Nov 142019
 

Worte vor den Worten

Liebe Lesende,

wir werden dieses Jahr leider keinen umfangreichen MV-Artikel schreiben. Leider ist der Senior verhindert, da er das Wiegenfest seiner Schwester feiern muss, und Familie ist ab und zumal wichtiger als der Verein. Ja ist so.

Trotzdem wollen wir euch natürlich up to date bringen und für euch einen Blick auf Anträge und Wahlen stellen.

Wir orientieren uns an der Übersicht auf der Vereinshomepage, diese haben wir das letzte Mal kurz vor der Veröffentlichung dieses Artikels gecheckt und hoffen auf dem neusten Stand zu sein.

Die Anträge

Es ist Zweitausendneunzehn
FCSP Führung ist männlich, nicht zu verstehn
Nur zwei Frauen – fast allein?
Ja, die Varianz ist klein
Na fein! Herein, willkommen im Verein!

(frei nach Fettes Brot unter Verbiegung des Reimschemas)

In der Reihenfolge, wie sie auf der HP abgebildet sind:

Satzungsänderung zur Einberufung der Mitgliederversammlung

Ein rein technischer Antrag, der eure Zustimmung finden sollte. Die Argumentation mit „Nachhaltigkeit“ ist jedoch ein schlecht gespielter Witz. Es ist wohl keine zu gewagte These, zu behaupten, dass der gedruckte „Blickpunkt“ ungefähr der kleines Posten im Rahmen einer umfassenden Nachhaltigkeitsprüfung des FCSP sein würde. Hier geht es knallhart darum, Kosten zu sparen. Um nichts anderes. Und das darf man den Mitgliedern auch mal so sagen. Aber seien wir mal ehrlich: Die Berichte des Alten Stamms waren schon immer nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren. 

Satzungsänderung zur Änderung des Paragraphen 36 Ziffer 5

Die Satzung zu gendern? Muss man das anders begründen, als zu schreiben, dass wir immer noch 2019 haben? Nein! Der Antrag wird von Aufsichtsrat, Präsidium und Ehrenrat unterstützt.

Kommt uns bitte nicht mit solchen Argumenten wie „besserer Lesbarkeit“ oder „kompliziert“. Ja es macht es komplizierter, sind juristische Texte aber sowieso. Das nicht lesen zu wollen, ist bei den meisten Menschen einfach schlichtweg Ignoranz oder Faulheit. Daher ist jedes „Lesbarkeitsargument“ hier ein Scheinargument. Und wer das trotzdem vertreten will, der kann ja die Satzung in generisches Femininum schreiben. Und Männer sind dann halt mitgemeint.

Exkurs
Es sei nur angemerkt, dass es natürlich Menschen gibt, die auf sogenannte leichte Sprache oder die sogenannte einfache Sprache angewiesen sind. Unterschied ist hier erklärt.

Wir sprechen hier nebenbei von Millionen Betroffenen. Umso wichtiger für eine gelebte Inklusion sind daher Informationen in einfacher Sprache auf Internetseiten. Haben wir nicht, hat der FC St. Pauli auf seiner offiziellen Homepage nicht, leuchtendes Vorbild ist wieder mal der weltbeste Fanladen, der hat das. 
Exkurs Ende

Aber um es nochmal zu betonen: Dies ist hier und eigentlich in allen Fällen kein Argument gegen vernünftiges Gendern.

Ein bisschen Kritik an dem Antrag sei trotzdem erlaubt: Warum hat man der MV als höchstes Gremium nicht einfach eine gegenderte Version der Satzung zur Abstimmung vorgelegt? Und warum hat man keinen Antrag auf Streichung des zitierten Satzes in der Präambel (die ist zumindest technisch Bestandteil der Satzung) gestellt? Das ist so ein bisschen schade. Trotzdem ist der Antrag natürlich zu unterstützen.

Antrag zur Nutzung von HVV-Tickets

Das Ganze ist komplex und mit einem einfachen „ja oder nein“ unserer Meinung nach nicht zu beantworten, der Antrag versteht sich daher vollkommen zu Recht als Auftrag an das Präsidium. Auch wenn er nicht perfekt formuliert ist. Grundsätzlich ist ihm zuzustimmen. Das bedarf aber einiger Worte:

Es ist lange überfällig, dass der FCSP proaktiv gegen Autoverkehr bei Heimspielen vorgeht. Und dazu gehört auch, die möglichst billige Nutzung des HVV zu ermöglichen. Argumente wie „aber ich brauche das nicht, warum soll ich das finanzieren?“ greifen hier viel zu kurz, denn es geht hier schon lange nicht mehr um eine Bequemlichkeit oder einen Egoismus. Es geht darum, dass wir entweder alle durch Klimawandel umkommen oder die Leute extrem umdenken. (Wir sind jetzt einfach mal dramatisch.) Und dazu gehört insbesondere auch, dass wir weniger Auto fahren. Und das sollte jede*r unterstützen. Und wenn es nur dadurch ist, dass man ein HVV-Ticket jemand anderem subventioniert. Alleine die Fahrt von Reinbek ans Millerntor und zurück mit einem PKW, der 7 Liter Benzin verbraucht, produziert jede Saison 119 kg CO2. Ja, das klingt nicht nach viel, ist es vielleicht auch nicht, aber wir leben zur Zeit in einer Situation, in der jedes Gramm zählt.

Dass wir in Sachen Nachhaltigkeit noch ganz andere Baustellen haben, sollte auch jedem klar sein.

Jedoch: Wir haben heutzutage schon Ticketpreise, die sich am oberen Rande dessen bewegen, was Menschen ohne viel Geld bezahlen können. Genügend Menschen können dies auch nicht bezahlen. Und ein HVV-Ticket wird entweder die Marge des Vereins bei den Eintrittsgeldern verringern oder das Ticket verteuern. Ersteres wird der Verein nicht machen. Zweiteres ist unpopulär.

Hier gilt es vielleicht auch kreative Maßnahmen zu ergreifen, wie z. B. einen Solitopf „Ich kaufe mir eine HVV-Karte und ich finanziere deine mit“ oder ähnliches. Auch sollten soziale Härtefälle, die nicht unter Ermäßigungstatbestände fallen, irgendwie bedacht werden. Hinzu kommt, dass aus übergeordneten politischen Entscheidungen der HVV schweineteuer ist.

Das Präsidium und wir alle werden da einen Gordischen Knoten zerstören müssen. Dies sollte aber unser Anspruch sein!

Antrag zur Auskunft anlässlich des Baus einer zweiten Anzeigentafel

Ganz ehrlich: Außer dem obligatorischem Foto des Endstandes bei einem Derby ist unsere jetzige Anzeigentafel für uns eher nebensächlich. Das liegt auch daran, dass Informationen gerne mal falsch angezeigt werden. Aber wenn das Menschen stört, dass sie diese nicht einsehen können, und sie gerne eine zweite Anzeigentafel hätten, dann tut das anderseits auch nicht weh.

Wir gehen mal davon aus, dass sich das Präsidium im Rahmen seines Berichtes zu den schon im Vorjahr angedeuteten Aus- und Umbauten äußern wird, so dass sich dieser Antrag wahrscheinlich von alleine in Wohlgefallen auflösen wird. Ansonsten gibt es aber auch keinen Grund, das Präsidium hier zu einer Auskunft per Zustimmung zu bringen.

Förderung von Frauen in allen FCSP-Gremien

Es ist 2019. Reicht als Argumentation, oder? ODER ETWA NICHT??

Disclaimer: Es könnte sehr gut sein, dass dieser Antrag von einem unserer Kollektivmitglieder gestellt wurde. Es könnte aber auch sehr gut sein, dass diesem Kollektivmitglied verboten wurde, für diesen Antrag Werbung per diesem Blog zu machen.

#Slackleaks

Da ihr ja am liebsten auf alte weiße Männer hört, hier mal ein paar Worte zu diesem Antrag von unserem ältesten, weißesten Mann:

1. Eine Quote beim FCSP ist lange überfällig. Der FCSP hat es nicht geschafft, Frauen in Führungspositionen zu bringen, er redet sich da aus seiner Verantwortung immer wieder raus. Wer nicht hören will, der muss dann auch endlich mal spüren. Es ist 2019. 

2. Es gibt bereits mindestens eine sehr große Abteilung des FCSP, die eine Quote hat, sie hat bisher immer geeignete Frauen gefunden und lebt mit der Quote sehr gut. Man könnte beinah sagen, sie ist ihre Stärke und zieht Mitglieder an, denn diese Abteilung wächst auch unaufhaltsam. Ihr könnt die Ausgestaltung in der Abteilungsordnung nachlesen. Und ihr werdet in dieser auch einen Notausstieg finden, falls es wider Erwarten keine Frauen gibt. Ja, ich bin da ein bisschen stolz auf meine Abteilung.

Ihr werdet sehen, dass diese Regelung erstens mindestens einen weiblichen Vize und dann eine Quotierung nach Mitgliederstärke vorsieht.

3. Daher ist das „es haben sich keine geeigneten Frauen gemeldet“-Argument, gerne auch in der „wir haben ganz viele Frauen gefragt, keine wollte“-Abwandlung benutzt, ein „am Arsch!“-Argument. Wenn dies wirklich so ist, dann baut einen Notausstieg ein, dann müsst ihr nämlich transparent machen, warum sich keine Frauen gemeldet haben. Oh, weil ihr die gar nicht ernsthaft gefragt habt? Mal ganz davon ab, es gibt da so ein Wort, welches sich „Sogeffekt“ nennt. Eine Quote wirkt immer auch ermutigend.

Ebenso sind “warum kommt ihr jetzt mit dem Holzhammer, muss man das nicht noch ganz viel intern diskutieren?”-Argumente gepflegter Bullshit. Seitdem wir Sandra gewählt haben, hätte auch dem letzten maskulinen Gremium klar sein müssen, dass wir Frauenförderung brauchen und eine Quote kommen wird, wenn sich nix ändert. Geändert hat sich nix. Holzhammer wäre nebenbei ein Antrag auf sofortige Satzungsänderung und sofortige Entlassung mindestens zweier männlicher Direktoren gewesen. Verdient hätten all die Verzögerer einen solchen Holzhammer. Der jetzt gestellte Antrag ist ein solcher nicht. Und nochmal: Es ist 2019. Es gibt Vereine, die die Quote leben und wieder einmal labern wir viel, sind aber wieder nicht die Ersten, die mal was Progressives umsetzen. Das ist doch peinlich! Image ist alles, Handeln ist nichts? Oder wie?

4. „Aber dann werden auch weniger geeignete Frauen gewählt, willst du das?“ Ja will ich. Immer noch besser, als wenn wir nur weniger geeignete Männer wählen. Und es ist ja nicht so, dass bei uns nur die super geeigneten Männer bereit stehen und diese alle sich nicht mehr trauen zu bewerben, weil es ggf. auch eine Frau in dem Gremium gibt. Das ist ein Scheinargument. Und wir haben in 109 Jahren FCSP genügend schlechte Männer gewählt (oder ob unserer Struktur auch wählen müssen), da würde eine schlechte Frau echt nicht ins Gewicht fallen. Mal ganz davon ab: Wir würden sofort 200 super geile Frauen aufzählen können, die wir für super geeignet halten würden sich für jeden Posten in diesem fucking Verein zu bewerben. Sogeffekt!

5. Das gilt ebenso alles auch für die hauptamtlichen Berufe. Frauenförderpläne etc. sind seit Jahrhunderten bekannt und dass man nun zufällig in den ganzen Berufen, die bei uns als Direktor*innen ausgestaltet sind, keine entsprechenden Frauen findet, das könnt ihr eurer Mutter erzählen. Und die wird euch das nicht glauben. Verpflichtetende Ausschreibungen und standardisierte Auswahlverfahren wirken nebenbei Wunder.

6. Der Verein mit seiner AG Regenbogen veröffentlichte letztens folgende Sätze:

„Nach mehreren Treffen geben die AG Regenbogen und der FC St. Pauli bekannt, dass sich der Verein verpflichtet, das Symbol des Regenbogens oder die damit verbundenen Werte Toleranz, Vielfalt und Freiheit der sexuellen Orientierung ab der Saison 2018/2019 und für jede weitere Spielzeit auf verschiedenste Art und Weise über unterschiedliche Wege in die Kommunikation des Clubs mit aufzunehmen.

Die Maßnahmen werden über die bereits beständig wehende Regenbogenflagge hinausgehen und in unterschiedlichsten Ausprägungen sichtbar gemacht werden. Bereits vor dem Antrag wurden zusätzliche Maßnahmen, wie die Einbindung einer Regenbogen-Applikation in den neuen Trikots zur Saison 2018/2019, ermöglicht.“ Quelle

Wenn für uns Vielfalt ein Wert ist, dann darf dieser Wert eben nicht nur hole Phrase, ein leeres Vermarktungselement bleiben, sondern muss eben auch gelebt werden. Und da ist eine Frauenquote ein erster kleiner Trippelschritt in die richtige Richtung. Wer also dagegen stimmt, sollte vielleicht mal überlegen, ob er sein „lieb doch wen du willst“-Shirt zu Recht trägt. Oder ob das immer nur dann gelten soll, wenn es keine konkreten Folgen hat. Dass eine Frauenquote bei weitem nicht ausreicht und wir auch in anderen Bereichen der Diversität riesige Nachholpotentiale haben, sei am Rande erwähnt. Nehmen wir nur als Beispiel, dass wir ein extrem weißes Publikum und eine extrem weiße Mitgliedschaft haben. In einem Viertel, das extrem anders aussieht. In einem Verein, der sich mit eben jenem Viertel besonders identifiziert. Das muss sich alles ändern. Aber diese weiter umfassenden Änderungen auch sehen zu wollen, sollte euch in keinster Weise von der Zustimmung zu diesem Antrag abhalten. Stichwort Trippelschritte.

Ihr wollt das alles nicht? Das ist dann Symbolpolitik, immer da nicht mitgehen, wo es ggf. einem weh tut. Und das ist verlogene Scheiße. Und die wirft uns Dynamo Dresden dann zu Recht auf einer Tapete vor. Wobei: Anderseits wäre es schon lustig, wenn sich Ultras Dynamo am Ende indirekt für eine Frauenquote aussprechen würde. Aber nein, brauchen wir nicht haben.

Klimaneutrale Durchführung von Heimspieltagen

Dem Antrag ist zuzustimmen. Die Ökobilanz des FCSP ist dringend zu verbessern. Denn sie wird schlimm aussehen. Zuviel Fleisch, zuviel Autoanreise, zuviel Energie, zuviel andere klimaschädliche Dinge, hier Konzepte zur Minderung und Vermeidung zu entwickeln ist überfällig. Der FSV Mainz 05 behauptet von sich, klimaneutral zu sein. Dies kann man in einigen Punkten garantiert hinterfragen, denn Kompensation ist ein eher fragwürdiges Konzept, aber es muss uns schon ärgern, dass die anscheinend da an Konzepten arbeiten, während das bei uns noch nicht mal wirklich ein Thema ist. Klar, bei Mainz spielt da auch ein Sponsor mit rein, aber anstatt E-Wald wäre das die bessere Nummer gewesen.

Sonst bräunt sich bald niemand mehr in der Südsee. Um wieder auf Fettes Brot zu kommen.

Und auch hier: Nur der Beginn der Fahnenstange, auch sonst ist Fußball ja nicht unbedingt der klimafreundlichste Sport. Aber hier mehr sehen zu wollen, heißt ja nicht, dass man nicht den Schritt in die richtige Richtung gehen soll. Trippelschritte, ihr wisst schon.

Wahlen

Kassenprüfer*innen

Seufz, nur Männer. Keine Ahnung, wir kennen die alle nicht. Es kandidieren 5 Männer auf einen Posten. Hört die euch an, sucht euch euren Favoriten vor Ort aus. 

Wahlausschuss

Es kandidieren 9 Menschen auf 6 Plätze. Darunter auch 3 Frauen. Nach dem eben Gesagten werdet ihr davon ja wohl mindestens 2 auf euren Wahlzettel schreiben, ja? 

Das wir Dr. Karin Nitsch jedes Heimspiel vollpöbeln, da sie bei unserer Gegengeradenfraktion steht und ihr Mann in Roth für den Senior geschwommen ist, sei am Rande erwähnt. Mit ihr macht ihr garantiert nix falsch.