Sep 022019
 

Dresden. Mehr müssen wir eigentlich nicht schreiben, um zu erzählen, dass wir einen richtig miesen Tag hatten.

Hin

USP hatte einen Sonderzug gebucht, den wir aus diversen Gründen nicht nutzten. Wie wir hörten, soll es eine gute und entspannte Fahrt gewesen sein. Das ist gut und das nächste Mal läuft die Kommunikation auch schneller und wir haben das als grundsätzliche Reisemöglichkeit auf dem Schirm und dann sind wir auch wahrscheinlich dabei, wenn es passt.

So hatten wir einen Pöbelbus gemietet und holten den zu früher Stunde bei der Vermietungsfirma ab. Die sehr bemühte und freundliche Mitarbeiterin (was nebenbei für alle an diesem Tag getroffenen Mitarbeiter*innen der Europcar Station Wandsbek galt, mal ein riesen Lob an die) meinte noch, dass man angesichts der gewählten Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung den Wagen auch schrottreif auf den Hof stellen könne bei Abgabe. Wir hätten dankend auf ihre hellseherischen Fähigkeiten verzichtet.

An unserem Treffpunkt wurden wir erstmal (weit entfernte) Zeug*innen einer Schlägerei zwischen einem Busfahrer und einem Besoffenem. Die damit endete, dass der Busfahrer in seinen Reisebus stieg, weg fuhr und dabei einen ordentlichen Schlenker in Richtung des Besoffenen machte. Puh, das ist juristisch dann wohl schon eine ordentliche Straftat. Passiert ist zum Glück nix.

Wir sammelten uns also, die feine Gesellschaft kam per Moia, der Pöbel per Bahn und ab ging die Reise. Unseren südlichen Vorposten noch kurz zu Hause abgeholt und dann erstmal über die berühmte B 4 in Richtung Braunschweig. Ging alles entspannt und gut, der befürchtete Wildwechsel blieb aus und Rübenkampagne ist auch nicht, so dass sich Überholvorgänge in Grenzen hielten. Nur die Pinkelsituation wurde am Ende etwas dringender, aber wir haben es dann doch rechtzeitig zu dem ersten Autohof geschafft.

Rest der Hinfahrt ist schnell erzählt, über den Musikgeschmack einzelner Herren wollen wir nichts erzählen und so kam man schnell in Dresden an. In dieser Stadt, die eine Uni hat und eigentlich genügend korrekte Leute bleiben Noafd Plakate heil. Das kann doch echt nicht sein! Auch sonst waren die Plakate im Landtagswahlkampf an Stupidität nicht zu überbieten.

Da

Bei dem bereits bekannten Auswärtsparkplatz wurde ein Plätzchen im Schatten gefunden. Ja, wir sind bekennende Warmduscher und Schattenparker. Wer nicht? Nun begann ein Thema das Tages. Warten auf die Polizei. Pendelbusse stehen bereit, Busfahrer so auf Nachfrage mit genervter Stimme „Ihr wärt schon weg und wir wieder hier, wenn die Polizei mal da wäre, auf die warten wir nämlich.“ Irgendwann bemühte sich die Staatsmacht dann doch mal aus ihren Autos und wir konnten zum Stadion. Nebenbei fiel hier nach gut 20 Minuten Wartezeit bereits der Satz ”Ich hasse es, auf die Polizei zu warten.“ Tja, …

Einlass war wieder eine sehr unterschiedliche Erfahrung. Mal eher pseudomäßiges Abtasten, mal der Griff an die (weibliche) Brust. Auch was rein konnte und was nicht, war von Ordnerin zu Ordnerin wirklich unterschiedlich. Im nächsten Leben (wenn wir keine Fußsballfans sind, ha!) machen wir nebenbei ein effizientes Stadioncatering auf und finanzieren damit die Weltherr*innenschaft.

Beim Eingang keine Ordner mit offensichtlichen Nazisymbolen, im Sitzgästeblock scheinbar schon.

Zur Stellungnahme von Dresden kommen wir gleich.

Fußball

Ein gut aufgelegter Gästeblock zeigte zu Beginn eine Choreo, durfte sich schwarz-rot-gold (hier stand mal Senf, was aber einen doofen Hintergrund hat. Danke für den Hinweis geliebter Fanladen) Fahnen ansehen, die im ganzen Stadion koordiniert von irgendwelchen Pegida Trotteln (so zumindest der Flurfunk) präsentiert wurden. Die Typen offenbarten dann auch per „FCK Antifa“ Shirt ihre Weltsicht und hampelten bis nach Abpfiff am Gästeblock rum. Halsabschneidergestenparade war auch dabei. Es nervt!

Aus dem K Block dann mehrere diskriminierende Plakate, die weit über ein erträgliches Maß hinaus gehen. Wir zitieren die Inhalte nun bewusst nicht, wir wollen so einen Scheiß hier nicht auch noch verbreiten. Wer sich informieren möchte, der besuche „Ultrapeinlich“ auf Twitter oder anderen Plattformen. Nur soviel: „Warum reagiert ihr immer drauf, das ist doch ganz bewusst euch provozierend“ ist keine sinnvolle Argumentation. Wenn man sich an diskriminierenden Müll gewöhnt oder ihn totschweigt, dann ist man nicht besser als „unpolitische“ Fans. Wir werden diese Dreck nie unwidersprochen lassen. Und: Freut euch gegen Sandhausen auf Sticker zu diesem Thema. Mehr dazu, sobald der Druck durch ist.

Es war schön, dass mit Präsentation des ersten Plakates gleich das 0-1 fiel. Sehr passender Zeitpunkt, nie haben wir lieber in Richtung des K-Blocks gewunken.

Zur Stellungnahme der SG Dynamo Dresden: Wir sind keine Freunde von Stellungnahmen, wenn sie bloß auf dem Papier existieren. Also sind wir kein Fan von Stellungnahmen der SG Dynamo Dresden. Eine kurze Recherche ergab, dass es davon “erstaunlich“ viele gibt, die alle gleich klingen. Würden sie wahrscheinlich nicht, wenn man dann auch mal konkret was machen würde und nicht nur mit hohlen Worthülsen um sich schmeißt. Auch hätten wir vielleicht nicht zuerst die Kunstfreiheit als Aufhänger genommen, aber insgesamt ist die Stellungnahme irgendwo noch akzeptabel.

Nur liebes Dynamo Dresden: Wenn Ordner vor einem Spiel nicht auf Kleidung und Symbole kontrolliert werden, wenn es eigentlich klar ist, dass eure Fanszene Rotz auf Tapeten schreiben wird, dann ist eine nachträgliche schockierte Stellungnahme viel zu wenig. Gerade bei einem Verein, der so mit seiner Fanszene verwachsen ist, wie Dynamo erwarten wir da auch proaktives Handeln, eine klare Sensibilsierung aller Verantwortlichen und ein Leben von „Rassismus ist kein Fangesang“. Hohle Worte im Nachhinein ändern wenig, insbesondere weil Konsequenzen ja aus bleiben. Das ist ja nicht das erste Plakat in diese Richtung. Es ist schön, wenn die Fanrechtshilfe vor dem Spiel über den Stand der Karlsruhe Geschichte per Stadionmikrofon informieren darf und zu Spenden aufrufen darf, es aber gerade bei einer so offenen Zusammenarbeit zwischen Fanszene und Verein auch mal vonnöten zu sagen, wo Grenzen sind. Und zwar bevor das Kind in Brunnen gefallen ist. Uns ist auch klar, wie schwierig es im Osten ist Ordner zu finden, die nicht Nazis sind, aber dass diese noch offen strafbare Kleidung tragen, zeigt, dass anscheinend gar keine Sensibilität bei Vereinsverantwortlichen für dieses Thema vorhanden ist.

Zum Spiel:

Wir sind zur Zeit unfassbar effektiv. Drei Schüsse aufs Tor, drei Tore – Spiel zuvor zwei und zwei. Das hängt insbesondere an Diamantakos, der schon immer ein sehr effektiver Stürmer war und der zur Zeit als einzige ernsthafte Sturmalternative richtig überzeugt. Da sieht man wieder einmal, was Selbstvertrauen wert ist. Drei Vorlagen MMD zeigt wie gut der Junge zur Zeit drauf ist. Damit kommen wir aber auch zu den Problemen. Die beiden sind zur Zeit ziemlich alternativlos.

Die Idee Conteh mal eine Pause zu gönnen und ihn als Waffe gegen einen müder werdenden Gegner einzuwechseln ist eine absolut überzeugende. Auch sahen die ersten 30 Minuten wirklich nach einem gut strukturierten und durchdachten Auftritt aus. Aber das ist dann auch unser Problem. Wir bauen massiv ab. Bis zur 30. Minute lassen wir gut Ball und Gegner laufen, haben alles im Griff und bringen dann den Gegner wieder zurück ins Spiel. Um dann uns selber 3 Tore rein zu legen. Allen drei Toren gingen massive Fehlerketten voraus, die nicht durch brilliantes Spiel von Dresden erzwungen wurden.

Buchtmann kommt sehr spät und will sich richtig beweisen. Wir sind jedenfalls gespannt, was heute bis 18:00 Uhr (Stichwort D-Day) noch so passiert. Mit dem Zugang von Lawrence jedenfalls sind wir sehr zufrieden, der bringt Sicherheit rein. Nationalmannschaftsspiele sind sowieso nicht so unsers, aber besonders doof ist es, wenn der neue Abwehrchef deswegen dann die nächsten Tage nicht mit der Mannschaft trainieren kann. Man sieht nämlich leider auch immer noch, dass da niemand hundertprozentig eingespielt ist. Und sowas macht man nur durch Training wett. Waren wir zu Beginn sehr skeptisch bzgl. Ryos neuer defensiver Rolle, so erkennen wir da mittlerweile tatsächlich immer mehr positives. Die Ballsicherheit da hinten ist gut und wichtig. Und der Junge hatte auch ganz gegen Ende noch Körner und drehte ab der 85. Minute noch mal auf und war dann auch mehrfach vorne zu finden. Schade, dass das nicht von Erfolg gekrönt wurde.

Und Conteh, Junge, Junge, Mädel: Kommt und bindet durch seine Schnelligkeit direkt mal 3 Gegner dauerhaft, müsste sich zweimal fallenlassen um den Elfer zu kriegen (wir sind da keine Freund*innen von, aber anders kriegst du den halt nicht zugesprochen; Stichwort: Abgewichstheit) und holt dann noch ne rote Karte. Dass wir schon unkten, dass wir in Überzahl noch ein Tor reinkriegen würden, während wir auf den VAR (Fußballmafia DFB) warteten, verschweigen wir hier besser.

Nach dem Spiel warten wir dann “geduldig” auf die Busse, in die wir aus unersichtlichen Gründen nicht einsteigen dürfen, werden dabei erst mal von Typen angerempelt, die das noch nicht mal mitbekommen. Wir haben auch echt keinen Bock, Dudes ständig darauf hinzuweisen, dass sie nicht die einzigen Menschen sind, die sich im öffentlichen Raum bewegen. Geht aber scheinbar nicht ohne

Und dann Versuch zurück

Schlimmer geht immer:

Und wer glaubt, dass das späte 3-3 den Tag versaute, dem sei unsere Rückfahrt erzählt:

Wir fahren extra 100 km um nicht mit irgendwelchen Dynamos aufeinander zu treffen, um dann bei einer Raststätte zunächst auf indifferente Dynamos zu treffen, aber auch auf den Kleinbus eines Dynamo Fanclubs (dessen Namen wir jetzt hier nicht nennen). Bei Abfahrt bekommen wir auf den Mietwagen einen Aufkleber geklebt, der nicht abgeht und danach postiert der Typ noch minutenlang vor dem Auto und fordert zum Match auf. Wie nervig. Und natürlich sagt die Vermietungsfirma bei Rückgabe die unschönen Worte „Dann wird da wohl Strafanzeige gestellt werden müssen“. Niemand redet gerne mit der Polizei, aber unser Mitleid hat der Typ und seine Mitfahrer*innen auch nicht, wenn sie in nächster Zeit Besuch von der Staatsmacht erhalten. Nebenbei kam es auch noch zu der ”schönen“ Situation, dass seine (vermutlich) Freundin versucht, ihn zurückzuhalten. Verzeihung, uns blieben gerade kurz die Augen in den Augenhöhlen stecken.

Jedenfalls: Selber schuld. Dass man den Fanclub auf Facebook findet und der Admin ihrer Gruppe gerne schwarz-weiß-rote Fotos postet, mindert unser Mitleid noch mehr.

Dass wir nicht weiter in Details gehen hat dann auch was mit “laufendem Verfahren” zu tun. Wir denken ihr könnt das verstehen.

Und damit war der Ärger noch nicht zu Ende, denn es wartete noch eine zweite unabhängige Geschichte auf uns (nachträgliche Klarstellung). Wir fahren auf der linken Spur und wollen einen Camper überholen, hinter dem ein anderes Fahrzeug fährt. Als wir dieses andere Fahrzeug auf Höhe Fahrer/Beifahrer haben, zieht der unvermittelt rüber. Trifft uns, es macht RUUMS, aber zum Glück passiert sonst nix. So bleibt es bei einem ordentlichen Blechschaden an beiden Fahrzeugen und zwei Stunden im Autobahngraben irgendwo in Sachsen-Anhalt. So wollte man natürlich einen der letzten Sommerabende des Jahres verbringen. Nicht. Polizei kommt nach über 60 Minuten (!) dann auch, nimmt den Unfall auf, wir können weiter und kommen dann auch beinah ohne Zwischenfälle in Hamburg an, wenn wir mal von einem Typen in schwarz absehen, der uns fast vor die Karre rennt und einem Auto, was uns vollständig die Vorfahrt nimmt. Was für ein Tag. Die Katastrophenliste der Saison wäre damit immerhin gut gefüllt, ab jetzt bitte dann nichts mehr.

Unser Tag wird kommen, aber heute war er definitiv nicht.

Sep 012019
 

Am 29.8.19 fand die zweite Veranstaltung zum Thema “(M)ein Verein – die Werte des FC St. Pauli” mit dem Schwerpunkt Marketing/Sponsoring statt. Auf dem Podium anwesend sind an diesem Abend Bernd von Geldern (Direktor Vertrieb), Martin Drust (Direktor Marketing), Maik (MillernTon), Sven (Fanladen, in Vertretung für Fanladenjustus) und Georg Margaretha (AFM), der die Moderation übernimmt. 

In seinem Eingangsstatement stellt Bernd von Geldern die Aufgabenbereiche des Vertriebs vor:
Hierzu gehört unter anderem die Akquise und Verwaltung der Sponsoren. Er wies darauf hin, dass Sponsoren nicht, wie oft angenommen, bei uns Schlange stehen, und man oft selbst aktiv sein müsste um passende zu finden. Zudem schildert er kurz, dass das CSR (Corporate Social Responsibility) alle Sponsoren überprüft (Lieferketten, politisches Handeln, getroffene Aussagen, etc.) und bei der Auswahl der Sponsoren immer ein Vetorecht hat. 

Martin Drust legt dar, dass das Marketing vor allem für die Außendarstellung des Vereins (Videowall, LED-Banden, Kampagnen, Digitalprodukte, Onlinekampagnen) verantwortlich sei. Er sieht den FCSP als attraktive Plattform für Sponsoren (hatte von Geldern nicht gerade noch etwas anderes erzählt?) und will den Verein weiterentwickeln. Ihm ist es wichtig von dem „wir sind gegen etwas“ hin zu „für etwas sein“ zu kommen (lieber für Diversität als gegen Faschismus, nun ja …) und er erwähnt zum ersten Mal den DIY-Ansatz, der im Verlauf des Abends noch öfter zur Sprache kommt. 

Maik erläutert, dass seinem Empfinden nach die Sponsoren des FCSP deutlich besser zu ertragen seien als in anderen Stadien und stellt Überlegungen an, was man den tun könnte, wenn man mit Sponsoren nicht zufrieden ist (intern, öffentlich, juristisch). Er spricht auch an, dass man sich dringend darüber Gedanken machen muss, warum Produkte für Frauen bei uns fast immer rosa oder pastellfarben sind, und dass es doch schön wäre, von Eventim wegzukommen. 
Als nächstes folgte die Fragerunde. Die einzelnen Fragen werden hier nicht chronologisch, sondern nach Themen sortiert dargestellt:

Kommunikation und Austausch mit Fans

Die Kommunikation ist an diesem Abend, besonders von Martin Drust, teilweise fragwürdig. Wenn ein älterer Herr seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringt, dass er seine Karte nicht seiner Enkelin vererben kann, ist die passende Antwort sicher nicht: „Und wo ist jetzt die Frage?“ 

Wenn Kritik am Auftritt von The Bosshoss geübt wird, ist „Es ist nicht Freiwild“ nicht passend. Wenn „nicht Freiwild“ unser Kriterium bei Bands ist, na dann Glückwunsch. 

Und wenn permanent auf den Zustand bei anderen Vereinen hingewiesen wird, muss man sich fragen, ob dies wirklich unsere Messlatte ist. 
Immerhin folgt, nach Hinweisen aus dem Publikum, eine Entschuldigung für die Reaktion auf das Statement des älteren Herren, ebenso wird das Freiwild-Statement relativiert.

Auf Anregung aus dem Publikum wird erläutert, dass man sich einmal pro Quartal mit dem ständigen Fanausschuss treffe und dort ein regelmäßiger Austausch stattfinde. Ansonsten sei der Fanladen immer dafür da, Stimmungen und Meinungen zu sammeln und zu kanalisieren. Ebenso könne man natürlich gerne Mails schreiben, die aber offenbar nicht immer ankommen, wie im Verlauf des Abends die Rückfrage zu einer im Juli an den Verein gesendete Mail, die wohl nie von den Zuständigen gelesen worden war, zeigt.

Schön, dass mit Maik ein Fan (Zitat des Abends: “Ich bin nur Fan” <3) und mit Sven ein Vertreter des Fanladens auf dem Podium stehen. 
Noch schöner, wenn dann auch offizielle Vertreter der Fangremien, die seit Jahren intensiv an diesen Themen arbeiten, eingeladen würden. Und lest das bitte nicht als Kritik an Maik und Sven, die sehen phasenweise so aus, als müssten sie gerade in der 19,10. Stunde nachsitzen, weil sie ein Fenster mit einem Ball eingeschossen haben.

Sponsorenkonzept/ Markenkern/ Ziele des Vereins

Die guten Nachrichten? Es gibt nach Auskunft der Verantwortlichen ein Sponsorenkonzept. Die schlechten? Uns blieb ein wenig verborgen, was dieses Konzept nun eigentlich genau sein soll:
Grundsätzlich sei es natürlich nötig, Sponsoren anzuwerben, um professionell Fußball spielen zu können. In diesem Kontext werde der Verein als Wertegemeinschaft gesehen, die gewissen Marken die Möglichkeit gebe, hierüber ihre Werte zu kommunizieren. 

Was nun Sponsorenzusammenarbeit angeht, wird aber in der Bandbreite von “Auf gar keinen Fall stehen Sponsoren hier Schlange” bis “Wir sind sehr attraktiv für gewisse (rebellische) Marken” geantwortet. Ebenso unklar bleibt, ob es nun einen spezifizierten Suchradius gibt oder “genommen wird, was da kommt”. Was vor allem daran liegt, dass die Antworten hier häufig leider etwas schwammig ausfallen. Grundsätzlich positiv ist, dass immer angestrebt wird, mit den Sponsoren auch über das Sponsoring hinaus zusammenzuarbeiten, insbesondere in Form gemeinsamer Projekte. 

Dem Impuls aus dem Publikum, noch stärker zu differenzieren, wer nun wirklich zum FCSP passt, schließen wir uns in diesem Themenkomplex noch mal explizit an.

Wie wir schon auf Twitter neulich gepostet hatten, wurden zum 28. August diesen Jahres bisher 28 neue Kollektionen im Fanshop veröffentlicht. Die Frage, welcher Markenkern sich durch dieses diverse Angebot ziehe, wird bei dieser Veranstaltung letztlich mit “Totenkopf” und “ergibt sich aus dem Erlebnis” beantwortet. Nun ja.

Wir stellen uns die Frage nach der Notwendigkeit von so vielen Kollektionen nach diesem Abend jedenfalls immer noch, würden diese doch (nur) 6-7% des Gesamtumsatzes ausmachen. Zumal das Ziel ist, den Totenkopf als Symbol St. Paulis in die Welt zu transportieren – das kann man unserer bescheidenen Meinung nach immer noch am allerbesten, wenn man selbigen prominent in den Vordergrund stellt und nicht durch Werber*innengags, Landkarten oder Pailetten überlagert. Dass ein gewisses Sortiment notwendig ist, steht außer Frage (auch wenn unsere Schwestern und Brüder in Nordkorea sicherlich mit weniger Produkten in Sportfanshops auskommen), aber die Frage, wo genau die Grenze anzusetzen ist, sollte weiterhin ausverhandelt werden. 

Und auch die Frage, ob jeder Dulli weltweit nun unbedingt ein St.-Pauli-Shirt tragen muss, spaltet uns selbst ein wenig. Es ist toll, wenn wir uns und unsere Werte in die Welt tragen; es gibt viele Menschen, die hinter der Idee St. Pauli stehen und dies auch durch ihre Kleidung ausdrücken. Das erleben wir auch immer wieder und gerade im Austausch mit ausländischen Fans und das ist gut so. Ebenso gut ist, dass wir dadurch Geld machen (ja, wir würden auch lieber ohne Geld Fußball spielen, aber das wird schwer). Aber dass dadurch auch Menschen, die dem FCSP so nah stehen, wie wir dem Zeit-Feuilleton (Kussi an Turbost.pauli), den Totenkopf tragen, sollte ebenso klar sein.

Nachhaltigkeit

Ein Problem bei der hohen Anzahl an neuen Sortimenten ist natürlich auch die Nachhaltigkeit (Stichworte Produktions- und Lieferketten, Impulskäufe – wobei wir da meistens nur den Impuls haben, schnell wegzusehen – und Fast Fashion). Immerhin sollen wohl 50 % des Sortiments umgestellt sein, die Nachfrage zu den Details geht in der Themenvielfalt des Abends leider unter. Ebenso wie die Frage nach dem Konzept der Kooperationen im Bereich Nachhaltigkeit. Hier wäre es aus unserer Sicht schön, wenn der Verein proaktiver zu diesem Themenblock kommunizieren würden.

Umgang mit Fehlverhalten von Sponsoren

Von Maik zu Beginn der Veranstaltung bereits angesprochen, steht auch der Umgang mit Fehlverhalten von Sponsoren im Fokus. Der erste angesprochene Fall ist die MediaMarkt-Kampagne, wir verlinken Euch so sexistische Kackscheiße bewusst nicht. Hier verweist man darauf, dass man sehr deutlich gesagt hätte, dass die Kampagne nicht bei uns im Stadion laufen dürfe (nebenbei waren wir da mit dem SC Freiburg wohl die einzigen) und dass MediaMarkt mittlerweile auch nicht mehr Sponsor bei uns sei. Drust muss dann aber auch zugeben, dass letzteres nicht im Zusammenhang mit dieser Kampagne steht. Eine ähnliche Regelung hätte man auch mit Astra getroffen, dass ihre “kritische” Werbung bei uns nicht im Stadion zu sehen sein dürfe. 
Die Frage, die sich in beiden Fällen stellt ist, ob man generell überhaupt mit solcher Werbung in Verbindung gebracht werden will. Denn selbst wenn sie nicht im Stadion läuft, machen wir immer noch Werbung für diese Marken, die im Falle von MediaMarkt halb Deutschland damit zugekleistert hatte. 

Ihnen sei die Problematik mit Astra bewusst, man habe allerdings noch einen Vertrag bis 2023 und da die Brauerei sehr viel Geld in den Umbau des Stadions gesteckt hat, wurden Astra sehr viele Exklusivrechte zugesichert. Aus diesem Grund sei es nicht möglich, aus diesem Vertrag herauszukommen, unabhängig davon, welche Werbung Astra schaltet. 

Aus dem Publikum wird zudem angemerkt, dass die Werbung von Fritz Kola, die bei Spielen immer über die Banden läuft, nicht mit den Werten des Vereins vereinbar sei. Man könne sich nicht damit profilieren, den Gegner am Millerntor explizit willkommen zu heißen und ihre Hymne zu spielen, um sie dann im gleichen Atemzug über die Bandenwerbung zu beleidigen. Dies erntet viel Beifall. Martin Drust erklärt, dass man man schon mit Fritz Kola darüber gesprochen und sie auch darauf hingewiesen habe, dass dies nicht in Ordnung sei, Fritz Kola aber bisher nicht auf das Feedback angesprungen habe.

Sexismus

Und dann war da noch der große Themenblock ‘Frauen im Verein’ bzw. ‘Sexismus im Marketing’. Oh Boy (!), haben wir da noch viel Arbeit vor uns:
Auf den Hinweis, dass Sichtbarkeit von Frauen sehr wichtig sei und an diesem Abend nur Männer vorne auf der Bühne stünden, wird mit „Frauen haben aber bei der Vorbereitung geholfen“ geantwortet. Achso, also sind Frauen im Verein nur dafür da, um den Herren die Bühne vorzubereiten, auf der sie dann diskutieren und ihre Meinungen prominent kundtun dürfen? Cool.

Es wird dann zwar nachgeschoben, dass man dies für die nächste Veranstaltung ändern würde (was wir doch mal schwer hoffen wollen, bei einer Veranstaltung zum Thema Frauen im Verein) aber ein fader Beigeschmack bleibt. 
Und leider wird dies im Laufe des Abends nicht besser. Das „Bei uns machen doch alle auf dicke Hose“-Shirt, das es nur für Männer gibt (Zufall?), wird damit begründet, dass der Spruch in den 90ern cool (so alt, wie wir sind können wir euch noch ne ganze Reihe Dinge nennen, die in den 90ern cool waren und mittlerweile nicht mehr) war und dass niemandem in den Sinn gekommen wäre, dass dies sexistisch verstanden werden könnte. 

Passend dazu fühlt sich dann auch noch ein Herr (der unserem Verständnis nach bei uns im Vertrieb arbeitet) aus den vorderen Reihen dazu bemüßigt, sich umzudrehen und die Fragestellerin darauf hinzuweisen, dass das ganze eben ironisch verstanden werden müsse. Dudes, die Frauen erklären was sexistisch ist und was nicht. Wir lassen das einfach mal so stehen.

Manchmal macht es schon sehr müde. 

Bloß weil ein Spruch vor 30 Jahren cool war, heißt das nicht dass er dies heute immer noch ist. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Dinge, die man vor 30 Jahren gesagt hat, sagt man heute nicht mehr. Und das aus gutem Grund. Wir müssen uns ganz dringend fragen, ob Menschen die sich dieser Thematik nicht bewusst sind, die richtigen dafür sind, den Verein nach außen zu vermarkten. 

Auf dem Podium sitzen nebenbei auch deshalb keine Frauen, weil die Direktorenebene des FCSP eine reine Männerrunde ist. Es wäre ja auch mal ein Impuls, Frauen bewusst einzustellen, auch auf solchen Positionen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dann einiges mal ins Positive ändert, ist auf jeden Fall höher, als wenn man den Boysclub so belässt.

Suchtmittel

Ein Herr aus dem Fanclub „Weiß-Braune Kaffeetrinker“ merkt an, dass im Stadion sehr viel Werbung für Suchtmittel zu sehen sei:
“Wie passt es zusammen, unsere Jugendspieler zu einer Schulung zum Thema Spielsucht zu schicken aber dann im Stadion Werbung für Wettanbieter zu machen? Gibt es Überlegungen, das Stadion in ein suchtmittelfreies Stadion zu verwandeln?”

Die “entschiedene” Antwort an dem Abend: Jein. Hier wirkte es so, als wäre diese Thematik den Verantwortlichen überhaupt nicht bewusst. Sie reden viel drumherum, bis irgendwann ein Herr aus dem Publikum wütend aufsteht und sie auffordert, zuzugeben, dass bet&win nur wegen des Geldes bei uns Partner sei. Nach etwas Herumgedruckse wird dies dann bestätigt.

Von Geldern erläutert, dass man wirklich keine Antwort auf die Fragen hätte, man dies lange diskutiert hätte und vielleicht hier auch die falsche Entscheidung getroffen hätte. 

Fazit? Nun ja.

Es ist wichtig und richtig, dass es solche Austauschplattformen gibt. Die Teilnehmer*innenzahl von (durch uns geschätzt) 200 Menschen zeigt zudem auch, dass das Thema für viele relevant ist. Vielen Dank an alle, die dies ermöglicht und sich den Fragen und der Kritik gestellt haben.

Leider war das Ergebnis des Abends für uns nicht so richtig erquicklich, da wurde viel rumgedruckst, Ausflüchte gesucht und manchmal rhetorisch auch auf nicht unbedingt hohem Niveau geantwortet. 

Gingen wir nach der ersten Werteveranstaltung (Stichwort “Derbyaufarbeitung”) durchaus positiv gestimmt nach Hause, so bleibt von gestern eher die Erkenntnis, dass da auf vielen Ebenen noch viel Luft nach oben ist. Umso wichtiger, dass wir alle dranbleiben und weiterhin kritisch nachfragen und kommentieren.