Nov 082021
 

Liebe Lesende,

so eine Pause ist ja immer ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten, und da nix wirklich Spannendes im TV läuft (wer guckt schon „Wetten dass…“?) wollen wir euch mit einer Diskussionshilfe für eine Diskussion mit euren „Pauli gehört aber doch in die 2. Liga, da ist es viel schöner“-Freund*innen versorgen.

Hier also die beliebtesten Argumente der Aufstiegsverweiger*innen und eure Gegenargumente:

Vorneweg

Was ist eigentlich als FCSP-Fan attraktiv?

Das mögen Menschen unterschiedlich beurteilen. Für einige ist es die soziale Ausrede, schon um 12 Uhr Bier zu trinken (wenn das bei euch so ist: Denkt mal ganz doll drüber nach, ob alles gut ist bei euch), für andere ist es einfach nur im Stadion zu stehen und Fussi mit Freund*innen zu gucken, egal wie es ausgeht. Diese Menschen sind mit Zweitligafußball gut bedient. Man kann sich immer nur fragen, ob sie mit Oberligafußball nicht besser bedient wären, da es dort das ganze Paket für deutlich weniger Geld geben würde. Wir sind nicht dafür. Wir gewinnen gerne. Wir haben gerne sportlichen Erfolg. Und das am liebsten, wenn man nicht Sonntags um 11 vor dem Stadion steht und denkt „Scheiße, da ist nun das nächste Dorf mit Fußballverein zu Gast, es kommen 50 Gästefans und eigentlich MÜSSEN wir gewinnen, alles andere wäre hart peinlich“. Das ist irgendwie nicht das Gefühl, das uns so am Leben hält. Und versteht uns nicht falsch, diese Spiele gegen die Dorfvereine gewinnen wir trotzdem lieber als sie zu verlieren.

Letztens jährte sich das erste Spiel des FC Bayern am alten Millerntor zum 33. Mal. Ältere werden ein vollkommen überfülltes Millerntor, eine Anspannung wie bei einem Endspiel, zu dritt hintereinander auf einer Traverse und ein langweiliges 0-0, das wie die Meisterschaft gefeiert wurde, erinnern. Und werden erinnern, dass eine FCSP-Truppe, denen damalige angebliche Experten (das muss man nicht gendern) nix zugetraut haben, einen 10. Platz in der Bundesliga belegte.

Dieses Underdogfeeling. Dieses „wir spielen die in einem kochenden Millerntor an die Wand, egal ob die Champions League, Weltleague oder was-auch-immer-League spielen“-Feeling, das fehlt uns. Der volle Gästeblock, der stimmlich trotzdem unterlegen ist und ansehen muss, wie seine Borussia verliert. Das wollen wir nicht nur einmal alle 100 Jahre im Pokal. Das wollen wir in der 1. Liga. Jedes zweite Wochenende.

Hier also die beliebtesten Argumente:

1. „Aber in der 2. Bundesliga spielen doch die viel geileren Truppen – kein Hoffenheim, kein Leipzig, diese Investor*innenvereine“

Dafür aber Paderborn (Investor*innenverein), Heidenheim (Investor*innenverein), Aue (Investor*innenverein), Ingolstadt (Investor*innenverein) etc. Und auch die „geilen Truppen“ sind doch eine deutliche Momentaufnahme. Man stelle sich mal vor, dass wir nicht aufsteigen. Dann steigen ggf. Schalke und Nürnberg auf und werden durch zur Zeit Bielefeld und Fürth ersetzt. Nix gegen die beiden, aber „geile Truppen“ im Sinne von „stehen für cooles Fußballerlebnis“ würden wir die nicht wirklich einordnen. Fürth? Echt sympathische Fans und so, aber eben doch eher gefühlte 2. Liga. Und nebenbei letztendlich auch ein Investor*innenverein. Greuther sei gegrüßt. Bielefeld? Da laufen wir wieder nur Gefahr, dass Polizist*innen sonst ihre Waffe ziehen müssen. (https://www.magischerfc.de/2019/07/ansonsten-muss-ich-meine-waffe-ziehen/)

2. „Wir sind viel zu klein“

Der FC Augsburg spielt seit über 10 Jahren 1. Liga. Der SC Freiburg ist ein etablierter Erstligist. Wo ist der FCSP dann „zu klein“?

Als wir das letzte Mal guckten hatte Augsburg irgendwie 300.000 Einwohner*innen und der geografisch nächste Bundesligist ist Bayern. Gerade einmal 80 km (angegeben sind jeweils die Straßenkilometer) entfernt. Freiburg? 230.000 Einwohner*innen, bis zum nächsten Bundesligisten sind es zwischen 170 und 180 km; Maps ist da unschlussig wie man fahren soll. (Nebenbei: Das ist einer der Faktoren, warum sich Freiburg so gut hält, die haben in Baden freie Bahn.)

Und der FCSP? Hamburg hat gepflegte 1,8 Millionen Einwohner*innen und der nächste Bundesligist spielt in Wolfsburg. Das ist nicht mal mehr Norddeutschland (https://twitter.com/norddoitschland/status/1397652124729847808?s=20) und es sind 177 km.

Ja, solche Argumentationen mögen FCSP-Fans nicht hören, weil jetzt knallharter Kapitalismus kommt und ein bisschen auch „Stadiontourist*innen“-Argumentationen, aber Loide, glaubt nicht, dass man so etwas in Liga 2 nicht auch unbedingt braucht. Diese Liga ist auch keine Insel des Kommunismus.

Uns liegt ein komplett ungenutzter Markt von Millionen Menschen zu Füßen, in dem die Menschen und damit auch die Sponsor*innen nach Bundesligafußball lechzen. Wir sprechen hier über eine Stadt mit einem riesigen Bruttosozialprodukt und einem riesigen Potential. Eine ohne Bundesligisten. Dankenswerterweise haben es unsere Nachbarn aus dem Bezirk Altona geschafft, diesen Markt jahrzehntelang so schlecht zu nutzen, dass sie nun auf Platz 4 und 1-1 gebucht sind.

Sorry Loide, aber da liegt das Geld auf der Straße, wir müssen es nur aufsammeln! Und wenn das euer kommunistischer Lieblingsblog sagt, dann ist das so.

Kleine Ergänzung: Wenn einem Sponsor*innen die Bude einrennen, kann man auch wählerischer werden. Vielleicht gäbe dann ohne wirtschaftliche Gefahr endlich mal die Gelegenheit, Wettanbieter (oder Alkoholproduzenten) vor die Tür zu setzen? Sowas ist in Liga 2 deutlich komplexer.

Das gilt auch für so etwas wie Businessseats. Sorry, aber die verkaufst du an relativ wenige Menschen, wenn da Heidenheim und Sandhausen kommen. Aber sie sind Verkaufsschlager, wenn du Bayern und Dortmund empfängst. Ja, wir mögen die nicht, aber so lang es die Realität ist, dass dieser Quatsch mehr Geld erlöst als das gesamte restliche Millerntor, so lange werden wir auch in Liga 2 damit leben müssen. Und dann lieber aus den vollen.

Insbesondere wenn kein anderer norddeutscher Klub mit aufsteigen würde, wäre das eine große Chance eine riesige Brachfläche zu besetzen.

Hamburg ist die größte europäische Stadt ohne Bundesligisten, und weltweit wird man wahrscheinlich nur sehr wenige Millionenstädte finden, die keinen Verein in der jeweils bekanntesten obersten Sportliga des Landes haben. Hamburg ist braun-weiß? Zeigen wir es dieser Stadt! Und das kann dann auch wichtig für die Region werden. (Grüße an Schmölli!)

3. „Wir steigen gleich wieder ab“

Natürlich, es ist nicht einfach, sich als Aufsteiger in der 1. Liga zu etablieren. Und es wird durch diesen ganzen Fernsehgelderverteilungsdreck von Jahr zu Jahr immer schwieriger. Und 00/01 und 10/11 haben wir nicht wirklich Land in Liga 1 gesehen.

Vielleicht aber nicht deswegen, weil wir verflucht sind oder es „nicht können“ als Verein. Vielleicht deswegen, weil wir ganz entscheidende Fehler selber und ohne Druck gemacht haben und gerade 10/11 auch eine Chance liegen lassen haben. Wir erinnern nur an „neeee, Trainingslager im Winter hab ich keinen Bock drauf“ und die anschließende Arie um Trainingsbedingungen. Wir sind uns sicher, dass der FCSP der heutigen Zeit da viel professioneller aufgestellt ist, um solche Chancen auch zu nutzen.

Kurz: Ein bisschen Glück gehört dazu, aber wir können das! Wir sind auch infrastrukturell dazu in der Lage. Das war 00/01 und 10/11 eben noch nicht so stark der Fall.

Und außerdem: Sogar scheiß Union hat das mit dem „nicht gleich wieder absteigen“ geschafft. Warum nicht auch wir?

4. „Aber ich gewinne lieber die meisten Spiele in der 2. Liga und die Truppe ist doch gut“

Und diese Truppe ist bei einem Klassenverbleib zu großen Teilen weg, weil Spieler eben in Liga 1 wollen. Bei Klassenerhalt gehst du sehr schnell den Kieler Weg. Und das bringt keinen Spaß. Mal ganz davon ab: Dass wir nun in den letzten 11 Jahren immer geile Saisons gespielt haben, das kannst du nur bei ganz viel Astra im Kopf glauben. Das war zu einem riesigen Teil auch ganz schlimmes Existenzgekrampfe. Dann lieber Liga 1.

Nebenbei muss auch niemand glauben, dass dann ein Timo S. hier mittelfristig Trainer bleiben würde. Genauso wenig wie ein Fabian H. oder ein Loïc F. dann hier lange als Cos bleiben. Oder ein Andreas B. Sportchef. Da lockt auch ganz schnell die Liga 1.

In Liga 1 hätten wir zumindest die Chance, Trainer und Spieler in weiten Teilen zu halten und andere Spieler zu bekommen. Das ist uns deutlich lieber als wieder Kaucze-Fußball mit Kadern, die niemand 5 Jahre später auch nur zur Hälfte noch aufzählen kann, weil die Spieler nie länger als 2 Jahre bei uns geblieben sind. (Fairerweise: So schlimm ist es nicht ganz, da sind schon noch ganz viele Spieler, an die sich ein FCSP-Fan erinnern wird. So einen richtig brutalen Willem Hupkes (Vereinslegende der Saison 04/05, da haben Spieler im Kader gestanden…) Moment hatten wir nicht.)

Wir könnten uns auch vorstellen, dass wir einige Spieler haben, die in einer Liga, in der viele Vereine gegen einen das Spiel machen wollen, noch mehr aufblühen als in Liga 2. Oder dass zumindest unser Konzept dort auch marktfähig ist.

Nebenbei: Dahin gehört auch das „aber vor einem Jahr haben wir doch noch gegen den Abstieg gespielt, lass uns doch erstmal oben in Liga 2 etablieren“-Argument. Es ist Bullshit. Es gibt im modernen Fußball keinen 3-Jahresplan. Wenn wir jetzt nicht aufsteigen, fangen wir von vorne an. Und im Notfall spielen wir dann wieder gegen den Abstieg. Vielleicht kann man einen drei oder vier Transferperioden-Plan haben und umsetzen. Aber mehr Zeit hat man nicht. Bornemann ist nun seit vier Transferperioden bei uns. Unser Plan ist also genau jetzt in der Zeit, in der er aufgehen sollte. (Wir haben den Sommer 2019 mal nicht mitgezählt, da kam er zu spät.)

5. „Aber der Kommerz ist so schlimm in Liga 1“

Ach, und in Liga 2 nicht? Ne, sorry Leute, da müssen wir euch enttäuschen. Auch in Sandhausen wird der Furz des Maskottchens von irgendwem präsentiert. Und wieviel Kommerz wir uns leisten haben wir selber in der Hand. Siehe auch oben.

Weitere Argumente für Liga 1:

6. Das Gefühl

Niemand (!) trägt „5-1 gegen Paderborn, ich war dabei“-T-Shirts. Aber viele Menschen tragen immer noch die Aufstellung des Spieles gegen Bayern an einem kalten Mittwoch im Februar auf einem T-Shirt spazieren. Und das Spiel ist bald 20 Jahre her. Solche unvergesslichen Spiele gibt es nur in Liga 1. Und kommt uns jetzt nicht mit Derby. Das wird ja zur Gewohnheit.

Und #RainerKochRaus-Pokal? Neeeee, ist uns zu selten

7. Wenn wir was ändern wollen, müssen wir erfolgreich sein

Wir wollen für einen anderen Fußball stehen. Wir wollen für einen 100 % e.V. Fußball (das ist etwas anderes als 50+1) stehen, für einen basisdemokratischen Fußball, für einen antifaschistischen Fußball (was das auch immer heißt). Wir haben die große Chance zu beweisen, dass dies geht und man in der 1. Liga damit spielen kann. Die ganzen „mittelmässiger Zweitligist“-Takes sind dann halt haltlos. „Kalle, halt die Fresse, wir sind Bundesligist“ ODER die „konzentriert euch doch aufs sportliche“ oder die „wir brauchen Experten (musste mal wieder nicht gendern hier) in der Vereinsführung“-Takes. Man wäre das Leben schön. Und Detailkritik an gewissen Dingen ist im FCSP viel einfacher.

Und genau das hat Oke auch 2019 schon gesagt:

Sowieso: Wir sind ja nicht nachtragend, aber sollen wir mal die Kommentare auf der offiziellen HP zur Ankündigung von DIIY oder zu eigentlich jedem Post in der Zeit so um Dezember 2020 heraussuchen? Möchte da vielleicht jemand „oh fuck, hatte ich Unrecht“ beichten? Nutzt dazu bitte die Kommentare. Wir verzeihen viel, wenn man beichtet. Den Wunsch, unserem Sportchef mit einer Schrotflinte zu begegnen, jedoch nicht. You know who you are.

Und stellt euch doch mal vor, wir würden vor Wolfsburg und/oder Leverkusen stehen. Da würde ein „verpisst euch mit euren 100 % Investorenmodellen“ sehr viel überzeugender klingen.

Es gibt in der DFL soviel zu ändern. Dies könnten wir als Erstligist noch viel besser.

8. Wir wollen in die Champions League

Ja, wollen wir. Einmal diese komische Hymne am Millerntor erleben. Könnt ihr euch diese Gänsehaut vorstellen? Irgendwie Real, Inter, Barcelona wer auch immer laufen auf einem Rasen auf, auf den die meisten von uns noch Paderborn oder Sandhausen haben kicken sehen? „Die Meister, die Besten“ meint uns? Uns Trümmerverein? Gänsehaut beim Schreiben, Loide!

Die Pyroshow von Inter im Gästeblock sehen, unsere fette „Fuck UEFA“-Choreo feiern. Und das Millerntor brennend erleben. Das wäre unser Traum.

Einmal vor der Scala „Oirobabogal“ brüllen. Arm in Arm mit all den verrückten Menschen, die seit Jahren diesen Verein begleiten. Die seit Jahren Ehrenämter in diesem Verein ausfüllen (Glückwunsch zur Wiederwahl, lieber FCSR, an dieser Stelle). Die schon bei Kickers Emden waren und die einfach so einen Trip mal verdient hätten. Koste er, was er wolle.

Stellt euch einfach nur den epischen 16 Stunden-eine-Tour-Sonderzug nach Barcelona vor. (Die erste Rückfahrtschicht übernehmen wir dann wieder – in guter Manier :))

(Und jetzt komme niemand mit irgendwelchen theoretischen Wegen über Pokal und Europa League etc. Und ja, dass die CL immer mehr zu einer closed shop-Shitshow wird wollen wir nicht unerwähnt lassen, aber umso wichtiger, da einmal mitzuspielen, bevor es gar nicht mehr geht.)

9. Weil wir etwas wissen wollen

Wir finden es immer wieder sehr schön, dass von den zwei Schlagerkapellen*, die sich in Teilen FCSP-Fans nennen, Melodien für Stadionlieder genutzt werden. Und wir würden sehr gerne wissen, ob und wie „Ich träum von dir…“ umgetextet wird, wenn wir Liga 1 spielen. Oder gehen wir dann den anderen Weg von Fußballliedern? Normalerweise überhypen die ja alles „sind die besten der Welt“ und wir singen im Gästeblock von Barcelona immer noch was von „in meinen Träumen bist du Europacupsieger“? Wie geil wäre das denn?

(*gemeint sind hier die Ärzte und Fettes Brot. Von den ganzen GHvC-Menschen hat nach unserer Ansicht bisher keiner eine fangesangtaugliche Melodie geschrieben. Was nicht wirklich eine Kritik ist.)

Aufstieg jetzt. Keinen Schritt zurück. Unser Tag wird kommen.