Jul 162019
 

Hopping der harmlosesten Sorte

Liebe Lesenden,

vor knapp 1000 Jahren schrieb Adam von Bremen seine Hamburgische Kirchengeschichte. Da zum damaligen Erzbistum Hamburg Landschaften wie Holstein und Dänemark sowie nominell auch Island, Grönland und sogar Nordamerika (in Form von Vinland) gehörten, sah er sich genötigt, ein bisschen was über die Völker des Nordens zu schreiben. Auch über die Norweger*nnen verlor Adam manche Worte. Im Großen und Ganzen kam der Kirchenmann zu dem Urteil, dass die Nordländer*innen zwar überwiegend Barbaren seien, die das Christentum noch nicht ausreichend angenommen hätten, doch allzu großes kategorisches Fremdeln lässt sich aus Adams Urteil nicht herauslesen. Schließlich gehören ja alle irgendwie zusammen.

Wozu jetzt dieser kleine, stark vereinfachte mediävistische Exkurs? Nun, ein Teil von uns war kürzlich auf Norwegenreise. Und da wir ein Fußballblog sind, wollen wir euch an einem Erlebnis teilhaben lassen.

Heia Brann

Ausgangspunkt unserer Unternehmung ist Bergen. Da wir einige Tage in der Regenhaupstadt zubringen werden, machen wir uns im Vorfelde schlau, ob es nicht für Fußballjunkies auf Sommerpausenentzug was zu gucken gibt. Und es gibt, schließlich geht in Norwegen die Saison von März/April bis November. Der lokale Verein SK Brann hat an dem Freitag unseres Aufenthaltes ein Heimspiel gegen Mjøndalen IF zu bestreiten. Da kann man doch mal gucken, was das kostet – und tatsächlich schlägt ein Sitzplatz mit gerade einmal rund 30 Euro zu Buche. Angesichts der sprichwörtlich astronomischen Preise in Norwegen ist das doch ein Schnapper. Das machen wir.

MagischerFC-Brann-Stadion-aussen
Das Stadion am Kniksens Plats

Und so geht es Freitagabend in Richtung Brann Stadion. Die Kiste am Kniksens Plats fasst nicht mal 18.000 Personen, ist damit aber schon die drittgrößte Arena in Norwegen. Ja, das Land ist groß, aber Norweger*innen gibt es nicht gerade viele. Auch wenn Fußball einen hohen Stellenwert im Lande genießt, sind alle Dimensionen entsprechend überschaubar.

Braunweiß 1910

Mit der kürzlich erst erbauten Straßenbahn erreichen wir eine gute Stunde vor Anpfiff das Stadion. Offenbar ist das noch reichlich früh. Durch den Idrettsveien (“Sportweg”) latschen wir gemächlich zu unserem Ziel und bemerken dabei, dass der heutige Gegner Mjøndalen Braunweiß trägt und dick das Gründungsjahr 1910 präsentiert. Wäre der Auswärtsblock da doch die bessere Idee gewesen? Nunja, um ausgeprägte Sympathien in die eine oder andere Richtung muss es heute ja nicht gehen. Fantrennung gibt’s jedenfalls keine und beim Schlendern rund um das Brann Stadion sehen wir sage und schreibe ein einziges Polizeiauto. Nebenan ist noch großes Fanfest mit Hüpfburg und allem Pipapo. Familie wird offenbar groß geschrieben beim norwegischen Fußball. Das anscheinend vollkommene Fehlen von rivalisierendem Gekribbel ist irritierend, aber manchmal, denken wir Hippies, könnte Fußball doch wirklich so harmlos sein.

MagischerFC-SKB-Pullover
Für kleine Szenekundige?

Im Fanshop freuen wir uns noch über die Art und Weise, wie der Sportsklubben Brann sich abkürzt. Da kann man sich durchaus Menschen mit auffälliger Barttracht vorstellen, die so was tragen.

Seksjon Fjordkraft

Also auf zur Seksjon Fjordkraft. Was stellt man sich unter diesem Namen vor? Eine martialische Wikinger-Ultrà-Gruppe? Fast. Es ist lediglich die Gegentribüne des Brann Stadions, benannt nach einem Stromanbieter. Der Name der Arena ist beim Verein geblieben, dafür hat jede Tribüne einen eigenen Großsponsor. Wir sind jedenfalls ganz zufrieden mit Sitzplätzen, denn erstens wären Stehplätze kaum billiger gewesen und zweitens lässt sich das Geschehen wesentlich neutraler beobachten. Mehrere Paraglider über dem Stadion, die von den Bergener Hausbergen gestartet sein dürfen, haben einen gewissen Unterhaltungswert.

MagischerFC-Brann-Stadion-innen
Viel voller wird’s nicht. Der von oben hilft auch nicht nach.

Ernüchternd: kein Bier. Nicht mal für 20 Euro. Das puritanische Norwegen hat bekanntlich eine ziemlich restriktive Alkoholpolitik, die sogar den Verkauf von Höherprozentigem (mehr als 5 %) in Supermärkten untersagt und selbst Bier ist dort ab 18 Uhr unter Verschluss. In Kneipen kostet das flüssige Gold gern mal umgerechnet 8-9 Euro. Und so berauschen sich die Bergenser*innen mit Kaffee und Cola, Popcorn oder Speckchips. Damit auch niemand zu viel Spaß hat, ist das Stadion außerdem komplett rauchfrei. Wir legen einem Antragsteller von der letzten JHV hiermit die Auswanderung nahe. Genug Platz im Stadion ist auf jeden Fall auch, es werden keine 10.000 Gäste im Stadion gezählt. Ob es an der Ferienzeit liegt? Man weiß es nicht.

Fotball!

Das Vorgeplänkel mit einer Musikauswahl, die vermutlich selbst für den Pöbelbus zu gummibärig wäre, wird unterbrochen von der einen oder anderen Vereinshymne (in einem Gitarrenstück wird sehr wohl Hansa Øl besungen), wo niemand mitsingt. Dann aber hauen die Bergenser*innen alles raus bei “Nystemten”, der Stadthymne. Gänsehaut. Nicht. Stellt euch mal vor, hierzulande würde “Stadt Hamburg an der Elbe Auen” geschmettert. Ähnliches Level.

Nun geht das Spiel auch mal los. Und das ist auf einem überschaubaren Niveau. Brann spielt derzeit durchaus oben mit, steht zum Zeitpunkt des Spiels auf Platz 3 und hat mit dem drittletzten Mjøndalen einen schlagbaren Gegner zu Gast. Die ersten Minuten gehören allerdings den Herren aus dem Südosten des Landes. Doch das ändert sich bald. Über weite Strecken gibt es massiven Einbahnstraßenfußball zu sehen und am Ende ist der Ballbesitz mit 69 zu 31 % für die Heimmannschaft verteilt. Doch Zählbares kommt trotz einiger sehenswerter Chancen nicht dabei raus, es bleibt beim 0:0 nach 90 Minuten. Die Tore des Spieltages werden wohl alle bei den parallel stattfindenden Spielen verbraucht, wo es ein 6:0 und ein 4:2 gibt.

Lagets tolvte mann?

Ein Blick rüber zum “Brann Bataljonen”, dem offiziellen Supporterclub von SKB, der sich kreativ als “zwölfter Mann der Mannschaft” bezeichnet: Auf den Stehplätzen, wo grob geschätzt knapp 200 Leute versammelt sind, entwickelt sich kurz nach Anpfiff doch ein beachtlicher Support. Ganz ohne Trommel oder Megafon und natürlich völlig unberauscht machen die Rotweißen Alarm und singen mehr oder weniger nonstop. Das ganze Stadion kriegen sie dabei nur selten mitgerissen, lediglich zwei Mal fühlen wir uns zum Aufstehen genötigt und klatschen hier und da höflich mit. Von den wenigen mitgereisten Mjøndalern hören wir zaghafte Gesänge – wie viele tatsächlich vor Ort sind, lässt sich von unserer Sitzposition schwer ausmachen. Auf den paar Auswärts-Stehplätzen sind allenfalls zwei, drei Dutzend Menschen, aber die Sitzplätze werden sich noch mehr Braunweiße befinden.

MagischerFC SK Brann Mjoendalen IL
Unterhaltsames, aber torloses Spiel

Als nach fünf Minuten Nachspielzeit trotz verzweifelter Bemühungen von Brann die letzte Pfeife der torlosen Partie erklingt, erschüttern uns gleich zwei Dinge. Erstens ein Pfeifkonzert der Heimfans, das offensichtlich der eigenen Mannschaft gilt. Bitte was? Not our kind of support, nicht mal nach einer herben Niederlage. Aber bei einem torlosen Unentschieden, das immerhin Unterhaltungswert bot? So erfolgsverwöhnt ist der SK Brann eigentlich nicht, dass wir das nachvollziehen könnten. Zweitens leert sich das Stadion schneller, als wir “Våre hjerter står i Brann” sagen können. Vielleicht ist es ja der ungestillte Bierdurst, der die Menschen von den Tribünen zieht. Die Ankündigung des Stadionssprechers des nächsten Spiels, die Europa-League-Qualifikation gegen die Shamrock Rovers, lässt uns ein wenig wehmütig von internationalem Fußball träumen, auf den wir mit dem FCSP trotz nicht unbedingt geringeren Niveaus noch ein Weilchen warten müssen.

Da wir selbst Trottel sind, die das mit dem “kein (Voll-)Bier im Supermarkt nach 18 Uhr” noch nicht genug verinnerlicht haben, lassen wir den Abend mit Lettøl ausklingen. Als zwingend würden wir den Besuch beim SK Brann vielleicht nicht bezeichnen. Aber spannende Einblicke in den norwegischen Kosmos gab es dennoch.

Jul 102019
 

Vorgeschichte

Roth ist in der Triathlonwelt ein Mythos. Knapp hinter Hawaii wohl der Ort, der die Triathlonwelt am meisten elektrisiert. 87 verschiedene Nationen sind unter den ca. 6.000 Teilnehmenden (Staffeln und Einzelstarter). Da wir alle keine Volldistanzler*innen sind, entschlossen wir uns im Juli 2018, auf die schwierige Jagd nach einem Staffelplatz zu gehen. Wir hatten Glück, wir hatten das nötige Klein- und Großgeld (dazu später mehr) und damit waren wir angemeldet.

Leider fiel dann unsere planmäßige Schwimmerin verletzt aus. Das war doof. Wir hätten Dich gerne mitgenommen. Aber es hatte nicht solllen sein und wir fanden glücklicherweise schnell und problemlos in M. einen tollen Schwimmer und ein tolles Teammitglied.

Und so trainierten wir, der Tag rückte näher und die Aufregung stieg.

Vor dem Rennen

Wir hatten unsere fränkische Heimat gebucht und vorweg schon mal vielen Dank an die besten Menschen, die Franken zu bieten hat. Drei nervöse Triathleten plus Anhang und Teddys zu beherbergen benötigen viel Nerven. Danke, ihr wart wundervoll.

Freitag checkten die @sielaeuftde und ich die Messe. Da gibt es alles, was man braucht und was man nicht braucht. Natürlich zu tollen Messepreisen und trotzdem sauteuer. Wer da kein Geld ausgibt, der hat meinen höchsten Respekt für Selbstdisziplin. Ich hab diese Selbstdiszplin nicht und nenne nun einen neuen Helm und einen neuen Triathloneinteiler mein Eigen. Und nutzloses Merch wurde natürlich auch gekauft.

Wir hatten ja gedacht, dass man mit allen Staffelteilnehmern zur Anmeldung muss, aber weit gefehlt, muss man gar nicht. Wir sind daher erst Samstag gemeinsam hin gegangen. Ging aber schnell und unproblematisch. Hier begann ein Thema, was sich durch den ganzen Wettkampf zog. Die Helfer*innen in Roth sind absolut einzigartig. So etwas von freundlich, schnell und kompetent, egal an welcher Stelle man ihnen begegnet. Die Veranstalter*innen kleben Dankesplakate auf Werbeflächen, danken denen per Video und Social Media und das absolut zu Recht. Auch in der zweiten Runde der Radstrecke bekam man als langsamer Teilnehmender noch die gleiche Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, wie der schnellste Teilnehmer, der hier schon 5 Stunden vorher durchgefahren war.

Rad Check-In genau das gleiche Bild, vorbildlich organisiert. Ein Parkplatz auf dem man eingewiesen wird, also nicht das „jeder fährt irgendwo hin und alles suchen den perfekten Parkplatz“ Chaos, das sonst in Deutschland üblich ist. Mit einem Einbahnstraßensystem und einer großzügigen Ableitung auf eine andere Straße, kein Stau, kein Chaos und wenn doch mal jemand nicht nach den Regeln spielen wollte, dann wurde er von einem Feuerwehrmann/ einer Feuerwehrfrau böse angeguckt. Die örtliche Feuerwehr regelte das nämlich.

Wettkampfrichter*innen sind das wichtigste im Sport. Undankbarer Job und niemand mag dich wirklich. Sie haben aber auch immer ihre eigenen Ideen. Beim Rad Check-In wurde bei anderen Wettkämpfen schon intensiv die Bremse geprüft, das TÜV Siegel des Helms kontrolliert oder der Lenker bemängelt. Aber dass die Teiler der Helmgurte direkt unter die Ohren gehören, hat mir bisher niemand gesagt. Okay, er war freundlich, konnte das logisch begründen und dann macht man das halt auch gerne.

Ich hab mal gelernt, dass man bei einem Rad in der Wechselzone etwas Luft aus den Reifen lassen soll. Zu groß ist die Gefahr, dass die Reifen in der Sonne warm werden und platzen. So mache ich das, so machen die meisten Triathleten das. Andere nehmen ihr Rad aus dem kühlen Auto und pumpen die Reifen noch mal extra stramm, bevor sie es in die Wechselzone stellen. Ich hoffe, dass das nicht zu einem platten Reifen geführt hat.

Wettkampfbesprechungen erbringen meistens nicht wirklich besondere Neuigkeiten, trotzdem werde ich Menschen nie verstehen, die diese 20 Minuten nicht investieren und dann am Sonntag Morgen Fragen stellen, die sie da beantwortet bekämen.

Gut fand ich, dass man zwei Detailfragen als „wir nehmen uns jedes Jahr Punkte vor in denen wir besser werden wollen“ herausstellte. Diesmal rechts fahren auf der Radstrecke (hat gut geklappt) und Müll nur in den Müllzonen wegwerfen (hat besser geklappt, als bei anderen Triathlons, von gut geklappt ist man jedoch weiterhin weit entfernt).

Und um das ganze ein bisschen aufregender zu gestalten, passierte mir das, was man absolut nicht will. Meine Cleats gingen kaputt. Neue gekauft, schnell gewechselt, wird schon passen.

Der Renntag

Unser persönliches Taxi brachte mich und M. an den Start. Dort ein großes Hallo, viele bekannte Gesichter, unser Abteilungselmo, viele Menschen, die einen – positiv – auf die FCSP Triathlon Sachen ansprachen und eine freudig nervöse Stimmung. Die Einzelstarter*innen sprangen schon von einer Kanone gestartet nach und nach ins Wasser und wir warteten auf unseren Einsatz.

Die Wechselzone war bei den Rädern und das hat trotz Enge auch fair und gut geklappt. Jeder nahm Rücksicht und verlangsamte im Notfall auch mal sein Tempo. Außer dem Einen den es leider immer gibt.

M. sprang ins Wasser und war viel schneller wieder da, als geplant. Da hatte ich gerade erst mit meinen letzten Vorbereitungen abgeschlossen. Wow! Was für eine Zeit. Toll gemacht!

Und damit begann für ihn das lange Warten und für mich der wilde Ritt

Auf dem Rad

Die Radstrecke in Roth ist schön und abwechselungsreich. Man fährt über den Kanal, guckt sich die letzten Schwimmer von oben an und dann geht es auch gleich in einen Teil, der richtig schnell ist. Das Tacho springt auf beinahe 40 KM und man fühlt sich gut. Kurve über die Schleuse. Da ist es etwas holperig, was einigen Teilnehmern Trinkflasche und/ oder Verpflegung kostete. Leute, das Warnschild steht da nicht von ungefähr.

Dann geht es irgendwann bergauf und ich kann euch sagen, dass ich keine Bergziege mehr werde. Wo eben noch 35 stand, stand dann plötzlich 15.

Viele schnellere flogen an mir vorbei, aber alle gesittet, alle mit Rücksicht, da bin ich ganz andere Dinge gewöhnt. Auch an mir vorbei flog der Abteilungselmo. Ich hatte noch gewitzelt, dass ich meine Führung ob seines etwas langsameren Schwimmers auskosten werde. Nun ja, sie hatte 7 KM Bestand.

Mit der europäischen Wasserscheide ist der erste große Anstieg vollendet und dann geht es erstmal bergab und es folgt eine lange Raserstrecke. Wieder sprang mein Tacho auf 37 km. 5 km in 8:14 radel ich sonst nicht wirklich. Enden tut dieser Spaß in Greding. Denn da wartet er, der Horroranstieg. Beim ersten Mal bin ich da noch halbwegs vernünftig hochgekommen, beim zweiten Mal wird der entsprechende 5 KM Abschnitt mit 19 Minuten ausgewiesen. Und auf beiden Runden passierte mir an dieser Stelle irgendwas. Runde 1 kam ich bis ganz oben ohne Probleme, wollte mich gerade in die folgende Abfahrt stürzen, als ein stechendes Insekt (Biene? Wespe?) meinte unbedingt in Richtung meines Munds fliegen zu müssen. Glücklicherweise knapp verfehlt, so dass der große sofort anschwellende Stich in der Lippe war und nicht im Mundraum. War zwar nervig, aber nicht weiter schlimm und die Schwellung ging auch irgendwann zurück.

Auf der zweiten Runde fiel mir dann eine Füllung aus dem Zahn. Zum Glück in einer „Trash Zone“, so dass ich den Müll ordnungsgemäß sofort ausspucken konnte.

Die zweite Runde hatte sowieso ihre Herausforderungen. Klar, die Beine werden schwerer, aber das war alles noch im grünen Bereich. Ernährung klappte auch. Es kam nur Wind auf. Und ich lebe ja auf dem Rad nach dem Prinzip, dass mich Wind nicht stört und auch Hügel nicht stören. Gestört fühle ich mich ich erst, wenn beides gleichzeitig vorhanden ist. Und natürlich kam der Wind einem dann entgegen, wenn es leicht bergauf ging und man nicht in einem Waldstück war, sondern auf freiem Feld. Das kostete dann doch Körner, so dass meine persönliche Traumzeit von 6:45 schnell illusorisch wurde.

Ein paar Worte noch zu dem Mythos „Solarer Berg“. Häufig ist es ja so, dass solche Stimmungsnester vollkommen überbewertet sind, dass für langsame Teilnehmer*innen wie meiner Einer dort wenig Stimmung ist und die Party schon vorbei ist, wenn man da ankommt. Nicht so am Solarer Berg. In Runde 1 gab es das volle L’Alpe d’Huez Feeling, mit Zuschauer*innen, die einem direkt ins Ohr brüllen und leider auch mit einem Teilnehmer, der meinte waghalsig rechts überholen zu müssen. Auf der zweiten Runde waren die Zuschauerreihen dann natürlich ausgedünnt, aber es fanden sich immer noch zwei Teenager*innen, die mich mit voller Begeisterung den Solarer Berg hoch brüllten. Leute, wer hier keine Gänsehaut als Teilnehme*in hat, hat kein Herz.

Freude und Freunde am Solarer Berg

Die zweite Runde war für mich natürlich relativ einsam. Ich sammelte sehr langsame Einzelstarter*innen ein, die wahrscheinlich meistens nicht mehr ins Ziel gekommen sind. Mal überholte mich eine Staffel, mal überholte ich eine Staffel. Es gab am Ende deutlich langsamere Radzeiten. Der Veranstalter lies an einigen Stellen wieder Verkehr zu, was grundsätzlich in Ordnung ist. Den meisten Autofahrer*innen war auch komplett klar, dass sie da in ein Rennen fahren und sie verhielten sich sehr defensiv und mit großen Abständen. Was sie auch von den Posten bei Einfahrt auf die Strecke wohl mitgeteilt bekamen. Denn wenn ich an einem solchen Posten vorbei kam, redete der mit der/ dem Autofahrer*in, der/die mich dann kurze Zeit später überholte. Wie schon gesagt, alles okay, alles gut. Der eine Fahrer, der wieder meinte, dass dies alles für ihn nicht gelte und eine Teilnehmerin knapp überholte, als sie mich gerade überholte, der bekam von ihr aber alle österreichischen (?) Schimpfworte die es gibt an den Kopf geknallt. Sie fuhr schimpfend an mir vorbei und als sie an mir vorbei war, sagte sie plötzlich „Oh, äh ja und dir viel Glück und eine gute Fahrt“. Ich musste lachen.

Die letzten Kilometer ging es noch mal abwärts. Also Gas geben. Vollgas. Am ehemaligen Schwimmstart vorbei, von dem 6 Stunden später nichts mehr übrig war und rein nach Roth. Wir hatten ja nur ein Ziel: Ankommen. Und dafür muss man halt die Cut Offs schaffen. 2:15 nach dem Schwimmen? Da hatten wir sehr viel Vorsprung drauf. 8:45 nach Schwimmen und Radfahren? Da hatten wir immer noch gut eine halbe Stunde drauf.

Ich übergab also an die rennende Schwester, die nun bis 21:10 Ortszeit bei KM 30 sein musste. Kein Problem.

Das Warten

Aber ich kann euch sagen: Wenn man nun wartet, dann wird man nervöser, als wenn man selber irgendwas macht. Sie fing gut an, ihr normales Tempo und wir guckten gespannt auf den Ticker. Bis KM 25,9 ist alles im Lack. Und dann meldet der Ticker plötzlich den Durchgang bei KM 30 nicht.

Wir hatten uns bei einer Pizzeria an der Strecke eingemietet, bezogen dort Verpflegung, wurden Verpflegung für die örtlichen Mücken und guckten immer nervöser auf unsere Handys. 20:58 Uhr dann die erlösende Mitteilung: Sie war durch. Dieser Cut Off war geschafft. Aber sie war langsam. 1:45 blieben für die letzten KM. Wir bei Kilometer 31 sitzend warteten. Und dann kam sie. Krämpfe hatten sie erwischt! Im Nachhinein war wohl der nicht selbstbestimmte Startzeitpunkt und zu wenig Salzaufnahme Schuld, aber so etwas passiert selbst der erfahrensten Athletin. Kurz Mut gemacht, ihr gezeigt, dass sie nun Zeit ohne Ende hat, ihr einen Schluck Alsterwasser (Elektrolyte sind wichtig!) gereicht und schon verschwand sie wieder im Getümmel. Nun hieß es warten. Die Zeiten stabilisierten sich und damit sollte das eigentlich alles klappen, wenn nun nicht noch irgendwas passiert. Was man bei Krämpfen nie weiß.

Aber das ist eben auch der Vorteil einer erfahrenen Marathonläuferin, wenn es nicht läuft, dann geht es halt irgendwie.

Direkt am Stadioneingang warteten M. und ich auf sie. Ich mag meine Schwester sehr und freue mich immer sie zu sehen. Aber so doll hab ich mich lange nicht gefreut sie zu sehen.

Was nun folgt war ein Traum. Wir liefen in das Stadion der Challenge Roth ein. Wir versuchten dabei Einzelstarter entweder vor zu lassen oder genügend Abstand auf sie zu gewinnen. Jeder soll hier seinen Moment haben. Die Finishline Party in vollem Gang und hier wird Mensch von einem Stadion mit unzähligen tauschend Menschen drin begrüßt, als ob man gerade Weltmeister*in geworden ist. Auch wir. WOW! Leute, das ist ein unfassbares Gefühl und das war auch den gesamten Preis wert.

Im Ziel dann erstmal um unsere Läuferin kümmern. Was zu trinken besorgen. Was bekommt man da als Erstes? Sekt! Egal! Rein damit. Auf uns.

Danach kurze Verpflegungsaufnahme und dann die von Krämpfen geschüttelte Läuferin nach Hause bringen. Das Feuerwerk noch vom Auto aus gesehen, beim Einsteigen noch einen Horrorkrampf bei ihr bekämpft und schnell zu unseren wartenden Gastgeber*innen, die auch noch Jubeltörtchen vorbereitet hatten.

Fazit

Am Ende landeten wir auf Platz 306 von 307 ins Ziel gekommenen Mixstaffeln. Ja und? Gewinnen tun wir in unserem Leben sowieso nix mehr und angekommen sind wir.

Ja, diese Veranstaltung ist teuer. ABER ich habe noch nie so viele Dixie-Klos bei einer Veranstaltung gesehen. Wenn ich nicht darüber meckere, dass das zu wenig sind, dann sind es wirklich endlich mal ausreichend viele. Ich habe noch nie eine so gut organisierte Veranstaltung erlebt. Hier weiß jedes Rädchen was es zu tun hat. Und man kann es nur noch einmal wiederholen: Die Helfer*innen sind einzigartig.

Wie man das alleine macht so eine Volldistanz ist mir immer noch komplett schleierhaft, auch wenn ich schon mehrfach die Hälfte absolviert habe. Meinen höchsten Respekt hat jeder Mensch, der dies als Einzelstarter*in abreißt.

Machen wir das noch mal? Fragt uns in 5 Jahren noch einmal. Mach ich so etwas mal als Einzelstarter*in? Fragt mich mit deutlich weniger Kilos nochmal.

Fahr ich nun nach Almere, mache genau die Hälfte und muss dafür dann wieder selber schwimmen und laufen? Aber natürlich! Da gibt es wenigstens garantiert keine Hügel.

Jul 052019
 

Soeben wurde über Social Media mitgeteilt, dass Boris Tashchy sich im Testspiel (Korrektur 06. Juli: wir wurden darauf hingewiesen, dass die Verletzung im Training geschah, steht ja auch 2 Zeilen weiter unten…) eine Muskelverletzung zugezogen hat und auf unbestimmte Zeit ausfällt:

Boris #Tashchy hat sich bei einem Sprint im Training eine muskuläre Verletzung im rechten Oberschenkel zugezogen und fällt für unbestimmte Zeit aus. Das ergab eine MRT-Untersuchung im Krankenhaus Agatharied in Hausham. Gute Besserung und werd schnell wieder fit, Boris! ✊🏼 #fcsp pic.twitter.com/WrX0IMQJZW— FC St. Pauli (@fcstpauli) July 5, 2019

Zuallererst das wichtigste: Gute Besserung und komm schnell wieder auf die Beine – wir haben noch was vor diese Saison.

Status Quo

War die Kaderdecke auf einigen Positionen auch vor diesem Ausfall schon äußerst dünn, so ist zumindest die Offensive spätestens jetzt absolut unterbesetzt. Drei Wochen vor Saisonbeginn (23 Tage vorm ersten Pflichtspiel!) haben wir einen einsatzbereiten Stürmer: Dimitrios Diamantakos. Henk Veerman ist nicht fit genug, um mit ins Trainingslager zu reisen, Tashchy fällt auf unbestimmte Zeit aus. Und auch Diamantakos ist jetzt nicht gerade verletzungsunanfällig: Vergangene Saison stand er in sieben Spielen nicht zur Verfügung. Übrigens auch aufgrund von Muskelverletzungen.

In der Verteidigung ist absolut unklar wann Zander und Ziereis zurückkehren, im Trainingslager sind sie ebenfalls nicht dabei. Das heißt:
3+2 Innenverteidiger: Avevor, Hornschuh (zuletzt am 16.09.2017 ein Profipflichtspiel, das Leistungslevel können wir nicht einschätzen), Knoll (wird in der Ankündigung durch den Verein in der Abwehr geführt), Carstens und Hoffmann (U23, können wir auch absolut nicht einschätzen).
4 Außenverteidiger: Bednarczyk (zu dem man sehr gemischtes hört und der in den bisherigen Testspielen eher unglücklich agierte), Schnecke (<3), Buballa und Park. Wobei Buballa dabei auch noch der einzige etatmäßige Linksverteidiger ist, aber Schnecke kann ja alles.
10+3 Mittelfeldspieler: Zehir, Møller-Dæhli, Buchtmann, Benatelli, Becker (<3), Sahin, Miyaichi, Lankford, Sobota, Coordes. Plus Lee, Conteh und Loubongo-M’Boungou (alle drei aus der Jugend, bisher ohne Profierfahrung). Hinzu kommt noch der rückkehrende Flum. Immerhin ein Mannschaftsteil, der uns keine zu großen Sorgen macht. Tendenziell eher etwas zu groß ist.
1 fitter Stürmer. Und zwei auf unbestimmte Zeit verletzte.

Was uns auch noch Sorge macht

Die Widersprüche zum Kader innerhalb eines Monats sind phänomenal:
Sagte Bornemann bei seiner Antrittspressekonferenz am 3. Juni 2019:
“Ein Kader von 30 plus ist eindeutig zu groß.” (& “Wir jagen keinen Spieler vom Hof, wir sind vertragstreu.”). 
“Wir wollen uns eher die Zeit lassen, zu einem späteren Zeitpunkt noch Qualität dazuzubekommen.“
„„Wir haben eine nicht unerhebliche Kadergröße und ein nicht unerheblicher Teil des Budgets ist gebunden.“

So klang unser Sportdirektor zum Trainingsauftakt am 23. Juni schon ganz anders:
„Wir haben keine Mannschaft, die ein stabiles Fundament darstellt.“

Und auch Luhukay ging damals in die gleiche Richtung: 
“Zuletzt waren immer vier, fünf, sechs, sieben, acht Spieler verletzt. Das ist katastrophal. Dass wir uns jetzt schon vor dem ersten Training über mehr als zehn Spieler Gedanken machen müssen, wann sie zurückkommen – das habe ich noch nie erlebt.“
„Es sind ständig zu viele Ausfälle. Es ist unglaublich, dass St. Pauli es in den letzten drei Jahren nicht geschafft hat, über eine ganze Saison kontinuierlich gut zu spielen.“ 

Und zuletzt – vor der neuesten Verletzung – wieder ein SOS von Luhukay am 3. Juli:
„Als Trainer will man immer 80, 90 Prozent der Leute zusammen haben im Trainingslager, gefühlt sind wir erst bei 60 Prozent“ und spricht dabei von Verbesserung in allen Mannschaftsteilen.
„Es können aber auch vier, fünf oder sechs [Spieler] sein. Die müssen dann aber qualitativ besser sein als die, die wir haben.“

Spannender Wandel innerhalb weniger Wochen, zumal in diesem Zeitraum genau ein Transfer kommuniziert wurde: Der von dem nun verletzten Boris Tashchy. 
Wir fragen uns, was zum Sinneswandel führte: Wurde die medizinische Situation der noch verletzten Spieler so schlecht eingeschätzt? Baut man schon mal vor, falls es sportlich nicht so läuft? Man hat dann ja immerhin mal frühzeitig vor Saisonbeginn Alarm geschlagen.
Alles macht nicht wirklich Hoffnung.

Ausblick: Hoffnungslose Optimist*innen

Wir sind – trotz allem – hoffnungslose Optimist*innen – und hoffen einfach mal, dass es da noch einige fette Joker in der Hinterhand gibt. Bei denen die Tinte nur noch nicht trocken ist. Und wir nicht als 16. in der Relegation gegen Chemnitz absteigen.

Man bedenke aber eines immer: Der FCSP neigt gerade dann zu positiven Überraschungen wenn niemand damit rechnet. Und wer weiß, vielleicht wird plötzlich Mats die falsche 9 und knipst 20 Buden! 

Jul 042019
 

Wir haben gerade erfahren, dass unser Lieblingsgetränkelieferant verstorben ist. So sitzen wir nun auf dem Trockenen ohne dich, Hans-Werner.

Hans-Werner war eine Seele von Mensch. Es gibt wohl keine Institution in der FCSP Fanszene, die nicht von ihm Getränke bezogen hat.

Auch unsere 10 Jahres-Feier letztes Jahr hat er natürlich beliefert.

Mit wenigen Worten verstand man sich, auch abseitige Wünsche wurden irgendwie ermöglicht. Zwar immer mit ein bisschen Chaos, aber auch mit viel Herzblut für die Sache. Aber das war nur die geschäftliche Seite, viel wichtiger war der Mensch.

Tief verwurzelt in der linken Szene und früher Förderer von alternativen Getränkeherstellern. Fragt mal die Menschen von Premiumcola. Dazu hochsympathisch und eigentlich nie schlecht gelaunt. Und nie in Hektik. Selbst wenn der Zug in 5 Minuten fahren sollte und wir alle schon am durchdrehen waren. Ja diese tiefe Geduld konnte einen wahnsinnig machen. Aber das war eben Hans-Werner und so musste man ihn lieben.

Das und du wirst uns fehlen. Wo auch immer du bist, wir trinken eine Flora Mate auf dich.

Jul 012019
 

… möglichst viel Reichweite geben. Alle hin da!

Wichtiger Nachtrag von den Seglern: +++ WICHTIG: ORTSWECHSEL +++

Aufgrund der medialen Reaktionen ist nicht damit zu rechnen, dass wir morgen im kleinen Kreis bleiben werden 😉

–> Wir treffen uns daher auf der SCHWANENWIKWIESE und segeln rund um die Tonne 1 <–

Bitte weitersagen und teilen! Danke! #fcsp