt noch mal aus. Ein kleiner Marathon wartet noch.

Sep 172019
 

Aufwärmen

Selten waren wir uns im Kollektiv so uneinig wie vor diesem Spiel. Vier Menschen, vier verschiedene Erwartungen an das Derby und vierfach weit auseinandergehender Toleranz für Gedanken an „wenn wir das Derby gewinnen, dann…“. Was uns wohl aber verbindet, ist, dass seit dem letzten Aufeinandertreffen mit dem Vorstadtverein sensationell wenig Zeit vergangen ist und wir nach der bitteren Klatsche im März und Fanszene-interner Differenzen doch einfach etwas weniger Anspannung verspüren. Gab schließlich keinen aktuellen Stadtmeister-Titel zu verteidigen.

Wir selber mussten uns im Vorfeld ein bisschen zu einem Spannungsaufbau per GIF und Blogbeitrag zwingen, aber das lief ja ganz gut. Dass dann ein Kollektivmitglied mit dem falschen Bein aufstand und aus gleich zu erzählenden Gründen ein nicht wirklich perfektes Derby hatte, machte die Uneinigkeit nicht besser. Aber hey, vielleicht gehört das einfach auch zu einem Derby. Die Dünnhäutigkeit, die Anspannung und damit einhergehend auch mal die relativ meckerige Stimmung.

Der Tag von Anfang an

Erste Augen von uns kommen bereits um 12 Uhr im Viertel an. Noch spüren wir wenig außer der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm. Viele braun-weiße Menschen tummeln sich schon im Viertel, es wurden werden schon Kampfhun Kampfda süße kleine Dackel ausgeführt und viele Erinnerungsfotos gemacht. Das Kartencenter löst schnell noch Probleme wie „mein Mitbewohner hat die Karte weg geworfen“ (diese Geschichte ist nicht erfunden) und auch wir bekamen problemlos Pokaltickets für alle.

In alten Zeiten gab es mal ein Glücksessen. Halbes Hähnchen/Pommes in der Kleinen Pause. Also einfach mal rausholen, die alten Sitten und Gebräuche. Dank netter Begleitung ist es ein schönes, kurzweiliges Essen. Unsere Ultras haben sich auch einen gemeinsamen Mittagstisch organisiert und dinierten in der Nachbarschaft. Polizei ist zu diesem Zeitpunkt im Viertel nicht zu sehen und es könnte angesichts der vielsprachigen Gäste auch ein Vormittag des Antira anstelle eines Derby-Vormittags sein.

Kurz mal durch die Schanze schlendern, feststellen, wo die ganze Polizei ist, und sich dann langsam als Blog sammeln. Aus dem Norden kommt, durchquert ein Teil den Schanzenpark, wo am späten Nachmittag mehr als 2000 Rautenbengels rumlungern. Ganz inkognito gibt’s aber keine Schwierigkeiten.

Die Südkurve und einige GGler treffen sich auf dem Paulinenplatz, wo dann jede Kleingruppe ihren eigenen Treffpunkt hat. Großes Hallo, ein paar Getränke und insgesamt eine eher gelöste Stimmung. Es gibt einmal ein bisschen Hektik und Kontakt mit der Staatsmacht, aber wir können aus unserer Sicht keine Hintergründe oder so erkennen.

Hubschrauber nerven

Am weltbesten Fanladen dann die üblichen Ticketgeschäfte, große Hallos. Liebe Menschen fehlen aus Krankheitsgründen, andere liebe Menschen sieht man seit langem mal wieder. Ein Mikrokosmos des Lebens halt. Allen Kranken gute Besserung an dieser Stelle. Und auch wenn unsere Montagshistorie hervorragend ist: Montags wollen wir kotzen.

Im Hintergrund nervt der Polizeihubschrauber und die Freunde des Volksparks haben dann auch irgendwann das Stadion erreicht.

Einlass überwunden und auf die geheiligten Stufen.

Gewalt!

Es ist in unserem Stadion so, dass unsere Stehplätze bei normalen Spielen auch deswegen genügend Platz für jede*n bieten, weil eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Stehplatzkarten nicht genutzt wird. Dies ist bei Highlightspielen natürlich nicht der Fall, sondern es kommen alle Inhaber*innen und dementsprechend eng wird es. Wenn man miteinander redet und sich abspricht, dann ist auch noch für den Kumpel, der nicht 90 Minuten vorher da stehen kann, der noch arbeiten muss oder der aus anderen Gründen zu spät kommt, immer Platz. Das kann man über Bezugsgruppen hinweg echt gut regeln. Glaubt es uns einfach.

Was nicht geht, ist jedoch, als 1,90-Mann zehn Minuten vor Anpfiff zu erscheinen, sich zu seinen Kumpels sich durchzudrängen und dann zu meinen, dass man da stehen könne, wo eben noch Frau und Kerl standen, die beide deutlich sind kleiner als man selbst. Und dass die ein kleines Stück zur Seite gegangen sind, ist keine Einladung, da wie ein Ölgötze stehenzubleiben. Insbesondere, wenn sie es einem erst freundlich und dann unfreundlich erklären. Da muss man echt nicht den großen Ignoranten machen, sondern kann „Sorry“ sagen und gehen. Auch das ist nebenbei Awareness. Da lief zum Derby erstmals bei uns im Stadion eine Ansage zu dem Thema. Dürfen gerne alle beachten. Schön auch, dass der Südkurvenflyer das Awareness-Plakat auch noch mal aufnahm.

Wenn sich dann ein Kerl der gleichen Größe einmischt und ein deutliches „geh da weg oder es setzt was“ in die Diskussion einwirft, dann sollte die Reaktion der Kumpels zu besagtem Drängler sein: „Ey, XYZ, geh da mal weg, das ist Unsinn, komm wir arrangieren das irgendwie.“ Die falsche Reaktion in die falsche Richtung ist: „Aber du kannst dem doch nicht Gewalt androhen, das ist Nötigung!!!“ Natürlich kann man das nicht, aber man sollte auch mal überlegen, wer hier mit direkter körperlicher Gewalt angefangen hat, denn nichts anderes ist wegdrängeln* und wer auf freundliche Hinweise nicht hören will.

*Es sei hier kurz erwähnt, dass Gewalt ungleich Gewalt und es da natürlich Abstufungen gibt. Das wird immer gerne vergessen.

Gut, die Ansage ist dann wohl doch überzeugend genug und seine Kumpels und er suchen das Weite.

Einzelfall / Ränge sonst super

Es ist ärgerlich, dass so ein Einzelfall so viel Raum einnehmen muss, denn sonst ist das auf den Rängen heute echt Zucker. Gut Alarm, ein eher ironisches Auspfeifen der Süd, als nach der Fahne runter kein Pyro erschient, gefolgt von „Südkurve, Südkurve“-Rufen. Kein Gepöbel, allenfalls wenige Einzelpfiffe wegen der Pyroshow, viel Gepöbel gegen die Rauten und ein insgesamt guter Support. Teilweise heillos chaotisch, weil auch durch Aktion auf dem Feld unterbrochen, aber Knoll spricht am Ende davon, dass die Fans sie getragen hätten. Das sind diese berühmten paar Prozent, die wir im Vorbericht erwähnten. Und die Süd war Zucker, da wurde in unserem Umfeld benannte Awareness komplett gelebt und in der Ekstase passen alle aufeinander auf. Wie es dazu kam kommt gleich.

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Hübsch!



Ja, das war mal so wie wir uns das vorstellen. Klar man könnte nun ein Haar in der Suppe finden und vielleicht haben die drei linken Nachbarn nicht immer so mitgesungen, wie das in einer idealen Welt sein sollte. Aber Scheiß drauf! Wir haben offenbar was richtig gemacht, Sankt Pauli.

Ein Dank auch an Sanis und Ärzte im Stadion. Wir haben mitten im Spiel ein medizinisches Problem in einer unserer Bezugsgruppen, was uns kurz ein bisschen die Laune verdirbt. Das wird vom Roten Kreuz gut gelöst. Die Betroffene wird in den Sanitätsraum durch den Innenraum geführt, geht auch an der Gästekurve längs und kommt später versorgt zurück und meint nur mit strahlenden Augen, dass sie auf der Choreo der Rauten rumgetrampelt sei. Da wussten wir, es geht ihr wieder gut.

Was sonst noch war

Romane im Gästeblock? tl;dr!

Choreo im Gästeblock? Die Rauten in eine Working-Class-Tradition stellen zu wollen, ist soweit her geholt, das ist selbst für uns Wortspielakrobat*innen zu viel. Es hat ungefähr so viel Witz und Sinn wie die Sprüche von fritz!. Also gar keinen. (Dinos wegechsen, echt jetzt?)

Was genau davon sollte uns eigentlich nun genau treffen? Und Working Class sind sowieso nur die Skins. Und die zu Recht.

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Nun ja 🤷🏼‍♂️



Eigene Choreo: Gute Idee, die Umsetzung hakt leider ein bisschen. Aber so ein deutlicher Mittelfinger in Richtung DFL, DFB, Polizei etc. trifft natürlich unsere Herzen.

Zum Feuerwerk zu Halbzeit 2 könnt ihr in den Berichten zu Pyroeinsätzen 1999, 2000, 2001 etc. alles lesen, was dazu gesagt werden sollte und muss. Bemüht Google, dann findet ihr es. Es sieht cool aus und der Ordner mit der Schubkarre, in die alle Leute ihre abgebrannten Pyros werfen, war ein Bild für die Götter. Wir haben uns ordentlich einen gefeixt. Als hätte da jemand an den Reglern auch Bock drauf, wird nochmal “Antifa Hooligans” extra aufgedreht, als alles so schön leuchtet.

Rasengeschehen

Diese 0,2 Sekunden bevor der Ball ins Tor rollt, die sind schon irgendwie (besser als) Sex, oder?

Die haben schon eine gute Truppe da zusammen im Volkspark. Jatta ist ein echt fetter Motor über die Außenbahn und auch sein Gegenüber ist echt stark. Unsere Jungs haben da alle Hände voll zu tun, halten aber mit Einsatz und guter Einstellung echt klug dagegen. Und wenn es dann doch mal nicht reicht, dann ist Hinterseer zur Stelle und versemmelt den Ball. Der Junge, der ja wirklich gut in die Saison gestartet ist, hat mal so richtig Scheiße am Fuß. Nun ja, so ist das halt. Doof für ihn, wenn es im Derby passiert. Wie ruft unser Chief Editor in solchen Momenten immer? „HA! HA!“

Womit wir bei unserem Liebling des Spiels sind. Ach Rick, den entscheidenden Tick zu spät beim 1-0 und beim 2-0 bügelst du das aus und schiebst ihn gleich selber rein. Was deine Leistung aber echt schmälert ist, dass du das absolut mögliche 3-0 daneben setzt.

Zu unseren Jungs. Die sind ja mal heiß wie Frittenfett. ENDLICH MAL!!! So häufig hatten wir schon Derbyspiele, wo unsere Knaben wie das Kaninchen vor der Schlange hockten. Wir erinnern uns da ungern an ein Spiel im März. Diesmal ist alles anders. Laufeinsatz wie verrückt, Kämpfen bis zum Umfallen, taktisch gut eingestellt und mit einigen guten Ideen. Das ist rund! Hier mal Lob an den Coach; wer eine Mannschaft so spitz in ein für Fans so wichtiges Spiel bringt, der macht nicht alles falsch. Und das bei uns Nörgler*innen schon ein großes Lob. Der versprochene aktivere Fußball ist sichtbar und spürbar.

Einzellob? Ohlsson, der richtig stark ist (auch wenn ihm Jatta ein paar mal entwischt) und auch noch die GG anheizte. Das wirkte, als ob er einen Crashkurs in FCSP-Tugenden gehabt hätte. Diarra nach Einwechselung auch sofort auf Temperatur und mit fettem Jubelsprung. Da ist Herz vorhanden. Das Duracell-Häschen Knoll (ihr kennt die alte Werbung noch? „Läuft und läuft und läuft“), der einfach ein echter „Game Changer“ ist. Der ist überall gleichzeitig, treibt den Gegner zur Weißglut und kann dabei echt noch feine Bälle spielen. Ganz stark. So sah man ihn bei Regensburg, das deutete er in der Hinrunde letzte Saison schon an und nun wird er immer stärker. Klasse! Und Buballa: Nach kurzer Anlaufzeit: Mit welcher Brust läuft der denn rum seit er die Binde umhat?

Wie lange haben wir bitte nach einem zentralen Offensiven gesucht, der sich Bälle abholt, der dribbelt und verteilt, der im wahrsten Sinne des Wortes Schaltzentrale des gesamten Spiels ist? Und dabei verkümmerte der ideale Spieler dafür auf der Außenbahn. Was Mats nun im Zentrum unseres Spieles an Kilometern und Ballberührungen abreißt, ist klasse. Und bei ihm wird die Zeit, die er intensiv spielen kann, auch immer länger. Es ist noch gar nicht so lange her, da nahm der Trainer ihn nach 60 Minuten runter, nun marschiert der auch in Minute 92. Auch wenn für den finalen Konter die Konzentration fehlt. Ist ja alles gutgegangen.

Sein Jubellauf vor der GG nach Abpfiff war dann alles. Einfach alles. Tusen takk, Mats.
Da lässt jemand den Worten, dass er Geburtstagsgrüße für Fans gerne aufnimmt (auf Rückfahrt nach Niederlage in Stuttgart!), weil er den Verein und seine Fans sehr gerne mag, auch gleich fette Taten folgen. Top. Wie wir danach vorm Stadion orakelten: Der würde wahrscheinlich immer noch über den Rasen laufen, wenn Truller ihn nicht eingefangen hätte.

Natürlich auch groß für Schnecke Kalla, dass er den Derbysieg als Einwechselspieler verteidigen darf. Und der wirft sich auch nochmal richtig rein. Jetzt müssen wir schnell den Weg in die Europa League hinbekommen, damit er das Karriere-Highlight noch toppen kann.

Klar, es gibt auch kleine Tropfen Wasser in den Wein. Hinterseer ist schon erwähnt und noch schaffen wir es nicht, die Intensität 90 Minuten als Mannschaft geschlossen hoch zu halten. Die Auszeiten sind noch ein bisschen lang. Aber man muss ja auch immer was zum Arbeiten haben. Hochgradig clever hingegen, wie auch mal eine Weile unattraktiv hintenrum gespielt wird – vielleicht gar nicht aus Ideenlosigkeit, sondern um ein bisschen Kondition einzusparen.

Und nun?

Sind wir in diesem Jahrzehnt insgesamt 3050 Tage Derbysieger. Dieser andere Verein nur 601 Tage. (Alles gestern per Hand auf einem Schmierzettel auf dem Fanladentresen gerechnet.). Packt also eure hässlichen Aufkleber ein und macht Platz für ganz viele Mats-Aufkleber, ihr Vorstädter

Diese glücklich-leeren Gesichter nach Abpfiff überall im Viertel. Diese immer wieder erschallendem „Alte*r, wir haben gerade das fucking Derby gewonnen“-Rufe. Komplette emotionale Überforderung! Dieses debile Grinsen am Tag danach. Derbysieger!

Derbyfluch? Oder Wende der Saison? Unser Senior hatte unserem Lieblingsgewerkschafter (hallo @moeliw) ja prophezeit, dass das Derby die Wende der Saison wird. Um das zu testen, kommen nun zwei wirklich perfekte Aufgaben. Ein sehr gutes lilaweißes Kollektiv und ein echt unangenehmes Sandhausen. Das sind echte Charakterspiele, sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen. Etwas vereinfacht gesagt: Können wir auch Alltag oder können wir nur vereinzelte Highlight?

Wir würden uns wünschen, dass wir Mats auch dann jubeln sehen können, wenn wir gemeinsam den Abwasch (= Sandhausen geschlagen) erledigt haben.

Denn dafür leben wir. Um Mats jubeln zu sehen.

PS:

Hamburg ist braun-weiß, ihr Derbysieger*innen!

Was wir vergessen haben, lest ihr bei Millernton-Tim

Sep 102019
 

Liebe Leser*innen, wir haben das Derby vor der Nase. Eigentlich kommt dieser Komet ja nur alle 10 bis 20 Jahre vorbei, dieses mal aber aufgrund von besonderen Umständen ( Nichtaufstieg, hahahahaha) zweimal in einem Zeitraum von nicht einmal sechs Monaten.

Das letzte Mal war Mist

Fangen wir mit einer Untertreibung an:

Das letzte Derby war aus unserer Sicht nicht wirklich erfolgreich und wir denken, viele von euch sehnen den 16.09.2019 nicht gerade herbei. Das war auf dem Platz und auf den Rängen nicht unser bester Auftritt.

Aber nun sind wir der gefährliche Außenseiter!

Nun ist das nächste Derby fast da. Man kann sich alles „auf Augenhöhe“-Gerede sparen, der Gast aus dem Park am Rande Altonas ist hoher Favorit. Sie sind besser aufgestellt, haben die besseren Spieler, sind besser gestartet, können besser Fußball spielen und, und, und …

Dazu machen sie erstaunlicherweise auch mal Dinge so wirklich richtig. Der Umgang mit dem Fall Jatta ist vorbildlich.

Was bei den Rauten normal gewesen wäre? Tausend Stimmen, interner Streit am Ende ein Interview mit Kühne: „Ich wollte den Spieler sowieso nicht.“

Was jedoch jetzt passierte? Einigkeit, ein bisschen Wagenburgmentalität und „wir gemeinsam“. So etwas kann einer Mannschaft ein paar Prozent Leistungsfähigkeit einhauchen und diese Prozente rufen die Rauten gerade ab. Man will fast schreiben: „Es sei ihnen und Jatta gegönnt.“ Ja vielleicht. Aber nicht am 16.09.2019 zwischen 20:30 – 22:30!

Wenn sie danach in dieser Saison den zweiten Platz erreichen und uns zusehen, wie wir die Felge in den Himmel recken, dann ist das mehr Gönnung, als wir sonst den Rauten geben würden. Und ab 20/21 werden die Karten sowieso wieder anders gemischt.

Das Ziel? Rauten raus brüllen!

Und nun ist es an uns. Das Millerntor ist unser Wohnzimmer, auf dem Platz und neben dem Platz. Da kann man einmal einen (auch noch ungeliebten) Gast reinlassen und passiv das Tafelsilber stehlen lassen, aber aus diesem Fehler müssen wir alle lernen. Und das heißt: alles raushauen. Von der Stadionöffnung bis die letzte freudetrunkene Braun-Weiße, der letzte freudetrunkene Braun-Weiße das Stadion verlässt.

Wir wissen, dass unsere Mannschaft Fehler hat. Wir haben hier all die Schwachpunkte genug kritisiert. Was die Jungs diese Saison aber auf dem Platz zeigen, ist Aktivität, Einsatz, Wille. Das ist im modernen Fußball bei weitem nicht alles, aber es ist für einen magischen Flutlichtabend eine gute Voraussetzung. Da ist ein Funke in der Truppe, der zünden kann. Der an diesem Abend zünden muss, wenn wir eine Chance haben wollen.

Und hier kommen wir Fans ins Spiel. Erinnert ihr euch an Spiele wie gegen Augsburg 2010, Hoffenheim 2010 oder die beiden Abstiegsendspiele vor zwei Jahren? Da war von der ersten Sekunde auf den Rängen klar, dass wir den Gegner aus dem Stadion brüllen. Wir, die Fans, konnten ein paar Prozent extra zur Verfügung stellen, die unsere Jungs in einem solchen Spiel brauch(t)en. Das können wir immer noch. Das können wir wieder. Gemeinsam. Auf allen Tribünen. Egal ob Ultrà oder Oldtra, egal ob Kutte oder VIP-Kunde. Let’s get loud! Oder ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit: Kiel vor etwas mehr als zwei Wochen.

Dies muss jede*r Person im Stadion am 16.09.2019 klar sein. Wir brüllen die aus unserem Wohnzimmer, wir tragen unsere Jungs zum Sieg.

Das heißt auch: Egal was passiert! Letzte Saison haben wir uns viel zu doll ablenken lassen, meinten uns gegenseitig anzumachen und haben uns gegenseitig den Stinkstiefel zugeschoben. (Dem hier nicht benannten Erfinder dieser Formulierung sei an dieser Stelle ein Herzchen zugeworfen) Das darf nicht noch mal passieren!

Wir sind eine Familie und in einer Familie kracht es auch mal intern. Aber nicht, solange die verhasste andere Großfamilie da ist! Da halten wir zusammen und zeigen denen, dass wir der viel bessere Haufen sind. Impft euch das ein, redet in eurer Bezugsgruppe darüber, bereitet euch darauf vor. Wir können und sollen uns streiten, anderer Meinung sein, debattieren und auch mal aufeinander maulig sein. Aber nicht am 16.09.2019 während des Spiels!

Es werden Dinge passieren, die vielleicht nicht gefallen, aber niemand verliert deswegen das Ziel aus den Augen! Brüllen! Pöbeln! Laut sein! Den Rauten das Leben schwer machen!

Wir sind St. Pauli! Unser Tag kommt!

Die üblichen Ansagen

Passt vor und nach dem Spiel auf euch auf. Die Rauten kommen mit einem Marsch, quer durch die Schanze, wobei es wirklich spannend wird, zu sehen, welchen Weg man denen zuweist. Es ist auch mit sportlichen Kleingruppen zu rechnen. Nicht rechnen muss man mit Vollbier im Stadion und viel Platz auf den Rängen. Kommt rechtzeitig, sortiert euch vernünftig nebeneinander und seid fair miteinander. Gerade bei so einem Spiel: Wenn da irgendwer sexistisch, rassistisch oder anders diskriminierend auffällt, dann mischt euch ein, macht klar, dass dafür kein Platz am Millerntor ist, und helft Betroffenen.

Lasst die Handykamera aus und seid Teil der Stimmung statt nur passive Abfilmer. Niemand möchte Hauptdarsteller in eurem wackeligen Amateurfilm sein! Achtet auf Choreos, Aktionen etc. und bringt euch da ein. Und ein paar Euro in die entsprechenden Töpfe helfen auch immer.

Und eine unübliche Ansage zum Schluss

Wir saßen letztens in ganz anderer Sache mit einer Vereinsoffiziellen zusammen und da wurde uns erzählt, dass viele Mitmenschen im Stadtteil an den Verein herangetragen haben, dass nach unseren Heimspielen Spielplätze nicht nur als Boxareal genutzt wurden, sondern auch noch mit Bierflaschen und Scherben verunreinigt wurden. Von der leider sehr üblichen Nutzung als Urinal ganz zu schweigen.

Und diese Beschwerden kommen von Leuten, die diesen Stadtteil in unserer aller Sinne gestalten wollen und in diversen Organisationen tätig sind, die wir voll unterstützen. Sie haben inhaltlich auch Recht! So ein Spielplatz ist für Kinder, er ist eine Oase für Kinder und diese sollte wenn es irgend geht unter keinen Umständen gestört oder verschmutzt werden. Vermeidet also die beschriebene Zweckentfremdung. Danke!

Sep 042019
 




Der Sonntag war dann bei unserem Haustriathleten dem aktiven Sport gewidmet und er startete in Norderstedt über die Olympische Distanz.

Wie es lief? Lest ihr jetzt!

Vorneweg



Die Veranstalter dieses Triathlons wiesen schon vor der Veranstaltung darauf hin, dass sie Müll und insbesondere Plastikmüll vermeiden wollten und deswegen u.a. keine Verpflegung auf dem Rad anbieten würden und auf der Laufstrecke die Möglichkeit bestünde einen Becher oder andere Gefäße befüllt zu bekommen. Auch auf eine Veranstaltungsbadekappe wurde verzichtet, es bestand die Möglichkeit seine eigene mitzubringen. Auch das Finishershirt sei ohne Plastikverpackung.

Das ist erstmal alles richtig cool. Veranstalter, die sich ernsthafte Gedanken über ihre Ökobilanz machen und die soweit wie möglich Einwegplastik vermeiden gibt es immer noch viel zu wenige. Der Ansatz hier ist erstmal sehr zu loben. Das es dann auf der Laufstrecke nicht wirklich mit dem Befüllen der Becher funktionierte, weil kein Helfer nur dafür abgestellt war und dies damit nicht offensiv angeboten wurde, ist ein kleines Detail, was man noch verbessern kann und muss. In der Hektik des Wettkampfes und dem Versuch Sekunden zu sparen wird kein Teilnehmer bei den Helfern nach einer solchen Möglichkeit nachfragen. Entweder sie wird offensiv angeboten oder sie bleibt unbenutzt.

Das ganze findet am Arriba Strandbad im Norderstedter Volkspark statt. Alle Helfer sind unglaublich freundlich und engagiert, Fragen wurden immer freundlich beantwortet und auch für Sprüche blieb noch Zeit. Die ganze Organisation wirkt durchdacht und eingespielt. Das genügt alles allerhöchsten Ansprüchen.

Durch die Nutzung des Strandbades findet man auch immer und überall ein Klo, was ja traditionell mein Thema ist.

Check In und Wettkampfbesprechung

Das Check In war problemlos machbar und die Wechselzone auf einer Wiese unter Bäumen ist zwar ein bisschen unübersichtlich, aber man bekam seine Sachen gut verstaut und ich zumindest fand später im Wettkampf auch gut eine Wege.

Der ganze Wettkampf ist ein Brummkreisel-Wettkampf. Sprich: Runden, Runden, Runden. Zwei beim Schwimmen, vier beim Radfahren, vier beim Laufen. Das ist nun nicht wirklich meine Lieblingsbeschäftigung, aber bei einer „Dorfveranstaltung“ nix ungewöhnliches.

Auf der Radstrecke wurde es einer Länge von 10 KM relativ eng, aber wenn man denn wollte, war ein regelkonformes Fahren ohne weiteres noch möglich. Es ist aber wie immer: Einige wollen einfach nicht. In den meisten Fällen ist das schlichtweg Betrug an einem Selbst und das muss jeder mit sich und seinem Gewissen aus machen. Wenn aber bei dem Ligawettkampf einen zwei oder drei Teilnehmer des gleichen Vereins überholen und das als Mannschaftszeitfahren konzipieren, dann wünscht man sich doch, dass mal ein Kampfrichter plötzlich auftaucht.

Und los geht es mit dem Schwimmen

Ich fühlte mich nicht wirklich fit und der Tag vorher hatte nun auch nicht gerade den besten Vorbereitungscharakter. Aber hilft ja nix, rein ins Wasser, was brühwarm war, so dass ein Neo nicht erlaubt war.

Das ganze war ein Wasserstart mit Startwellen und ich ordnete mich ganz hinten ein, denn ich bin sowieso einer der langsamsten und brauch das Geprügel beim Schwimmen nun echt nicht. Klar verschenk ich damit so ca. 30 bis 40 Sekunden, aber dann ist das halt so.

Schnell war ich relativ alleine und es dauerte doch sehr lange bis ich meinen Rhythmus beim Schwimmen fand. Gefühlt bin ich aber relativ gerade geschwommen und ein Teilnehmer war auch immer hinter mir.

Die Mädels und Jungs auf den Stand-Up Brettern der DLRG machten Faxen, aber die sicherten den Wettkampf auch schon ein paar Stunden, da ist Spaß erlaubt und als Schwimmer kann man einfach mal mitlächeln. Auch wenn es mich einmal aus dem Konzept gebracht hat.

Erste Runde mit 22 Minuten und ein bisschen absolviert und die zweite Runde lief eigentlich besser, ich hatte so etwas wie ein Gefühl für das Wasser entwickelt und hoffte schneller zu werden. Die Zeit im Ziel behauptete mit 46:29 etwas anderes. Bereits vor dem Start hatten sich Teilnehmer darüber unterhalten, dass die Strecke immer etwas länger sei, als die erforderlichen 1500 Meter und das Gefühl würde ich beinah unterschreiben wollen. Sonst war ich sehr langsam beim Schwimmen.

Aber ich war der Dritte von hinten, womit schon ein Ziel bei jedem Triathlonstart erreicht war. Ich war nicht Letzter nach dem Schwimmen. Beim Wechseln noch mit einem Kampfrichter drüber gewitzelt, der meinte, ich müsse mal mein Schwimmen verbessern, wenn ich Weltmeister werden wolle. Mit einem Lächeln. Ich meinte nur, dass dies auch nix mehr nützen würde, auch wenn ich nun das Feld von hinten aufrollen werde.



Wechel aufs Rad



Die relativ lange Wechselzone in 5:15 durchschritten, was für mich gut ist. Es lief auch alles reibungslos und ohne große Fehler. Da bekomme ich endlich eine gewisse Routine rein.

Los geht die wilde Hatz. Erstmal eine kleine Stichstraße längs und dann vier mal die Schleswig-Holstein Straße rauf und wieder runter. Spannend ist das nicht. Aber dafür hat man besten Asphalt und eine gerade Strecke, die man schön vorne auf dem Auflieger fahren kann.

Nach drei Kilometern schoß mir die Frage durch den Kopf, welches Tempo ich eigentlich anschlagen wollte. Ich beschloss für mich erstmal, dass 28,5 km/h als Schnitt ganz nett sei. Stellte dann aber auf der zweiten Runde fest, dass ich bisher einen Schnitt von über 29 km/h fuhr ohne mich wirklich anzustrengen.

Es waren zwei 180 Grad Wenden zu durchfahren und hier mal ein Lob an alle Teilnehmer, denn es wurde sehr vorsichtig und diszipliniert gebremst und gewendet. Das hab ich beim Hamburger ITU Triathlon und seiner Wende in Teufelsbrück schon ganz anders erlebt. Da wollten dann irgendwelche Helden genau dort noch vier überholen und begannen irgendwelche halsbrecherischen Manöver. Hier nicht, auch wenn der Ziehharmonika Effekt jedem Teilnehmer wohl ein paar Sekunden gekostet hat.

Dritte Runde, ich pendel mich knapp unter 30 km/h die Stunde ein und werde eher schneller als langsamer. Nun gut, dann ab jetzt halt „Sieg oder Spielabbruch“, nun wird dieses Tempo gehalten und der Lauf auch hart angegangen und entweder es reicht hinten raus oder ich kipp aus den Latschen.

Runter von der Pendelstrecke, noch mal eine Stichstraße durch und nach gemessenen 41 KM und 1:22:03 (also gut ein 30 km/h Schnitt) steht das Rad wieder in der Wechselzone.

Das ging mal richtig gut.

Laufen


Wechsel in 2:42, lief wieder sehr gut und ab zum Laufen. Auf einer 2,5 km Runde. Dann nehme ich mir doch mal vor, die jede Runde in 15 Minuten zu laufen, was ungefähr einer 6er Pace entspricht und für mich schnell wäre.

Die Beine fühlen sich locker an, der Körper ist nicht zu müde, also Energie und ab. Die Runde hat innen immer einen Betonweg, außen Sand. Ich laufe meistens auf dem Sand, um Leute vorbei zu lassen. Das kostet ein bisschen mehr Kraft, aber wie schon oben erwähnt, da ist parallel ein Ligawettkampf auf der Strecke und da entscheiden am Ende Sekunden. Bei mir nicht.

Die Strecke ist trotzdem gut zu laufen, sie hat nur vier Anstiege drin und ich hasse Anstiege. Nein. ICH HASSE ANSTIEGE. Aber heute ist „keine Gnade für die Wade“ Tag und ich ballere die erste Runde da rum. Ha, trotz kurzem Dixie Stop klappt das gut mit den 15 Minuten.

Zweite Runde ebenso, am Ende der Runde noch mal Gele reingepfiffen.

Nun werden die Beine schwerer, aber insgesamt geht es noch gut. Zu Beginn der Runde gibt es eine kleine Wendestrecke. Am Ausgang steht ein unermüdlicher Helfer, der jeden Teilnehmer jedes Mal fröhlich mit abgelesenen Namen anfeuert. Beim letzten Durchlauf bedanke ich mich und wir wünschen uns noch ein schönes Wochenende. Ganz ehrlich: So etwas ist toll.

Endspurt. Mein Puls geht nun an den Anschlag, aber da sind noch Reserven drin, also ballern wir den letzten KM durch.

Am Ende steht eine 59:05, wobei die Strecke wohl nicht ganz 10 KM waren. Egal. Klasse Zeit insgesamt. 3:15:35. Schneller war ich nur vor 5 Jahren mal in Ingolstadt mit einer 3:12:45, aber da habe ich den leisen Verdacht, dass die Strecken nicht wirklich gleich lang sind und ich war auch noch fünf Jahre jünger. (Bericht aus meinem damaligen Sportblog)

Fazit



Da geh ich noch mal hin, die Veranstaltung ist vor meiner Haustür und macht Spaß. Im Hinblick auf Almere kann man nur sagen, dass die Form stimmt. Mal sehen, was in zwei Wochen passiert.

Sep 022019
 

Dresden. Mehr müssen wir eigentlich nicht schreiben, um zu erzählen, dass wir einen richtig miesen Tag hatten.

Hin

USP hatte einen Sonderzug gebucht, den wir aus diversen Gründen nicht nutzten. Wie wir hörten, soll es eine gute und entspannte Fahrt gewesen sein. Das ist gut und das nächste Mal läuft die Kommunikation auch schneller und wir haben das als grundsätzliche Reisemöglichkeit auf dem Schirm und dann sind wir auch wahrscheinlich dabei, wenn es passt.

So hatten wir einen Pöbelbus gemietet und holten den zu früher Stunde bei der Vermietungsfirma ab. Die sehr bemühte und freundliche Mitarbeiterin (was nebenbei für alle an diesem Tag getroffenen Mitarbeiter*innen der Europcar Station Wandsbek galt, mal ein riesen Lob an die) meinte noch, dass man angesichts der gewählten Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung den Wagen auch schrottreif auf den Hof stellen könne bei Abgabe. Wir hätten dankend auf ihre hellseherischen Fähigkeiten verzichtet.

An unserem Treffpunkt wurden wir erstmal (weit entfernte) Zeug*innen einer Schlägerei zwischen einem Busfahrer und einem Besoffenem. Die damit endete, dass der Busfahrer in seinen Reisebus stieg, weg fuhr und dabei einen ordentlichen Schlenker in Richtung des Besoffenen machte. Puh, das ist juristisch dann wohl schon eine ordentliche Straftat. Passiert ist zum Glück nix.

Wir sammelten uns also, die feine Gesellschaft kam per Moia, der Pöbel per Bahn und ab ging die Reise. Unseren südlichen Vorposten noch kurz zu Hause abgeholt und dann erstmal über die berühmte B 4 in Richtung Braunschweig. Ging alles entspannt und gut, der befürchtete Wildwechsel blieb aus und Rübenkampagne ist auch nicht, so dass sich Überholvorgänge in Grenzen hielten. Nur die Pinkelsituation wurde am Ende etwas dringender, aber wir haben es dann doch rechtzeitig zu dem ersten Autohof geschafft.

Rest der Hinfahrt ist schnell erzählt, über den Musikgeschmack einzelner Herren wollen wir nichts erzählen und so kam man schnell in Dresden an. In dieser Stadt, die eine Uni hat und eigentlich genügend korrekte Leute bleiben Noafd Plakate heil. Das kann doch echt nicht sein! Auch sonst waren die Plakate im Landtagswahlkampf an Stupidität nicht zu überbieten.

Da

Bei dem bereits bekannten Auswärtsparkplatz wurde ein Plätzchen im Schatten gefunden. Ja, wir sind bekennende Warmduscher und Schattenparker. Wer nicht? Nun begann ein Thema das Tages. Warten auf die Polizei. Pendelbusse stehen bereit, Busfahrer so auf Nachfrage mit genervter Stimme „Ihr wärt schon weg und wir wieder hier, wenn die Polizei mal da wäre, auf die warten wir nämlich.“ Irgendwann bemühte sich die Staatsmacht dann doch mal aus ihren Autos und wir konnten zum Stadion. Nebenbei fiel hier nach gut 20 Minuten Wartezeit bereits der Satz ”Ich hasse es, auf die Polizei zu warten.“ Tja, …

Einlass war wieder eine sehr unterschiedliche Erfahrung. Mal eher pseudomäßiges Abtasten, mal der Griff an die (weibliche) Brust. Auch was rein konnte und was nicht, war von Ordnerin zu Ordnerin wirklich unterschiedlich. Im nächsten Leben (wenn wir keine Fußsballfans sind, ha!) machen wir nebenbei ein effizientes Stadioncatering auf und finanzieren damit die Weltherr*innenschaft.

Beim Eingang keine Ordner mit offensichtlichen Nazisymbolen, im Sitzgästeblock scheinbar schon.

Zur Stellungnahme von Dresden kommen wir gleich.

Fußball

Ein gut aufgelegter Gästeblock zeigte zu Beginn eine Choreo, durfte sich schwarz-rot-gold (hier stand mal Senf, was aber einen doofen Hintergrund hat. Danke für den Hinweis geliebter Fanladen) Fahnen ansehen, die im ganzen Stadion koordiniert von irgendwelchen Pegida Trotteln (so zumindest der Flurfunk) präsentiert wurden. Die Typen offenbarten dann auch per „FCK Antifa“ Shirt ihre Weltsicht und hampelten bis nach Abpfiff am Gästeblock rum. Halsabschneidergestenparade war auch dabei. Es nervt!

Aus dem K Block dann mehrere diskriminierende Plakate, die weit über ein erträgliches Maß hinaus gehen. Wir zitieren die Inhalte nun bewusst nicht, wir wollen so einen Scheiß hier nicht auch noch verbreiten. Wer sich informieren möchte, der besuche „Ultrapeinlich“ auf Twitter oder anderen Plattformen. Nur soviel: „Warum reagiert ihr immer drauf, das ist doch ganz bewusst euch provozierend“ ist keine sinnvolle Argumentation. Wenn man sich an diskriminierenden Müll gewöhnt oder ihn totschweigt, dann ist man nicht besser als „unpolitische“ Fans. Wir werden diese Dreck nie unwidersprochen lassen. Und: Freut euch gegen Sandhausen auf Sticker zu diesem Thema. Mehr dazu, sobald der Druck durch ist.

Es war schön, dass mit Präsentation des ersten Plakates gleich das 0-1 fiel. Sehr passender Zeitpunkt, nie haben wir lieber in Richtung des K-Blocks gewunken.

Zur Stellungnahme der SG Dynamo Dresden: Wir sind keine Freunde von Stellungnahmen, wenn sie bloß auf dem Papier existieren. Also sind wir kein Fan von Stellungnahmen der SG Dynamo Dresden. Eine kurze Recherche ergab, dass es davon “erstaunlich“ viele gibt, die alle gleich klingen. Würden sie wahrscheinlich nicht, wenn man dann auch mal konkret was machen würde und nicht nur mit hohlen Worthülsen um sich schmeißt. Auch hätten wir vielleicht nicht zuerst die Kunstfreiheit als Aufhänger genommen, aber insgesamt ist die Stellungnahme irgendwo noch akzeptabel.

Nur liebes Dynamo Dresden: Wenn Ordner vor einem Spiel nicht auf Kleidung und Symbole kontrolliert werden, wenn es eigentlich klar ist, dass eure Fanszene Rotz auf Tapeten schreiben wird, dann ist eine nachträgliche schockierte Stellungnahme viel zu wenig. Gerade bei einem Verein, der so mit seiner Fanszene verwachsen ist, wie Dynamo erwarten wir da auch proaktives Handeln, eine klare Sensibilsierung aller Verantwortlichen und ein Leben von „Rassismus ist kein Fangesang“. Hohle Worte im Nachhinein ändern wenig, insbesondere weil Konsequenzen ja aus bleiben. Das ist ja nicht das erste Plakat in diese Richtung. Es ist schön, wenn die Fanrechtshilfe vor dem Spiel über den Stand der Karlsruhe Geschichte per Stadionmikrofon informieren darf und zu Spenden aufrufen darf, es aber gerade bei einer so offenen Zusammenarbeit zwischen Fanszene und Verein auch mal vonnöten zu sagen, wo Grenzen sind. Und zwar bevor das Kind in Brunnen gefallen ist. Uns ist auch klar, wie schwierig es im Osten ist Ordner zu finden, die nicht Nazis sind, aber dass diese noch offen strafbare Kleidung tragen, zeigt, dass anscheinend gar keine Sensibilität bei Vereinsverantwortlichen für dieses Thema vorhanden ist.

Zum Spiel:

Wir sind zur Zeit unfassbar effektiv. Drei Schüsse aufs Tor, drei Tore – Spiel zuvor zwei und zwei. Das hängt insbesondere an Diamantakos, der schon immer ein sehr effektiver Stürmer war und der zur Zeit als einzige ernsthafte Sturmalternative richtig überzeugt. Da sieht man wieder einmal, was Selbstvertrauen wert ist. Drei Vorlagen MMD zeigt wie gut der Junge zur Zeit drauf ist. Damit kommen wir aber auch zu den Problemen. Die beiden sind zur Zeit ziemlich alternativlos.

Die Idee Conteh mal eine Pause zu gönnen und ihn als Waffe gegen einen müder werdenden Gegner einzuwechseln ist eine absolut überzeugende. Auch sahen die ersten 30 Minuten wirklich nach einem gut strukturierten und durchdachten Auftritt aus. Aber das ist dann auch unser Problem. Wir bauen massiv ab. Bis zur 30. Minute lassen wir gut Ball und Gegner laufen, haben alles im Griff und bringen dann den Gegner wieder zurück ins Spiel. Um dann uns selber 3 Tore rein zu legen. Allen drei Toren gingen massive Fehlerketten voraus, die nicht durch brilliantes Spiel von Dresden erzwungen wurden.

Buchtmann kommt sehr spät und will sich richtig beweisen. Wir sind jedenfalls gespannt, was heute bis 18:00 Uhr (Stichwort D-Day) noch so passiert. Mit dem Zugang von Lawrence jedenfalls sind wir sehr zufrieden, der bringt Sicherheit rein. Nationalmannschaftsspiele sind sowieso nicht so unsers, aber besonders doof ist es, wenn der neue Abwehrchef deswegen dann die nächsten Tage nicht mit der Mannschaft trainieren kann. Man sieht nämlich leider auch immer noch, dass da niemand hundertprozentig eingespielt ist. Und sowas macht man nur durch Training wett. Waren wir zu Beginn sehr skeptisch bzgl. Ryos neuer defensiver Rolle, so erkennen wir da mittlerweile tatsächlich immer mehr positives. Die Ballsicherheit da hinten ist gut und wichtig. Und der Junge hatte auch ganz gegen Ende noch Körner und drehte ab der 85. Minute noch mal auf und war dann auch mehrfach vorne zu finden. Schade, dass das nicht von Erfolg gekrönt wurde.

Und Conteh, Junge, Junge, Mädel: Kommt und bindet durch seine Schnelligkeit direkt mal 3 Gegner dauerhaft, müsste sich zweimal fallenlassen um den Elfer zu kriegen (wir sind da keine Freund*innen von, aber anders kriegst du den halt nicht zugesprochen; Stichwort: Abgewichstheit) und holt dann noch ne rote Karte. Dass wir schon unkten, dass wir in Überzahl noch ein Tor reinkriegen würden, während wir auf den VAR (Fußballmafia DFB) warteten, verschweigen wir hier besser.

Nach dem Spiel warten wir dann “geduldig” auf die Busse, in die wir aus unersichtlichen Gründen nicht einsteigen dürfen, werden dabei erst mal von Typen angerempelt, die das noch nicht mal mitbekommen. Wir haben auch echt keinen Bock, Dudes ständig darauf hinzuweisen, dass sie nicht die einzigen Menschen sind, die sich im öffentlichen Raum bewegen. Geht aber scheinbar nicht ohne

Und dann Versuch zurück

Schlimmer geht immer:

Und wer glaubt, dass das späte 3-3 den Tag versaute, dem sei unsere Rückfahrt erzählt:

Wir fahren extra 100 km um nicht mit irgendwelchen Dynamos aufeinander zu treffen, um dann bei einer Raststätte zunächst auf indifferente Dynamos zu treffen, aber auch auf den Kleinbus eines Dynamo Fanclubs (dessen Namen wir jetzt hier nicht nennen). Bei Abfahrt bekommen wir auf den Mietwagen einen Aufkleber geklebt, der nicht abgeht und danach postiert der Typ noch minutenlang vor dem Auto und fordert zum Match auf. Wie nervig. Und natürlich sagt die Vermietungsfirma bei Rückgabe die unschönen Worte „Dann wird da wohl Strafanzeige gestellt werden müssen“. Niemand redet gerne mit der Polizei, aber unser Mitleid hat der Typ und seine Mitfahrer*innen auch nicht, wenn sie in nächster Zeit Besuch von der Staatsmacht erhalten. Nebenbei kam es auch noch zu der ”schönen“ Situation, dass seine (vermutlich) Freundin versucht, ihn zurückzuhalten. Verzeihung, uns blieben gerade kurz die Augen in den Augenhöhlen stecken.

Jedenfalls: Selber schuld. Dass man den Fanclub auf Facebook findet und der Admin ihrer Gruppe gerne schwarz-weiß-rote Fotos postet, mindert unser Mitleid noch mehr.

Dass wir nicht weiter in Details gehen hat dann auch was mit “laufendem Verfahren” zu tun. Wir denken ihr könnt das verstehen.

Und damit war der Ärger noch nicht zu Ende, denn es wartete noch eine zweite unabhängige Geschichte auf uns (nachträgliche Klarstellung). Wir fahren auf der linken Spur und wollen einen Camper überholen, hinter dem ein anderes Fahrzeug fährt. Als wir dieses andere Fahrzeug auf Höhe Fahrer/Beifahrer haben, zieht der unvermittelt rüber. Trifft uns, es macht RUUMS, aber zum Glück passiert sonst nix. So bleibt es bei einem ordentlichen Blechschaden an beiden Fahrzeugen und zwei Stunden im Autobahngraben irgendwo in Sachsen-Anhalt. So wollte man natürlich einen der letzten Sommerabende des Jahres verbringen. Nicht. Polizei kommt nach über 60 Minuten (!) dann auch, nimmt den Unfall auf, wir können weiter und kommen dann auch beinah ohne Zwischenfälle in Hamburg an, wenn wir mal von einem Typen in schwarz absehen, der uns fast vor die Karre rennt und einem Auto, was uns vollständig die Vorfahrt nimmt. Was für ein Tag. Die Katastrophenliste der Saison wäre damit immerhin gut gefüllt, ab jetzt bitte dann nichts mehr.

Unser Tag wird kommen, aber heute war er definitiv nicht.

Aug 282019
 

Vorab

Liebe Lesenden, es ist schwierig, über Themen zu schreiben, bei denen nur ein kleiner Ausschnitt des eigentlichen Sachverhaltes bekannt ist. Hinzu kommt, dass der Bericht des NDR über die Abgabe von VIP-Tickets an Andy Grote und andere Menschen aus dem Bereich der Hamburger Verwaltung und Politik ein „es könnte sein“- und „vielleicht hat er“-Bericht mit vielen Unterstellungen und unbelegten Hypothesen ist.

Dies ist bitte als Disclaimer vorweg zu lesen, wenn wir über so etwas schreiben.

Diplomatie ist, nicht nur mit Freunden zu reden

Der FCSP muss mit Menschen interagieren, die wir komplett scheiße finden. Das nennt man zwischen Staaten Diplomatie. Dazu gehört es eben auch, Menschen freundlich zu empfangen, die man ums Verrecken nicht auf seiner Party haben will.

Das können und sollten wir nicht ohne kritische Worte hinnehmen, es lässt sich aber nicht vermeiden. Und das gilt insbesondere für Innensenator*innen und Polizeipräsident*innen. Die sitzen häufig genug am längeren Hebel, sei es bei der Genehmigung von alkoholischen Getränken oder bei irgendwelchen anderen Abläufen am Spieltag. Das ist alles ganz großer Mist, aber wir leben halt im Falschen. Die Alternative wäre die kommunistische Weltrevolution oder eben die Faust in der Tasche und eine Reduzierung auf den notwendigsten Kontakt.

Und leider gehört dazu auch, dass man solche Menschen mal in seine VIP-Räume einlädt. Das wird sich in der Diplomatie nicht vermeiden lassen. Hinzu kommt, dass für diese Personen auch immer ein gewisses Sicherheitsbedürfnis gibt, sodass man die nicht mit Steh Süd ermäßigt abspeisen kann.

Wenn man dem NDR glauben möchte, dann geht es um insgesamt 14 Karten. Das ist ungleich 14 Spiele! Wenn z. B. ein*e Polizeipräsident*in kommt, dann bringt der eventuell Personenschützer*innen mit und die werden verlangen genau die gleiche Karte zu haben, wie ihr*e Chef*in. Gerade wenn es dienstliche Gründe geben sollte, dann bringen solche Leute auch Referent*innen oder Sachbearbeiter*innen mit. Auch die benötigen dann natürlich entsprechende Karten. Wir kommen da noch drauf zurück.

Wichtig ist, dass eine Vergabe von Karten auch moralisch immer wohlüberlegt, anlassbezogen und selten sein sollte. Alles was über eine notwendige Zusammenarbeit hinausgeht, sollte sich auch moralisch verbieten, wenn es um Polizeipräsident*innen oder Politiker*innen der SPD geht.

Von diesen Grundsätzen ausgehend, muss man das wohl wie folgt sehen: Wenn ein*e Bürgermeister*in ein Derby besucht oder ein erstes Spiel in einem neu eingeweihten Stadion, welches in unserem Fall ja auch noch die Stadt mitbezahlt hat, dann ist das wohl relativ unproblematisch. Ähnlich wird es sein, wenn ein*e Innensenator*in (ist meistens auch für Sport zuständig) mal vorbei guckt. Die Faust in der Tasche kann man ballen, aber der große Skandal ist es nun auch nicht.

Wenn ein*e Polizeipräsident*in einmalig da ist (z. B. weil es ein Hochrisikospiel ist), dann ist das schon eher was für Faust in der moralischen Tasche ballen, aber wahrscheinlich noch okay.

Anders liegt es moralisch, wenn da jemand ohne eine wirkliche Zuständigkeit wie so ein*e Bezirksamtsleiter*in sich häufiger da herumtreibt. Aber das wissen wir eben nicht. 14-mal eine Karte für Andy zum Saufen und Fressen ist halt was anderes als einmal 14 Karten, weil Andy und sein Bezirksamt mal den Schwarzmarkthandel begutachten und nach dem Spiel mit dem FCSP besprechen wollen. Da würde ich als Verein auch lieber in die VIP-Räume einladen, als am nächsten Montag zum Amt zu latschen. Bei der erstgenannten Alternative kann man die Faust schon beinah aus der Tasche nehmen und den Verantwortlichen beim FCSP eine ballern, bei der anderen sollte man es anders sehen.

Nun aber viel Juristerei

Die lieben Steuern

Gegen den FCSP läuft offensichtlich ein Steuerstrafverfahren. Das gibt die Finanzbehörde Hamburg in ihrer Information zu dem Thema zu, auch wenn sie das eigentlich nicht will.

Nebenbei auch so ein Tweet ist streng genommen schon nicht erlaubt, denn er bestätigt ja das Strafverfahren.

Warum dieses Steuerverfahren läuft, wissen wir nicht. Von einer Betriebsprüfung beim FCSP ist schon länger die Rede und wenn uns unser schlechtes Gehirn nicht täuscht, dann war da auch mal in irgendeinem Lagebericht von die Rede, dass man sich da nicht einig sei und da ggf. Nachzahlungen auf den Verein zu kommen.

Betriebsprüfung ist das eine, Steuerstrafverfahren jedoch das ganz andere. Betriebsprüfungen (§ 193 ff der bereits erwähnten Abgabenordung) sind eher Routine, können auch mal in einer Nachzahlung enden, weil man im doch sehr komplexen Steuerrecht auch mal einfach was falsch macht. Solange dies im besten Gewissen passiert, ist das alles nett und freundlich und kann man nur mit einem „passiert halt mal, kostet dann Geld“ abtun.

Anders ist ein Steuerstrafverfahren, was Voraussetzung für eine Durchsuchung wäre. Da befinden wir uns dann im Bereich der Straftat, der vorsätzlichen Tat, der vorsätzlichen Nichtzahlung von Steuern.

So etwas wird nicht eröffnet, weil man sich über die Abnutzungsdauer für Herrentoiletten auf der Gegengerade (ca. 5 Monate, dann stinken die wie die Alten) streitet und im komplexen Steuerrecht der eine 5 Monate, der andere 10 Monate sagt, sondern weil es einen erheblichen Verdacht (bitte als unjuristischen Begriff lesen) gibt, dass hier wer bescheißen wollte (!). Das mit den Herrentoiletten ist natürlich ein bewusst falsch gewähltes Beispiel, bevor nun irgendwer in den Kommentaren schreibt, dass beides nicht stimmt.

Steuerstrafverfahren sind gerne mal die Folge von Betriebsprüfungen, verlaufen aber unter ganz anderen Regeln. In der Betriebsprüfung z. B. muss ich mitwirken. In einem Strafverfahren muss ich dies nach dem alten „Sie haben das Recht zu schweigen“-Grundsatz nicht.

Wenn dem FCSP also ein Strafverfahren ereilt, dann ist das a) nicht gut und b) auch moralisch fragwürdig. Hashtag Hoeness.

Was man aber bei Steuerverfahren immer wissen muss, ist, dass sie sich auf die Vergangenheit und gerne auch mal auf die lange zurück liegende Vergangenheit beziehen. Dies liegt auch daran, dass Betriebsprüfungen zurück blicken. Das ist so ein bisschen der Schlaumeier, der nach Jahren kommt und sagt „das hättest du aber anders machen sollen“.

Laut des NDR-Berichts (wie schon geschrieben: Mit Vorsicht zu genießen!) soll es sich hier um die Jahre 2013 bis 2016 handeln. Es kann also gut sein, dass die bei uns verantwortlichen Personen gar nicht mehr im Verein tätig sind. Wir haben z. B. seit diesem Zeitraum große Teile des Präsidiums, zwei kaufmännische Leiter (Meeske und Rettig) und diverse andere Positionen im sportlichen Bereich ausgetauscht.

Auch wenn letztendlich der Präsident (und der ist seit November 2014 im Amt) immer eine „politische“ Verantwortung hat, ist dies bei der Bewertung natürlich immer zu bedenken.

Wir kennen hier aber wahrscheinlich nicht den ganzen Sachverhalt. Wenn es um irgendwie VIP-Karten in einem Gesamtwert von ca. 3.000 Euro (laut NDR) ginge, denn sprächen wir von irgendwie um die 1.000 Euro Steuern, die da fällig wären. Und für eine solche Summe macht niemand eine Durchsuchung. Es geht hier also entweder um die berühmte Spitze des Eisbergs (also um viel mehr Karten) oder um ganz andere Sachverhalte.

Die Besteuerung erfolgt über § 37b, da KANN der Einladende die Besteuerung übernehmen. Das spricht auch eher nicht für ein Strafverfahren. Er darf die Aufwendungen für solche Karten aber nicht als Betriebsausgaben buchen. Wenn er dies absichtlich machen würde, dann hätten wir mal richtig eine Basis für ein Steuerstrafverfahren.

Aber ihr merkt: Das ist alles freie Spekulationen. Der Sachverhalt bleibt unklar und so etwas ist grundsätzlich nie schön. Es bleibt den Verantwortlichen des FCSP überlassen, genauer zu informieren, und es bleibt uns überlassen, spätestens auf der JHV entsprechende Informationen einzufordern. Mit nichtssagenden Erklärungen, wie die nun veröffentlichte, sollte man sich da nicht ewig zufriedengeben.

Insbesondere, da ein solches Strafverfahren mit entsprechenden Nachzahlungen und Strafzinsen richtig Geld kostet. Da erblasst jede Pyrostrafe gegen.

Bestechung!

Beamt*innen sollten in einem Idealbild neutral, unbestechlich und von Gesetzen geleitet sein. (Ihr dürft nun lachen, wir tun es auch.) Daher ist die Annahme von Geschenken verboten und es gibt entsprechende Strafvorschriften im StGB. Nun gibt es aber ein klitzekleines Problem. Es wäre schön, wenn man das so schwarz/weiß regeln könnte, aber dann kann man einen Beamten nicht mehr zum Kaffee einladen, in einer Besprechung keine Kekse mehr auf den Tisch stellen und ein diplomatischer Besuch oder eine Eröffnung eines großen neuen Museums wäre nicht mehr möglich. Jeder Kugelschreiber wäre ein Verbrechen. Daher gibt es die Möglichkeit der Genehmigung und die Möglichkeit der Annahme.,

Die Stadt Hamburg hat dazu auch Richtlinien erlassen, die man auch per Google findet.

Und seien wir ehrlich: Da wird es schnell Gummi. Denn z. B. regelt die Stadt Hamburg folgendes:

Allgemein genehmigt werden kann auch die Teilnahme an Bewirtungen aus Anlass oder bei Gelegenheit dienstlicher Handlungen, Besprechungen, Besichtigungen oder dergleichen, wenn sie üblich und angemessen sind oder wenn sie ihren Grund in den Regeln des Verkehrs und der Höflichkeit haben, denen sich auch Angehörige des öffentlichen Dienstes unter Berücksichtigung ihrer besonderen Verpflichtung zur objektiven Amtsführung nicht entziehen können, ohne gegen gesellschaftliche Formen zu verstoßen. Dies gilt nicht, wenn die Bewirtung nach Art und Umfang einen Wert darstellt, der außer Verhältnis zu dem durchschnittlichen Einkommen im öffentlichen Dienst steht.

Wenn jetzt also der FCSP sich z. B. breit zum Thema „Sicherheit im Millerntor“ mit der Polizei besprechen will/kann/muss und sagt „passt mal auf, ihr guckt euch das mal in Ruhe hier alles an, danach gehen wir in eine Loge und bereden das mal beim Spiel und ihr guckt euch auch mal praktisch an, wie so ein Spiel verläuft, hier sind vier Karten für die Loge, ach ja wir veranschlagen mal so 6 Stunden und für Essen ist gesorgt“, dann wird man mit dem ersten zitierten Satz wohl hin kommen. Sind 250 Euro (so viel kostet so eine Karte ca.) außer Verhältnis zum durchschnittlichen Einkommen im öffentlichen Dienst? Darüber kannst du wahrscheinlich juristische Bücher schreiben. Ist ein Essen und eine Party für 250 Euro für jemanden, der/die ca. 3.000-4.000 Euro Brutto verdient (das nennen einschlägige Portale als Durchschnittsgehalt) nun außer Verhältnis? Das ist auch noch etwas anderes als „angemessen“.

Oder wenn man der/dem Wirtschaftssenator*in sagt „komm mal vorbei, guck mal was aus deinen 5 Millionen Förderung geworden sind!“ dann wird man da eine Besichtigung aus dienstlichem Anlass und Repräsentationszwecken wohl irgendwie bejahen müssen.

Bei der/dem Bezirksamtsleiter*in kann z. B. das Thema „Schwarzmarkt“ mit dem FCSP haben. Und wenn sie/er da mit 13 Vertreter*innen des damaligen bezirklichen Ordnungsdienstes und des entsprechenden Fachreferats auf Einladung vorbei kommt, dann ist es vielleicht ein Graubereich, weil man kann sich ja auch montags in der kalten Amtsstube treffen, aber auch da kann man dienstliche Belange sehen.

Und dann ist es auch aus der Sicht des FCSP aus den oben genannten Maßstäben moralisch okay. Dass es uns am liebsten wäre, wenn Hr. Grote in unserem Stadion gar nichts macht, nicht einmal atmen, das sollten wir häufig genug zum Ausdruck gebracht haben.

Das wiederkehrende Thema ist hier die Faust und die Diplomatie

Ihr merkt jedoch: Das wird schnell eine unklare Bewertungsfrage, die wir hier auf einem unklaren Sachverhalt vornehmen müssten. Das funktioniert nicht und irgendwelche endgültigen Schlüsse verbieten sich.

Wichtig ist aber: Es muss von einer/einem Dienstvorgesetzten genehmigt sein. Entweder allgemein durch eine Dienstanweisung oder im konkreten Einzelfall. Und dies wissen wir hier nicht. Wir kennen die allgemeinen Richtlinien dazu, die wir oben verlinkt haben und die nennt Sportveranstaltungen nicht einmal ausdrücklich. Was wir nicht kennen, sind die speziellen Regelungen, die genauen Anweisungen und die Details der Einzelfälle.

Der NDR Bericht macht es sich da viel zu einfach. Er suggeriert lieber, dass Grote Karten bekommen hat und damit ein Anfangsverdacht der Vorteilsnahme besteht und der Generalstaatsanwalt „politisch“ eingegriffen hat und Strafvereitelung im Amt betreibt. Zumindest aus den jetzt bekannten Tatsachen ergibt sich ein solcher zwingender Schluss eben gerade nicht.

Ihr merkt selber: Das ist eher kein guter Journalismus.

Natürlich kann es sein, dass hier eine Vorteilsannahme vorliegt und dann ein strafbarer Vorgang. Es kann aber genauso gut sein, dass ein Innensenator*in, ein Bürgermeister das genehmigt hat oder es in einer allgemeinen Dienstanweisung genehmigt ist. Wissen wir nicht und ohne dieses Wissen können wir es nicht bewerten.

Was in diesem Zusammenhang auch wichtig ist: Hier lädt ja der Veranstalter (!) des Fußballspiels ein, nicht die Holsten AG zu einem Spiel des FCSP. Dies kann bei der dienstlichen Notwendigkeit natürlich Unterschiede machen.

Hinzu kommt das Urteil des BGH in Sachen eines Professor C. (Fußballfans auch kurzfristiger Präsident von Hannover 96 bekannt), welcher zur WM 2006 Politiker in Baden-Württemberg eingeladen hatte und dann vom Vorwurf der Vorteilsgewährung freigesprochen wurde. Die Gründe kann man hier nachlesen.

Wer danach diese ganzen Rechtsfragen für „klar und eindeutig“ hält, der muss schon viel Lack gesoffen haben.

Was auffällt: Das Verfahren gegen den FCSP scheint ein steuerliches zu sein. Wegen Bestechung und Vorteilsgewährung scheint es kein Verfahren zu geben. Allgemein wird von Jurist*innen geraten sich bei Politikern und Amtsträgern die Zustimmung der/des Dienstvorgesetzten bestätigen zu lassen. Dies scheint der FCSP nicht gemacht zu haben, wenn er in seiner Stellungnahme davon spricht, von internen Verwaltungsanweisungen nichts zu wissen. Aber das ist natürlich Interpretation und Spekulation.

Die Rolling Stones sind was anderes

Was auch sehr wichtig ist: Der Fall mit den Rolling Stones liegt sehr anders. Denn hier geht es um hunderte Freikarten pro Veranstaltung, die vom Bezirksamt für eine Genehmigung einer Veranstaltung eingefordert wurden.

Das ist dann doch ein ganz anderer Sachverhalt als „du bekommst mal eine Karte, wir laden dich ein“. Vergleichbar wäre nur gewesen, wenn z. B. der Polizeipräsident an den FCSP einen Mustervereinbarung zur Genehmigung des Astra-Ausschanks am Millerntor geschickt hätte, in der am Ende in § 1312 steht „Für jedes Spiel während der Geltungsdauer dieses Vertrags bekommt die Polizei 300 VIP-Karten und kann 400 Südkarten verbilligt kaufen.“

So einen Sachverhalt haben wir hier ja definitiv nicht.


Anmerkung des Kollektivs: Dieser Text ist nicht durchgängig gegendert, da nach unserem Kenntnisstand alle handelten Akteure Männer sind.

Aug 072019
 

Vorwort

Liebe Lesende, ja es folgt nun die Rezension eines Baseball-Buchs und wir wissen, dass bei der Nennung des Wortes „Baseball“ nun wahrscheinlich 99 % unserer Leser*innen abschalten, aber dieser Artikel ist mehr als eine Buchrezension.

Viel wird gerade über Komfortzone und Entwicklung beim FCSP diskutiert und dieses Buch gibt für solche Prozesse eine gute Anleitung, dies macht es weit über den Baseball-Fokus hinaus spannend.

Die Autoren / Journalismus ist nicht gleich Journalismus

Zwei amerikanische Sportjournalisten, Ben Lindbergh und Travis Sawchik, haben das Buch geschrieben. Beide gehören einer Gattung von Sportjournalismus an, der in Deutschland wenn überhaupt nur in einer sehr kleinen Nische existiert.

Journalisten, die nach dem „Warum?“ fragen und Antworten aus Daten, aus Fakten suchen und Methoden grundsätzlich hinterfragen. Nerds ihres Sports. Sabermetrics nennt sich diese Bewegung, ein Kunstwort aus SABR (einer entsprechenden Vereinung von Analysten, egal ob Hobby oder beruflich) und Metric den englischen „Maße“.

So etwas fehlt im Sportjournalismus der sich mit Fußball beschäftigt nahezu vollständig. Da ist immer noch die Kickernote ernsthafte Basis für eine Diskussion.

Klar, es gibt Menschen, die können mit diesen Dingen etwas anfangen und zum Glück haben wir auch beim FCSP einige Menschen, die verstehen, was Expected Goals so grob sind (Küsschen an Tim vom Millernton), aber im „klassischen“ Journalismus wird das vielleicht mal als „Laptop Trainer“ belächelt oder ein Artikel drüber geschrieben und dann wieder vergessen. Vereine nutzen solche Sachen definitiv schon, siehe die Vorliebe für „Laptop Trainer“, aber in der öffentlichen Analyse des Fußballs spielt das Ganze nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ganz anders in den USA und beim Baseball, wo sich das Verhältnis eher umgekehrt hat. In Deutschland malen wir dann Pfeile auf Bildschirme und fühlen uns, als wären wir Kapitän*innen eines Raumschiffs.

„Moneyball“ ist das Stichwort. Ein Buch aus dem auch ein Film mit Brad Pitt gemacht wurde. Geschrieben vor gut 18 Jahren. Dieses „aha Erlebnis“ fehlt dem Fußball(journalismus) noch. Und es fehlt insbesondere „kleineren“ Vereinen. Moneyball beschreibt die Erfolgsgeschichte der Oakland A’s, einem Team ohne viel Geld und Marktmacht, „The MVP Machine“ beleuchtet den Erfolg der Astros auch einem eher mittleren Team, wenn es um Geld und Markt geht. Wobei wir im amerikanischen Sport natürlich noch mal über ganz andere Summen reden, als im Fußball.

Sowieso ist der amerikanische Journalismus in Sachen Sport so anders im Vergleich zum deutschen Journalismus. Dieses ständige „wir suchen die Sensation und überreagieren auf alles und bewerten immer das Ergebnis, nie den Prozess“ gibt es in den USA natürlich auch, aber da hat es seine ganz eigene Nische und ist nicht Mainstream. Diese nennt sich dann „Sportstalk Radio“ (Radiostationen, die den ganzen Tag über ihre regionalen Teams reden) und da ist der Hot Take des Hot Take noch nicht ausgestorben. Ja da wird auch in Boston seit 10 Jahren vertreten, dass Tom Brady endlich gefeuert gehört, weil er doch zu alt wird.

Die Grundlage des Buches

Das Buch heißt im Untertitel „How Baseball’s New Nonconformists Are Using Data to Build Better Players” und genau hier beginnen die Parallelen zum Fußball.

Nehmen wir mal Schnecke Kalla (<3) als Beispiel. Die meisten Menschen würden sagen, dass es sich um einen guten Ergänzungsspieler handelt. Kannst du bedenkenlos für ein zwei Spiele auf nahezu jede Position stellen. Wird da nicht glänzen, wird aber auch wahrscheinlich solide seinen Stiefel spielen. Meint ihr, dass man den noch zu einem Superstar bekäme? Wahrscheinlich nicht. Wir auch nicht. Aber doch passiert genau das im Baseball. Justin Turner war bis 2014 und seinem Lebensalter 30 ein ganz netter Ergänzungsspieler, sozusagen ein Kalla des Baseballs. Danach begann er mit einem Trainer außerhalb des Establishment zu arbeiten und wurde ein Superstar seines Sports.

Back in my days

Baseball gleicht in seiner konservativen „back in my days“-Art sehr dem Fußball. Trainer sind Ex-Spieler, vieles passiert nach dem Prinzip „das haben wir immer schon so gemacht“. Sei es in Trainingsinhalten, sei es in Menschenführung. Der erste Bruch in diesem Denken passierte nach „Moneyball“. Es war wie im Fußball ein ungeschriebenes Gesetz, dass Manager/Sportliche Leiter (nur Männer, bis heute), wie man die auch immer nennt, ehemalige Spieler waren. Warum eigentlich? Warum soll ich als Ex-Spieler der einzige sein, der eine Kompetenz hat einen Verein sportlich zu leiten? Und die diversen Angestellt*innen in diesem Verein sinnvoll zu leiten? Ob der nahezu reinen Männerwelt, die solche Front Office heute noch sind, tut man sich selbst da mit dem Gendern schwer.

Diese Frage stellte niemand. Und wenn man sie stellt, dann heißt es (und hieß es im Baseball wahrscheinlich auch), dass man doch das Geschäft kennen müsse und Kontakte haben müsse. 18 Jahre hat es im Baseball gedauert, diese Annahme zu beseitigen. Als Manager/Sportliche Leiter beschäftigt man nun nur noch in Ausnahmen Ex-Spieler, sondern man sucht sich Menschen, die als „Manager“ im Sinne der Industrie gut sind. Zu nahezu 99 % Menschen mit Management Abschlüssen an irgendwelchen US Elite Unis. (Dass dies dann den Rassismus in der Auswahl von Studenten an diesen Unis fortführt, ist ein Thema, was hier den Rahmen sprengen würde, aber auf das man hinweisen sollte. Diversität ist ein Thema im US Sport, aber ist bei weitem nicht erreicht. Und wie schon oben geschrieben: Frauen gibt es sehr sehr wenige in irgendwelchen Positionen. Und bis heute konnte niemand belegen, dass diese schlechtere Managerinnen als Männer wären, eher andersrum. Ganz zu schweigen über die Wichtigkeit von Diversität, gerade in Führungsgremien.)

Gleichzeitig ist Voraussetzung, mit Daten umgehen zu können und diese interpretieren zu können. Riesige Analyse- und Untersuchungsabteilungen füttern die „Front Offices“ mit allem was die wissen wollen. Inklusive der Rotationsrate wenn ein Ball geworfen wird und welchen Effekt diese Rotation hat.

Teams nutzen dann Trainer und Co-Trainer um Managersprache und Analystensprache in Spielersprache zu übersetzen. Und setzen damit auch den Trainerjob ganz anderen Herausforderungen aus. Nicht mehr der große Zampano, der alles entscheidet und einen Spieler bekommt, weil er sein Wunschspieler ist. Alleine schon, weil das „Front Office“ innerhalb von fünf Knopfdrücken auf einen Computer sagen kann, dass dieser Spieler objektiv nicht passt. Vielmehr der Moderator, der Übersetzer und – Achtung Klischee – Motivator. Diese Machtverschiebung hat viele Trainerkarrieren beendet und auch ermöglicht. Dies kommt auch im Fußball.

Auch Fußball nutzt Daten im großen Stil

Nebenbei: Ganz still und heimlich hat diese ganze Revolution auch im Fußball begonnen. Deswegen flankt niemand mehr von der Grundlinie, was in den 90er Jahren noch als „hinter die Viererkette an die Grundlinie kommen“ als vermeintlich gute Taktik dargestellt wurde. Problem dabei ist einfach, dass die Flanke viel zu selten zu Torabschlüssen und Toren führt. Das ist wie mit den Ecken. „Standardsituationen sind so wichtig im modernen Fußball“ kennt jeder noch als Satz. Das genaue Gegenteil ist im Endeffekt der Fall. Wenn jede 50ste Ecke* zu einem Tor führt, dann schießt man vielleicht jedes 10. bis 15. Spiel nach einer Ecke. Das sind dann immerhin 2 Tore pro Saison. Wow! Kann man sich das einüben eigentlich selbst schenken. Denn eine Steigerung seiner Erfolgsquote um 50 % bringt einem immerhin 3 Tore pro Saison. Dies gilt natürlich alles nur, wenn man nicht mit dem FCSP und seiner notorischen Schwäche nach Eckbällen in einer Liga spielt. Als Trainingsinhalt kann „Ecken üben“ trotzdem Sinn machen, nämlich als Teamuildingmaßnahme. „Wir erarbeiten uns etwas zusammen“ ist das Stichwort.
(*Quelle). In der Premier League führt jede 5. Ecke zu Torabschlüssen, und nur jeder 10. dieser Abschlüsse landet im Tor)

Ein Schritt weiter

Nun geht die Entwicklung einen Schritt weiter. In den Trainingsmethoden. Und auch hier sind es die Menschen ohne eigenen Profispieler-Hintergrund, die auf neue Methoden setzen, alte Annahmen anzweifeln und widerlegen.

So gab es immer die Annahme, dass man Wurftechniken nur bis zu einem gewissen Grad erlernen kann und viele Dinge auch auf Talent und physischer Beschaffenheit des Spielers beruhen. Das Buch zeigt auf, wie man durch den Einsatz von Highspeedkameras und auch Datenmessgeräten (Wearables, wie die so schön neudeutsch heißen) hochauflösend genau sieht, wann welcher Finger den Ball verlässt, welche Kräfte wann wie wirken und wie ich Muskelgruppen optimal einsetze, um Kraft zu erzeugen. Und ich kann mit Spielern dann gezielt Übungen machen, um diese Muskelgruppen in gewünschter Form anzusprechen und auf die Sekunde genau in der richtigen Reihenfolge zu benutzen.

Training wird effektiver, Kleinigkeiten können gezielt verbessert werden und damit in kurzer Zeit Fortschritte erzielt werden.

Klingt doch eigentlich ganz logisch, sollte doch jeder sofort machen, oder? Trifft aber trotzdem auf Widerstand. Alleine schon, weil die Wurfbewegung und die Schlagbewegung beim Baseball hochkomplex ist. Wenn ich daran rumfummel, kann das auch schief gehen. Und diese Angst ist ein sehr großer Hemmschuh. Die Angst vor Neuem. Die Angst „ich hab es so bis in die Liga geschafft, wenn ich jetzt da was ändere, kann es auch schlecht ausgehen“ ist in Teams und Spielern weit verbreitet. Und natürlich der Faktor des „das haben wir schon immer so gemacht“. Wenn da jemand von außen kommt und sagt „ja habt ihr, aber das war falsch“, dann wird das nicht immer nur auf Gegenliebe stoßen.

Und daher hat diese Welle zuerst bei Spielern eingeschlagen, die am Ende ihrer Karriere schienen oder in einer Sackgasse. Der genannte Justin Turner war einer von ihnen. 30 jährige Ergänzungsspieler sind im Baseball genauso wenig gefragt, wie im Fußball. Sie werden von dem 19 bis 22 jährigen Ergänzungsspieler ganz schnell verdrängt.

Spieler mit einem eher durchschnittlichen Talent sind das andere Beispiel. Trevor Bauer war der Pitcher, der als Erster Highspeed Kameras nutze, mit Trainingsdaten rumfummelte und sich so verbessern wollte. Er selber bezeichnet sich als schlechten Athleten, was natürlich eine Untertreibung ist.

Nun stellt euch aber mal eine ähnliche Analyse und Trainingsinhalte im Fußball vor. Schusstechnik verbessern? Viel einfacher. Laufgeschwindigkeit verbessern? Kein Problem! Und gerade diese Laufgeschwindigkeit kann beim Fußball viel ausmachen. Wenn ich in den ersten 10 Metern schneller als mein Gegenspieler bin, dann hab ich in vielen Situationen den Fuß als Erster am Ball.

Und noch ein weiteres Beispiel für dieses Feilen an der Technik – sogar in Deutschland, aber wenig verwunderlich in einer US-Sportart: Dirk Nowitzki hat mit seinem Jugendtrainer Holger Geschwindner jahrelang an seiner Wurftechnik gefeilt und damit eine ganz neue Art des Werfens aus dem Halbfeld etabliert, die sicher auch ihren Beitrag zu seinem riesigen Erfolg geleistet hat. Und da wurde schon vor über 20 Jahren auch vielfach mit Videoanalysen, etc. Und spannenderweise brachte Geschwindner in dem Individualtraining für Nowitzki seine Erfahrung als ehemaliger Profi mit seinem Studium der Mathematik zusammen.

Nehmen wir ein Beispiel:

Wir haben bei uns immer MMD vor Augen, der nach unserer subjektiven Beobachtung pfeilschnell wird, wenn er denn auf Touren ist, aber er braucht halt immer bis er seine Gräten geordnet hat und los gelaufen ist. Die Armhaltung sieht auch nicht gerade optimal aus.

Achtung, das ist subjektiv von der Tribüne, das mag gar nicht stimmen. Nehmt aber nun mal an, dies würde objektiv sein und man könnte mit ihm gezielt herausfinden, welche Gräte da das Problem ist und dies mit Übungen abstellen. Sein Wert für den Verein und sich selbst würde enorm steigen, denn plötzlich hat er diese zusätzliche Geschwindkeit auf den ersten 10 Metern und ist als Erster am Ball.

Oder nehmen wir die schönen Worte „Vororientierung“ und „saubere, schnelle Ballverarbeitung“.

Dieses „ich weiß schon bevor ich den Ball habe, wo alle meine Mit- und Gegenspieler sind und hab einen Plan“ ist einigen Spielern mehr, anderen weniger gegeben. Ein Philip Lahm z.B. war hier unbestrittener König. Und die Fähigkeit dies dann in einen schnellen und am besten noch präzisen Ball umzusetzen macht eine Mannschaft sofort besser.

Auch das ist (nicht nur) Talent, sondern kann erlernt werden. Footbonaut nennt sich das entsprechende Gerät. Der Wikipedia Artikel dazu war bis vor kurzem noch zur Löschung vorgeschlagen, was tief blicken lässt. Z.B. Dortmund und Hoffenheim nutzen so ein Gerät. Beide Vereine haben ihre Stärken im schnellen, direkten Spiel. Man könnte sagen, dass dieses Gerät ihnen wahrscheinlich dabei geholfen hat.

Es ermöglicht nämlich das isolierte einüben einer sehr wichtigen Fähigkeit im Fußball. Gezielt und damit zeitsparend, was Zeit für andere Trainingsinhalte ermöglicht.

Neue Mentalität gefordert

Und da sind wir bei der Frage, was Vereine tun können. „Growth Mentality“ wird in dem Buch als Stichwort genannt. Man könnte das mit einer Mentalität übersetzen, wo man offen für Neues, für Förderndes und Innovatives ist.

Wir zitieren (ungern) einen Artikel der Welt zu dem Footbonauten: „Herr Hopp ist ein totaler Fan von innovativen technologischen Trainingsgeräten.“ (von hier). Die Begeisterung muss in der gesamten Organisation vorherrschen und von oben kommen.

Wenn wir als von Mentalitätswandel beim FCSP sprechen, dann wäre dies ein mögliches und vielleicht gutes Ziel. Dafür müssen dann aber auch alle Ebenen offen sein. Vom Jugendtrainer in der U10 bis zum Präsidenten.

Und – dies sei auch mal gesagt- für so etwas muss auch Geld locker gemacht werden und entsprechendes Personal eingestellt werden. Denn so ein Footbonaut z.B. kostet Geld und muss in den Trainingsalltag integriert werden. Individuelles Training, Training an isolierten Handlungen ist dem Fußball sehr fremd, während es in anderen Sportarten sehr üblich ist. Es benötigt also gut geschulte Trainer und Spieler, welche die Geduld mitbringen, so an sich zu arbeiten.

Das „bei einer Profimannschaft hab ich eher die Aufgabe, die bei Laune zu halten“ ist dann ein Ding der Vergangenheit. Man muss also die entsprechende Mentalität bis in die Spieler und die Cheftrainer bekommen. Und insbesondere in die Jugendlichen. Lernen und sich verbessern wollen hört nie auf. Nicht für einen Finn Ole, nicht für einen Jan-Philip, aber auch nicht für einen Oke. Und Technologie kann dort ein riesiges Hilfsmittel sein.
(Und wir wollen die pädagogische Begleitung zur “Persönlichkeitsformung der Spieler bitte auch weiterhin, selbsterklärend.)

Auch bei Reha Maßnahmen genutzt

Das Buch schildert auch, wie Technologie für Reha Maßnahmen genutzt werden. Belastungen können technologisch objektiv gemessen werden und so kann eine Maßnahme zielgerichteter gestaltet werden, dass weder eine Unter- noch Überbelastung des Spielers erfolgt. Als Beispiel wird Marcus Stroman genannt, der nach einem Kreuzbandriss nach 6 Monaten wieder in Spielen eingesetzt werden konnte.

Lesebeispiel

Die Astros haben einen Ruf entwickelt Spieler besser zu machen und haben teilweise irrsinnige Erfolge aus irgendwelchen Spielern plötzlich Superstars zu machen. Dies geht so weit, dass alle anderen Teams schon misstrauisch sind, wenn die Astros einen „normalen“ Spieler von ihnen haben möchten.

Was machen die Astros mit diesen Spielern? Sie haben Präsentationen vorbereitet, die sie jedem Spieler vorlegen, der zu ihnen kommt, mit Stärken, Schwächen, detaillierter Datenanalyse und Wünsche an den Spieler. Und sie sind da genauer als jedes andere Team. Hier als Lesebeispiel aus dem Buch:

Könnt ihr euch das im Fußball vorstellen? „Hallo Leo, schön das du da bist, wir haben hier mal ein Meeting und das sind nebenbei deine Stärken, deine Schwächen, da arbeitest du bitte so und so dran, das machen wir mit dir und das ist unsere Idee für dich. Alles mit Video und Daten.“ Wie cool wäre das?

Was draus ziehen?

In Zeiten, in denen Neuverpflichtungen immer schwieriger werden, scheint es doch eine interessante Alternative zu sein, seinen Stürmer selber zu entwickeln. Gerade wenn es in der Jugend nicht an rohen Talenten mangelt. Das Buch zeigt Wege auf, wie man dies besser erreichen kann, wie man Spieler auf ein neues Level heben kann. Wie man eben aus einem Kalla einen Lahm macht. Naja, vielleicht nicht ganz.

Das Buch hat auch seine Schwierigkeiten

Das Buch und seine Idee haben auch Schwierigkeiten. Trevor Bauer ist ein Getriebener und kein Sympathieträger. Hinzu kommt, dass er eine Historie von Twitterausfällen (Beispiel) hat, die nicht dafür sprechen, ihn in den Mittelpunkt eines Buches zu stellen. Problem: Man kann die Geschichte des technologiegesteuerten Trainings nicht ohne ihn erzählen, sie wäre unvollständig. Das Buch hilft sich damit diese Punkte auch zu schildern und Bauer nicht als strahlenden Helden dastehen zu lassen.

Noch ein weiteres Problem gibt es. Technologie kann immer und wird immer zu Überwachung genutzt. Growth Mentality heißt auch „wir schmeissen die Schwachen und die Unwilligen raus“ und sie setzt das Denken in Spielern als „Werte“ voraus. Das ganze kann schnell auch in einer Überwachung des Privatlebens führen, wenn man z.B. Geräte einsetzt um Erholung zu messen. „Ach Herr Spieler XY hat nur 5 Stunden geschlafen? Das ist aber nicht gut, dann setzen wir ihn mal auf die Bank.“ Klingt nur so lange super, so lange man Sportlern nicht auch ein Privatleben zuspricht. Und das sollte man.

Und sonst

Insgesamt ist das Buch trotz der abstrakten Thematik gut zu lesen. Das Englisch des Rezenten reichte dafür aus. Baseballkenntnisse sind jedoch von Vorteil. Es hat auch seine unterhaltsamen Momente, alleine schon, weil Ben Lindbergh einen Selbstversuch startet und sich in die Hände dieser Training-Gurus begibt.

Daten

„The MVP Machine“ ist im Basic Books Verlag erschienen, kostet Listenpreis 30 Dollar, ist natürlich nicht in Europa erschienen, hat die ISBN 978-1-5416-9894-9 und ist über einschlägige Onlinebuchhändler erhältlich

Aug 062019
 

Die Rostocker Marathonnacht ist bei mir immer ein fester Termin im Laufkalender, wenn es denn dieses andere Hobby namens „Fußball“ zulässt. Und trotz der gerade stattfindenden Triathlonvorbereitung (Hallo Almere), musste dafür Platz sein, als wir ein Freitagsspiel terminiert bekamen.

Hab ich nebenbei schon erwähnt, dass ich deswegen auch halbwegs glücklich mit der Derbyansetzung bin? 😀 Okay, sie ist und bleibt Mist, aber in mein Einzelschicksal passte sie. (Anmerkung der Lektion: 🤬)

Mit dem Schwesterherz ging es also nach Rostock. Über die Berlin-Autobahn, denn A 1 und Ferien ist nie eine gute Kombination. Über das Kreuz Schwerin hat man letztendlich zwar ein paar Kilometer mehr, aber immerhin rollt es durchgängig.

In Rostock angekommen erstmal die Startnummern abgeholt, was schnell und problemlos ging. Die sortieren ihre Starter*innen immer alphabetisch, so dass Schwester und ich direkt nebeneinander lagen.

Schlendern durch die warme und volle Rostocker Innenstadt, Essen suchen (leckerer Italiener war es letztendlich) und ein Eisessen verkürzten dann die Wartezeit auf das Schiff.

Ihr habt richtig gelesen. Bei der Rostocker Marathonnacht wird man mit dem Schiff zum Halbmarathonstart gefahren, was die anderen angebotenen Strecken sofort unattraktiver macht. Denn was gibt es schöneres als eine kleine Bootsfahrt am späten Nachmittag?

Unattraktiv erscheint mir auch die neue Form der Staffel. Liefen die Teilnehmer*innen früher auf der Marathonstrecke, so müssen sie nun 13 Runden durch die Innenstadt drehen. Das kann keinen Spaß machen. Aber immerhin 28 Staffeln taten sich das letztendlich an.

Nach der Bootsfahrt wartet das Dixie und dann das noch längere Warten auf den Start. Ich hatte mich für einen Triathloneinteiler entschieden, was sich später noch als Herausforderung entpuppte. Aber bei aller Liebe: So richtig traue ich mich nicht in einer Stadt, die flächendeckend mit Hansa Aufklebern gepflastert ist in unseren Vereinsfarben zu laufen. Man muss in der Dämmerung immer nur auf einen Dummkopf treffen und das muss nicht sein.

Die ersten Marathonläufer*innen liefen durch und dann war es auch schon Zeit für uns sich in die Startaufstellung einzureihen.

Mein Ziel war es das ganze als Trainingslauf zu sehen und die 21 KM in einem halbwegs gleichmäßigen Tempo durchzulaufen. Dementsprechend etwas weiter hinten eingeordnet, was das nervöse Rennpferd namens Schwesterherz schon etwas hibbelig machte. Letztendlich war die Einordnung aber gut, wir liefen in einer Gruppe, die grob unser Tempo hatte. Schwester wie üblich etwas schneller, ich etwas langsamer.

Die ersten Kilometer bei der Marathonnacht sind immer etwas unrund. Läuft man doch sofort in den Warnowtunnel und damit bergab, dann direkt wieder bergauf, dann mal ein paar KM flach im ehemaligen IGA Gelände und dann noch mal durch den Warnowtunnel.

Kilometer 1 daher in unter 6 Minuten, dann pendelte ich mich irgendwo zwischen 6:30 und 6:45 für den Kilometer ein. Ich werde nicht mehr jemand, der Kilometer wirklich auf den Punkt gleichmäßig laufen kann. Im IGA Gelände war ob des guten Wetters natürlich noch Krawall und Remmidemmi und Schlagerparty.

Bei einem Klo dann der erste Versuch im Rennen aus einem Triathloneinteiler rein und wieder raus zu kommen. Und wie soll ich sagen? Das kann ich noch verbessern. Ich weiß, warum ich sonst Zweiteiler trage.

Nach dem Warnowtunnel dann das beliebte „runter zur Warnow, weg von der Warnow“ Spiel der Strecke. Am Straßenrand richtig viele anfeuernde Zuschauer*innen und ein wundervoller Sonnenuntergang mit einem wunderschönen Blick auf Rostock. Das macht diesen Lauf so besonders und ist echt jedes Mal ein Erlebnis. Der Veranstalter hat auch noch Lichteffekte an einigen Stellen, was das ganze noch stimmungsvoller macht.

Wenn denn gutes Wetter ist. Wir hatten da auch schon mal einen Gewitterlauf inklusive kleiner Schwimmeinlage.

Ich hab ja eine Brille auf der Nase und dementsprechend auch eine Laufbrille mit Stärke. Ohne seh ich echt nur noch bedingt etwas und so laufe ich auch hier mit meiner Laufbrille. Die aber getönt ist. Sieht immer etwas komisch aus, wenn man so lange wie möglich mit einer Sonnenbrille läuft, obwohl es eigentlich schon ziemlich dunkel ist. Aber muss halt sein.

Die Kilometer wurden nun etwas langsamer, es stand auch mal die 7 als Minutenzahl da. Aber insgesamt lief das alles noch gut und flüssig. Hätte nicht irgendwann die – zum Laufen auch eigentlich nicht passende Mischung – von Eis, Nudeln und Weizenbier beschlossen, dass sie doch nun gerne mal kurz ein Dixie besuchen möchte. Schnell eins finden? Kein Problem! Ist es noch sauber? Jo super! Triathlonanzu danach im Dunklen wieder anziehen, ohne den vollkommen zu verdrehen? Nun ja, das klappte nicht, kostete doch ordentlich Zeit und machte am Ende eine bessere Zeit zunichte.

Was in Rostock auch immer schlecht ist: Einen Endspurt einplanen. Denn kurz hinter Kilometer 20 wartet der Anstieg vom Stadthafen zum Neuen Markt, an dem sich das Ziel befindet. Leider ist davor und danach auch jeweils noch ein Stück an der befahrenen Straße eingeplant, was echt das Lowlight der Strecke ist. Es fällt einem insbesondere auch deswegen auf, weil der Rest der Strecke so ansehnlich ist. Aber nun gut, irgendwie muss man ja von A nach B in 21 Kilometern kommen.

Schwesterherz beschrieb meinen Anstieg später am Auto als „teildynamisch“, was nicht nur unsere Parkplatznachbar*innen zum lachen brachte, sondern nun auch die Überschrift bildet.

Der Anstieg kostete mich auch noch mal eine Minute und dann war die Kraft auch zu Ende. Letztendlich stand eine 2:28:20 Netto in der Ergebnisliste, was verglichen mit der letzten Teilnahme 2017 und der damals gelaufenen 2:42:27 doch eine deutliche Steigerung ist. Und auch damals peilte ich am Ende Almere an. Von der hier schon gelaufenen 2:17 (2016) und 2:09 (2011) bin ich dann doch weit entfernt. Da war ich aber auch noch deutlich jünger. Oder so.

Eine nächtliche Autofahrt später war dann auch dieses Erlebnis wieder zu Ende.

Jul 102019
 

Vorgeschichte

Roth ist in der Triathlonwelt ein Mythos. Knapp hinter Hawaii wohl der Ort, der die Triathlonwelt am meisten elektrisiert. 87 verschiedene Nationen sind unter den ca. 6.000 Teilnehmenden (Staffeln und Einzelstarter). Da wir alle keine Volldistanzler*innen sind, entschlossen wir uns im Juli 2018, auf die schwierige Jagd nach einem Staffelplatz zu gehen. Wir hatten Glück, wir hatten das nötige Klein- und Großgeld (dazu später mehr) und damit waren wir angemeldet.

Leider fiel dann unsere planmäßige Schwimmerin verletzt aus. Das war doof. Wir hätten Dich gerne mitgenommen. Aber es hatte nicht solllen sein und wir fanden glücklicherweise schnell und problemlos in M. einen tollen Schwimmer und ein tolles Teammitglied.

Und so trainierten wir, der Tag rückte näher und die Aufregung stieg.

Vor dem Rennen

Wir hatten unsere fränkische Heimat gebucht und vorweg schon mal vielen Dank an die besten Menschen, die Franken zu bieten hat. Drei nervöse Triathleten plus Anhang und Teddys zu beherbergen benötigen viel Nerven. Danke, ihr wart wundervoll.

Freitag checkten die @sielaeuftde und ich die Messe. Da gibt es alles, was man braucht und was man nicht braucht. Natürlich zu tollen Messepreisen und trotzdem sauteuer. Wer da kein Geld ausgibt, der hat meinen höchsten Respekt für Selbstdisziplin. Ich hab diese Selbstdiszplin nicht und nenne nun einen neuen Helm und einen neuen Triathloneinteiler mein Eigen. Und nutzloses Merch wurde natürlich auch gekauft.

Wir hatten ja gedacht, dass man mit allen Staffelteilnehmern zur Anmeldung muss, aber weit gefehlt, muss man gar nicht. Wir sind daher erst Samstag gemeinsam hin gegangen. Ging aber schnell und unproblematisch. Hier begann ein Thema, was sich durch den ganzen Wettkampf zog. Die Helfer*innen in Roth sind absolut einzigartig. So etwas von freundlich, schnell und kompetent, egal an welcher Stelle man ihnen begegnet. Die Veranstalter*innen kleben Dankesplakate auf Werbeflächen, danken denen per Video und Social Media und das absolut zu Recht. Auch in der zweiten Runde der Radstrecke bekam man als langsamer Teilnehmender noch die gleiche Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, wie der schnellste Teilnehmer, der hier schon 5 Stunden vorher durchgefahren war.

Rad Check-In genau das gleiche Bild, vorbildlich organisiert. Ein Parkplatz auf dem man eingewiesen wird, also nicht das „jeder fährt irgendwo hin und alles suchen den perfekten Parkplatz“ Chaos, das sonst in Deutschland üblich ist. Mit einem Einbahnstraßensystem und einer großzügigen Ableitung auf eine andere Straße, kein Stau, kein Chaos und wenn doch mal jemand nicht nach den Regeln spielen wollte, dann wurde er von einem Feuerwehrmann/ einer Feuerwehrfrau böse angeguckt. Die örtliche Feuerwehr regelte das nämlich.

Wettkampfrichter*innen sind das wichtigste im Sport. Undankbarer Job und niemand mag dich wirklich. Sie haben aber auch immer ihre eigenen Ideen. Beim Rad Check-In wurde bei anderen Wettkämpfen schon intensiv die Bremse geprüft, das TÜV Siegel des Helms kontrolliert oder der Lenker bemängelt. Aber dass die Teiler der Helmgurte direkt unter die Ohren gehören, hat mir bisher niemand gesagt. Okay, er war freundlich, konnte das logisch begründen und dann macht man das halt auch gerne.

Ich hab mal gelernt, dass man bei einem Rad in der Wechselzone etwas Luft aus den Reifen lassen soll. Zu groß ist die Gefahr, dass die Reifen in der Sonne warm werden und platzen. So mache ich das, so machen die meisten Triathleten das. Andere nehmen ihr Rad aus dem kühlen Auto und pumpen die Reifen noch mal extra stramm, bevor sie es in die Wechselzone stellen. Ich hoffe, dass das nicht zu einem platten Reifen geführt hat.

Wettkampfbesprechungen erbringen meistens nicht wirklich besondere Neuigkeiten, trotzdem werde ich Menschen nie verstehen, die diese 20 Minuten nicht investieren und dann am Sonntag Morgen Fragen stellen, die sie da beantwortet bekämen.

Gut fand ich, dass man zwei Detailfragen als „wir nehmen uns jedes Jahr Punkte vor in denen wir besser werden wollen“ herausstellte. Diesmal rechts fahren auf der Radstrecke (hat gut geklappt) und Müll nur in den Müllzonen wegwerfen (hat besser geklappt, als bei anderen Triathlons, von gut geklappt ist man jedoch weiterhin weit entfernt).

Und um das ganze ein bisschen aufregender zu gestalten, passierte mir das, was man absolut nicht will. Meine Cleats gingen kaputt. Neue gekauft, schnell gewechselt, wird schon passen.

Der Renntag

Unser persönliches Taxi brachte mich und M. an den Start. Dort ein großes Hallo, viele bekannte Gesichter, unser Abteilungselmo, viele Menschen, die einen – positiv – auf die FCSP Triathlon Sachen ansprachen und eine freudig nervöse Stimmung. Die Einzelstarter*innen sprangen schon von einer Kanone gestartet nach und nach ins Wasser und wir warteten auf unseren Einsatz.

Die Wechselzone war bei den Rädern und das hat trotz Enge auch fair und gut geklappt. Jeder nahm Rücksicht und verlangsamte im Notfall auch mal sein Tempo. Außer dem Einen den es leider immer gibt.

M. sprang ins Wasser und war viel schneller wieder da, als geplant. Da hatte ich gerade erst mit meinen letzten Vorbereitungen abgeschlossen. Wow! Was für eine Zeit. Toll gemacht!

Und damit begann für ihn das lange Warten und für mich der wilde Ritt

Auf dem Rad

Die Radstrecke in Roth ist schön und abwechselungsreich. Man fährt über den Kanal, guckt sich die letzten Schwimmer von oben an und dann geht es auch gleich in einen Teil, der richtig schnell ist. Das Tacho springt auf beinahe 40 KM und man fühlt sich gut. Kurve über die Schleuse. Da ist es etwas holperig, was einigen Teilnehmern Trinkflasche und/ oder Verpflegung kostete. Leute, das Warnschild steht da nicht von ungefähr.

Dann geht es irgendwann bergauf und ich kann euch sagen, dass ich keine Bergziege mehr werde. Wo eben noch 35 stand, stand dann plötzlich 15.

Viele schnellere flogen an mir vorbei, aber alle gesittet, alle mit Rücksicht, da bin ich ganz andere Dinge gewöhnt. Auch an mir vorbei flog der Abteilungselmo. Ich hatte noch gewitzelt, dass ich meine Führung ob seines etwas langsameren Schwimmers auskosten werde. Nun ja, sie hatte 7 KM Bestand.

Mit der europäischen Wasserscheide ist der erste große Anstieg vollendet und dann geht es erstmal bergab und es folgt eine lange Raserstrecke. Wieder sprang mein Tacho auf 37 km. 5 km in 8:14 radel ich sonst nicht wirklich. Enden tut dieser Spaß in Greding. Denn da wartet er, der Horroranstieg. Beim ersten Mal bin ich da noch halbwegs vernünftig hochgekommen, beim zweiten Mal wird der entsprechende 5 KM Abschnitt mit 19 Minuten ausgewiesen. Und auf beiden Runden passierte mir an dieser Stelle irgendwas. Runde 1 kam ich bis ganz oben ohne Probleme, wollte mich gerade in die folgende Abfahrt stürzen, als ein stechendes Insekt (Biene? Wespe?) meinte unbedingt in Richtung meines Munds fliegen zu müssen. Glücklicherweise knapp verfehlt, so dass der große sofort anschwellende Stich in der Lippe war und nicht im Mundraum. War zwar nervig, aber nicht weiter schlimm und die Schwellung ging auch irgendwann zurück.

Auf der zweiten Runde fiel mir dann eine Füllung aus dem Zahn. Zum Glück in einer „Trash Zone“, so dass ich den Müll ordnungsgemäß sofort ausspucken konnte.

Die zweite Runde hatte sowieso ihre Herausforderungen. Klar, die Beine werden schwerer, aber das war alles noch im grünen Bereich. Ernährung klappte auch. Es kam nur Wind auf. Und ich lebe ja auf dem Rad nach dem Prinzip, dass mich Wind nicht stört und auch Hügel nicht stören. Gestört fühle ich mich ich erst, wenn beides gleichzeitig vorhanden ist. Und natürlich kam der Wind einem dann entgegen, wenn es leicht bergauf ging und man nicht in einem Waldstück war, sondern auf freiem Feld. Das kostete dann doch Körner, so dass meine persönliche Traumzeit von 6:45 schnell illusorisch wurde.

Ein paar Worte noch zu dem Mythos „Solarer Berg“. Häufig ist es ja so, dass solche Stimmungsnester vollkommen überbewertet sind, dass für langsame Teilnehmer*innen wie meiner Einer dort wenig Stimmung ist und die Party schon vorbei ist, wenn man da ankommt. Nicht so am Solarer Berg. In Runde 1 gab es das volle L’Alpe d’Huez Feeling, mit Zuschauer*innen, die einem direkt ins Ohr brüllen und leider auch mit einem Teilnehmer, der meinte waghalsig rechts überholen zu müssen. Auf der zweiten Runde waren die Zuschauerreihen dann natürlich ausgedünnt, aber es fanden sich immer noch zwei Teenager*innen, die mich mit voller Begeisterung den Solarer Berg hoch brüllten. Leute, wer hier keine Gänsehaut als Teilnehme*in hat, hat kein Herz.

Freude und Freunde am Solarer Berg

Die zweite Runde war für mich natürlich relativ einsam. Ich sammelte sehr langsame Einzelstarter*innen ein, die wahrscheinlich meistens nicht mehr ins Ziel gekommen sind. Mal überholte mich eine Staffel, mal überholte ich eine Staffel. Es gab am Ende deutlich langsamere Radzeiten. Der Veranstalter lies an einigen Stellen wieder Verkehr zu, was grundsätzlich in Ordnung ist. Den meisten Autofahrer*innen war auch komplett klar, dass sie da in ein Rennen fahren und sie verhielten sich sehr defensiv und mit großen Abständen. Was sie auch von den Posten bei Einfahrt auf die Strecke wohl mitgeteilt bekamen. Denn wenn ich an einem solchen Posten vorbei kam, redete der mit der/ dem Autofahrer*in, der/die mich dann kurze Zeit später überholte. Wie schon gesagt, alles okay, alles gut. Der eine Fahrer, der wieder meinte, dass dies alles für ihn nicht gelte und eine Teilnehmerin knapp überholte, als sie mich gerade überholte, der bekam von ihr aber alle österreichischen (?) Schimpfworte die es gibt an den Kopf geknallt. Sie fuhr schimpfend an mir vorbei und als sie an mir vorbei war, sagte sie plötzlich „Oh, äh ja und dir viel Glück und eine gute Fahrt“. Ich musste lachen.

Die letzten Kilometer ging es noch mal abwärts. Also Gas geben. Vollgas. Am ehemaligen Schwimmstart vorbei, von dem 6 Stunden später nichts mehr übrig war und rein nach Roth. Wir hatten ja nur ein Ziel: Ankommen. Und dafür muss man halt die Cut Offs schaffen. 2:15 nach dem Schwimmen? Da hatten wir sehr viel Vorsprung drauf. 8:45 nach Schwimmen und Radfahren? Da hatten wir immer noch gut eine halbe Stunde drauf.

Ich übergab also an die rennende Schwester, die nun bis 21:10 Ortszeit bei KM 30 sein musste. Kein Problem.

Das Warten

Aber ich kann euch sagen: Wenn man nun wartet, dann wird man nervöser, als wenn man selber irgendwas macht. Sie fing gut an, ihr normales Tempo und wir guckten gespannt auf den Ticker. Bis KM 25,9 ist alles im Lack. Und dann meldet der Ticker plötzlich den Durchgang bei KM 30 nicht.

Wir hatten uns bei einer Pizzeria an der Strecke eingemietet, bezogen dort Verpflegung, wurden Verpflegung für die örtlichen Mücken und guckten immer nervöser auf unsere Handys. 20:58 Uhr dann die erlösende Mitteilung: Sie war durch. Dieser Cut Off war geschafft. Aber sie war langsam. 1:45 blieben für die letzten KM. Wir bei Kilometer 31 sitzend warteten. Und dann kam sie. Krämpfe hatten sie erwischt! Im Nachhinein war wohl der nicht selbstbestimmte Startzeitpunkt und zu wenig Salzaufnahme Schuld, aber so etwas passiert selbst der erfahrensten Athletin. Kurz Mut gemacht, ihr gezeigt, dass sie nun Zeit ohne Ende hat, ihr einen Schluck Alsterwasser (Elektrolyte sind wichtig!) gereicht und schon verschwand sie wieder im Getümmel. Nun hieß es warten. Die Zeiten stabilisierten sich und damit sollte das eigentlich alles klappen, wenn nun nicht noch irgendwas passiert. Was man bei Krämpfen nie weiß.

Aber das ist eben auch der Vorteil einer erfahrenen Marathonläuferin, wenn es nicht läuft, dann geht es halt irgendwie.

Direkt am Stadioneingang warteten M. und ich auf sie. Ich mag meine Schwester sehr und freue mich immer sie zu sehen. Aber so doll hab ich mich lange nicht gefreut sie zu sehen.

Was nun folgt war ein Traum. Wir liefen in das Stadion der Challenge Roth ein. Wir versuchten dabei Einzelstarter entweder vor zu lassen oder genügend Abstand auf sie zu gewinnen. Jeder soll hier seinen Moment haben. Die Finishline Party in vollem Gang und hier wird Mensch von einem Stadion mit unzähligen tauschend Menschen drin begrüßt, als ob man gerade Weltmeister*in geworden ist. Auch wir. WOW! Leute, das ist ein unfassbares Gefühl und das war auch den gesamten Preis wert.

Im Ziel dann erstmal um unsere Läuferin kümmern. Was zu trinken besorgen. Was bekommt man da als Erstes? Sekt! Egal! Rein damit. Auf uns.

Danach kurze Verpflegungsaufnahme und dann die von Krämpfen geschüttelte Läuferin nach Hause bringen. Das Feuerwerk noch vom Auto aus gesehen, beim Einsteigen noch einen Horrorkrampf bei ihr bekämpft und schnell zu unseren wartenden Gastgeber*innen, die auch noch Jubeltörtchen vorbereitet hatten.

Fazit

Am Ende landeten wir auf Platz 306 von 307 ins Ziel gekommenen Mixstaffeln. Ja und? Gewinnen tun wir in unserem Leben sowieso nix mehr und angekommen sind wir.

Ja, diese Veranstaltung ist teuer. ABER ich habe noch nie so viele Dixie-Klos bei einer Veranstaltung gesehen. Wenn ich nicht darüber meckere, dass das zu wenig sind, dann sind es wirklich endlich mal ausreichend viele. Ich habe noch nie eine so gut organisierte Veranstaltung erlebt. Hier weiß jedes Rädchen was es zu tun hat. Und man kann es nur noch einmal wiederholen: Die Helfer*innen sind einzigartig.

Wie man das alleine macht so eine Volldistanz ist mir immer noch komplett schleierhaft, auch wenn ich schon mehrfach die Hälfte absolviert habe. Meinen höchsten Respekt hat jeder Mensch, der dies als Einzelstarter*in abreißt.

Machen wir das noch mal? Fragt uns in 5 Jahren noch einmal. Mach ich so etwas mal als Einzelstarter*in? Fragt mich mit deutlich weniger Kilos nochmal.

Fahr ich nun nach Almere, mache genau die Hälfte und muss dafür dann wieder selber schwimmen und laufen? Aber natürlich! Da gibt es wenigstens garantiert keine Hügel.

Jul 042019
 

Wir haben gerade erfahren, dass unser Lieblingsgetränkelieferant verstorben ist. So sitzen wir nun auf dem Trockenen ohne dich, Hans-Werner.

Hans-Werner war eine Seele von Mensch. Es gibt wohl keine Institution in der FCSP Fanszene, die nicht von ihm Getränke bezogen hat.

Auch unsere 10 Jahres-Feier letztes Jahr hat er natürlich beliefert.

Mit wenigen Worten verstand man sich, auch abseitige Wünsche wurden irgendwie ermöglicht. Zwar immer mit ein bisschen Chaos, aber auch mit viel Herzblut für die Sache. Aber das war nur die geschäftliche Seite, viel wichtiger war der Mensch.

Tief verwurzelt in der linken Szene und früher Förderer von alternativen Getränkeherstellern. Fragt mal die Menschen von Premiumcola. Dazu hochsympathisch und eigentlich nie schlecht gelaunt. Und nie in Hektik. Selbst wenn der Zug in 5 Minuten fahren sollte und wir alle schon am durchdrehen waren. Ja diese tiefe Geduld konnte einen wahnsinnig machen. Aber das war eben Hans-Werner und so musste man ihn lieben.

Das und du wirst uns fehlen. Wo auch immer du bist, wir trinken eine Flora Mate auf dich.