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Toleranz, oder warum der FC St. Pauli oft zu Recht nicht tolerant sein kann und es auch nicht sein sollte

Puh, das ist ein langer Titel. Aber das Thema ist auch komplex und so einfach ist das alles nicht. Toleranz ist ein Schlagwort, das im Kosmos des FC St. Pauli gerne verwendet wird. Sponsoren verwenden es auf Werbebanden, und geht es um die Werte des Vereins, darf Toleranz in der Aufzählung nicht fehlen.

Es ist auch ein Schlagwort, das gerne gegen uns verwendet wird. „Ich dachte, Ihr seid so tolerant“ – ein Satz, der über den FCSP bzw. seine Fans schon häufiger ins Internet geschrieben wurde. So häufig, dass wir beinah sagen wollen „häufiger als der FCSP“ mal ein Spiel gewinnt, aber das wäre nun sehr zynisch. Die Ereignisse auf und rund um die MV haben uns veranlasst, mal wieder über den Begriff der Toleranz nachzudenken. Oder anders gefragt: Welche Meinungen und Aussagen müssen und wollen wir beim FCSP akzeptieren? Wo sind die Grenzen? Und wer bestimmt diese?

Definition

Schauen wir uns als erstes einmal an, was Toleranz überhaupt bedeutet.

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Toleranz als „die aktive oder passive Duldung anderer Ansichten und Lebensweisen bzw. die absichtliche oder unbewusste Hinnahme von Entscheidungen und Handlungen, die nicht den eigenen entsprechen, das Gelten lassen anderer Meinungen, Werte und (z.B. religiöser) Orientierungen“ (https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/225604/toleranz/). Schon die Definition zeigt, dass Toleranz ein sehr weiter, dehnbarer Begriff ist. Sie zeigt auch, dass Toleranz im Grunde alle Ansichten, Handlungen und Werte miteinschließt. Dass von Duldung und Hinnahme im Bezug auf Toleranz gesprochen wird zeigt außerdem, dass Toleranz kein aktives Auseinandersetzen mit einem Thema voraussetzt – reines Schweigen reicht laut Definition schon aus, um etwas zu tolerieren.

Was die Definition auch zeigt ist, dass Toleranz nicht der richtige Begriff ist, wenn Mensch über LGBTQIA+ spricht. „Ich bin da tolerant“ ist schlichtweg falsch. Akzeptanz ist das Ziel, und nicht Toleranz.


Toleranz geht nicht ohne Grenze

Denkt man die Definition weiter, stößt man unweigerlich auf das Problem, dass es Ansichten gibt, deren Merkmal die Intoleranz gegenüber anderen Meinungen, Werten und Orientierungen ist, also Ansichten, die gezielt Menschenrechte verletzen oder negieren.

Wie z.B. Transmenschen von komischen Zauber*innenbuchschreiberinnen und ihren Gefolgschaften zentrale Existenz- und damit Menschenrechte abgesprochen werden, ist so ein Beispiel. Da kann man nicht tolerant sein. „Transrights are human rights“ gilt hier unumstösslich und ist nicht einer Diskussion zugängig.


Langfristig hat eine uneingeschränkte Toleranz gegenüber solcher Meinungen den unweigerlichen Verlust der Toleranz und der Menschenrechte zur Folge. Karl Popper beschrieb dieses Phänomen bereits 1945 mit dem Toleranz-Paradoxon.


Wir müssen intolerant sein

Wir als Fanszene und Verein setzen uns für Werte ein, die für uns nicht diskutabel sind. „gegen jede Form von Rassismus, Sexismus, Homofeindlichkeit und Antisemitismus“ muss die grundlegende Maxime aller Diskurse in unserem Verein sein.

Und ja, dies gilt nicht nur bei sexistischen Bannern im Gästeblock. Das gilt insbesondere auch, wenn ein Mitglied des Vereines homofeindliche Anträge stellt. Nein, man muss der Homofeindlichkeit des Antrags nicht so viel Raum einräumen, wie sie bekam. Nein, man muss die Meinung des Herrn nicht tolerieren. Ja, es ist zwingend nötig, mit deutlichen Worten gegen diesen Antrag zu argumentieren. Situationen wie diese sind der Ort, an dem unsere Werte und die Grenzen unserer Toleranz getestet werden. Wo wir aktiv für das einstehen müssen, was uns wichtig ist. Wo wir klare Grenzen ziehen müssen. Es kann kein tolerantes freundliches Zuhören gegenüber solchen Äußerungen geben. Da müssen wir unseren Safespace viel offensiver und deutlicher verteidigen, als wir es aus einer toleranten Haltung machen würden (Genaueres dazu im MV Bericht).

Auch im sportlichen Wettbewerb

Wir können tolerieren, dass es die Rauten gibt und wir gegen diese spielen müssen. Aber auch im sportlichen Wettbewerb gibt es Grenzen der Toleranz. Wenn wir die Intigrität des Wettbewerbes nur halbwegs retten wollen, dann können wir Konstrukte wie Leipzig nicht tolerieren. Dann müssen wir sie aktiv bekämpfen und ausgrenzen. Sie sind keine akzeptable Meinung oder Haltung im Fußballwettbewerb, sondern dessen Zerstörung. Deshalb ist es vollkommen richtig, wenn der Verein das Logo von RB Leipzig nicht abdruckt und sich so der damit verbundenen Werbung entzieht oder wenn er lautstark Investor*innenmodelle ablehnt. Wenn wir weiterhin als demokratischer e.V. am Profifußball teilnehmen wollen, müssen wir intoleranter werden. Sonst schieben irgendwann wie im US-Sport Millardäre Franchises hin- und her, um noch höhere Gewinne für die eigenen Taschen zu machen.


Haltung zeigen!

Toleranz darf Haltung nicht begrenzen. „Aber ich dachte, Ihr seid der tolerante Verein“ ist genau der Trugschluss, der die Idee Toleranz zum Scheitern verurteilt. Der Verein ist also nicht tolerant. Der Verein ist sogar in vielen Bereichen intolerant. Er muss es sein. Der FCSP hat klare Haltungen. Eine klare Haltung zu Themen. Und dazu gehören auch klare Grenzen und ein deutliches „Halt, hier geht es nicht weiter!“

Dabei darf nicht verkannt werden, dass sich diese Werte, diese Haltung in einem ständigen Fluß befinden und immer wieder hinterfragt werden müssen. Es braucht dafür Mut, auf einer großen Bühne stehend Dinge zu verändern und sich selbstkritisch weiter zu entwickeln. Dabei geschehen auch Fehler; der FCSP ist nicht perfekt.

All das ist von außen leicht zu kritisieren. Insbesondere wenn man Maßstäbe an den FCSP anlegt, die er selber nie zur Handlungsmaxime erklärt hat und die man auch selber nicht einhalten will. „Ihr seid doch sonst so tolerant, Ihr Heuchler“ klingt aus dem Munde eines Dynamo-Fans schnell hohl.

Vielleicht muss man es selbst als Fehlentwicklung deuten, dass wir das Schlagwort „Toleranz“ in unserer Kommunikation verwenden. Der Begriff passt häufig einfach nicht und er verhindert eine klare Kontur unserer Haltung. Wir müssen und wollen viele Meinungen verurteilen und sie auch aus dem Meinungsspektrum unseres Vereines heraushalten bzw. entfernen. Eine klare Haltung zu haben ist viel anstrengender als eine konturlose „Toleranz“. Es erfordert Mut, Kraft und Bereitschaft zum Diskurs und eine harte Bereitschaft, sich auch mal zu trennen.

Wir als Verein und wir als Fanszene müssen diese Balance zwischen Haltung und Toleranz viel mehr diskutieren und unser Profil schärfen. Innerhalb unserer Grenzen ist eine solidarische Toleranz wünschens- und erstrebenswert. Außerhalb dieser Grenzen muss eine konsequente Intoleranz gelebt werden, denn sonst leisten wir unter dem Deckmantel der Toleranz der Ignoranz Vorschub.

Ein Kommentar

  1. Ich bin auch ein großer Fan von Popper um zu erklären, dass man als total friedfertige Person unbedingt Nazis Boxen sollte. Leider hab ich so nen Dad-Joke-Generator in meinem Kopf, der mit jetzt auch noch sagt, dass die, die jetzt noch gerne auf Twitter sind, auch dem Tolle-Rants-Paradoxon erliegen. Entschuldigung.

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