Aug 312020
 

Liebe Lesenden

wir haben einen Sieger: Thees Uhlmann wird für den FC St. Pauli beim “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest“ antreten. Überrascht? Für viele war Thees sicherlich eh der Favorit. Aber lassen wir doch mal kurz das ganze Turnier Revue passieren.

Die Viertelfinals

Von Freitag, den 21. August, bis Montag, den 24. August, duellierten sich die acht Endrundenteilnehmer (bedauerlicherweise durchweg männlich). In der ersten Partie setzen sich die Glasgower von The Wakes souverän gegen das Hamburger Duo Swearing at Motorists mit 277 zu 125 Stimmen durch. Zugegeben, Folk Punk schien uns auch von vornherein leichter zugänglich als der lässige Zweipersonengroove von “St. Pauli ‘Til I Die”, für den das Turnier damit beendet war.

Es folgte das Duell, was nur einen Verlierer haben konnte: Thees Uhlmann trat im zweiten Viertelfinale gegen Talco an. Hach, einer muss ja rausfliegen. Und so waren es die Venezianer, die vorzeitig die Heimreise antreten mussten. Ihr knackiger Ska Punk mit italienischen Lyrics hatte nicht den Hauch einer Chance und musste sich mit 241 zu 670 Stimmen dem Hemmoorer Singer-Songwriter geschlagen geben. Da gab es sicherlich einige nassgeweinte Schultern – aber hey, Talco, immerhin nur gegen den Turniersieger verloren!

Nächste Begegnung: L.A.K. gegen The Pilgrims. Straßenpunk gegen Folk Rock. Und auch hier zahlte sich der Heimvorteil aus, L.A.K. machten keine Gefangenen und lösten mit einem deutlichen 346-zu-187-Sieg das Halbfinalticket. Für zweiten Glasgower des Turniers endete der Song Contest also schnell wieder. Vielleicht hatten unsere lesenden Hörer*innen einfach nicht die Geduld für den epischen Sechsminüter “The Fans of St. Pauli” samt Mundharmonika-Solo.

Und damit stand schon das letzte Viertelfinale an: Sibbe Rakete nahm es mit But Alive feat. OL an. Ein echter Underdog gegen ein Urgestein also. Und hier kam es zur knappsten Kiste des Turniers, denn But Alive feat. OL gewannen “nur” mit 295 zu 239 Stimmen. Sibbe Rakete griff noch selbst via Social Media in den Wettkampf ein, doch am Ende reichte es nicht für seinen halbakustikischen Melancholie-Punk in “Wochenendbeziehung”.

Die Halbfinals

Die beiden Halbfinals fanden am 26. und 27. August statt. The Wakes sahen indes gegen den späteren Gewinner kein Land und wurden von Thees Uhlmann mit seinem sentimentalen Schmachtfetzen mit 634 zu 121 Stimmen niedergewalzt. Und damit war Schluss für den letzte Vertreter aus dem Ausland, so schmissig der Folk Punk von “Pirates of the League” mit seinem liebenswürdigem Glaswegian-Akzent auch sein mag.

Im zweiten Semifinale begegneten sich L.A.K. und But Alive feat. OL. Hier konnten wir einen Zielgruppenunterschied feststellen, denn je nach Plattform fiel die Abstimmung unterschiedlich aus. Am Ende war es ein relativ knapper Sieg für L.A.K., die die Ex-Truppe von Markus Wiebusch mit “Sie war, sie ist, sie bleibt”, dem wohl ältesten Song des Contests, nach Hause schickte. 56 Stimmen machten schließlich den Unterschied, 316 zu 240 das Endergebnis..

Das Finale

Wir schreiben den 29. August: Was für ein Endspiel! Rotziger Punk gegen Rotz-und-Wasser-Melancholie. Drei Akkorde gegen vier Akkorde. Nachbarschaftsduell von der Einhundert-Platte. Oder wie jemand Schlaues sagte:

Und sollte tatsächlich an diesem Sonnabend ein Riss durch die Fanszene gehen? Tatsächlich. In den sozialen Medien tobte schnell eine waschechte Propagandaschlacht, ja fast schon ein schmutziger Krieg. Keine leichte Entscheidung, fanden auch einige Nutzer*innen.

Alle Parteinahme für L.A.K. alias “Lust auf Kunst” half jedenfalls am Ende nichts, der Schwiegersohn der Nation des Vereins durfte nach einer relativ deutlichen Abstimmung mit exakt 777 zu 376 Stimmen die Krone entgegennehmen. Tja, Thees, das heißt aber auch, dass du noch mal ranmusst. Wir sehen und hören uns in der Endrunde des “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest”, der in Kürze startet. Checkt dafür den MillernTon.

Allen Teilnehmenden vielen Dank! Das hat richtig Spaß gemacht.

PS: Wir haben hier noch das Abstimmungsverhalten von im Verein bekannten Menschen vorliegen. Die werden bei Gelegenheit selbstverständlich noch als Druckmittel zur Beschaffung von Informationen genutzt.

Aug 262020
 

In den letzten Tagen sind bei euch doch auch gerade die Dauerkarten eingetrudelt, oder? 

Habt ihr mal, liebe Leser*innen, auf die begleitende Rechnung geschaut? Wir schon. In der Rechnung sind 19 Prozent ausgewiesen. Dabei haben wir alle doch aus Presse, Funk und Fernsehen gelernt, dass zumindest für ein halbes Jahr nun der Umsatzsteuersatz 16 Prozent sein soll. Eine aufmerksame Leserin machte uns auf die Fragestellung aufmerksam und wir haben mal Menschen gefragt, die sich damit auskennen. Hier ihre Antwort:

Puh, so einfach ist das alles nicht. Beseitigen wir mal alle Klarheiten:

Zyniker*innen würden natürlich erstmal anmerken, dass Darlehen nicht der Umsatzsteuer unterliegen und wir das Geld ja sowieso alle zurück bekommen, weil wir nicht hin dürfen. Aber das ist nun ausdrücklich nicht Vertragsinhalt einer Dauerkarte.

Als Fan kann man sich jetzt natürlich sehr einfach auf den Standpunkt stellen: „Ist mir doch egal, welcher Steuersatz da berechnet wird, ich wollte 173 Euro für meine Dauerkarte zahlen, die hab ich bezahlt, alles gut.“ Und rein zivilrechtlich ist das auch richtig. Es ist wohl ein Preis inklusive Mehrwertsteuer vereinbart worden und eine Preisanpassung ist im Vertrag nicht vorgesehen. Die könnte aus Kulanz vielleicht erfolgen, aber da könnte als Fan ja schnell auch der solidarische Gedanke „dann hat der Verein halt ein paar Groschen mehr für sich“ Überhand nehmen. 

Leider kennt das Umsatzsteuerrecht aber einen ganz fiesen Paragraphen, nämlich § 14 c UStG, der vereinfacht sagt: „Wenn du Umsatzsteuer in deinen Rechnungen zu hoch ausweist, dann hast du die auch an den Fiskus zu zahlen.“ Hier könnte also der FCSP ggf. Geld verschenken, wenn er eigentlich 16 Prozent hätte ausweisen müssen für einzelne Spiele. Und dann würde der FCSP Geld verlieren. 

Daher ist das vielleicht doch ganz interessant. Denn wenn wir mal sechs Heimspiele vor dem Jahreswechsel annehmen und einen Betrag von 173 Euro brutto, dann wären das netto (=fließt dem Verein zu) 145,38 und bei 16 Prozent Umsatzsteuer für sechs Heimspiele 146,71 Euro. Klingt immer noch wenig, oder? Aber das sind bei 15.500 Karten schlappe 20.000 Euro. Und wer will schon 20.000 Euro wegen eines falschen Ausweises an das Finanzamt zahlen? Wohlgemerkt, dies gilt, wenn jede Karte 173 Euro kosten würde und dieser Preis ist ja eher das untere Ende der Preisspanne beim FCSP. Sprich: Wir sprechen hier garantiert nicht von der Leo-Ablösesumme, aber in Corona-Zeiten auch nicht um einen Betrag, der einfach so zu vernachlässigen ist. Ginge man von einem festen Nettobetrag aus (das wäre im Endeffekt die „ich will, dass der FCSP die Ersparnis weiter gibt“), dann ginge es um 1,54 pro Dauerkarte. Reicht nicht mal für ein Astra.

Sind noch Klarheiten übrig? Dann werden die nun beseitigt. 

Welcher Steuersatz ist denn nun richtig? Das ist so einfach gar nicht mal. Und so richtig Literatur findet man dazu auch nicht.

Welcher Umsatzsteuersatz gilt, ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Leistung. Sagt das Gesetz so einfach. Leistung ist das, was ihr bezahlt. Dies gilt auch dann, wenn die Leistung aus einzelnen Teilleistungen besteht und diese mit unterschiedlichen Steuersätzen belegt werden müssten. Unerheblich ist, wann eine Rechnung gestellt wurde, sagt das Gesetz weiter. Leistung ist das, was man mit seinem Geld erkauft. Bei einer Dauerkarte ist die Leistung der Eintritt an mehreren Tagen. Einfach ist es dann, wenn es sich um eine Dauerkarte für einen Freizeitpark oder so handelt und du in einer Datumsspanne halt XYZ mal da rein darfst. Dann sagt man, dass es keine trennbare Teilleistung ist und der letzte Tag des möglichen Eintrittes der Tag der Leistung ist. Beim FCSP ist das letzte Spiel irgendwann im Mai 2021, dann gilt wieder 19 Prozent (aller Voraussicht nach) und dann wäre die Rechnung richtig.

“Halt, halt!“ schreit das Steuerrecht. Ganz so einfach ist es nicht, denn wir haben ja Spieltage, die liegen zwar nur grob fest, aber immerhin so, dass man sie den Zeiten zuordnen kann. Dies könnten ja fest zugeordnete Teilleistungen auf die Dauerkarte sein, eine Trennung ist möglich, also 16 Prozent für sechs Spiele.

Eine Frage sollte man hier im Hinterkopf behalten: Wie fest sind denn Rahmenterminpläne in Zeiten von Corona?

Der Steuersatz hat sich zuletzt 2007 geändert und damals haben kluge Oberbehörden folgende Sätze als Interpretation (!) an ihre Rechtsanwender*innen abgesondert (für die Fachpraktiker*innen unter euch: Gefunden bei Beck-Online, Beispielhaft ist hier der Erlass des Finanzministeriums Nordrhein-Westfalen vom 29.08.2007 zitiert. Es gibt ziemlich gleichlautende Erlasse auch von anderen Behörden. Soweit ersichtlich gibt es aber keine Aufsätze oder Gerichtsentscheidungen zu dem Thema):

Die Überlassung einer Eintrittskarte, die zum Besuch mehrerer Sportveranstaltungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums berechtigt, ist stets als Dauerleistung anzusehen, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Leistungszeitraum ist dabei typischerweise eine Spielsaison. Dem Leistungsempfänger[*in] kommt es regelmäßig darauf an, alle im Leistungszeitraum stattfindenden Spiele besuchen zu können. Ob die Anzahl der Spiele einer Saison zum Zeitpunkt des Erwerbs der Karte bereits feststeht oder ob diese variabel ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § 12Abs. 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Diese Dauerleistung kann jedoch in Teilleistungen erbracht werden. Die Annahme von Teilleistungen setzt gem. § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG voraus, dass einem bestimmten Teil der wirtschaftlich teilbaren Leistung ein gesondertes Entgelt zugeordnet werden kann.

In den Fällen, in denen die Anzahl der Spiele, zu deren Besuch die Karte berechtigt, nicht feststeht, ist dies nicht möglich. Daher scheidet die Annahme von Teilleistungen für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeit des Entgelts aus. Der Umsatz wird erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Bei Dauerleistungen aus dem Verkauf von Karten, die zum Besuch einer feststehenden Anzahl von Spielen berechtigen, ist die in § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG geforderte Zuordnung jedoch möglich, falls gesonderte Entgeltvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen werden. Als Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist es insbesondere auch anzusehen, wenn in einer vor dem 1. 1. 2007 erteilten Rechnung das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben wird (vgl. BMF v. 11. 8. 2006 IV A 5 – S 7210 – 23/06, BStBl. I S. 477, Abschn. 3.3). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei anhand der Anzahl der Spiele zu erfolgen.

Wenn man das so auseinander dividiert, steht da, dass man theoretisch in Teilleistungen aufteilen kann und diese mit unterschiedlichem Steuersatz abrechnen kann, WENN denn eine fest bestimmte Anzahl an Spielen in der Dauerkarte umfasst ist und geteilt abgerechnet wird. Die geteilte Abrechnung wäre natürlich möglich gewesen, stellt sich die Frage, ob eine feste Spieleanzahl festgelegt ist.

Etwas einfacher zu verstehen ist vielleicht die Verfügung der OFD Frankfurt (26.01.2007) zum gleichen Thema:

Auswirkungen auf den Verkauf von Dauer- bzw. Jahreskarten

Sportvereine geben Dauer- bzw. Jahreskarten heraus, die für einen gewissen Spielzeitraum (z. B. 1. 7. bis 30. 6. eines Jahres) die Eintrittsberechtigung für Heimspiele des Vereins beinhalten.

Das Entgelt ist im Voraus zu entrichten, unabhängig davon, wie viele Spiele der Erwerber der Karte tatsächlich besucht.

1.1 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt nicht fest

Die Überlassung der Eintrittskarte stellt eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird. Der Umsatz wird jeweils erst mit Ablauf der Spielsaison ausgeführt.

Die Umsätze mit Dauerkarten für eine über den Jahreswechsel hinausreichende Saison unterliegen daher – vorbehaltlich der Steuerermäßigung nach § USTG § 12 Abs. USTG § 12 Absatz 2 Nr. 8 UStG – dem ab 1. 1. 2007 geltenden allgemeinen Steuersatz von 19 %.

Die Annahme von Teilleistungen scheidet für diese Sachverhalte mangels konkreter Zuordnungsmöglichkeiten des Entgelts aus.

1.2 Die Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest

Die Überlassung solcher Dauerkarten stellt ebenfalls eine Dauerleistung dar, die mit Ablauf des Berechtigungszeitraums erbracht wird.

Liegen jedoch die Voraussetzungen des § USTG § 13 Abs. USTG § 13 Absatz 1 Nr. 1a Satz 3 UStG vor, kann diese Dauerleistung in Teilleistungen erbracht werden, soweit gesonderte Entgeltsvereinbarungen für die einzelnen Teilleistungen vor dem 1. 1. 2007 getroffen wurden.

Demnach ist für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2006 entfällt, der Steuersatz von 16 % und für den Teil des Entgelts, der auf Spiele des Jahres 2007 entfällt, der Steuersatz von 19 % maßgeblich.

Eine Vereinbarung eines kürzeren Abrechnungszeitraums ist auch gegeben, wenn vor dem 1. 1. 2007 eine Rechnung erteilt wurde, in der das Entgelt oder der Preis für diesen Abrechnungszeitraum angegeben ist (z. B. für Teilleistungen bis zum 31. 12. 2006 und ab dem 1. 1. 2007). Die Aufteilung des Entgeltes auf die einzelnen Teilleistungen hat hierbei linear anhand der Anzahl der stattfindenden Spiele zu erfolgen.

„Anzahl der Heimspiele steht im Erwerbszeitpunkt fest“ ist die Überschrift und erneut die entscheidende Frage.

Wie ist es denn beim FCSP geregelt? Und wenn man in die ATGB des Vereines guckt, dann steht da folgendes:

Eine Dauerkarte oder eine Jahreskarte Steh Süd („Dauerkarten“) berechtigt den Kunden grundsätzlich, diejenigen Heimspiele des Clubs im Stadion zu besuchen, für die er ein Besuchsrecht erworben hat. Der Kunde erwirbt ein Besuchsrecht für 17 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der Bundesliga oder 2. Bundesliga) bzw. 19 Heimspiele (bei Teilnahme am Spielbetrieb der 3. Liga).

https://www.fcstpauli.com/tickets/ticket-infos/atgb/

Das ist dann wohl doch ziemlich eindeutig und heißt, dass der FCSP hier wohl auf Teilleistungen hätte aufteilen können und 20.000 Euro plus X hätte sparen können. Wäre das den Aufwand wert gewesen? Keine Ahnung.

Auch bleiben noch Zweifel, die wir nicht wirklich klären können:

Im Zeitpunkt der Bestellung stand ja noch nicht mal der Rahmenspielplan. Insofern kann man daran zweifeln, ob die „Anzahl der Heimspiele im Erwerbszeitpunkt“ wirklich feststand. Dieser wurde erst am 07.08.2020 veröffentlicht und wir wissen natürlich nicht, wann den Vereinen bekannt war, wann sie wo und wie spielen. Die Rechnung unserer Beispieldauerkarte trägt das Datum 25.06.2020, also vor dem öffentlichen feststehen. Man kann dann natürlich argumentieren, dass der Zeitpunkt eben nicht feststand, dann wieder der letzte Tag gilt und daher durchgängig 19 Prozent Umsatzsteuer richtig ist.

Klar hätte man es mit einer späteren Rechnungslegung und einer Trennung in der Rechnung als FCSP drauf ankommen lassen können und erstmal nur 16 Prozent für die sechs Heimspiele abführen können. Anscheinend hat man sich entschieden, dass das gesparte Geld den Aufwand nicht wert ist. Was vielleicht auch richtig ist. Denn die Umsatzsteuerprüfung des Finanzamtes kommt bestimmt und dann wäre so etwas immer Thema gewesen. Und das kostet Zeit, Geld (Berater*innen) und Nerven. 

Lange Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich hättest du 16 % für 6 Heimspiele versuchen können, ob es sich wirklich gelohnt hätte, sei mal dahin gestellt. 

In diesem Sinne:

Prost!

Aug 212020
 

Liebe Freund*innen der gepflegten Klangkunst,

Fußball ist ein Ergebnissport. (“GRUNZ“, freut sich das gierige Phrasenschwein.) In unser aller Lieblingssport geht es nicht um Geschmack, sondern um Zählbares. Keine Jury kürt das siegende Team eines Spiels, das machen allein die Tore. Ob’s uns gefällt oder nicht.

Ganz anders ist es in der Welt der Musik. Erlaubt ist, was gefällt. (“GRUNZ!”) Und dennoch hält das viele Menschen auf der Welt nicht davon ab, Musikerzeugnisse in einen Wettbewerb gegeneinander zu schicken. Den meisten von euch sagt vermutlich der Eurovision Song Contest etwas. Ein bisschen in der Tradition dieses schaurigschönen Wettstreits um die Musiker*innenkrone der Popmusik hat es sich der MillernTon auf die Fahnen geschrieben, das beliebteste Fanlied der Bundesrepublik zu küren. Bei den Kolleg*innen heißt das “Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest” (#GPdlVSC). Und weil der Bums nach Möglichkeit die schönsten Lieder aller 55 Vereine der ersten drei Ligen des Landes umfassen soll, ist das ein ganz schön aufwendiges Vorhaben. (IHR SEID DOCH BEKLOPPT!)

Jetzt kommen wir ins Spiel.

Wir führen nämlich den regionalen Vorentscheid für den FC St. Pauli durch. In einem ersten Schritt haben wir bereits invölliger Willkür einem intransparenten und herzlich undemokratischen Verfahren acht Song-Kandidaten ermittelt. 

Nun seid ihr gefragt, liebe Lesenden und Follower*innen!

Im Rennen sind also:

  1. L.A.K. – Mehr als Fußball
  2. Thees Uhlmann – Das hier ist Fußball
  3. Talco – St. Pauli
  4. The Wakes – Pirates of the League
  5. The Pilgrims – The Fans of St. Pauli
  6. But Alive feat. OL – Sie war, sie ist, sie bleibt
  7. Sibbe Rakete – Wochenendebeziehung
  8. Swearing At Motorists – St. Pauli Till I Die

Acht Kandidat*innen, das klingt gleich nach Viertelfinale, nech? Riiiiiichtig. Die Paarungen der brandheißen Duelle stehen bereits – und ihr werdet darüber auf unseren einschlägigen Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram) abstimmen. Also demokratischer als die meisten Sportwettbewerbe war’s dann doch, wir waren höchst offiziell im Fanladen und eine Hoschi-Losfee hat folgende Begegnungen gezogen: 

Viertelfinale: Freitag, 21. August, bis Montag, 24. August

Viertelfinale 1, Freitag, 21. August: The Wakes – Swearing at Motorists
Viertelfinale 2, Sonnabend, 22. August: Thees Uhlmann – Talco
Viertelfinale 3, Sonntag, 23. August: L.A.K. – The Pilgrims
Viertelfinale 4, Montag, 24. August: Sibbe Rakete – But Alive feat. OL

Halbfinale: Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August

Halbfinale 1, Mittwoch 26. August: Sieger VF 1 – Sieger VF 2
Halbfinale 2, Donnerstag 27. August: Sieger VF 3 – Sieger VF 4

Finale: Sonnabend, 29. August

Sieger HF 1 – Sieger HF 2

Der Ablauf

Wir werden jeden Tag morgens (irgendwann zwischen 7 und 9, so grob) über Twitter, Facebook und Instagram Umfragen starten, an denen ihr dann bis Mitternacht teilnehmen könnt. Am Ende des Tages zählen wir dann die Stimmen zusammen und ermitteln so die Sieger*innen. Menschen, die uns entsprechend auf verschiedenen Kanälen folgen, haben 3x so viele Stimmen. Höchst demokratisch, sagten wir doch!

Verstanden?

Wir gehen mal davon aus, dass der Modus so weit klar ist. Also checkt ab Freitag laufend unsere Social-Media-Kanäle und stimmt ab!

Möge das beste Lied gewinnen!

Aug 072020
 

[Ergänzung, 14. August: Wir hatten in diesem Beitrag ursprünglich geschrieben, dass Oke in der DFL-Versammlung für das Aussetzen der Stehplätze gestimmt hat, da wir aufgrund der Medienmitteilungen davon ausgegangen waren. Wie er uns selbst informiert hat, hat er jedoch bei diesem Punkt dagegen gestimmt und sich dafür eingesetzt, dass Stehplätze zugelassen werden. Wir ändern den Text unten nicht, lest unseren Absatz dazu jedoch bitte mit dem entsprechenden Wissen.]

Wir hatten in diesem Blog bisher viel Verständnis für die Weiterführung der letzten Saison, für die Sicherheitsmaßnahmen, für die Spiele ohne Zuschauer*innen gezeigt. 13 von 36 Vereinen waren in ihrer Existenz bedroht, die Politik machte indirekten Druck weiterzuspielen, und durch die hohe Abhängigkeit von den Medienpartnern gab es nur wenige Auswege.

Damals und seitdem wird immer wieder betont, wie vorbildlich sich die Fans verhalten hätten, wie schade es sei, dass sie nicht ins Stadion könnten und wie sie ein essenzieller Teil des Fußballs seien. Naja, mit einigen wenigen Ausnahme. Aber Uli ist ja nun nicht der einzige verwirrte alte Mann.

Nun gab es Mittwoch eine Reihe von DFL-Beschlüssen, die die Rahmenbedingungen für die ersten Spiele der neuen Saison geschaffen haben. Wir wollen das gerne noch mal etwas neuer betrachten. Vor allem die Beschlüsse allgemein. Aber auch den FCSP betrachten wir.

Die Beschlüsse der DFL

Ausschluss von Gästefans

Es ist schön, dass in dem Absatz, in dem Gästefans ausgeschlossen werden, erst mal mit einem expliziten Bekenntnis zu Gästefans gestartet wird. Davon haben wir aber alle nichts, wenn dann im nächsten Schritt pauschal entschieden wird, dass Gästefans bis Ende des Jahres nicht zugelassen werden. Begründet wird dies mit Verringerung der Reisetätigkeit.
Die DFL macht es sich hier verdammt einfach.

  • Was ist mit Gästefans, die am Spielort der Heimmannschaft wohnen? Die müssten nicht reisen, da ist das Argument hinfällig.
  • Was ist mit Fans der Heimmannschaft, die am anderen Ende Deutschlands wohnen und die zu den Spielen ihrer Mannschaft anreisen?
  • Was ist mit Derbys? Die ja nun mehrfach auch in einem sehr engen Einzugsgebiet stattfinden (Dortmund-Schalke, Union-Hertha, FCSP-H$V). Spätestens da ist das Argument doch ad absurdum geführt.
  • Warum nimmt man als DFL nicht noch Verhandlungsmasse mit in die Gespräche mit den Behörden, statt mit vorauseilendem Gehorsam zu agieren? Die Behörden, die nebenbei das Reeperbahnfestival 2020 in Hamburg immer noch durchführen lassen wollen.
  • Und bei den insgesamten Zulassungszahlen in die Stadien sprechen wir hier dann von einer fünfstelligen Anzahl von Reisenden. Die Junggesellenabschiede aufm Kiez freuen sich, dass immerhin die Bahnen bei der Anfahrt leer sind.

Klar ist Minimierung des Infektionsrisikos nach wie vor oberste Priorität. Und wie bei vielen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ist offenbar der Hintergedanke, es lieber unterkomplex zu formulieren, um es einfacher durchfühen und vermitteln zu können, als maßgeschneiderte, möglicherweise zu komplexe Lösungen zu finden. Aber aus unserer Sicht hätte es da durchaus sinnvolle Kompromissvorschläge gegeben, die das Bekenntnis zu Gästefans über den Status des Lippenbekenntnisses hinaus gingen ließe. 

Wieso führt man nicht eine Umkreis-Regelung ein? Gästefans, die im Umkreis von x Kilometern um das Stadion leben, dürfen Tickets für den Gästeblock erwerben. Warum traut man den Fußballfans, die man sonst gerne für ihr tolles Verhalten lobt, nicht einfach mal zu, verantwortungsvoll zu handeln? Warum fängt man nicht mit sehr kleinen Kontingenten an? Von uns aus mit 1-2 (symbolischen) Prozent. Die aber eben genau das Bekenntnis dann auch in die Realität umwandeln. Und die in der pandemischen Gesamtlage aus unserer Sicht sehr gut vertretbar wären. Wenn man denn sowieso vor Zuschauer*innen spielen will.

Ausschluss von Stehplätzen

Mindestens bis zum 31.10.2020 sollen ebenfalls alle Stehplätze nicht besetzt werden. Das macht für zwei Vereine besonders viel Probleme: Den FC Union, der ja vor Wochen mit dem Vollauslastungsthema vorgeprescht war und seitdem wenig zu dem Thema verlauten ließ, und den FC St. Pauli. 
Konsequenterweise hat der FCU-Präsident gestern dann entsprechend auch gegen diesen Beschluss gestimmt. Oke, als Vertreter des FCSP, hat nach „teilweise kontroversen Auseinandersetzungen“ für diesen Antrag gestimmt.

Jetzt mal ehrlich: Die DFL beschließt mit einfacher Mehrheit bei solchen Themen. Oder anders gesagt: Eine zweite Nein-Stimme hätte den Gesamtbeschluss nicht ins Wanken gebracht, sondern wäre ein Signal gewesen, dass nicht alles einfach so angenommen wird. So hat das ganz ehrlich einen Beigeschmack von Menschen, die sich ihre eigenen Henker*innen aussuchen.

Klar hat Oke als FCSP-Vertreter und als Mitglied des DFL-Präsidiums da eine Sonderrolle, wenn er als Teil dieses DFL-Präsidiums diesen Vorschlag einbringt. Aber er sitzt da aus unserer Sicht immer noch primär für den FCSP und vertritt unsere Interessen – die mit diesem Beschluss aus unserer Sicht eben nicht bestmöglich vertreten sind.
So hätte es auch hier insgesamt – statt der pauschalen Ablehnung – wieder Modelle geben können, in denen man ganz klein anfängt und die Zahl schrittweise erhöht. Es gibt noch Testspiele, in denen man solche Abläufe in kleinem Rahmen hätte testen können. 

Für uns hat diese pauschale Ablehnung ganz schön viele Elemente von generellem Misstrauen gegenüber den aktiven Fanszenen. Und gerade die haben das in den letzten Monaten wirklich nicht verdient, mit einen wenigen Ausnahmen. Aber von einem pauschalen Spielerfrauenausschluss haben wir nach den Geschehnissen in der Relegation in Heidenheim bisher noch nichts gehört. Waren die doch ein größeres Gesundheitsrisiko als die aktiven Fanszenen.

Auch hier wieder (Lippen-)Bekenntnisse zu Stehplätzen. Und selbst wenn man nicht glaubt, dass dies nur Lippenbekenntnisse sind, dann fangt da doch in kleinem Rahmen an und erweitert dann. Aber schließt es eben nicht pauschal aus.

Es ist im übrigen auch klar, dass dies einzelne Vereine finanziell deutlich härter trifft als andere. In einer echten Solidargemeinschaft würde man da finanzielle Modelle finden, die diese übermäßigen Verluste einzelner ausgleichen. Die sind ja nicht selbstverschuldet, sondern in der pandemischen Lage – und eben auch im Beschluss einer Solidargemeinschaft begründet.
Ja, wir träumen vielleicht ein wenig. Aber wenn ein anderer Fußball möglich sein soll, dann muss man auch solche Gedanken mal in die Debatte einbringen.

Alkoholverbot

Es ist im Fußballkontext nichts Neues, das zur Verminderung von vermeintlichen Sicherheitsrisiken im Stadion der Ausschank von Alkohol verboten wird. Es ist unbestreitbar, dass (ausschweifender) Alkoholkonsum in gewissen Situationen und bei einigen Personen zu erhöhter Aggressivität führt. Wir trinken manchmal gar nichts vor und während Spielen (Dresden, Derbys, Fahrer*innen), haben aber auch nichts gegen 1-2 Biere. Wir wissen, dass es gerade für ehemals Alkoholabhängige auch nicht immer einfach ist, wenn um sie rum viel getrunken wird. Und das Thema Alkoholwerbung und Formen des Ausschanks wurde ja nun auf der letzten MV auch kontrovers diskutiert.

Und mit all diesem vorweg fragen wir uns auch hier: Warum schließt man das pauschal aus? Glaubt ihr wirklich, dass die Heimfans in Sandhausen dann megamäßig nach dem ersten Bier eskalieren? 
Und klar gibt’s in Hamburg zum Beispiel die Regelung mit den Großveranstaltungen, die mit mehr Menschen durchgeführt werden dürfen, wenn man keinen Alkohol ausschenkt. Aber damit wären wir wieder bei dem Thema der Verhandlungsmasse. 
Und klar kommt schon der erste Hardliner, der das für immer fordert. Komplett überraschend natürlich. „Ehemaliger Kunstturner“ ist da echt nur noch die Kirsche auf der Torte. No shame, beim Kunstturnen kann er gerne seine Limo trinken.

Und das ist dann halt wieder das Problem: Auch wenn die DFL hier gerade immer betont, dies seien temporäre Maßnahmen, freut sich doch jede*r Hardliner*in weltweit, dass sie jetzt endlich die perfekten Präzedenzfälle haben, ihren Forderungen noch mehr Gehör zu verschaffen. Und das schaffst du durch Lippenbekenntnisse halt nicht aus der Welt.

Wir gehen mal davon aus, dass wir bei den Spielen eher weniger Pyro und eher weniger Banner, die Milliardäre beleidigen, sehen werden. Wir freuen uns jetzt schon auf die tollen Debattenbeiträge, die diese Sicherheitsmaßnahmen dann auch schön genau damit begründen. 

Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten

„Die Proficlubs verpflichten sich, bei ihren Spielen sicherzustellen, dass im Fall von Infektionen die Identität und Kontaktdaten möglicher und eventuell betroffener Stadionbesucher ermittelt werden können“, steht in der Veröffentlichung so schön. Das ist immerhin noch auslegbar geschrieben, sodass diese Kontaktdaten „ermittelt“ werden können. Namentliche Registrierung aller Stadionbesucher*innen ist ja seit langem eine Kernforderung der Hardliner*innen. Während man dies zumindest in dem Beschluss nicht verpflichtend macht.
Aus unserer Sicht aber auch absolut richtig, da grundsätzlich Lösungen zu haben. Infektionsketten müssen nachvollziehbar sein. Und die Polizei darf dann gerne aufhören, diese Daten für eigene Zwecke zu missbrauchen.

Der Zeithorizont

Glaubt hier eigentlich irgendjemand ernsthaft, dass Gästefans dann ab dem 31.12.2020 wieder zugelassen werden? Dass ab dem 31.10. wieder Stehplätze geöffnet werden und Alkohol ausgeschenkt wird?

Stand jetzt sehen wir keine signifikante Entwicklung in der gesamten pandemischen Lage rund um das Coronavirus, die dies realistisch macht. Und wahrscheinlich wissen das auch die Entscheider (sind ja keine Frauen dabei, müssen wir nicht gendern) bei der DFL ganz genau. Salamitaktik nennt man das. Oder Hinhaltetaktik. Oder Verarschen. Schön, wie die Fans immer so schon gelobt werden, wie toll und vorbildlich sie das alles mitmachen, wenn man dann im nächsten Schritt wieder nicht ehrlich zu ihnen ist. Dann sagt doch lieber klar, dass ihr unbedingt Fußball spielen wollt, dass das eben nicht mit Fans geht und dass das so priorisiert wird. Stattdessen immer wieder schön geartetete Erklärungen, wie toll Fans seien. Um dann aber nicht ehrlich und offen mit der gesamten Lage umzugehen. Da nehmen wir dann auch Oke nicht aus: 

Wir wissen sehr genau, wie schwer dies auch vor unserem Verständnis von einem begeisternden Stadionerlebnis wiegt, weswegen für den FC St. Pauli die zeitliche Begrenzung der Maßnahmen bis zum 31. Oktober beziehungsweise bis zum 31. Dezember von großer Bedeutung ist, um auch dem Eindruck zu widersprechen, dass es sich um die schleichende Einführung dieser Maßnahmen für einen längerfristigen Zeitraum handelt.

Zitat von der Vereinshomepage

Denn auch er muss doch wissen, dass das eben zu den genannten Zeiträumen im Kontext der gesamten pandemischen Lage nicht zu Ende sein wird. Und dass dann plötzlich auf unsere obigen Vorschläge gehört wird, möchten wir zumindest mal sehr stark bezweifeln. Gut, dass es den grundlegenden Widerspruch zur schleichenden Einführung gibt. Uns ist das aber echt nicht genug.

Vorauseilender Gehorsam

Die ganzen Beschlüsse der DFL sind unter der Prämisse beschlossen, dass für die jeweils lokale Durchführung dann die Behörden vor Ort verantwortlich sind. Quasi als eine Art gemeinsamer Pakt, mit dem man jetzt verhandeln will. Und wir sind zwiegespalten, ob und wie klug wir dieses Mitziehen des FCSP finden: 

Einerseits verhindert man so natürlich Vorpreschen wir das bei Brause Leipzig, sondern legt zumindest einige gemeinsame Leitplanken fest. Andererseits lassen die Leitplanken dir dann vor Ort aber quasi keinen Spielraum mehr, und kommen eher den Hardliner*innen und denen, die aktive Fanszenen lieber gestern als heute gänzlich ausschließen würde, zugute. Da möchten wir doch mal anzweifeln, ob wir dieses Spiel wirklich von vorne bis hinten mitspielen müssen. Klar ist, dass wir als Verein eine DFL-Entscheidung mittragen müssen, wenn wir in diesem Verbund spielen wollen. Klar ist aber auch, dass unsere Gegenstimme mehr Pluralität in den Diskurs gebracht hätte. Das hätte dem Diskurs aus unserer Sicht gut getan. Und es hätte uns als FCSP gut zu Gesicht gestanden.

Ist es das alles wert?

Klar ist, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten nicht mit einem auch nur annähernd normalen Stadionerlebnis rechnen können. Es herrscht eine pandemische Lage, die wir in Deutschland – stand jetzt – einigermaßen unter Kontrolle haben. Aber die Lage ist höchst fragil und wurde gestern vom Präsidenten des Weltärztebundes als Dauerwelle bezeichnet. 

In Hamburg sind deshalb Großveranstaltungen (ohne Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten) mit mehr als 1000 Menschen noch bis zum 31.10.2020 verboten. In NRW können sogar Veranstaltungen mit über 100 Menschen nur unter starken Auflagen durchgeführt werden. In Bayern sind Großveranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 400 Menschen möglich.
Die allermeisten Fußballstadien umfassen auch bei einer Teilauslastung eine deutlich größere Zahl von Menschen als die oben genannten Beispiele. Ausnahmen bestätigen die Regel. Gruß nach Wolfsburg.

Bereits bei Wiederanpfiff der Liga waren wir durchaus kritisch, auch ob der Sonderposition, die der Fußball für sich beanspruchte. In unserem (Nicht-Fußball-)Umfeld war die Kritik schon im Mai sehr laut. Kitas waren noch zu, Fußball sollte unbedingt wieder gespielt werden. Verständnis war da wenig zu sehen. Und dafür haben wir viel Verständnis.
Haben die Spiele kurz nach Wiederanpfiff noch hohe Zahlen von Zuschauer*innen vor die Bildschirme geholt, so ist diese Zahl kontinuierlich gesunken. Klar kann man das mit der unspannenden Meisterschaft begründen. Nachdem wir jetzt aber immer mal wieder Fußballspiele auch außerhalb der Bundesliga geschaut haben, können wir nur feststellen, dass einfach jegliche Emotion fehlt. 
Und damit kommt auch jeglicher Spaß abhanden, wenn keine Fans in den Stadien sind. Und machen wir uns nichts vor: Die Stimmung wird auch mit einigen Tausend im Stadion sitzenden Menschen nicht besser.

Immer wieder hören wir, dass die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs betont wird. Aber ist es wirklich das Verantwortlichste, einfach immer weiter zu spielen? Oder eben einfach mal den Pauseknopf zu drücken, bis das alles wieder „normal“ losgehen kann? Wenn wir uns das Weltgeschehen und die Einschränkungen allerorten so ansehen, kommt uns Fußball manchmal immer noch wahnsinnig trivial, ja fast überflüssig vor.

Aber da liegt das Problem dann auch ein bisschen im System. Das Präsidium des FCSP haftet – eben auch mit dem Privatvermögen – dafür, dass es im (finanziell) besten Sinne des Vereins agiert. Und der Betrachtungszeitraum für juristische Entlastungen ist da dann eben immer ein Jahr, nicht die langfristigen Auswirkungen einer möglichen Entscheidung pro oder contra weiterspielen. Und kurzfristig ist weiterspielen in diesem Kontext die “sicherere” Entscheidung.

Aber wäre es als FCSP nicht genau unsere Rolle, das Spiel eben mal nicht mehr mitzuspielen? Stattdessen „Halt stopp“ zu sagen? „Halt stopp. Macht es unter diesen Rahmenbedingungen wirklich Sinn, zu spielen?“ „Halt stopp. Sind Spiele ohne Gästefans und ohne Stehplätze es wirklich wert?“ „Halt stopp. Wir bedanken uns immer fleißig bei den Fans. Aber beziehen wir wirklich ihre Interessen und Belange ein?“

Wir sind uns da zumindest nicht sicher. 

Aug 072020
 

Menschen machen Fehler. Jeden Tag. Das ist so, und mal mehr und mal weniger ein Problem. 

Wenn wir hier im Blog einen Fehler machen und zum Beispiel ein Wort falsch schreiben, dann ist das nicht schlimm und die Konsequenzen des ganzen sind quasi nicht existent. 

Wenn eine Pilotin einen Fehler macht und deswegen ein Flugzeug abstürzt, dann ist das deutlich problematischer. Aber auch bei der Pilotin kann man nicht 100-prozentig ausschließen, dass sie Fehler macht. Und deswegen gibt es Sicherungssysteme, die menschliche Fehler minimieren sollen. Ein vielgenutztes Modell hierfür ist das Schweizer-Käse-Modell. Ja, das heißt wirklich so. 
Die Löcher im Käse sind mögliche Lücken in Sicherungssystemen, die bei Durchbrechen zu schwerwiegenden Fehlern führen können. Durch das Hintereinanderschalten von vielen Käsescheiben (sprich Kontrollsystemen zur Fehlerminimierung) können bewusste und unbewusste Fehler zwar nach wie vor passieren. Dann aber eben nicht zu schlimmen Folgen führen, sondern diese durch die Kontrollsysteme verhindert werden, bevor sie Schaden anrichten.

Eine Art dieses Kontrollsystems hier im Kollektiv ist, dass Artikel vor der Publikation immer von mehreren gelesen werden. Weil es einfach die Wahrscheinlichkeit von Rechtschreibfehlern verringert. Im Flugzeugkontext oder auch in der Medizin gibt es viele Trainings, die Fehlerentstehung insgesamt minimieren sollen. Und dann eben die genannten Kontrollsysteme, die verhindern sollen, dass Fehler schwerwiegende Folgen mit sich bringen: Checklisten, um sicherzugehen, dass vorm Start alles korrekt überprüft wurde, Messinstrumente, die unnatürliche Veränderungen (beispielsweise Druckabfall oder Höhenverlust) sofort an die Pilotin melden. Und vieles weiteres.

Das Ausmaß der Folgen eines Fehlers durch Veröffentlichung einer doofen neuen Kollektion beim FCSP befindet sich zwischen Rechtschreibfehler und Flugzeugabsturz. Deutlich näher dran am Rechtschreibfehler.

Was ist an der Kollektion problematisch?

Auch in den vergangenen Jahren waren wir nicht immer nur glücklich mit den Kollektionen beim FCSP. Und wir haben unter Braun-weiße Rosablau-Falle und Marketing & Vertrieb: Ein Boysclub auch schon über die jeweiligen Probleme gebloggt. 

Nun also eine neue Kollektion, betitelt mit „Business“. Nicht unser Ding, die Kollektion an sich. Aber wir müssen ja auch nicht alles kaufen. Bzw. kaufen unsere Sachen sowieso größtenteils im Fanladen. In unserem Umfeld gab es alle Meinungen zwischen „als ob das jemand zum wirklichen Business-Termin anziehen würde“ und „ich wollte immer schon mal einen schickeren Pulli mit Totenkopf“.  Wir haben dem Verein einige Nachfragen geschickt, die dankenswerterweise beantwortet wurden und die wir hier mit Genehmigung auszugweise veröffentlichen: 

Grundsätzlich sei angemerkt, dass eine Kollektion in dieser Art derart oft angefragt wurde, dass wir der hohen Nachfrage nachgekommen sind – wobei schwerpunktmäßig Frauen bei der Entwicklung beteiligt waren.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Es scheint also Bedarf gegeben haben.

Wir fragen uns ja trotzdem, ob wir als Sportverein wirklich so viel Merch rausbringen müssen, der nun wirklich nichts mehr mit dem originären Thema an sich zu tun hat. Und ob wir überhaupt auf Bitten in diesem Umfeld reagieren sollten. Klar, die Menschen, die bei uns den Merch verantworten, denken da eher im wirtschaftlichen Sinn und wollen möglichst viel verkaufen. Und das macht man, wenn man Kund*inneninteressen trifft.

Aber passt das auch zu uns als Verein?

Mit dem Totenkopf transportieren Leute, dass sie hinter den Werten des FCSP stehen, und wir tragen unsere wichtigen Positionen so in die Welt. Aber spätestens wenn rechte Rapper wie Chris Ares auf Fotos bei solchen Facebookposts den Totenkopf tragen, kannste dir halt alles sparen. Und ja, uns ist klar, dass das niemand im Verein toll findet und etwas dafür kann. Aber es passiert halt trotzdem. Und umso mehr, umso mehr Produkte wir in die Welt ballern.

Aber das ist ja auch nicht das eigentliche Problem. Sondern dass die Kollektion, die wohl unisex ist, nur mit männlichen Models geshootet wurde:

Die Kritik an der Businesskollektion ist absolut berechtigt. Die Bezeichnung der Kollektion ist natürlich unangemessen, denn die Tatsache, eine Businesskollektion nur mit Männerartikeln anzubieten, schließt Frauen* aus dieser „Businesswelt“ aus. Da müssen wir uns hinterfragen, warum unsere Korrekturprozesse bei der Benennung nicht funktioniert haben. […] Die Kollektion haben wir umgehend von der Seite genommen und wir werden zeitnah Fotos von den Artikeln, die unisex getragen werden können, mit Frauen nachproduzieren lassen.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Frauen verdienen in Deutschland 21 Prozent weniger als Männer, der Frauenanteil bei DAX-Vorständen ist 14.7 Prozent, die Rente bei Frauen über 65 ist um 46 Prozent niedriger als die von Männern. Und genau diese Realität wurde mit der ersten Darstellung der Kollektion verfestigt. Und das passt einfach nicht zu diesem Verein, wie wir ihn leben und lieben. Der die „Förderung von Frauen in den Gremien“ bei der letzten Mitgliederversammlung beschlossen hat.

Gut und wichtig, dass die ersten Hinweise, dann immerhin zu sofortiger Reaktion geführt haben. Vor zwei Jahren war das noch anders. Aber solche Sachen dürfen gar nicht erst passieren.

Zurück zu den Käsescheiben

Oben schreiben die Verantwortlichen:

Da müssen wir uns hinterfragen, warum unsere Korrekturprozesse bei der Benennung nicht funktioniert haben.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Und genau das ist das Thema. Ein Fehler kann passieren, das ist menschlich. Aber man muss eben Sicherungssysteme einbauen, die den dann noch finden, bevor er öffentlich wird. 

Es gab in der Vergangenheit Beschwerden zu falsch geschnittenen Frauenkollektionen, kleinen Größen, Farbgebungen und Mackersprüchen auf Shirts. Und hinter all diesen Themen steht, dass die Kollektionen häufig noch in binären, sexistischen Denkmustern entstehen. Und dieses Problem wurde in den Korrekturprozessen oben anscheinend immer noch nicht genug berücksichtigt, sodass diese Art von Fehler wieder passieren konnte. Es wäre gut und sehr wichtig, wenn dieses Thema umfassend verstanden und angegangen wird. 

Wir sind jetzt mal hoffnungslose Optimist*innen und hoffen auf schnellen Einbau dieser Sicherungssysteme. So wurde ja auch auf anderes Feedback gehört und beispielsweise anderes an den Kollektionen nach dem Feedback angepasst:

Demzufolge sehen wir zukünftig von engen, super taillierten Schnitten ab. Zudem nehmen wir für die Saison 2021 die Größe XXL für Frauen ins Sortiment auf. Eine entsprechende Planung für das kommende Jahr ist bereits abgeschlossen, die Vororder startet Mitte August.

Auszug aus der Antwort des Vereins

Wir haben jedenfalls auch überhaupt keine Lust, uns regelmäßig über die Kollektionen zu ärgern. Aber es passieren halt doch immer wieder Dinge, auf die wir aufmerksam machen müssen.

Aug 032020
 

Verein und Fanladen haben am Freitag ein Positionspapier “Neuer Fußball” als Resultat der AG “Neuer Fußball” veröffentlicht. 

Wir können uns dem Papier inhaltlich allergrößtenteils anschließen, von wenigen unscharfen Formulierungen und einigen vielleicht zu vagen Passagen abgesehen. Es ist viel wichtiger, etwas in Bewegung zu setzen, auch wenn es hier und da Diskussionsbedarf nach sich zieht, als sich viel zu lange an Kleinigkeiten aufzureiben, damit das Ergebnis möglichst makellos würde.

Unsere Sicht auf das Positionspapier

Einiges mussten wir mehrfach lesen, wie z.B. “Privatisierung der Gewinne aus dem Fußballgeschäft“ vs. „Vergemeinschaftung der Kosten zulasten der Steuerzahler*innen“, gemeint ist hier in unserem Verständnis, dass Gewinne gerne mal an einige wenige fließen – beispielsweise in Form von hohen Prämien bei Gewinnen. Oder auch an mehrere in Form von Dividenden an Aktionär*innen. Wenn’s dann aber finanziell nicht so gut läuft, bezahlt die Sozialgemeinschaft gerne mal Stadien (Gruß nach Kaiserslautern) oder bürgt gleich für einen Verein, der sich selbst als „ganz normales Wirtschaftsunternehmen“ bezeichnet (Gruß nach Gelsenkirchen).

Einiges liest sich auf den ersten Blick komisch, bei „Externe Zuflüsse ohne entsprechende Gegenleistungen, wie Stimmenmehrheiten, sollen vermieden werden“ fehlt vermutlich noch mal der direkte Bezug zu 50+1 als sowieso unumrüttelbarer Eckpfeiler.

Gerade im Bereich „Risikomanagement“ wäre es aus unserer Sicht total geschickt gewesen, etwas tiefer einzusteigen. Da ja dieser Bereich gerade zum Problem für uns alle geworden ist – und da wäre dann auch die explizite Lösung über Rücklagenbildung aus unserer Sicht gut gewesen.

Schade aus unserer Sicht ebenso, dass das Thema “Mitglieder in Vereinen” nur recht oberflächlich betrachtet wurde, auch da hätte es noch Potential gegeben, einmal, um die absurden Konstrukte wie in Leipzig abzuwatschen, andererseits weil es da auch noch mehr Themen gegeben hätte, die man gerade als FC St. Pauli auch mal lautstärker in den Ligenverbund treiben könnte.

Und zum ganzen Komplex “Fernsehgelder” & gerechterer Verteilung kommt hier demnächst auch noch mal so ein bisschen mehr hier im Blog. Es sei so viel gesagt, dass “immer mehr Geld reinbuttern, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt” auf jeden Fall nicht klappt. Irgendein Scheich, der das dann ganz schnell wieder verdoppelt, findet sich nämlich überall. Und auch: Dass Kalle und Uli da gerade so viel über Reformideen im Bereich Fernsehgelder schimpfen ist auch nur davon geprägt, dass die realisieren, dass sie Teil einer kleiner werdenden Gruppe sind, die den Status Quo gut finden & beibehalten wollen. Auffällig und gut, dass sich eben auch andere Mitglieder des DFL-Präsidiums, welches über die Fernsehgelder entscheidet, sich schon sehr explizit für eine Reform ausgesprochen haben. Und diese Entscheidung wird aus unserer Sicht eine wirklich wegweisende werden.

Wer ist die AG ”Neuer Fußball”?

Allerdings möchten wir mal ein anderes Thema beleuchten, welches uns in der Entstehungsgeschichte aufgefallen ist. Das legt jetzt so ein bisschen den Finger in die Wunde, sollte aber gerade im Kontext der inhaltlichen Forderungen des Papiers auch nicht außer Acht gelassen werden.
Die AG „Neuer Fußball“ besteht aus ”Vertreter*innen der organisierten Fanszene und des Fanladens“, so lesen wir in dem Begleittext zu dem veröffentlichten Papier. Und genau hier wollen wir ansetzen:

Rund um den FCSP gibt es eine Vielzahl von Initiativen, Bündnissen und Gruppierungen, die wir irgendwann in diesem Blog mal versucht haben, transparent aufzulisten, und dann ehrlicherweise daran gescheitert sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich rund um den FCSP eine Vielzahl von Gruppierungen gibt, die sich mal öffentlicher darstellen und in anderen Fällen eher nicht bekannt sind. 
Sei es nun das (mittlerweile eher inaktive) Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus, der AK Refugees Welcome oder das Netzwerk Gegengerade, der Fanclubsprecherrat oder der Ständige Fanausschuss.

Gemein ist diesen Aufgezählten, dass es eine direkte Möglichkeit gibt, diese jeweiligen Gruppierungen per Mail oder anderweitig zu kontaktieren und man sich auf den verlinkten Seiten zumindest einen ersten Überblick über diese machen kann.

Die AG ”Neuer Fußball” tritt zum ersten Mal im Kontext des veröffentlichten Positionspapiers auf und war zumindest uns bisher nicht explizit öffentlich bekannt. Eine Google-Suche zu “AG Neuer Fußball” führt dann als erstes in die Vorstadt, aber das ist noch mal eine andere Geschichte. 

Wir wissen nun, dass diese AG teilweise über den Fanladen koordiniert wird (das steht da) und dass der Ständige Fanausschuss (STFA) involviert ist (das wurde uns auf Nachfrage mitgeteilt). Ebenso wissen wir, dass sich die Teilnehmer*innen über genau diese Wege durch Ansprechen zusammengefunden haben. 

Was aber auch aufzeigt, wer unseres Verständnisses nach nicht stark involviert war: der Fanclubsprecherrat (FCSR) – als gewählte Vertretung der Fanclubs. Oder sie waren es und stehen dann aus unbekannten Gründen nicht als Unterzeichner*innen mit dabei. Vereinseitig war das Präsidium involviert, es fehlen in der Aufzählung: der Aufsichtsrat und die AFM als Vertreterin der passiven (zumeist fußballschauenden) Mitglieder.

Wie sagte eine kluge Person kürzlich: “Fanvertretungen beim FCSP kann man nur abendfüllend erklären”. Oder könnt ihr uns auf Anhieb erklären, was den FCSR vom STFA unterscheidet? Wer eigentlich alles gerade als Person bzw. als Gremium im STFA sitzt? Und wie man da reinkommt? Und wenn man reinwill, müssen die existenten Mitglieder zustimmen. Das hat sicher gute Gründe. Birgt dann aber eben auch Probleme. Ein paar Infos gibt’s oben auf der verlinkten Seite, mehr dann aber auch nicht. Und klar kann man wie beschrieben den Fanladen fragen – aber gerade in den letzten Wochen musste man bedingt durch Corona dazu eben ‘ne Mail schreiben oder das Telefon in die Hand nehmen, und konnte nicht mal ebenso auf eine Spezi vorbeikommen. Das ist ein Hürde für Menschen, das dürfen wir hier einfach nicht vergessen.

Nun gibt es mit Sicherheit Menschen, die sich zur aktiven Fanszene des FCSP zählen würden (was ja nun mal auch keine Mitgliedschaft ist, die man sich durch ein Aufnahmeritual erwirbt, sondern eine heterogene Gruppe von Menschen), die bis heute nichts von dieser AG und diesem Reformpapier gehört haben. Die aber interessiert gewesen wären, mitzuarbeiten – und die wahrscheinlich auch kluge Inhalte beizutragen gehabt hätten. Diese konnten sich aber nicht beteiligen, und das ist doof.

Das Maß zwischen offener Diskussion und “Überraschungseffekt”

Es ist klar, dass eine Debatte über “Neuen Fußball” in der aktuellen politischen Lage rund um den Profifußball nicht komplett öffentlich geführt werden kann. Die Veröffentlichung des Papiers kurz vor der DFL-Mitgliederversammlung ist mit Sicherheit bewusst gewählt. Stichwort: Überraschungseffekt.
Und wenn man diesen erreichen will, kann man natürlich auch nicht zu einer öffentlichen (Zoom-)Veranstaltung namens “DFL & DFB reformieren: Wo würdet ihr ansetzen” einladen. Und natürlich werden solche Diskussionen mit mehr Menschen auch immer aufwändiger und man muss ein gutes Maß zwischen “arbeitsfähig sein” und “möglichst viele mitmachen lassen” finden. Aber ein gewisses Geschmäckle von “Hinterzimmerentscheidung” bleibt hier.

Aber gibt es nicht einen Zwischenweg? 

Im Mai hat z. B. eine Onlineveranstaltung der “(M)ein Verein”-Reihe zum Thema Geisterspiele stattgefunden. In dieser wurde über die Arbeitsgruppe berichtet und in verschiedenen Kleingruppen dazu diskutiert. Wir haben teilweise auch an dieser Veranstaltung teilgenommen. In einigen Kleingruppen ging es dann explizit um das hier besprochene Positionspapier, in anderen stärker um die grundlegende Situation rund um die Geisterspiele. Die Veranstaltung war nicht öffentlich beworben, sondern Menschen wurden persönlich eingeladen. Solch eine Veranstaltung wäre aber doch ein tolles Mittel gewesen, eine breitere Basis der Fans und Mitglieder rund um den Verein über diese Gruppe zu informieren, und auch expliziter zur Mitarbeit aufzurufen. 

Weitere Ideen, die uns so auf die Schnelle kommen: Nutzung des FCSR-Verteilers, um die Fanclubs direkt anzusprechen. Einladungen zu (Online-)Veranstaltungen um Teilaspekte zu besprechen und ggf. hieraus Mitwirkende zu akquirieren. Ansprechen der anderen aktiven Gruppierungen und AKs, ob es dort Interesse an der Mitarbeit gibt. Hinweis auf die Arbeitsgemeinschaft im Blickpunkt sowie die Kontaktmöglichkeit angeben. Einbeziehung weiterer gewählter Gremien z. B. Aufsichtsrat und AFM. 

All dies betrachten wir auch im Kontext der Forderung, die sich im Papier selbst wiederfindet:
“Der Fußball mit seiner Geschichte und den damit verbundenen Werten ist untrennbar mit dem Grundgedanken eines eingetragenen Vereins verbunden. Nur in dieser durch Mitglieder gestalteten Vereinskultur konnte der Fußball zu dem werden, was er größtenteils in Deutschland heute noch ist. Wenn wir von den wenigen Vereinen absehen, die dieses Prinzip umgehen, ist es auch heute noch die von der überwiegenden Mehrheit gelebte Praxis.
Das zentrale Element in einem Verein sind die Mitglieder. Nur wenn die Mitgliedschaft im Verein für alle bezahlbar ist, gibt es die Möglichkeit eines echten Vereinslebens, welches nicht nur formales Alibikonstrukt ist. Eine realistische Möglichkeit zur Mitbestimmung und Teilhabe eines jeden Mitglieds muss daher verpflichtender Inhalt des Lizenzierungsverfahrens und sogar bonifiziert werden, da das demokratische Wesen eines eingetragenen Vereins als Arbeit an der Gesellschaft wertzuschätzen ist”.
 (Hervorhebungen durch uns)

Gut sind diese Forderungen in jedem Fall. Und gerade deswegen finden wir es wichtig, auf den Bruch zwischen Forderung und eigenem Vorgehen bei der Erstellung des Papiers hinzuweisen: Wenn wir von Vereinen reden, dann reden wir in erster Linie von Mitgliedern. Diese waren hier nur indirekt über das Präsidium repräsentiert. Und klar: Viele der Mitwirkenden in der AG sind sicherlich auch Vereinsmitglieder. Aber eben nicht durch diesen als Mitarbeitende demokratisch legitimiert. (Und klar ist das Präsidium demokratisch legitimiert, aber dann hätten sie ja das Papier auch alleine schreiben können.)

Welche Möglichkeit zur Teilhabe hatten in diesem Fall Vereinsmitglieder, die nicht die richtigen Leute kennen bzw. von diesen gekannt werden?

Und wer spricht dann wieder?

Für Montag 16:00 Uhr ist laut NDR eine Pressekonferenz angesetzt, in der auch noch mal weitere Einblicke gewährleistet werden sollen.

Und wer spricht für den Verein? “Präsident Oke Göttlich, der Fanbeauftragte Sven Langner und Henning Rennekamp”. 

Wer spricht nicht? Die ebenfalls am Prozess beteiligten Frauen. Es mag gute Gründen dafür geben. Doof ist das trotzdem.

Schulle sagte gestern bei der Pressekonferenz vorm Trainingsstart, dass er “ständige Weiterentwicklung und mutig sein” von den neuen Co-Trainer und von den Spielern erwarten. Und wenn er “das ganz groß aufziehe, dann sollten wir das vom ganzen Verein erwarten“.

Wir als Kollektiv erwarten diese ständige Weiterentwicklung, auch und gerade in diesem Bereich. Und wir hören nicht auf, auf diese Themen hinzuweisen, bis sowas dann eben einfach nicht mehr passiert.

Unser Fazit

Eine immer wieder genannte Hürde, die Leute von mehr Engagement im Verein abhält ist, dass es für einzelne schwierig sei, das Konstrukt FCSP zu verstehen und nachzuvollziehen, wer wofür zuständig ist, und wie man hier “reinkommt”. Gerade im Kontext von Mitbestimmung und Partizipation ist es immens wichtig, diese bestehenden Hürden abzubauen und Menschen die Beteiligung so einfach wie möglich zu machen. Wenn wir das in dem Positionspapier von anderen fordern, dann sollten wir als Verein da als allererstes bei uns selbst beginnen.

Hinterher ist man immer schlauer, auch das ist klar. Deswegen versteht das bitte auf keinen Fall als Kritik an den einzelnen beteiligten Personen. Sondern vielmehr als Denkanstöße für uns alle, wie wir diesen “Neuen Fußball” auch im FCSP noch stärker leben können. Und dazu gehört es dann auch lange bestehende Konstrukte zu hinterfragen, Sachen anzusprechen, die nicht ideal laufen, und eben auch mal den Finger in die Wunde zu legen. 

Zu allerletzt: Vielen Dank an alle Beteiligten! Es ist gut und wichtig, dass der FCSP sich zu diesem Thema äußert und klare Position bezieht.

Unser Tag wird kommen.