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How soon is now? // Der FCSP hat wieder einen hauptamtlichen Präsidenten

„Eine Hauptamtlichkeit des Präsidiums ist aktuell keine Option“ hieß es noch im Vorlauf zur letzten MV auf einer Veranstaltung der AGiM, nachdem ein Mitglied dieses Kollektives explizit danach gefragt hatte. 

Heute also ist offiziell „aktuell“ von damals vorbei, denn der FCSP hat in einer E-Mail an seine Mitglieder (vermuten wir jetzt mal als Empfänger*innenkreis) verkündet, dass das Präsidium auf ein hauptamtlich light umsteigt. Mittlerweile ist das Ganze auch auf der Homepage zu finden.

Wir zitieren: 
„Ehrenamtliche Präsidiums-Mitglieder sollen Angestellte des Vereins werden. Dies betrifft ganz konkret Oke Göttlich, der hauptamtlicher Präsident werden soll und Christiane Hollander (Mitglieder, Fans und Spieltag(sorganisation)) sowie Carsten Höltkemeyer (Finanzen, Recht & Compliance und Personal und Operations), die in Teilzeit beim FCSP angestellt werden – und zwar acht Stunden zusätzlich zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Darüber hinaus arbeiten Esin Rager für den Bereich Nachhaltigkeit und Jochen Winand für Infrastruktur weiterhin ehrenamtlich im Präsidium für den Verein. Zudem werden Andreas Bornemann (Bereich Profifußball) und Bernd von Geldern (Bereich Wirtschaft) als Besondere Vertreter berufen und das Präsidium erweitern.“

Rechtlich möglich

Unsere Satzung sieht in § 21 eine Hauptamtlichkeit ausdrücklich vor. Sie ist also problemlos möglich und die Satzung legt die Entscheidung, ob eine Haupt- oder Ehrenamtlichkeit gefahren wird, ausdrücklich in die Hand des Aufsichtsrates. 
So ein bisschen Bauchweh hat unser Senior juristisch bei der beschriebenen Teilzeit, denn unsere Satzung kennt in ihrem Wortlaut nur ein „entweder oder“. Es ist auch nicht richtig klar, wie die Grenzen gezogen sein sollen, denn warum soll ich nun genau acht Stunden bezahlen und den Rest nicht? Worin begründet sich diese Grenze? Und gibt es dann A- und B-Arbeit, wobei A die bezahlte und B die unbezahlte ist? 

Vielleicht wundert ihr euch auch, warum nicht alle Vizepräsident*innen zumindest teilzeithauptamtlich geworden sind. Bei Esin ist der Grund nicht sofort ersichtlich, bei Jochen wäre es schlichtweg nach unserer Satzung nicht möglich, da § 23 Abs. 1 die Amtszeit von hauptamtlichen Präsidiumsmitgliedern auf das Renteneintrittsalter begrenzt. Und das hat Jochen mit zarten 71 Jahren (Anmerkung: Jochen wird natürlich erst am 11. August 2022 71 zarte Jahre alt) leicht überschritten. 

Man muss sich trotzdem fragen, ob nicht eine Lösung mit „du bist entweder hauptamtlich in Vollzeit tätig ODER du bekommst eine Aufwandsentschädigung“ nicht juristisch sauberer gewesen wäre. 

Aufwandsentschädigungen können grundsätzlich in beliebiger Höhe gezahlt werden, wären dann zwar nicht steuerfrei, aber who cares (und das sind Einnahmen aus angestellter Arbeit ja auch nicht)? Diverse Vereine lösen das Problem auf diese Weise, da viel zu viel Zeit benötigt wird ist, um einen Verein zu führen. 

So eine generelle Aufwandsentschädigung  wäre auch definitiv flexibler als eine 8 h-Nebentätigkeit, da man Aufwandsentschädigungen an dem geleisteten Aufwand orientieren kann. Ob man für so etwas unsere Satzung hätte ändern müssen, ist eine juristisch spannende Frage, aber auch das wäre ja ein gangbarer Weg gewesen. 
Auch darf man nicht vergessen, dass auch unsere Aufsichtsratsmitglieder ordentlich Stunden abreißen und definitiv auch eine Gegenleistung erhalten sollten. Somit wäre eine Aufwandsentschädigung auch hier umfassender. Oder wieso sollten wir als Verein bereit sein, für unser Präsidium Geld auszugeben, für das Organ, das dieses kontrolliert, aber nicht? 

Ist das gut?

Wir haben hier schon häufiger angemahnt irgendwie auf die immer größere Größe des FCSP auch im Präsidium zu reagieren. Uns fehlt sehr offensichtlich eine hauptamtliche Führung, welche die Richtung und die Grenzen vorgibt. 
Ein*e Vermarkter*in vermarktet. Er*Sie denkt, redet und lebt wie ein*e Vermarkter*in. Von so jemanden kann ich nicht ernsthaft die Einhaltung von Grenzen, die durch unsere Werte gesetzt werden, in jedem Detail erwarten. Diesem Menschen muss ich eine leitende Funktion zur Seite stellen, und diese kann nicht im Ehrenamt tätig sein (bzw. können die dafür nötige Arbeit nur die Menschen ehrenamtlich leisten, die an anderer Stelle finanziell ausgesorgt haben). Da kommt es zu einer Unwucht, die nun beseitigt wird. 

Das ist ein großer Vorteil einer Hauptamtlichkeit/Aufwandsentschädigung: Wir werden als Verein inklusiver auch in unserer Führungsstruktur und setzen nicht voraus, dass Menschen diesen großen Aufwand ohne finanziellen Ausgleich stemmen können. In anderen Worten auch: Der potentielle Kreis für weitere Präsidien ist ein ganzes Stück größer, wenn wir als Verein bereit sind, diese Menschen für ihre Arbeit zu entlohnen.

Und ganz ehrlich: Wir müssen uns nun nicht mehr vom Präsidium anhören, dass XYZ eine Entscheidung der „Hauptamtlichkeit“ gewesen sei und man dann so tut, als ob man damit nix zu tun gehabt hätte. Ja, wir haben euch auch lieb. 

Trotzdem war das ja nicht zu Unrecht jahrelang ein komplettes Tabuthema in diesem Verein. Betonte Oke ja auch selbst zuletzt vor weniger als einem Jahr, dass das keine Option sei, die man in Betracht gezogen habe – und das bei längerer Evaluationsphase zum geeigneten Organisationsmodell, die mit den besonderen Vertreter*innen (die nun niemand mehr braucht) endete. Und eben nicht mit einem (teilweise) hauptamtlichen Präsidium, das nun zehn Monate später kommt.

Denn Hauptamtlichkeit bedeutet auch immer, dass der Präsident noch mehr Macht, noch mehr Sagen in der Außendarstellung hat. Er sitzt den ganzen Tag auf der Geschäftsstelle. Bei ihm läuft noch direkter die Presse auf. Das ist gerade bei internen Konflikten ein riesiges Pfund. Denn so sehr wir das immer noch von uns weisen, auch beim FCSP kann Mensch interne Konflikte über die Hamburger Presse anheizen und steuern. Viele von uns sind alt genug, um Corny vs. Aufsichtsrat zu erinnern. Solche Konflikte verschärfen sich noch bei einer Hauptamtlichkeit des/der Präsidiums/Präsidenten*in.

Wahrscheinlich ist Oke eine gute Person für dieses Amt, aber es gibt immer Personen und daneben Strukturen. Oke ist nicht ewig Präsident und dann wieder eine*n nebenamtliche*n Präsident*in zu finden, ist wahrscheinlich unmöglich. Außer wir sind bis dahin abgestiegen. 

Braucht man dann noch besondere Vertreter*innen? 

Seien wir ehrlich: Nein, braucht Mensch nicht. Den Umweg hätten wir uns elegant sparen können. Auch gerade weil damals ein Argument war, dass man kein teilweise hauptamtlich tätiges Präsidium haben wolle. Was wir nun bekommen. Das hätte man direkter und schneller haben können und mit einer weniger widersprüchlichen Kommunikation.

Stilfragen

Der Aufsichtsrat kann das alleine entscheiden. Ziemlich sicher werden auch andere relevante Organe des Vereins (AFM, Amateurvorstand, Ehrenrat – kommen uns jetzt so in den Sinn) über dieses Vorhaben informiert worden sein, bevor es öffentlich wurde; ggf. sogar nach ihrer Meinung gefragt worden sein. Gleichzeitig betont Sandra auch die Rolle des mitgliedergeführten Vereins: „Entscheidend ist, dass der FC St. Pauli handlungsfähig ist und dabei seinen Charakter als von der Mitgliedschaft geführten Verein nicht verliert, sondern – im Gegenteil – noch ausbaut. Dies ist die Stärke dieser neuen Struktur.“

Viele relevante Themen wurden im Verein in den vergangenen Jahren explizit in Mitgliederforen diskutiert und dabei auch immer Wert darauf gelegt, die Meinungen einzuholen. Was bei diesem Thema – von dem nun alle Beteiligten wissen, dass es ein Thema ist, das die Gemüter bewegt – nun in keinster Form getan wurde. Nochmal: Wir wissen, dass der Aufsichtsrat das entscheiden kann und das auch in der Satzung so vorgesehen ist. Was nicht heißt, dass man – gerade wenn einem die Mitgliederpartizipation so sehr am Herzen liegt, dass sie sogar als Argument für diese Änderung herangezogen wird – dann nicht auch bei diesem Thema Wege hätte finden können, um die Mitglieder partizipieren zu lassen. 

Konkret: Das Präsidium und der Aufsichtsrat haben einen langen Konsultationsprozess durchlaufen, an deren Ende die Lösung „besondere Vertreter*innen“ stand. Da wird „hauptamtliches Präsidium/Präsdident*in“ auf jeden Fall evaluiert worden sein und es sprachen gute Gründe dagegen, das nicht zu tun. Und nun, 10 Monate nach der MV-Entscheidung, haben wir die eigentliche Lösung noch nicht mal ausprobiert und gehen direkt den nächsten Schritt. Ja, der Vorschlag war ursprünglich für 2020 geplant und die coronabedingten Verschiebungen haben da einiges verlangsamt.

Aber was ist anders zu vor 11 Monaten, als man ohne besondere Vertreter*innen das auch hätte direkt machen können. Corona war schon da, die zahlreichen finanziellen Herausforderungen auch. Der Krieg in der Ukraine und die Inflation haben dies sicher noch mal angeheizt, aber so sehr, dass man 10 Monate später eine andere Lösung braucht?Im Hauptamt – auch auf GL-Ebene – gab es setidem einige Veränderungen und in der Vermarktung läuft (unserer Meinung nach) einiges schief. Das zumindest war aber auch vor 10 Monaten schon so und bewegte sich auch vorher schon auf gewohnt hohem Niveau.Zumal Oke selbst keinen ganz aktuellen Bezug setzt, sondern eher allgemein begründet „es bedürfe „höchster Aufmerksamkeit“, in einem eingetragenen Fußballverein die „Mitgliederinteressen, Anforderungen von Mitarbeitenden, gesellschaftlichem Wandel und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen mit den Herausforderungen durch die Auswüchse des Profifußballs. Diese Aufgabe ist für ein rein ehrenamtliches Gremium – vor allem in Krisensituationen – kaum leistbar.“ All das war vor 10-12 Monaten zumindest für uns ersichtlich nicht anders.

In etwa fünf Monaten und ’n paar Zerquetschten steht die nächste MV an und auf der wird auch ein neuer Aufsichtsrat gewählt werden. Der nun mit dieser Vereinbarung startet. Anstellungsverträge von Präsidiumsmitgliedern sind in aller Regel kündbar, kostet dann halt meist viel Kohle. Man bedenke in diesem Zusammenhang auch, dass der in § 23 Nr. 1 enthaltene Passus „Bei hauptamtlichen Präsidiumsmitgliedern hat der Aufsichtsrat dafür Sorge zu tragen, dass die zugrunde liegenden Anstellungsverträge mit Ablauf der Amtsperiode enden.“ die Amtsperiode des Präsidiums meint. 

Ja, wir erwähnten bereits, dass der Aufsichtsrat das laut Satzung so machen kann. Aber nicht alles, was man laut Satzung machen kann, muss man auch machen.

Prioritäten & Entscheidungen

Laut Veröffentlichung ist Oke „hauptamtlicher Präsident“ ohne weitere Definition seines Aufgabenbereichs („alles“?), Christiane ist für Mitglieder, Fans und Spieltag(sorganisation), Carsten für Finanzen, Recht & Compliance und Personal und Operations sowie Esin für Nachhaltigkeit und Jochen Winand für Infrastruktur zuständig. 

Zusätzlich werden Bernd von Geldern (Wirtschaft) und Andreas Bornemann (Profifußball) für die in Klammern genannten Bereiche zu besonderen Vertreter*innen ernannt. Zu den besonderen Vertreter*innen steht in der Satzung (§22.6), dass diesen „im Einzelfall oder generell in Bezug auf den ihnen jeweils zugewiesenen (Teil-) Verantwortungsbereich Einzelvertretungsbefugnis oder Vertretungsbefugnis gemeinsam mit einer*m weiteren besonderen Vertreter*in“ [eingeräumt werden].

Wieso besondere Vertreter*innen für diese beiden Bereiche? Wieso brauchen wir 3 Führungsebenen (Hauptamtlicher Präsident; besondere Vertreter*innen; Geschäftsleiter*innenebene) zugleich? Bei denen zumindest uns die Hierarchie nicht ganz klar ist. 

Und wieso haben wir für die meisten GL-Themen explizit hauptamtliche Counterparts (z.B. Finanzen Martin Urban – Hauptamt; Carsten Höltkemeyer – Vizepräsident*in in Teilzeit) und für die beiden Themen, die die besonderen Vertreter*innen betreuen, ist dies nicht der Fall bzw. nicht genannt?

Uns ist ehrlicherweise auch nicht klar, wie die Entscheidungswege konkret laufen sollen. Für welche Themen gibt es die GL-Runde; in welchen Fällen entscheidet das Präsidium (oder die jeweiligen Vizepräsident*innen, die für das Thema zuständig sind) alleine? Klar kann das nicht alles im Detail in so einer Veröffentlichung beschrieben sein, bei uns bleiben da aber ein paar Umsetzungsfragen offen.Uns beschleicht das Gefühl, dass da nun Parallelstrukturen eingezogen werden, die ein wie auch immer definiertes Problem lösen sollen und dabei parallel durchaus auch Chaos stiften können.

Und wieso setzen wir mit den besonderen Vertreter*innen parallel einen Fokus auf die beiden Themen Wirtschaft und Sport? Wenn wir wieder einen hauptamtlichen Präsidenten haben, können die doch wie alle anderen auch ihre Themen bei ihm/dem Präsidium platzieren. Und ist diese Fokussierung von besonderen Vertreter*innen auf die beiden Themen einem Verein, der die Bedeutung von Fans & Mitgliedern betont, angemessen?

Und noch eine (korinthenkackerische) Anmerkung 🙂

„Der Aufsichtsrat begrüßt die aus unserer Sicht notwendigen Schritte und hat dieser Veränderung zugestimmt.“ wird Sandra zitiert. Die Satzung sieht explizit vor, dass „Der Aufsichtsrat entscheidet auch, ob Präsidiumsmitglieder ehrenamtlich oder hauptamtlich tätig sind.“ (§21 Nr.1) Eine Zustimmung ist ja doch noch etwas Anderes als eine explizite Entscheidung. Das „zustimmen“ klingt für uns eher nach „andere hatten die Idee und wir haben dann nicht nein gesagt“.

Das Ergebnis zählt

Es ist wie beim Fußball: Am Ende des Tages zählt das Ergebnis und man kann mit verschiedenen Taktiken erfolgreich sein. In diesem Sinne wünschen wir Oke ein gutes Händchen in neuer-alter Rolle. Wir werden das alles weiterhin in gewohnter Weise beobachten und kommentieren.

Und noch etwas ist wie beim Fußball: Die Frage der richtigen Aufstellung beschäftigt den FC St. Pauli als Verein schon etwas länger. Und wir sind – auch aufgrund der offenen Fragen, die sich uns stellen – sicher, dass dies nicht die letzte Aufstellung des FCSP sein wird. Denn sein wir ehrlich: So richtig modern und neu und anders ist „ein Präsident, der entscheidet“ nun auch nicht.

Ein Kommentar

  1. alex alex

    Extrem unschlau von unserem Präsidium und auch respektlos den Mitgliedern gegenüber. Die Argumentationen im damaligen Werbefeldzug für die Besonderen Verteter waren bös gesagt gelogen und (vor-) geschoben. Traurig.
    Stärkt leider nicht das Vertrauen. Wie kann man so eine Entscheidung so falsch einschätzen. Und die Email an die Mitglieder erst nach Beginn der Sommerferien raussenden… ist bestimmt nur ein Zufall.
    Mensch, Mensch, Mensch ….

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