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“Nazi ist nicht gleich Nazi“

Wir haben das Problem häufig nicht weghören zu können, wenn Menschen sich in unserer Hörweite unterhalten. Wir hörten diesen Satz. Vor der Veranstaltung. In diesem Moment befürchteten wir, dass die Veranstaltung über „Das Herz von St. Pauli“ eine Katastrophe werden würde. 

Es kam anders. Die meisten Redebeiträge waren sachlich, konstruktiv und gut. Man hatte unterschiedliche Meinungen, wir teilen garantiert nicht alle Meinungen, aber das ist ja auch gut so. 

Inhaltlich ist die Veranstaltung schnell zusammengefasst. Celina und Peter stellten ihr Gutachten noch mal im Schnelldurchlauf vor. Wir glauben, dass die sachliche Art des Vortrages und die mehrfache Wiederholung von „Wir werten nur Quellen aus“ da auch viel Luft aus den Segeln genommen hat. Danke noch mal an euch beide für das Gutachten und für die Erörterung in einem vollen Saal. Das war souverän. Da vergessen wir auch unsere „Keine ellenlange Texte auf Powerpointfolien, die man dann noch vorliest“ Kritik. Oh Mist, jetzt haben wir es doch geschrieben. 😉 Kritische Nachfragen wurden aus unserer Sicht souverän beantwortet. Das gefiel. 

Christopher vom Museum fasste dann noch mal zusammen, wie „Das Herz von St. Pauli“ Stadionlied geworden ist und ganz ehrlich: Bei allem ernsten Hintergrund war das extrem launig und zeigte auch, wie weit wir beim FCSP in Sachen Diskurs und Partizipation weitergekommen sind. Danke auch dafür. 

Am Ende war man sich im Saal sehr einig, dass man den Song nicht wieder spielen wolle. Wie man ihn ersetzen möchte, da gab es diverse Ansätze und das wird wahrscheinlich auch ein weiter Weg. 

Die aus unserer Sicht radikalste Idee „gar keine Hymne, lieber DJ Set und bitte kein Punkrock mehr, ich kann Punkrock nicht mehr hören“ fanden wir sehr charmant. Denn was auch von mehreren Redner*innen angemerkt wurde ist, dass Hymnen immer was lokalpatriotisches sind, immer Elemente enthalten, die bei genauem Nachdenken uns schütteln lassen und einer künstlichen lokalen Abgrenzung dienen, die man eigentlich schon bei Ländern extrem schwierig finden sollte. Wir machen uns in diesen Zeilen häufig genug über diesen Lokalpatriotismus lustig und vielleicht wäre ein „anderer Fußball“ da eben nicht mitzumachen? Denn seien wir ehrlich: Auch 2002 war der Text eine üble lokalpatriotische Verherrlichung des Stadtteils. Darüber hat damals nur noch niemand nachgedacht. Der Verein ist im Wandel, Denken ist im Wandel. Wir schreiben ständig „Weiter immer weiter“ und das gilt auch hier.  

Wir sehen auch das „wir brauchen was zum Mitgröhlen mit Herz“ Argument. Häufig wurde ein „Grand Prix“ vorgeschlagen und vielleicht ist dies ein Weg. Oder wir versuchen mal Dinge und gucken, was hängen bleibt? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass da Gremien nun drüber diskutieren werden, sich garantiert auch noch mal Feedback holen werden und unser Stadionerlebnis dann nur besser wird. Nur bitte was ohne flachen Lokalpatriotismus. Danke. 

Ein kluger Gedanke war auch, dass man immer damit rechnen muss, dass Künstler*innen sich als nicht tragbar herausstellen. Und man selbst bei einer nun vorsichtig ausgesuchten neuen Hymne immer damit rechnen muss, dass die irgendwann nicht mehr geht. Zeiten wandeln sich.  

Die Veranstaltung war sachlich und gut. Schrieben wir schon. Es geht aber auch besser. Und besser wäre es, wenn Männer weniger Raum einnehmen würden. 

Daher folgende Vorschläge für alle Männer (und wenige weiblich gelesene Personen), die ab jetzt auf Veranstaltungen des FCSP reden: 

– Deine Lebensgeschichte und deine FCSP Entdeckungsgeschichte interessiert nicht, außer sie hat eine konkrete Verbindung zum aktuellen Thema. Beispiel: Der Enkel des Autors meldete sich zu Wort. Da hat die Lebensgeschichte natürlich eine Berechtigung. 

Aber „Heinz Gegengerade, ich bin seit 30 Jahren am Millerntor und ich bin hier weil Heini mich immer mitgenommen hat.“ ist überflüssig. 

– Wenn alles gesagt ist, dann sage es nicht noch mal

– Lese den Aufgabentext durch. Wenn Verständnisfragen zum Gutachten erbeten sind, dann halte keinen Vortrag darüber, was nun deine Meinung zu dem Lied ist. BTW: Die erste weiblich gelesene Person war die erste Person, die den Aufgabentext gelesen hatte. 

– Wenn du ankündigst, dass eine weiblich gelesene Person noch reden soll, dann lasse ihr auch Zeit zu reden. Looking at you, Oke. 

tbc

Sowieso: Die Veranstaltung ist grob 50/50 besetzt und es reden zu 80 % Männer. Und davon sind noch 90 % alte weiße Männer. Vielleicht wäre eine quotierte Redeliste, doch eine Option? 

Aber wir wollen gar nicht so viel meckern und sowieso sind das auch nur Vorschläge, wie eine gute Veranstaltung noch besser werden könnte. 

Wir sind stolz auf unseren Verein, dass er solche Diskussionen zulässt und sich unsere Meinungen zu solchen Themen anhört. Es gibt genug Vereine, bei denen so eine Thematik wahrscheinlich gar nicht erst aufgekommen oder jegliche Diskussion von oben herab beendet worden wäre. Auch nochmal ein Lob an alle, die gestern die Veranstaltung zu dem gemacht haben, was sie war. Das war informativ, konstruktiv und ein gutes Gegenstück zu dem vielen uninformierten, populistischen Müll, den es in dieser Welt so gibt. 

Weiter immer weiter! Auf zu neuen Lieder! Forza!

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