Jun 182020
 

Eigentlich wollten wir nicht bloggen. Und nachdem die MillernTon-Hoschis jetzt unter die Pöbelblogger*innen (1, 2) gegangen sind, machen wir mal einen galanten Rollenwechsel und stellen uns und euch ein paar Fragen in der Trainerdiskussion. Und nein, wir haben keine Antworten. Zumindest keine leichten.

Kommunikationsstil

Ja, Jos‘ Kommunikationsstil ist nicht immer der glücklichste. 
Wir haben uns früher sehr intensiv mit interkultureller Kommunikation auseinandergesetzt und dort gibt es verschiedene Modelle, die die Direktheit der Sprache betrachten. Die Niederlande, das Land, in dem Jos geboren ist, gilt als eines der direktesten Länder überhaupt und wird regelmäßig als „Lehrbuchbeispiel“ herangezogen. Deutschland befindet sich irgendwo in der Mitte des Spektrums mit Tendenz zu direkter Kommunikation. Treffen hier einfach gerade verschiedene Kommunikationsstile & Ansichten dazu, was sozial akzeptiert & normal ist, aufeinander? 
Und ja, Jos hat lange in Deutschland gearbeitet und kennt sich gut hier aus. Und nein, wir finden öffentliches Anzählen von Spielern, die das anscheinend im bisherigen persönlichen Austausch mit dem Trainer nicht verstanden haben, auch überhaupt nicht gut. 
Aber es ist eine Frage, die wir uns stellen. Zumal – und auch das kennen viele von uns: Sich in der Muttersprache auszudrücken, ist immer noch mal eine andere Sache, als in einer Fremdsprache zu sprechen. (Und wir arbeiten täglich mit einer Sprache, die nicht unsere Muttersprache ist. Wir sprechen die Sprache fließend und trotzdem passieren uns manchmal doofe Ausdrücke. Keine Ahnung, auf was man sich da alles einschießen könnte, wenn wir diese Dinge in Mikrofone sagen würden. Und ja, auch wir als Kollektiv haben bei unserem Trainer schon Sätze rausgezogen und uns auf die fokussiert und diese auseinandergenommen.)
Und: Modelle sind immer eine simplifizierte Darstellung der Welt – zumal wenn sie Landesgrenzen als Denominator berücksichtigen. Sie helfen uns zumindest, uns über gewisse Dinge Gedanken zu machen – am Ende des Tages sind es immer Individuen, die in diesen Modellen agieren und sie liefern keine absoluten und leichten Antworten. Aber sie helfen uns zumindest beim Nachdenken.

Haste Scheiße am Fuß

Mit einigen Ausnahmen haben wir am Millerntor insgesamt schon einige Trainer erlebt, die mit mehr Begeisterung hier empfangen wurden als Jos es genießen durfte. Markus Kauczinski war sicher kein Publikumsliebling und wir haben über den Wechsel auch nicht getrauert.

Jos hatte aber einfach einen schwierigeren Start, weil die Trainerposition nicht erst seit seinem Wechsel unterm Brennglas ist. Dazu kommen sportliche Herausforderungen mit vielen Verletzten, ein Sportchef, der das Team sehr lange nicht verstärkt hatte und auf “abwarten bis die Preise fallen” gesetzt hat. Ein optimaler Start war das nicht.
Dann die „legendäre“ Pressekonferenz – wo wir in Bezug auf Direktheit auf den obigen Abschnitt verweisen wollen.

Seitdem lief es immer mal gut, und kippte dann wieder. Geiler Derbyheimsieg gegen den H$V, okayer Auftritt gegen Osnabrück, geiles komplett souveränes Spiel gegen Sandhausen. (Wir träumen immer noch von Mats Check gegen Dennis Diekmeier!) Dann kippt es gegen Nürnberg, Länderspielpause (no borders, no nations) und es läuft plötzlich nicht mehr.

Wichtige Spieler fallen immer wieder aus. (Und ja, der Trainer ist in letzter Instanz für die Fitness zuständig und da läuft es nach wie vor nicht rund.) Es waren aber auch doofe Dinger dabei: Jacksons frühe Verletzung, James‘ Knieprobleme, als er sich gerade in die Mannschaft gespielt hatte. Hornschuh’s tolles Comeback und die erneuten körperlichen Probleme, nachdem wir uns sehr für ihn gefreut hatten, dass er wieder da ist. Das passiert, das ist schwierig. Und weil wir wissen, dass es sonst kommt: Allgemeine Fitness ist ein Thema, das wir nicht in den Griff bekommen. Und das darf nicht sein.

Dann fährt Jos die Strategie, sehr junge Spieler aufzustellen – gibt vielen die Chance. Was dann immer genau passiert, wissen wir auch nicht im Detail, aber es waren dann immer wieder gute Auftritte und dann Leistungseinbrüche bei genau diesen Spielern.

Und dann am Mittwoch auch noch mal exemplarisch: Jos erntet massiv Kritik für die „vielen“, „willkürlichen“ Wechsel. Wir haben uns das mal genauer angeguckt:

  • Henks späten Einsatz begründet Jos mit mangelnder Fitness, schlechten Athletikkennwerten und Schutz des Spielers (Quelle: Pressekonferenz nach dem Spiel). Daran hat der Trainer einen Anteil. Der Spieler aber auch. Und konsequent ist das nicht-Aufstellen bei mangelnder Fitness allemal, zumal das immer wieder genau so kommuniziert wurde.
  • Dimi is verletzt und konnte nicht spielen.
  • Bei Sobota & Viet sind uns keine Gründe bekannt. Aber: Anderes taktisches System durch den Sturmwechsel nötig; mit Coordes und Gyökeres statt Dimi und Henk musst du auch das Mittelfeld dahinter umstellen. Bei Viet wissen wir auch, dass er letztes Spiel verletzt vom Platz musste & jetzt nicht im Kader war. Auch hier kann eine Verletzung ein Grund sein. Wissen wir aber bei beiden auch einfach nicht, weil keine*r nachgefragt hat. Sondern sich alle auf Henk-Jos eingeschossen haben.

Inwiefern ist das dann wirklich das willkürliche Durchwechseln oder verletzunsgbedingte Wechsel und eine taktische Anpassung? Inwiefern ist das in einer englischen Woche auch einfach normal? Nürnberg hatte zwischen dem 0:1 und dem 6:0 nebenbei auf sechs Positionen der Startelf gewechselt.

Spieler*innen sind keine Roboter

Fußballprofis sind Menschen wie ihr und wir. Wir hören schlechtes Feedback eher nicht so gerne und freuen uns, wenn wir gelobt werden. Macht irgendwie mehr Spaß, ist angenehmer. Freuen wir uns, schlechte Rückmeldung zu bekommen? Nee, eher nicht so. Hätten wir Bock, dass unsere Chef*innen jede Woche in ner Pressekonferenz erzählen, was wir alles schlecht gemacht haben? Also nun ja. Eher nicht so.

Entwicklung klappt durch positive Verstärkung – sehen wir Jos als eher kritischen Zeitgenossen? Auch ja. Die Ansprache funktioniert nicht für die Spieler, die aktuell im Kader sind. Zumindest nicht im Gros und bei weitem nicht immer.

Aber das ist nicht das gesamte Bild. Wir ziehen noch mal Parallelen zu unserem Leben: Wir hatten schon Chef*innen, die wir unterschiedlich stark geliebt haben. War es immer einfach, für die doofen zu arbeiten? Ne, natürlich nicht. Mussten wir auch mal die Zähne zusammenbeißen? Ja.
Und zeichnet sich ein*e tolle*r Spieler*in nicht AUCH dadurch aus, dass sie/er auch mit einer/m nicht so kompatiblen Trainer*in gut zusammenarbeiten können?

Und wieso gab’s diese Leistungsschwankungen bei den Spielern auch unter einem Trainer, der einen komplett anderen Kommunikationsstil hatte?

Außenbild & das was wirklich passiert

Wir haben mehrfach kritisiert, dass wir keine Reflektion vom Trainer sehen und das Schießen in andere Richtungen deutlich mehr passiert als das öffentliche Nachdenken über die eigene Rolle. 

Aber wir sehen eben auch nur Pressekonferenzen. Die Auftritte sind nicht geil, aber bilden sie die ganze Realität ab? Wissen wir, ob und wie stark Jos sich intern reflektiert und an sich und seinem Verhalten arbeitet? Nee, wir haben aber auch noch kein persönliches Gespräch mit ihm geführt. Und in ihn reingucken können wir auch nicht.

Fußball ist Ergebnissport 

Und die Ergebnisse sind immer mal wieder da, aber eben bei weitem nicht konsistent genug. Aber das ist nun wirklich kein Jos-Phänomen, in dieser Spirale befinden wir uns seit etwa so langer Zeit wie der FCB deutscher Mei8ter in Serie ist. (Hah, wir wollten das schreiben, um uns über diesen unglaublich überheblichen Hashtag aufzuregen. Möget ihr an eurer nicht vorhanden Demut doch noch mal so richtig scheitern.) Und seitdem hatten wir viele Trainer & viele Sportchefs. Und bei niemandem hat es langfristig Erfolg gegeben.

Was genau an dem System nicht funktioniert, wissen wir wirklich auch nicht. Glaubt uns, sonst hätten wir das längst geäußert. Klar ist, dass wir alle überhaupt keinen Bock auf diese ewige Spirale haben.

Ernsthaft: Es stinkt, es nervt. Aber der Trainer alleine ist nicht das Problem. Sonst wäre das nicht das gefühlt 19.10 Mal, zu dem wir uns an diesem Punkt befinden.

Und nun?

Ist ein Trainerwechsel die Lösung? Wir wissen es nicht. Wirklich nicht. Gräbt sich der Trainer gerade ein Loch, das nicht kleiner wird? Ja. Haben wir irgendwann gewettet, dass er keine 2 Jahre bleibt? Ja. Wünschen wir uns, dass wir die Wette gewinnen? Jein. 
Trainerentlassungen sind eben immer doof. Wir schrieben letztes Jahr im April:
„Nun kann man natürlich den Trainer als Sündenbock definieren und so ganz schuldlos ist der meistens auch nicht. Aber das ist eben immer nur die halbe Wahrheit. Wenn unsere Erinnerung uns kein Schnippchen schlägt, dann war es unser Präsident, der mal sagte, dass eine Trainerentlassung auch immer heißt, dass das ganze sportliche System in einem Verein versagt hat. Und da hat er natürlich Recht. Denn in einem guten System gäbe es eine Qualitätskontrolle, Frühwarnsysteme und genügend vertrauenswürdige Stimmen, die einem Trainer frühzeitig neue Ideen mitgeben und ihm seine Arbeit erleichtern.”

Wir wünschen uns: Klare sportliche Ambitionen. Verdammt, wir wollen aufsteigen, wir wollen europäisch spielen, wir wollen verdammt noch mal Champions-League-Sieger*innen werden. Wir wollen klare Bekenntnisse zum sportlichen Erfolg und dass dann alle gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten. Und reicht da “mind. den Platz der Fernsehgeldtabelle belegen” als Inspiration aus? Wir finden nicht. Klare, inspieriende Ziele kommunizieren, gemeinsam daraufhin arbeiten. Und ja, beim Fußball spielt der Zufallsfaktor eine große Rolle. Es gibt viele Einflussfaktoren und Input ungleich Output. Gegen wen spielst du wann? Hast du ne Serie oder der Gegner? Fällt Spieler*in X beim Kochen zu Hause ein Messer auf den Fuß? Hat der BVB die Saison scheinbar abgeschenkt und du hast Glück, spät in der Saison gegen die zu spielen?
Schaffen andere Vereine mit konsistenter Arbeit konsistentere Leistung auch mehr als wir? Auch ja. Stichworte hier nur: Heidenheim, Sandhausen.
Wir lachen viel und gerne über die Vorstadt (und erst recht, wenn sie wieder nicht aufsteigen). Aber sie formulieren klare Ziele. Überheben sie sich dabei? Ja, auch das. Aber immerhin ist allen klar, wo es hingehen soll. Diese Ziele haben wir bei uns weder vom Präsidenten gehört noch von der sportlichen Leitung. Und nein, „größtmöglicher sportlicher Erfolg“ ist nicht gleich „wir wollen unter die ersten sechs Tabellenplätze“.

Tragik ist wie Liebe

Doch die Liebe beweist sich erst
Wenn der Wind zunimmt.
Und Liebe ohne Leiden
Hat noch niemand gesehn.
Man kann ein Lied davon singen,
Man kann sich selbts nicht verstehn.
Und hooray, hooray, hooray, FC St Pauli!

Unser Tag wird kommen.

  7 Responses to “Unser Tag wird kommen”

  1. blablabla…

  2. Danke für das wertvolle Feedback 🙏

  3. Der Präsident hat doch Ziele formuliert: Spiele so angehen, dass man sie gewinnen will und nicht nur wie unter Kautschinski bloß nicht verlieren. Außerdem hatte ich Oke schon so verstanden als Jos kam, dass er innerhalb zwei Jahren um den Aufstieg mitspielen wollte.
    Oke dachte er holt mit Jos jemanden der die nötigen Schalter umlegen kann.
    Aber es funktioniert mit Jos Art hier bei uns eben nicht. Es kamen ja auch zum Zeitpunkt der Verpflichtung reichlich Unkenrufe diesbezüglich vor allem aus der brritischen St. Pauli Bubble.

  4. ich habe es heute schon mal auf FB geschrieben:

    „ich komme mit dem trainer auch nicht klar. aber, mal aufs richtige leben bezogen, für mich als spieler (mitarbeiter) sollte ich meine jobbeschreibung kennen und nicht pro woche dreimal angelernt werden müssen. in meinem real life ist es so, dass ich (und ich arbeite ja nicht erst seit gestern) meinen job schon ganz gut kann. vielleicht braucht es hin und wieder eine kleine feinjustierung, aber im großen und ganzen brauch ich da nicht viele worte. und als spieler sollte es eigentlich ähnlich sein.

    natürlich sind bei spielerwechseln immer zu beachten, dass in meinem vorherigen verein die längsseite vom spielfeld von nord nach süd ging, beim jetzigen verein von ost nach west. die kabinen sind auch anders, natürlich. und der ausrüster ist auch ein anderer. aber vom grundprinzip hat mein job noch immer die gleiche vorgehensweise und richtung. brauche ich dafür einen trainer? vielleicht, eher so zur feinjustierung. aber auch ohne seine anweisung, auch wenn ich den trainer eher scheiße finde, und selbst wenn meine kollegen nicht immer nett zu mir sind, als spieler weiß ich was zu tun ist. daher, den trainer mag ich auch nicht, von anfang an schon nicht, aber dennoch sollte das spiel auf dem feld anders aussehen als in den letzten wochen. denn dafür sind die spieler verantwortlich.“

    jens

  5. Mich interessiert brennend, wie groß der Verlust von Mats bei dieser ganzen Scheiße tatsächlich wirkt. Denn gefühlt, spielen wir einen völlig anderen Fußball in diesem scheiß Jahr 2020(ausnahme der Derbysieg und die Nacht davor und danach)

    Ich fand die Spiele bis zur Winterpause nämlich mit das Beste (zumindest ansehnlichste) was in den letzten Jahren spielerisch geboten wurde. Wie die Mannschaft als Kollektiv hoch angelaufen ist, wie sie sich Torchancen erspielt hat, wie sie es jedes Spiel versucht hat den Gegner zu stressen und und und… Ich war wirklich beeindruckt und dachte zumindest eine spielerische und taktische Entwicklung zu vernehmen. Auch wenn die Punkteausbeute nicht fantastisch war. Was aber sehr gut mit einem so einschneidenden Veränderungsprozess der Spielanlage einhergehen kann, denke ich mir als Laie zumindest.

    Dann ging Mats. Es gab keinen Ersatz für diesen Spielertyp im offensiven Mittelfeld und seitdem verteidigen wir völlig anders. Es gibt (gefühlt) kein Pressing mehr und es gibt auch keinen spielerischen Ansatz, bei dem Mensch das Gefühl entwickelt, dass dieser taktische Ansatz in einem Torerfolg oder einer gefährlichen Abschlussituation münden wird.

    Mir ist es schleierhaft wieso ein komplett neues taktisches Konzept – das zu implementieren bestimmt Zeit braucht – nach der Winterpause komplett über den Haufen geworfen wurde. Das kann bzw. darf doch nicht nur an einem Spieler liegen?! Dann darf ich ihn entweder nicht verkaufen oder muss einen Ersatz verpflichten.

    Und dann kann ich nämlich nicht verstehen, wieso Jos da die Schuld ausschließlich bei Spielern und Medienvertreter*innen sucht. Für das taktische Konzept ist er nämlich am Ende der Verantwortliche.

  6. […] NewsDer MagischeFC hat sich ebenfalls geäußert („Unser Tag wird kommen“), ebenso KleinerTod („Der Offenbarungseid in Hannover“) und FCSP Athens South End Scum […]

  7. Dazu gehört aber auch, dass Mats in diesen tollen Spielen vor der Winterpause verletzt gar nicht im Kader war. Das kann auch falsche Hoffnung gegeben haben, es ginge auch oben.

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