Jan 222020
 

Gewalt gegen Frauen ist eine Epidemie im Profisport.

Jedes Wort des Eingangssatzes ist mit einem Link zu einem Bericht über Gewalt gegen Frauen im Zusammenhang mit Profisport unterlegt. Alle Berichte sind aktuell (die Fälle nicht immer), alle Berichte sind aus dem amerikanischen Raum.

Man muss den Satz oben verkürzen. Gewalt gegen Frauen ist eine Epidemie. 25 % aller Frauen erleben in ihrem Leben häusliche oder sexuelle Gewalt (und das ist eine Studie eines Bundesministeriums!). Und da redet noch keiner über die Dunkelziffer. Der männliche Profisport mit seiner Funktion als Brennglas der Gesellschaft zeigt dies sehr deutlich.

Vielen der oben genannten Artikel ist gemeinsam, dass die Täter durch Vertuschung und öffentliche Ignoranz nie wirklich bestraft wurden und auch heute noch Teil des Heldenuniversums sind, welches durch die Vermarktung des Profisports geschaffen wird. Lest euch den Artikel über die 86er Mets durch, der unter „Gewalt“ verlinkt ist. Dieses Team wird bis heute als „toughes“ Team glorifiziert und die Spieler immer noch als Helden herum gereicht. Außer diejenigen, die nebenbei noch Drogen genommen haben. Was schon viel zeigt. Gefängnisstrafen? Ausschluss dem Heldenkanon? Mitnichten!

Anders die Opfer. Ihnen wird häufig nicht geglaubt, es kommt zu einer Täter-Opfer-Umkehr, sie leiden ein Leben lang unter den Folgen und häufig genug teilt sich das Leben in “davor” und “danach”. Das Leben wird komplett auf den Kopf gestellt.

Aber das sind doch nur die USA!

Wir wagen zu bezweifeln, dass dies ein rein amerikanisches Problem ist. Dort hat sich nur die öffentliche Wahrnehmung zumindest etwas gewandelt, den Ligen ist das Problem zumindest halbwegs bewusst und sie haben Programme dagegen entwickelt. Dass hier trotzdem noch erhebliche Defizite bestehen, wird weiter unten noch Thema sein.

Begründen kann man die These, dass dies auch ein deutsches Problem ist, damit, dass in den vergangenen Jahren zweimal dies ein Thema in den Medien war und nun konkret ein Spieler vor einem Gericht angeklagt ist.

Dunkelziffer hoch

Aus ganz vielen unterschiedlichen Gründen verzichten Frauen häufig genug diese Fälle anzuzeigen oder sie ertragen die juristischen Verfahren nicht bis zu einer Verurteilung des Täters. Eine Studie aus Mecklenburg-Vorpommern geht davon aus, das 98 % aller Taten nicht angezeigt werden. (leider existiert nur noch der Sekundärlink) Wir sind da als Gesellschaft noch sehr weit von einem Idealzustand entfernt. Eine andere Studie versucht Gründe zu benennen (Seite 78 des verlinkten PDF) und hier spielen auch Themen wie „Angst vor dem Täter“ und „Vor Gericht aussichtslos“ eine Rolle. Diese Zahlen sind ein Sinnbild des Versagens dieser Gesellschaft im Umgang mit solchen Themen. Im Sicherstellen, dass 50% der Bevölkerung nicht in einem dauerhaften Bedrohungszustand leben müssen.

Eine abschließende Frage: Was glaubt ihr, wie sich diese Zahlen verändern, wenn es um einen Mann mit Geld und Einfluß geht? Um einen Mann, der in der öffentlichen Wahrnehmung ein Held ist, vergöttert wird.

Aber auch Verdachtsberichtserstattung

Man muss immer bedenken, dass Verdachtsberichterstattung sensibel ist und wir agieren hier in einem Zeitpunkt in dem keine Verurteilungen vorhanden sind. Dies gilt insbesondere bei Dingen, die in das Intimleben von zwei Menschen eindringen. Denn auch das Opfer kann durch eine falsche Berichterstattung schnell ein zweites Mal zum Opfer werden. (Der Artikel ist von einem Journalisten geschrieben, der genau eine solche falsche Berichterstattung zu verantworten hatte, das damalige Opfer hat ihre Eindrücke des Treffens hier geschildert)

Die deutschen Grundsätze könnt ihr hier anhand eines anderen Falles durchlesen. Wir kommen da gleich drauf zurück.

Angeklagt

Wir haben nun aber eine konkrete Anklage gegen einen aktuellen Bundesligaprofi, der zumindest immer noch zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehört. Habt ihr nix von gelesen? Dies kann gut sein, denn das ganze wurde echt nur kurz in Medien behandelt und gerade die sonst sehr lauten Boulevardmedien hielten sich in der Berichterstattung sehr zurück. Und dies liegt nicht etwa an den oben verlinkten Grundsätzen. Denn in diesem Fall, dem eine Ermittlung wegen Kinderpornografie bei einem ehemaligen Fußballer zugrunde liegt, feuerte die Zeitung mit den vier Buchstaben sofort aus allen Rohren. Dies wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als die Ermittlungen noch ganz am Anfang standen und die Verdachtsberichtserstattung dementsprechend eigentlich viel vorsichtiger hätte ausfallen müssen, als im Zeitpunkt einer Anklage.

Auffällige unterschiedliche Berichterstattung
Warum die Berichterstattung so auseinander fällt, können wir nur spekulieren. Der Arbeitgeber des aktiven Fußballspielers mag dabei eine Rolle gespielt haben. Oder aber auch, dass häusliche Gewalt in einer Machogesellschaft eben ein viel kleineres Tabu darstellt, als die Kinder. Wir erinnern da immer an Berti Vogts der mal sagte

„Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben.“

Und dieser Spruch wird auch heute noch in hahaha witzig-Sammlungen aufgenommen.

Wir lassen die Betroffenen alleine

Sportprofis sind keine normalen Arbeitnehmer. Niemand jubelt euch zu, wenn ihr morgens einstempelt, niemand verklärt euch zu „Helden“ oder „Idolen“. Dies ist aber vollkommen normal mit Sportprofis. Sie sind für Kinder Vorbild und ihre Namen werden auf Trikots umher getragen.

Unter den Fans sind viele Opfer häuslicher Gewalt und sexuellem Mißbrauch. Man muss ihre Schilderungen nur lesen, um zu verstehen, wie sehr das unkritische Weiterbeschäftigen von Tätern ihre Wunden wieder aufreisst.
(An dieser Stelle die Anmerkung, dass es in dem verlinkten Artikel um häusliche Gewalt durch die Mutter der Autorin geht. Natürlich sind auch Frauen in diesem Kontext Täterinnen. Aufgrund der besonderen Dynamik des männlichen Profisport fokussieren wir uns in diesem Artikel auf das Thema. Aber hier kann man ja auch hervorragend sehen, wie das Vorgehen der Proficlubs dann zu weiteren Folgen, die man gar nicht absehen kann, führt.)

Und die Täter? Gerne wird argumentiert, dass eine Vorverurteilung oder eine Berichterstattung ihre Zukunft vernichten würde. Genau das Gegenteil ist bisher der Fall. Die Spieler spielen weiter, die Öffentlichkeit vergisst und selbst auf Wikipedia spielen die Anschuldigungen keine Rolle mehr oder sind unter Punkt 6.5. versteckt. Hinzu kommt, dass auch der Arbeitgeber oder der Verband das Thema lieber totschweigen, als sich irgendwie zu äußern. Es gibt in beiden Fällen weder eine Stellungnahme des Verbandes, noch des Arbeitgebers.

Und nun fragen wir euch ernsthaft: Soll dies der Zustand sein? Wollen wir Betroffene wirklich so alleine lassen? Die Antwort auf diese Frage kann nur ein „Nein“ sein, wenn man so etwas wie die gesellschaftliche Verantwortung des Sports wirklich noch ernst nehmen will.

Es muss sich was ändern!

Wir müssen nicht glauben, dass die Vereine sich von den Tätern trennen. Wenn diese einen sportlichen Wert haben, dann würde wahrscheinlich nicht einmal eine Bewährungsverurteilung zu einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses führen. Verdächtigungen schon gar nicht. Und vergessen wir nicht: Es kommt häufig aus diversen Gründen nicht zu Gerichtsverfahren.

In den USA versuchen die Hauptprofiligen diesen Zustand zumindest etwas erträglicher zu machen in dem sie ein Strafensystem mit den Spielergewerkschaften vereinbart haben, welches Sperren schon bei konkreten Verdachtsmomenten vorsieht und welches unabhängig von einer strafrechtlichen Verurteilung greifen soll. Auch findet man bei den Ligen Programme gegen häusliche Gewalt und sexuellen Mißbrauch.

Es gibt daran – auch vollkommen zu Recht- auch Kritik, weil diese Sperren das Problem nicht lösen und Teams teilweise anfangen Täter während der laufenden Sperre einzukaufen, weil sie gerade billig zu haben sind. Die Houston Astros und ihre Verpflichtung von Roberto Osuna sei hier als Beispiel genannt. Was dann noch zu schlimmen Verteidigungsreden und Machogehabe gegenüber Frauen führte.

Jedoch! Wir im deutschen Fußball haben…. … gar nix. Natürlich ist das Rechtssystem ein anderes und die amerikanischen Gerichte sind extrem dysfunktional, aber dies ist keine Ausrede. Der DFB, die DFL und die Vereine agieren bei diesem Thema gerade wie die berühmten drei Affen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Natürlich agieren wir in einem anderen Rechtsrahmen als in den USA, es fehlt ja schon alleine an Tarifverträgen zwischen Spielern und Ligen. Aber wir müssen was ändern. Es ist 2020.

Abschließend wollen wir auf die Awarness-AG beim FCSP hinweisen. Diese beschäftigt sich mit den grundlegenden Dynamiken mit Fokus auf unsere Fanszene. Natürlich auf einer anderen Ebene, aber ein bisschen Werbung ist insbesondere auch in diesem Kontext nie falsch.

Plakat der Awarness-AG.

[Dieser Artikel ist aufgrund der Thematik ausnahmsweise und bewusst nicht gegendert. Namen sind bewusst nicht genannt. Die Gründe sind auch in den Maßstäben der Verdachtsberichtserstattung und unserer fehlender Rechtsabteilung zu suchen. Weiterführende Links findet ihr im Text.]

  One Response to “Ein Dunkelfeld des Sports”

  1. […] wichtigsten Text des Tages…findet ihr hier: Der MagischeFC-Blog hat einen sehr ausführlichen und lesenswerten Artikel veröffentlicht, in dem es als Oberbegriff um Gewalt gegen Frauen im (Profi-)Sport geht. Wir […]

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