Mai 152020
 

Letzter Beitrag in diesem Blog war am 22. April, seit Unterbrechung der Liga ist es hier als deutlich ruhiger als normalerweise. Und ehrlicherweise fehlt uns gerade auch so ein wenig die Motivation, diese Zeilen zu verfassen. Jetzt steht also am kommenden Sonntag das erste Geisterspiel des FCSP an. Und ehrlicherweise haben wir uns noch nie so wenig auf ein Spiel gefreut. (Und die Menschen, die diese Zeilen schreiben, waren schon häufiger in Heidenheim, frühes Aufstehen, lange Fahrten und komische Stadien für keine Punkte, wie wir es doch vermissen.)

Naja, auf jeden Fall freuen wir uns normalerweise nach zwei Monaten ohne Fußball tierisch auf das erste Spiel. Aber „das erste Spiel“ ist eben all das, was normalerweise ein Heimspiel ausmacht und was wir nun nicht erleben werden:
Morgens früh aufstehen und erst mal eine FCSP-Playlist anmachen. Sich viel zu früh auf dem Weg zum Stadion machen, Frühstück unterwegs holen, all die vorfreudigen Gesichter im Viertel sehen. Ja, sogar die komischen Gästefangruppen auf der Budapester (ja gut, ist jetzt erst mal Nürnberg, da könnten wir auch drauf verzichten) vermissen wir. Sticker verticken (wir haben noch nen ganzen Stapel Rautenplattmachersticker hier rumliegen, mit dem wir auch noch mal irgendwas machen müssen), 1910 unserer Menschen begrüßen und umarmen. Auf Menschen vorm Stadion warten, Kartendeals, das erste Bier des Tages. Rein ins Stadion, Gespräche mit Freund*innen über die vergangene Woche, Fachsimpelei und Motzen über Aufstellungen. Platz in der jeweiligen Kurve finden, Mannschaft einlaufen sehen, warmsingen. Hells Bells und Herz von Sankt Pauli. Einlaufkinder, Konfettiregen, Choreo. Maximal 50 Prozent des Spiels von so ‘nem normalen Stehplatz mitbekommen, anfeuern, fluchen. Anfeuern, fluchen. Halbzeit, unendliche Zeiten am Klo anstehen. Antifa Hooligans, zweite Halbzeit. Nervös auf die Uhr schauen, vielleicht mal Ergebnisse in anderen Stadien checken. Von den Vorsänger*innen liebevoll ermahnt werden, dass es „nur noch einmal“ gesungen wird „dafür jetzt aber richtig laut“. Abpfiff. In der Menschentraube vor die Gegengerade schieben. Diskussion über das Spiel, Tabelle checken. 1910 andere Menschen sehen, je nach Laune Weinbarwein oder Fanräumebier, manchmal auch Solischnaps zu sich nehmen. Im Viertel was essen gehen. Dabei erste Notizen in Slack reinhauen, manchmal auch gleich den ganzen Blogbeitrag veröffentlichen. Ins Jolly weiter, und dann ist es irgendwie plötzlich sehr spät oder sehr früh. Am nächsten Tag aufwachen und sich fragen, warum man das eigentlich gemacht hat.

All das wird es am Sonntag nicht geben. Aber all das macht für uns Sankt Pauli aus. Und da kommt einfach gar keine Vorfreude auf. Denn es ist zwar der Fußball, den wir da sehen/hören könnten, aber wofür wir kommen ist das nicht:
„Denn es ist mehr als Fußball, mehr als der Sport und die 90 Minuten, die viel zu schnell vergehen.“

Über die Sinnhaftigkeit von Geisterspielen, Timing, teilweise Gebaren der Verantwortlichen wurde an vielen Stellen schon viel geschrieben. Und viel ergänzen können und wollen wir nicht mehr. Bleibt uns nur zu hoffen, dass das vieldiskutierte medizinische Konzept tatsächlich funktioniert und das schlimmste Szenario (Infektion mit schweren gesundheitlichen Folgen eines Spielers) im Kontext der Geisterspiele ausbleibt.

Es ist aber ehrlicherweise auch unfassbar, dass bei den Summen, mit denen da agiert wird, dieses Szenario jetzt so eintreten muss. Man nennt das „auf Kante genäht“. Was du halt echt nicht machen musst, wenn du ganz viel Goldstoff überall hast. Da legste normalerweise auch mal was zurück. Wir hoffen, dass die aktuelle Notsituation wirklich zu einem Umdenken führen wird, aber gesteht uns zu, dass wir daran erst glauben, wenn es soweit ist. Die öffentliche Darstellung vieler Verantwortlicher lässt uns da doch daran zweifeln. Und ja, liebe DFL. Wir werden euch genau daran messen.

Und jetzt ist Sonntag Spiel, es gibt hier noch nicht mal ‘ne Idee, wie und ob wir dem Spiel bewohnen werden. Das AFM-Radio überträgt. Es empfiehlt sich wohl, nicht erst direkt zu Anpfiff einzuwählen. Und wir können uns dem Aufruf unserer Ultràs (via Südkurvennewsletter) nur anschließen, das Stadion genauso trist und grau erscheinen zu lassen, wie es diesen Geisterspielen angemessen ist.

PS: Und ein liebgemeintes “Fuck You” an all die Scharfmacher*innen in den Sicherheitsbehörden, die von dem Beißreflex gegen organisierte Fußballfans einfach nicht ablassen können, müssen wir noch hinterherschicken. Die organisierten Fans übrigens, die an vielen Orten unfassbar viele gute und solidarische Aktionen gestartet haben. Danke dafür!

  3 Responses to “Trist und grau”

  1. Ketzerische Fragen:
    Ist es eigentlich mit unseren Werten vereinbar (unsere) Spieler einen erhöhten Infektionsrisiko beim Spiel auszusetzen wenn (gute) Sportmediziner annehmen dass schon ein milder Krankheitsverlauf das Kariereende eines Profisportlers bedeuten würde!?

    Ist es mit unseren wirtschaftlichen Werten (die leider jeder Profifussballverein haben muss) vereinbar wenn dadurch auch ein Profispieler
    sofort seinen Marktwert verliert und dem Verein dadurch Kapital verloren geht!?

    Lässt man die teuersten Spieler deswegen nicht spielen?!

    Es ist so ein dreckiges Spiel … auf allen Ebenen!

  2. […] Text beim MagischenFCApropos MagischerFC-Blog: Dort könnt Ihr nachlesen, wie es sich mit der „Vorfreude“ auf Sonntag so […]

  3. […] dann klingelt leider der Wecker. Geisterspiel Nürnberg. Alles wieder Trist und Grau. Schade, es hätte so schön sein […]

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