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St. Pauli ./. Engelbrecht – Runde Omikron

Torsten Engelbrecht, der als Autor eines Buches und als (inzwischen zumindest nach eigener Aussage teils ehemaliger) ehrenamtlicher Pressesprecher der Clubs Große Freiheit 36 und Docks in eine größere Öffentlichkeit getreten ist, hat uns mal wieder verklagt. Dieses Mal geht es vor allem um die Stellungnahme, die der Magische FC-Blog und der Fanladen zu Beginn der juristischen Auseinandersetzung mit Engelbrecht veröffentlicht haben. In den von Engelbrecht angegriffenen Punkten geht es unserer Ansicht nach um nachweislich wahre Tatsachenbehauptungen oder sogar schlicht um Werturteile oder politische Einschätzungen zur rechtsoffenen und sich radikalisierenden Corona-Leugner*innenszene, die von der Meinungsfreiheit gedeckt sind.

Beispielhaft greifen wir heraus, dass Engelbrecht nicht nur nicht als Corona-Leugner bezeichnet werden möchte, sondern uns diese Bezeichnung juristisch untersagen lassen möchte. Dabei steht sogar auf dem Cover seines Buches: “Corona/COVID-19, Masern, Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS, BSE, Hepatitis C, AIDS, Polio, Spanische Grippe. Wie die Medizinindustrie ständig Seuchen erfindet und damit Milliardenprofite macht“.

Was vor der Pandemie als abseitige Theorie jenseits hartgesotten verschwörungsideologischer Kreise keine große Aufmerksamkeit erlangte, wird während einer Pandemie, die in Deutschland mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet hat, zu einem Angriff auf Leben und Würde der Menschen, die die Erkrankung(en) und ihre Folgen ernst nehmen, daran leiden oder daran gestorben sind.

Don’t look up!

Zum Thema Corona-Pandemie gibt es eine Fülle an sachlichen Einordnungen und Diskussionsbeiträgen. Wir empfehlen auch weiterhin gern das NDR-Coronavirus Update mit Sandra Ciesek und Christian Drosten, neben vielen anderen gut aufbereiteteten Formaten. Mit Engelsgeduld und teils recht niedrigschwellig erklären viele Virolog*innen und Expert*innen, was sie mit ihren Instrumenten nachweisen können und wo ihre Aussagen mit Unsicherheiten behaftet sind. Wer diese Informationsfülle nicht zur Kenntnis nimmt oder wer Meinungsverschiedenheiten unter Wissenschaftler*innen oder das Benennen von Unsicherheiten stattdessen zum Beweis einer großen und allumfassenden Lüge heranzieht, wie es viele Corona-Leugner*innen tun, der oder die trägt seine Scheuklappen besser sitzend, als die meisten Leute ihre FFP2-Masken.

Im Gegensatz zu seriösen Wissenschaftler*innen weisen Verschwörungsideolog*innen übrigens fast nie auf eigene Unsicherheiten und Fehleinschätzungen hin.

Das Wesen von Verschwörungsideologien

Es geht bei Verschwörungsideologien nämlich auch nicht um einzelne Falschbehauptungen, sondern um ideologische Konstrukte, mittels derer sich die Anhänger*innen dieser Theorien oftmals die Welt erklären: In der Corona-Pandemie im Wesentlichen um die Durchsetzung einer sozialdarwinistischen Agenda, die sich hinter dauerndem Gerede über “starke Immunsysteme” versteckt.

Stetiger Begleiter von Verschwörungsideologien ist zudem eine „Personifizierung des real Abstrakten”, die diese anschlussfähig zu antisemitischen Denkmustern macht:

Das heißt, komplexe Vorgänge, auf die der oder die Einzelne nur wenig Einfluss hat oder sie nicht so richtig versteht, werden extrem vereinfacht und auf einzelne Personen oder Gruppen bezogen. Diesen Personen(gruppen) wird zugeschrieben, für irgendeinen großen und geheimen Plan Politiker*innen und Medien zu kontrollieren. Oft reichen hier Schlagwörter aus, die unter Anhänger*innen von Verschwörungsideologien verstanden werden. Solche Schlagwörter sind zum Beispiel “Neue Weltordnung”, “Bill Gates” oder Namen (real oder vermeintlich) jüdischer Personen. 

Es muss in der gesellschaftlichen Debatte möglich und erlaubt sein, dieses Wesen von verschwörungsideologischen Bewegungen zu benennen. Eine politische Einordnung solcher Bewegungen verletzt niemanden in ihren oder seinen Persönlichkeitsrechten.

Wer sich in der Öffentlichkeit dazu herablässt, einzelne Behauptungen aus diesen Konglomerat „auf Augenhöhe“ oder sachlich diskutieren zu wollen, betritt das Terrain der Schwurbler*innen schon fast zu weit und schafft die „false balance“, die diese mit allen Kräften herstellen wollen. Denn in dem aktuellen Dauerfeuer aus Falschbehauptungen der Corona-Leugner*innenszene, der Klimawandelleugner*innen, Q-Anon und wie sie alle heißen mögen, geht es unserer Einschätzung nach nicht wirklich um eine sachliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlich drängenden Themen: Es ist vielmehr eine Strategie, die an der Sache orientierte Auseinandersetzung unmöglich zu machen. Eine Strategie, die führende neurechte Vordenker sehr offen benennen und die wir alle ernst nehmen sollten. (1)

Keinen Fußbreit dem gefährlichem Blödsinn!

Weg von der allgemeinen Einordnung des Phänomens Verschwörungsideologien und zurück zum ganz konkreten Anlass des anstehenden Prozesses: Wer öffentlich völlig absurde Aussagen tätigt, muss damit leben, dass andere sie auch öffentlich bewerten und kritisieren. Oder mit den Worten des Bundesverfassungsgerichtes: 

„Wer im öffentlichen Meinungskampf zu einem abwertenden Urteil Anlass gegeben hat“, muss „eine scharfe Reaktion auch dann hinnehmen, wenn sie das persönliche Ansehen mindert.“

Wir sehen – nicht zuletzt dank Eurer großartigen Unterstützung im Frühjahr –  dem Prozess am 21.01. um 10:00 im Landgericht Hamburg daher gelassen entgegen. Und wir freuen uns, wenn wir trotz geisterspieltagsähnlichen Zuständen möglichst viele von Euch am 15.01. um 12:30 am Bahnhof Dammtor sehen, um gegen die verschwörungsideologischen Demos in Hamburg zu protestieren.

In the streets, if not on the terraces!


(1) Im privaten Rahmen und mit Menschen, die kein verfestigtes Verschwörungsweltbild haben, kann man trotzdem eine Diskussion versuchen. Tipps dafür hat die Amadeu Antonio-Stiftung.


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