Mrz 012021
 

[Anmerkung des MagischerFC-Kollektivs: Wir veröffentlichen hier einen Gastbeitrag. Der Autor ist uns bekannt und wir freuen uns sehr, dass er hierfür auf uns zugekommen ist. -ismen produzierende Scheiße blocken wir hierunter gnadenlos weg.]

…oder: Wie mir Menschen auf Facebook jetzt schon die Lust am irgendwann wieder kommenden Stadionbesuch nehmen.

Der Verein hat einen Comic von Michael Pahl auf Facebook veröffentlicht. Es gab Kritik daran (ja, wir könnten an dieser Stelle darüber diskutieren, dass es kacke ist, dass der überhaupt veröffentlicht wurde, sehe ich auch so, aber ist nunmal passiert. Das ist kacke, aber das Kind lag jetzt nunmal im Brunnen.) Michael, der Verein und das Museum (dessen Vorsitzender Michael ist) haben sich entschuldigt. End of story. Also, könnte man meinen. Aber nicht wenn man die Facebook Kommentarspalte einen Moment studiert. Es folgt der Versuch einer resignierten Einordnung. Den Comic findet ihr an diversen Stellen, auch noch auf der Faceookseite des Vereins.

Worum es geht

Im zweiten Bild des genannten Comics wird ein Mann als Gorilla beim Fußballgucken dargestellt, darüber der Schriftzug “Wie deine Freundin dich sieht, wenn du Derby guckst”. Als der Verein den Comic hochlädt gibt es neben vielen Menschen die das lustig finden auch relativ schnell Kritik an der stereotypischen Darstellung der Figuren.

Michael Pahl als Autor dieses Comics reagiert. Genauso wie Verein und Museum

Ich fand es richtig so zu reagieren. Ich hatte die Hoffnung, dass durch diese drei Reaktionen in den Kommentaren Ruhe reinkommt und Menschen mindestens hinnehmen, dass das wohl nicht der coolste Comic war. Klar, man hätte auch löschen können, aber dann wäre auch die berechtigte Kritik am Comic verloren gegangen. Dass diese Kritik nicht alle verstehen, geschenkt, das ist nichts neues. Dass viele die Kritik nicht verstehen wollen, geschenkt, auch nix neues. Nicht jede:r hat sich mit Sexismus auseinander gesetzt, St. Pauli ist eben auch nur ein Abbild der Gesellschaft. Ich habe mit nix anderem gerechnet. Aber was dann passierte machte mich tatsächlich erst einmal sprachlos.

Es wird dem Verein, Michael und dem Museum unterstellt hier vor einer Minderheit einzuknicken. das eigentlich gar nicht so zu meinen mit der Entschuldigung und sowie, wie könne man sich für so etwas ganz normales denn überhaupt entschuldigen. Wow. Da haben Autor und der veröffentlichende Verein klar und deutlich gesagt, dass das nicht cool war und man an sich arbeiten müsse, und trotzdem wird die Karikatur weiter umgedeutet und als “ja eigentlich okay” dargestellt.

Zur Umdeutung

Diverse Kommentator:innen sind der Meinung, dass ja diejenigen ein “verkrustetes Weltbild” hätten, die da in der Figur einen Mann sehen (*zwinkerwonker*). Und vielleicht meint die Freundin das ja auch nur weil sie eigentlich mehr Ahnung vom Fußball hat. Und ganz evt… 

Oh come on Leute, sogar der Autor sagt, dass es so rüberkommt und Sexismen reproduziert! Da kann man auch einfach mal klein beigeben und die Kritik annehmen und stehenlassen. Verdammte scheiße. Sexismus existiert und gehört benannt und kritisiert.

Zum Einknicken

Ja, wenn man die Anzahl der Kommentare so sieht, dann “knicken” ganz offensichtlich die beiden Vereine und Michael hier vor einer Minderheit ein. Aber die Frage ist doch warum? Genau, weil diese gute Argumente haben! Diese wurden gelesen, das eigene Verhalten reflektiert und eine Konsequenz daraus gezogen. So ist das mit guten und validen Argumenten und Menschen die fähig dazu sind, sich zu reflektieren. Der einzige Unterschied zur Debatte über Cancel Culture ist, dass sich in diesem Fall die vermeintlich von ihr Betroffenen gar nicht von ihr beschnitten fühlen. Und trotzdem wird die Debatte stellvertretend für sie weiter geführt. 

Sagt mal gehts noch? Die Leute haben doch schon klar für sich gesprochen. Das geht sogar so weit, dass Leute behaupten, dass Michael Pahl das ja gar nicht so meine was er schreibt und bekräftigt.

Wer spricht für wen?

Des weiteren nehmen sich Menschen heraus für alle Frauen dieser Welt sprechen zu können (ja, sogar einige Männer, weil sie kennen ja auch Frauen!). Denn die meisten Frauen sähen da ja nunmal keinen Sexismus, das sei ja einfach nur Humor. Guess what? Das ist scheißegal. Hier werden Sexismen reproduziert und das kann man auch einfach mal ernst nehmen, egal wer findet das sei nicht so. Lest mal ein Buch und folgt auf Twitter nicht nur der SPD.

Menschen die sich seit Jahren im Umfeld der aktiven Fanszene des Vereins bewegen schreiben Kommentare, bei denen man sich fragt, ob alle Bemühungen der letzten Jahrzehnte eigentlich umsonst waren. Es werden Witze übers Gendern gerissen (“muss es jetzt auch noch Kühlschränkin heißen?”) und/oder man sei ja schon ach so lange in der Arbeit für Geschlechtergerechtigkeit unterwegs, aber den Humor dürfe man ja trotzdem nicht verlieren, ansonsten könne man Sexismus ja nicht überwinden! Ach man ey, Humor geht nicht ohne Sexismus oder was? 1985 hat angerufen und will seinen Humor zurück. Meine Resignation sagt mir grad, dass wir diesen Witz dann wahrscheinlich auch noch 2040 mit “2021 hat angerufen” machen.

Die Kritik ist richtig

Ich kann die am Comic geäußerte Kritik zu 100% nachvollziehen und ich finde sie richtig, ich fand es sogar richtig das ganze nicht zu löschen. Inzwischen bin ich bei letzterem aber anderer Meinung. Solange der Verein nicht in der Lage ist, auch inhaltlich auf Kritik einzugehen, muss das leider gelöscht werden. Die Ressourcen sind in und um den Verein herum vorhanden, man müsste sie nur nutzen. Da erklären sich Leute seit Veröffentlichung des Comics den Wolf (dicke Props an euch, ihr seid geil, ich bewundere das sehr, da nicht in destruktiven Zynismus zu verfallen!), aber das wird komplett nieder geredet. Alle dürfen ihre beschissene, klar widerlegte Meinung, in die Kommentarspalten rotzen, aber sehen ihre Meinung trotzdem beschnitten, weil ein Comic, der gar nicht von ihnen ist, kritisiert wird. Das führt am Ende dazu, dass in den meisten Kommentaren einfach nur Sexismus weiter reproduziert wird und davon haben wir am Ende alle nix.

Diskussionen sind wichtig. Und anstrengend.


Warum ich das ganze hier nicht mit meinem Namen unterschreibe? Ich habe keine Lust auf die direkte Diskussion und die Reaktionen. Mich strengt es an, was rund um diesen Comic abgeht und ich bekomme einen geschwollenen Hals sobald ich wieder reingucke in die Kommentare. Trotzdem geb ich mir das immer wieder, weil ich wissen will mit was für Argumenten ich in einem Stadion stehe. Aber ich bin maximal genervt, und das als männlicher, weißer Fußballfan. Ich habe auch mit einigen Frauen geschrieben die sich einfach gar nicht mehr dazu äußern, weil sie müde sind, es immer wieder zu erklären. Ich verstehe das, und ich bin nichtmal davon betroffen. Aber wenn ich als nicht Betroffener jetzt auch noch mein Maul halte, dann haben es Betroffene noch schwerer. Bitte liebe Mitmänners, macht euer Maul auf, wenn ihr Sexismus seht/hört. Ich bin auch auf keinen Fall frei von Sexismus und erwische mich immer wieder dabei, aber genau wie Michael versuche ich daraus zu lernen und Menschen zuzuhören, die mich kritisieren.

Es verleidet mir den zur Zeit noch nicht mal möglichen Stadionbesuch schon jetzt wieder, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass einfach zu wenig Menschen bei offensichtlichem Sexismus ihr Maul aufbekommen. Da sind wir bei anderen -ismen schon deutlich weiter, aber noch lange nicht bei allen und viel zu selten. Und ansonsten verbleibe ich mit dem Ende eines alten Fangesangs: “..,ich steh lieber ganz allein, St. Pauli ist mein Verein”. Denn manchmal eben lieber allein, als in schlechter Gesellschaft.

P.S. Warum der Comic sexistisch ist?

Zuallererst: Nein, nicht weil da ein Mann abgebildet ist. Das hat offensichtlich nicht nur die Mopo falsch verstanden. Bitte lasst dieses Argument einfach weg, es ist keines und wurde von niemandem genannt, außer von denen, die die Kritik am Comic delegitimieren wollten. Ob absichtlich oder nicht, ist dabei erstmal irrelevant.
Der Comic ist sexistisch, weil er klassische (und überholte) Rollenbilder transportiert. Die Freundin, die nicht Fußball schaut, nimmt den ausrastenden männlichen Fußballfan als Gorilla wahr. (Schon allein diese Zuschreibung ist sexistisch, eine Frau würde bestimmt nicht als archaischer Gorilla dargestellt werden, sondern vermutlich eher als Ziege/”Zicke”.) But back to topic: Der Mann guckt Fußball, die Freundin nicht. Warum stehen da nicht zwei Gorillas? Weil es bei Michael zu Hause vielleicht so ist? Ja, das stimmt eventuell, aber auf der Facebookseite eines Vereins mit knapp 600.000 Followern reproduziert es genau dieses Bild mit Pech sogar mehr als 600.000 mal. Dass Leute für sich ganz persönlich behaupten, dass sie das nicht als Sexismus sehen, ist total okay. Aber es ändert nunmal nichts daran, dass es sexistisch ist. Oder um es mit dem zweiten Satz in Wikipedia (zitiert nach Thomas Ecke) zu sagen:

„Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen.”

Na wenn das nicht die perfekte Beschreibung des Comics ist? Denn genau das passiert durch die Darstellung im Comic, wenn auch von Michael gar nicht beabsichtigt. Und dass er das tut, hat Michael ja auch selbst direkt gesagt, ein Infragestellen dessen verbietet sich also schon allein deshalb.