Sep 242019
 

Wenn man den Fehler begeht und Google nach “Osnabrück” befragt, ist die dritte autovervollständigte Frage (nach dem Wetter und der Einwohnerzahl) die nach der Zugehörigkeit zu einem Bundesland. Es reflektiert das ein Stück weit, dass die Menschen sich nicht ganz so gut mit dieser vergessenen Ecke Niedersachsens auskennen und sie vielleicht direkt im Anschluss recherchieren, warum man den ganzen Landstrich nicht einfach Westfalen zugeschlagen hat. Die MagischerFC-Redaktion macht sich, erstmals in ihrer aktuellen Besetzung, in voller Stärke auf den Weg dorthin, um Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden. Andere Teile der Auswärtscrew hatten dafür den Derbysieg ein wenig zu kräftig gefeiert und mussten in Hamburg bleiben. Gute Besserung an dieser Stelle.

Aber eine Expedition ist eine zu schwierige Aufgabe für uns allein, deshalb schließen wir uns an diesem Sonntag unseren treuen Gefährt*innen, “den Ultras” an, um gemeinsam mit den Regionalzügen durchs wilde Niedersachsen zu reisen. Was auch ziemlich problemlos klappt. Fast alle benehmen sich und mindestens 1910-mal hören wir das Wort “Derbysieg” im Zug. 

Umsteigen in Bremen, guter Getränkenachschub und trotz früher Stunde ist die Stimmung ausgezeichnet. Alles scheint in bester Ordnung, bis wir besagtes Osnabrück erreichen. Wir wissen nicht, was entsprechende Stellen veranlasst hat, dieses Einsatzkonzept zum “Nordderby” und “Sicherheitsspiel” zu bewilligen; aber es darf ganz ehrlich als Frechheit bezeichnet werden. 

Ein Sicherheitskonzept, das bestenfalls zum Lachen ist

Keine Möglichkeit, “richtige” Toiletten zu benutzen oder Essen oder Trinken zu kaufen? Ok, normales Level an Repression, an das man sich über die Jahre leider gewöhnt hat. Beharren darauf, dass die fußläufige Distanz zum Stadion mit Shuttlebussen zurückgelegt wird? Zwei (!) mit Gittern abgesperrte Bereiche vor den Bussen mit einer maximalen Durchgangsbreite von 50 cm, um zu kontrollieren, dass keine offenen Getränke in die Busse mitgenommen werden? Mindestens 45 Minuten Wartezeit, um vom Gleis in die Busse zu gelangen? Das ist einfach nur lächerlich. Es darf gesagt werden, dass an der Ruhe und Besonnenheit unserer Auswärtsfahrer*innen liegt, dass diese Situation nicht eskaliert. Diese Behandlung von Fans hat nicht mit Sicherheit zu tun, es ist eine reine Schikane. Und kommt uns jetzt nicht mit Gefahrenabwehr. Wirklich nicht.

Oder stellt euch das mal beim gerade laufenden Oktoberfest vor “Liebe Oktoberfest Besucher, wir haben hier einen Käfig von 100 Meter Länge und dann dürft ihr nach einzelner Untersuchung langsam in einen Bus steigen, der euch 1000 Meter weit fährt.” Ihr werdet nun sagen “absurd” und “das sind doch nur friedliche Bürger“. Stimmt. Das sind Fußballfans aber auch. Nur hier wird es schulterzuckend hingenommen. Man beginnt entweder sich damit zu arrangieren oder Vermeidungsstrategien zu entwickeln. Der von Mutti gestrickte Glücksschal bleibt zu Hause, man wählt eine teurere Anreisevariante oder bleibt gleich zu Hause. Siehe Millernton Bericht. Wird gesellschaftlich alles akzeptiert, wenn die Polizei nur laut „GEFAHR“ ruft. Und das tut sie natürlich nur wenn es ihr in den Kram passt. Wenn wir diese Unlogik nicht bald hinterfragen, dann war es das mit freier Gesellschaft. Nein, es sind eben nicht nur Kleinigkeiten. Warum soll für uns als Fußballfan ein anderer Maßstab als eben für das Oktoberfest gelten, wenn doch die Gefahr einer Straftat vergleichbar gering (!) ist? Ja wir wissen, dass dieser Vergleich immer mal gerne kritisiert wird, er passt trotzdem. 

Es gibt zum Glück die Conexion, die unseren ausgedörrten Kehlen die eine oder andere Flasche Pils zum Spottpreis aus ihrem vortrefflichen Bus heraus verkauft. Gibt schließlich keinen Sprit im Stadion bei diesem Hochrisikospiel. Aber Kinder, geht bloß nicht zu weit weg mit der Buddel, denn dort herrscht Glasflaschenverbot! (Und Dosenverbot. Und Allesverbot.)

Schön auch, dass die Polizei ihren Kollegen in zivil auch mal wieder einen Derbysieger (Stadt, nicht Himmelsrichtung) präsentieren will. Wenn die aber auch die Fanszene im Block beobachten sollen, dann tun wir euch jetzt mal einen Gefallen und zählen auf, wie die ein wenig weniger auffällig sind: 
Vielleicht den Schlagstock nicht sichtbar an der Hüfte tragen (gut, das war noch vorm Stadion). Vielleicht die Funkgeräte nicht ganz so sichtbar raushängen lassen. Vielleicht nicht mit mechanischem Blick immer wieder den Block abscannen. Vielleicht nicht ganz so sehr versuchen, szenemäßig auszusehen. Vielleicht nicht jedem Blickkontakt schnellstens ausweichen.
Oder am besten gar nicht im Block auftauchen. Euch will hier keine*r! 
(Die Partypaulis die wie der berühmte Elefant im Porzellanladen in den Block marschieren im übrigen auch nicht. Ja, die Leier wiederholt sich. Die Dullis im Block leider auch.)

Dann also mal rein in die gute Stube

Die Stimmung im Block empfinden wir als phasenweise ganz gut, einem Derby wie diesem angemessen. (Wer Ironie im letzten Satz findet, darf sie behalten.)

Die eingeborenen Ultras hingegen befassen sich halbherzig mit Sankt-Pauli-Diss (inklusive eines Doppelhalters mit mikroskopisch kleiner Schrift. Sorry, Leute. Das ist echt nicht lesbar) und mit der Artikulation des Wunsches nach Erhalt des “Mythos Bremer Brücke”. Im übrigen wurde auch ein Fanshopschal und eine Fanshopmütze präsentiert. Herzlichen Glückwunsch.
Gut, vielleicht muss man mit dem Stadion sozialisiert worden zu sein, um es zu mögen (alt gleich zwingend gut ist – nicht nur im Fußball – eine so nervig weit verbreite Annahme), aber die interessantere Frage ist doch die nach der Bezeichung als Mythos. Schlägt man den Begriff nach, erfährt man, dass Mythen Götterfabeln sind, die religiös gefärbte Inhalte dadurch illustrieren, dass Götter oder sonstige Naturkräfte wie oder durch Menschen wirken.

Das Stadion selbst kann diese Funktion natürlich nicht erfüllen; nein, es geht hier eindeutig um die Spieler, sogenannte Fußballgötter, die gegeneinder kämpfen um Siege zu erringen, Heldentaten zu vollführen und “Nordderbys” zu entscheiden! Eine schon fast wagnerianische Götterdämmerung! Kann das Spiel auf dem Platz mit diesen heroischen Anpreisungen mithalten?

Nein.
Mit Diarra hatten wir immerhin den tragischen Helden, der ganze 17 Minuten spielt, bevor er mit gelb-rot wieder vom Platz fliegt. Es gibt unermüdlich kämpfende und laufende Spieler, die dem Status als Fußballgott immer näher kommen (Mats <3). Es gibt David, der sich gegen Goliath (vier Gegenspieler) im gegnerischen Strafraum durchkämpft und somit ein Tor vorlegt. Nur dass David halt eigentlich Dimitrios heißt.
Und es gibt eine Mannschaft, die mit Glück (namens Pfosten) einen 0:2 Rückstand verhindert, sich dann ins Spiel zurückkämpft, stellenweise richtig schönes Angriffspressing spielt, aber dann in der 2. Halbzeit den Faden verliert und dann auch nicht wieder findet. In den letzten Minuten aber noch mehr Körner hat und in Unterzahl zumindest nicht stark gefährdet ist, noch zu verlieren.

Nun, immerhin nicht verloren. So eine Derby-Euphorie geht es auch mal schnell nach hinten los, das konnten wir heute vermeiden. Schön war das nicht, aber der VfL Osnabrück ist in dieser Saison auch nicht zu unterschätzen und so ist die Punkteteilung okay. Und mit 8 Punkten aus 4 Spielen können wir gut leben. 

Das gleiche Spiel von vorn

Bei der Abreise von der Bremer Brücke geht der Mist aka “Sicherheitskonzept” aufs Neue los. Einige kommen zügiger weg, andere versuchen es zu Fuß und scheitern nach wenigen Metern an einer unnachgiebigen Polizeikette, die uns die anderthalb Kilometer per pedes zum Bahnhof verwehrt. Was zum Teufel soll denn bitte bei dieser Nicht-Rivalität und dem harmlosesten aller Ergebnisse passieren? Stattdessen stehen wir, leidlich mit Lebensmitteln versorgt (wie denn auch als Bahnreisende*r), eine weitere halbe Stunde in einem Polizeikessel und warten auf die Shuttlebusse. Die stehen seelenruhig 20 Minuten in der Sonne, ohne dass jemand einsteigen dürfte. Ein erneuter Heidenrespekt für die Geduld aller anwesenden Sankt Paulianer*innen. 

Endlich lässt man uns in die Busse und es geht die gewaltige Strecke zum Bahnhof. Auf dem Weg nimmt der Busfahrer dann noch fast einen Radfahrer mit und zeigt sich bei der Ansprache sehr uneinsichtig. 
Dort dürfen wir wieder eine halbe Stunde oder mehr ohne nennenswerten Bewegungsspielraum verharren. Während man Menschen in braunweiß höchstens einzeln unter Versprechung des erstgeborenen Kindes zu einer der spärlichen Einkaufsmöglichkeiten durchlässt, tanzen Lilaweiße das Wort “Fantrennung” durch unsere Reihen und feixen sich eins. Lä-cher-lich. Möge man diese Scheiße doch mal mit Menschen abziehen, die nicht so lobbylos sind wie Fußballfans. Kreuzfahrttourist*innen während doch eine super Zielgruppe für polizeiliche Allmachtsfantasien.

Der Rest der Tour ist schnell erzählt. Regionalbahn bis Bremen, dort ratzfatz in den Bummelmetronom nach HH, weil der nächste angeblich ausfällt. Wieder keine Möglichkeit zur Getränkebeschaffung. Manch einer fühlt sich wie Dörrobst, denn natürlich gibt es auch im Metronom keinen Getränkeautomaten mehr. Zwischen Sprötze und Klecken kickt der Kopfschmerz richtig rein, sodass auch der Blogbericht bis zum heutigen Tage warten musste. Wir hoffen, ihr seht es uns nach und habt uns trotzdem lieb.

Im Millernton findet ihr noch Details dazu, wie die Zivibullen im Block aussahen.

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)

Blue Captcha Image
Refresh

*