Mai 172020
 

Ach Loide, 19,10 Promille haben wir wohl alle auch zwei Tage später noch. Wow, was für ein Abschluss! Also nicht nur, dass unsere Jungs da in den letzten 9 Spielen 27 Punkte holen. Nein, dass sie dann noch am letzten Spieltag in der 93. Minute das entscheidende 6-0 machen, um ein Tor besser zu stehen als die Volksparker, das setzt dem ganzen dann doch die Krone auf. Wir haben gehört, dass Popcorn auf St. Pauli schon knapp werden soll, um sich für die Relegation Volkspark gegen Weser vorzubereiten. Unsere Sympathien sind da wohl klar verteilt, oder? Hauptsache Hamburg!

Wir brechen jetzt mal das Schweigegelübde des Sonderzuges. Normalerweise gilt, dass alles, was im Sonderzug passiert, auch im Sonderzug bleibt, aber das können wir diesmal nicht einhalten. Es geht einfach nicht.

Eine freudige Crew traf sich zu nachtschlafender Zeit in Altona. Es wurden schon mal die Taschenrechner gezückt und alle Möglichkeiten in diesem verrückten Finale (und das ist mal keine Sky-Übertreibung) durchzurechnen. Die kluge Frau P. holte dann auch gleich ihr Statistikwissen raus und rechnete alles genau vor, wenn dieses und jenes … “Sieg und Platz 3 wäre uns sicher. Et hätt noch immer jot jegange” fasste unsere Lieblingskölnerin die Rechnerei zusammen.

Aber auf die Rauten 3 Punkte und 6 Tore aufholen? Puh! Harte Nummer! Aber egal, die letzten 8 Spiele waren so ekstatisch, dass wir alle mit jedem Ergebnis hätten leben können. Jacksons Comeback, sein 40 Meter Hammer letzte Woche, um Regensburg zu besiegen, sein Jubellauf über den ganzen Platz? Unser Herz ging auf. Oder das Osterfest in Karlsruhe. Mit einer brillanten Abwehrraute spielten unsere Jungs den KSC schwindelig. Die wussten nach 34 Minuten schon gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand. Ging uns auf den Rängen ob des Eierlikörs der Veteranen nebenbei nicht anders. Ihr hättet auch mal das Gesicht von Flossi sehen sollen, als Jos sie endlich erhört hatte und ihre Idee der Abwehrraute umsetzte.

Viele hatten auch noch leuchtende Augen von der Nacht zum 15.05. 1910 Bengalos hatten eine leuchtende Kette von der Südkurve bis zum Dock 10 der Blohm + Voss Werft gebildet. Ganz viel Liebe an die Arbeiter*innen der Werft, die sofort Feuer und Flamme für die Idee waren, als Trashi und Co da auftauchten. Wir sahen Drohnenaufnahmen bei Trashi auf dem Handy. Freut euch auf den Film.

Glückwunsch nach Bielefeld. Habt ihr euch verdient, den Aufstieg. Aber dass Stuttgart auch so einbricht? Wer hätte das gedacht? Nun ja, die zweite Liga freut sich.

Motto?

Ja, gab es. Und es hatte wirklich geklappt, dass niemand außerhalb des Sonderzuges es kannte. So war auch noch “neutral einsteigen” angesagt und unsere gaffenden Zivis sahen einen Haufen Fußballfans. Erst im Zug begann die Verwandlung in 1.000 Gestalten aus dem Star-Wars-Universum.Der langhaarige Lüneburger als Wookie war schon gut. Schon geil, wenn man dafür seine Haare nur toupieren muss. Das Leia-Slave-Kostüm, welches der rüpelhafte Schnörresträger trug war, äh, also. Fassen wir es kurz: Es stand ihm. USP echt geschlossen als Jedi-Ritter, alle mit Lichtschwert und Umhang hatte auch was. Und die Vorsänger*innen dann als Yoda? Wir haben Tränen gelacht. Aber der Höhepunkt kam erst.

Trinken, essen, kaufen

Erstmal wurde getrunken und gegessen, der Sonderzug verwandelte sich in den üblichen Marktplatz. Fanzines, Sticker und wow, hätten wir echt nicht gedacht, Turbo, dass ihr still und heimlich doch noch die Derbyshirts hergestellt habt. Gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmel.

Über die Getränkeauswahl wurde dann aber doch Stillschweigen bewahrt. Sekt/ Äppler/ Mate ist nicht jedermenschs Sache.

Das Buffet? Vom Feinsten! Wir schlemmten gerade an den veganen Tabouleh mit Gemüse als unser Millerntonist Bilder von seinem ausgewachsenem Tiger zeigte. “Und ich dachte, dass das ein niedliches Katzenbaby ist, als ich das holte”.

Ausstieg mit Stil

Die Zeit verging wie im Fluge und wir fuhren in Wiesbaden ein. Und nun der Clou unseres Mottos: Der Zug fährt ein, die leicht hektische Wiesbadener Polizei setzt schon mal Helme auf und anstatt einer Horde betrunkener Fußballfans steigt nur Fanladen-Justus als Darth Vader aus. Dahinter ca. 100 Stormtrooper. Sein lautes „ICH BIN EUER VATER“ sorgte dann endlich bei den Polizist*innen für fallende Kinnladen und beim Mob für schreiendes Lachen. Leider hat das mit dem Force Choke bei dem örtlichen Nazi nicht geklappt. Da war die Macht nicht mit dem Fanladen.

Aufstieg mit Stil

Sonst an diesem Tag schon. Einlass? Schnell überwunden. War vielleicht nicht ganz legal. Schwamm drüber. Choreo? Perfekt „Komm zur braun-weißen Seite der Macht, wir haben den Aufstieg“ war vielleicht nicht ganz so kreativ, aber die Blockfahne mit Schnecke als Han und so war schon cool.

Liebe nach Wiesbaden, die eine Choreo mit einem Awareness Thema organisiert hatten. Erwartet man von solchen Szenen echt nicht und man ist dann immer echt positiv überrascht. Diese Gelegenheit wollen wir echt mal nutzen und unseren Antira und Awareness Menschen für ihren Aktionen und ihren Einsatz zu danken. Feministischer Kampftag, all die anderen Sachen. Echt ganz viel Liebe an euch.

Auf dem Platz dann ein Ballet in braun-weiß. 1-0, 2-0, 3-0, wow. Und alle nach Eckbällen. Der Gärtner unseres Vertrauens neben uns schrie schon was von „ich will mehr Ecken!!“. Im Volkspark immer noch 0-0. Unsere Späher vor Ort meldeten Latte, Pfosten, auf der Linie mit der Zunge geklärt und einen komplett überlegenen Stadtrivalen. Puh, wird wohl nix. 4-0. Halbzeit. Zwei Tore noch und ein Sandhausen-Wunder? Unsere Gläubigkeit endet ja normalerweise bei dem Brüllen von „SAAANNNNKKKTTT“, wenn einer „Pauli“ sagt, aber nun wurden bei Wikipedia alle Gottheiten rausgesucht, die man anbeten kann. Nicht, dass wir am Ende den entscheidenden Götzen vergessen.

69. Minute: Es kommt die erlösende Meldung aus dem Volkspark, 1-0 Sandhausen.

Ausgerechnet Dennis Diekmeier kann sich aus einer Flanke nicht mehr herausdrehen und trifft in das Tor der Rauten. Dass ein Torschütze nach seinem Tor in Tränen ausbricht und vom Platz getragen werden muss, sieht man auch eher selten. Wir mussten die im Jolly guckende Hundesitterin wirklich 10 Mal fragen, ob sie uns nicht gerade verarscht.

Der Mob in Wiesbaden nun komplett am eskalieren. Unser Vorsänger*innen gingen vom Zaun, sie waren nicht mehr nötig. Der Mob drehte auch so komplett frei. Vielleicht steuerten sie das auch alles mit der Macht? Wir wissen es nicht.

5-0 in der 86. Minute. Nun war Zittern und Bangen angesagt. Wir machten unsere Abwehrraute auf und eigentlich war das System nun 1-0-10. Robin als Libero und alle anderen vorne. Aber die Zeit lief weg. Wiesbaden mit einem Konter? Robin in bester „Beinbruch oder Ball“-Manier dazwischen, trifft aber wie durch ein Wunder nur den Ball und leitet gleich den nächsten Angriff ein. Drei Minuten Nachspielzeit? Drei Minuten Nachspielzeit!

Volkspark? Ist abgepfiffen, 1-0 für Sandhausen, die Nordkurve ist nur noch Betonstaub. Mensch, irgendwie muss dieser verfickte Ball doch ins Tor. Himmelmann hat ihn, noch 30 Sekunden … langer Hafer, Jackson legt ab. Getümmel, Dimi, Schieß doch! Nein! Er steckt auf Henk durch und Henk holt aus 10 Meter eine Klebe raus, dass der Wiesbadener Torhüter lieber nicht die Finger dazwischen gehabt hätte. 6-0. Wir haben es noch fünfmal auf Video gesehen. Ball schlägt genau bei 92:57 ein. Schiri pfeift nicht mehr an. Noch kurze Unsicherheit, ob es gereicht hat, danach brechen alle Dämme. Jubel. Star Wars auf dem Rasen. Banki babbelt was von „Enkel*innen noch erzählen“, niemand hat was zu meckern, Schmölli sagte immer „ich liebe Kaiserslautern“ und auch sonst war das mit der Zurechnungsfähigkeit nicht weit her. Selbst der Senior wurde grinsend und bei einem Freudentanz im Block gesichtet. Video ist vorhanden.

Vollkommen verstrahlt geht es zum Zug zurück. Wir haben Tresenschicht. Gesamte Mannschaft hat auf ihren Rückflieger geschissen und steht im Partywagen. James L. vorneweg. Oke ist vollkommen hinüber. Unsere Aufsichtsratsvorsitzende und Tresenchefin Sandra war wieder clever und hatte 100 Flaschen Champagner geordert. Die waren nach 20 Minuten ausverkauft. Der Partywagen schwimmt. An dieser Stelle Danke für die Organisation! Und diesmal 1 Liter Faxe Dosen am Start zu haben war auch cool.

Zurück in den Wahnsinn Partywagen. Selbst der stabilste Haarknödel der Fanszene wird nur noch von verschütteten Schnäpsen aufrecht erhalten. Von unserer Playlist wird alles abgefeiert. Zu welchem Bums ihr da eigentlich gepogt habt? Könnta hier nachhören.

In einer etwas ruhigeren Minute kommen wir mit James vor dem Klo ins Gespräch. Netter Kerl. Wir fragen nach seiner Zukunft beim Verein. Er lächelt nur und sagt „wartet mal ab“. Ende unserer Schicht ist 20 Minuten später. Und James schnappt sich Oke und das Mikrofon. Also eigentlich ist oberkörperfrei nun echt nicht okay, aber wenn man sich als Spieler den Zehnjahresvertrag auf die Brust tätowiert hat und den live im Sonderzug auf dem Tresen vom Präsidenten gegenzeichnen lässt, dann machen wir echt mal ne Ausnahme. Einmal! Die Wiederbelebungsmaßnahmen bei einer jetzt nicht nicht namentlich genannten magischerfc Schreiberin waren zum Glück erfolgreich.

Nach diesen Szenen brauchte unser Mannschaftsarzt Schnaps. Er murmelte immer irgendwas von „wenn sich das entzündet hätte und er nicht mehr spielen kann“. Aber die war die Macht war halt mit uns.

Dieser Moment als wir in Altona einfahren und Mats uns mit Pyro an den Gleisen begrüßt. Während des gemeinsamen Marsches zum Stadion flüstert er uns dann zu “Na das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen”, so richtig verstanden, wie er es so schnell aus Genk hierhergeschafft hat, haben wir immer noch nicht. Mannschaft vorneweg, wir hinterher. Es wurde eine wilde Nacht. Über die wir dann doch lieber den Mantel des Schweigens hüllen. Naja, eine Sache sei gesagt: Den Mythos der Unaussaufbarkeit kann das Jolly jetzt endgültig streichen.

Wer im Sonderzug fehlte? Der Curi, der die Strecke nämlich als BB8 verkleidet radelte. Was er erlebte? Im nächsten Millernton!

Und dann klingelt leider der Wecker. Geisterspiel Nürnberg. Alles wieder Trist und Grau. Schade, es hätte so schön sein können.

Aber dieser Tag wird kommen. *Tiocfaidh ár lá*

(Vielen Dank an Elo, die ganz viele Ideen und Passagen beigesteuert hat.)

Mai 152020
 

Letzter Beitrag in diesem Blog war am 22. April, seit Unterbrechung der Liga ist es hier als deutlich ruhiger als normalerweise. Und ehrlicherweise fehlt uns gerade auch so ein wenig die Motivation, diese Zeilen zu verfassen. Jetzt steht also am kommenden Sonntag das erste Geisterspiel des FCSP an. Und ehrlicherweise haben wir uns noch nie so wenig auf ein Spiel gefreut. (Und die Menschen, die diese Zeilen schreiben, waren schon häufiger in Heidenheim, frühes Aufstehen, lange Fahrten und komische Stadien für keine Punkte, wie wir es doch vermissen.)

Naja, auf jeden Fall freuen wir uns normalerweise nach zwei Monaten ohne Fußball tierisch auf das erste Spiel. Aber „das erste Spiel“ ist eben all das, was normalerweise ein Heimspiel ausmacht und was wir nun nicht erleben werden:
Morgens früh aufstehen und erst mal eine FCSP-Playlist anmachen. Sich viel zu früh auf dem Weg zum Stadion machen, Frühstück unterwegs holen, all die vorfreudigen Gesichter im Viertel sehen. Ja, sogar die komischen Gästefangruppen auf der Budapester (ja gut, ist jetzt erst mal Nürnberg, da könnten wir auch drauf verzichten) vermissen wir. Sticker verticken (wir haben noch nen ganzen Stapel Rautenplattmachersticker hier rumliegen, mit dem wir auch noch mal irgendwas machen müssen), 1910 unserer Menschen begrüßen und umarmen. Auf Menschen vorm Stadion warten, Kartendeals, das erste Bier des Tages. Rein ins Stadion, Gespräche mit Freund*innen über die vergangene Woche, Fachsimpelei und Motzen über Aufstellungen. Platz in der jeweiligen Kurve finden, Mannschaft einlaufen sehen, warmsingen. Hells Bells und Herz von Sankt Pauli. Einlaufkinder, Konfettiregen, Choreo. Maximal 50 Prozent des Spiels von so ‘nem normalen Stehplatz mitbekommen, anfeuern, fluchen. Anfeuern, fluchen. Halbzeit, unendliche Zeiten am Klo anstehen. Antifa Hooligans, zweite Halbzeit. Nervös auf die Uhr schauen, vielleicht mal Ergebnisse in anderen Stadien checken. Von den Vorsänger*innen liebevoll ermahnt werden, dass es „nur noch einmal“ gesungen wird „dafür jetzt aber richtig laut“. Abpfiff. In der Menschentraube vor die Gegengerade schieben. Diskussion über das Spiel, Tabelle checken. 1910 andere Menschen sehen, je nach Laune Weinbarwein oder Fanräumebier, manchmal auch Solischnaps zu sich nehmen. Im Viertel was essen gehen. Dabei erste Notizen in Slack reinhauen, manchmal auch gleich den ganzen Blogbeitrag veröffentlichen. Ins Jolly weiter, und dann ist es irgendwie plötzlich sehr spät oder sehr früh. Am nächsten Tag aufwachen und sich fragen, warum man das eigentlich gemacht hat.

All das wird es am Sonntag nicht geben. Aber all das macht für uns Sankt Pauli aus. Und da kommt einfach gar keine Vorfreude auf. Denn es ist zwar der Fußball, den wir da sehen/hören könnten, aber wofür wir kommen ist das nicht:
„Denn es ist mehr als Fußball, mehr als der Sport und die 90 Minuten, die viel zu schnell vergehen.“

Über die Sinnhaftigkeit von Geisterspielen, Timing, teilweise Gebaren der Verantwortlichen wurde an vielen Stellen schon viel geschrieben. Und viel ergänzen können und wollen wir nicht mehr. Bleibt uns nur zu hoffen, dass das vieldiskutierte medizinische Konzept tatsächlich funktioniert und das schlimmste Szenario (Infektion mit schweren gesundheitlichen Folgen eines Spielers) im Kontext der Geisterspiele ausbleibt.

Es ist aber ehrlicherweise auch unfassbar, dass bei den Summen, mit denen da agiert wird, dieses Szenario jetzt so eintreten muss. Man nennt das „auf Kante genäht“. Was du halt echt nicht machen musst, wenn du ganz viel Goldstoff überall hast. Da legste normalerweise auch mal was zurück. Wir hoffen, dass die aktuelle Notsituation wirklich zu einem Umdenken führen wird, aber gesteht uns zu, dass wir daran erst glauben, wenn es soweit ist. Die öffentliche Darstellung vieler Verantwortlicher lässt uns da doch daran zweifeln. Und ja, liebe DFL. Wir werden euch genau daran messen.

Und jetzt ist Sonntag Spiel, es gibt hier noch nicht mal ‘ne Idee, wie und ob wir dem Spiel bewohnen werden. Das AFM-Radio überträgt. Es empfiehlt sich wohl, nicht erst direkt zu Anpfiff einzuwählen. Und wir können uns dem Aufruf unserer Ultràs (via Südkurvennewsletter) nur anschließen, das Stadion genauso trist und grau erscheinen zu lassen, wie es diesen Geisterspielen angemessen ist.

PS: Und ein liebgemeintes “Fuck You” an all die Scharfmacher*innen in den Sicherheitsbehörden, die von dem Beißreflex gegen organisierte Fußballfans einfach nicht ablassen können, müssen wir noch hinterherschicken. Die organisierten Fans übrigens, die an vielen Orten unfassbar viele gute und solidarische Aktionen gestartet haben. Danke dafür!