Mrz 242021
 

Wie das erste Heimspiel nach überwundener Pandemie aussehen könnte

Seien wir ehrlich. Wir alle haben Sehnsucht nach Stadionbesuchen. „Ich wünsche mir, dass ihr mich anmotzt, weil ich zu spät in den Block komme.“ „Ich will sonntags um 4 Uhr aufstehen müssen.“ „Ich würde sogar freiwillig nach Dresden fahren.“ Sätze, die so oder so ähnlich in den letzten Wochen und Monaten in unserem Umfeld gefallen sind. Uns allen fehlt das Stadion, das Umfeld, die Zerstreuung. Auch wir können es kaum erwarten, endlich wieder ein Spiel mit einem vollen Millerntor zu erleben. Aber wäre es wirklich so geil, nach X Monaten Fußball im TV plötzlich wieder in einem vollen Stadion zu stehen? Eine (nicht ernstgemeinte) Zukunftsvision. 

Heimspiel. Samstag. Anpfiff: 13:00 Uhr. November. 3°C und Regen. Zu Gast: Gegner 08/15

Der Wecker klingelt. Wir schälen uns voller Vorfreude auf das erste Spiel mit vollem Haus aus dem Bett. „War Fußball früher auch schon so früh?“, blitzt bei uns als Frage im Hinterkopf auf. Dunkel können wir uns an Treffen um 4 Uhr morgens erinnern. Vor unserem Kleiderschrank stehend folgt schon das erste Problem. Was zieht man für 3°C Regen in Hamburg im November an? Regenjacke oder schon die dicke Winterjacke? Wie viele Schichten, um weder zu erfrieren noch den Hitzetod zu sterben? Braucht es schon Termoleggins? Handschuhe? Mütze? Und wo ist eigentlich der Glücksbringer-Hoddie? Nach schier endlosen Minuten des Überlegens und verzweifelten Nachrichten zwischen den Mitgliedern der Bezugsgruppe verdrängen wir den Gedanken an unseren Jogger und das Sofa und entscheiden uns für ein Outfit. 

Wir sind zu aufgeregt zum Frühstücken

Schon viel zu lange fiebern wir auf diesen Tag hin, viel zu lange haben wir gewartet, viel zu oft unsere Verzweiflung und Hilflosigkeit gegen den Fernseher geschrien. 

Also auf zum Stadion. Auf dem Weg dorthin schießen uns die Erinnerungen durch den Kopf, was wir alles vor so einem Spiel während der Pandemie gemacht haben. Einkaufen, Putzen, Laufen oder auch einfach den kompletten Vormittag im Bett verbracht. Wie viel Zeit wir in unserem Leben wohl schon dem Fußball gespendet haben? Schon aus der Ferne sehen wir die Menschenmengen vor dem Fanladen stehen. Mal sehen, ob wir das mit der sozialen Interaktion nach all der Zeit noch können. Wir stürzen uns in die Menge. Begrüßen gute Menschen, die wir in der letzten Zeit viel zu stark vermisst haben, und sehen Menschen, auf die wir gerne noch länger verzichten könnten. Letztere sitzen hoch zu Ross. Und wir hatten uns zwischenzeitlich schon Sorgen gemacht, ob die Pferde in den letzten Monaten genug Auslauf bekamen. Wir quatschen über dies und das. Holen uns ein Spezi aus dem Fanladen und fragen uns beim Abholen der Auswärtskarten, ob Fußball schon immer so teuer war. 

Weil alte Rituale nur langsam sterben, stehen wir 30 Minuten vor Einlass an „unserem“ Eingang. Es ist kalt und wir haben jetzt schon nasse Füße. Wir hätte doch die Winterjacke anziehen sollen. Die Ordner*innen öffnen die Eingänge und wir stellen fest, dass wir definitiv aus der Übung sind. Jacke auf? Abtasten? Ticket zeigen? Was kam nochmal zuerst? Und wie herum muss die Karte unten den Scanner? Die Ordner*innen wirken beim Abtasten genauso aus der Übung wie wir. Aber immerhin mal wieder Körperkontakt. Wir erklimmen die ersten Stufen, und stellen fest, dass das Stadion in den letzten Monaten gewachsen sein muss. Das war vorher doch nicht so hoch. Zum Glück können wir eine kurze Verschnaufpause einlegen, denn wir müssen ja noch frühstücken. Enttäuscht stellen wir fest, dass es immer noch keine Pommes auf der Gegengerade gibt. X Monate hatten sie Zeit und jetzt das. Allgemein war der Inhalt unseres Kühlschranks bzw. des Kühlschranks des Lieferservices unseres Vertrauens überzeugender. Hallo? Gebt euch mal ein bisschen Mühe! Wir haben in den vergangenen Monaten schließlich auch ordentlich kochen gelernt! Naja. Wir entscheiden uns für Waffeln und nehmen uns auf dem Weg zu unseren Plätzen noch ein Bier mit. Das haben wir uns früher definitiv schmackhaft getrunken. Wir vermissen unser leckeres IPA oder Witbier aus Kleinbrauereien, das zu Hause wartet.

Ob sich Fußball im Stadion durchsetzen wird?

Wir finden unsere Plätze, reden und um uns herum füllen sich die Tribünen langsam. Ganz schön eng so ein Fußballstadion. 30 Minuten vor Anpfiff beginnen die Füße zu schmerzen. Auf Betonstufen stehen – ein seltsames Konzept. Wir tippen uns einen Reminder ins Handy, uns für die nächste Saison unbedingt Sitzplätze zu besorgen. Besorgt versuchen wir im Kopf zu überschlagen, wie lange es wohl dauert, bis wir uns wieder hinsetzen können. Zum wiederholten Mal heute denken wir wehmütig an unser Sofa und den Jogginganzug zuhause. Um uns herum herrscht munteres und aufgeregtes Gerede und wir stellen fest, dass es uns ohne Vorberichterstattung schwer fällt, etwas zum Gespräch beizutragen. Woher sollen wir denn wissen, welches der beste Stürmer der letzten 17,391 Spieltagen, der Mittelfeldspieler mit der schönsten Frisur oder der Verteidiger mit der größten Briefmarkensammlung ist, wenn es uns nicht Thorsten Mattuschka vor dem Spiel persönlich erzählt? Wir schweifen ab und erwischen uns bei dem Versuch die Spieltagsplaylist auf unserem Handy ändern zu wollen. Wir tippen frustriert in Spotify herum, bis uns wieder einfällt, dass die Musik ja gar nicht aus unserem Handy kommt. 

Der Block ist voll, das Spiel beginnt. Und schon mit Anpfiff sind wir genervt. Wir sehen nichts. Fahnen? Ernsthaft? Wir vermissen den Zoom auf den ballführenden Spieler und die Taktikcam. Das Spiel läuft Richtung Nordtribüne, ein Zweikampf an der Torauslinie. Ecke. Zumindest vermuten wir es, denn ohne Wiederholung können wir von unserem Platz aus, auf Zehenspitzen stehend, das Geschehen an der Eckfahne nur erahnen. Aus der Ecke wird nichts. Stattdessen läuft nun der Konter auf unser Tor zu Richtung Süd. Dann passiert es: Foul knapp an der Strafraumgrenze. Die Schiedsrichterin pfeift und zeigt auf den Punkt. Proteste überall im Stadion. Hinter uns wird geschimpft und geschrien. Wir sind unsicher. Ohne Nahaufnahme können wir das nicht entscheiden. Die Schiedsrichterin hält ihren Finger ans Ohr und malt dann ein Viereck in die Luft. Auf die Erleichterung, jetzt endlich selbst nachvollziehen zu können, was dort gerade eben auf dem Rase passiert ist, folgt die Enttäuschung. Wir sehen nichts. Die Schiri entscheidet doch auf Freistoß und wir sind genauso ahnungslos wie vorher. Vor dem TV wusste man wenigsten immer, was gerade passiert. 

Aus der Süd dringen Gesangsfetzen zu uns rüber. Manche versuchen tapfer, mitzusingen und ihre Textlücken mit „Lalalas“ zu füllen. Andere haben schon nach der zweiten Zeile aufgegeben. Hatten unsere Lieder schon immer so viel Text? Wir sind überfordert und versuchen verzweifelt gleichzeitig zu singen und den Text zu ergoogeln. Wie haben wir uns das früher alles gemerkt? Die Schiedsrichterin pfeift zur Halbzeit und wir wollen uns schon auf zur Waschmaschine machen, um die Pause zu nutzen um die frisch gewaschene Wäsche aufzuhängen, bis die irritierten Blicke uns zurück in die Realität holen. Wer hängt denn jetzt die Wäsche auf, wenn wir heute hier sind? Richtig. Niemand. Weil wir die Maschine ja nicht vor dem Spiel eingestellt haben, weil wir uns ja schon 20 Stunden vor dem Spiel treffen mussten. Wir packen dies zusammen mit Einkaufen auf unsere mentale To-Do-Liste. 

Zu Beginn der zweiten Halbzeit trifft uns die Erkenntnis, dass wir morgen mit Muskelkater aufwachen werden. Klatschen, singen, hüpfen. Halleluja, ist das anstrengend. Und das mit der Stimme wird auch spannend: Wann haben wir zuletzt so viel geredet und gesungen? Wir sind vollkommen aus der Übung.

Und dann passiert das Unglaubliche: Ein Tor für uns. Das Millerntor explodiert. Und wir sind zum wiederholten Male überfordert. Menschen um uns herum schreien und liegen sich in den Armen. Eine Mischung aus Bier und Konfetti fliegt durch die Luft. Alle klebt. Das Konfetti piekst im BH. 

Müde!

Das Spiel ist aus. Freude, Ektase und Erschöpfung lassen sich an den Gesichtern um uns herum ablesen.  Wir wissen nicht so richtig wohin mit uns. Jolly? Kleine Pause? Zoo? Zu müde sind wir von den ganzen Eindrücken, die auf uns hereinprasseln. Wir entscheiden uns, unsere Freude, wie die letzten Wochen üblich, ins Internet zu schreiben, und machen uns langsam auf den Heimweg. 
Wir fallen müde in unsere Wohnung. Hallo Sofa, wir haben uns wieder. Wir schmeißen uns in den Jogginanzug, streichen „Wäsche waschen“ und „Einkaufen“ von unserer To-Do-Liste und öffnen die Seite des Lieferdienstes unseres Vertrauens. Im TV läuft die Zusammenfassung des Spiels und wir verstehen zum ersten Mal, was wir da heute eigentlich auf dem Rasen gesehen haben.    

So, Quatsch beiseite

Wir vermissen dich, Millerntor. Wir vermissen die guten Leute und die guten Gespräche. Wir vermissen die Anspannung, die Aufregung und den Stress. Wir können es kaum erwarten, dich mit allem was dazu gehört endlich wieder in real, nicht durch einen Bildschirm, zu sehen.