Nov 232021
 

Triggerwarnung, Text handelt von sexualisierter Gewalt und Übergriffigkeit.

Der FC St. Pauli ist für so viele Menschen ihre „Trauminsel“. Ihr Platz zum Wohlfühlen, ihre Oase im falschen Leben, ihr Platz zum Ausflippen und sie selbst sein und ihr Platz der Freude und des Leid. Worte wie „Wohnzimmer“ und „Heimat“ kommen über die Lippen von Menschen, die sonst nichts mit Heimat anfangen können. 

Der FC St. Pauli und seine Fanszene empfindet sich als links, emanzipiert und antisexistisch. Diese Attribute machen für viele Menschen auch die Attraktivität in einer männlich gelesenen Welt aus. 

Dabei ist auch unsere Kultur erstmal eine männliche. Viele Verhaltensweisen auch in unserem Stadion sind männlich dominiert, viele Ausdruck einer Machokultur. Es beginnt bei „seid zu schwach“ („wie Mädchen“ oder ähnliches kommt mir ganz schnell in den Sinn) geht über bei „besoffen auf den Zaun springen, egal ob da noch jemand in erster Reihe hätte stehen wollen oder stand“ und die männlich dominierten Blogs, Podcasts und Führungszirkel in diesem Verein bis zu viel schlimmeren Verhaltensweisen. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist die auch die Ultrakultur mit ihrem territorialen Denken und ihrem auch auf der Straße Agieren wollen und auch müssen – eine männliche Kultur, eine Machokultur. 

Und ja auch beim FCSP. Und umso linker wir uns fühlen, umso mehr wird dies ein blinder Fleck in unserer Eigenwahrnehmung. Umso mehr machen wir die Augen zu. „Die sind sonst nie da“, „das kann ich mir beim FCSP gar nicht vorstellen“, „das war ja nur auswärts“ oder andere Reaktionen sind aus unserem linken Selbstverständnis nur zu schnell getroffen. 

Dabei machen wir uns nichts vor. Fehlverhalten gegenüber FLINTA* ist an der Tagesordnung beim FCSP und dies bis zum innersten der innersten Fanszene. Wir müssen uns diesem stellen. Wir müssen uns unserer eigenen Negierung und unserem eigenen Fehlverhalten stellen. Sei es, weil man als Mann selber so ein Verhalten an den Tag gelegt hat, sei es, weil man einen Mann in seinen eigenen Strukturen viel zu lange gedeckt hat oder immer noch deckt. Wer hier sagt „das habe ich niemals“, der lügt sich komplett in die eigene Tasche. Kein Mann beim FCSP wird sich von diesem Vorwurf komplett freisprechen können. Und nicht nur kein Mann beim FCSP. Kein (cis-)Mann weltweit.

Hört auf zu lügen und so zu tun, als ob ihr die perfekten Feministen seid. (Schreibt hier ausdrücklich ein Mann)
So lange dies nicht der Fall ist, werden wir keine „Trauminsel“ für FLINTA* sein. Wir können uns immer wegen unseres hohen Frauenanteils loben, aber dies ist Teil unseres blinden Flecks. Viele dieser Frauen erleben ständig Fehlverhalten, wie viele Frauen müssen sich jeden Schritt genau überlegen? Wie viel FLINTA* schrecken wir ab? Das kann nicht sein. 

Wir müssen feststellen, dass wir in vielem von anderen Vereinen überholt worden sind. Bei uns arbeiten Menschen ehrenamtlich an diesem Thema, man kann sie nicht häufig genug dafür loben, aber die Unterstützung des Restes des FCSP? Ist viel zu wenig. Nur als Beispiele: In Bremen wird per Clip auf der Anzeigentafel auf Awareness-Strukturen hingewiesen und Kontaktstellen benannt, in Darmstadt kommt es zu einer entsprechenden Durchsage. Auch im Fan-ehrenamtlichen Bereich wird sich gerne mit einer AG Awareness geschmückt, aber wie sieht denn die konkrete Unterstützung und auch Zustimmung zu Maßnahmen aus? 

Und bei der ganzen guten Arbeit, die aus dieser AG heraus kommt und kommen wird, ohne eine 100 % Unterstützung aus dem hauptamtlichen Bereich und ohne eine 100 % Unterstützung aller anderen Fangruppen sind Ressourcen endlich und die Arbeit frustrierend. Und 100 % Unterstützung meint hier u.a. auch eine Vollzeitstelle mit keiner anderen Aufgabe. 

Wir als Fans müssen auch eher die betroffenen Personen als unser eigenes Außenbild im Blick haben. 
„Intern aufarbeiten“ hat engste inhaltliche und zeitliche Grenzen. Sonst wird es Vertuschung. Wenn so etwas passiert, muss es konsequent, schnell und mit Ergebnissen, die für die Betroffenen sichtbar sind (!) passieren. Das haben Gruppen beim FCSP schon hinbekommen, das geht also. Und ja es ist schmerzhaft, jemanden aus seinem Leben zu streichen, der vielleicht mit einem im Steinhagel von Rostock stand und den 9er bis nach Neapel gefahren hat und auch sonst immer gut drauf war. Du als Kumpel bekommst die schlechte Verhaltensweise vielleicht nur am Rande mit, aber sag mir nicht, dass du sie gar nicht mitbekommst. Und dann musst du Fragen stellen. Schnell. Haben wir alle nicht gemacht. Weil bequem. Und Menschen und insbesondere Männer sind bequem. Noch mehr in solchen Fragen. 

Was brauchen wir? Klare Strukturen, klare Handlungsschemata, was in solchen Fällen zu passieren hat. Strukturen, die den Betroffenen helfen und ihre Parteivertreter*innen sind. Die Organisation (wir als Fanszene) muss sich verändern und dazu bedarf es klar abgesteckter Prozesse und Strukturen. Wir werden sehr viel unserer Verhaltensweisen grundlegend überdenken müssen. 

Und das schöne? Jede*r von uns kann damit ganz von selbst anfangen: Dummer Spruch gegenüber einer FLINTA*? Zeigt euch solidarisch, unterstützt. Wie das aussieht, ist in jeder Situation anders. Aber „Klappe halten“, „wegschauen“ und „war doch nicht so schlimm“ waren es ehrlicherweise noch nie und sind 2021 einfach keine Optionen mehr. 

Wenn wir feministisch sein wollen und endlich viel offener für FLINTA* sein wollen, müssen diese Schritte sein. Und sie werden schmerzhaft sein. Auf individueller, als auch auf kollektiver Ebene. 

Volle Solidarität mit allen Betroffenen von sexualisierter Gewalt und sexueller Übergriffigkeit. 

Kontakt zur Awareness-Gruppe gibt es über post (at) awareness-stpauli.de, wir können auch gerne persönlichen Kontakt herstellen. Haltet sonst morgen auch im Stadion die Augen auf.

  5 Responses to “Zu den aktuellen Vorwürfen”

  1. Danke. Guter und wichtiger Beitrag

  2. […] Die Fanszene des FC St. Pauli wäre gerne der safe place, als der sie von vielen angesehen wird – und sicher auch für viele ist, gerade im Gegensatz zu einigen anderen Vereinen.Allerdings macht man es sich in dieser vermeintlichen Oase auch gerne gemütlich und ruht sich aus, gerade (oder eher: besonders!) wir weißen, alten Männer – und verkennt dabei, dass es auch bei uns keine Insel der Glückseligkeit ist und es hier die gleichen Probleme gibt, wie überall in der Gesellschaft. Gedeckt und beschützt von den eigenen Leuten, was sicher auch viel mit Bequemlichkeit zu tun hat. Konkreter Anlass: Sexualisierte Übergriffe, wie in den letzten Tagen bereits kurz besprochen.Dies aufzubrechen und immer wieder kritisch zu hinterfragen, ist ein ständiger Prozess – und wahrscheinlich müssen wir alle noch viel mehr dafür tun.Ausführlicher aufbereitet: Magischer FC Blog. […]

  3. das ist eben das typisch religiös Ideologische der Neulinken.
    dabei ist die Ursünde wichtig. Die Ursünde, hier ein Mann sein, muss 1. auf jedenfall bekämpft werden weil die Auswirkungen der Ursünde sehr schlimm sind. 2. jeder Mann ist schuldig, wie im Artikel beschrieben.
    Mann sein ist also per Definition etwas das bekämpft werden muss.

    Es ist ein Kult.

  4. […] als früher: weniger Fahnen, keine Vorsänger auf der Süd – total verständlich, hat aber nichts mit der Pandemie zu tun. Und dann darf ich als Fotograf nicht mehr vor die Gegengerade, auch verständlich, hat aber […]

  5. Wir machen es kurz: David halt’s Maul.

    PS: Zu bekämpfen sind nicht Männer, sondern das Patriarchat.

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