Mrz 052021
 

Montagabend, 22.30 Uhr, Bier in der einen, Kippe in der anderen Hand, Mitten in Hamburg, “DERBYSIEGER” schreiend, einfach mal glücklich sein.
Auf dem eigenen Balkon. Zu zweit. Vor einem leeren Innenhof. Vereinzelter Jubel in der Ferne. Ein bisschen Feuerwerk.

Ihr Lieben, ihr wisst, was die vergangenen 12 Monate passiert ist. Ihr wisst, was Montag passiert ist. Der FC St. Pauli ist Pandemie-Derbysieger. Das ist aus mehreren Gründen nicht normal. Das ist ein Spieltag als Lach-Wein-Smiley*.

Wir wetten, euch geht es nicht viel anders als uns. Wie oft seid ihr zwischen “YEAH, endlich mal wieder ein RICHTIG geiles Erlebnis in diesen miesen Zeiten!” und “Wie traurig ist es, das nicht gemeinsam feiern zu können!?” hin- und hergependelt? Bei uns ständig seit Montag. Kein gemeinsames Ausrasten im Stadion, kein Sich-in-die-Arme-fallen, kein verschallertes gegenseitiges Anbrüllen vor den Fanräumen … schon vor dem Spiel kam einfach nicht das Kribbeln auf wie sonst. Aber das haben wir bereits zum Hinspiel geschildert.

Die (un-)sichtbare Wand der Hilflosigkeit

Einen Fernseher anzuschreien, das macht nach wie vor wenig Spaß. Auch wenn die Spieler auf dem Platz sicherlich relativ wenig individuelle Stimmen hören, wollen wir doch glauben, dass es im Stadion was bringt. Gemeinsam. Zusammen. Alles nach vorn. Noch mal alles geben.

Hilflosigkeit. Dieses Gefühl haben wir im Stadion eigentlich nie, vorm Fernseher ist das Gang und Gäbe. Vielleicht auch ein Sinnbild für diese ganze Pandemie, an der wir so wenig ausrichten können, außer eben zu Hause zu bleiben.

Hoffentlich habt ihr alle noch nicht vergessen, wie das mal war. Damals. Im Stadion. Alle zusammen.

Zum Glück wissen wir, wie es eigentlich geht

Dieser Derbysieg fühlt sich an wie ein halber, wenn wir mal ehrlich sind. Zugegeben, wir haben uns mittlerweile fast daran gewöhnt, liefen die vergangenen Jahre doch in der Regel gut für Braunweiß. Was sind wir dankbar, dass es 2019/2020 noch live und vor Ort zu erleben war, die Vorstadt rund zu machen! Stellen wir uns vor, dies wäre der erste Derbysieg seit langer Zeit gewesen. Da wären wir doch alle verrückt geworden.

Vor allem ist da diese unüberwindbare Distanz. Am Montag drehen wir wenige Stunden vor Anpfiff sogar noch unsere Runden durchs Viertel, sehen ein paar bekannte Gesichter auf den Straßen, am Stadion ist – pandemiegerecht – ein bisschen was los in Vorbereitung auf das kleine große Spiel. “Das kleine große Spiel” haben wir gerade ohne viel Nachdenken geschrieben. Das trifft es. Ein bisschen wie das kleine Derby zwischen den U23-Mannschaften. Mehr ein Symbol. Nicht die ganz große Wirklichkeit.

Punkte sind so oder so wichtig

Und nun ist Freitagabend, wir sind Derbysieger*innen und alles war richtig, wichtig und gut. Sonnabend ist schon das nächste Spiel. Vergessen wir nicht, dass wir jeden Punkt gebrauchen können! Schließlich hängt in diesen Zeiten sicherlich mehr als sonst schon das Überleben unseres Herzensvereins von Klassenerhalt, Platzierung in der Abschlusstabelle und Fernsehgeld ab. Doch nach diesem Spiel, was die vollkommene Entfesselung aller aufgestauter Emotionen hätte sein können, ebbt die Freude so viel schneller ab als sonst. Weil sie nie das gleiche Maß wie sonst erreicht hat.

Natürlich haben wir uns gefreut und freuen uns noch. Ein kleines bisschen heiser war unsereins sogar am nächsten Tag, wie lange hatten wir vorher nicht mehr laut gerufen!? Es gab sogar das Glück, am nächsten Tag einen Rautenkollegen kackfrech nach seinem Befinden zu fragen. Und Twitter war für viele von uns ein Kanal, wo zumindest virtuell die Sau rausgelassen wurde.

Ein Derbysieg in Pandemiezeiten ist besser als eine Derbyniederlage in Pandemiezeiten.
Aber ein Derbysieg ohne Pandemie ist noch viel besser als ein Derbysieg mit Pandemie.

*Ich hasse Lach-Wein-Smileys normalerweise, weil sie so inflationär vorkommen, wo die meisten Menschen doch herzlich selten beides gleichzeitig tun.

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)

Blue Captcha Image
Refresh

*