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Fußball!

Es ist ein Elend. Der Fußball, Spielball der Populist*innen und der Polizei. Schon immer.

Durchdrehende Polizei, die ihre eigenen Regeln macht und alltägliches Handeln kriminalisiert? Für (fast) jeden Fußballfan eine alte Erfahrung.

Für die*den Sächs*in, die*der „ohne triftigen Grund“ ihr*sein Haus verlässt, weil niemand so richtig weiß, was eigentlich ein triftiger Grund ist, eine ganz neue Erfahrung. In einer gewaltengeteilten Demokratie soll in der Theorie eine Exekutive klare Regeln durchsetzen, die ein*e Bürger*in auch verstehen kann. Dabei kann es zwar unbestimmte Rechtsbegriffe geben, aber diese sollen dann definiert werden. All dies geschieht nicht und auch in der Pandemie.

Das ganze wird auch noch verstärkt durch unseren Föderalismus. Während du in Bundesland A noch alleine auf der einsamen Parkbank sitzen darfst, ist das in Bundesland B ein Ordnungswidrigkeit, die mit einem empfindlicheren Bußgeld bestraft wird, als 20 KM zu schnell zu fahren. 

Man verstehe uns nicht falsch, Föderalismus hat seinen Sinn und die Maßnahmen gegen den Virus, der nicht genannt werden darf (irgendwer spülte uns letztens diesen Harry-Potter-Vergleich rein), sind notwendig. Aber anstatt dass sich 16 Landesfürst*innen nun als die knallharten Macher*innen feiern lassen und sich mit sinnigen und unsinnigen Regeln und Bußgeldern übertreffen wollen, wäre ein koordiniertes Handeln echt sinnvoll. Zumindest hat Drosti in seinem Podcast noch nicht erklärt, was denn nun so gefährlich an „auf der Parkbank sitzen“ ist. Da stecken wir uns doch alle eher im Supermarkt an. Ganz zu schweigen davon, dass Arbeitgeber*innen ihre Angestellten einfach so in Großraumbüros zitieren können – und teilweise auch machen. Ohne jegliche Prüfung, ob das nicht anders ginge. Ohne jegliche Bußgelder. Heißt auch: Im Großraumbüro mit vielen anderen Menschen arbeiten? In Sachsen grundsätzlich ok. Die Mittagspause (auch weil die Kantine mittlerweile geschlossen hat) einfach kurz vor der Arbeitsstelle auf der Parkbank verbringen? Nicht ok …

Und hey, es gibt in diesen Ministerien Jurist*innen, die hätten in der einen Woche zwischen „es wird keine Ausgangsbeschränkungen geben“ -> „wir müssen drüber nachdenken“ -> „wir koordinieren uns Sonntag“ auch mal einen einheitlichen Katalog entwerfen können. Ältere Jurist*innen unter uns werden sich daran erinnern, dass 10 Bundesländer mal ein (fast) wortgleiches Polizeigesetz hatten. Die 5 neuen gab es damals noch nicht und über Bayern müssen wir nun echt nicht reden, oder? Aber dann hätten die Innenminister (nicht gegendert, weil das echt nur weiße alte Männer sind) nicht jeweils ihren Namen in der Zeitung lesen können und wie schlimm wäre das denn gewesen?

Wir schweifen ab 

Populist*innen haben es eigentlich schwer in so einer Pandemie. Sie brauchen einfache Feindbilder und einfache Lösungen für komplexe Probleme. Und ihre Ausflucht, dass das alles sowieso nur eine Erfindung der bösen Medien sei, klappt dann nicht mehr, wenn auch bei ihren Anhänger*innen die Leute umkippen wie die Fliegen. Bleibt aber immer noch der Fußball. Damit lässt sich immer noch Schlagzeile machen. 

Die taz freut sich, dass es auch ohne Fußball geht, beweist damit, dass auch sie den Fußball für die Schlagzeile braucht, und haut dann auch noch in die gleiche Kerbe wie C. Lindner, der in einem Interview mit einer vierbuchstaben Blutpostille irgendwas von „wir werden als letztes den Fußball wieder beginnen“ blubbert. Wer in diesem Zusammenhang „wir“ ist, bleibt aus der Schlagzeile, die wir in diesem Internet gelesen haben, natürlich offen. Als wir das letzte Mal guckten, war Lindner immer noch Chef einer Partei, die leider immer noch nicht in der Bedeutungslosigkeit versunken ist, die aber gerade mal in 3 von 16 Bundesländern was zu sagen hat.

In welche Kerbe hauen die denn? In die Kerbe des Fußballs als Zirkus der Millionäre und arroganten Bosse, den man eigentlich nicht braucht, und der mit seiner Geldgier sowieso nur um sich selbst kreist.

Halbe Wahrheit

Das mag alles im Kern seine Richtigkeit haben, aber Fußball, Profisport und mit ihm das ganze Entertainment-Business ist halt etwas breiter als irgendwie 300 Millionärspieler und 100 feiste Funktionär*innen, die nur die Eurozeichen im Blick haben. Man darf eben nicht vergessen: Was für „den Fußball“ und seine Gefährlichkeit in der Pandemie gilt, das gilt auch für „den Handball“ oder „den Konzertsaal“ und in all diesen Branchen ist eben nicht nur die*der Künstler*in beschäftigt, die*der ggf. ein Jahr sich retten kann und mit ein paar Onlineauftritten vielleicht auch ein bisschen Geld beschaffen kann, sondern eben noch ganz viele andere Leute. Alleine der FCSP beschäftigt 600 Menschen. Davon sind die wenigsten diejenigen, die gegen den Ball kicken oder sie anleiten. Und da haben wir noch kein Wort über Bierverkäufer*innen, Ordner*innen oder freie Fotograf*innen verloren, die alle nicht beim Verein angestellt sind und von denen die meisten diese Jobs nicht machen, damit sie ein bisschen Taschengeld haben, sondern weil sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten finanzieren bzw. bestreiten müssen. 

Nebenbei: Während im Baseball eine relativ große Diskussion darüber gefahren wird, ob und wie diese Menschen bezahlt werden können und sollen, schweigt sich die ganze Diskussion im Fußball dazu ziemlich aus. Das sind die schwächsten Glieder in der Kette der Menschen, die im Fußball beschäftigt sind, vergesst die nicht! 

Und machen wir uns nix vor: Diese Menschen profitieren nur in einem ganz kleinen Teil von Geisterspielen und Online-Aufführungen.

Spielen wir zu Ende?

Die Hoschis vom Millernton zeichneten heute Morgen ja schon Szenarien auf, wie der Fußball nun weiter gehen könnte. Und fragten dann, was man so denke.

Prognosen sind bekanntlich immer dann sehr schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen (auch spannend, wem dieses Sprichwort alles zugeschrieben wird), und daher ist es wahrscheinlich unsinnig, wenn man sich nun auf ein Datum festlegt. Wir alle haben nicht so wirklich unsere Erfahrungen mit Pandemien. Insbesondere nicht mit Pandemien, die sich durch Tröpfcheninfektion weiter verbreiten. Insofern ist es wahrscheinlich sinnvoller, inhaltliche Benchmarks zu setzen als sich nun mit Daten unter Druck zu setzen. 

Aber da ist auch noch der Kapitalismus und der hat für ein Innehalten selten Zeit. Darlehen wollen bezahlt werden und die Pandemie erwischte gerade den Bundesligafußball zu einem ganz ungünstigen Zeitpunkt. Am 26. Spieltag wäre die nächste Rate fällig gewesen und ihr alle wisst, wie knapp man am Ende des Monats ist. So ging/geht es wahrscheinlich auch allen Fußballclubs. Selbst wenn du wirtschaftlich gesund bist, hast du als Fußballverein zu diesem Zeitpunkt nicht Millionen in kleinen Scheinen rumliegen. 

Auswege

Man kann aus diesem Gesichtspunkt verstehen, dass die DFL hier Auswege sucht. Und kommt jetzt bitte nicht mit dem moralischen oder dem „nehmt euch nicht so wichtig“: Die kämpfen wie sehr viele von uns gerade um das nackte Überleben. Und da hängen alle mit dran. Auch unser FCSP. Das mag gerade alles unwichtig erscheinen, ja Fußball mag insgesamt ein „First World Problem“ sein, aber der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein, sondern auch von den Spielen. Okay, okay wir hören ja schon auf die Bibel falsch zu zitieren. 

Trotzdem sollte eine gewisse medizinische Sicherheit der Beteiligten gewährleistet sein. Auch wenn uns das Innenminister immer glauben lassen wollen: Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nie. Aber eine gewisse Sicherheit sollte es schon sein. Wenn man diese mit Tests aller Beteiligten sicherstellen kann, dann kann man auch wieder über einen Spielbetrieb nachdenken. Da muss jetzt aber ein großes ABER kommen. Zurzeit ist der Test sehr aufwendig und die Kapazitäten daher sehr begrenzt. So lange dies der Fall ist, wäre eine Verschiebung der Kapazitäten weg von Kranken hin zu gesunden Fußballprofis (und ihrem Umfeld) echt nicht vertretbar. Zwar werden relativ unkomplizierte Schnelltests in der Presse immer wieder in Aussicht gestellt, aber ob die jemals kommen und ob die im Mai/Juni verfügbar sind? Und eigentlich reicht auch Mai/Juni nicht, denn wenn du da halbwegs einen vernünftigen Wettkampf haben willst, musst du in zwei Wochen spätestens wieder ins Mannschaftstraining. Und auch das kannst du auch nicht machen, ohne sicher zu sein, dass da nicht wieder ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Und nach allem, was wir aktuell so lesen, wären auch in zwei Wochen solche Tests an anderer Stelle besser aufgehoben. Wir freuen uns schon auf die nächste PR-Aktion zur gesellschaftlichen Verantwortung. Klappt ja in etwa so gut wie beim Rassismus.
Wer weiß das schon? Wir sind wieder bei den Prognosen. Eines ist klar: Die Zeit ist äußerst knapp. Und bedenkt auch: Wenn Fußballer getestet werden sollen, dann bitte auch Handballprofis etc.

Geisterspiele?

Geisterspiele sind immer eine Scheißlösung. Punkt. 

Nur drei Argumente: 

1- Buttje und Co dürfen da ihren breiten Arsch in das Stadion setzen, aber Menschen, die seit 1.000 Jahren kein FCSP-Spiel verpasst haben, nicht

2- Fußball ohne die Stimmung, ohne die Energie der Zuschauer ist Rotz. Wir schrieben da auch schon hier darüber.

3- Sie erhalten das Fußballsystem irgendwie am Laufen, aber sie helfen den ganzen genannten Menschen, die im Umfeld eines Spieles ihren Lebensunterhalt verdienen, nur sehr wenig. Es hält aber zumindest die Möglichkeit der Rückkehr offen.

Ansteckung dann woanders?

Geisterspiele schön und gut. Aber was bringen die uns, wenn sie zu irgendwelchen Menschenansammlungen irgendwo anders führen? Wenn sich – angesichts eventuell gelockerter Bestimmungen – ungefähr 50 Prozent aller Zuschauer*innen im Viertel versammeln, weil sie im Knust, im Jolly oder sonstwo gucken wollen, dann ist damit relativ wenig gewonnen.

Und selbst wenn wir dann immer noch die jetzt geltenden Regeln haben: Wer erklärt Ultragruppe XYZ, dass es trotz Derby mal keine geile Idee ist, sich vor dem Stadion zu versammeln? Looking at you, Gladbach. Und worauf wahrscheinlich niemand Bock hat ist, dass die oben genannten Innenminister/ Populist*innen plötzlich wieder ihr Feindbild Ultras haben.
Apropos hässliche Fratze des Fußballs: 

Dazu kommt, dass die Akzeptanz einen Abnutzungseffekt hat. Die ergriffenen Maßnahmen haben garantiert kurzfristig eine hohe Akzeptanz, aber umso weniger man mit (dann hoffentlich nicht mehr) explodierenden Zahlen gegen 30 Grad im Schatten argumentiert, umso schwieriger wird es, die Menschen von der Notwendigkeit dieser Maßnahmen zu überzeugen. Und das gilt insbesondere, aber nicht nur für Fußballfans, die häufig genug „unser ganzes Leben“ eben nicht nur inhaltsleer mitträllern. Ja, verdammt sie alle als dumm und seid froh, dass euer Lebensinhalt das kapitalistische Funktionieren und Netflix ist, aber warum lest ihr dann hier eigentlich? 

Mit Beendigung der Saison ist noch nicht alles gut

Wir haben keinen Plan, wie lange es dauern wird, bis die Versammlung von ein paar tausend Menschen auf einem relativ engen Raum wieder halbwegs sicher ist. Wahrscheinlich hat den Plan niemand. Klar, jede Zeitung hat schon jemanden befragt, der einen möglichst langen Zeitraum für eine Schlagzeile produziert hat, damit der hinter einem Paywall liegende Artikel auch gelesen wird. Aber wirklich sicher wissen tun das Expert*innen sowieso nicht. Und seien wir mal ganz ehrlich: Für eine*n Virolog*in ist ein Fußballstadion wahrscheinlich schon in normalen Grippezeiten die Vorhölle. Drosti trinkt nämlich aufgrund der höheren Infektionsgefahr nie gezapftes Bier. Und da hört der Spaß wirklich auf. (Lernten wir in einer der Folgen des Corona-Podcasts,)

Sowieso: Was bringt es uns, wenn wir letztendlich uns alle über Schulen, S-Bahnen und in den Großraumbüros anstecken, aber zu Hause brav Geisterspiele gucken. Und glaubt mal nicht, dass „die Wirtschaft“ nun dauerhaft auf die Präsenzpflicht verzichtet. Mal ganz davon ab, dass das sowieso ein Privileg der Sesselpuper*innen ist.

Fakt ist: Selbst wenn wir die Saison nun als Geisterspiele zu Ende spielen und in diesen sehr sauren Apfel beißen, um das System und damit verdammt viele Arbeitsplätze zu erhalten, so ist nicht ausgeschlossen, dass die Situation im Juli immer noch genauso ist. Und dann? Dauerkarten haben die Vereine dann nicht verkauft, dieses Geld wird ggf. fehlen. Niemanden ist klar, wie lange das ganze ohne Zuschauer*innen im Stadion weiter laufen soll. Mit diesen Einnahmen kann niemand ernsthaft kalkulieren. 

Fußballvereine wären gezwungen, die neue Saison ausschließlich mit Fernsehgeldern und Zuschauerunabhängigen Einnahmen zu planen. Kleiner Tipp an alle Mäzen*innen: Stelle deinem Verein jetzt schon mal 100 Mio für die nächste Saison bereit und fang schon mal an, Spieler anzusprechen. Du hast ggf. einen riesigen Wettbewerbsvorteil. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Ersten jetzt auch fordern, dass 50+1 doch unter diesen “besonderen” Bedingungen ausgesetzt werden solle.

Und wir sprechen hier noch gar nicht über Regenerationszeiten, Trainingssteuerung, Vereinswechsel etc. pp. Gerade die ungewohnten Trainingsbelastungen beinhalten bei hochgezüchteten Profisportler*innen immer auch ein Risiko der Verletzung. Was auch wieder nicht gut ist. 

Und ganz zuletzt

Darf man nicht vergessen, dass wir kein abgeschlossenes Profisystem haben. Selbst wenn man so vielleicht die Ligen 1 bis höchstens 3 retten kann und weiter betreiben kann, so wird dies für 4 und weiter unten wahrscheinlich aussichtlos. Und die meisten Menschen spielen halt dort Fußball. 

Fazit

Keine Ahnung. Aber wir wären jetzt bereit für die*den Forscher*in, die*der ein Wundermittel findet.

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