TW: Homofeindlichkeit. Wir müssen/wollen die Plakate der Cottbusser diskutieren und zitieren. Seid hiermit gewarnt.
Cottbus. Waren wir. Die haben jedes Klischee bestätigt. Baggersee daraus machen (Kohle verfeuern? Absolut unsinnig, aber da kann der Bagger echt mal abbiegen). Fertig. Zu kurz gefasst?
Okay, dann halt ausführlicher:
Da wir die Anmeldefrist für die Busse verschlafen haben, holten wir uns einen schicken Flitzer und dann ab damit auf die Autobahn. Diese A24, nech? Also spannend ist etwas anderes. Baum, Baum, Baum, Baum, Feld, Feld, Feld, Feld, Kuh! Hansa Graffiti, Hansa Graffiti, Hansa Graffiti, Windrad! Baum, Baum, Baum, Baum. Das zieht sich vielleicht bis Berlin. Das Gute ist, dass die Autobahn ausnahmsweise mal leer ist – die früheren Anstoß- und damit Abfahrtszeiten in der zweiten Liga haben manchmal doch was Gutes. Aber wir wollen nicht meckern. Die Laune war gut, die Verpflegung auch und die Playlist mit dem Titel „Cottbus halal – ohne (Nazi)Schwein“ lud fleißig zum Mitsingen ein. Wusstet ihr, dass Brandenburg, neben Meck-Pomm, das Brut- und Rastgebiet für Kraniche ist? Bis zu 100.000 Stück. Irre. Ein paar hundert davon konnten wir auf den Feldern neben der Autobahn beobachten.
Einmal um Berlin herum und schon standen wir auf dem verabredeten Parkplatz, um im Konvoi nach Cottbus zu fahren. Auch hier war die Stimmung gut und die Cops, die die Autos auf der Einfahrt des Parkplatzes kontrollierten, waren freundlich? Ja, das hat uns auch etwas irritiert. Jede*r, der*die dort ankam, wurde erstmal gefragt, welchem Verein er anhänge, weil „es wollten da auch Cottbusser halten“. Wir haben brav „St. Pauli“ geantwortet und uns mögliche Antworten wie „Lausitzer Füchse“, „Millwall“ oder „Wasserfreunde Spandau 04“ verkniffen. Dass wir bis zum Parkplatz grob noch zehnmal dieselbe Frage gestellt bekamen? Detail. Auch hier haben wir uns Antworten verkniffen.
Im Konvoi fahren müssen wir noch etwas üben, liebe Fanszene. Manche von euch haben ein Tempo auf den Asphalt gelegt, das selbst Kimi Antonelli euch hinterhergeschaut hätte. Aber mit drei Polizeiautos vorneweg hatten wir dann auch die Rennfahrer irgendwann wieder eingeholt und fuhren Richtung „Cottbus Ost“. Dass für uns extra eine neue Anschlussstelle gebaut wird, wäre aber nicht nötig gewesen. Die Buchliebhaber*innen unter uns erfreuten sich daran, dass wir auf der Straße Richtung Hoyerswerda echte Raben zu sehen bekamen. Otfried Preußler – Ultras wissen, warum.
Auf jeden von uns kamen gefühlt 10 Cops. Ein Betreuungsschlüssel, auf den jede Kita neidisch wäre. Auf dem Parkplatz angekommen, ließen wir es lieber nicht darauf ankommen und lösten einen Parkschein für 5 fucking Euro und dann ging es auch schon ab Richtung Stadion. Drei Beobachtungen von den 400 m zwischen Parkplatz und Gästeeingang:
1. Lustige Aufkleber.


2. Stell dir vor, du wirst Cop, um dann 5 Stunden lang einen Wald zu bewachen.

3. Dass wir über eine Brücke liefen, an der ein Schild hängt, auf dem „Achtung Einsturzgefahr“ steht, beunruhigt uns jetzt mal nicht.
Der Einlass war schnell überwunden und wir fanden unseren Platz im überdachten Teil des Gästeblocks. 23€ inklusive „Sicherheitsbonus“. Ihr habt wohl einen kleinen Mann im Ohr – wie einer unserer Opas sagen würde. Oder auf Neudeutsch: Sagt mal hakt’s? Sollte es uns eigentlich beunruhigen, wenn auf einer Stahltribüne auf einem Meter vier unterschiedliche Schrauben verschraubt sind und manche von denen ein ganzes Stück aus dem Metall herausragen? Während des Spiels beschlossen wir für unser Seelenheil, uns lieber nicht zu viele Gedanken darüber zu machen. Wahrscheinlich läuft das sowieso unter „Ostcharme“ oder so. Ein Tipp für alle, die noch nach Cottbus müssen. Wenn ihr am Rand an der Scheibe an den Wellenbrechern steht: Passt auf eure Finger auf, wenn der Block hüpft. Die Wände heben sich genau so viel von den Wellenbrechern ab, dass da ein kleiner Finger dazwischen passt.
Die Stadionatmo war sehr leise, das gefällt uns, und so lauschten wir den sanften Klängen des Deutschpops von vor 20 Jahren, während wir damit beschäftigt waren, die wildesten Aufkleber abzuknibbeln. Fürth scheint sich wirklich um die Meisterschaft im Stickern bewerben zu wollen. Was immer spannend ist, wenn man in ein Stadion eines Aufsteigers kommt: Man hat endlich mal Zeit, die ganzen Sticker-Design-Unfälle der ganzen Drittligisten zu bewundern.

Nazischweine:
Bevor wir zum Sportlichen kommen, ist es wahrscheinlich am einfachsten, wir fassen all die Dinge, die Cottbus so präsentiert hat, in einem Abschnitt zusammen. Wir haben untereinander diskutiert, ob wir den Plakaten noch mehr Aufmerksamkeit geben sollten, finden aber, dass vor allem eines der Plakate so sehr über das „normale“ Maß an Provokation hinausgeht, dass das nicht einfach so stehen gelassen werden darf. Fangen wir mit der Choreo an. „Liebe deine Heimat und steh‘ zu Energie“ vor schwarz, rot, gold über die gesamte Tribüne inklusive Cottbus-Logo, Cottbuser Stadtwappen und brandenburgischem Adler.

Was sollen wir jetzt dazu noch sagen? Bingo! Klischee erfüllt! Was Originelleres ist euch nicht eingefallen? Aber wisst ihr was, wir tun euch den Gefallen. Ihr seid so leicht zu ärgern. Und wenn euch auf „Nie, nie, nie wieder Deutschland“ nicht mehr einfällt als „Deutschland, Deutschland“ und „Scheiß St. Pauli“ ja dann ist dazu schon alles gesagt.
Die Banner, die dann während des Spiels ausgerollt wurden, trieften von rechter Rhetorik und Menschenfeindlichkeit. „Stets in Watte gepackt. Die eigene Blase nie verlassen. Mit dem System im Gleichtakt – man kann euch nur hassen“ Mal vorweg: „`Nazis raus‘ ruft es sich leichter, da, wo es keine Nazis gibt!“ Ist ein Fakt, an dem nicht zu rütteln ist. Das ist ein Vorwurf, den wir uns gefallen lassen müssen. Dass die Fanszene damals dafür gekämpft hat und Leute aus dem Stadion geprügelt wurden, damit wir hier im Stadion keine Nazis mehr haben, ist ein anderes Thema. Das war ja auch in antiker Vorzeit. Aber generell leben wir hier in Hamburg schon mit deutlich weniger Nazikontakt als anderswo in Deutschland. ABER „Mit dem System im Gleichtakt – man kann euch nur hassen„? Ach Leute, habt ihr nicht gerade noch eine riesige Fahne des „Systems“ hochgehalten? Oder impliziert das Plakat, dass wir, wenn wir nicht in Hamburg leben würden, Nazis geworden wären, weil man nur, wenn man bei euch lebt, endlich die Welt richtig sieht und dies dann die einzige Option ist? Sorry, das ist uns zu viel Geschwurbel.

Auf dem zweiten Banner war zu lesen: „Eure Regenbogenutopie endet in Pädophilie – keine Akzeptanz für eure kranke Welt!“ Erstens: Sollte dies eine Anspielung auf die Vorfälle sein, die USP öffentlich gemacht hat, dann schreiben wir euch das Gleiche, was wir auch schon an Bielefeld gerichtet haben. Vielleicht fangt ihr erstmal an, bei euch genau hinzuschauen, als über andere zu urteilen, die Vorfälle aktiv und bewusst aufarbeiten. Ein Awarenesskonzept haben wir bei euch nämlich vergeblich gesucht. Zweitens: Das Plakat ist homofeindliche Drecksscheiße. Darüber gibt es nichts zu diskutieren. Das Narrativ, das homosexuelle Menschen sich an Kinder vergehen ist Kapitel zwei im Handbuch der rechten Mobilisierungsstrategien. Die vermeintliche Sorge um das Kindeswohl wird genutzt, um gezielt gegen LGTBQIA+ zu hetzen und sogar aktiv Jagd auf sie zu machen. (https://www.tagesschau.de/investigativ/rechtsextremismus-paedosexualitaet-lgbtq-lka-verfassungsschutz-100.html)
Wie deutlich wollt ihr eure Menschenfeindlichkeit eigentlich noch zur Schau stellen? Wie deutlich wollt ihr der Welt noch zeigen, wie widerlich euer Weltbild ist?

Und dann war da noch Banner drei. Auch hier wurde sich wieder im Reimen versucht: „Eure Realitätsferne ist kaum zu ertragen, den Filz entflechten und das Alerta-Netzwerk zerschlagen!“ Ach ja. Eigentlich habt ihr damit schon alles über euch gesagt. Wer antifaschistische Netzwerke zerschlagen will, der macht sehr deutlich, was er ist. Wer Anti-Antifa ist, ist Fa.

Es gibt garantiert in Cottbus auch ein paar korrekte Leute, aber wenn solche Banner hochgehalten werden können, ohne dass es darauf auch nur irgendeine Protestreaktion gibt, dann lässt das tief blicken. Auch die deutlichst zu vernehmenden Pfiffe, wenn man „Ganz Hamburg hasst die AFD“ ruft, sprechen nicht gerade für „ein paar wenige“. Wer riesen Deutschlandflaggen beklatscht und solche Banner toleriert, der kann sie nicht hinter „aber wir sind nicht alle so“ verstecken. Grüße gehen an dieser Stelle nach Essen.
Ey Cottbus, wir hätten da mal ne Frage: Ihr verhaltet euch wie Nazis. Ihr macht Choreos wie Nazis. Ihr malt Plakate wie Nazis. Aber wenn man euch dann Nazischweine nennt, dann werdet ihr wütend. Liegt das daran, dass Schweine im Gegensatz zu euch intelligente Lebewesen sind? Uns war nicht bewusst, dass euch das Wohl von Schweinen so am Herzen liegt.
Das komödiantische Highlight des Tages war dann, als kurz nach Abpiff einer der Nazis auf der am Gästeblock angrenzenden Osttribüne die Nerven verlor, versuchte über den Zaun zu kommen und von seinem eigenen Ordner eine gefangen hat. Was haben wir gelacht.
„I wanna be daylight in your eyes“
„Ganz Hamburg hasst die AFD!“
„I wanna be sunlight only warmer“
„Ganz Hamburg hasst die AFD!“
Kann das bitte jemand für uns remixen?
Na Cottbus, habt ihr schon beim DFB die Beschwerde eingereicht? Abschließend vielleicht ein nicht gerade neuer oder kreativer Gedanke: Unpolitisch heißt immer, dass man bestimmte Politik nicht haben will. Und meistens meint „unpolitisch“, dass man sehr politisch sein will. Sehr rechtspolitisch.
Zum Sportlichen:
Ja, Fußball war auch noch. Wir kamen gut in die Partie und schon nach drei Minuten schob Ceesay den Ball zur vermeintlichen Führung ins Tor der Cottbuser. Leider zeigte der Linienrichter Abseits an und auch der VAR nahm das Tor zurück. „Fahne runter!“ – aber an den Linienrichter (und VAR) gerichtet. Nach Ansicht der Fernsehbilder: Es war leider knapp abseits. Naja, weiter geht es und es lief auch eigentlich alles für uns (Niang und Metcalfe haben noch zwei Chancen auf das 1:0 für uns), bis Ando in der 17. Minute erst gelb und 4 Minuten später gelb-rot sieht. Fuck. Unnötig. Unklug. Wisst ihr was uns mehr ärgert als, dass Ando die Ampelkarte sieht? Dass solche Situationen von Spiel zu Spiel und innerhalb eines Spiels von Minute zu Minute anders gewertet werden. Letzte Woche waren Klammern und Trikotziehen vor dem Strafraum kein Foul. Diese Woche ist es sofort gelb. Der Cottbuser zieht am Trikot, da wird ein pädagogisches Gespräch geführt. Wir ziehen am Trikot und es ist gelb. Es nervt nur noch. Wenn du die Karten so locker sitzen hast, dann bitte für beide Mannschaften. Aber was wollen wir auch von Herrn Bacher (Unternehmensberater) erwarten. Das letzte Mal hat er Wahl vom Platz gestellt. Und vom Kicker eine 6 bekommen.
Nach dem Platzverweis wechselten wir defensiv und brachten Ritzka für Niang.
Leider hielt die Idee, das Spiel nun defensiver zu gestalten, der Praxis nicht allzu lange stand und in der 37. Minute erzielte Cottbus das 1:0. Von da an hatten wir ein Problem. Wir kamen nicht mehr hinten raus und wenn, dann nur mit langen Bällen und der Hoffnung, dass Ceesay den Ball schon irgendwie verarbeiten kann. Hier fragten wir uns im Stadion und nach dem Spiel ob es nicht besser gewesen wäre, nicht defensiv zu wechseln, sondern Smith in die Abwehr zu ziehen um erstens vorne eine weiter Anspielstation zu haben und zweitens mit Niang einen schnellen Spieler zu haben, der mitverteidigt und sich die Bälle im Zweifel auch selbst aus dem Mittelfeld holen kann. Nach der Pause versuchten wir zwar, weiter nach vorne zu kommen, aber bei vielen Pässen fehlte uns die Präzision und ein richtiges Aufbauspiel wollte uns auch nicht mehr gelingen.
Manchmal muss man den Torschützen erst einwechseln, dachte sich Rapp und brachte erst Kaars für Ceesay und später dann Hara und Jones für Rasmussen und Fujita. Und was sollen wir sagen, damit kam auch wieder der Zug zum Tor zurück. Connor eroberte den Ball, der auf Jones, dieser kommt zur Flanke im Strafraum und Kaars steht da wo ein Stürmer stehen muss, und köpft den Ball zum 1:1 ins Tor. Yes! Eine kuriose Anmerkung aus dem Gästeblock: Von uns aus hat im ersten Moment niemand geschnallt, dass der Ball wirklich im Tor war. Das sah aus, als wäre er hinters Tor gegangen. Was eigentlich überhaupt keinen Sinn macht wenn man sich den Spielzug anschaut, aber es dauerte eine paar Sekunden bis alle realisiert hatten, das der Ball wirklich im Tor war. Hinzu kam, dass das Team nur sehr verhalten jubelte und erst der Sprint von Kaars zum Trainer zeigte, dass er wohl getroffen hat. Umso größer war nun der Jubel im Block.
Dann wurde es nochmal spannend, Cottbus kam nochmal gefährlich vor unser Tor, aber mit vereinten Kräften und Ben Voll kriegen wir den Ball geklärt. Letzte Aktion: Der Ball landete am Straftraumeck bei Oppie und der zog ab… Aber leider grätschte ein Cottbuser noch dazwischen. Wir sind uns im Nachhinein sicher, dass der reingegangen wäre. Und dann!
So blieb es beim 1:1. Hätten wir hier gerne gewonnen? Aber natürlich. Sind wir mit dem Spielverlauf und dem Willen, den die Mannschaft gezeigt hat, auch mit dem Ergebnis zufrieden? Ja.
Nach dem Spiel amüsierten wir uns noch ein bisschen, indem wir belustigt dabei zuschauten, wie leicht sich emotional instabile Männer provozieren lassen, und machten uns dann auf den Heimweg. Bis auf einen plötzlichen Starkregen, der so spontan aufhörte, wie er gekommen war, eine Autobahn, die immer länger zu werden schien, je mehr Zeit man auf ihr verbrachte, und einen vollständigen Regenbogen gibt es nicht viel zu berichten, und so kamen wir gut und wohlbehalten wieder in Hamburg an. Und jetzt? Um es mit den Worten der Vorsänger zu sagen: „Passt auf euch auf. Erholt euch gut. Wir sehen uns in drei Wochen.“

PS: Liebe Leute, checkt mal ein bisschen, wo ihr da hinfahrt. Wir haben mehrere Leute gesehen, die mit Schal und Trikot locker flockig alleine durch die Straßen von Cottbus geschlendert sind. Das soll nicht heißen, dass wir es verteidigen, wenn Menschen von gegnerischen Fans angegriffen werden. Ganz im Gegenteil. Aber achtet doch wenigstens ein bisschen auf euch selbst. Es gibt nie eine Sicherheitsgarantie, aber gerade wenn man nach Cottbus etc. fährt, sollte man sich bewusst sein, worauf man sich da einlässt, und sein Verhalten etwas an die Umstände vor Ort anpassen.
PPS: Kennt ihr schon den Spreeauaal? Gesucht wurden Wörter mit möglichst vielen Vokalen hintereinander.