Sep 252020
 

Jeden Morgen fahre ich am Stadion vorbei. Jeden Morgen schaue ich sehnsüchtig darauf. Mein Blick verweilt so lange bis der Bunker mir die Sicht versperrt. Heute Morgen bin ich traurig. Die Sehnsucht ist der Enttäuschung gewichen.

Ja, durch Corona ist vieles anders, vieles komplizierter und Dinge die vorher selbstverständlich waren gehen so jetzt nicht mehr. Halte ich die Lösung für Sonntag für okay? Ja. War mir bewusst , dass es ohne DK kaum möglich sein wird, in näherer Zukunft ins Stadion zu kommen? Auch ja. Rational kann ich das einordnen. Emotional null.

Dieser Verein und seine Fanszene ist für sehr viel in meinem Leben mitverantwortlich. Ohne würde ich sehr viele gute Menschen nicht kennen. Hier wurde ich für Themen und Probleme sozialisiert. Der Verein ist mit Schuld daran, dass ich nach Hamburg gezogen bin. “Da kann ich nicht, da bin ich in Bochum”, “Ne da bin ich im Hamburg”, “Da ist Pokal” waren Sätze die Nicht-Fußballmenschen öfter zu hören bekamen als dass ich einem Treffen zusagte. Er war Ankerpunkt für so vieles. Die Bücher, die ich lese. Die Musik, die ich höre. Ja sogar den Alkohol, den ich trinke (Aperol Spritz, Rotkäppchensekt Halbtrocken).

Die Spiele, die ich die letzten Jahre nicht live im Stadion gesehen habe, lassen sich schnell aufzählen. Um die 30.000 km mit dem Zug, dem Bus, dem 9er, der U-Bahn. Jede Saison. Als die DK-Warteliste das letzte Mal offen war, habe ich mich eingetragen. Seitdem rücken ich jedes Jahr ein kleines bisschen vorwärts. Aber sehr, sehr langsam. Also kämpfe ich (oder Freund*innen <3) jedes Jahr mit Eventim und anderen Fans um ein Saisonpaket. Der Dank? Bernd von Geldern sagt im Interview “dass die treuesten der treusten Fans die mit Dauerkarte seien”. Ja ich weiß, dass man irgendwie sortieren muss, wer jetzt ins Stadion kann und wer nicht. Sollen die Leute mit DK zuerst. Sehe ich alles ein. Aber mir die Treue zu diesem Verein abzuschreiben, bloß weil ich immer noch auf der Warteliste stehe. Nein, wirklich nicht. Zumal die Möglichkeit, an eine DK zu kommen, in den letzten Jahren faktisch nicht existierte. Das Fass mit “Wie viele der DK Inhaber*innen haben sich die Grottenkicks in Heidenheim und Aue angeschaut“ und sich in Dresden beinahe vom Rastplatz bügeln lassen“, mache ich jetzt nicht auf. Und darum geht es auch nicht. Ich bin traurig, müde und enttäuscht. Bernds Aussage hat mich getroffen.

Allen, die am Sonntag ins Stadion dürfen, wünsche ich viel Spaß. Ich freue mich für euch. Genießt es.

Sep 202020
 

Gefühlsaufnahmen vom Reeperbahn Festival 2020

Sonnabendnacht, wir befinden uns auf dem Heiligengeistfeld, Sicht aufs Millerntor, Bier in der Hand und Talco spielen live. Ist das nicht wundervoll?

Jein.

Alle sitzen, sogar die Band. Nur die zahlreichen Sicherheitsleute stehen mit bedeckten Gesichtern am Rande. Wir sitzen in Zweiergruppen mit meterlangem Abstand zu anderen Konzertbesuchenden, bloß kein Aufstehen ohne Zweck (Toilette & Getränkestand sind erlaubt), Tanzen geht schon mal gar nicht. Auch wenn wir uns im Freien befinden, gilt die “Wegeregel”, also immer schön Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn man nicht am Platz ist. Bei Verstößen sind die Sicherheitsleute sofort zur Stelle. Das fühlt sich ganz schön seltsam an.

Wie ein Festival 2020 stattfinden kann

Kurzer Rückblick: Vor ein paar Wochen wurde klar, dass das Reeperbahn Festival 2020 tatsächlich stattfinden wird – mit massiven Auflagen. Eine Art Testballon für die gebeutelte Musikindustrie, inwieweit Livemusik im größeren Stil pandemiegerecht möglich ist. Kurz durchs Line-up geguckt – oh, cool, Talco? Reicht schon als Grund. Machen wir. Knapp 70 Euro für ein Tagesticket? Heidewitzka! Andererseits: Was haben wir schon groß an Ausgaben für Konzertkarten in diesem Jahr? Der Mut, ein Festival in diesen Zeiten auf die Beine zu stellen, muss irgendwie honoriert werden. Und dass eine solche Veranstaltung in diesem Jahr etwas mehr Aufwand bedeutet als nur ein paar Bühnen, Bands und Buden, ist auch klar. Nicht, dass das sonst alles einfach wäre!

Und so wollen wir dem Ganzen eine Chance geben. Auch wenn natürlich alles anders werden wird.

Willkommen in Pandemistan

Nächster Zeitsprung: Als wir spätabends wieder zu Hause sind, lösche ich mehr als ein Dutzend Fotos von verschiedensten QR-Codes vom Handy. Was hat es damit auf sich?
Vielleicht kennt ihr das von Restaurantbesuchen – statt mühsam die persönlichen Daten auf einen Zettel zu schreiben, bieten einige Betreibende eine digitale Lösung an. QR-Code scannen und Daten in eine Online-Anwendung eingeben, zack, ist das Ganze doch etwas bequemer und womöglich sogar datensicherer. Da sind wir aber ehrlich gesagt in diesen Zeiten sowieso etwas schmerzbefreit.

Jedenfalls gibt’s beim Reeperbahn Festival ebenfalls die Notwendigkeit, sich ein- und auch wieder auszuchecken. Nicht nur für die gesamte Veranstaltung, sondern für jede einzelne Location. Kein unüberwindbares Problem, aber schon ein bisschen bizarr und es nimmt ein gutes Stück der Leichtigkeit, die so ein Festivalbesuch eigentlich begleitet. Kein Wunder, dass mobile Handy-Ladestationen herumlaufen, weil das Prozedere doch gut auf den Akku geht. Ohne Smartphone hat man sicherlich noch deutlich größeres Generve.

Viel stärker ins Gewicht als der Check-in-Aufwand fällt allerdings, dass die einzelnen Spielorte – wenig überraschend – massiv die Anzahl der Gäste beschränkt haben. Und so stehen wir mehrfach vor verschlossenen Türen, weil der Laden schon voll ist. Hier läuft zwar wenig, was für uns zwingend wäre, aber gerade dieses “Sich treiben lassen und mal Sachen angucken, von denen man kaum was zuvor gehört hat” macht sonst den großen Reiz dieses Events aus. Spontaneität ist dieses Jahr nicht angesagt. Immerhin: Zu keinem Zeitpunkt sehen wir uns irgendwelchem Gedränge ausgesetzt, sodass wir uns rundum sicher fühlen können.

Dann gibt es im ganzen Regelpaket auch noch so ein paar Dinge, die schwer nachvollziehbar sind. Im Festival Village wird nur alkfrei ausgeschenkt, vor den Bühnen aber Vollbier. An ausladende Biertische vorm Knust dürfen sich trotz viel Platz lediglich zwei zusammengehörige Personen setzen, anderswo im Festivalbereich kannst du dich zusammenkuscheln, wie du willst, es stört niemanden. Freie Platzwahl vor der Hauptbühne gibt es auch nicht, wir werden schön hinter eine sichtbehindernde Säule gesetzt.

Ein Zeichen

Uff. Während wir zwischen penetranter Pausenmusik umfangreich dystopisch klingende Durchsagen erklingen (Abstand, Mund-Nasen-Schutz, nicht aufstehen, bevor man dazu aufgefordert wird, viel Spaß auf dem Reeperbahn Festival, diesdas), ist Zeit für ein Zwischenfazit. Macht das so eigentlich Freude? Besser als gar nichts, kann man vielleicht sagen. Groß ins Gespräch mit anderen Gästen kommt man nicht, deswegen bleibt das eher eine Einzelbeobachtung, auch wenn der NDR-Blog zu einer ähnlichen Einschätzung kommt. Irgendwas muss man ja machen, irgendwie muss man zeigen, dass es weitergeht. Und gerade für die Künstler*innen, die keine Lust mehr haben, bestenfalls von der Hand in den Mund zu leben, und endlich wieder ihrem Job nachgehen wollen, ist es sicherlich verdammt wichtig, wenigstens ein Zeichen zu setzen.

Viel mehr als ein Zeichen kann das Reeperbahn Festival 2020 aber kaum sein. Solange es Besorgnis erregende Infektionszahlen und keinen Impfstoff gibt, funktioniert so was doch fast nur draußen oder allenfalls drinnen mit sehr geringen Besucher*innenzahlen. Schwer vorstellbar, dass sich eine ganze (freifinanzierte) Branche auf diese Weise durch den Winter retten kann. Und doch, das Signal ist wichtig – schließlich sind wir alle auch ausgehungert nach Livemusik. Selbst wenn es sich so seltsam anfühlt wie hier. Natürlich sind die Auflagen gewaltig, nicht nur vom Gesetzgeber, vermutlich auch selbst auferlegt. Die gesamte Musikindustrie schaut mit Argusaugen auf dieses Event, da können sich die Veranstaltenden keinen Fehler, keine Infektion, keinen Skandal erlauben. Bei allem Genörgel über Maßnahmen, die der eigenen Gelassenheit im Weg stehen: Was muss, das muss. Jede*r Einzelne sollte Verständnis dafür haben. Auch wenn es da draußen so viele Hallodris gibt, die im privaten, unregulierten Rahmen einander auf die Pelle rücken und auf jegliche Verhaltensregel in Pandemiezeiten scheißen. Hier gelten andere Maßstäbe.

Stimmung ist, was du draus machst

Nun also Talco, das Highlight des Tages. Wie wohl Ska-Punk im Sitzen funktioniert? Deutlich besser als gedacht! Die Band aus Venedig hat nämlich die Zeichen der Zeit erkannt und auf ein Akustik-Set umgesattelt. Talco sitzen selbst weit auseinander, wie ein Akt der Solidarität in diesen beknackten Zeiten. Klar, die Musik reißt nicht annähernd so mit wie mit Strom verstärkt in einem schwitzigen Club. Aber das ist eben kein Wunschkonzert. Putzig zu sehen jedenfalls, wie viele andere Besucher*innen sich mit Mühe auf ihrem Klappstuhl halten und sämtliche Körperteile so gut es geht im schnellen Offbeat durch die Gegend schütteln. Die Stimmung ist dann doch so ausgelassen, wie sie es in diesen Zeiten eben sein kann. Die Leute haben schon Bock, auf und vor der Bühne. In den Gesichtern der Musiker strahlt die Freude, wieder vor Menschen spielen zu dürfen, fast heller als die Scheinwerfer. Es mag etwas überraschen, dass Talco in Sichtweite des Stadions den Song “St. Pauli” nicht mal ankündigen oder weiter ausreizen; auch “Bella Ciao“ bekommt keine Ansage oder Aufforderung zum Mitmachen. Wir vermuten mal, dass die Bands angehalten sind, die Stimmung nicht überkochen und Besucher*innen unvernünftig werden zu lassen.

Nach etwas mehr als einer Stunde sind Talco durch und wir auch. Als sich dann doch das Publikum zum abschließenden Applaus erhebt und die Band von der Bühne ein Selfie macht, während Johnny Cash “The Man Comes Around” aus den Boxen singt, scheint die Welt einen Augenblick lang fast normal. Dann aber wieder Maske auf, auf die Anweisung zum Verlassen des Geländes warten, per Handy auschecken und ab nach Hause.

Hat das Spaß gemacht? Ja, “aber“. Schreit das nach Wiederholung? Es scheint schwer vorstellbar, dass es zu einem vergleichbaren Event in naher Zukunft kommt. Betriebswirtschaftlich rechnet sich das einfach nicht. Beim RBF fließen jedes Jahr reichlich Subventionen, unabhängige Veranstaltungen können da nicht mithalten. Und so bleibt vom Reeperbahn Festival 2020, dass Livemusik nicht tot ist und auch wieder kommen wird, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin müssen wir uns wohl noch eine ganze Weile gedulden.

PS: Wir wissen nicht, wie lange, aber den Auftritt könnt ihr euch beim NDR noch in Gänze ansehen.

Sep 112020
 

Wenn das Innenministerium eines Bundeslandes – und insbesondere in NRW – gemeinsam mit Fußballvereinen etwas verkündet, dann schwant uns wenig Gutes. Wir würden gerne einmal eines besseren belehrt werden, aber wieder einmal fragen wir uns nur noch: Sauft ihr?

Seit der Saison 2017/2018 gibt es bereits in Baden Württemberg eine sogenannte Stadionallianz, großspurig verkündet, aber aus Fansicht bisher mit nicht nur positiver Wirkung

Wenig überraschend, dass das dann aus einer anderen Sicht gut funktioniert und der “DFL-Direktor Fußball-Angelegenheiten & Fans” sich gewünscht hat, das Modell auf andere Bundesländer zu übertragen. Klar, dass NRW da jetzt gehorsam mitzieht. Und die Vereine machen dann auch einfach alle mit. 
Die Vereine, die sich zu den äußerst fragwürdigen Einsätzen im Kontext von Spielen gegen den FCSP nicht geäußert haben. Die Vereine, deren Fans “unangekündigt und wahllos unter massivem Einsatz von Pfefferspray, Schlagstöcken und körperlicher Gewalt” repressiert werden. 

Und während die Stadionallianz in BaWü unserer Info nach zumindest noch eine Kommunikations- und Dialogskomponente hat, ist die in dieser Vereinbarung dann nicht mehr zu finden.

Jedenfalls diese Vereine wollen nun am Montag – ausgerechnet im Deutschen Fußballmuseum – eine Kooperationsvereinbarung mit den örtlichen Polizeibehörden (vertreten durch das Land NRW) unterschreiben.

Wir gehen noch mal kurz ein paar Schritte zurück: Ist das denn die neue Demut, die großspurig verkündet wurde? Und der Dank für die Fans, die sich “sehr diszipliniert gezeigt in den vergangenen Wochen” gezeigt haben?

Auf Twitter und im Internet finden sich verschiedene Zitate, wenn man ein wenig guckt. Bei Philipp Köster, aber auch anderswo.

Best Of

“Der Informationsaustausch zwischen den Vereinen und der Polizei dient der Stärkung einer gemeinsamen Lageeinschätzung”

Wir wüssten ja zu gerne, wieso da niemand explizit auf die Fanprojekte und Fanbetreuer*innen hinweist. Denen kommt doch sogar im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (ab hier NKSS) eine besondere Rolle zu und jetzt werden sie einfach vergessen, bzw. zumindest nicht genannt? Also wir würden in diesem Dokument auch nicht genannt werden wollen, aber darum geht’s gerade nicht.

Und sowieso ist der Datenschutz ein Thema: Dass die Polizei mit anderem Zweck erhobene Daten gerne mal für eigene Zwecke nutzt, ist ja nicht erst seit gestern bekannt. Wir sehen da durchaus eine Problematik – und das ist dann auch wieder der Grund, warum wir diese ganze Speicherung von personenbezogenen Daten im Corona-Fußball-Kontext weiterhin kritisch betrachten werden.

“Die transparente Darstellung von Informationen und Maßnahmen der jeweiligen Vertragspartner in der Öffentlichkeit kann zu einer Distanzierung von Gewalttätern sowie zu Verhaltensänderungen bei gewaltbereiten Personen beitragen und bereits im Vorfeld zu einer Entspannung des Gesamtgeschehens im Zusammenhang mit der Veranstaltung führen.”

Finden wir ja stark, dass man sich bereits vorher von repressiven Beamt*innen distanzieren will. 
Aber jetzt mal im Ernst, wie soll das mit dem “im Vorhinein distanzieren” denn konkret aussehen? Dass Vereine im Vorfeld sagen, dass sie sich schon mal von den Fans distanzieren, für den Fall, dass diese was Doofes machen sollten? Und dann verhalten sich alle automatisch friedlich. Scheint komplett einleuchtend.

“Die öffentliche Distanzierung im Zusammenhang mit diffamierenden Meinungsäußerungen wie z. B. Spruchbändern, kann von den Vertragspartnern, je nach den Umständen des konkreten Falles, als erforderlich angesehen werden.”

Lesen wir ja als „Wir wollen weiterhin Menschen auf den WM-Baustellen wie Sklav*innen behandeln, aber schreibt dazu bitte nichts Gemeines auf Spruchbänder“, „Wir wollen bitte Milliardäre schützen, bevor die gemeine Sachen lesen müssen“.

Meine Güte, eure immer noch nachwirkende Betroffenheit um den Sohn eines Nazis ist so unfassbar. Während ihr euch bei Rassismus schön ausschweigt. Könnt ihr eigentlich abends in den Spiegel gucken? 
Und wie dieses „als erforderlich angesehen werden“ dann aussieht, wüssten wir auch wirklich gerne mal. Was passiert denn, wenn der eine Partner das will und der andere nicht? Dazu haben wir auch noch mal Jurist*innen befragt, unten mehr.

In einem Konzept, das zum Ziel hat “die Sicherheit im Zusammenhang mit Fußballspielen nachhaltig zu erhöhen, der Entwicklung von Gewalt entschieden entgegen zu treten und die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Akteure zu stärken” werden Spruchbänder explizit genannt und somit implizit als Sicherheitsrisiko eingestuft?

Lex Hopp, wir würden es am liebsten immer noch vergessen.

“Insbesondere die öffentliche Distanzierung der Vereine von unerwünschten Verhaltensweisen stärkt die Werteorientierung des Vereins und verhindert eine „Legitimierung“ solcher Verhaltensweisen durch Verharmlosung oder Duldung.”

Was eine Werteorientierung steigern würde, wäre, wenn ihr endlich mal eure Kooperationspartner (dazu zählen seit neuestem dann die lokalen Polizeibehörden ja auch offiziell dazu) kritisch reflektiert. Wenn ihr die Toten auf dem WM-Baustellen nicht mehr hinnehmt. Wenn ihr eure Angestellten nicht scheiße bezahlt und behandelt. Wenn ihr Tickets nicht nur an die vergebt, die vorher kein Geld zurückgefordert haben. Wenn ihr… – die Liste ist so beliebig erweiterbar.

“Eine entsprechende Positionierung kann bereits dann erfolgen, wenn eine materiell strafrechtliche relevante Schwelle noch nicht vorliegt oder die strafrechtliche Relevanz noch nicht abschließend feststeht.” 

Hahaha, was? Wir freuen uns dann auf die moralische Einordnung, was okay ist und was nicht. Durch die Polizei. Noch mal: Durch die Polizei. 
Den Tatbestand der Beleidigung gibt es im Strafgesetzbuch aus gutem Grund. Und auch wenn die Polizei gerne mal heult, ist es noch lange keine relevante Straftat.

“Entsprechende Distanzierungen von gezeigtem Fehlverhalten der Anhängerschaft können durch die Vereine gemeinsam mit der Polizei in den zur Verfügung stehenden Kommunikationskanälen crossmedial erfolgen.”

Top Idee, gebt der Polizei doch gleich eure Twitteraccounts. Die finden sich sicher noch ein paar Nazis, die retweetet werden können.

“Um präventiv Gewalt im Rahmen von Fußballspielen zu verhindern, nutzt die Polizei zusätzlich spieltagsbezogen präventiv polizeiliche Maßnahmen (Gefährderansprachen, Platzverweise, Bereichsbetretungsverbote, Meldeauf-lagen). Die Verzahnung von Stadionverboten mit präventiv polizeilichen Maßnahmen ist besonders wirksam.”

N. E. I. N. und noch mal N.E.I.N.
Sowieso diese Stadionverbote: Der Verein hat natürlich Hausrecht und kann jemanden rausschmeißen, wie er möchte und Hausverbot geben. Das Ding ist dann diese Weitergabe an alle Vereine, die man sehr kritisch sehen kann. Das BVerfG hat sich damit beschäftigen müssen und das grundsätzlich abgenickt, wollte aber ganz verkürzt ein „faires Verfahren“ als Voraussetzung sehen. Und da sehen wir ein erhebliches Problem. Wo ist denn das „faire Verfahren“, wenn du in Dresden von einer*einem Naziordner*in rausgeworfen wirst, Dresden dir Stadionverbot gibt und du nun auch beim FCSP nicht mehr rein kommst, obwohl dieser null Sachverhaltskenntnis hat und diese Kenntnis auch nicht ernsthaft erlangen kann. 

Vor Gerichten musst du dann mehr oder minder deine Unschuld beweisen, was bekanntlich nicht geht. Faires Verfahren setzt unserer Meinung nach eine unabhängige Stelle voraus, die entscheidet. Und das hast du einfach nicht. Da entscheidet ein Verein, dessen Fan du im Notfall gar nicht bist und der unter derbsten Druck von Polizei und Öffentlichkeit steht. Und ob dieser die*den Ordner*in, die*der dich raus geschmissen hat, wirklich mal auf Glaubwürdigkeit und seine Aussage auf Glaubhaftigkeit abklopft, kann mal sehr gut bezweifelt werden. Das ist nicht wirklich ein faires Verfahren. Und Dresden ist hier noch ein schlechtes Beispiel, weil die das institutionalisiert haben.

Und da sind wir noch nicht mal bei der Wirksamkeit: “Die Verzahnung von Stadionverboten mit präventiv polizeilichen Maßnahmen ist besonders wirksam.“ Das ist wirklich eine Regelung eines unklaren Sachverhaltes, den nun beide Parteien als gegeben angeben. Wir bezweifeln mal ganz stark, dass es dazu wirklich kriminologische Studien gibt. Das ist für die Polizei im Endeffekt ein Freibrief immer mit Aufenthaltsverboten etc. zu arbeiten. Im NKSS (ab Seite 33) werden da auch insgesamt durchaus andere Töne angeschlagen.

Vertrag oder Kooperationsvereinbarung?

Mal wird im Dokument von “Kooperationsvereinbarung” gesprochen, mal von “den Vertragspartnern”. Wir haben dazu mal Jurist*innen befragt und um Einschätzung gebeten:

“Grundsätzlich sind Verträge auch im Polizeirecht (Gefahrenabwehrrecht) zulässig (§ 54 Abs. Verwaltungsverfahrensgesetz/VwVfG des Bundes, bzw. gleich lautende Vorschriften der Länder) im sogenannten subordinationsrechtlichen Verhältnis (wenn du so willst, Behörde oben, Bürger unten). So, wenn der Vertrag aber grundsätzlich zulässig wäre, dann gibt es trotzdem hier Dinge, die man sehr hinterfragen kann.

Man darf nie vergessen, dass wir hier ein Über-/Unterordnungsverhältnis haben. Anders als z. B. wenn du ein Stadion mit öffentlichen Mitteln baust, dann ist das eher ein Verhältnis „auf Augenhöhe“. Daher regelt das Gesetz einige Haltepunkte. So formuliert § 59 (2) Nr. 2 VwVfG, dass ein Vertrag dann nichtig ist, wenn ein entsprechender Verwaltungsakt nicht nur aus formellen Gründen rechtswidrig wäre.
Ein Verwaltungsakt mit dem Inhalt „ihr habt euch zu distanzieren“ wäre sehr wahrscheinlich rechtswidrig. Meinungsfreiheit etc. Da ist halt die Strafbarkeit eine sehr klare und verfassungsrechtlich auch gebotene Grenze des öffentlichen Eingreifens. Man darf nicht vergessen, dass auch ein Schweigen zu einem Thema wohl Meinungsfreiheit ist. Das umfasst auch, dass man mal schweigen darf (ja, gilt auch für Männer).

Die Norm setzt dann noch voraus, dass die abschließenden Parteien wissen, dass ein entsprechender Verwaltungsakt nichtig wäre. Klar, die werden sagen, dass sie natürlich nichts gewusst haben und dies auch der/die linientreuste Jurist*in im Innenministerium geprüft hat. Aber ob das ein Verwaltungsgericht mitmacht? 

Was die deswegen versuchen, ist, das wachsweich zu formulieren. Da steht ja nicht „ihr habt euch zu distanzieren“, sondern es wird darauf aufmerksam gemacht, dass es vielleicht notwendig wäre und man sich crossmedial abstimmen würde. Der*die linientreue Jurist*in war sich also der Gefahr bewusst. Im Endeffekt verpflichtet diese Norm zu nichts. Das wissen die alle, die wissen aber auch, welchen Druck das politisch aufbaut.

Und so geht es weiter. Obwohl das Ganze Vertrag genannt wird, ist da keine einzige wirklich verpflichtende Norm drin. Das ist eher eine Absichtserklärung, nett zusammen zu arbeiten. Was schon scheiße genug ist. Und wenn mal was konkret geregelt werden müsste, dann sagt das Ganze: „Ja, das machen die Kreispolizeibehörden vor Ort.“ Die einzige Idee hinter diesem Vertrag ist, dass du ihn im Konfliktfall politisch rausziehst und sagst: „Ihr habt das unterschrieben und ihr haltet euch nicht dran, also muss ich nun schärfere Maßnahmen ergreifen.“ Alleine deswegen würde ich das als Verein nicht unterschreiben. Schärfere Maßnahmen ist dann natürlich das Bremen-Konzept, sprich Beteiligung an Kosten. ”

Und wer kommt wieder nicht zu Wort?

Wie sehr kannst du eigentlich auf alle vereinbarten Spielregeln scheißen, wenn den Unterzeichnenden und dem Papier zu Folge die Fanbeauftragen und Fanprojekte nicht involviert waren? Ihr sprecht über Sicherheit und Fans und nehmt die Betroffenen und die Mittler*innen nicht mit rein? Cool, dann machen wir ganz bald Verträge mit Spielern und Sponsoren, aber ohne Euch.

PS: Fußball-Club St. Pauli von 1910 e.V.: Don’t Even think about it.

Sep 012020
 

Der FCSP ist seit einigen Tagen im Trainingslager, es gibt Fotos von Sporteinheiten, ein bisschen Quizquatsch, ein paar ernstere politische Themen in dem Video mit Jackson und Ziereis – in dem wir gerne noch stärker den Fokus auf den deutschen Kontext gelenkt gesehen hätten, aber das ist ein anderes Thema, ein paar Testspiele. Alles wie immer und ganz normal. Und Normalität in einem gewissen Maße ist in diesen Corona-Zeiten für eine gute Vorbereitung wahrscheinlich dann auch wirklich nicht zu unterschätzen. Gut leider dieses Mal ohne Mats-Videos, aber daran haben wir uns ja auch schon fast gewöhnt (😭).

Eine Sache gehört dann aber auch jedes Mal zu dieser Normalität und wir fragen uns wirklich seit langem, ob das eigentlich wirklich immer noch sein muss und ob es da nicht viel coolere Wege gäbe, die neuen im Team willkommen zu heißen. Ja, die Rede ist von den Videos des Vorsingens der neuen.

Neue willkommen heißen

Auch wir haben Sport in Vereinen gemacht, neue Jobs angefangen, Jobs gewechselt – alles verschiedenste Situationen in denen wir jeweils wenige bis niemandem aus dem neuen Umfeld kannten. Situationen, in denen es wichtig war, dass wir gut von den “alten” willkommen gehießen worden und in denen wir umso schneller ankamen, desto besser dies ablief. 
Es gibt in der (Sport-)Psychologie mehr als genug Belege dafür, dass Menschen, die sich in ihrem Umfeld wohlfühlen, die sich von ihren Mitmenschen gewollt fühlen und die sich als vollwertiger Teil einer Gruppe fühlen, bessere Leistung bringen. Und das ist ja im Fußballkontext nun wirklich nicht ganz unwichtig. Insofern ist es gut und wichtig, dass man sich auf als Profifußballverein überlegt, ob und wie man die neuen Spieler im Kreis der Mannschaft willkommen heißen kann. 
Speziell im FCSP-Kontext gab es in der Vergangenheit dann auch immer noch die bekannten Stadtteilspaziergänge, in denen den neuen das Viertel und der Verein für den sie jetzt spiele, nähergebracht wurde. Geht aus nachvollziehbaren Gründen gerade natürlich nicht in der gewohnten Form, aber auch hier hoffen wir einfach mal, dass da bereits über andere Wege nachgedacht wurde, diesen nicht ganz unwichtigen Punkt ebenfalls rüberzubringen. Das hier ist eben mehr als Fußball. (Grüße an die Grandprixvorentscheidzweiten)

Aber muss das wirklich in dieser Form sein

In diesem Kollektiv gibt es Menschen, die verschieden stark musikalische Talente haben. Von “wenn du nie wieder in der Öffentlichkeit singst, kriegst du jetzt ne 1” beim Vorsingen vor der ganzen Klasse bis zum Spielen in der eigenen Band. 
Ähnlich breit ist auch das Spektrum der musikalisch-gesanglichen Fähigkeiten der FCSP-Spieler. Einigen sieht man an, dass sie es gut und gerne machen, bei anderen kann man das Unwohlsein (dieses Jahr aber auch in vorherigen) allein beim Betrachten der Videos mitfühlen.
Aufnahmerituale sind gut und wichtig, es ist wichtig, tragfähige Beziehungen herzustellen und zu erreichen, dass die neuen sich wohlfühlen. 
Aufnahmerituale sind aber auch häufig sehr dadurch geprägt, dass man sich in einer gewissen Art und Weise vor anderen bloßstellen muss oder etwas doofes machen muss, was die anderen vor einem auch schon machen mussten. Besonders exemplarisch hier natürlich die Aufnahmerituale von Burschenschaften, in denen es meistens darum geht, so viel Alkohol in kurzer Zeit zu trinken, dass man dann eben einfach kotzen muss. Alternativ einfach die Wange hinzuhalten, während andere dir mit irgendwelchen Waffen vorm Gesicht rumwedeln. Also natürlich nicht offiziell, aber einen großen Anteil daran, dass das immer noch gemacht wird, hat’s dann eben doch.
Ähnliches auch bei Erstitagen an Unis. Ihr habt doch sicher auch schon von diesen Kleiderketten gehört, die Erstis an Marktplätzen gebildet haben? Wir haben jedenfalls direkt Bilder von komplett unbekleideten Student*innen vor Augen. Vielleicht fanden sie das ja auch wirklich cool, wir stellen aber mal die Hypothese auf, dass der vorherige Alkoholkonsum und die Gruppendynamik da auf jeden Fall auch eine ordentliche Rolle gespielt haben. Und wenn man dann die Erstitage im nächsten Jahr betreut, macht man mit dem Ritual wieder weiter, weil man musste da ja auch durch und hat es ja auch geschafft.
Und dann sind wir noch nicht mal bei der Marine angekommen, in der insbesondere rund um den Todesfall der Kadettin auf der Gorch Fock auch diverse unschöne Geschichten rund um die Aufnahmerituale ans Licht kamen.

Und an beiden Beispielen sieht man schön, was das Problem:
Eine bereits existierende Gruppe (“In-Group”) stellt Bedingungen auf, die die neuen erfüllen müssen, um dazuzugehören. Das ist Konservatismus in Reinform. 
Sicher, die neuen müssen bei diesem Vorsingen zum allergrößten Teil in gewisser Art und Weise aus sich raus, sich öffnen. Auch das ist insgesamt ein wichtiger Aspekt, um Vertrauen aufzubauen und so Mitglied einer Gruppe zu werden. Aber wird da fragwürdig, wo das nur einen Teil der Gruppe und eben nicht alle trifft. Robin ist Dienstältester, bei dem hat keine*r mehr mitbekommen, wie er live vor Ort gesungen hat. 

Und überhaupt ist das für einen modernen Profifußballclub, der Dinge hinterfragen will, “unestablished since 1910” sein will, wirklich angemessen noch in dieser Form zu agieren? Würden die Spieler das wirklich alle freiwillig machen, wenn sie sich in der Gruppendynamik nicht gezwungen fühlten? Ist es gut, etwas auszuwählen, was einige wirklich genießen und andere eben einfach richtig doof finden?
Und müssen wir dann auch noch Videos davon in den sozialen Netzwerken sehen?

Apropos soziale Netzwerke, bei einem der letzten Male war einige Zeit ein Video eines Spielers, der Xavier Naidoo sang, online. Nach Hinweis ob der Problematik war es dann relativ schnell wieder rausgenommen. Nun ist es Mickie Krause. Auch hier könnte man solche Situationen mit Liedern von Sängern, die nun wirklich weit von unseren Vorstellungen des FCSP weg sind, vermeiden.

Wir haben da andere Ideen

Das Ziel ist es doch , die neuen bestmöglich willkommen zu heißen und zu integrieren. Und da gibt es dann mindestens genauso gute Wege: Statt etwas zu nehmen, wo die Leistung hauptsächlich vom eigenen Talent abhängt, kann man sicher auch etwas finden, wo alle in gewisser Form aus sich rausmüssen, aber eben nicht die eigenen Gesangskünste (die mit Fußballspielen ja nun nur bedingt zu tun haben) im Mittelpunkt stehen. Statt einzelne aus der Gruppe rauszuholen, lasst die Leute in kleinen Teams was erarbeiten und das vorstellen. Da bringst du dann auch gleich noch “neu” und “alt” zusammen und förderst Kooperation. Und es gibt doch jetzt auch wieder einen Sportpsychologen im Verein. Der hat sicher auch noch ein paar Ideen oder kann an Menschen, die sich in Gruppendynamik und/ oder Pädagogik auskennen, verweisen.

Und wenn ihr es dann wirklich trotzdem weitermachen müsst, dann lasst das doch wenigstens mit den Videos sein.