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Dicke Körper sind kein Kostüm

Die 1. Herrenmanschaft unseres komischen Fußballvereins befindet sich, wie wir alle wissen, aktuell im Trainingslager in Österreich. Und wie das so ist in der modernen Zeit, muss pro Tag mindestens ein mehr oder weniger lustiges Video gedreht werden, um die Fans ein bisschen am Alltag im Trainingslager teilhaben zu lassen. Soweit so normal. Gehört dazu. Schauen wir uns an. Sind neidisch auf das deutlich bessere Wetter in Österreich. Erfreuen uns daran, dass die Spieler gute Laune zu haben scheinen. Nicht mehr nicht weniger. 

In Video zu Tag sechs in Flachau geht Lena zusammen mit Oppie, Robatsch und  Stevens auf ein Dorffest vor Ort. Irgendwann kommen sie zu einer „Sumo“ Attraktion Robatsch & Oppie ziehen sich die Sumoanzüge an, es ist alles vermeintlich wahnsinnig witzig, und dann wird gerungen. Lustig oder? Finden wir nicht. Es ist diskriminierend dicken Menschen gegenüber.

Jetzt könnte man natürlich sagen, ja aber halt lieber Magischer FC Blog, das hat der Verein ja nicht organisiert oder bereitgestellt, das war halt da und dann haben sie halt mitgemacht. Aber uns allen sollte klar sein, dass dies keine Argument sein kann. Bloß weil etwas existiert muss man ja nicht gleich damit interagieren und erst recht muss man es nicht filmen und ins Internet stellen. Der Volkspark ist auch da. Trotzdem rennen wir da nicht ständig hin.

Auch wurde in gewissen Kommentaren schon angebracht, dass man nur das sehen würde, was man will, und dass das ja keine Kostüme sind sondern Anzüge, um sich unbeweglich zu machen. Der Kommentar ist zweiteilig. Zum einen ist da das klassische „ihr seht ja überall Diskriminierung“ Argument. Betroffene sagen euch, es ist diskriminierend. Und damit sollte die Diskussion eigentlich beendet sein. Dann sollte ein Reflexionsprozess einsetzen, bei dem ihr am Ende am besten zur Erkenntnis kommt, dass auch dicke Menschen ein Recht auf einen respektvollen Umgang haben. Aber dafür müsstet ihr dicken Menschen zuhören, auf Augenhöhe. Ihr müsstet verstehen wollen und offen sein für Kritik. Und ihr müsstet eure ganzen miesen Vorurteile hinterfragen. Der zweite Teil des Arguments, dass der Anzug ja nur unbeweglich machen solle, ist genauso unzulässig. Warum muss der Anzug dann aussehen wie der Körper eines dicken Menschen? Wenn ihr unbeweglich sein wollt könntet ihr euch genauso gut mit Gaffatape umwickeln. Ja, uns ist klar, dass das auf die Kultur der Sumoringer in Japan abzielt. Aber auch das ist eine Stereotypisierung. 

Der Punkt ist doch der: Für euch Normalgewichtige, ist das ein lustiger Anzug, den ihr euch anzieht. Für uns ist das unser Leben. Ihr zieht das an und amüsiert euch darüber, wie fett ihr ausseht, wir können es nicht ausziehen. Und in eurem Amusement schwingt immer auch Ekel, Ablehnung und die Überheblichkeit mit eben nicht so auszusehen. Was für euch nur ein lustiger Spaß ist, ist unser Leben. Und während ihr den Anzug wieder auszieht, werden wir jeden Tag mit euren Kommentaren, abfälligen Blicken und Vorurteilen konfrontiert. Damit, dass uns Ärzte nicht ernstnehmen und erst mal über unser Gewicht diskutieren wollen, obwohl unser Problem nichts damit zu tun hat. Damit das Sitze immer zu klein sind. Das es in Läden keine Klamotten für uns gibt. Damit dass ihr uns sagt, wir sollen doch Sport machen, und wenn wir es dann tun, fällt euch noch ein viel beleidigenderer Spruch ein. Wir können nicht gewinnen. 

Und wir hören euch schon in die Tastaturen tippen „Ja dann nehmt doch ab!“ Danke für den Hinweis. Auf die Idee sind wir noch nicht gekommen. Was ihr nicht seht und auch nicht sehen wollt, sind die vielen Diäten und andere Abnehmversuche die viele von uns schon hinter uns haben. Und selbst wenn es für eine kurze Zeit funktioniert. Am Ende sind wieder mehr Kilos drauf als vorher. Denn die Sache ist die: Adipositas ist eine chronische Krankheit. Die geht nicht einfach so weg, wenn man nur einfach ein bisschen mageres Hühnchen isst. Sie wird immer da sein. Um abzunehmen, braucht es Ärzt*innen, die dies verstehen und einen unterstützen. Es braucht eine Gesellschaft, die endlich wegkommt von ihren schlimmen Vorurteilen und ein offenes Ohr und Zuspruch anbietet. 

Wir glauben nicht, dass der Verein das böswillig gemacht hat. Wir glauben aber, dass es im Verein, in der Fanszene und in der Gesellschaft an Sensibilität und Empathie gegenüber mehrgewichtigen Menschen fehlt. Und um das zu erreichen, muss man den Finger in die Wunde legen. Auch wenn viele von euch diese Wunde nicht sehen wollen. 

6 Kommentare

  1. Heidi Heidi

    Man merkt, dass Sommerpause ist. Und man merkt auch: Sportlich läuft es bei Sankt Pauli so gut wie lange nicht.
    Gleichzeitig wird aber leider immer deutlicher, dass es in und um unseren Verein zunehmend zu Polarisierungen kommt. In vielen Diskussionen scheint es kaum noch um den Verein selbst oder um das Verbindende innerhalb unserer vielfältigen Fanszene zu gehen. Stattdessen dominieren absolute Meinungen.
    Man hört einander oft nur noch mit halbem Ohr zu – und ist dafür umso schneller empört.
    Sätze wie „Dann such dir doch einen anderen Verein“ oder „Ihr wollt doch bloß ein Problem daraus machen“ begegnet man immer häufiger – online wie offline.

    Sinnbildlich dafür stehen auch die vier Tribünen im Stadion – und ebenso die vier großen Social-Media-Plattformen: Instagram, X, Bluesky und Facebook.
    Alle diese Orte zeichnen sich durch ganz unterschiedliche Demografien, Tonlagen und Intensitäten aus. Und doch eint alle Nutzerinnen, genau wie alle Stadionbesucherinnen: Sie identifizieren sich mit dem FCSP. Sie sind Fans dieses Vereins.

    Und trotzdem landen wir immer wieder bei der leidigen Frage: Wer ist eigentlich der „richtige“ Fan?
    Der Allesfahrer auf der Süd? Die Business-Seat-Inhaberin auf der Haupttribüne? Der Alles-Gucker auf Instagram? Oder der Blogger auf Bluesky?

    Ich wünsche mir sehr, dass es unserer Fanszene bald gelingt, wieder näher zusammenzurücken – im respektvollen Austausch, trotz unterschiedlicher Perspektiven.

    Doch im Moment fehlt mir ehrlich gesagt die Fantasie, wie das gelingen soll. Die Gräben wirken tief, die Fronten verhärtet. Und solange jede Kritik gleich als Angriff gewertet wird und jede Diskussion in einem Gegeneinander endet, scheint ein echtes Miteinander in weiter Ferne.

  2. HamburgerSueden HamburgerSueden

    Ich bin Fan des FC St. Pauli – aus Überzeugung. Weil ich den Anspruch schätze, dass Fußball mehr sein kann als 90 Minuten auf dem Platz. Aber manchmal frage ich mich, ob wir uns nicht in eine Richtung bewegen, in der jede noch so harmlose Situation sofort moralisch aufgeladen und öffentlich seziert wird.

    Der Blogbeitrag zur Sumo-Aktion im Trainingslager ist dafür ein gutes Beispiel. Zwei Spieler ziehen sich auf einem Dorffest einen Sumo-Anzug an, lachen, ringen, haben offensichtlich Spaß. Eine beiläufige Szene, ohne jede abwertende Absicht – und doch wird daraus eine tiefgehende Anklage wegen angeblicher Diskriminierung dicker Menschen.

    Natürlich muss man auf Diskriminierung achten, natürlich gibt es reale gesellschaftliche Probleme im Umgang mit Körpernormen. Aber nicht jeder Moment, in dem jemand einen Sumo-Anzug trägt, ist ein politisches Statement. Und nicht jedes Gefühl von Betroffenheit kann automatisch zum Maßstab werden, an dem alles andere ausgerichtet wird.

    Der Satz im Blog, dass die Diskussion beendet sei, sobald Betroffene sagen, es sei diskriminierend, ist in meinen Augen problematisch. So funktioniert kein demokratischer Diskurs. Zuhören? Ja. Ernst nehmen? Unbedingt. Aber auch abwägen, einordnen, Kontexte betrachten. Wenn jede Empfindung sakrosankt ist, verlernen wir das genaue Hinschauen.

    Ich bin St. Pauli-Fan, gerade weil mir Haltung wichtig ist. Aber ich wünsche mir, dass wir lernen, mit Maß zu argumentieren – nicht mit maximaler Empörung. Denn wenn wirklich alles „problematisch“ ist, wird irgendwann gar nichts mehr als problematisch erkannt. Und das hilft am Ende niemandem.

  3. Stefan Stefan

    Der „Witz“ an solchen Sumo-Anzügen und auch diesen durchsichtigen, aufgeblasenen Bällen, in die man hineinsteigt und dann Fußball spielt, ist dann ja auch noch – da kommt man als tatsächlich übergewichtiger gar nicht rein, weil sie für einen zu eng sind und weil man das relativ geringe Maximalgewicht (bei den Bällen) für deren Benutzung überschreitet.

  4. Raphael Raphael

    „Betroffene sagen euch, es ist diskriminierend. Und damit sollte die Diskussion eigentlich beendet sein.“ Mit solchen pauschalen Aussagen sollte man sehr vorsichtig sein. Ich habe auch schon Leute gehört, die sich diskriminiert fühlen, weil die Flüchtlinge angeblich sofort Geld, Wohnung und wasweißich bekommen, der normale arme Deutsche aber (angeblich) nicht. Ich habe alte weiße Männer gehört, die sich diskriminiert fühlen, weil gegendert wird. Ich habe Leute gehört, die sich diskriminiert fühlen, wiel für irgendwelche Randgruppen (Stichwort Klos für Diverse) alles gemacht wird und für den „normalen Bürger“ gar nichts mehr. Ich habe von bestimmten rechten Parteien gehört, dass die sich diskriminiert fühlen, weil ihnen bestimmte Posten (z.B. Ausschussvorsitzende) nicht einfach gegeben wird. Und wenn die dann sagen: „Wir sagen, es ist disriminierend, damit ist die Diskussion beendet“, dann wird’s… schwierig. Einiges ist eben wirkliche Diskriminierung, anderes nicht. Und was was ist, darüber muss unbedingt diskutiert werden.

  5. Thomas Thomas

    Ihr solltet hier auch den Hintergrund vom Sumo-Sport betrachten. Die Sportler*innen sind aufgrund des Sports in der körperlichen Verfassung und nicht aus gesundheitlichen Gründen …

  6. adminf adminf

    Das Ding ist doch, Sumo ist eine Kultur. Kulturen nachzuahmen in dem man sich Kostüme anzieht, ist extrem problematisch. Das sollten inzwischen die meisten begriffen haben. Das haben wir auch in einem Satz kurz angerissen und ist nochmal eine andere Ebene warum dieses Kostüm schwierig ist. Trotzdem, nein zusätzlich dazu sind Körperformen keine Kostüme.

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