Okt 292019
 

… damit ihr es nicht müsst. 

(Und wir sind ehrlich: Wir haben selber machen lassen. Danke an Stachelflosse, die sich die Mühe gemacht und den folgenden Text verfasst hat.) 

Am Donnerstag, den 17.10.19, sollte im Ballsaal Süd die Veranstaltung „Unser Fußball – braucht neue Werte“ organisiert vom Fanclub fairnetzer.1910 stattfinden. Als Gäste angekündigt waren Annika Lindner, Andy Grote, Rainer Koch, Jonas Boldt, Gerdhard Delling und Oke Göttlich. Warum die Kombination aus Gästen, Thema und Ort problematisch ist, wurde bereits in einem vorherigen Beitrag erläutert. Drei Stunden vor Beginn der Veranstaltung wurde dann bekannt geben, dass das Ganze unter Ausschluss der Öffentlichkeit  stattfinden sollte. Wie sich später herausstellte auch an einem etwas anderen Ort, nämlich der Haupttribüne. 

Am Freitag veröffentlichte der Verein über seine Social-Media-Kanäle das Video der Gesprächsrunde. Haben die Fairnetzer keine eigenen Kanäle, um dies zu verbreiten? Seit wann ist der Verein Pressesprecher und Sprachrohr der Fanclubs? Die Erwartungshaltung vor Anklicken des Videos pendelt irgendwo zwischen „Das wird leeres Gelaber“ und „das wird die absolute Katastrophe“. 

Screenshot aus dem hochgeladenen YouTube Video der Fairnetzer.

„Ich will das nicht sehen. Ich würde alles hassen.“

Da ich nicht wollte, dass der Lieblingssenior des Lieblingsblogs an einem Freitagabend schlechte Laune bekommt (und weil man im Zug ja sowieso nichts besseres zu tun hat) opferte ich mich. Hier also meine Gedanken zu dem Gespräch und dem Video.

Joachim Weretka von den Fairnetzern leitete die Gesprächsrunde und begann die Veranstaltung mit folgender Aussage: „denn in den Fußballstadien herrschen zum Teil Zustände, die mit den Werten, die sonst in der Gesellschaft gelten, nicht so viel zu tun haben. Aber die müssen da hin. Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit“(00:17). Das klingt als würde es dies nicht in der Gesellschaft geben und wäre ein isoliertes Problem der Fußballstadien. Vielleicht ist dies nur unglücklich ausgedrückt. Vielleicht ist Joachim Weretka aber auch ein alter weißer Mann, der in seinem Leben noch nie Diskriminierungserfahrungen machen musste. Er beschreibt weiter, dass der Gedanke hinter dieser Veranstaltung war, Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit aus den Stadien herauszubekommen, weil auch die Stadien ein Teil der Gesellschaft sind, in denen es anders zugehen muss.

„Es gab im Vorfeld eine ganze Reihe von Forderungen, die man an uns gestellt hat. Bestimmte Personen, bei der Veranstaltung,sollten nicht sein. Namentlich wurden genannt der Innensenator Andy Grote und Rainer Koch vom DFB-Präsidium. Am Ende haben wir uns entschieden, diese Veranstaltungen jedenfalls so nicht mehr durchführen zu können, weil wir fürchten, unser Thema wäre da gar nicht mehr zum Tragen gekommen. Es gab Ankündigungen von Leuten, die das ausdrücklich auch so wollten. Um ein Risiko auszuschließen, sind wir jetzt hier.“ (00:56)
Das Statement zeigt, dass Weretka nichts verstanden hat. Aber das Opfer zu spielen, ist halt leichter, als sich einzugestehen, dass man Fehler begangen hat. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man sich die Gunst von Andy „wir kennen uns schon seit 20 Jahre, deswegen darf ich dich so nennen“-Grote und Co. nicht verspielen wollte. Aber gerade bei einer Veranstaltung zum Thema Werte sollten auch kritische Stimmen an kontroverse Personen erlaubt sein. Die Werte des Fußballs zeigen sich nämlich auch im Umgang mit den Fans. Aber meinem Gefühl nach war es nie angedacht, das Handeln der Diskutierenden kritisch zu hinterfragen. Sonst hätte man sich auch Fanvertreter in die Diskussion eingeladen. Ziel war es, über Fans und ihr Verhalten zu reden. Und ja, es läuft viel falsch in den Stadien. Auch bei uns ist vieles nicht so, wie wir es gerne hätten. Aber der Fisch stinkt vom Kopf her und man muss sich auch überlegen, welche Signale man sendet, wenn man die Fridays-for-Future-Demo gewaltsam auflösen lässt oder Aktionstage zu Rassismus zur leeren Worthülsen verkommen lässt. 

Dann ergriff Oke das Wort: „Danke für die Veranstaltung. Danke, Joachim, für dieganze OrganisationDenn grundsätzlich ist für uns ist das Thema ein wichtiges. Auch gerade mit Persönlichkeiten aus der Politik zu besprechen, denn es geht um eine Vielzahl von Themen, die wir als FC St. Pauli mit anfangen können Und ich finde es auch wichtig, dass in einem demokratischen Prozess miteinander und auch kontroverse Diskussionen miteinander geführt werden. Und die auch am liebsten in einem öffentlichen Diskurs mit einem Publikum stattfinden. Denn wir fühlen uns hier schon etwas alleine und etwas steril gelassen. Das ist schade, dass es so weit kommen musste, ich konnte euren Einwand heute morgen verstehen, wenn dann am Ende eine Situation entsteht, die dann für niemanden am Ende des Tages eine vernünftige Aussage treffen können. Und vor allem das inhaltliche Thema, das du schon angerissen hast, angehen.“ (01:47) 
Verstehe ich das richtig? Seit diese Veranstaltung bekannt wurde, gab es Kritik daran. Blogs, USP, der Fanladen haben ihre Kritik an der Veranstaltung geäußert. Am Tag der Veranstaltung bekamen die Fairnetzer dann Sorge, dass man das Thema nicht so diskutieren kann, wie sie es sich vorstellen, und deswegen stimmte Oke dann zu, die Öffentlichkeit auszuschließen und das Ganze in die Haupttribüne zu verlegen? Dann wissen wir jetzt auch, auf wessen Stimme Oke hört. Langsam glaube ich, man hat es mit Absicht auf die Eskalation ankommen lassen, um sich dann als Opfer der „radikalen Fankreise“ inszenieren zu können. Wie man so wenig Gespür für die Fanszene und deren Anliegen haben kann, ist mir schleiferhaft. Aber hey, Abendblatt und Co. haben sich gefreut. Nachdem es beim Derby „zu“ ruhig war, konnte man wenigstens jetzt das Märchen von den „bösen, radikalen, stimmungsmachenden Ultras“ weiterspinnen. 

Joachim Weretka: „Diese Diskussion muss ein Publikum haben. Es gibt unglaublich viele Fußballfans, die Interesse daran haben, wie es in diesem Sektor neue Werte weiter geht.“ (03:38) Subtext: Aber die „Fans“ verhindern, dass die echten Fans heute hier sein können. (Dass ich diese Unterscheidung nicht teile, muss ich hoffentlich nicht erkären)„Und dass wir das auch öffentlich machen. Und dass wir dann auch Fragen aus dem Publikum zulassen.“(03:50)Dass will ich doch schwer hoffen, dass Fragen zugelassen werden.

Nun werden die Gäste vorgestellt 

Hier Auszüge des Wortlauts von Joachim Weretka: (04:17 – 09:55)
Annika Linder –„Annika ist 17. Am Gymnasium in Blankenese. Und organisiert schon seit ganz langer Zeit Fridays-for-future-Aktionen. Die seltsamerweise immer Freitags stattfinden. Und hat andere Aktivitäten in dieser Bereich. Es geht um Umwelt und Klimaschutz. Und Annika bringt etwas besonderes mit an diesem Tisch. Sie spielt Fußball. Seit 10 Jahren bei Komet Blankenese. […]“

Andy Grote – „Ich sage Andy zu ihm. Ich kenne ihn seit 20 Jahren. Da war er noch ganz klein. Und nur weil er jetzt Senator ist, muss ich ihn nicht siezen. Und natürlich Sportsenator. Und deswegen an diesem Thema interessiert. Es geht zwar nicht nur beim Sport um Fußball. Aber er ist natürlich schon ein Kern und der Sport der die meisten Fans beeindruckt und fesselt.“

Oke Göttlich – „Da muss man nicht mehr viel zu sagen. Präsident des FC St. Pauli. Du hast gerade eben schon von den Werten gesprochen, die für diesen Verein gelten. Wir haben sehr viel gemeinsames hier schon an diesem Stadion verändert.

Oke betont daraufhin, dass viele dieser Werte, die hier im Verein gelebt werden, aus der Fanszene kommen und sie deswegen sie gerne mit Leuten hier gesprochen hätten. Lieber Oke, du hattest die Entscheidungsmacht in diesem Fall. Du hättest schon vor einer Woche entscheiden können, die Veranstaltung an einen anderen Ort zu verlegen. Dann wäre alles ganz anders gelaufen. Es ist tagelang nichts passiert und dann habt ihr euch fünf vor zwölf dazu entschieden, die Öffentlichkeit auszuschließen. Jetzt den Leuten, die euch auf die Problematiken bei dieser Veranstaltung hingewiesen haben, die Schuld zu geben, ist mehr als feige. 

Rainer Koch – „Ich lasse den Doktor weg. Da haben wir uns drauf geeinigt. Aus dem DFB-Präsidium. Ich meine jetzt zuständig für UEFA und FIFA.“ Stimmt nicht, er muss erst noch gewählt werden. Koch legt dar, dass übergeordnete Themen wie Werte auch Aufgabe des DFB-Präsidenten sind. Dass die DFB Ethik-Kommission gegen ihn ermittelt, fiel mit dem Doktor unter den Tisch. 

Gerhard Delling – „Sportjounalist, wer kennt ihn nicht?“ Joachim W. erhofft sich Tipps durch Dellings langjährige Erfahrung. 

Jonas Boldt – Sportvorstand des HSV. „Aber ob beim HSV im Stadion alles toll ist … was Fans angeht, was das Verhalten angeht? Ich duze dich jetzt auch, weil wir uns neulich eine Taxe geteilt haben.“ 
Kann man sich vor der nächsten Veranstaltung bitte auf eine gemeinsame Ansprache einigen? Entweder alle siezen sich oder alle duzen sich. Annika Lindner wird von Beginn an von allem am Tisch geduzt, sie siezt die Herren am Tisch. Dadurch entsteht automatisch ein sprachliches Machtgefälle, das sich vermeiden lässt. 

Nachhaltigkeit

Joachim Weretka leitet über in die Diskussion und beginnt beim Thema Nachhaltigkeit. Koch legt dar, dass Nachhaltigkeit seit neuestem auch ein Ressort des DFB-Präsidenten ist. Annika Linder verweist auf den Nachhaltigkeitsbericht 2019 und erklärt, dass es zwar richtig sei, dass das Mikroplastik im Kunstrasen ein Problem für die Umwelt darstellen würde, der größere Umweltfaktor seien aber die Reisebewegungen der Fans an einem Spieltag. Sie führt eine Studie an, laut der 400.000 Fans an einem Spieltag 120 Tonnen CO2 durch Anreise und Konsum im Stadion emittieren. Das sind so viel wie zehn durchschnittliche Deutsche in einem Jahr ausstoßen. (https://www.deutschlandfunk.de/serie-endspiel-ums-klima-1-klimasuender-fussballfan.1346.de.html?dram:article_id=437166) Joachim Weretka wirft dabei ein, ob es nicht eine Option sei, einen autofreien Spieltag zu veranstalten, um diese Problematik in das Bewusstsein der Fans zu bringen. Rainer Koch erwidert darauf, dass der DFB nicht für die Durchführung der Spiele zuständig ist und es für die deutsche Nationalmannschaft und Vereine in der Europa League nicht möglich ist, zu Spielen nicht zu fliegen. Man müsse sich als Gesellschaft nun darauf verständigen, wie wir den Fußballbetrieb haben wollen, da mit einem Verzicht auf Flüge der Spielbetrieb so nicht mehr stattfinden könnte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich sehr gut auf Länderfußball und seltsame Clubwettbewerbe verzichten kann, ist dies eine ganz schön fatalistische Einstellung. Wir sollen weniger CO2 verbrauchen, dann stellen wir den Betrieb ganz ein. 

Oke wirft ein, dass man das Thema konstruktiver angehen müsste und wünscht sich von DFB und DFL Unterstützung um Themen in der Politik anzubringen. Konkret nennt er hier die Schwierigkeiten bei der Weitergabe von übrigen Lebensmitteln nach einem Spiel. Koch erklärt darauf hin Annika Linder, dass es besser wäre, sie und Fridays for Future würden mit konstruktiven Vorschlägen und Ideen auf DFL, DFB und die Vereine zugehen und nicht mit Forderungen wie einem „Flugverbot für die Nationalmannschaft“. Sie wirft darauf ein, dass sie nicht von einem generellen Verbot spricht, es aber in manchen Situationen Alternativen gibt, zum Beispiel bei Spielen innerhalb Deutschlands. Sie fügt außerdem an, dass es bei Flügen, die sich nicht vermeiden lassen, die Möglichkeit gebe, Geld in Kompensationsprojekte zu stecken. Der DFB und die Fußballer seien in dieser Bereich Vorbild und hätten zudem eine Lenkwirkung.

Gerhard Delling ergreift das Wort und fügt an, dass er es für nötig hält, ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und bestimmte Werte zu schaffen. Andy Grote sieht in der Gesellschaft und in der Politik eine engagierte Diskussion über Nachhaltigkeit und Werte, wie es sie selten gebe. Außerdem sieht er, dass es in der Gesellschaft sehr weit angekommen sei, dass das Klimathema eine große Relevanz habe. Er stellt sich die Frage, was nun jeder Einzelne tun kann. Der Fußball sei ein großer Akteur mit viel Reichweite und können noch einen größeren Beitrag dazu leisten, jeden Einzelnen zu erreichen und ein Umdenken zu schaffen. Lindern merkt an, dass aber auch nicht nur das Bewusstsein sondern auch das daraus folgende Handeln wichtig sei.

Neue Werte? 

Jonas Boldtt will einhaken, wird von Joachim Weretka unterbrochen und stellt anschließend eine Frage, die ich persönlich im Bezug auf die Veranstaltung sehr spannend finde. Er fragt sich, warum von neuen Werten gesprochen wird. Es müssten keine neuen Werte geschaffen werden, sondern Werte, die schon existieren, mehr in den Fokus gerückt werden. 

Kommentar meinererseits: Der Titel neue Werte impliziert, dass man diese erst erfinden müsste. Diese Werte existieren aber bereits, sicherlich mal mehr und mal weniger ausgeprägt, in jedem Stadion. In jedem Stadion gibt es Menschen, die sich gegen Faschismus, Homophobie und Sexismus engagieren. Sich hinzustellen und zu sagen, wir brauchen neue Werte, bedeutet, im Extremfall gedacht, dass diese Werte für die sie sich einsetzen in den Augen der Fairnetzer nicht von bedeutung sind.

Jonas Boldt fügt an, dass Nachhaltigkeit zwar ein Thema sei, er aber die Menschlichkeit mehr in den Fokus stellten würde, da der Fußball hier eine große Vorbildfunktion habe. Dies habe sich das neue Präsidium des HSV zur Aufgabe gemacht. Joachim Weretka sieht im Bereich Menschlichkeit einen großen Nachholbedarf, auch in unserem Stadion. „Wenn man beobachtet, dass in den Stadien Menschen einen Freiraum sehen, Dinge zu sagen und zu tun, die sie sonst nicht machen. Das begründen sie dann vielleicht mit einer besonderen Emotionalität die da gerade war. ‘Du schwule sau’, das ist mir dann nur so rausgerutscht. ‘Du Muschi, steh auf!’Das sind alles so normale Sprüche.“ (24:35) Beim ersten Ansehen habe ich gedacht, ich höre nicht richtig. Ich denke und will denken, dass Joachim Weretka sich hier ungünstig ausdrückt und sagen will, dass das Sprüche sind, die man zu oft in Stadien hört. Nicht, dass das Sprüche sind, die er als normal im Sinne von akzeptabel empfindet.

Das Gespräch kommt noch mal zum Thema Nachhaltigkeit zurück. Rainer Koch wiederholt nochmals, dass das Fliegen nötig sei und Annika Lindern ist wiederholt gezwungen zu erklären, dass es ihr nicht um ein Flugverbot für die Nationalmannschaft gehe. Man gewinnt den Eindruck, die Herren wollen ihr gar nicht zuhören. 

Menschlichkeit

Andy Grote: „In Wahrheit haben wir eine hochproblematische gesamtgesellschaftliche Situation gerade. Wir haben Kontroversen, wir haben Ausgrenzung, Abgrenzung, Polarisierung zu ganz vielen Themen. Wir haben Unmenschlichkeit, Menschenfeindlichkeit, Herabsetzung, Diffamierung, Beleidigung in einem Ausmaß, die höchst schwierig sind.“ [sic!](28:30)
Ja, das stimmte. Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus sind aktuell so laut wie seit langem nicht mehr. Aber warum werde ich das Gefühl nicht los, dass in dieser Aussagen auch die persönlichen Befindlichkeiten von Andy Grote mitschwingen? 

Wir haben rechtsextremistische Terroranschläge in Deutschland. Wir haben eine völlig veränderte Situation. Wir haben ein zum Teil hasserfülltes gesellschaftliches Klima. Was sich in den sozialen Medien zum Teil abspielt, ist etwas, das hätten wir uns alle vor 10 oder vor 20 oder auch vor 5 Jahren nicht vorstellen können. Aber jetzt ist doch, wenn wir über Fußball sprechen, so ein bisschen die Frage: Schwappt das jetzt auch in die Stadien? Haben wir hier dieselbe Situation? Nehmen die Leute ihre Aggression, ihre Abgrenzung, ihr Freund-Feind-Denken, ihr gruppenbezogenes Denken, nehmen die das da mit und ist das einfach eine Bühne, um das nochmal ausleben zu können? Oder kann der Fußball dem was entgegen setzten und kann sagen: Nein, hier ist ein Ort, wo wir auch vielleicht über Unterschiedlichkeit hinweg zueinander finden. Über die Leidenschaft für den Fußball, die Leidenschaft für den Verein, über das “gemeinsam irgendwo stehen”. Wo wir dann doch nochmal gemeinsam das Gespräch finden. Wir haben ein Problem, dass kein gesellschaftliches Gespräch, kein Austausch, keine Fähigkeit aufeinander zuzugehen, sich zuzuhören mehr stattfindet. Und da ist die Frage, kann die eigentlich große bindende, einigende Kraft von Sport, die eigentlich Grenzen und Unterschiede überwinden kann, kann die einen Beitrag leiste, dass wir das wieder herstellen oder wird das mit unverminderter Wucht einfach in die Stadien transportiert.“ (28:45)
Für mich ist das keine Frage. Es lässt sich jede Woche beobachten, dass Stadien als Plattform für die Verbreitung von rechtsradikalem Gedankengut genutzt werden. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, dass sich die Fanszenen, die Vereine und auch die Verbände klar positionieren und ihre Werte in den Stadien durchsetzen. Die Frage „schwappt das jetzt auch in die Stadien?“ impliziert zudem, dass es sich hierbei um ein noch nichts existierende Problem handelt. Chemnitz ist nur eins von vielen Beispielen dafür, was passiert, wenn Verband, Verein und Fanszene rechtem Gedankengut Raum geben.

Gerhard Delling führt an, dass er ein großer Fan von Kampagnen sei und es in den neunziger Jahren eine sehr erfolgreiche Kampagne des DFB gegen Rassismus im Stadion gab und dass es dadurch besser geworden sei. Jonas Boldt widerspricht dieser Aussage etwas später (32:35), dass eben nicht nur Kampagnen nötig seien, sondern auch das Handeln. Hier stimme ich Jonas Boldt zu. Es kann gut sein, dass diese Kampagne ein paar Menschen erreicht hat. Aber den Rückgang des Rassismus nur mit einer Kampagne zu begründen, greift für mich zu kurz. Ohne Menschen im Stadion, die sich aktiv rassistischem Verhalten in den Weg stellen, bringt die beste Kampagne nichts. 
Gerhard Delling weiter: „Unter normalen Sportlern gibt es keinen Rassismus, weil die überall auf der Welt unterwegs sind und sonst selbst davon betroffen wären. Aus Eigennutz und weil sie es einfach gewohnt sind, mit anderen Menschen zusammenzukommen, egal welcher Hautfarbe oder Konfession auch. Da gibt’s sowas eigentlich nicht.“ (31:23) Zu glauben, dass eine Person nicht rassistisch sein kann, bloß weil sie beruflich viel reist, halte ich für sehr naiv. Stichwort: Nazis essen Döner. 

Jonas Boldt verweist auf das letzte Länderspiel und die Reaktion des Publikums auf das „Halt die Fresse“ eines Einzelnen auf das Singen der Nationalhymne eines anderen Einzelnen während der Schweigeminute für die Opfer von Halle. „Da muss man auch nicht blumig sprechen, da kann man das auch wirklich frei raus so rufen. Aber das Stadion hat spontan applaudiert. Diese Effekte, die sind wichtig. Den Mut auch zu haben zu einem Selbstreinigungsprozess. Dazu müssen wir die Menschen bringen. Da können wir eine Vorbildfunktion haben. Aber ich betone nochmal. Kampagnen sind gut, auf jeden Fall. Man muss aber dahinter stehen und es muss eine Nachhaltigkeit gewährleistet sein. Sonst können wir hier erzählen, was wir wollen, und es fruchtet halt alles nichts.“ (33:19)
Oke verweist darauf, dass man immer auch den Standort mitbedenken muss. Die Leute an den schwierigen Standorten wie Cottbus und Chemnitz brauchen die Unterstützung. Dafür müsse man den Verband sensibilisieren. Da gerade an diesen Standorten große Kampagnen keine Wirkung hätten und die Einzelnen die sich den Rassisten in den Weg stellen deutlich andere Unterstützung benötigen. „Und da kommen wir dann relativ schnell natürlich wieder in Fanthemen. Dort wird’s dann wieder diffizil. Welche Strukturen unterstützt du mit welchem Maße? Welche Rechte werden sich da rausgenommen? Welche Rechte werden sozusagen genommen? Und das ist dann natürlich auch immer diese fankulturelle Debatte.“ (34:48)
Rainer Koch merkt ergänzend an, dass man Dinge nicht immer an die große Glocke hängen könnte. So habe man in Chemnitz Vereinbarungen zum Aufbau einer Fanbetreuungsstruktur getroffen. Man könne sich als DFB an Standorten wie Chemnitz nicht zu sehr öffentlich plazieren, weil man so nur neue Agressionspunkte schaffen würde. Andy Grote und Rainer Koch betonen zudem die Bedeutsamkeit von Identifikationspunkten und Präventionsprogrammen besonders an schwierigeren Standorten. Fußball sei eine Chance, Konflikte gemeinschaftlich zu lösen, er dürfe damit aber auch nicht überfordert werden.

Annika Lindner ergänzt dazu: „Fußball ist Kultur und Kultur hat immer die Möglichkeit, ein Stück voranzugehen und Impulse zu setzen, und ich glaube das ist ganz wichtig. Und da kann man tatsächlich noch lauter werden bzw. sagen ok, gerade diese Positionen, dieses Menschliche, das sind Werte, die sind uns wichtig und die nehmen wir auch so war in der Gesellschaft. Aber die nochmal nach außen zu spiegeln. Ich glaube da hat der Fußball nochmal ein großes Potential.“
Hier stimme ich Annika Lindner zu, Fußball und seine Spieler sind sehr präsent in unserem Alltag. Sie machen Werbung für Chips, Rasierer und Reifen, sind auf den Titelblättern von Zeitschriften und haben Millionen Follower auf Instagram. Sie haben eine immense Reichweite und beeinflussen wahnsinnig viele Menschen. Dies ist ein Potential, das im Bezug auf die Vermittlung von Werten noch deutlich mehr genutzt werden könnte. Spieler wie Mats und Schnecke haben bei uns auch bzw. besonders wegen ihrer Äußerungen abseits des Fußballs den Status, den sie haben. Andy Grote sieht in der EM 2024 ein Chance, Nachhaltigkeitskonzepte, die für die einzelnen Standorte entwickelt werden, auf den regulären Ligabetrieb zu übertragen. 

Hier bricht Joachim Weretka das Gespräch ab und kündigt an, die Veranstaltung zeitnah an einem anderen Ort vor Puplikum stattfinden lassen zu wollen. Außerdem äußert er, dass die Idee der Fairnetzer hinter dieser Veranstaltung sei, andere Fangruppierungen in anderen Stadien zu solchen Diskussionen zu inspirieren. 

Fazit

Was ich aus den 42 Minuten mitnehme? Dass weder Oke noch Joachim Weretka die Kritik an der Veranstaltung verstanden oder reflektiert haben. Die meiste Zeit ist es leeres Gelaber und leider auch sehr oft „Alte weiße Männer erzählen der 17-Jährigen, wie die Welt funktioniert.“ Mehrmals wird darauf verwiesen, dass man nicht nur diskutieren und demonstrieren, sondern auch was praktisch tun müsste. „Wir können gegen alles sein und am Ende brauchen wir auch gute Lösungsmöglichkeiten. Mir bringt es nichts, wenn jeden Freitag die Straßen gesperrt sind und die Leute auf die Straße gehen und am Ende gehen sie wieder nach Hause und machen den Fernseher an. In Anführungszeichen.“ (Jonas Boldt 22:45)

Den Herren ist es sehr wichtig mehrmals herauszuheben, dass ein Flugverbot für die Nationalmannschaft logistisch überhaupt nicht möglich sei. Annika Linder hat das im Gespräch nie gefordert. Sie hat lediglich darauf hingewiesen, dass die Nationalmannschaft alles fliegt, auch innerdeutsch, und dass man sich hier 1. überlegen muss, ob es nicht Alternativen gibt und 2. daran denken müsste, welche Wirkung es hat, wenn die Spieler bei jedem Spiel Selfies aus dem Flugzeug posten. Zudem hat sie Lösungsvorschläge gemacht und darauf hingewiesen, dass jeder einzelne etwas zum Klimaschutz beitragen muss. Noch mehr Mansplaining gefällig? Joachim Weretka wendete sich kurz vor Ende des Gespräch an Annika Linder und sagte folgendes: „Die Beteiligung von unten bewirkt eben ganz viel. Das ist eine Bewegung, die eben auch in den Stadien wichtig ist. Nicht nur bei Fridays for Future“ (41:13). 

Das Gespräch dreht sich sehr oft im Kreis und die meisten Zeit um das Thema Nachhaltigkeit, ohne zu einem richtigen Ergebnis oder Fazit zu kommen. Ich bin gespannt, welchen Ort, sich Oke und die Fairnetzer für die nächste Veranstaltung aussuchen.