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Zirkus des Horrors

oder

Rechte Tomate-Mozzarella 

Was für eine Scheiße. Was für ein scheißschlechtes Spiel. Was für ein ekelhaftes Publikum. Was für ein Dreck. AAAAAAARG! 

Das Ganze nochmal in ein wenig rationaler? Na gut. 

Fangen wir vorne an: 

Bei bestem Hamburger Sommerwetter trudelte der Mob in Harburg ein. Nach lustigem Einsteigen, Aussteigen, Zugvorfahren, Abkoppeln, Rein, Raus fand sich dann alles an seinem gebuchten Platz ein und der Zug ruckelte gut gelaunt in Richtung Essen. What happens in the Sonderzug stays in the Sonderzug. Nur so viel: Unser auswärtstypischer Proviant sollte sich zur späteren Stunde noch als laune-rettender Faktor entpuppen. 

In Essen angekommen, ging es vom Gleis direkt in einen bemerkenswert hohen Tunnel, in dem die Shuttlebusse schon aufgereiht waren. Wir stellen fest: Absperrzäune mit Sichtschutz haben sie hier viele in Essen. Und auch an behelmter Polizei mangelt es wahrlich nicht. 

Die Fahrt zum Stadion gestaltete sich lang und schwitzig. Ey Essen: Wenn ihr uns schon durch den halben Pott kutschiert, dann hätten wir wenigstens gerne ein paar Erläuterungen zu dem, was wir da (hässliches) sehen. „Links sehen sie die Industriebrache, die früher XYZ war; rechts sehen sie das Kohlekraftwerk UVW“ oder so ähnlich. 

Am Stadion angekommen landeten wir auf einem hässlichen Vorplatz und schoben uns mit dem Rest der Meute geduldig Richtung Einlasskontrolle. Dass die Kontrollen so weit vorgezogen waren, entzerrte das Gedränge vor dem Einlass ein wenig. Dass man sich dann 50m später in die nächste vergitterte Schlange anstellen musste… naja. Auch war auf dem „Platz“ null einsehbar, was weiter vorne passiert. Ticketkontrolle, Einlasskontrolle, Zaun, Vereinzelung? Schreibt doch ein Schild. Es ist immer super unangenehm in einem Pulk Menschen zu stehen und nicht zu wissen, was eigentlich passiert. Insbesondere wenn wie hier die „Verkehrsführung“ nicht intuitiv ist, sondern immer wieder Gitter aus dem Nichts auftauchen. Hatten wir zuvor schlimmste Befürchtungen, was die Einlasskontrollen betraf, können wir nichts Negatives berichten, wir haben aber auch Gegenteiliges gehört. 

Blick in das weite Rund

Endlich im Gästeblock angekommen staunten wir etwas über die Toilettensituation. Positiv: Es gab auf der Damentoilette viele Kabinen. Negativ: Warum muss man sich das Toilettenpapier vorne mitnehmen und warum gibt es auf einer Damentoilette keinen einzigen Mülleimer? Essen wir haben Fragen. Wahrscheinlich wurden die auch schon einmal zu oft zerstört, aber das kann halt auch nicht die Lösung sein. 

Der eigentliche Stehplatzblock ist aus der Kategorie „hätten wir nicht so konzipiert“. Unten wurde es schnell voll und drängelig, während oben noch sehr viel Luft war. Frag uns bitte nicht wie man einen Block entfluchten soll, bei dem sich auf den Treppen alles aufstaut, weil man erst einmal rechts und dreimal links muss, bis man den Ausgang erreicht hat. Aber an dieser Stelle sei auch ein Hinweis und ein Appell erlaubt: Liebe Leute, wenn ihr während des Spiels auf den Treppen steht (was vollkommen unnötig war es war noch so viel Platz im Block) und ihr merkt das Spiel ist zu Ende und Menschen wollen den Block verlassen, dann bleibt doch bitte nicht demonstrativ im Weg stehen und blockiert die halbe Treppe. Ein bisschen spacial awarness wäre da ganz gut gewesen. So wird es nur unangenehm für alle Beteiligten. Und an die lieben Leute hinter uns auf den Treppen: Es geht nicht schneller, wenn ihr anfangt zu schieben und zu schubsen. Niemandem ist damit geholfen, wenn ihr den halben Block die Treppe runterschubst, bloß weil ihr meint, schneller zum Bus zu müssen als der Rest. Und wenn ihr es wirklich so eilig habt, dann kommuniziert mit den Menschen vor euch und bittet darum, dass man euch durchlässt. Es ist doch eigentlich nicht so schwer. 

Weg von unserem Block hin zu den Menschen, die sich sonst noch so in diesem Stadion befanden. Und wisst ihr bei solchen Vereinen, bei denen, wir drücken wir es aus, den Anteil derer, die politisch mit uns nicht einer Meinung sind, relativ hoch ist ach Quatsch warum sollten wir versuchen es nett auszudrücken. Die wählen Nazis es sind Nazis. Also nochmal. Bei Vereinen, bei denen die Naziquote sehr hoch ist, gibt es erfahrungsgemäß einen Typ-Fan, den man dort immer antrifft. Er ist männlich, über 40, wahrscheinlich Familienvater und hat immer einen Sitzplatz in direkter Nähe zum Gästeblock. Bei dem ersten „Scheiß Nazis“ fühlt er sich angesprochen und eskaliert von da an 90 Minuten komplett. So auch gestern. Neben Stinkefingern, obszönen Gesten und Geschrei Richtung Gästeblock war der Tiefpunkt spätestens nach dem ersten Tor erreicht, als er dieses mit dem Hitlergruß feierte. Und Keiner um ihn herum griff ein. Dann wurde noch schön die Deutschlandflagge auf seinem Ärmel gestreichelt und das Klischee war perfekt. Er war nicht der Einzige aus dieser Kategorie, der mit so einem Verhalten im Heimbereich auffiel. Dass der Typ genau einen Block über dem „RWE-Fans gegen Rassismus“ Banner saß machte das ganze dann rund.  

Versteht uns nicht falsch. Es ist gut und wichtig, dass es diesen Banner gibt und dass es Leute gibt, die sich in einem so rechten Umfeld für das Gute einsetzen. Dass der Banner im letzten Eck in Richtung Gästeblock hängt, ist allerdings auch mehr als bezeichnend. 

"von Wilhelmsburg" auf dem Bahnhinwei
man beachte das „von…“

Dachten wir zu Beginn noch „hey mal ein Stadionsprecher, der nicht vollkommen überdreht“ wurden wir wenige Sekunden eines Besseren belehrt. Wir geben hier mal frei aus dem Gedächtnis wieder, aber ungefähr sagte er „Ich habe im Internet gelesen, dass Pauli ihre Anwälte dabei hat. Wir haben unsere Anwälte auch dabei. Aber bei uns stehen die zwischen den Arbeitslosen“ Oder so ähnlich. Ey du Kacknase, wir hatten Anwälte dabei, weil bei man bei deinem scheiß Verein nicht weiß, ob man sich auf einem Platz mitten im Industriegebiet halb ausziehen muss und begrapscht wird nur weil man ein Fußballspiel sehen will oder ob es einen normalen Einlass gibt. Wir haben auch Anwälte dabei, weil man sich bei den Nazis in deinem Verein und dem Auftreten der Cops in NRW nie sicher sein kann, ob alle wieder heil mit Nachhause kommen. Ja wahnsinnig witzig du Vogel. Einmal ein bisschen kritische Selbstreflexion würde hier guttun. 

Fußball? Ja der war dann auch noch. Leider. Wir werden an dieser Stelle darauf verzichten eine detaillierte Analyse zu schreiben. Erstens ist das nicht so unser Ding, da gibt es andere, die können das besser. Und zweitens würden wir uns nur in unschönen Worten verlieren und das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Also folgen hier ein paar Dinge, die uns während des Spiels aufgefallen sind: 

1. Wir stehen hinten überhaupt nicht stabil und wir lassen uns viel zu leicht hinten reindrängen. 

2. Wo ist unsere Kopfballstärke? Bälle sind stundenlang in der Luft und trotzdem kriegen wir sie nicht aus dem Strafraum raus. 

3. Lange Bälle in den Strafraum kommen oft zu weit und wenn wir es kurz versuchen haben wir Probleme den Ball weiter als bis zur 16er Kante zu bekommen. 

4. Wenn wir Torchancen haben, nutzen wir sie nicht. Schaut euch die Szene von Kaars lieber nicht noch mal an. Das tut weh. Wahrscheinlich ist es schwieriger den nicht zu machen als den Ball irgendwie ins Tor zu murmeln. Und ja wenn das Tor fällt, ist es ein anderes Spiel, aber lieber Martijn, du bist nicht schuld an der Niederlage. Du hast es wenigstens versucht. Das haben wir gestern bei weitem nicht vollen allen gesehen. 

5. Wo war der Wille, die Wut, der Kampf, das Aufbäumen? Wir sind gefühlt immer noch und schon wieder bei denselben Themen wie zum Ende der letzten Saison. (Böse Zungen sagte im Stadion, dass man für so eine Leistung Blessin nicht entlassen hätte müssen. Und ja…) Als Joel ausgewechselt wurde, ging er auf höhe der Mittelinie Richtung Westtribüne vom Platz, am Gästeblock vorbei zurück zur Bank und er nahm nicht einmal den Kopf nach oben. Noch nicht mal ein Klatschen zum Gästeblock. Ja, Fujita ist wahrscheinlich nicht der Typ zum pöbeln Richtung Heimkurve. Aber dann feuere doch wenigstens den Gästeblock nochmal an und nimm da ein bisschen Support mit. Das war schon sehr bezeichnend. Irgendwie glaubte spätestens nach dem 2:0 niemand mehr daran das Spiel noch drehen zu können, weder auf dem Rasen noch auf den Rängen.

6. Wir freuen uns sehr für Connor Metcalfe und Scott Banks, dass die beiden wieder Einsatzzeiten hatten. 

7. Ganz ehrlich? Wir sind ziemlich fassungslos, was wir da gestern auf dem Rasen gesehen haben. Ey tritt ihn halt um, wenn es anders nicht geht. 

8. Der Schiedsrichter war wahrlich nicht schuld an dem was da gestern passiert ist. Aber spannend gepfiffen war das trotzdem schon wieder. Die Linie in gelben Karten und Bewertung von Zweikämpfen? Suchen wir noch. 

9. Was das ganze dann noch so richtig rund machte was die Verletzung von Pyrka. Wie schwer und ob er sich verletzt hat, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber Junge. Es ist kurz vor Schluss. Dein Team macht nicht den Eindruck, als könnte es das Spiel noch drehen. Und du hast dir gerade so schwer weh getan, dass a) die medizinische Abteilung kommen musste und b) du mehrere Minuten auf dem Rasen lagst. Was bringt es jetzt noch, außer dass du dich im Zweifelsfall noch schlimmer verletzt? Ja, da ist der fehlende Wille, den wir gerade noch bemängelt haben. Aber man kann ihn halt auch an der falschen Stelle einsetzen. 

Wir als Fans überhöhen den Fußball ja zu gerne. Aber wisst ihr? Wir hätten gestern auch einfach gerne gewonnen fürs positive Gefühl. Also natürlich sportlich, aber auch politisch. In einer Welt, in der die rechten Stimmen immer lauter werden und die Prognosen für die Wahl in Sachsen-Anhalt wahnsinnig düster aussehen, hätte so ein kleiner weltpolitisch unbedeutender Sieg gegen einen Verein durchsetzt mit Nazis einfach gutgetan. So fürs Gefühl.

Irgendwann war zum Glück Abpfiff, aber so richtig beklatschen wollte die Mannschaft wirklich keiner. Alter. Wir haben es schon so oft geschrieben, gesagt, euch entgegengeschrien. Wenn ihr da 2:0 verliert und euch vorher den Arsch aufgerissen habt. Euch reingeschmissen habt. Angelaufen seid. Gekämpft habt, bis es nicht mehr ging. Dann ist euch doch keiner böse, wenn es am Ende nicht reicht. Aber so? Ne Leute echt nicht. Wir wollten auch nicht absteigen. Wir wollten auch nicht in der zweiten Liga spielen. Wir hatten auch keinen Bock auf RWE. Trotzdem hängen wir da jetzt gemeinsam drin in der Situation. Und ihr seid die, die es ändern können. Es sind drei Pflichtspiele gespielt und die waren bei weitem nicht brillant. Aber ihr macht teilweise Gesichter, als wäre es eine Zumutung jetzt hier spielen zu müssen oder es der 30 Spieltag und der Abstieg stände schon fest. Es kann doch nicht sein, dass wir schon nach drei Wochen den „Schreit euch an, haut euch, sauft, uns doch egal aber macht was“-Text verfassen möchten. 

Nachdem wir es aus dem Gästeblock raus geschafft hatten und somit der schrecklichen Stadionbeschallung entfliehen konnten, ging es via Shuttlebus und einer wiederholt mangelhaft kommentierten Stadtrundfahrt zurück zum Bahnhof. Dort wurden wir dann auch wieder von den Behelmten und ihren so wahnsinnig subtilen Zivibullen empfangen. Problem: Wir waren alle da, nur leider kein Zug. Und wenn man schlecht gelaunte Menschen schon auf den Zug warten lässt, dann bringt es auch nichts, wenn man 20 Minuten nach Abfahrtszeit eine Durchsage macht, dass der Zug 30 Minuten später fährt. Auch mit uns kann man vernünftig kommunizieren lieber Bahnhof Essen. Was auch nur so mittelmäßig viel Sinn macht: Uns da stehen und warten zu lassen und währenddessen weiter ICEs und REs über das Gleis fahren zu lassen. Aber da hat man natürlich wieder schöne Bilder produziert, liebe Polizei NRW, ihr steht da behelmt und mit Hand am Schlagstock wegen den bösen Fußballfans und Oma Erna mit Enkelin traut sich nicht die Treppe runter, weil ihr da steht und alles blockiert. Und als es dann Ärger gibt, ist die Horror-Story von den gemeingefährlichen Fans wieder perfekt.  Es ist schon bemerkenswert, dass so behelmte Cops alle möglichen Werkzeuge in ihrem Baukasten haben, aber ein höfliches „Entschuldigung, wir müssen mal kurz durch“ gehört anscheinend nicht dazu.   

Wir werden hier nicht ausbreiten, was dann am Bahnhof passierte. Nur so viel, dass hätte sich alles verhindern lassen, wenn man den Zug rechtzeitig bereitgestellt hätte.  

Am Bahnhof mackern dann noch ein paar vereinzelte Essener zwei Gleise entfernt rum. „Ihr könnt nach Hause fahren“ Leuten hinterher zu rufen, wenn man objektiv betrachtet in einer wirklich hässlichen Stadt wohnt kann man machen, wir sind alle einfach nur froh dort nicht leben zu müssen. 

Irgendwann kam der Zug und fuhr mit Verspätung dann auch ab. Wir konnten im Abteil Mitreisende an unseren Pfannkuchen erfreuen (denn die machen ja bekanntlich alles besser), erfreuen uns am harten Techno aus dem Abteil neben uns, machten ein Nickerchen und feuerten den kleinen blauen Punkt auf Google Maps an (aka unseren Zug) der sich zum Glück stetig Hamburg näherte. 

Und jetzt? Wir wissen es doch auch nicht. Aber es muss hinten stabiler, vorne effektiver und insgesamt überzeugender werden. Nach drei Spieltagen den Kopf in den Sand stecken ist keine Option. Kapitulation ist einfach keine Lösung. Jetzt halt mir voller Energie und Konzentration auf die Liga! Weiter immer weiter! Forza!

Wer in Essen war, kann sich bitte mal an dem Fragebogen der Fanhilfe beteiligen. Und zwar hier

PS: Kann mal jemand Martijn Kaars in den Arm nehmen? 

PPS: Und weil sich 40-jährige Familienväter mit Deutschlandflagge auf dem Arm so leicht damit Ärgern lassen: Nie wieder Deutschland! 

Ein Kommentar

  1. Haffke,Josef Haffke,Josef

    Verdammt viele Vorurteile, ich mag St Pauli aber anscheinend versucht der Blogger hier alles um etwas negatives zu finden ! Der Ordnungsdienst der die Probleme in den letzten Jahren machte ist übrigens ausgetauscht !

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