Okt 312019
 

In ihrer für die Architekturtheorie revolutionären, 1972 veröffentlichten Studie „Learning from Las Vegas“ untersuchte eine Gruppe vor allem junger Architekt*innen die Stadt gleichen Namens. Eine der zentralen Thesen war, dass moderne Gebäude – im Gegensatz zu ihren historischen Vorgängern – großteils auf Ornamentik und Dekor verzichten und man die Bedeutung des Gebäudes wortwörtlich außen draufschreiben müsse. Da USP gestern in der wirklichen schönen Choreo uns schon den Gefallen tat, einen optischen Zusammenhang zwischen Las Vegas und einer Fankurve herzustellen, könnte man nun fragen, ob Kurven ähnlich funktionieren. Entsteht die Bedeutung der Kurven aus Choreos oder aus dem, was auf Zaunfahnen oder Spruchbändern außen lesbar ist? Oder aus beidem? Ist dieser Vergleich überhaupt gerechtfertigt? Es lohnt sich definitiv, weiter darüber nachzudenken. 

Worüber es sich nicht lohnt, weiter nachzudenken, ist das Pokalspiel

Das war es dann mit dem gewohnt kurzen Ausflug in den zweitwichtigsten landesweiten Fußballwettbewerb. Was bleibt? Wir hätten eigentlich lieber Tankard als den Polizeichor Frankfurt gehört.

Eine Retrospektive des Spiels gibt’s dennoch

Die ersten 20 Minuten des Spiels wirken beim FCSP so, als hätte man in den alten Football-Manager-Spielen von EA dem Team die Taktik “Abseitsfalle” vorgegeben, nur um dann wenige Minuten später festzustellen, dass man diese nicht auf den Trainingsplan gesetzt hat. Und so zerplatzen alle Pokalträume scheinbar schon nach 16 Minuten. Korbi Müller muss zweimal schnell hinter sich greifen; unser Mitleid kann er sicherlich gebrauchen wie Fußpilz. Die Rotationen in der Aufstellung sind zugegebenermaßen nicht alle nachvollziehbar für uns. Vor allem in der Verteidigung steht da keine eingespielte Truppe, das ist unübersehbar.

Und dass Spieler bei solch wichtigen Spielen dann als Dankeschön der Ersatztorwart, der letztes Jahr kein Pflichtspiel bestritten hat, dann in der Startelf steht, ist für uns wenig nachvollziehbar, wenn der Trainer gleichzeitig das absolute Leistungsprinzip ausruft. Gut, das erste Gegentor hätte keiner gehalten, beim 2. sehen wir da durchaus (geringe) Chancen für eine Skyman-Flugeinlage. Es ging nebenbei auch um 702 000 € Fernsehgelder, die mit dem Einzug in die nächste Runde hätten verdient werden können. 
Ein Mitglied des Kollektivs macht sich beim Spiel (unregelmäßig) Notizen, gestern war das kurz vorm Ende ein “Dieser Verein ist größer als jeder Trainer.” Ok, vielleicht sind wir ein klein bisschen dramatisch.

Dass es am Ende kein würdeloses Gemetzel wird, sondern wir sogar noch mal einigermaßen dicht rankommen an die Verlängerung, bremst das Augenrollen. Braunweiß fängt sich nach den frühen Gegentoren und hat im Anschluss wesentlich mehr vom Spiel. Handelfmeter, Anschlusstreffer. Wir haben uns die entscheidende Szene für den Strafstoß nochmal angesehen, da ist eigentlich gar nichts strittig. Der Arm des Frankfurters ist an der Stelle so fehl am Platze wie ein Nachbau von Venedig in einer Wüstenstadt in Nevada. Oh wait. Waldi jedenfalls so abgezockt in die Mitte, dass es schon fast nach Arroganz riecht.

Zweite Hälfte, Einbahnstraße

Spielen (versuchen) tut weiter eigentlich nur der FCSP. Nützt im Ganzen nix, entweder ist die Eintracht zu stabil oder unsere Jungs am Ende zu unbeholfen. Apropos stabil: So richtig beeindruckt sind wir vom Auftritt der Gästefans ehrlich gesagt nicht. Die Choreo ist eher öde, die Lautstärke der Frankfurter*innen jagt uns auch keinen Schrecken ein. Da hätten wir mehr erwartet. Und (laut Gröni – btw. auch fantastische Fotos der Pyroaction) bei gegnerischer Mannschaftsaufstellung bei jedem Spieler “H*rensohn” rufen und nach dem Spiel “Sieg” ist alles andere als cool. Ihr habt gestern massiv Sympathiepunkte bei uns verloren. 

Am Ende ein Spiel, was zumindest nicht fürchterlich nach Klassenunterschied aussieht, die ersten 20 Minuten mal außen vor. Stark, dass unsere Leute Moral zeigen und sich nicht unterkriegen lassen von den schnellen Gegentoren. Dazu gehört mentale Stärke, die ganz wichtig sein kann.

Mats scheinen diese Abendspiele bei Flutlicht am Millerntor zu liegen. Wahnsinn wie der jedem Ball hinterherläuft und unermüdlich kämpft. Wir freuen uns schon mal auf das Flutlichtheimspiel gegen Bochum.

Schreckminute, als Conteh bereits kurz nach seiner Einwechslung vor Schmerzen nicht mehr weiß, wohin mit sich, und eine Weile behandelt wird. Ach du kacke, was war das denn Böses? Und dann steht der wieder auf? DER WILL WEITERSPIELEN? 
… um dann wieder auf dem Platz liegen zu bleiben. Na dann. Vermutlich ein Adrenalin-Überschuss, der ihn zu dieser Fehleinschätzung bewog. Irgendwas mit dem Oberschenkel soll es sein und eine längere Pause droht. Junge, komm bald wieder.

Schlechte und gute Menschen

Wie würdet ihr eure Laune beschreiben, wenn neben einem frühen Rückstand einer eurer Nebensteher auch noch einen Ausdruck für einen asiatischen Spieler findet, den wir hier nicht wiedergeben wollen? Konfrontiert mit seiner rassistischen Sprache wird natürlich alles geleugnet und später noch versucht, den Gegenwind ins Lächerliche zu ziehen. Kumpels, die sich schützend-leugnend vor ihn stellen. Das Übliche. Unfassbar, dass sowas auch 2019 beim FC St. Pauli noch keine Ausnahme darstellt. Wir hoffen mal inständig, dass die Standpauke gesessen hat und sich die Person lernfähig zeigt. “Besondere” Spiele wie dieses ziehen halt immer mehr Schmeißfliegen an als Begegnungen mit Sandhausen oder Aue. Leute, einmal mehr: Denkt drüber nach, wen ihr da mit ins Stadion nehmt.

Irgendwann untersuchen wir auch noch mal das Phänomen 2m großer Männer, die sich kurz vor Spielanpfiff mitten in die Süd reindrängeln und dann das ganze Spiel apathisch verfolgen. Leute, hier wird supportet, insbesondere im Mittelbereich. Und wenn ihr schon anderen Menschen das halbe Sichtfeld nehmt, dann macht wenigstens mit. Der Südkurvenflyer hat das auch mal wieder schön aufgenommen.

Südkurvenflyer

Nach dem Spiel noch ein kurzer Ausklang des Abends, der im Großen und Ganzen mit unserem zweiten und letzten DFB-Pokal-Spieltag versöhnt. Gerade, wenn man ein paar Spiele Pause hatte, merkt man doch wieder umso mehr, dass es der Zauber der guten Menschen ist, der diesen Kosmos so liebenswert macht. Herzchen euch allen.

Leaving Las Vegas

Der Rückweg über die Feldstraße ist gesäumt von zwei Wasserwerfern und einem Räumpanzer nebst behelmter Entourage. Dass dies ein völlig normales Bild bei vielen Spielen des FCSP ist, sollte uns eigentlich fassungslos machen. Auch aus Frankfurter Kreisen bekommt man das Entsetzen über diese vulgäre Machtdemonstration mit. Wir sind einfach nur müde.