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Macker Kultur Away – Fühlt Ihr’s? 

[Anmerkung des Kollektivs: Uns erreichte dieser Gastbeitrag mit der Bitte um Verbreitung. Ein super wichtiges Thema, auf das wir gerne Eure Aufmerksamkeit richten wollen. Kontakt zum Autor des Textes kann gerne hergestellt werden.]

“Wer es nicht fühlt, kann es nicht verstehen”

Oft schon habe ich ohne Erfolg versucht, Freund*innen zu erklären, warum ich liebend gerne immer wieder früh aufstehe, um St. Pauli in den entlegensten Stadien Deutschlands bestenfalls unentschieden spielen zu sehen und stundenlang Bahn zu fahren. Sie freuen sich für mich, dass ich Spaß an Auswärtsfahrten und Stadionbesuchen habe, aber so richtig verstehen tun sie es nicht. Macht nichts. Der Satz hat eben durchaus seine Berechtigung.

Doch mit wachsender Zahl der Spiele, bei denen ich bin, in dem folgendem Kontext vor allem Auswärtsspiele, frage ich mich, was manche der Menners denn so fühlen bei ihren Auswärtsreisen. Denn es beschleicht mich immer häufiger das Gefühl, dass einige der Zeitgenossen, die man auf Auswärtsfahrten antrifft, ihr Gefühl für sich selber und vor allem für ihre Umwelt komplett verloren oder zu Hause gelassen haben. Ich denke, jede*r hatte schon einmal eine unangenehme Begegnung auf einer Auswärtsfahrt, und es ist normal, dass einzelne Nervenbolzen überall MAL mit dabei sind. Betonung auf “mal”. In letzter Zeit scheinen es aber keine Einzelausfälle innerhalb der Fanszene zu sein, die einem bei Auswärtsfahrten unglaublich doll auf den Keks gehen. Kann sein, dass was jetzt beschrieben wird, kein neues Phänomen/Problem ist, aber ich sehe es als etwas an, das, ob neu oder alt, eben ein Problem ist, um das sich gekümmert werden muss.

Auf den vergangenen Auswärtsfahrten war ich jedes Mal aufs neue schockiert von den Leuten, die da teilweise rumgelaufen sind und sich wirklich wie die letzten Nacken benommen haben. Besoffene Menners (ja, nur Menners), jung und alt, die sich benehmen, als wären sie Mr. St. Pauli höchstpersönlich und die sich so volllaufen lassen, dass das Wort “Rücksicht” für die nächsten zwei Stunden des Vollsuffs in ihren Köpfen wohl keinen Platz mehr hat.

Ich finde es krass, wie viele der Männer sich so verhalten. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, dass vielleicht nicht jede*r die sechs Stunden Zugfahrt auf sich genommen hat, um dann im Stadion von Besoffenen belagert zu werden und ständig aufpassen zu müssen, dass diese einem nicht in den Rücken stürzen, weil sie ihr Gleichgewichtsgefühl am Boden ihre Bierbechers verloren haben. Wer ins Stadion geht, dem muss bewusst sein, dass er dort offensichtlich nicht alleine ist. Wir sind es leid, uns von Menners, die ihr Trinklimit nicht kennen, die Auswärtsfahrten kaputt machen zu lassen. Und ja, für mich sind solche Menners wirklich eine Sache, die mir den Spaß am Auswärtsfahren verderben.

Eine Sache, die ich als sehr wichtig empfinde, ist, dass Männer auswärts wie am Millerntor mehr darauf achten müssen, nicht so viel Platz einzunehmen. Nicht nur im körperlichen Sinne und nicht nur die im Vollsuff – achtet einfach etwas mehr auf andere, bidde. Vor allem auf Auswärtsfahrten hat eine Kultur des sich bis an die Grenze Aufspielens breit gemacht, die es anderen nicht mehr möglich macht, gewisse Dinge zu genießen. Stimmung ist geil, auch im Shuttlebus kann das Spaß machen. Doch es gibt auch Grenzen, und eine dieser Grenzen ist überschritten, wenn andere Euch versuchen klarzumachen, dass sie sich in Eurem Umfeld nicht mehr wohlfühlen. Doch anstatt darauf einzugehen wurden solche Äußerungen in der Vergangenheit einfach als “Spaßverderb” abgetan und es wurde am besten noch doller weitergemacht.

In Karlsruhe wird eine Gruppe Menners gebeten, nicht im geschlossenen Shuttlebus zu rauchen (was an sich schon absurd ist, dass um so etwas überhaupt gebeten werden muss). Zack, gesundheitliche Probleme bei einer Person im Bus wegen des Rauches und der schlechten Luft. Eine Tür wird von einem der vorher Rauchenden aufgemacht; so, alles wieder gut, es geht weiter. Bus fährt, der Typ fängt wieder an, an seiner E-Zigarette zu ziehen. Es kommt zur verbalen Auseinandersetzung. Der Typ fühlt sich auch noch im Recht, da er ja der Held gewesen sei, der vorher die Tür aufgemacht hat. Berechtigt kommt die Frage, ob er sich denn selbst noch fühle. Wirklich eine exzellente Frage, danke.

Es baut sich wieder eine Mackerkultur auf, welche sofort wieder gestoppt werden muss. Wir wollen im Stadion und auch bei Auswärtsfahrten keine Leute dabei haben, die es nicht schaffen, über den Gedanken “Höhö, lustig Pauli-Party, ich will hier MEINEN Spaß haben. Geil, jetzt das 8. Bier!” hinwegzukommen. Männer, Ihr seit für Euch selber und auch für Menschen um euch herum verantwortlich! Ich wünsche mir aus der Szene Support zu diesem Thema, da ich mir sicher bin, dass ich nicht der Einzige mit solchen wiederholten Erfahrungen bin. Gerne wünsche ich mir auch, dass USP mit ihrem Einfluss in der Szene weiter auf solche Themen eingehen und aktiv gegen diese Entwicklung arbeiten.

So, das sollte jetzt hier keine Hasstirade sein. Teilweise fehlt mir einfach das Verständnis für das Verhalten manche Menschen. Es geht dabei nicht darum, hier Spaßbremse zu spielen, sondern darum, alle aufzufordern, an einem angenehmen Umfeld bei St. Pauli-Spielen mitzuwirken.

Reißt euch zusammen, achtet mal mehr auf die anderen und seid auch für Eure Buddies verantwortlich, wenn diese sich nicht zusammen bekommen. An alle anderen: Passt auf Euch alle auf, helft Euch gegenseitig und lasst Euch von rücksichtslosen Idioten nicht den Fußball kaputt machen! Forza!

4 Kommentare

  1. robert robert

    Ja – so ist es. Und noch schlimmer. Ich war jahrelang Allesfahrer mit ADK und hatte dann einfach die Schnauze voll. Ich hatte genug von den Typen, die schon in Allertal nur noch mit Mühe selbstständig den Weg in den Bus zurückfanden. Im ICE schon kurz vor Kassel das siebte Bier oder die zweite Flasche Captain Morgan in der Hand. Im Stadion (wenn sie es denn bis dahin geschaftt hatten) mit halb geschlossenen Augen schwankend im besten Fall Halt nur am Wellenbrecher suchend.
    Ich fahre nur noch so auswärts, dass ich diesen Gruppen mit Sicherheit aus dem Wege gehe. Soweit es eben geht.
    Aber dann ist da ja auch noch der Teil der Südpaulis, die selbst den miesesten Grottenkick mit bester Laune abfeiern. Hauptsache Party. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

  2. Luise Luise

    Kann das leider nur unterstreichen, auch ich werde in Zukunft einen Riesenbogen um Shuttlebusse mit St. Pauli-Fans bei Auswärtsfahrten machen.
    Bei uns im Bus waren es allerdings Frauen, die in Krawallaune waren. Es ging um die Benutzung diskriminierender Sprache. Die Worte habe ich nicht gehört. Kritik an diskrimierender Sprache ist nicht nur richtig, sondern notwendig. Uneingeschränkt. Selbstjustiz allerdings, die vermeintlichen Übeltäter übergriffig an den Kopf und an die Brust patschen und dann mit Gewalt und unter übelster Drängelei aus dem vollen Bus zu werfen, ist nicht ok. Körperliche Gewalt sollte bei St. Pauli Fans tabu sein. War aber in dieser Gruppe offenbar eine gängige Maßnahme, denn auf den Hinweis, mal runter zukommen (auch nachdem die Typen aus dem Bus geworfen worden waren, war die Stimmung und der Tonfall im Bus extrem aggressiv), wurde gleich den nächsten angedroht, man könne ja „aussteigen“. Mit erhobenen Ellbogen und Drohgeste.
    Auch bei St. Pauli haben offenbar manche einfach Lust auf Gewalt. So macht Auswärts keinen Spaß.

  3. Leutschdehrer Leutschdehrer

    seid/seit

  4. Männer sind in der Tat anfälliger für Alkoholsucht als Frauen. „Es existieren gerade bei Männern immer noch gesellschaftliche Rollener­war­tun­gen im Zusammenhang mit hohem Alkoholkonsum“, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung . Junge Männer glaubten, dass sie ihre Männlichkeit durch hohen Alkoholkonsum bestätigen müssten, so BZgA. Schade, finde alle Leute, die sich zugedröhnt oder alkoholisiert daneben benehmen unangenehm.

    Ebenfalls überflüssig finde ich die Sprachpolizei, die nach der Verwendung von diskriminierender Sprache, die ich übrigens in keinster Form billige, mit verbaler und physischer Gewalt gegen unsere Anhänger vorgeht und sie aus dem Bus schmeißt. Hier würde ich mir weniger eskalierende Formen der Auseinandersetzung wünschen, zumal damit der Bus für längere Zeit aufgehalten wurde.

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