Feb 162020
 

„Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt … Aber ich denke an Coventry und ich habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“ 

(Thomas Mann in seiner BBC Radioansprache vom April 1942)

Um es gleich vorweg zu sagen: Leo Østigård hat sich (vor-)gestern wieder ein Stück mehr in unsere Herzen gewütet. Und vom entscheidenen Østigård-Kopfballtor im Derby habt ihr hier zuerst gelesen.
Danke Leo, das hat einen äußerst räudigen Spieltag aus sportlicher Sicht zumindest etwas besser gemacht.

Teile dieses Kollektivs haben den Fanräumetresen mitorganisiert, kamen deswegen erst sehr kurz vor Anpfiff ins Stadion. Und ganz ehrlich, liebe Menschen in der Süd: Die Aufgänge sind Aufgänge. Keine Stehtribünen. Und wenn ihr da dann kurz vor Anpfiff bequem rumsteht, dann macht wenigstens Platz, wenn Leute durchwollen. Und hört auf, euch über einen Anmotzer aufzuregen, nachdem ihr euch augenrollend genau keinen Millimeter bewegt habt. Das kommt jetzt wahrscheinlich überraschend, aber ihr seid tatsächlich nicht alleine im Stadion. Und das ist ein Aufgang, damit Menschen da durchgehen können. Wenig überraschend auch, dass das nie bekannte Gesichter sind, die da rumstehen. Und die komischerweise auch viel das Handy zum Fotografieren nutzen.

Das Spiel?

Macht eigentlich Laune. Da wird der Tabellenletzte über weite Strecken vorgeführt und wir sehen eine wirklich angemesse Leistung unserer Spieler. Doch dass es zur Halbzeit noch nicht mindestens 2:0 steht und am Ende tatsächlich kein einziger Treffer und damit nur ein lumpiger Punkt herausspringt, macht uns fassungslos. So eine schwache Dynamo-Truppe, die nicht nur destruktiv spielt, sondern auch noch in bester Dresdener Tradition herumopfert, wenn ein Spieler in einem Zweikampf zu Boden geht, hat in unseren Augen in der Zweiten Liga nicht mehr viel verloren. Kauczinski weinen wir auch nach wie vor keine Träne nach. Was für ein beschissener Anti-Fußball. Mehr Gemotze ansonsten auch bei den Hoschis vom Millernton.

In der 68. Minute haben wir “musst du anders von der Bank eingreifen” notiert. Und freuen uns dann, als in der 72. Minute Diamantakos schon zur Einwechselbank läuft. Um dann wieder umzudrehen und Buchtmann zu holen. Und das ist dann auch der Moment, als wir das Spiel abschreiben. Wieso dieser Wechsel zu diesem Zeitpunkt, mit diesen Alternativen?

Ganz allgemein ist es im Fußball bemerkenswert, wie spät gewechselt wird. Statistisch ist der Wechsel vorteilhaft, sodass uns immer noch nicht klar ist, warum eigentlich alle Trainer 75 Minuten (und damit 5/6 des Spieles) verstreichen lassen, bevor sie wechseln. Hier liegt eine Möglichkeit, sich kleine Vorteile zu verschaffen auf der Hand. Und kleine Vorteile können in einem so engen Sport wie Fußball entscheidend sein. In diesem Zusammenhang: Unser erster Wechsel wirkte sehr nach einem “angeschlagen”-Wechsel, oder? 

Wir haben mittlerweile übrigens auch Albträume von der Handbewegung, die Veerman nach verpassten Großchancen macht. Hoffen wir mal, dass die verpassten 3 Punkte aus den letzten beiden Spielen und die verpassten 4 Punkte gegen den Scheißverein nicht noch zu viel mehr Albträumen führen. Auch wenn wir gerade nicht sehen, wir wir das in der aktuellen Situation spielerisch gelöst bekommen wollen. 

Nach dem Spiel dann zurück in die Fanräume, um dort den Tresen zu schmeißen. Wir gucken dann das nächste Mal erst um 23:30 auf die Uhr. Und mussten kurz überlegen, wie das Spiel eigentlich ausgegangen ist. Vielleicht ist das die allerbeste Verarbeitungsform nach solchen Spielen. Danke an alle, die mit uns gefeiert haben, danke an all die Spenden in den Spendendosen.

Alkoholfreie Getränke im Eingangsbereich der Fanräume.

Aus Sicht eines Nutzers und anderem Teils des Kollektivs: Danke für den nichtalkoholischer Stand gleich vorne an. Sich schnell ein Wasser holen zu können, ohne sich in die vollen Fanräume drängeln zu müssen, ist echt toll. Und das sind jetzt nur die subjektiven persönlichen Gründe des Schreibers. 

Der Abend endet dann wieder einmal vorm Jolly. Mit der Feststellung, dass in einer Woche Derby ist. Und dass die Derbystimmung im Vergleich zum September 2018 ganz schön abgeflacht ist. Wir sind uns noch unsicher, ob das gut oder schlecht ist.

Stickertheater

Der Verein hat sich gestern noch zu einer Stellungnahme hinreißen lassen. Mal ehrlich gefragt: Gab es in jüngerer Vergangenheit jemals eine Stellungnahme, die irgendwas besser gemacht hat? Wir erinnern uns nicht und sehen diese als einen weiteren Beleg dafür.

Warum braucht es diese Stellungnahme überhaupt? Bisher ist nicht öffentlich geworden, dass es ein nennenswertes Fehlverhalten seitens der Anhänger*innen unseres Vereins gab, und es wird auch in der Stellungnahme nur auf “Provokationen beider Seiten” eingegangen. Wie ihr wisst, stehen wir nicht auf der Nord, und können und wollen deshalb nicht genauer darauf eingehen, wie das ausgesehen haben könnte. 

Das Statement nennt explizit die Sticker. Und auch wenn dann sofort gesagt wird, dass die Sticker nicht als Begründung für den Angriff dienen sollen, stellt man selbst dann halt damit die Verbindung her. Das ist wie mit den blauen Elefanten, einmal als Bild in die Welt gesetzt, kriegst das nicht mehr raus. Was ist die Alternative, fragt ihr uns? Einfach gar keine Stellungnahme, es gibt einfach keinen Bedarf. Und ansonsten: Sticker einfach nicht erwähnen.

Sowieso die Sticker. Diese Sticker sind mehrere Jahre alt. Sie wurden jetzt von Dresdener Seite als “Begründung” herangezogen. Es wird von Verteilaktionen vorm Stadion gesprochen und es klingt, als wären jeder/jedem Stadionbesucher*in mehrere dieser Aufkleber in die Hand gedrückt worden und sie wären dann gezwungen worden, diese im Stadion zu verteilen; Kinder wurden dabei bestimmt auch noch instrumentalisiert. Und jeder Person, die keinen Sticker haben wollte, wurde sicher auch noch sofortig der Zugang zum Stadion verwehrt. 
Wir haben davon jedenfalls gar nichts mitbekommen und den ganzen Tag keinen einzigen neuen Sticker gesehen außer den Awareness-Stickern. Aber auch bei denen finden die Dresdener*innen sicherlich auch noch irgendeinen Grund rumzuopfern, weil die Sticker bestimmt irgendwie gemein sind. Das Hintergrundbraun erinnert sicherlich daran, wie irgendwas irgendwann ausgesehen hat.
Es reicht also, dass ein einzelner Twitteruser ein Foto dieser Sticker hochlädt und ankündigt, diese vor dem Stadion zu verteilen, um hier eine riesige Geschichte aus nichts zu machen. 

Exkurs: Humanitäre Sticker

Die Sticker sind nicht bloß als “geschmacklose Provokation” zu sehen, wie es jetzt auch verschiedenste Wutpaulis auf unserer Seite postulieren. Und von Dresden fangen wir besser gar nicht erst an. 

„Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Aliierten sind nicht mehr weit! Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns.“

Überlebende des Ghettos Theresienstadt

Wir stellen fest: 
Dresden wurde nicht inhumanitär angegriffen.
Andere deutsche Städte hat es schlimmer getroffen.
Der “Bombenkrieg der Alliierten“ war Teil des Zweiten Weltkrieges. Den die Deutschen begonnen hatten, und in dessen Kontext Millionen Menschen Opfer des nationalsozialistischen, faschistischen Weltbildes wurden. 
Der Krieg war am 13./14. Februar noch nicht beendet, sondern lief noch Monate weiter. 
Ein Großteil der Städte dieses Landes misst diesen Bombardierungen keine Besonderheit zu, sondern ordnet sie eben historisch ein, wie sie einzuordnen sind: eine Maßnahme der Alliierten, um den Zweiten Weltkrieg schneller zu beenden. 
Am 13./14. Februar gab es noch mehrere Millionen deutscher Soldaten, die nach wie vor mordeten. Warschau war gerade seit 4 Wochen befreit, Auschwitz seit 18, Budapest seit 2 Tagen. Deutsche Städte waren in nach wie vor nationalsozialistischer Hand und die Unterstützung durch die Bevölkerung war ungebrochen. Tausende Jüd*innen und Internierte der Konzentrationslager wurden zu diesem Zeitpunkt in Todesmärschen durchs Land getrieben. 

Wisst ihr, wann Hamburg bombardiert wurde? Habt ihr da jemals Trauermärsche mitbekommen?

Eben. Dresden ist die einzige deutsche Stadt, in der in dieser Massivität eine Täter-Opfer-Umkehr gesellschaftlich akzeptiert wird. In der immer wieder die deutschen Opfer prioritär beklagt werden. In der Ursache-Wirkung einfach umgekehrt werden. Diese Behauptung einer Singulärität ist auch deswegen indiskutabel, weil in dem Gedenken niemand ein Wort zu Gernika (baskische Schreibweise des Ortes) und Coventry verliert. 

Und gegen diesen zum Konsens gewordenen Faschismus stellen sich die kritisierten Sicker und die entsprechenden Transparente, die das Thema auch immer wieder aufgreifen. Reflexhafte Distanzierungen bringen genau niemandem was. Sondern im Gegenteil, sie stärken den Dresdener Konsens, der niemals Konsens werden darf.

Wenn wir “Nie wieder Deutschland” brüllen, dann meinen wir das genau so. Nie wieder Angriffskrieg, nie wieder Faschismus; gegen jede Geisteshaltung, die hierfür den Nährboden bietet. 

Überflüssige Statements

Und unsere Vereinsführung fühlt sich allen Ernstes noch bemüßigt, darauf einzugehen. Spitzenvorlage für das nächste rumopfernde Statement aus Dresden, wie gemein die bösen Paulis aber auch immer mit ihrer klar antifaschistischen Grundhaltung sind. Einfach mal nicht drauf eingehen, einfach ignorieren und wegatmen. 

Und dann auch noch “verhöhnender Darstellung von Bombenangriffen sind mit den humanitären Grundsätzen des Vereins nicht vereinbar” schreiben. Sie verhöhnen eben nicht die zivilen Opfer, sondern sie richten sich gegen die Täter-Opfer-Umkehr, die in Dresden jedes Jahr auf die Straßen getragen werden. Kaum ein Mensch in Fußballdeutschland oder linker Szene thematisiert unserer Kenntnis nach die Menschen, die bei Bombenangriffen auf andere deutsche Städte als Dresden ums Leben gekommen sind. Warum? Weil keine andere Stadt ein so bizarr verzerrtes Gedenken an den Zweiten Weltkrieg zelebriert. Zuerst war der Opfermythos, dann erst kam die – geschmacklich vielleicht nicht immer ganz so treffsichere – Kritik daran. Wer diese als Verhöhnung der Toten begreift, ignoriert den Kontext und interpretiert folglich schlicht falsch.

Warum die eigene Fanszene den rechten Trollen zum Fraß vorwerfen? Ist die Angst vor der DFB-Strafe so groß? (Wir haben doch genug Geld durch den Mats-Transfer, der so hervorragend intern aufgefangen wurde.) 
Man muss als Offizielle ja nun nicht sagen, dass man die Sticker als Reaktion auf den Dresdener Opfermythos gut findet. Auch wenn wir da nichts dagegen hätten. Aber man kann doch gottverdammtnochmal einfach mal nicht reagieren. Ein uns bekannter Mensch sagt immer, wenn sich ein Mitglied des Kollektivs zu sehr aufregt: “Unrat vorbei schwimmen lassen”, uns das wäre hier die sehr viel bessere Variante gewesen.

(Ja, irgendein Frankfurter Vizepräsident hat dazu was in einem Interview gesagt, was auch nicht so klug war. Aber von offizielle Vereinsseite ohne Absender wie bei uns haben wir da nichts gefunden.)

Insgesamt: Ebenfalls in jüngster Vergangenheit hat es sich als wenig sinnvoll erwiesen, vor rechten Shitstorms einzuknicken. Um nicht zu sagen, dass das Einknicken noch nie eine kluge Idee war.

Und ansonsten ziehen wir ab sofort bei jeder Auseinandersetzung außerhalb des Platzes irgendeine alte Aktion des Gegnervereins als Begründung hervor. Dann können wir ja einfach die öffentliche Diskussion darauf lenken. Für nächsten Samstag sind es dann Puppen, die von Autobahnbrücken hingen.

Heiligengeistfeld

Wir hatten vor dem Spiel die Faninfos für Dynamo zufällig gelesen. Da war das Heiligengeistfeld als Parkplatz für Gästefans ausgewiesen. Das ist natürlich auch eine super Idee. Und einige Dynamo-Irrlichter meinten auch, dort einen auf Hooligan machen zu müssen und vermummt Menschen anzugreifen. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll das wohl in einem “So was kommt von so was” für die geendet sein. Kein Mitleid. Echt nicht. 

Off Topic: Unser Fanladen fügt den Infos für Auswärtsfans eine sehr ausführliche Erläuterung zu der VcA-Bechersammlung bei und das ist sehr cool. 

Solidarität, immer noch

Wir sammeln via PayPal Moneypool immer für die Braun-Weiße Hilfe. Zu den Gründen haben wir alles gesagt.