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Andy Grote ins Moor / Zum Ausbau der Kollaustraße

Der FC St. Pauli will das Trainingsgelände aus- und umbauen. Die detaillierten Fakten entnehmt ihr bitte der Vereinshomepage oder der Boulevardpresse eurer Wahl. Wir wollen euch ein paar Gedanken dazu aus Fan- und Mitgliedssicht geben. 

1. Es ist notwendig

„Nur wenn wir den Sport weiterentwickeln, kann es das soziale Gebilde FCSP geben“ 

Sagt Oke sinngemäß in dem vom Verein veröffentlichten Video. Dies ist richtig. Er sagt an einer anderen Stelle auch, dass man es sich nicht leisten könne, nichts zu tun. Auch dies ist richtig. Stillstand ist Rückschritt und der Tod des Herrenprofifußballs beim FCSP. Deswegen wollen wir aufsteigen und deswegen sind solche Infrastrukturprojekte ungemein wichtig. Herrenprofifußball ist das sine qua non dieses Vereines. Würden unsere Fußballherren in der vierten Liga in einer Bruchbude gegen Altona kicken, gäbe es in diesem Verein keine 30.000 Mitglieder und eben auch keine 15.000 aktiven Sportler*innen in unterschiedlichsten Sportarten. Trotzdem kann und sollte man den „Sport“ im Verein nicht auf die Fußballherrenprofis reduzieren, denn auch das entspricht nicht dem gewachsenen Zustand dieses Vereines.

Es geht bei diesem Projekt erst einmal vorrangig um die Fußballherren; dies wird perfekt symbolisiert durch ein rein männliches Foto vom Verkündungstag. Nebenbei: Auch im Herrenfußball sind rein männliche Symbolfotos extrem schwierig, denn auch wenn die Herren auf dem Platz stehen, so ist doch ein sehr großer Platz für Frauen in diesem Sport und in diesem Geschäft und das sollte man auch symbolisieren. 

Es ist erstmal sehr zu begrüßen, dass in die Erweiterung der Trainingsplätze viel Energie und viel Zeit investiert wird und nun ein Zwischenziel erreicht wurde. Und jede*r, die*der mal mit Verantwortlichen beim FCSP über dieses Thema gesprochen hat, weiß wie schwierig und langwierig das war/ist und -Achtung!- auch bleiben wird. Oke spricht das in dem Youtube-Video auch an; dieses Projekt wird Kapazitäten binden, die man im FCSP ebenso auch für andere Infrastrukturprojekte (Ausbau Haupt/Nord; Hallenkapazität Schwimmbad etc.) nutzen müsste und auch könnte. Das Präsidium hat hier eine Priorisierung vorgenommen und man kann diese aus dem eben Gesagten sehr gut nachvollziehen. 

Ein kleines Detail fiel uns auf. In dem Video auf der offiziellen Homepage wird von dem Bau einer „Halle“ gesprochen. Witterungsunabhängige Trainingsräume sind Gold wert und werden gerade bei der individuellen Arbeit mit Nachwuchs- und Profispieler*innen immer wichtiger. Hierfür wird ebenfalls immer mehr Platz benötigt. 

2. I need my space

Profisport und professionelle Nachwuchsarbeit brauchen also Platz. Viel Platz. Oke sprach davon, dass man sich zwei Gelände außerhalb Hamburgs angesehen hat. Was für einen Stadtmitteverein, der eben nicht im Wald irgendwo kurz vor Pinneberg spielt, eine Katastrophe gewesen wäre. Aber wer sich die Paul-Hauenschild Plätze mal ansieht, die/der wird erkennen, dass ein Platz irgendwo in Norderstedt eben auch einen Vorteil birgt: Nämlich Fläche ohne Ende. Eine schnelle Google-Maps-Zählung erkennt dort 9 Fußballplätze. Wenn man bedenkt, dass die Rauten in ihrem Wald auch noch Trainingsplätze haben, dann sieht man hier den Vorteil einer Stadtrandlage. Die wir trotzdem nicht haben wollen. Es ist wie immer beim FCSP eine Abwägung zwischen Gefühl und Geschäft. Gut, dass wir nun eine Heimat in Niendorf finden. Immerhin sind zwischen St. Pauli und Niendorf gerade einmal zwei Stadtteile oder 7 Kilometer. Jetzt werdet ihr zu Recht sagen „Halt, zwischen dem Stadion im Wald und dem Millerntor sind es doch weniger.“ Ja, aber nach Niendorf kommt man halt bequem mit Bus und Bahn und nicht per langen Marsch (um mal „Norbert und die Feiglinge“ zu zitieren). 

Oder anders formuliert: Wenn wir das Heiligengeistfeld nicht bekommen, dann ist dies die zweitbeste Lösung. (Und nebenbei: Außerhalb Hamburgs beinhaltetet wohl auch „außerhalb der Landesflächen Hamburgs“. Oder in anderen Worten: Wie peinlich wäre es denn für einen Hamburger Sportverein keine Sportflächen in Hamburg zu haben?)

3. Das Ganze hat aber auch seine Preise

Erstmal kostet es Geld. Geld, das teilweise garantiert auch über die wundervolle AFM kommt, aber eben teilweise auch per Kredit oder anderswo aufgenommen werden muss. „Steine statt Beine“, wenn man es verkürzt darstellen will. Diese Investitionen müssen aber sein, auch wenn sie vielleicht auf der anderen Seite den Wunderstürmertransfer in der Winterpause verhindern. Wir können nicht weiter kurzfristig auf kaputter Infrastruktur tanzen, das würde irgendwann zwangsläufig zum Absturz führen. 

Jetzt endlich Genossenschaft? Dieses Blog sieht das traditionell eher kritisch. Wir würden hier eher an eine weitere Fananleihe oder irgendeine andere Fremdkapitalfinanzierung glauben, lassen uns aber auch gerne von der Kreativität unseres Präsidiums überraschen, welches ja auch immer noch als Ziel hat, mehr Eigenkapital für den FCSP zu generieren. 

Es kostet aber auch Moral. In der Hamburger Presse wird von „Wirbel“ oder „Zoff“ gesprochen, und bei aller boulevardüblichen Überhöhung ist dies im Kern schon richtig.

„Die betroffenen Vereine wurden bereits über die Planungen informiert und werden in den weiteren Abstimmungsprozess miteinbezogen.“

Der zitierte Satz befindet sich auf der offiziellen Homepage zu dem Projekt. „über die Planungen informiert“ ist ein schöner Euphemismus für „vor vollendete Tatsachen gestellt“. Es sollte klar sein, dass es hier um die Nutzung städtischer Flächen geht und so ist in erster Linie die Stadt Hamburg in der Verantwortung, aber das ist für den FCSP „mitgehangen, mtgefangen“. 

Die Stadt Hamburg investiert im Sport in Leuchtturmprojekte. Was fehlt, sind gute Konzepte für Breitensportflächen. Wir verdrängen Breitensportvereine (die Baseballer*innen und ggf. auch Fußballvereine) von ihrer Fläche. Ja, es soll Ersatzflächen geben, aber es muss immer sehr hinterfragt werden, ob diese wirklich gleichwertig sind und ob sie nicht leere Versprechungen bleiben, wenn plötzlich irgendein komischer Investor an der Vogt-Kölln Straße sein neues Gebäude bauen möchte. Zeise 2, Esso-Häuser und ähnliche gebrochene Versprechen hängen der Hamburger Politik an, und mit diesem Teufel paktiert der FCSP nun notgedrungen.

Wir geben hier halt Andy Grote die Möglichkeit für einen schönen Fototermin und für Lobeeren einsammeln (und um den Rasen des Geländes kaputtzufahren, s. unten). Und wir wissen, wie er es mit Wahrheit, Moral und „für das Gute“ arbeiten hält. Es gibt dazu leider (!) keine wirkliche Alternative, so brutal das klingt. Außer wir wollen doch regelmäßig in der Liga gegen Altona 93 spielen. Einer Entscheidung gegen diesen möglichen Weg in die sportliche Bedeutungslosigkeit hat Oke eine klare Absage erteilt, und wir haben bisher keinen Widerspruch gehört. 

Es bleibt das grundlegende Dilemma des FCSP, die Guten sein zu wollen und in dem Spiel der Bösen sehr viel mitspielen zu müssen. Wir haben keine Lösung, aber die geballte Faust in der Tasche bleibt. 

4. Verdrängungswettbewerb

Wir nehmen an einem Verdrängungswettbewerb als Verdränger teil. Genügend weitere Vereine kämpfen um Trainingsflächen, um Spielflächen, um Sporthallen – es ist ein ekliger Wettbewerb. Wir nutzen hier unsere Macht als Leuchtturmverein auf Kosten von Vereinen, die ihre angestammten Heimaten verlieren. Selbst wenn sie am Ende neue, viel schönere Plätze bekommen wissen wir selber aus dem Verlust unserer Schlammbude „Altes Millerntor“, wie hart das ist. Und das ist der beste Fall. Es kann auch ohne Weiteres sein, dass wir die weggentrifizieren. Das ist keine Haltung, in der wir uns wohlfühlen, und wir können das eigentlich nur dann annähernd kompensieren, wenn wir die betroffenen Vereine ab jetzt nicht mehr nur „informieren“, sondern einbeziehen und mit Kräften, mit öffentlicher Meinungsmacht und mit Geld unterstützen. 

5. Es gibt keinen Grund, sich zurückzulehnen

Wir erwähnten schon, wieviel Fläche die Rauten haben. Wir bekommen nun aber eine Basis, die den Fußballherrenprofibereich wettbewerbsfähig macht. Das ist natürlich gut. Wir haben außerdem diverse andere sportliche Abteilungen, die von allgemeinem Breitensport bis leistungsorientieren Sport alles anbieten oder anbieten wollen. Beinah keine dieser Abteilungen hat genügend Raum/Fläche.   

Nehmen wir als Beispiel nur die sonstigen fußballspielenden Menschen der Frauen- und Mädchen-Fußballabteilung und der Herren-Amateurabteilung, die sich auf den Feldstraßenplätzen drängen und die ebenso Platz brauchen, um sich zu entwickeln und um neue Mannschaften anbieten zu können. 

Wir haben keinen Inneneinblick in den Frauen- und Mädchen-Fußball im FCSP. Wir sind keine Expert*innen, aber wir sehen hier von außen ein erstes Team, welches in der Ligapyramide knapp unter dem nationalen Spitzenlevel agiert und welches in den letzten Jahren viele Mädchenteams gemeldet hat. Wenn sich diese Abteilung entscheidet, weiter in Richtung Leistungssport und in Richtung Jugendausbildung zu gehen, dann ist es eine absolut notwendige Pflicht des FCSP, hier auch Fläche und Möglichkeiten bereit zu stellen. Und ob man dies auf der „Kollaustraße neu“ realisieren kann, bleibt abzuwarten. 

Mal unsere Träume als Außenseiter*innen: Wie geil wäre ein umfassendes Nachwuchskonzept im Frauen- und Mädchenbereich? Wie geil wäre ein Team in der Bundesliga (Frauen)? Wenn wir sehen, wie viele Menschen in anderen Ländern Tickets für Frauenteams kaufen, dann sind wir überzeugt, dass das auch in Hamburg ein „Hot Ticket“ sein kann. Man stelle sich nur ein 4.000 Menschen Stadion vor, das pickepackevoll ist. Und hier gilt alles, was auch zum Fußball (Herren, Profis) gesagt wurde: Hamburg ist ein Markt und die Waldrauten haben diesen Markt freiwillig aufgegeben. Wir würden uns freuen, wenn wir ihn übernehmen können. 

Wenn man die Abteilung aber in dieses Abenteuer begleiten will, wenn man ein „NLZ Mädchen“ (bitte mit besserem Namen) als Idee und als Kern für das Abenteuer Bundesliga (Frauen) sieht, dann sind dafür Fläche und eine Investition des restlichen Vereines nötig. Wir sollten dies nicht aus dem Auge verlieren. 

Und am Ende spielen unsere Frauen vor 29.000 in der Champions League, während die Herren immer noch in der zweiten Liga rumkrebsen. Warum nicht? 

Und auch andere Abteilungen brauchen dringend Platz und auch hier ist es am FCSP, Geld und Arbeitszeit zu investieren. Geht das alles parallel? Keine Ahnung. Wir werden hier eine Zeitspanne von mindestens 10 Jahren brauchen, aber das Ziel, 2032 Eigentümer einer eigenen Halle, eines Bundesliga (Frauen) angemessenen Stadions und anderer Sportstätten zu sein, sollte formuliert werden. Ja, das ist ambitioniert, gerade in Pandemiezeiten, aber: Visionen, Leute!

6. Es ist noch nicht realisiert

Wir haben einen Letter of Intent. So etwas ist erstmal nur unverbindlich. Er bildet die Grundlage, um z.B. mit Finanzierungspartner*innen zu reden, aber damit ist noch nichts geplant und nichts gebaut. 
Wir dürfen hier nicht vergessen, dass dieses Projekt anders als das Millerntor nicht unumstritten sein wird. Auch die Kollaustraße hat Nachbar*innen, die berechtigte und unberechtigte Sorgen über Lärm, Verkehr oder andere Belastungen in der Planungsphase artikulieren werden. Wir verdrängen Sportvereine, die nicht glücklich sind und es ist ihr gutes Recht, ihre Bedenken und Sorgen zu formulieren, und es ist auch ihr gutes Recht, ggf. Gerichte zu bemühen. Das alles kann Planungen massiv torpedieren oder verschieben. Und wir wollen euch zum jetzigen (!) Zeitpunkt nicht mit einer Abhandlung des Seniors über das Nachbarschaftsrecht von Sportanlagen langweilen, aber das ist ein unfassbar steiniger Weg, auf dem viele Dinge zu einer Niederlage bei Gerichten führen können. Es ist bis heute ein riesiges Glück, dass wir solche Fragen beim Millerntor nie diskutieren mussten, weil sich in der Nachbarschaft kein Widerstand aufbaute. Guckt mal nach Paderborn und ihr werdet feststellen, wie schnell so etwas zu echten Nutzungskonflikten führen kann. 

Wir nutzen im Übrigen eine Überschwemmungsfläche der Kollau („ein 8 KM langer Bach in Hamburg“, wie Wikipedia es so schön formuliert), und auch hier können Bedenken kommen. Laut Wikipedia handelt es sich bei der Kollau zumindest in Teilen um ein schutzwürdiges Biotop, in das wir nun eingreifen. Und Feuchtwiesen sind wichtige gewachsene Biotope und „Ausgleichsflächen“ ein Versprechen, das ebenso schnell so inhaltslos wird wie Ersatzflächen für andere Vereine. Auch hier gibt es ein erhebliches Risiko, dass Klagen erfolgen und auch erfolgreich sein könnten (aber auch hierzu foltern wir euch jetzt (!) nicht mit juristischen Ausführungen).

Ansonsten gilt (insbesondere in Zeiten des Klimawandels): Wasser findet seinen Weg und unterscheidet nicht zwischen behördlich ausgewiesener Ausgleichsfläche und schön geglätteten Kunstrasen- oder Grandplätzen. Aber für so etwas gibt es ja Planungsfirmen, Bauherren*Baufrauen und Platzwärt*innen; die werden alles schon ordentlich sockeln und hochlegen, damit muss sich der MGFC-Blog nicht befassen 🤓

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