Mrz 242021
 

Wie das erste Heimspiel nach überwundener Pandemie aussehen könnte

Seien wir ehrlich. Wir alle haben Sehnsucht nach Stadionbesuchen. „Ich wünsche mir, dass ihr mich anmotzt, weil ich zu spät in den Block komme.“ „Ich will sonntags um 4 Uhr aufstehen müssen.“ „Ich würde sogar freiwillig nach Dresden fahren.“ Sätze, die so oder so ähnlich in den letzten Wochen und Monaten in unserem Umfeld gefallen sind. Uns allen fehlt das Stadion, das Umfeld, die Zerstreuung. Auch wir können es kaum erwarten, endlich wieder ein Spiel mit einem vollen Millerntor zu erleben. Aber wäre es wirklich so geil, nach X Monaten Fußball im TV plötzlich wieder in einem vollen Stadion zu stehen? Eine (nicht ernstgemeinte) Zukunftsvision. 

Heimspiel. Samstag. Anpfiff: 13:00 Uhr. November. 3°C und Regen. Zu Gast: Gegner 08/15

Der Wecker klingelt. Wir schälen uns voller Vorfreude auf das erste Spiel mit vollem Haus aus dem Bett. „War Fußball früher auch schon so früh?“, blitzt bei uns als Frage im Hinterkopf auf. Dunkel können wir uns an Treffen um 4 Uhr morgens erinnern. Vor unserem Kleiderschrank stehend folgt schon das erste Problem. Was zieht man für 3°C Regen in Hamburg im November an? Regenjacke oder schon die dicke Winterjacke? Wie viele Schichten, um weder zu erfrieren noch den Hitzetod zu sterben? Braucht es schon Termoleggins? Handschuhe? Mütze? Und wo ist eigentlich der Glücksbringer-Hoddie? Nach schier endlosen Minuten des Überlegens und verzweifelten Nachrichten zwischen den Mitgliedern der Bezugsgruppe verdrängen wir den Gedanken an unseren Jogger und das Sofa und entscheiden uns für ein Outfit. 

Wir sind zu aufgeregt zum Frühstücken

Schon viel zu lange fiebern wir auf diesen Tag hin, viel zu lange haben wir gewartet, viel zu oft unsere Verzweiflung und Hilflosigkeit gegen den Fernseher geschrien. 

Also auf zum Stadion. Auf dem Weg dorthin schießen uns die Erinnerungen durch den Kopf, was wir alles vor so einem Spiel während der Pandemie gemacht haben. Einkaufen, Putzen, Laufen oder auch einfach den kompletten Vormittag im Bett verbracht. Wie viel Zeit wir in unserem Leben wohl schon dem Fußball gespendet haben? Schon aus der Ferne sehen wir die Menschenmengen vor dem Fanladen stehen. Mal sehen, ob wir das mit der sozialen Interaktion nach all der Zeit noch können. Wir stürzen uns in die Menge. Begrüßen gute Menschen, die wir in der letzten Zeit viel zu stark vermisst haben, und sehen Menschen, auf die wir gerne noch länger verzichten könnten. Letztere sitzen hoch zu Ross. Und wir hatten uns zwischenzeitlich schon Sorgen gemacht, ob die Pferde in den letzten Monaten genug Auslauf bekamen. Wir quatschen über dies und das. Holen uns ein Spezi aus dem Fanladen und fragen uns beim Abholen der Auswärtskarten, ob Fußball schon immer so teuer war. 

Weil alte Rituale nur langsam sterben, stehen wir 30 Minuten vor Einlass an „unserem“ Eingang. Es ist kalt und wir haben jetzt schon nasse Füße. Wir hätte doch die Winterjacke anziehen sollen. Die Ordner*innen öffnen die Eingänge und wir stellen fest, dass wir definitiv aus der Übung sind. Jacke auf? Abtasten? Ticket zeigen? Was kam nochmal zuerst? Und wie herum muss die Karte unten den Scanner? Die Ordner*innen wirken beim Abtasten genauso aus der Übung wie wir. Aber immerhin mal wieder Körperkontakt. Wir erklimmen die ersten Stufen, und stellen fest, dass das Stadion in den letzten Monaten gewachsen sein muss. Das war vorher doch nicht so hoch. Zum Glück können wir eine kurze Verschnaufpause einlegen, denn wir müssen ja noch frühstücken. Enttäuscht stellen wir fest, dass es immer noch keine Pommes auf der Gegengerade gibt. X Monate hatten sie Zeit und jetzt das. Allgemein war der Inhalt unseres Kühlschranks bzw. des Kühlschranks des Lieferservices unseres Vertrauens überzeugender. Hallo? Gebt euch mal ein bisschen Mühe! Wir haben in den vergangenen Monaten schließlich auch ordentlich kochen gelernt! Naja. Wir entscheiden uns für Waffeln und nehmen uns auf dem Weg zu unseren Plätzen noch ein Bier mit. Das haben wir uns früher definitiv schmackhaft getrunken. Wir vermissen unser leckeres IPA oder Witbier aus Kleinbrauereien, das zu Hause wartet.

Ob sich Fußball im Stadion durchsetzen wird?

Wir finden unsere Plätze, reden und um uns herum füllen sich die Tribünen langsam. Ganz schön eng so ein Fußballstadion. 30 Minuten vor Anpfiff beginnen die Füße zu schmerzen. Auf Betonstufen stehen – ein seltsames Konzept. Wir tippen uns einen Reminder ins Handy, uns für die nächste Saison unbedingt Sitzplätze zu besorgen. Besorgt versuchen wir im Kopf zu überschlagen, wie lange es wohl dauert, bis wir uns wieder hinsetzen können. Zum wiederholten Mal heute denken wir wehmütig an unser Sofa und den Jogginganzug zuhause. Um uns herum herrscht munteres und aufgeregtes Gerede und wir stellen fest, dass es uns ohne Vorberichterstattung schwer fällt, etwas zum Gespräch beizutragen. Woher sollen wir denn wissen, welches der beste Stürmer der letzten 17,391 Spieltagen, der Mittelfeldspieler mit der schönsten Frisur oder der Verteidiger mit der größten Briefmarkensammlung ist, wenn es uns nicht Thorsten Mattuschka vor dem Spiel persönlich erzählt? Wir schweifen ab und erwischen uns bei dem Versuch die Spieltagsplaylist auf unserem Handy ändern zu wollen. Wir tippen frustriert in Spotify herum, bis uns wieder einfällt, dass die Musik ja gar nicht aus unserem Handy kommt. 

Der Block ist voll, das Spiel beginnt. Und schon mit Anpfiff sind wir genervt. Wir sehen nichts. Fahnen? Ernsthaft? Wir vermissen den Zoom auf den ballführenden Spieler und die Taktikcam. Das Spiel läuft Richtung Nordtribüne, ein Zweikampf an der Torauslinie. Ecke. Zumindest vermuten wir es, denn ohne Wiederholung können wir von unserem Platz aus, auf Zehenspitzen stehend, das Geschehen an der Eckfahne nur erahnen. Aus der Ecke wird nichts. Stattdessen läuft nun der Konter auf unser Tor zu Richtung Süd. Dann passiert es: Foul knapp an der Strafraumgrenze. Die Schiedsrichterin pfeift und zeigt auf den Punkt. Proteste überall im Stadion. Hinter uns wird geschimpft und geschrien. Wir sind unsicher. Ohne Nahaufnahme können wir das nicht entscheiden. Die Schiedsrichterin hält ihren Finger ans Ohr und malt dann ein Viereck in die Luft. Auf die Erleichterung, jetzt endlich selbst nachvollziehen zu können, was dort gerade eben auf dem Rase passiert ist, folgt die Enttäuschung. Wir sehen nichts. Die Schiri entscheidet doch auf Freistoß und wir sind genauso ahnungslos wie vorher. Vor dem TV wusste man wenigsten immer, was gerade passiert. 

Aus der Süd dringen Gesangsfetzen zu uns rüber. Manche versuchen tapfer, mitzusingen und ihre Textlücken mit „Lalalas“ zu füllen. Andere haben schon nach der zweiten Zeile aufgegeben. Hatten unsere Lieder schon immer so viel Text? Wir sind überfordert und versuchen verzweifelt gleichzeitig zu singen und den Text zu ergoogeln. Wie haben wir uns das früher alles gemerkt? Die Schiedsrichterin pfeift zur Halbzeit und wir wollen uns schon auf zur Waschmaschine machen, um die Pause zu nutzen um die frisch gewaschene Wäsche aufzuhängen, bis die irritierten Blicke uns zurück in die Realität holen. Wer hängt denn jetzt die Wäsche auf, wenn wir heute hier sind? Richtig. Niemand. Weil wir die Maschine ja nicht vor dem Spiel eingestellt haben, weil wir uns ja schon 20 Stunden vor dem Spiel treffen mussten. Wir packen dies zusammen mit Einkaufen auf unsere mentale To-Do-Liste. 

Zu Beginn der zweiten Halbzeit trifft uns die Erkenntnis, dass wir morgen mit Muskelkater aufwachen werden. Klatschen, singen, hüpfen. Halleluja, ist das anstrengend. Und das mit der Stimme wird auch spannend: Wann haben wir zuletzt so viel geredet und gesungen? Wir sind vollkommen aus der Übung.

Und dann passiert das Unglaubliche: Ein Tor für uns. Das Millerntor explodiert. Und wir sind zum wiederholten Male überfordert. Menschen um uns herum schreien und liegen sich in den Armen. Eine Mischung aus Bier und Konfetti fliegt durch die Luft. Alle klebt. Das Konfetti piekst im BH. 

Müde!

Das Spiel ist aus. Freude, Ektase und Erschöpfung lassen sich an den Gesichtern um uns herum ablesen.  Wir wissen nicht so richtig wohin mit uns. Jolly? Kleine Pause? Zoo? Zu müde sind wir von den ganzen Eindrücken, die auf uns hereinprasseln. Wir entscheiden uns, unsere Freude, wie die letzten Wochen üblich, ins Internet zu schreiben, und machen uns langsam auf den Heimweg. 
Wir fallen müde in unsere Wohnung. Hallo Sofa, wir haben uns wieder. Wir schmeißen uns in den Jogginanzug, streichen „Wäsche waschen“ und „Einkaufen“ von unserer To-Do-Liste und öffnen die Seite des Lieferdienstes unseres Vertrauens. Im TV läuft die Zusammenfassung des Spiels und wir verstehen zum ersten Mal, was wir da heute eigentlich auf dem Rasen gesehen haben.    

So, Quatsch beiseite

Wir vermissen dich, Millerntor. Wir vermissen die guten Leute und die guten Gespräche. Wir vermissen die Anspannung, die Aufregung und den Stress. Wir können es kaum erwarten, dich mit allem was dazu gehört endlich wieder in real, nicht durch einen Bildschirm, zu sehen. 

Mrz 052021
 

Montagabend, 22.30 Uhr, Bier in der einen, Kippe in der anderen Hand, Mitten in Hamburg, “DERBYSIEGER” schreiend, einfach mal glücklich sein.
Auf dem eigenen Balkon. Zu zweit. Vor einem leeren Innenhof. Vereinzelter Jubel in der Ferne. Ein bisschen Feuerwerk.

Ihr Lieben, ihr wisst, was die vergangenen 12 Monate passiert ist. Ihr wisst, was Montag passiert ist. Der FC St. Pauli ist Pandemie-Derbysieger. Das ist aus mehreren Gründen nicht normal. Das ist ein Spieltag als Lach-Wein-Smiley*.

Wir wetten, euch geht es nicht viel anders als uns. Wie oft seid ihr zwischen “YEAH, endlich mal wieder ein RICHTIG geiles Erlebnis in diesen miesen Zeiten!” und “Wie traurig ist es, das nicht gemeinsam feiern zu können!?” hin- und hergependelt? Bei uns ständig seit Montag. Kein gemeinsames Ausrasten im Stadion, kein Sich-in-die-Arme-fallen, kein verschallertes gegenseitiges Anbrüllen vor den Fanräumen … schon vor dem Spiel kam einfach nicht das Kribbeln auf wie sonst. Aber das haben wir bereits zum Hinspiel geschildert.

Die (un-)sichtbare Wand der Hilflosigkeit

Einen Fernseher anzuschreien, das macht nach wie vor wenig Spaß. Auch wenn die Spieler auf dem Platz sicherlich relativ wenig individuelle Stimmen hören, wollen wir doch glauben, dass es im Stadion was bringt. Gemeinsam. Zusammen. Alles nach vorn. Noch mal alles geben.

Hilflosigkeit. Dieses Gefühl haben wir im Stadion eigentlich nie, vorm Fernseher ist das Gang und Gäbe. Vielleicht auch ein Sinnbild für diese ganze Pandemie, an der wir so wenig ausrichten können, außer eben zu Hause zu bleiben.

Hoffentlich habt ihr alle noch nicht vergessen, wie das mal war. Damals. Im Stadion. Alle zusammen.

Zum Glück wissen wir, wie es eigentlich geht

Dieser Derbysieg fühlt sich an wie ein halber, wenn wir mal ehrlich sind. Zugegeben, wir haben uns mittlerweile fast daran gewöhnt, liefen die vergangenen Jahre doch in der Regel gut für Braunweiß. Was sind wir dankbar, dass es 2019/2020 noch live und vor Ort zu erleben war, die Vorstadt rund zu machen! Stellen wir uns vor, dies wäre der erste Derbysieg seit langer Zeit gewesen. Da wären wir doch alle verrückt geworden.

Vor allem ist da diese unüberwindbare Distanz. Am Montag drehen wir wenige Stunden vor Anpfiff sogar noch unsere Runden durchs Viertel, sehen ein paar bekannte Gesichter auf den Straßen, am Stadion ist – pandemiegerecht – ein bisschen was los in Vorbereitung auf das kleine große Spiel. “Das kleine große Spiel” haben wir gerade ohne viel Nachdenken geschrieben. Das trifft es. Ein bisschen wie das kleine Derby zwischen den U23-Mannschaften. Mehr ein Symbol. Nicht die ganz große Wirklichkeit.

Punkte sind so oder so wichtig

Und nun ist Freitagabend, wir sind Derbysieger*innen und alles war richtig, wichtig und gut. Sonnabend ist schon das nächste Spiel. Vergessen wir nicht, dass wir jeden Punkt gebrauchen können! Schließlich hängt in diesen Zeiten sicherlich mehr als sonst schon das Überleben unseres Herzensvereins von Klassenerhalt, Platzierung in der Abschlusstabelle und Fernsehgeld ab. Doch nach diesem Spiel, was die vollkommene Entfesselung aller aufgestauter Emotionen hätte sein können, ebbt die Freude so viel schneller ab als sonst. Weil sie nie das gleiche Maß wie sonst erreicht hat.

Natürlich haben wir uns gefreut und freuen uns noch. Ein kleines bisschen heiser war unsereins sogar am nächsten Tag, wie lange hatten wir vorher nicht mehr laut gerufen!? Es gab sogar das Glück, am nächsten Tag einen Rautenkollegen kackfrech nach seinem Befinden zu fragen. Und Twitter war für viele von uns ein Kanal, wo zumindest virtuell die Sau rausgelassen wurde.

Ein Derbysieg in Pandemiezeiten ist besser als eine Derbyniederlage in Pandemiezeiten.
Aber ein Derbysieg ohne Pandemie ist noch viel besser als ein Derbysieg mit Pandemie.

*Ich hasse Lach-Wein-Smileys normalerweise, weil sie so inflationär vorkommen, wo die meisten Menschen doch herzlich selten beides gleichzeitig tun.

Mrz 042021
 

Dank Euch konnten wir gerade (aufgerundete) 2.121,00€ an jedes der drei ausgesuchten Projekte überweisen. Hier die Nachweise:

Vielen, vielen Dank für Euer Mitmachen und Eure Solidarität! Was mit einer fixen Idee begann, endete jetzt in über 15.000€ die während der beiden Stadtderbies für 7 soziale Initiativen zusammen gekommen sind.

Wir wissen, dass dies in den aktuellen Zeiten nicht selbstverständlich ist. Und erst recht nicht, da viele von euch uns gar nicht persönlich kennen. Danke, einfach nur danke, ihr Derbysieger*innen!

St. Pauli bleibt braun-weiß und solidarisch.

Genau so, immer weiter.

Auf und neben dem Feld. 🤎🤍

Mrz 012021
 

[Anmerkung des MagischerFC-Kollektivs: Wir veröffentlichen hier einen Gastbeitrag. Der Autor ist uns bekannt und wir freuen uns sehr, dass er hierfür auf uns zugekommen ist. -ismen produzierende Scheiße blocken wir hierunter gnadenlos weg.]

…oder: Wie mir Menschen auf Facebook jetzt schon die Lust am irgendwann wieder kommenden Stadionbesuch nehmen.

Der Verein hat einen Comic von Michael Pahl auf Facebook veröffentlicht. Es gab Kritik daran (ja, wir könnten an dieser Stelle darüber diskutieren, dass es kacke ist, dass der überhaupt veröffentlicht wurde, sehe ich auch so, aber ist nunmal passiert. Das ist kacke, aber das Kind lag jetzt nunmal im Brunnen.) Michael, der Verein und das Museum (dessen Vorsitzender Michael ist) haben sich entschuldigt. End of story. Also, könnte man meinen. Aber nicht wenn man die Facebook Kommentarspalte einen Moment studiert. Es folgt der Versuch einer resignierten Einordnung. Den Comic findet ihr an diversen Stellen, auch noch auf der Faceookseite des Vereins.

Worum es geht

Im zweiten Bild des genannten Comics wird ein Mann als Gorilla beim Fußballgucken dargestellt, darüber der Schriftzug “Wie deine Freundin dich sieht, wenn du Derby guckst”. Als der Verein den Comic hochlädt gibt es neben vielen Menschen die das lustig finden auch relativ schnell Kritik an der stereotypischen Darstellung der Figuren.

Michael Pahl als Autor dieses Comics reagiert. Genauso wie Verein und Museum

Ich fand es richtig so zu reagieren. Ich hatte die Hoffnung, dass durch diese drei Reaktionen in den Kommentaren Ruhe reinkommt und Menschen mindestens hinnehmen, dass das wohl nicht der coolste Comic war. Klar, man hätte auch löschen können, aber dann wäre auch die berechtigte Kritik am Comic verloren gegangen. Dass diese Kritik nicht alle verstehen, geschenkt, das ist nichts neues. Dass viele die Kritik nicht verstehen wollen, geschenkt, auch nix neues. Nicht jede:r hat sich mit Sexismus auseinander gesetzt, St. Pauli ist eben auch nur ein Abbild der Gesellschaft. Ich habe mit nix anderem gerechnet. Aber was dann passierte machte mich tatsächlich erst einmal sprachlos.

Es wird dem Verein, Michael und dem Museum unterstellt hier vor einer Minderheit einzuknicken. das eigentlich gar nicht so zu meinen mit der Entschuldigung und sowie, wie könne man sich für so etwas ganz normales denn überhaupt entschuldigen. Wow. Da haben Autor und der veröffentlichende Verein klar und deutlich gesagt, dass das nicht cool war und man an sich arbeiten müsse, und trotzdem wird die Karikatur weiter umgedeutet und als “ja eigentlich okay” dargestellt.

Zur Umdeutung

Diverse Kommentator:innen sind der Meinung, dass ja diejenigen ein “verkrustetes Weltbild” hätten, die da in der Figur einen Mann sehen (*zwinkerwonker*). Und vielleicht meint die Freundin das ja auch nur weil sie eigentlich mehr Ahnung vom Fußball hat. Und ganz evt… 

Oh come on Leute, sogar der Autor sagt, dass es so rüberkommt und Sexismen reproduziert! Da kann man auch einfach mal klein beigeben und die Kritik annehmen und stehenlassen. Verdammte scheiße. Sexismus existiert und gehört benannt und kritisiert.

Zum Einknicken

Ja, wenn man die Anzahl der Kommentare so sieht, dann “knicken” ganz offensichtlich die beiden Vereine und Michael hier vor einer Minderheit ein. Aber die Frage ist doch warum? Genau, weil diese gute Argumente haben! Diese wurden gelesen, das eigene Verhalten reflektiert und eine Konsequenz daraus gezogen. So ist das mit guten und validen Argumenten und Menschen die fähig dazu sind, sich zu reflektieren. Der einzige Unterschied zur Debatte über Cancel Culture ist, dass sich in diesem Fall die vermeintlich von ihr Betroffenen gar nicht von ihr beschnitten fühlen. Und trotzdem wird die Debatte stellvertretend für sie weiter geführt. 

Sagt mal gehts noch? Die Leute haben doch schon klar für sich gesprochen. Das geht sogar so weit, dass Leute behaupten, dass Michael Pahl das ja gar nicht so meine was er schreibt und bekräftigt.

Wer spricht für wen?

Des weiteren nehmen sich Menschen heraus für alle Frauen dieser Welt sprechen zu können (ja, sogar einige Männer, weil sie kennen ja auch Frauen!). Denn die meisten Frauen sähen da ja nunmal keinen Sexismus, das sei ja einfach nur Humor. Guess what? Das ist scheißegal. Hier werden Sexismen reproduziert und das kann man auch einfach mal ernst nehmen, egal wer findet das sei nicht so. Lest mal ein Buch und folgt auf Twitter nicht nur der SPD.

Menschen die sich seit Jahren im Umfeld der aktiven Fanszene des Vereins bewegen schreiben Kommentare, bei denen man sich fragt, ob alle Bemühungen der letzten Jahrzehnte eigentlich umsonst waren. Es werden Witze übers Gendern gerissen (“muss es jetzt auch noch Kühlschränkin heißen?”) und/oder man sei ja schon ach so lange in der Arbeit für Geschlechtergerechtigkeit unterwegs, aber den Humor dürfe man ja trotzdem nicht verlieren, ansonsten könne man Sexismus ja nicht überwinden! Ach man ey, Humor geht nicht ohne Sexismus oder was? 1985 hat angerufen und will seinen Humor zurück. Meine Resignation sagt mir grad, dass wir diesen Witz dann wahrscheinlich auch noch 2040 mit “2021 hat angerufen” machen.

Die Kritik ist richtig

Ich kann die am Comic geäußerte Kritik zu 100% nachvollziehen und ich finde sie richtig, ich fand es sogar richtig das ganze nicht zu löschen. Inzwischen bin ich bei letzterem aber anderer Meinung. Solange der Verein nicht in der Lage ist, auch inhaltlich auf Kritik einzugehen, muss das leider gelöscht werden. Die Ressourcen sind in und um den Verein herum vorhanden, man müsste sie nur nutzen. Da erklären sich Leute seit Veröffentlichung des Comics den Wolf (dicke Props an euch, ihr seid geil, ich bewundere das sehr, da nicht in destruktiven Zynismus zu verfallen!), aber das wird komplett nieder geredet. Alle dürfen ihre beschissene, klar widerlegte Meinung, in die Kommentarspalten rotzen, aber sehen ihre Meinung trotzdem beschnitten, weil ein Comic, der gar nicht von ihnen ist, kritisiert wird. Das führt am Ende dazu, dass in den meisten Kommentaren einfach nur Sexismus weiter reproduziert wird und davon haben wir am Ende alle nix.

Diskussionen sind wichtig. Und anstrengend.


Warum ich das ganze hier nicht mit meinem Namen unterschreibe? Ich habe keine Lust auf die direkte Diskussion und die Reaktionen. Mich strengt es an, was rund um diesen Comic abgeht und ich bekomme einen geschwollenen Hals sobald ich wieder reingucke in die Kommentare. Trotzdem geb ich mir das immer wieder, weil ich wissen will mit was für Argumenten ich in einem Stadion stehe. Aber ich bin maximal genervt, und das als männlicher, weißer Fußballfan. Ich habe auch mit einigen Frauen geschrieben die sich einfach gar nicht mehr dazu äußern, weil sie müde sind, es immer wieder zu erklären. Ich verstehe das, und ich bin nichtmal davon betroffen. Aber wenn ich als nicht Betroffener jetzt auch noch mein Maul halte, dann haben es Betroffene noch schwerer. Bitte liebe Mitmänners, macht euer Maul auf, wenn ihr Sexismus seht/hört. Ich bin auch auf keinen Fall frei von Sexismus und erwische mich immer wieder dabei, aber genau wie Michael versuche ich daraus zu lernen und Menschen zuzuhören, die mich kritisieren.

Es verleidet mir den zur Zeit noch nicht mal möglichen Stadionbesuch schon jetzt wieder, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass einfach zu wenig Menschen bei offensichtlichem Sexismus ihr Maul aufbekommen. Da sind wir bei anderen -ismen schon deutlich weiter, aber noch lange nicht bei allen und viel zu selten. Und ansonsten verbleibe ich mit dem Ende eines alten Fangesangs: “..,ich steh lieber ganz allein, St. Pauli ist mein Verein”. Denn manchmal eben lieber allein, als in schlechter Gesellschaft.

P.S. Warum der Comic sexistisch ist?

Zuallererst: Nein, nicht weil da ein Mann abgebildet ist. Das hat offensichtlich nicht nur die Mopo falsch verstanden. Bitte lasst dieses Argument einfach weg, es ist keines und wurde von niemandem genannt, außer von denen, die die Kritik am Comic delegitimieren wollten. Ob absichtlich oder nicht, ist dabei erstmal irrelevant.
Der Comic ist sexistisch, weil er klassische (und überholte) Rollenbilder transportiert. Die Freundin, die nicht Fußball schaut, nimmt den ausrastenden männlichen Fußballfan als Gorilla wahr. (Schon allein diese Zuschreibung ist sexistisch, eine Frau würde bestimmt nicht als archaischer Gorilla dargestellt werden, sondern vermutlich eher als Ziege/”Zicke”.) But back to topic: Der Mann guckt Fußball, die Freundin nicht. Warum stehen da nicht zwei Gorillas? Weil es bei Michael zu Hause vielleicht so ist? Ja, das stimmt eventuell, aber auf der Facebookseite eines Vereins mit knapp 600.000 Followern reproduziert es genau dieses Bild mit Pech sogar mehr als 600.000 mal. Dass Leute für sich ganz persönlich behaupten, dass sie das nicht als Sexismus sehen, ist total okay. Aber es ändert nunmal nichts daran, dass es sexistisch ist. Oder um es mit dem zweiten Satz in Wikipedia (zitiert nach Thomas Ecke) zu sagen:

„Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen.”

Na wenn das nicht die perfekte Beschreibung des Comics ist? Denn genau das passiert durch die Darstellung im Comic, wenn auch von Michael gar nicht beabsichtigt. Und dass er das tut, hat Michael ja auch selbst direkt gesagt, ein Infragestellen dessen verbietet sich also schon allein deshalb.