Jan 222022
 

Wie geil war eigentlich Dienstag? Also so vom Einsatz der Mannschaft her? Immer noch mal nachgehen, bissiger sein als der Gegner, jeden Ball gewinnen wollen und wenn doch mal einer durchkommt, dann ist da halt ein anderer Fuß im Weg.

Und jetzt stehen wir in dieser Schüssel am Arsch der Heide, in der einfach nur alles nervt und anstrengend ist, und sehen eine Mannschaft, die das in weiten Teilen vergessen hat. 

Seit nun vier Ligaspielen gefühlt der gleiche Scheiß. Der Gegner spielt körperlich mit vielen Nicklichkeiten und wir haben kein Mittel dagegen. Es nimmt uns komplett aus dem Spiel. „Wie kann das sein? Was haben die im Trainingslager gemacht?“ will man ausrufen! Klar, Fußball ist komplizierter und sich von seinem Stiefel umzustellen immer schwierig. Aber das ist nun der große Qualitätstest. Für Mannschaft, für Trainer, für Umfeld. Bekommen wir das Ruder rumgerissen? Lasst uns das so klar sagen: Die Aufstiegschancen für den FC St. Pauli von 1910 e.V. waren lange nicht mehr so groß. Und sie werden auch in den kommenden Jahren nicht größer werden.

Wir können das

Wir glauben an das Trainerteam und seine Fähigkeit, sich und die Abläufe anzupassen, aber ein „weiter so“ erscheint uns nicht sinnvoll. Stanislawski hatte auch solche Phasen und hat es mit „Training umstrukturieren“ oder dem berühmten „ins Kino gehen“ häufig genug geschafft, solche Spiralen zu durchbrechen. Wir glauben daran, dass auch dieses Trainerteam so einen Moment haben kann. Er ist jetzt aber auch nötig. Und möchten fast ausrufen: „Wenn es denn hilft, dann geht doch endlich grillen!“

Inklusive des Darmstadt-Spiels sind es nun 12:15 Tore und 11 Punkte aus den letzten acht Spielen. Das wären auf eine 34er Saison 46 Punkte. Das ist zu wenig. Und wir nehmen da nicht mal die letzten 4 Spiele als Muster. Das wären 17 Punkte auf 34 Spiele. Aber das wäre nun extremes Small Sample. Wir leben gerade vom angesammelten Fett des ersten Saisondrittels und das ist nun beinah weg. Reißen wir das Ruder rum!

Denn wir haben wirklich keinen Bock mehr auf eine Saisonhälfte gut und die andere scheiße, um dann wieder im Mittelfeld der Liga rumzudümpeln. Wir haben keinen Bock mehr auf scheiß Spiele in Sandhausen und Aue. Und wenn es wirklich so kommt, muss du dich als Verein fragen, wie es sein kann, dass es jede Saison seit Jahren so läuft. Und wieso all das Umbauen der letzten Jahre, das „Luhukay war nötig“, wenn es dann plötzlich wieder so läuft, sich der gleiche Schlendrian einschleift?

Derby, verdammt!

Ja, Dienstag war anstrengend. Dienstag war emotional. Dienstag war für uns alle ein Highlightspiel. Aber das sind Derbys nun mal auch. Wir haben Derbys gewonnen, weil wir griffiger waren, weil wir es mehr wollten. Und gestern? Gestern haben wir diesen letzten Willen nicht gesehen. Warum können wir einen Jatta oder einen Kittel nicht mit der selben Energie verteidigen wie einen Haaland oder Bellingham? Klar, Kittel ist kein Highlight. Aber für uns Fans sind es diese Spiele eben schon. Das ist das, was alle Spitzenmannschaften und Spieler auszeichnet. Der ungebrochene Wille, gegen jeden Gegner immer gewinnen zu wollen und dies auch auf den Platz zu bringen.Nein, da entschuldigt auch nicht das Anlaufen in den letzten 10 Minuten. Was man in der Analyse nie vergessen darf: Auch die Rauten hatten Dienstag ein Highlighspiel. Und das über 120 Minuten. Und sind wieder heiß wie Frittenfett. Wir sind leider nur bei 90 Grad. Im Derby. Das ärgert. 

Da haben wir endlich mal ein Team mit Typen, bei denen wir das Gefühl haben, die wissen, was dieser Verein ist, worum es geht. Die verstanden haben, dass es um mehr als Fußball (Grüße an LAK) geht. Von denen wir erwarten, dass sie mit Energie und unbändigem Willen in dieses scheiß Spiel gehen und diesem scheiß Gegner in seiner scheiß Schüssel zeigen, wo es lang geht. Nochmal alles raushauen. Und dann stehen wir in dieser Scheiß Schüssel und müssen uns so ein scheiß Gebolze ansehen. 

So ein Druckabfall darf dir nicht passieren. Hilft da eine andere Ansprache des Trainers? Sportpsycholog*in? Die frustrierten Instagram-Einträge sprechen Bände – vielleicht ist es auch ein Verkrampfen? Ein Zuviel wollen? Ein Verlust der Lockerheit, der in einem Pokalspiel der Marke „nix zu verlieren“ einfach da ist?  Wir sehen nur das Endprodukt, wir können nicht in die Köpfe gucken und sehen nicht das Training. 

Wehe, es schreibt jetzt jemand, dass aufsteigen doch sowieso doof ist und die zweite Liga viel besser. Das kann einfach nicht unser Anspruch sein. Leute! Und stellt euch mal vor, dass dann auch noch Darmstadt mit Lieberknecht-Fußball aufsteigt. Das kann es nicht sein! 

Ja, auch Analysen der sachlichen Art, dass das Abkippen von Amenyido in der 34. Minuten im drittletzten Quadranten des Raums parallel zur Grundlinie irgendeine scheiß fußballerische Revolution ist, sind frustrierend. Wir sind Fans. Und ein Derby zu verlieren ist scheiße. Das rettet die fußballerische Revolution nicht. Und auch nicht das „gut gemacht“. Fußball ist und bleibt ein Ergebnissport, und das gilt umso mehr im Derby. Der Gewinner sagt da nie was von „eigentlich gut gespielt“. Der Gewinner gewinnt einfach. Ja, wir sind Fans und keine Co-Trainer. Wir können und wollen uns nicht so emotional von diesem Verein verabschieden, dass wir eine sachliche Analyse direkt im Anschluss nach einem Derby versuchen. Dafür gibt es den Kicker und der FCSP bezahlt dafür Menschen. 
Es geht beim Fußball und insbesondere beim Derby nicht um Leben und Tod und auch nicht um das Bespielen des 5. Quadranten. Nein, es geht um viel mehr. Wer den ersten Kommentar schreibt, dass es doch keine fünf Quadranten geben kann, der bekommt die CD „Alle Volksparkstadion Hits seit 1990“ umsonst. 

In Hamburg steht (leider immer noch) ne Schüssel

Wie viele beschissene Vereinslieder kann man eigentlich haben und warum muss man die alle spielen? Von „die Veddel ist mein Klo“ bis „wir waren der deutsche Dino“ ist da jede Schwachsinnigkeit vertreten. Und musikalisch laufen einem ein Schauer nach dem anderen über den Rücken. Ey, da könnten wir bis heute den „St. Pauli Rap“ als Vereinshymne spielen, es wäre 1.000 mal gehaltvoller. Wer diesen Klassiker nicht kennt, der höre hier entlang. 

Ach, Pandemie ist ja auch noch! 200 FCSP-Menschen sind im Stadion. Viele, mit denen man seit Jahren überall ist. Wir reisen in einer riesigen Gruppe gemeinsam von der Sternschanze an. In der Bahn gut mit Abstand und auf den Zug verteilt. Warum werden diese ca. 100 Leute dann in einen Bus gestopft, anstatt in die zwei bereit stehenden? Und draußen soll man dann wieder Abstand halten. Genauso unverständlich wie der Typ mit Rautenschal, der sich in diesen Bus setzt. 

Derby verlieren ist und bleibt scheiße. Und wir haben Laune. Keine gute. Es wird viele guter Spiele bedürfen, das zu vergessen. Oder einen Aufstieg. Aufstiege sind gut und lassen vergessen. Steigen wir also auf. Wir wollen das. Und alle vom Fan bis zu jedem Spieler sollten das wollen. Koste es, was es wolle. Und wenn es der Derbyfluch (Gewinner verkackt nach Derby sein sportliches Ziel) ist, dann sei es so. 

PS: Jakov wir sind Fans.

PPS: Der FC St. Pauli ist die einzige Möglichkeit. Unser Tag wird kommen.

Jan 202022
 

Am virtuellen Frühstückstisch heute Morgen erwähnte die Editorin dieses Blogs, wie froh sie sei, dass nun jüngere Menschen auch ihre Pokalerlebnisse hätten. Wir Alten würden immer von 05/06 erzählen, von dem Lechner-Tor in der Verlängerung, wo er von Krämpfen geschüttelt keinen Schritt mehr hätte gehen können und das Ding einfach versenkte. All das haben die alten Säcke wahrscheinlich schon 1910 mal erzählt, und die jüngeren Menschen in ihrem Umfeld verdrehen nur immer mehr die Augen und warten darauf, dass auch die Nonnenstory bald wieder verbreitet wird… 

Florian Lechner hat 2015 2005drei Tage vor Weihnachten Grund zum Jubeln (c) afroh

Jetzt habt ihr eure eigene Pokalgeschichte, ihr jungen Menschen! Die über Jahre genauso ausgeschmückt werden wird wie die Pokalgeschichten der Älteren es wurden. Haaland wird wahrscheinlich jedes Jahr noch größer und breiter, Dortmund noch übermächtiger und das Spiel noch dramatischer. 

Leider wird jedoch auch der Satz „weißt du, es war Pandemie“ in den Geschichten vorkommen, und so waren gestern nur 2.000 Menschen im Stadion. Das ist traurig. Die aufgeregte Geschäftssamkeit vor dem Jolly, vor dem Stadion – all dies fehlte. Dieses „gemeinsam schaffen wir es!“ mit weit über 25.000 anderen braun-weißen, es fehlte. Das Viertel war leer, die Schlange bei der Kleinen Pause kurz. Das abergläubische Essen ging gut runter und unsere Stadionbezugsgruppe wuchs schnell auf ihre Stärke von 5 an. Ihr ganz vielen lieben Menschen, die heute nicht bei uns sein können oder mögen: Ihr fehlt. 
(Aber ein kleiner Einschub sei noch erlaubt: „Es war Pandemie“. Sie wird vorbeigehen und dann stehen wir mit euch allen wieder im Millerntor und schreien uns die Seelen aus dem Leib.)

Unter den 2.000

Die Mannschaft wird am Stadion mit Feuerwerk begrüßt. Immer wieder erstaunlich, wie groß die Vorräte noch sind. Auch nach dem Spiel. Freund*innen von Vogelschreck oder anderem sehr laut knallenden Feuerwerk werden wir nicht mehr. 

Einlass schnell überwunden, Nervosität doch groß. Wir sitzen verteilt über alle Blöcke. Kurz noch mit Abstand zusammensitzen, dann auf unsere Plätze gehen.

Daggi erwähnt die Umstände und sagt „machen wir das Beste draus“, und die 2.000 Menschen im Stadion machen definitiv das Beste draus. Die Stimmung ist gut, es gibt Konfetti zum Einlauf. Wir wussten nicht, dass zum Beseitigen desselbigen unsere Ordner*innen gleich Rechen am Start haben. 

Haupttribüne als neue Perspektive wird jetzt auch noch immer gewohnter. Was da nicht so gut ist: Man sieht viel zu gut die Anzeigentafel. Und die darauf abgebildete Spielzeit. Und wenn gefühlt weitere 5 Minuten gespielt sind, guckt man dort hoch und diese verdammte Uhr ist gerade mal 8 Sekunden weiter. 

BVB geplättet

Frühe Tore tun uns gut. Wir haben das nun nicht statistisch erforscht, aber gefühlt gewinnen wir beinah jedes Spiel, in dem wir in den ersten 15 Minuten treffen, und gefühlt verkacken wir, wenn wir nicht treffen. 

Jubel, Trubel, Heiterkeit (c) afroh

Aue war auf unsere Spielweise vorbereitet, Dortmund ist es gefühlt nicht. „Wir wollen unser Spiel durchdrücken“ ist natürlich ein sinnvolles Ziel und wenn man ehrlich ist, hat jede Mannschaft ihren einen Modus, in dem sie perfekt funktioniert. Außer man wird von Nagelsmann trainiert. Der kann mit seinen Truppen komplett unterschiedliche Systeme perfektionieren und zwischen ihnen wechseln. Dortmund kann sein System und sein Spiel nicht mal eben so auf unser Pressing und später auf unsere Ketten einstellen. Auch wenn letzteres eben auch mal verdammt schwer ist – Gruß nach Aue. 

Etienne wirkt immer so, als ob er den Ball verstolpert, aber wir sagen mal, dass das Absicht ist und so alle außer ihm überrascht sind und der Ball deswegen rein geht. Sowieso macht das ja einen Stürmer aus – schneller zu reagieren als alle anderen. 

Das 2-0 fällt im besten Moment. Gerade als Dortmund anfängt, die Säge an unserem System zu legen, sich also drauf einzustellen, kommt der reinrutschende Eigentorschütze ganz recht. Hier eine fiktive Frage: Dahinter Etienne, Abseits oder nicht? Wäre eine nervige VAR-Überprüfung geworden. Aber so vollkommen egal. 

Die zweite Hälfte ist dann einigeln und einzelne Stachel setzen. Burgi und Etienne und später dann Dittgen bilden die Stachel, dahinter formiert sich ein Bollwerk der Extraklasse. Spannend zu sehen, wie klar Burgi ansagt, wann sie ins Pressing gehen und wann sie einfach in der eigenen Hälfte bleiben. Das wirkt super einstudiert. 

Ein unglücklicher Handelfmeter ist alles. was Dortmund an Zählbaren bekommt, und wirklich viele Chancen hatten sie danach auch nicht mehr. Die Pressingphase zwischen 55. und 75. überstehen wir dann auch gut, und jedes Mal ist irgendein FCSP-Körperteil im Weg. Wie großartig die sich jeweils für alle anderen reingeschmissen haben! Wir sind sehr verliebt. Falls dann doch mal was in Richtung Tor kommt, dann ist Smarsch da. Ey, was für ein Luxus, einen wirklich guten 2. Keeper zu haben. 

St. Pauli leuchtet

Abpfiff, Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die Jungs erzählen sich gegenseitig auf dem Platz nochmal ihre besten Szenen. Wie so 12jährige nach dem Pausenkick. „Würde es gehen, würde ich dich umarmen“ gilt heute auch für jeden da auf dem Platz. Die sind einfach zum Verlieben. 

Ganz starkes Spiel von Dennis (c) afroh

Haaland verlässt ziemlich genervt schnell den Platz und bekommt von der Tribüne noch einige gute Wünsche für seine Zeit in Madrid mit auf dem Weg. Tja, du wirst wahrscheinlich in deiner Karriere 10 Mal die Champions League gewinnen und noch viele Millionen verdienen, aber am Millerntor gewinnen, das bleibt dir (erstmal?) verwehrt. 

Nach dem Spiel überall noch kleine Gruppen und freudige Erörterung des Spieles. Wir laufen nach Hause und hören überall im Viertel Gesprächsfetzen „Erinnerst du noch, als…“ und „Wie geil war eigentlich…“ und „Als er ihm den Ball weggelupft hat“. Das Viertel leuchtet heute nicht nur dank der Kellervorräte heller als sonst.

Was wäre hier ohne Pandemie los gewesen? 

Und machen die Vorstadt platt…

Viertelfinale. Was immer auch eine Million mehr auf dem Konto bedeutet und einfach unsere pandemischen Geldsorgen etwas mindert. Wir hoffen auf ein Heimspiel, ein volles Millerntor und wen auch immer als Gegner. Wir können alle schlagen. #Weiter immer weiter. Wir wollen den Pokal gewinnen. Wir wollen aufsteigen. Wir wollen beides jetzt. Um den Älteren zu zeigen, dass beides auch in einem Jahr geht. Anders als 2005 bis 2007.  Die Gegenwart ist halt besser als die Vergangenheit. 

Tiocfaidh ár lá

PS: JAKOV? WIR SIND FANS
PPS: Stadtmeisterschaft verteidigen!

Erling gezeigt, wer hier der Chef ist. (afroh)
Jan 182022
 

Letztens wurde von Kommentatoren (bewusst nicht gegendert) mehr sachliche sportliche Analyse in diesem Blog gefordert. Und da dies schon immer die Kernkompetenz dieses Blog ist, hier also der MoPo Style Spieler vs. Spieler Vergleich zwischen unserem glorreichen FC St. Pauli von 1910 e.V.  und dem Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund: 

(Grundlage sind die Aufstellungen vom Wochenende (!), wie der Kicker sie abbildet. Ob so wirklich gespielt wurde/ wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Das kann der Kicker spekulieren.) 

Tor

Nikola Vasilj vs Gregor Kobel

Wir möchten hier den Chef Editor zitieren: „Der Name Vasilj kommt von griechisch Basileus, was soviel wie Kaiser heißt.“ Kobel heißt laut Wikipedia alternativ „kugelförmiges Nest“ von Eichhörnchen; mittelalterlicher Reisewagen oder Bretterverschlag (süddeutsch). Ja, das ist ja nett, aber an Kaiser kommt das nicht ran. 

1-0 FCSP

PS: Wir wissen, dass heute Smarsch spielt. Aber wir lassen uns Gags doch seit 1910 nicht von der Wahrheit kaputt machen.

Defensive

Sebastian Ohlsson vs. Thomas Meunier

Thomas Meunier kommt aus Sainte-Ode, das klingt fasst wie Sankt Pauli, ist also heimlich einer von uns. 

2-0 FCSP 

Philipp Ziereis vs. Emre Can

Philipp Ziereis hat 14 Buchstaben Emre Can 7. Philipp Ziereis hat ein Kind, Emre Can unserer Kenntnis nach keins. Philipp wird morgen Abend also zur Höchstleistung auflaufen, wenn er gerade im „Kind versorgen“-Flow angekommen ist.

3-0 FCSP 

Jakov Medic vs. Mats Hummels 

Von Mats ist Cathy Fan, von Jakov wir. 

4-0 FCSP 

Leart Paqarada vs. Raphael Guerreiro 

Raphael spielt mit der 13. Das bringt ihm am Dienstag Unglück. 

5-0 FCSP

Mittelfeld

Eric Smith vs. Mahmoud Dahoud 

Erstmals knappe Kiste, aber Smith wird noch häufiger falsch von Stadionsprecher*innen aus-gesprochen, als Dahoud, wie wir nach der Analyse von 1910 Minuten Mannschaftsaufstellungsdurchsagen feststellen konnten. 

6-0 FCSP 

Jackson Irvine vs. Julian Brandt

Jackson wohnt in der Schanze, Julian würde da gerne wohnen. (Jackson sucht nebenbei eine neue Wohnung, falls ihr was wisst, dann können wir garantiert den Kontakt herstellen.) Jackson weiß, wie man sich die Haare langwachsen lässt, Julian eher nicht so. Jacksons Eltern wissen, wo es gutes Bier gibt. Bei Julians sind wir uns da außerdem nicht so sicher.

7-0 FCSP 

Marcel Hartel vs. Jude Bellingham 

Hochtalentierte Engländer scheitern bei wichtigen Spielen spätestens im Elfmeterschießen. (#nobordersnonations)

8-0 FCSP 

Christopher Buchtmann vs. Marco Reus 

Buchtmann ist jünger. Und bei der Wahl zwischen Ex-Gladbacher und Ex-Kölner (zugegeben Wahl zwischen Pest und Cholera), dann doch lieber Köln. 

9-0 FCSP 

Sturm 

Maximilian Dittgen vs. Donyell Malen

Donyell Malen mussten wir googeln. Max, nicht.

10-0 FCSP 

Guido Burgstaller vs. Erling Haaland

Erling? Muss gegen Jakov spielen! Guido? Darf mit Jakov spielen. 

11-0 FCSP 

Trainer

Timo Schultz vs. Marco Rose 

Geburtsort Leipzig vs. Geburtsort Wittmund. Sterni vs. Jever? Knappe Kiste, aber in Wittmund sagen die Loide Loide und in Leipzig „Attention“, wenn sie einen Weihnachtsbaum haben wollen. Timo Schultz hat außerdem schon Pokalspiele (oder eher noch Bokalspiele) im Januar am Millerntor gewonnen. Marco nicht.

12-0 FCSP 

Sonstige Umstände

Dortmund? Gibt an jeder Ecke Taxiteller. Hamburg währenddessen: Taxiteller? Was ist das? 

12-1 FCSP 

Form

Dortmund hat sein Pulver Freitag gegen Freiburg verschossen, wir haben gegen Aue unsere wahre Stärke gegenüber den Späher*innen verborgen. Der FCSP hat noch eine reelle Chance auf eine Meisterschaft diese Saison, beim BVB scheint das recht aussichtslos.

13- 1 FCSP 

Name der Vereine

Heiligkeit vs. Preußen Verglorifizierung? 

14-1 FCSP  

Fazit?

Wird also eine klare Kiste. 

Wir tippen 5-1 für den FCSP. (Wir wollten hier beinahe „nach Elfmeterschießen“ schreiben. Aber das wäre dann ja vermessen.)

Jan 162022
 

oder

USP ist Teil des Problems, USP ist Teil der Lösung 

oder

Wir können alles diskutieren, aber bitte ohne zu reden

Inhaltswarnung/ Content Warning:
In diesem Text geht es um Sexismus, sexualisierte Übergriffigkeit und sexualisierte Gewalt. Hinweise auf helfende Strukturen beim FCSP findet ihr am Ende des Textes.

Vorab das Wichtigste

Volle Solidarität mit allen Betroffenen von Sexismus, sexualisierter Übergriffigkeit und sexualisierter Gewalt.

Vorwort

Wer den Kontext des jetzt folgenden Textes nicht kennt:
Hier findet ihr das Statement der Betroffenen, hier  die Erklärung von USP. Hier unseren ersten Text zum Thema.

Dieser Text ist ein Produkt mehrerer Menschen, die sich um dieses Blog gruppieren und die seit Tagen miteinander Meinungen und Ideen austauschen. Bis jetzt sind wir uns nicht sicher, ob das, was wir denken und schreiben, wirklich sinnvoll ist. Und im Notfall haben wir fünf Minuten nach der Veröffentlichung noch eine ganz andere Idee oder Meinung und fangen ganz von vorn zu diskutieren an. Wir denken aber auch, dass genau das wichtig ist. Wir (und das meint hier jeden FCSP-Fan) müssen im Austausch bleiben und uns verbessern wollen. 

Wobei im Austausch bleiben nicht heißt, dass es keine (sichtbaren oder unsichtbaren) roten Linien gibt. Dass wir das selbstverständlich nicht meinen, könnt ihr euch denken.

Natürlich fragen wir uns, ob wir überhaupt jemanden erreichen, der*die nicht sowieso schon eine ähnliche Meinung teilt. Ja, auch nichts zu schreiben war eine Möglichkeit, die wir diskutiert haben. Auch und gerade weil die Gefahr besteht, dass jedes kritische Wort als „die meckern doch sowieso immer nur“ oder „Nestbeschmutzer*innen“ verstanden wird. Wir möchten es trotzdem versuchen. Auch – aber nicht nur – weil es echt komisch wäre, wenn wir als meinungsstarke Menschen hier schweigen würden. „Man kann nicht nicht kommunzieren“, stand hier mal letztens. Das wollen wir beherzigen. 

Worum es uns ausdrücklich nicht geht, ist so zu tun, als ob nun USP das große Problem sei und alle anderen kein Problem hätten. Das wäre heuchlerisch. Und vor allem auch einfach falsch. Wir kennen genug Menschen bei USP und es hat zwischen uns bereits viel Austausch und auch hitzige Diskussionen mit Einzelpersonen gegeben. Im Endeffekt darf es zu keinem Zeitpunkt darum gehen, nun USP an den Pranger zu stellen und die eigenen Versäumnisse in diesem Bereich damit schön aus dem Licht heraus zu halten. 

Zu der Wahrheit dieses Textes gehört auch, dass bei USP sowohl Täter als auch Betroffene sind. Dafür passieren auch abseits der nun konkreten Fälle viel zu viele beschissene Dinge beim FCSP.

Die Bloggerkarriere eines der Menschen, die hieran mitarbeiten, „begann“ übrigens unter anderem mit einem Text, der sexuell übergriffiges Verhalten im Stadionkontext angesprochen hat, und das außerhalb jeglicher (Südkurven-)Strukturen.

„Jede Frau kennt Opfer, aber kein Mann kennt Täter“

stimmt auch beim FCSP, und keine Gruppe und kein Mann sollten sich jetzt zurücklehnen und meinen, dass er oder seine Gruppe ja fein raus wären. 

Und nur der Vollständigkeit halber: Frauen kennen auch Täter und haben Schwierigkeiten mit dem Umgang. Auch Frauen können Täterinnen sein, und auch Männer Betroffene. Auch wenn das alles viel seltener vorkommt. 
Es geschieht jedoch viel zu häufig und es wird viel zu viel gedeckt. 

Nein, wir sind nicht die sündenfreien Oberlehrer*innen, die sich für perfekt halten. Das genaue Gegenteil ist der Fall. 
Uns schrieb eine weibliche Person, die schon vor 20 Jahren in dieser Fanszene aktiv war, nach diesem konkreten Anlass von ihren Erfahrungen mit Sexismus und kommentierte sie mit  „es hat sich nichts geändert“. 

Das ist traurig. Das kann nicht unser Anspruch sein. Unser Anspruch als FCSP muss es sein, jeden Tag besser zu werden. 

Wir schrieben letztens, dass man sich als Verein, wenn man sich die Werte des FCSP auf die Fahne schreibt, genau an diesen Werten als Maßstab messen lassen muss. Dies gilt nicht nur für den Verein und seine Verantwortlichen, sondern auch für seine Fans. Wir tragen diese Werte viel zu häufig wie Schutzschilder vor uns her. 

„Schau, auf meinem Shirt steht Antisexism. Deswegen kann ich nicht sexistisch sein.“ Aber gerade weil wir uns diese Werte auf die Fahne schreiben, müssen wir uns permanent kritisch hinterfragen. In der Vergangenheit wurde sich zu oft hinter diesem Schutzschild versteckt und damit jegliche Kritik abgeschmettert. 

Dabei ist der Kampf gegen patriarchale Gewalt, gegen Antisemitismus, gegen Rassimus ein immer fortwährender und nie abgeschlossen. Deswegen müssen wir immer weiter miteinander reden, voneinander lernen. Und an uns selbst, an unseren Gruppen und an unseren Strukturen weiterhin arbeiten wollen. Fehler erkennen, Fehler eingestehen. Und morgen anders angehen.

Wir sind hier kein Gericht, das eine nachträgliche Verurteilung Einzelner herstellen kann. Geschweige denn will. Was wir wollen ist, dass es besser wird. Dass wir uns jeden Tag dem schmerzhaften Prozess der Hinterfragung stellen und aus unseren eigenen Fehlern lernen. Individuell und noch viel wichtiger als Struktur „Fanszene FCSP“. Wenn wir also im Folgenden von Struktur sprechen, dann meinen wir die wie auch immer zu definierende Fanszene des FCSP. 
Wir Schreibenden verstehen uns als Teil dieser Struktur beim FCSP und wir verstehen auch USP als Teil dieser Struktur beim FCSP. Und das soll und muss auch so bleiben, denn wir wollen, dass sich diese Struktur als Ganzes verbessert. Wir wollen nicht einen Sündenbock und eine Schlussstrichpolitik. Wir sind davon überzeugt, dass dies nur mit USP geht und nicht ohne. Wir sind davon überzeugt, dass eine vernünftige Aufarbeitung unsere Struktur und auch USP stärken kann und für alle ein Gewinn ist. USP ist für uns Teil (!) unseres Problemes und auch Teil (!) unserer Lösung. 

Zu dieser Wahrheit gehört auch, dass wir im Oktober folgendes twitterten

Und das heute „trotz“ der aktuellen Thematiken immer noch genauso unterschreiben würden. Ja, bei USP gibt es viele Probleme, die wir nicht kleinreden wollen. Wir und viele andere erleben eine organisiert auftretende Ultràgruppe in Auswärtsblöcken, aber auch als Regulativ, das bei grenzüberschreitendem Verhalten häufig genug eingeschritten ist. Und dessen Abwesenheit wir in den letzten Wochen und Monaten mehrfach schmerzlich gespürt haben.

Dies sei alles vorausgesagt, wenn wir nun schlussfolgern müssen, dass es mit dem aktuellen Statement von USP leider einfach nicht getan ist und es da doch noch sehr viele Ansätze gibt, wie man das besser machen kann.

Störgefühle

Wir hatten erst überlegt, eine vollständige Textanalyse des USP-Statements zu machen, aber dann entschlossen, dass dies wahrscheinlich auch niemandem hilft. Daher wollen wir ein paar zentrale Punkte aufgreifen und ein paar uns störende Passagen kommentieren. Wir wollen dabei die Augen nach vorne richten und mögliche bessere Lösungen aufzeigen, weil es ja nach vorne gehen muss. Es geht nicht darum, eine „Schuld“ oder „Absicht des Vertuschens“ zu dokumentieren, es geht um einen Lernprozess. 

Analyse nötig / Öffentlichkeit notwendig

Im Endeffekt bedarf unsere ganze Struktur einer externen Analyse. „So ist der „Ist“-Zustand, das läuft falsch, das muss geändert werden, bei diesen Menschen und Gruppen gibt es Chancen auf Lernzuwachs, bei diesen aber nicht und deswegen müssen wir uns trennen.“ So in etwa.

Hey, wir motzen hier doch nicht ständig darüber, wie bescheuert eine „DFB Ethik Kommission“ ist, weil sich hier die falschen Strukturen selber untersuchen, um dann in unserem eigenen Haus genau das Gleiche zu machen. Es ist wie beim DFB, dort greifen die Strukturen zur Sicherstellung von ethischem Verhalten nicht, bei uns greifen die Strukturen gegen Sexismus einfach nicht. Wir trauen zu Recht dem internen DFB Mechanismus nicht, wir sollten auch unserem internen Mechanismus nicht trauen.

Oder um es mal hart zu formulieren: Es ist verdammt schwierig, Strukturen intern und von innen heraus zu ändern, die das Verhalten des Stadionkumpels zum Thema haben. Und sorry, liebe Männer, das gilt insbesondere dann, wenn Männer gegen Männer arbeiten sollen.

Nein, wir als Schreibende können keine Anwaltskanzlei (Achtung, es gibt sehr viel bessere Institutionen als Anwält*innen, die man mit so etwas beauftragen kann, dies ist aber die übliche Handhabe von DFB und Co. in solchen Fällen) beauftragen, das extern zu untersuchen. Daher schlagen wir als Schreibende unserer Struktur eine andere Möglichkeit der externen Kontrolle vor. Und das ist die Vereinsöffentlichkeit.

Ja, der Boulevard wird Müll schreiben, Dresden eine wirre Tapete machen, aber sich damit über ein müdes Lächeln hinausgehend zu beschäftigen wäre Ablenkung von der Sache und unangebracht. Wir werden uns wieder mit MoPo und Dresden beschäftigen, ausführlich, aber nicht jetzt. Ach ja, wenn ihr hier mitlest: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der*die werfe den ersten Stein!“ gilt insbesondere für euch. 

Wir schrieben Folgendes im ersten Text: 
„Wir als Fans müssen auch eher die betroffenen Personen als unser eigenes Außenbild im Blick haben. „Intern aufarbeiten“ hat engste inhaltliche und zeitliche Grenzen. Sonst wird es Vertuschung. Wenn so etwas passiert, muss es konsequent, schnell und mit Ergebnissen, die für die Betroffenen sichtbar sind (!) passieren.“

Das ist genau das Gegenteil von „wir werden uns öffentlich nicht mehr äußern“ (Zitat USP-Statement). Wir müssen uns öffentlich äußern. Es muss Veränderung sichtbar sein. Wenn Menschen involviert sind, die nicht Teil der Struktur oder einer Gruppe sind, dann muss es eine öffentliche Aufarbeitung geben. Nur so lässt sich das Vertrauen des betroffenen Personenkreises wieder herstellen. Oder bildlicher formuliert:  Wie sonst soll eine weibliche gelesene Person mit Vertrauen auf einen Safe Space in einen Südkurvenbus steigen? Wie sonst soll eine weiblich gelesene Person mit Vertrauen ins Jolly gehen? 

Aus unserer Sicht haben die hier betroffenen Frauen bewusst den Weg in die Vereinsöffentlichkeit gewählt, und sie sind diejenigen, die das entscheiden. Diesen Weg zu wählen ist unglaublich mutig angesichts des erwartbaren Backlashes. Wir halten es aber für notwendig. Bei den Jurist*innen gibt es so schön den Begriff „Herren des Verfahrens“, und hier sind einfach mal nicht die Herren die Verfahrenswählenden. Und das ist gut so. Und „Herren“ meint hier einfach mal unsere ganze Struktur, die schlichtweg männlich dominiert ist. 

Hier als betroffene Gruppe den Zeitpunkt eines Wechsels von der Öffentlichkeit in die Privatheit bestimmen zu wollen, kommt sehr arrogant und vom Tisch wischend rüber. Das ist dann ganz schnell als Täterschutz zu verstehen. 

Nein, es geht nicht „sachlich“

Denn wo, wenn nicht in diesen Strukturen, kann eine sachliche Auseinandersetzung stattfinden

Unser Ziel für die Zukunft ist es, diese Strukturen weiter zu stärken, zu unterstützen und auch kritisch zu hinterfragen, insbesondere in Bezug auf strukturellen Sexismus.“ (Zitate USP-Statement)

Wir finden, dass der Hinweis auf eine „sachliche Auseinandersetzung“ fehl geht. Dies ist ein emotionales Thema, und wenn man hier eine „Sachlichkeit“ fordert, dann ist das sehr schnell ein „sei doch nicht so hysterisch“ mit all seinen Problematiken. 

Screenshot aus dem Buch „Wut und böse“ von Ciani-Sophia Holder, Seite 35.

Patriachale Strukturen machen sauer, wütend und müde. Und wir müssen uns einfach eingestehen, dass diese Strukturen nicht „zu stärken“, sondern schlichtweg neu zu erfinden sind, weil unsere Strukturen patriarchal sind. Wir alle haben als FCSP-Fans eine antisexistische eigene Identität/Wahrnehmung. Jeder Mensch braucht eine solche Identität, um daraus – bestenfalls stark – handeln zu können. Und wenn diese Identität hinterfragt wird (werden muss), dann tut das weh und es verunsichert. Dann reagiert die Emotion (denn auch eine sofortige Verteidigungshaltung ist eine Emotion, nichts Sachliches).

Wir begrüßen, dass da „hinterfragen“ steht. Aber zu einem ernsthaften Hinterfragen gehört eben auch, dass das Ergebnis aus der Struktur heraus nach außen getragen wird. 

Ein harter Griff ins Klo

Sicherlich werden nun abermalige Angriffe und Anschuldigungen folgen, denn es wird mal wieder nicht reichen.“ (Zitat USP-Statement)

Der ist aus unserer Sicht ganz schlimm, dieser Satz. Damit wird erlebter Diskriminierung bereits vorab jede Legitimität abgesprochen und es so schwieriger gemacht für Betroffene, sich zu äußern. Das ist nicht gut, genau solche Sätze sollten unsere Struktur verlassen und damit in unserem Sprachgebrauch nicht mehr vorkommen. Er verdreht Betroffene-Täter-Mechanismen. Es ist ermüdend, sich mit diesen Vorwürfen beschäftigen zu müssen, aber habt ihr schon mal versucht, als weiblich gelesene Person, als queere Person, als POC im Patriarchat zu leben?Der öffentliche Maßstab, was Zwang und was Gewalt ist, wird im Patriarchat nun mal nicht von Betroffenen definiert, sondern von potentiellen Tätern. Die Betroffenen stehen hier zu häufig auf verlorenen Posten.

Erklärungen sind nicht nötig!

In dem Gespräch wurden Konsequenzen für konkrete Personen gefordert, aber keine Begründung geliefert.“ (Zitat USP-Statement)

Ein formulierter Tatvorwurf gegen konkrete Personen sollte niemals näher erläutert werden müssen. Jedes erneute Formulieren der Vorwürfe lässt Betroffene das Erfahrene noch einmal durchleben. Und das erst recht in der – wenn auch nur kleinen –  Öffentlichkeit gegenüber einer Gruppe von Personen oder gar einer definierten Gruppe. Wir können das Bedürfnis seitens USP nachvollziehen, dennoch setzt es Betroffene unter Druck und wertschätzt nicht den Mut, sich überhaupt geäußert zu haben. Die Forderung eines Auschlusses aus Gruppe und Strukturen ist eine Forderung der Betroffenen und umzusetzen. Hier geht es vor allem darum, einen Raum zu schaffen, der sicherer für Frauen und Queers wird, und nicht um eine Strafe für den Täter. Ansonsten ist man schnell weg von einer Definitionsmacht und in einer gar nicht gewollten Sanktionsmacht. Konsequenzen können nach einer Aufarbeitung immer noch zurückgenommen werden, so Betroffene dieser Rücknahme zustimmen. Aber einer Aufarbeitung mit einer Gruppe zuzustimmen, deren Teil immer noch Täter sind, halten wir für zu viel verlangt.

Und ja, selbstverständlich macht es das für den Täter und seine Aufarbeitung extrem schwer, keine konkreten Tatvorwürfe zu kennen. Es liegt jedoch in der Natur des Patriarchats, dass Männer Grenzen nicht erkennen und diese überschreiten. Zum Beispiel weil sie anders erzogen wurden und werden. Dennoch darf dies nicht zu einer Bringschuld der Betroffenen führen. Hier müssen Täter sich selbst in die Pflicht nehmen, diese Blindstelle zu finden.

Work smart, not hard

Es spricht aus vielen Sätzen ein „seht her, wir haben doch schon viel getan und sind reflektiert, was wollt ihr denn noch?“, aber auch das ist eben gerade nicht „sachlich“. Wir wollen hier gar nicht in Frage stellen, dass das z.B. für die Gruppe von Menschen, die da für USP eine Aufarbeitung versuchen, sehr viel Freizeit (das ist alles immer noch ein Hobby!) und sehr viele Nerven kostet. Insbesondere in einer Gruppe, die sehr viel heterogener ist, als sie sich gerne nach außen darstellt. Aber unser Mitleid hält sich auch in Grenzen – wir alle haben eben viel versäumt und müssen nun, wo es zu spät ist, viel mehr in das Ganze investieren, als wenn wir früher und klarer vorab gehandelt hätten. Und auch hier: Viele dieser Mühen erleben weiblich gelesene, queere Personen Tag für Tag im Patriarchat. Und auch wenn das unser Selbstverständnis erneut angreift: Trotz ganz vieler Frauen in unseren Strukturen sind unsere Strukturen patriarchal.

Es geht uns dabei nicht darum, eine solche Reaktion/so ein Fallen in Verteidigungsschemata als „ey, seid ihr dumm“ abzukanzeln. Wer in Kommunikationsbüchern zum Thema „Fehlergespräche“ blättert, der wird diese Reaktion als eine der normalsten, aber auch am schwierigsten zu überwindende Reaktion finden. 

Wir wollen aber diese Verteidigungshaltung überwinden! Das sind wir unserem gemeinsamen Idealbild „einer freien, diskriminierungsfreien und solidarischen Gesellschaft“ (Zitat USP-Statement) schuldig. Und wir rufen alle dazu auf, diesen Schritt gemeinsam zu gehen. „Wir tun viel und sind reflektiert“ ist ein Anfang, aber nicht ein Ende. Wir wissen – zeitintensiv und schmerzhaft und so, muss aber sein. Bequemlichkeit ist der größte Feind jeder Veränderung. 

Nicht alles ist schlecht – auch in dem Statement:

Im Folgenden seien Aktivitäten genannt, die schon laufen oder in Planung sind: 

  • Erarbeitung eines Awareness-Konzeptes für Gruppenveranstaltungen, mithilfe dessen eine von Einzelpersonen und tagesformunabhängige strukturelle Hilfe geschaffen wird.
  • Mit USP Giovanile gibt es seit Jahren eine Jugendorganisation und einen entsprechenden Umgang innerhalb eines Jugendschutzkonzeptes.
  • Mitarbeit an den Initiativen der Fanszene zum Thema Sexismus und Awareness.
  • Durchführung von Veranstaltungen intern und öffentlich zu dem Thema.
  • Schaffung von Feedbackstrukturen, damit Anliegen dieser Art besser angenommen und bearbeitet werden können. 
  • Vorantreiben des Bewusstseins und der (Selbst-)Reflexion zum Umgang mit Verantwortung durch Stellung und Macht innerhalb von Gruppe und Fanszene.“ (Zitat USP-Statement)

Jeder dieser Spiegelstriche ist zu begrüßen. Wir möchten dazu aufrufen, damit noch mehr in die Öffentlichkeit zu treten und noch mehr Details der Konzepte in den Markt der Meinungen zu werfen. Um sie zu verbessern, aber auch, um sie kopieren zu können.

Das Rad muss nicht neu erfunden werden

Es gibt viele Organisationen und Einrichtungen, die sich mit all diesen Themen ausführlich beschäftigt haben; wir müssen also keine neuen Konzepte schaffen, sondern Konzepte auf unsere Fanszene anpassen. Externe Beratung ist hier, wie oben beschrieben, essentiell wichtig, um aus unserem Klüngel herauszukommen. Wir müssen darauf achten, den AK Awareness hier nicht als Feigenblatt zu nutzen, das dieser leider schnell werden wird, wenn wir in unseren Strukturen verharren. 

Anlaufstellen für Beratung gibt es viele, exemplarisch seien hier der „Frauennotruf“ und „Wendepunkt e.V.“ genannt, die beide aus sehr unterschiedlichen Herangehensweisen heraus sehr gute Arbeit machen und für Vorträge und Beratung angefragt werden können. 

Blick über den USP-Tellerrand

Bei diesem Absatz haben wir diskutiert, ob wir ihn überhaupt in diesen Beitrag aufnehmen möchten. Dagegen sprach, dass wir damit Gefahr laufen, den Blick von USP wegzulenken. Dafür sprach, dass wir den Blick darüber hinaus wagen müssen, um in Zukunft noch besser zu werden. Das Bild, das wir schließlich nutzen wollen: Facebook kann erst mal nix dafür, welchen Mist User*innen auf seiner Plattform schreiben. Facebook schafft aber die Infrastruktur, in der das passiert. Und verdient damit verdammt viel Geld. Und trägt deshalb auch eine besondere Verantwortung. Ähnlich steht es um den FCSP:

Wir haben hier ein mittelständiges Unternehmen, das sein Geld damit verdient, dass viele Menschen sich mit ihm und seinem Team beschäftigen. Ein Unternehmen, das auch deshalb Partner an Land zieht, weil es antirassistisch, gegen Antisemitismus ist. Das dies gerne vor sich her trägt, wenn es genehm ist, und das intern noch viel zu lernen hat (1, 2, 3).

Aber eben auch ein Unternehmen, innerhalb dessen „Angebot“ solche Vorfälle immer wieder passieren. Ein Unternehmen, das diese Problemstellungen kennt. Das mit Problemen dieser Art auch in Bezug auf ihre eigenen (direkten und indirekten) Arbeitnehmer*innen konfrontiert wurde. Ein Unternehmen, das auch grundsätzlich offen für diese Themen und bereit ist, zu lernen.

Wir fragen uns aber: Ist das 2022 noch genug? Hat der Verein genug getan, um sich den strukturellen Problemen bei ihm intern anzunehmen? Um dann auch extern glaubwürdig und wirkungsvoll agieren zu können?

Unser vorläufiges Urteil? Nein. Da kann – und muss – noch mehr möglich sein. Wenn man glaubwürdig sein will. Und wenn man seine eigenen Werte leben will. Wir verweisen hier z.B. auf unsere Forderung danach, (mehr) Ressourcen für diese Themen zur Verfügung zu stellen.

Allgemein: Was ist zu tun? 

Wir werden über Definitionsmacht und Macht an sich reden müssen. Wir werden darüber reden müssen, wer in unserer Fanszene was definiert und wer wie die Macht erhält und behält. Wir werden darüber reden müssen, warum es männlich gelesene oder geführte Gruppen sind, die ihre Fahnen in den Wind stellen und ihre Zaunfahnen an den Zaun hängen. Wir dürfen nie vergessen, dass es beim FCSP auch schon mal anders war: Frauengruppen waren auch mit eigenen Fahnen, eigenen Zaunfahnen präsent. Und so leer dieses Symbol objektiv sein mag, so sehr wissen wir alle, wie stark es in Fußballfanszenen Macht- und Definitionsansprüche nach außen deutlich macht. Und noch viel wichtiger eigentlich: Frauengruppen waren im Kurvendiskurs auch mit eigenen Statements in eigenen Gazetten präsent. Aktuell ist dieser Blog der einzige, der – unserer Kenntnis nach – primär nur von Frauen betrieben wird.

Wenn ihr was tun wollt in eurer Bezugsgruppe, dann diskutiert das, redet über eure eigenen Verhaltensweisen und stellt Regeln auf, wie ihr besser werdet. Beteiligt euch am vereinsöffentlichen Diskurs. Und sollte mal der Fall sein, dass Probleme bei euch bestehen, dann handelt schnell und transparent.

Das geht: 

Niemand erwartet von irgendjemandem, dass er*sie heute der*die perfekte Antisexist*in ist. Wir erwarten aber von jeder Person, dass er*sie morgen ein Stück weiter in diese Richtung ist. 

Kontakt zum Arbeitskreis Awareness gibt es über post (at) awareness-stpauli.de, wir können auch gerne persönlichen Kontakt herstellen. Ein Mitglied des hier schreibenden Kollektivs ist Mitglied in dem AK, aber nicht in die aktuellen Vorgänge involviert. Wie immer stellt dieser Text zudem nur unsere eigene Meinung dar.
Der AK Awareness ist auch auf Instagram aktiv.

Jan 152022
 

Mental hatten wir schon damit abgeschlossen, irgendein Spiel im Januar im Stadion sehen zu können. Als dann klar wurde, dass es gegen Aue 2000 Tickets geben würde, war die Freude um so größer. 

Positiv: der Verein kommunizierte rechtzeitig noch vor Bekanntgabe der zugelassenen Zuschauer*innenzahl, wie das Prozedere ablaufen würde. 

Verbesserungswürdig: Die Kommunikation der Details zum Spiel. Wir haben vollstes Verständnis dafür, dass es finanziell nicht tragbar ist, die Tickets auf der HT wie beispielsweise beim Derby weiterhin für 10€ bzw. 15€ anzubieten. Aber mehr als 40€ für ein Ticket gegen fucking Aue, bloß weil die Tickets auf diesen Plätzen normalerweise so viel kosten, ist schon happig. Vor allem für dieses Spiel, aber wir greifen vorweg. 

Man kann das schon so machen, aber dann kommuniziert es doch klar und transparent; es ist doch kein Beinbruch, zu sagen: „Hey Leute, ohne Zuschauer*innen wird es finanziell jetzt dann doch eng, deswegen nehmen wir für diese Plätze wieder die regulären Preise.“ (Menschen, die die Berichte des Seniors zur MV gelesen haben wissen Bescheid.)

Vor allem, wenn du vor ’nem halben Jahr noch Interviews zu den „Treusten der Treuen“ raushaust.
Ja, wir vergessen wenig.
Ja, das Ungleichgewicht ist auffällig.
Und dadurch umso ungeschickter in der Kommunikation.
Wie gesagt: Rational können wir das nachvollziehen. Aber dass dann über 200 Sitze (in den teuren Mittelblöcken) leer bleiben, kann ja nun auch wirklich nicht das Ziel sein.

So hören wir denn auch von mehreren Leuten, dass die Preise ihnen zu teuer sind oder sie es sich auf Dauer nicht werden leisten können, für jedes Spiel über 30€ für die Karte zu zahlen.

Wir starten spät in den Spieltag. Ungewöhnlich spät. So kommen wir erst deutlich nach 12:00 am Stadion an, treffen bekannte Gesichter, vermissen viel zu viele andere (✊ insbesondere an die, die sich den Schwurbler*innen entgegengestellt haben und auch an alle anderen), und gehen dann gemütlich Richtung Einlass.
Dieser funktioniert schnell und ohne Probleme, unsere Plätze sind auch schnell gefunden. Läuft. Aber ungewohnt ist das alles schon – da hatte sich vor der Winterpause gerade wieder so etwas wie Spieltagsroutine eingestellt und jetzt ist das alles schon wieder hinfällig. Aber immerhin können wir heute ins Stadion. Und so sehr haben wir uns noch nie über ein Ticket für ein Spiel gegen Aue gefreut wie an diesem Spieltag.

Ansage für das Spiel waren Schachbrettmuster und Maskenpflicht am Platz. Besonders auf ersteres achteten die Ordner sehr genau. Dass Menschen im Januar 2022 immer noch darauf hingewiesen werden müssen, dass sie ihre Maske aufsetzen müssen, nervt. (Nein, du wirst nicht cooler, wenn du erzählst, wie du auswärts keine Maske getragen hast, weil du es nicht für nötig hältst.)

Dass die Ordner*innen darauf hingewiesen werden müssen, dass sie die Leute darauf hinweisen müssen, nervt noch mehr. Aber alles in allem klappte das schon ok. 

Zum Spiel 

Alter. War das schlecht. Es mag ja sein, dass die Mannschaft die ganze Zeit daran geglaubt hat, dass da noch was geht, aber gesehen haben wir da von nicht viel. 

Krass, wie sehr Kofi im Spiel fehlt. 

Vorne scheint ohne ihn nicht klar zu sein, wer-wo-wie-welchen Laufweg hat. Es fehlt an Tempo, Spielzügen und Ballbehauptung. Wir mögen Buchti, aber er kann Kofi nicht ersetzen. Amenyido bringt nach seiner Einwechslung deutlich mehr Tempo und Zug zum Spiel mit. Und mal den Funken, dass man nicht erwartet, wo er in 5 Sekunden stehen wird (was Kofi so auszeichnet), auch wenn wir permanent Angst haben, dass er über seine eigenen Füße fällt.

Allgemein war das heute zu wenig auf dem Platz. Größtenteils statisch und ohne das Tempo und die Überzeugung, die uns so häufig ausgezeichnet haben. 

Dabei kommen wir eigentlich ganz gut aus der Kabine und es sieht die ersten Minuten aus, als könnte da heute was gehen. Und dann passiert das gleiche wie gegen Kiel: Wir sterben in Schönheit und versuchen, den Ball ins Tor zu tragen. Dies gelingt uns nicht, stattdessen fährt Aue einen Konter, Tor.

Scheiße. Wie kann es sein, dass beide Innenverteidiger langsamer sind als der Auer?  

Aue spielt körperlich und setzt immer wieder Fouls. Wir? Haben wie immer noch kein Mittel dagegen. Ganz ehrlich? Es ist viel zu einfach, uns auszuspielen. Tief stehen, körperlich spielen, und schon haben wir kaum noch einen Fuß im Spiel. Und ja, wir waren auch gegen Kiel im Dezember im Stadion. Und erkennen viel zu viele Parallelen.

Wären wir Sportchef*in eines gegnerischen Vereins und unser Trainer hätte unserem Team nicht die Spiele gegen Darmstadt und Kiel als Blaupause mitgegeben – wir würden ihn auf der Stelle entlassen. Das müssen wir unbedingt abstellen, sonst wird das eine sehr lange Rückrunde. Und nein, dass hat nichts mit nur noch positiv und richtiger Einstellung zu tun. Wären wir richtig eingestellt, würden solche Spiele wie heute und gegen Kiel nicht passieren. Und das ist sowohl spielerisch als auch mental ein Thema. Sportpsycholog*in allez.

PS: Jakov, wir sind Fans

Haben wir schon mal erwähnt, dass wir Fans von Jakov sind? Ecke, Kopfballtor. Wir sind zurück im Spiel und kommen zur Halbzeit wieder besser aus der Kabine. Kreieren 2, 3 Torchancen, aber der Ball geht einfach nichts ins Tor. Stattdessen ein dummer Ballverlust und wir liegen wieder hinten. 

Wollen wir einmal über den Schiri und sein Team sprechen? Sie lassen viel laufen und übersehen Foulspiele und Aue nutzt dies voll aus. Wie es sein kann, dass es die erste gelbe Karte erst in der 75. Minute gibt, versteht keine*r. Alleine Männel hätte wegen Zeitspiels drei Mal vom Platz fliegen können. (Was für eine geile gelb-rote wäre das bitte? Wegen 2x Zeitspiel? Wir würden es schon durchaus sehr arg feiern.)

Mit beiden Armen auf Burgi im Strafraum aufstützen? Kein Foul. 
Ohlsson an der Seitenlinie voll abräumen? Kein Foul. Alter. 

Wir sympathisieren sehr mit dem kleinen Jungen, der nach Abpfiff an der Brüstung hängt und die Schiris bepöbelt. Moment des Tages. Um den Nachwuchs müssen wir uns keine Sorgen machen.

Irgendwann wird Amenyido für Buchti eingewechselt, was dem Spiel deutlich mehr Tempo gibt. Ironie des Spiels? Um uns herum schimpft alles über ihn. Und prompt macht er in der Nachspielzeit das Ausgleichtstor. Genau unser Humor. Erkennt dann auch das Umfeld an.

Auf einmal ist das Team wieder da. Jetzt ist auch der Glaube zu sehen, dass wir das gewinnen können und wollen. Aber zu spät. Warum erst nach dem Tor? Warum nicht Feuerwerk ab der 70.? Wir können das. Was fehlt? Ist dem Trainerteam rund um „den Streich vom Kiez“ hoffentlich bewusst. Da ist Platz für Videoanalyse und bis Dienstag ist das abgestellt!

Abpfiff 2:2 gegen Aue. Die nach dem Spiel immer noch Vorletzter sind. Gut ist definitiv was anderes. 

#nurnochpositiv

Jetzt mal so richtig positiv? Wenn du aus so einem unfassbaren Mistspiel noch einen Punkt holst und den noch durch ein spätes Tor, dann ist das gut. Das ist am Ende genau der eine Punkt, der Platz 2 [WIESO NUR PLATZ 2?] bedeutet. Und für Aue die zwei Punkte, die zum Klassenerhalt fehlen. Und nebenbei holen wir in englischen Wochen meistens 2 Siege und ein Unentschieden. Herr Chefstatistiker, unterstehe dich, diese Behauptung zu hinterfragen. 

Was gut ist? Nach dem Spiel mit guten Leuten Wein aus der Weinbar trinken, im Feldstern essen und 1910 Geschichten erzählen. Schön, dass es euch gibt <3

Jetzt souverän im Pokal weiter (wir haben feuchte Träume zum Duell Medić-Haaland) und dann Stadtmeisterschaften verteidigen. Möge es so einfach sein, wie es klingt.

PS: Jakov? Wir sind Fans <3

Jan 142022
 

Torsten Engelbrecht, der als Autor eines Buches und als (inzwischen zumindest nach eigener Aussage teils ehemaliger) ehrenamtlicher Pressesprecher der Clubs Große Freiheit 36 und Docks in eine größere Öffentlichkeit getreten ist, hat uns mal wieder verklagt. Dieses Mal geht es vor allem um die Stellungnahme, die der Magische FC-Blog und der Fanladen zu Beginn der juristischen Auseinandersetzung mit Engelbrecht veröffentlicht haben. In den von Engelbrecht angegriffenen Punkten geht es unserer Ansicht nach um nachweislich wahre Tatsachenbehauptungen oder sogar schlicht um Werturteile oder politische Einschätzungen zur rechtsoffenen und sich radikalisierenden Corona-Leugner*innenszene, die von der Meinungsfreiheit gedeckt sind.

Beispielhaft greifen wir heraus, dass Engelbrecht nicht nur nicht als Corona-Leugner bezeichnet werden möchte, sondern uns diese Bezeichnung juristisch untersagen lassen möchte. Dabei steht sogar auf dem Cover seines Buches: “Corona/COVID-19, Masern, Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS, BSE, Hepatitis C, AIDS, Polio, Spanische Grippe. Wie die Medizinindustrie ständig Seuchen erfindet und damit Milliardenprofite macht“.

Was vor der Pandemie als abseitige Theorie jenseits hartgesotten verschwörungsideologischer Kreise keine große Aufmerksamkeit erlangte, wird während einer Pandemie, die in Deutschland mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet hat, zu einem Angriff auf Leben und Würde der Menschen, die die Erkrankung(en) und ihre Folgen ernst nehmen, daran leiden oder daran gestorben sind.

Don’t look up!

Zum Thema Corona-Pandemie gibt es eine Fülle an sachlichen Einordnungen und Diskussionsbeiträgen. Wir empfehlen auch weiterhin gern das NDR-Coronavirus Update mit Sandra Ciesek und Christian Drosten, neben vielen anderen gut aufbereiteteten Formaten. Mit Engelsgeduld und teils recht niedrigschwellig erklären viele Virolog*innen und Expert*innen, was sie mit ihren Instrumenten nachweisen können und wo ihre Aussagen mit Unsicherheiten behaftet sind. Wer diese Informationsfülle nicht zur Kenntnis nimmt oder wer Meinungsverschiedenheiten unter Wissenschaftler*innen oder das Benennen von Unsicherheiten stattdessen zum Beweis einer großen und allumfassenden Lüge heranzieht, wie es viele Corona-Leugner*innen tun, der oder die trägt seine Scheuklappen besser sitzend, als die meisten Leute ihre FFP2-Masken.

Im Gegensatz zu seriösen Wissenschaftler*innen weisen Verschwörungsideolog*innen übrigens fast nie auf eigene Unsicherheiten und Fehleinschätzungen hin.

Das Wesen von Verschwörungsideologien

Es geht bei Verschwörungsideologien nämlich auch nicht um einzelne Falschbehauptungen, sondern um ideologische Konstrukte, mittels derer sich die Anhänger*innen dieser Theorien oftmals die Welt erklären: In der Corona-Pandemie im Wesentlichen um die Durchsetzung einer sozialdarwinistischen Agenda, die sich hinter dauerndem Gerede über “starke Immunsysteme” versteckt.

Stetiger Begleiter von Verschwörungsideologien ist zudem eine „Personifizierung des real Abstrakten”, die diese anschlussfähig zu antisemitischen Denkmustern macht:

Das heißt, komplexe Vorgänge, auf die der oder die Einzelne nur wenig Einfluss hat oder sie nicht so richtig versteht, werden extrem vereinfacht und auf einzelne Personen oder Gruppen bezogen. Diesen Personen(gruppen) wird zugeschrieben, für irgendeinen großen und geheimen Plan Politiker*innen und Medien zu kontrollieren. Oft reichen hier Schlagwörter aus, die unter Anhänger*innen von Verschwörungsideologien verstanden werden. Solche Schlagwörter sind zum Beispiel “Neue Weltordnung”, “Bill Gates” oder Namen (real oder vermeintlich) jüdischer Personen. 

Es muss in der gesellschaftlichen Debatte möglich und erlaubt sein, dieses Wesen von verschwörungsideologischen Bewegungen zu benennen. Eine politische Einordnung solcher Bewegungen verletzt niemanden in ihren oder seinen Persönlichkeitsrechten.

Wer sich in der Öffentlichkeit dazu herablässt, einzelne Behauptungen aus diesen Konglomerat „auf Augenhöhe“ oder sachlich diskutieren zu wollen, betritt das Terrain der Schwurbler*innen schon fast zu weit und schafft die „false balance“, die diese mit allen Kräften herstellen wollen. Denn in dem aktuellen Dauerfeuer aus Falschbehauptungen der Corona-Leugner*innenszene, der Klimawandelleugner*innen, Q-Anon und wie sie alle heißen mögen, geht es unserer Einschätzung nach nicht wirklich um eine sachliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlich drängenden Themen: Es ist vielmehr eine Strategie, die an der Sache orientierte Auseinandersetzung unmöglich zu machen. Eine Strategie, die führende neurechte Vordenker sehr offen benennen und die wir alle ernst nehmen sollten. (1)

Keinen Fußbreit dem gefährlichem Blödsinn!

Weg von der allgemeinen Einordnung des Phänomens Verschwörungsideologien und zurück zum ganz konkreten Anlass des anstehenden Prozesses: Wer öffentlich völlig absurde Aussagen tätigt, muss damit leben, dass andere sie auch öffentlich bewerten und kritisieren. Oder mit den Worten des Bundesverfassungsgerichtes: 

„Wer im öffentlichen Meinungskampf zu einem abwertenden Urteil Anlass gegeben hat“, muss „eine scharfe Reaktion auch dann hinnehmen, wenn sie das persönliche Ansehen mindert.“

Wir sehen – nicht zuletzt dank Eurer großartigen Unterstützung im Frühjahr –  dem Prozess am 21.01. um 10:00 im Landgericht Hamburg daher gelassen entgegen. Und wir freuen uns, wenn wir trotz geisterspieltagsähnlichen Zuständen möglichst viele von Euch am 15.01. um 12:30 am Bahnhof Dammtor sehen, um gegen die verschwörungsideologischen Demos in Hamburg zu protestieren.

In the streets, if not on the terraces!


(1) Im privaten Rahmen und mit Menschen, die kein verfestigtes Verschwörungsweltbild haben, kann man trotzdem eine Diskussion versuchen. Tipps dafür hat die Amadeu Antonio-Stiftung.


Jan 112022
 

Liebe Lesenden,

wenn man einen Artikel schon mit einem Zitat von Goethe beginnt, dann ist eigentlich schon Hopfen und Malz verloren. Wobei – halt. Im Gegensatz zu vielen Politiker*innen der Neuzeit, die Jurastudien nicht beendet haben und sich trotzdem für Kenner*innen der Materie halten, hat Goethe Jura studiert und selbst in Verwaltungen gearbeitet. Sein Zitat ist also von einer theoretischen und praktischen Kenntnis der Materie geprägt und vielleicht kann ich ihm nur zustimmen.  

Gretchenfrage

Es soll heute darum gehen, ob die Sportvereine in Hamburg ggf. gegen die neue Corona-Verordnung klagen könnten. Jede*r wird die Ungleichheit sehen, wenn die Elphi und Musicals immer noch bis zum Rand gefüllt werden dürfen, aber kein Mensch mehr ein Fußballstadion oder eine Handballhalle betreten darf, wenn darin ein Spiel aufgeführt wird. Würde hingegen regelmäßig Faust anstelle von Fußball am Millerntor gegeben, könnte nach jetziger Rechtslage das Millerntor bis zum letzten Platz gefüllt werden, wenn man denn Sitzplätze und ein „entsprechendes Lüftungs- und Hygienekonzept“ hätte (Zitat von hier). Diese Hürde ließe sich für ein Open Air Stadion eventuell überspringen. 

Nun haben auch Menschen, die nicht Jura studiert haben, mal was vom Gleichheitsgrundsatz gehört, und man könnte hier eine – nicht erlaubte – Ungleichheit annehmen, die zu einer Rechtswidrigkeit führen würde. Ein gewisses Unverständnis zumindest ist auch bei den Empfängerinnen dieser Ungleichbehandlung zu erkennen, wenn man so deren offenen Brief liest.

Stellen wir also doch die Gretchenfrage: Recht, wie hältst du es mit den Erfolgsaussichten einer solchen Klage? 

Moral

„Der rechtliche Mensch denkt immer, er sei vornehmer und mächtiger, als er ist.“ (schon wieder Goethe) 

Jurist*innen halten sich für Moralist*innen und sind ungefähr so weit entfernt von der Moral wie der DJK Hamburg (Tabellen 7. der Hamburger Kreisklasse B 10) von der Deutschen Meisterschaft. Daher ist dies hier keine Betrachtung über die Moral – moralisch kann man in der jetzigen Situation SEHR GUT vertreten, dass jeder Kontakt einer zu viel ist und selbst Abstandskontakte in einem Stadion irgendein Restrisiko beinhalten und daher vermeidbar und zu vermeiden sind, egal wie es anderswo aussieht. Das ist ein Maßstab, den man MORALISCH sehr gut vertreten kann und der ggf. auch die Profisportgesellschaften davon abhält, direkt zu klagen. Dieser Maßstab ist aber eben kein rechtlicher, und deswegen wird er hier nicht behandelt. 

Was die Profigesellschaften ggf. doch zu einer Klage drängen wird, ist die große unmoralische Kraft unserer Zeit, die unter dem Namen „Kapitalismus“ bekannt sein sollte. Diese Gesellschaften sind wirtschaftlich stark angeschlagen und stehen eben in einer Konkurrenzsituation zu Theatern und Musicals, da wird das Verständnis für Maßnahmen schnell geringer. Nehmen wir als Beispiel mal den FCSP, der bei einer Rückrunde ohne Zuschauer*innen gut 6 Millionen Euro verlieren wird. Was dies heißt könnt ihr im MV-Bericht nachlesen. Nicht gemacht? TLDR? Nun: Es wird extrem bitter und wir werden Gefahr laufen, an unser Tafelsilber heran zu müssen.

Was sagt aber nun das Recht? 

 „Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.“

Es ist unfassbar schwierig, eine konstante Rechtsprechung in Corona-Fragen zu erkennen. Wenn man hier scrollt, dann sieht man eine Vielzahl an noch nicht entschiedenen Verfahren und eine Vielzahl von entschiedenen Verfahren, und dies auf Basis von immer sich änderten Rechtsgrundlagen. Soweit eine Linie erkennbar scheint (!), machen die Gerichte viele Verbote mit und lassen dem Gesetzgeber (und der ausführenden Verwaltung) einen relativ weiten Spielraum. Um dann ab und zu mal Dinge als zu hart zu bewerten. Siehe 2G im Einzelhandel in Niedersachsen. Schwierig dabei ist auch noch, dass es sich immer um Landesgesetze und Landesgerichte handelt und die Gesetze dabei häufig genug nicht wortgleich sind und die Gerichte sich auch mal gepflegt widersprechen.

Das beste Beispiel hierfür ist, dass Verwaltungsgerichte anderer Bundesländer 2G im Einzelhandel nicht beanstandet haben, um sich dann bei dem zu widersprechen, was als „täglicher Bedarf“ auszunehmen ist. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Aus der Rechtsprechung einen roten Faden zu erkennen oder nun fünf Urteile zu zitieren und dann haben wir eine Lösung, ist eher nicht drin. 

Prüfen wir doch mal

„Der Stier zieht seinen Pflug ohne Widerstand; aber dem edeln Pferde, das du reiten willst, mußt du seine Gedanken ablernen, du mußt nichts Unkluges, nichts unklug von ihm verlangen.“ (erneut Goethe)
Dann prüfen wir es also mal mit der guten alten Verhältnismäßigkeitsprüfung die Rechtmäßigkeit dieser Verbote/ Erlaubnisse. Jurist*innen, die hier mitlesen, gehen jetzt erstmal kotzen, da sie gerade üble Flashbacks haben. 
Dabei ziehen wir das Pferd mal andersherum auf. (Sorry, wir kommen gleich zu der Elphie zurück.) Aber vorher mal als Vorfrage:  Ist denn das Verbot von Zuschauer*innen bei Fußballspielen an sich rechtens? 

Legitimes Mittel?

Legitimer Zweck wird hier irgendwie der Infektionsschutz sein. Und den wird man durch Kontaktreduzierungen auch erreichen werden. Das VG Hamburg in seiner Entscheidung vom 10.11.2021 (14 E 4530/21) definiert den legitimen Zweck wie folgt: 

„Das Verbot diene dem legitimen Zweck der Vorbeugung von Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus und der Verhinderung ihrer Weiterverbreitung.“

Ihr selber merkt: Das ist etwas anderes als „wir wollen schwere Verläufe verhindern“ oder „Krankenhäuser vor Überlastung schützen“. Man kann vertretbar (Achtung: das ist unter Jurist*innen etwas anderes als „richtig“) garantiert argumentieren, dass dies ein zu weit gefasster legitimer Zweck und dieser eher eben doch die Überlastung von Krankenhäusern sei und nicht die Verhinderung von Infektionen von z.B. dreifach geimpften. (Achtung, dies ist nicht die Meinung des Autors!) Jedoch: Letztendlich ist das eher ein akademischer Streit, wie ihr später sehen wird. 

Geeignetheit?

Ist ein Verbot von Zuschauer*innen zur Errechung dieses Zieles geeignet? Natürlich! 

Erforderlichkeit? Womit wir dann bei der sogenannten Erforderlichkeit sind. Jurist*innen neigen ja zu Stehsätzen, die Begriffe definieren, die eigentlich keiner Definition benötigen. Jaja, ich höre euch schon „your kink is not my kink, but your kink is okay“ in euren Bart murmeln, aber bitte ihr Lieben, wie schön ist es bitte, eine Wegnahme (im Sinne des strafrechtlichen Diebstahls) als „Bruch fremden Allein- oder Mitgewahrsams und die Begründung neuen (nicht notwendig eigenen) Gewahrsam an der Sache“ zu definieren. Das ist doch Kunst! (Sorry)

Ähnlich schön ist die Definition der Erforderlichkeit. „Das gewählte Mittel ist dann erforderlich, wenn es keine mildere Maßnahme gibt, die denselben Erfolg mit gleicher Sicherheit erzielt.“ So, liebe Menschen, das beurteilt nun mal bitte in einer Situation, in der die Erkenntnis von Gestern schon wieder falsch ist, aber auch vielleicht die richtige Erkenntnis von Übermorgen sein kann. Vielleicht könnte man hier eine sehr strikte Zuschauer*innenbegrenzung mit einem Abstand zwischen den Sitzplätzen (Stichwort Schachbrett) gepaart mit einer 2G+ Regelung und Maskenpflicht als gleich geeignet ansehen (immerhin befinden wir uns hier in einem zugigen Open-Air Stadion). Das wird dann schnell auch ein bisschen ein Gesinnungsaufsatz. Stichworte, die man diskutieren könnte: Was ist mit Auf- und Abgang? Wie sieht es bei An-/Abreise aus? Halten sich Menschen an solche Regeln? Und so weiter und so fort. 

Kleiner Tipp, falls ihr jemals (!) eine Juraklausur schreiben müsst. Ihr! Findet! Nie! Ein! Milderes! Mittel! Hier könnte man aber in der Realität sehr gut aussteigen und sagen: „Liebe Stadt HH, eine Zuschauer*innenbegrenzung könnte ausreichen, ein vollkommener Ausschluss ist nicht erforderlich.“ Solche Überlegungen im Sinne von „ganz so pauschal geht das dann doch nicht“ finden sich in dem zitierten Urteil auch. Man kann hier aber auch gut anderer Meinung sein und dies nicht ausreichen lassen.

Hier würde auch eine Rolle  spielen, was Jurist*innen „bekannt und bewährt“ nennen. Nach allem was bei uns ankam oder öffentlich geäußert wurde, waren die Behörden mit unserem Hygienekonzept mehr als zufrieden. Das könnte für ein mildere Mittel „strenges Hygienekonzept“ sprechen, da ein „das funktioniert doch sowieso nicht“ widerlegt werden könnte. 

Aber nehmen wir mal an, es gäbe kein milderes Mittel. 

Dann kommt jetzt die  Krönung der Prüfung: Der Angemessenheitsprüfung. Man könnte es auch „dein 10. Klasse-Ethikaufsatz“ nennen. Denn Angemessenheit definiert sich als „wenn der beabsichtigte Zweck nicht außer Verhältnis zu der Schwere des Eingriffs steht.“ 

Ihr merkt: Hier kommt es natürlich auch darauf an, wie man den beabsichtigten Zweck definiert. Da hat man ein sehr direktes Zusammenspiel mit dem oben schon beschriebenen. Und dann kommt es immer drauf an, für wie wichtig ihr einen Zweck haltet und wie Schwer ihr den Eingriff empfindet. Es gibt da kein Schwarz/weiss Schema. Und es gilt dann, alles kann, nichts muss. 

Für Nichtjurist*innen immer wieder erstaunlich dabei: Es gibt keinen beabsichtigten Zweck, der alle Eingriffe rechtfertigt. Nein, nicht mal Leben. Ja! Selbst Leben nicht. Das beste Beispiel ist immer der motorisierte Straßenverkehr. An diesem sterben genügend Menschen pro Jahr, trotzdem erlauben wir ihn unter Regeln und Sicherheitsvorkehrungen, weil man das absolute Verbot für außer Verhältnis stehend sieht. Und Achtung: Da fehlt bewusst das Wort „individueller“ Straßenverkehr, denn auch Busse überfahren mal Menschen. Super selten, aber ein grundlegend toleriertes Risiko gibt es da trotzdem, sei es noch so gering. 

Gleiches gilt eben erstmal auch für die Ausbreitung von Krankheiten. Viele davon bringen auch genügende Menschen um, aber wir ignorieren das bzw. halten die eigentlich notwendigen Eingriffe für viel zu stark, um sie vorzunehmen. Hierfür ist z.B. die Grippe ein Beispiel. Um es ehrlich zu sagen: Weil da die Toten unter unserer gesellschaftlichen Aufregungsschwelle bleiben. Und nun kann man überlegen, was denn der oben genannte Zweck sein soll – „Tote verhindern“ ist eben was anderes als „Ausbreitung verhindern“. 

Es geht also immer um eine Abwägung, und da steht dann „wirtschaftliches Handeln“ (Art 12) und „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ (Art 2 (1)) gegen Art 2 (2). Und dann ist die Frage, wie sehr eingegriffen wird und wie sehr das andere Grundrecht betroffen ist. Der Tod ist halt etwas anderes als eine fette Grippe.

Nein, ich will hier gar nicht dagegen argumentieren, dass da oben ein sinnvoller Zweck steht und es richtig ist, dass die Eingriffe eben nicht außer Verhältnis stehen. Sprich das Verbot von Zuschauer*innen vollkommen legitim ist. Aber da ist es wieder das schöne Wort „vertretbar“.  

HÄ? Aber die Elphi! 

„Gleichnisse dürft ihr mir nicht verwehren,Ich wüsste mich sonst nicht zu erklären.“ (wie kann es anders sein: Goethe)

Ja, liebe Menschen, und nun legt mal diese ganzen Überlegungen an die Zulassung von Zuschauer*innen in der Elphi an. Ja, man wird wohl sehr schnell darauf kommen, dass es wahrscheinlich deutlich richtiger wäre, auch hier die Zuschauer*innen zu verbieten oder zumindest stark zu reduzieren. Bei einem staatliche subventionierten Spielbetrieb könnte der Eingriff ggf. nebenbei auch sehr viel milder sein als bei einem Fußballverein, der wirtschaftlich auf sich selbst gestellt ist. Am Rande sei erwähnt, dass das Bundesverfassungsgericht ein sogenanntes Untermaßverbot mal definiert hat. Dieses verpflichtet den Gesetzgeber zum Schutz des Lebens tätig zu werden.

Man könnte dies hier zumindest mal andenken, ob dieses Untermaßverbot nicht einschlägig ist, wenn man die Elphi einfach so laufen lässt. Wahrscheinlich eher nicht. Und diese Idee hat das Bundesverfassungsgericht auch in einem ganz ekligen Zusammenhang erfunden, nämlich bei der Frage des Abtreibungsverbotes (don’t get me startet) 

Warum dieser ganze Vorlauf?

Ganz einfach. Jurist*innen sind auch bekannt für ihre schön klingenden Rechtssätze. Und einer davon ist „Es gibt keine Gleichbehandlung im Unrecht“.

Sprich: Wenn man Zuschauer*innen in der Elphi eigentlich verbieten müsste, dann wird man als FCSP die Zulassung bei sich nicht damit erklagen können, dass andere das rechtswidrig erhalten haben. Man müsste schon davon ausgehen, dass das Verbot bei beiden rechtswidrig wäre und es eben nur bei einem vom Gesetzgeber angeordnet wird. 

Wahrscheinlichkeit, dass es so ist? Gering, oder? 

Gleiches Gleich und Ungleiches Ungleich behandeln

Es gäbe noch eine Hürde. Und zwar, dass nach Art 3 nur Gleiches Gleich behandelt werden muss. Oder wie das BVerfG es so schön formuliert: „dass eine Gruppe von Normadressaten im Vergleich zu anderen Normadressaten anders behandelt wird, obwohl zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede von solcher Art und solchem Gewicht bestehen, dass sie die ungleiche Behandlung rechtfertigen könnten. Die rechtliche Unterscheidung muss also in sachlichen Unterschieden eine ausreichende Stütze finden.“

Sind Elphi und Millerntor vergleichbar? Oder gibt es sachliche Unterschiede? Achtung: „prollige Fußballfans“ vs. „gebildete Klassikfans“ ist kein sachlicher Unterschied. 

Trotzdem wird man hier natürlich wieder sehr lange diskutieren können. Und da wird natürlich die Neigung von Fußballfans, Regelungen eher kreativ zu umgehen, auch eine Rolle spielen. Denn seien wir ehrlich: In der Elphi wird eher selten illegal Pyro eingesetzt oder die Dose Holsten rein geschmuggelt. Und so etwas wird ein Gericht auch ansprechen. 

Für eine Vergleichbarkeit spricht natürlich, dass beides Massenveranstaltungen sind und ganz viele Menschen auf engeren Räumen. Und auch in der Elphi sind die Aufgänge eng und Abstand nicht möglich. Und es ist Innenraum. Oder verhindert Innenraum und Außen schon eine Vergleichbarkeit? Man kann hier ganz viel diskutieren. 
Was absoluter Quatsch ist? Die Einordnung in „überregional“ und „regional“. Die erscheint a. sehr willkürlich und b. auch albern, denn die Elphi ist ja keine regionale Veranstaltung, sondern überregionales Wahrzeichen und Touristenmagnet. Siehe auch die eigene Werbung der HH Tourismus, und ein Derby zwischen zwei Hamburger Vereinen ist durch und durch regional. Man könnte nebenbei auch ohne Weiteres bei beiden z.B. die Anreise aus Orten „von weiter weg“ verbieten. Man hat schon so ein bisschen das Gefühl, dass es um die Fotos geht, die dann auf Twitter empört geteilt werden. Die entstehen eher selten in der Elphi, aber das wird kein sachlicher Unterschied sein. 

Rechtfertigt so etwas „0“ vs. „Eigentlich komplett voll“? Das ist dann die entscheidende Frage. Und schon wieder ein Gesinnungsaufsatz. 

To cut a long story very short

„Wer nicht von dreitausend Jahren / sich weiß Rechenschaft zu geben, / bleib im Dunkeln unerfahren, / mag von Tag zu Tage leben.“ (und ein letztes Mal Goethe)

Juristisch sind da viele Fallstricke drin und das, was Jurist*innen so schön Prozessrisiko nennen. Daher kann man schon verstehen, dass die Gesellschaften es mit „Lass uns doch mal reden, liebe Behörde“ versuchen und ggf. einen Kompromiss erzielen wollen. Der Kicker deutet solche Gespräche und Kompromisse ja schon an. Denn wenn du hier vor Gericht verlierst, dann hast du als Sport veranstaltende Gesellschaft natürlich auch eine richtig schöne Präzedenz geschaffen, die dir immer wieder vor die Füße fällt. Das kann man ggf. mit einem Kompromiss vermeiden. 

Aus meiner juristischen Erfahrung: Man kann mit Behörden Kompromisse erzielen, auch ohne Gericht. Oder man schließt ihn am Ende mit gleichem Inhalt vor dem Gericht, denn Gerichte sind auch faul und es könnte sehr gut sein, dass das VG Hamburg bei einer entsprechenden Klage keine Lust hat, ein Urteil/einen Beschluss zu schreiben, und daher einen Kompromiss anregt. Außer die haben gerade eine*n arme*n Jurareferendar*in, der/die Verhältnismäßigkeitsprüfung noch mal lernen muss.

In diesem Sinne: Niemand braucht Jurist*innen. Außer sie heißen Goethe.