Apr 082021
 

Corona hat den Fußball immer noch fest in der Hand und wir veröffentlichen auf diesem Blog in letzter Zeit kaum Inhalte. Umso dankbarer sind wir, dass Trashi sich bereit erklärt hat, diesen Gastartikel zu schreiben. Wir freuen uns, diese wichtigen Inhalte hier vertiefend aufgreifen zu können.

Kein Fußball den Faschist*innen, keine Soli mit Corona-Leugner*innen und keine Kulturszene für extreme Rechte.

[Ihr werdet sehen, dass wir auf verschieden Arten gendern – als Kollektiv sind wir hier immer noch im Meinungsfindungsprozess, bis dahin gendern wir auf jeden Fall, aber auf verschiedene Arten.]

Hier nun der Text:

Gestern habe ich einen Thread auf Twitter veröffentlicht, der den Status Quo rund um die Große Freiheit 36, das Docks und ihr Netzwerk beleuchtet. Aufgrund der großen Resonanz und der Wichtigkeit des Themas wurde ich vom Kollektiv angefragt, ob ich nicht Lust habe, etwas ausführlicher zu werden. Vielen Dank dafür. Ich habe alle Quellen soweit verlinkt wie ich es für vertretbar halte dahin zu verlinken. Alles andere ist, wenn es euch wirklich interessiert, mit ein bis zwei Suchen bei der Suchmaschine eures Vertrauens zu finden. 

Die erste Wandzeitung

Ich persönlich bewege mich seit vielen Jahren im Hamburger Club- und Veranstaltungskontext und verfolge die Thematik deshalb von Beginn an mit großem Interesse. Mit den beiden Clubs hatte ich, außer als Gast, allerdings nie etwas zu tun. Als die erste Wandzeitung am Docks auftauchte, wunderte ich mich, dass diese auf wenig Gegenwehr traf. Gefühlt war das Thema nur in einer kleinen linken Bubble zu sehen. Dachte allerdings auch, dass da jetzt auch keine große Gefahr von ausgeht und das Ganze nicht größer gemacht werden sollte als es ist. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert.

Spannend wurde es dann erstmals, als das Musikmagazin OXMOX sich auf die Seite der Lockdown-Gegner:innen stellte. Zudem veröffentlichte das OXMOX Magazin eine Stellungnahme der Großen Freiheit 36, namentlich unterschrieben vom damaligen Geschäftsführer Mitja Boettger-Soller*, in Solidarität mit dem Docks und ein Zitat von Karl-Hermann Günther [Korrektur, 9. April 2021, 20:41 Uhr, hier hatte sich der Fehlerteufel eingeschlichen und Karl-Herrmann wurde fälschlicherweise als Klaus Hermann bezeichnet] aus April 2020: „Ich denke, dass in vier bis sechs Wochen alles wieder weitergehen kann“. Nunja, er sollte sich irren.

In der Veranstaltungsbranche ist allgemein bekannt, dass Docks, GF36 und alle damit zusammenhängenden Läden einem Betreiber gehören. Dies war mit laienhafter Recherche jedoch zu dem Zeitpunkt nicht nachzuvollziehen, da verschiedene Betreiber:innengesellschaften mit verschiedenen Geschäftsführungen den Clubs vorangestellt sind. Nur ein Youtube-Video des Clubkombinats aus dem Jahr 2018 zeigt den Betreiber der Clubs Karl-Herrmann Günther bei einer Preisverleihung. Dort spricht er auch persönlich ein paar kurze Worte des Danks und sagt sinngemäß, dass er eigentlich nie wollte, dass Leute wissen, wer da nun wirklich hinter steht. Hier hält Karsten Schölermann (Inhaber des KNUST) eine flammende Rede für ihn. Heute dürfte ihm das Video hoffentlich peinlich sein. Inzwischen tritt der Inhaber der beiden kritisierten Läden aber häufiger öffentlich auf, dazu später mehr.

So bestätigte sich aber die Vermutung, dass hier der Geschäftsführer eines Clubs der Geschäftsführerin eines anderen Clubs, die beide den selben Betreiber haben, verteidigt. Das ist dann schon recht unseriös, wenn man das nicht transparent macht, sondern so tut, als kenne man sich nicht. Dazu forderte das OXMOX-Magazin schon auf der Titelseite eine Beendigung des Lockdowns. Das passt schon alles zusammen. Das OXMOX Magazin wird von Klaus M. Schulz in seinem eigenen Verlag vertrieben, den Namen könnt ihr euch für später merken.

Das Thema nimmt an Fahrt auf

Neue Fahrt nahm das ganze Thema mit Fotos der Wandzeitung am Docks Anfang dieses Jahres auf.

Neben Verharmlosung von NS-Verbrechen (Anne-Frank-Zitate in Verbindung mit der Corona-Lage) gab es Verweise auf Webseiten, auf denen antisemitische Inhalte verbreitet werden, beispielsweise KenFM von Ken Jebsen. Darauf reagieren – erwartet deutlich – zuerst Audiolith und danach – unerwartet deutlich – ein Zusammenschluss wichtiger Hamburger Musikagenturen mit einem offenen Brief, der eine Distanzierung von den Inhalten und einen Abbau der Wände fordert. Ansonsten müsse man die Zusammenarbeit einstellen. Bemerkenswert ist hierbei, dass sich eigentliche Konkurrent:innen offen gemeinsam gegen eine gemeinsame Einnahmequelle stellen. Die Clubgrößen von Große Freiheit 36 und Docks sind immens wichtig für den Hamburger Musikmarkt und nur äußerst schwer zu ersetzen. Das erfordert Mut und zeigt Haltung!

Da an diesem Statement alle großen Agenturen beteiligt waren, würde den betroffenen Clubs damit ein großer Teil ihrer Einnnahmen über Konzerte verloren gehen. Nach mehreren Wochen meldeten sich dann diese Clubs zu Wort, relativierten die Aussagen in ihrer Wandzeitung und schossen verbal zurück. Dieses Statement ist ein Klassiker der Diskursverdrehung. Es wird auf die konkreten Vorwürfe kaum eingegangen, stattdessen wird mit dem Finger auf andere gezeigt. In klassischem Duktus der rechten Coronaleugner:innenbubble wird den Autor:innen des offenen Briefs Demokratiefeindlichkeit vorgeworfen und man versucht mit klug klingenden Pseudoargumenten die Kritik auf andere zu lenken. Gesprächsbereitschaft wird lediglich vorgeblich suggeriert, denn eigentlich wird klar, dass die Unterzeichnenden nur sagen wollen, dass sie alles richtig gemacht hätten. Dass das einleitende Zitat Voltaire nicht mal zuzuschreiben ist und das mit einmal googlen klar wird, ist dann noch die Kirsche auf der Sahne-Schwurbeltorte.

Was viele vermutet hatten, wurde deutlich: Die Clubs distanzieren sich nicht und suhlen sich in ihrer angeblichen Opferrolle. Der Vorstand des Clubkombinats äußerte sich daraufhin (für einen Verein, der diese Clubs noch offiziell nach Satzung als Mitglied vertritt, sehr deutlich). Gleichzeitig gab es ein Stellungnahme vieler anderer Clubs, Kollektive und Künstler:innen, die sich für einen Auschluss aus dem Clubkombinat aussprechen. 

Weitere Hintergründe

Was mich persönlich zum Herauskramen meiner alten Ergebnisse brachte, war ein Artikel aus der ZEIT vom 2.4.2021, in dem auch Karl-Hermann Günther zu Wort kommt. Neben Geheule, dass sich Konzertagenturen dazu herabgelassen hätten, mit Diffamierungsbegriffen Entrüstungsorgien losgetreten zu haben, macht er auch deutlich, dass die kritisierten Clubs nicht freiwillig aus dem Clubkombinat austreten wollen. Er sei der Hoffnung, dass auch das Clubkombinat wieder zu einem normalen und offenen Diskurs zurückkehren möchte.

Hier sind zwei Dinge besonders zu beachten:

  1. versucht er sich in einer Opferrolle zu suhlen und das Gegenüber (Clubkombinat, Agenturen etc) in einen Handlungszwang zu bringen.
  2. tritt er aber nun zum erstem Mal nach zig Jahren als Betreiber der Clubs in Erscheinung.

Es wird versucht, mit einer Flucht nach vorne zu retten, was irgendwie noch zu retten ist. Diese Kampagne ist offenbar genau so geplant. Auch in Kieler Medien treten Karl Hermann Günther und seine Tochter (Geschäftsführerin seines Clubs „Traum“ in Kiel) schon seit letztem Jahr häufiger auf. Hier wurde sich offenbar ausprobiert. In Hamburg gibt es nun sogar einen ehrenamtlichen Pressesprecher. Doch auch da lohnt sich ein genauerer Blick, denn dieser ist kein geringerer als Torsten Engelbrecht, ein bekanntes Gesicht in der Szene der Corona-Leugner:innen. Er trieb sich auf mindestens einer Corona-Demo rum und vertreibt ein Buch, in dem er die Existenz von Seuchen leugnet („Virus Wahn“).

All das MUSS den Verantwortlichen der Clubs bekannt sein und zeigt, wie sehr sie im Netz aus Leugner:innen verfangen sind. Viel mehr schwurbeln am rechten Rand geht nur wenn man auf Leugner:innendemos Reichsflaggen schwenken würde. Hamburg1 hat zur Thematik einen guten kleinen Beitrag gebracht, in dem Engelbrecht auch selbst zu Wort kommt. An all diesen zeitlich nah beieinander liegenden öffentlichen Auftritten und Äußerungen wird deutlich, dass hier ganz offensichtlich eine geplante Kampagne gefahren wird.

Ein weiterer Verein taucht auf

In der Stellungnahme von Karl-Hermann Günther aus der die ZEIT zitiert, spricht er außerdem von einem anderen Verband aus der Branche, auf den er mehr Hoffnung setze. Dieser heißt ALIVE!Kultur. Ein kurzer Blick auf die Website verrrät, dass dieser Verband unter anderem Zitate von NENA veröffentlicht, die sich kürzlich bei den coronaleugnenden Demonstrant:innen in Kassel bedankte. Aber das passt ja dann auch wieder, wenn man „FCK LCKDWN“-Merchandise in Shop des Vereins verkauft. Dass ein Stop des aktuell ohnehin zu ineffektiven Pseudo-Lockdowns Menschenleben kostet, scheint nebensächlich zu sein. 

Auch einer Zusammenarbeit mit Kalle Schwensen steht nichts im Weg. Dieser hat zuletzt damit Schlagzeilen gemacht, dass er zur Pressekonferenz mit Coronaleugner:innen ins Hooters-Restaurant auf der Reeperbahn einlud. Unter anderem sprach dort auch der oben genannte Torsten Engelbrecht und Bianca Mansfeld von der Schwurbler:innen-Initiative „Eltern stehen auf“. Schon 2018 sprach Schwensen in Interviews herablassend über die MeToo Bewegung und seine Facebookseite strotzt seit Jahren nur so vor Nähe zur nächsten „Merkel muss weg“ Demo.

Ein Klick weiter und man ist beim Impressum angekommen. Schon wieder springen einem bekannte Namen entgegen, die schon woanders auftauchten: 1. Vorsitzende ist Roxanne Melody Schulz, die Tochter von Klaus M. Schulz, der das OXMOX-Magazin vertreibt. Und neben einer Sängerin Namens Susi Salm, die das Restaurant „Zwick“ mit führt, ist der 3. Vorsitzende Mitja Boettger-Soller, kein Geringerer als der inzwischen ehemalige Geschäftsführer der Großen Freiheit 36*. Zudem ist es mindestens unseriös, dass sich der Verein auf seiner Webseite als gemeinnützig bezeichnet, aber weder eine Satzung noch eine Steuernummer zu finden ist. Das ist tatsächlich normalerweise Standard. Da tiefer einsteigen sollten aber lieber Jurist:innen, vielen Dank für den Hinweis. Auffällig ist auch, dass die Spendengelder zur Zeit an einen Verein Namens „Hilf Helfen Hamburg e.V.“ gehen, über den wenig bis nichts zu finden ist, und nicht an ein Konto, das der Kampagne zugeordnet werden kann.

Neben den kritisch zu sehenden Personen wird auf der Webseite von ALIVE!Kultur sehr prominent die Landgang Brauerei als Unterstützerin aufgeführt, es gibt sogar ein extra Unterstützer:innenbier. Die Brauerei hat auf Twitter schon reagiert.

Dennoch muss man sich hier die Frage stellen, wie unwissend deren PR Abteilung ist, wenn die Fehltritte eines Kalle Schwensen an einem vorbeigehen und man da nichtmal recherchiert, bevor man ihn auf seine Bierflasche druckt. Seine öffentlichen Fehltritte begannen ja durchaus schon weit vor der Pandemie und führten schon lange zu Diskussionen um seine Person, zum Beispiel innerhalb der Fanszene des FC St. Pauli. Ein einziger Blick auf seine Facebookseite hätte gelangt. Seit Jahren.

Extrem rechte Positionen in den Mainstream bringen

Wenn man all dies nun betrachtet, wird deutlich, dass sich hier offenbar ein Kreis von Unternehmen und Menschen gegenseitig einen guten Leumund geben will. Beziehungsweise soll eine gut inszenierte Kampagne dazu führen, dass den Betreiber:innen der Clubs ein neues Image gegeben wird und diese so ihre (finanzielle) Haut retten können. Zudem entsteht ein neues Bündnis aus GF36, Docks und Co., das zusammen mit hippem Bier, einem Musikmagazin und fragwürdigen Kiezmenschen eine Akzeptanz für stramm rechte Parolen und Inhalte geben will. Man baut sich eine eigene Öffentlichkeit auf, weil einem die der anderen gegen den Strich geht. Ich bin mir nahezu sicher, dass viele Menschen, die sich dem anschließen, gar nicht merken mit was für Scharlatan:innen sie sich dort zusammentun. Genau aus diesem Grund braucht es aber eine kritische Gegenöffentlichkeit

Und zu guter Letzt könnte sich ja auch die der Stadt Hamburg zuzuordnende Sprinkenhof AG mal überlegen, ob über die Pachtverträge für Docks und Prinzenbar nicht nochmal nachgedacht werden sollte. Es gibt wirklich genügend gute Leute in Hamburg, die diese Bühnen für den Kulturbetrieb retten könnten. Bei der Haltung des Betreibers und seiner Geschäftsführungen werden die Räumlichkeiten dem Kulturstandort Hamburg ansonsten auf Dauer verloren gehen!

*Der Posten der Geschäftsführung der MGB Musikladen Gastronomie Betriebs-GmbH, dem Unternehmen das hinter den in der Großen Freiheit 36 ansässigen Clubs steht, wurde inzwischen von Mitja Boettger-Soller an Benjamin Steinicke übergeben. Dieser war dort schon bis 2017 Geschäftsführer und führte danach die Security Große Freiheit GmbH.

Ergänzung, 7. Juni 2021:

In dem Artikel haben wir behauptet, ein Kommentar von Engelbrecht finde sich auch bei KenFM von Ken Jebsen in einem Podcast bzw. Engelbrecht kommentiere in einem Podcast von Ken Jebsen. Tatsächlich handelt es sich bei dem KenFM-Podcast „Pandemie ohne Pandemie“ um einen Text, den Engelbrecht auf der Plattform „Rubikon“ unter Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht hatte und der daraufhin von „KenFM“ ohne weitere Korrespondenz mit Engelbrecht übernommen worden war. Wir widerrufen die oben genannte Behauptung daher als unwahr.