Jun 122019
 

 

Vorwort

Unser Senior war bei Rock im Park. Hier sein Bericht: 

 

Allgemein

 

Rockfestivals sind aus vielen Gesichtspunkten problematisch. Sie animieren sehr wild zum Alkoholtrinken, sie produzieren unfassbar viel Müll und ihre Nachhaltigkeit ist definitiv nicht gegeben. Sie ziehen Menschen an, die man einfach nur als „Stück Scheisse“ bezeichnen kann und sie sind abgöttisch teuer und kommerziell. UPS, hab ich nun gerade Fußball beschrieben?

 

Und trotzdem sind sie für uns seit 2003 eine willkommene dreitägige Flucht aus dem Alltag. Mit Musik, Radler und ganz viel Spaß. Dies war das 13. Rock im Park, was ich mit meiner Gastgeberin besucht habe. In der Zwischenzeit sind wir alt geworden, haben Teddys und Kinder in die Welt gesetzt, haben Keller ausgeschippt und sind doch immer wieder hin gegangen. Diesmal nach einem Jahr Pause.

 

Es ist eine Parallelwelt, die viele kritische Seiten hat, die ich gleich beleuchten werde, aber sie ist eben auch ein persönlicher Fluchtpunkt.

 

Oder wie es die Betroffenheitsband für weiße Mittvierziger (Kettcar) mal so schön formulierte:

 

„also haltet euch fest und trocknet die augen

hier verliert keiner, keiner den glauben

man lässt nie los, was man liebt

war, ist, bleibt: immer musik“

 

Und damit sind wir eigentlich auch schon beim ersten Problem

 

Rockmusik und Frauen

 

Es ist ein elend. Rockmusik ist in weitesten Teilen weiß und männlich. Und zwar alt, weiß, männlich. Headliner, deren Bandgeschichte nach der Jahrtausendwende begonnen hat, sucht man vergeblich. Die diesjährigen Headliner-Bands des Festivals sind 1982, 1990 und 1995 gegründet. Neue Einflüsse gibt es fast gar nicht. Die Festivalmacher versuchen dies teilweise damit zu umgehen, dass halt auch HipHop und Elektro einen Platz auf diesem Rockfestival findet, aber da meistens deutsche Acts.

 

Und auch diesen ist eines gemeinsam: Abgesehen von der Backgroundsängerin sind sie meistens männlich.

 

Das liegt zum einen am Publikum, denn wie häufig hab ich mir auch schon anhören müssen, dass Person XYZ Frauenstimmen nicht mag (Ja, viel zu häufig auch schon von Frauen gehört. Das dies kompletter Bullshit ist, wissen wir alle.), es liegt aber auch an den Veranstaltern, die null darauf achten, Frauen zu buchen. Dabei gibt es sie. Im Rockgeschäft ebenso wie im deutschen HipHop und Elektro.

Auch an Instrumenten. Siehe z.B. Broilers. Und nur wenn man solche bucht und ihnen die Gelegenheit gibt vor einem größeren Publikum zu performen, nur dann werden sie auch mal Headliner Größe erreichen. Und Platz auf der Bühne ist da. Die Band die um 14 Uhr performt ist für den Erfolg des Festivals wenig ausschlaggebend. Sie wird aber immer ihr dankbares Publikum finden. Denn so sind Festivals nunmal. 

 

Einige Festivals achten darauf, dass sie Frauen buchen. Im Kleinen sei hier mal das Wutzrock genannt, was sehr darauf achtet. Aber auch größere kommerzielle Festivals haben da eine bessere Ausgewogenheit als z.B. Rock im Park. 

 

Leider wird das beim Veranstalter weiterhin auf taube Ohren stoßen. Man verpflichtet halt lieber weiterhin irgendwelche ekeligen Straßenbanden Mitglieder, als mal klare Kante zu zeigen.

 

Es wäre zu begrüßen, wenn da mehr Frauen auf der Bühne stehen. Und zwar nicht nur als Backgroundsängerin. Es würde auch dazu führen, dass eben nicht nur Jungs sich die Gitarre greifen. Wird dies den Roggnroll retten? Wahrscheinlich nicht. Zu ausgelutscht sind seine Pfade. Wird es den Pfad aber vielleicht ein bisschen wieder aktualisieren und Mensch besser repräsentieren? Definitiv!

 

Funfact dabei: Die Menschen, die für die Rock im Park App die Bandtexte geschrieben haben, ist die Männereinheitssauce selber schon aufgefallen. Siehe Screenshot:

 Das der Text sonst eine fürchterliche Ansammlung sprachlicher Klischees ist, merkt ihr selber, oder?

 

 

Sowieso politische Korrektheit

 

Seien wir ehrlich: Das Roggnroll Business ist weit von einer auch nur geringen politischen Korrektheit entfernt. Das fängt bei Texten an, geht über Handlungen von Musikern weiter und endet bei einer kompletten Unsensibilität von Festivalorganisatoren.

 

Es ist schön, wenn Casper nach Marterias Spruch, dass sich nun alle knutschen sollen, erwähnt, dass die natürlich nur für den gelte, der wolle. Es ist schön, wenn der Wetterhinweis am Freitagabend mit „kuschelt doch durch den Regen, aber vorher nach Erlaubnis fragen!“ ergänzt wird. Aber das sind kleinste Taschenlampen in einem sehr großem sehr dunklen Raum. Das beginnt mit Volltrotteln, die sich „Triebtäter“ auf Westen schreiben, es geht über Volltrottel die sich „Me too… Please?“ auf ein Shirt schreiben. Natürlich alles Typen. 

 

Es geht weiter über einen Ordnungsdienst, der zumindest am Einlass und auch an den Bühnen zwar auffällig freundlich agierte, aber der eben auch Mitglieder mit tätowierter „Schwarzer Sonne“ und komischen „Unbeugsam“ Fischerhüten beschäftigt. Nur falls ihr euch gefragt habt, warum der Ordnungsdienst solche Shirts nicht kontrolliert. Deswegen.

 

Und es endet damit, dass Männer irgendwie ihr Shirt ab 10 Grad Plus von ihrer Hühnerbrust nehmen müssen. Auf der Bühne langsam eine Seltenheit, im Publikum leider nicht. Neben allen anderen Gründen ist so eine schwitzige Männerbrust im Gedrängel nebenbei echt unschön. Für euch getestet. 

 

Die Rockwelt hat hier viele Dinge aufzuarbeiten, dabei sollte doch gerade sie die Welt sein, die Vorbild und Antriebsmotor ist. Sie war es schon in genügend anderen Dingen. Auch hier müssen Veranstalter echt umdenken.

 

Genauso absurd: Typen, die Böhse Onkelz Tätowierungen mit Ärzte Merch kombinieren. Was genau hast du nicht verstanden, Digga?

 

 

Klos

 

Es ist ein widerkehrendes Thema seitdem wir zu Rock im Park gehen. Genügend Toiletten sind Gold wert. Dieses Jahr hatte man wohl geplant mit deutlich weniger auszukommen, als sonst. Das musste schief gehen. Dazu sind einige Gerätschaften sofort kaputt gegangen. Gerüchten zu Folge aufgrund eines falschen Anschluss. Immerhin und das muss dann auch lobend erwähnt werden, man hat aggressiv auf den Missstand reagiert und ab Samstag stand an ungefähr jeder Ecke ein Dixie.

 

 

 

Es gibt aber auch positive Dinge

Die Anzahl der – gerade deutschen- Bands, die sich sehr deutlich politisch positionieren ist lobenswert hoch. Und das sollte auch „die Jugend“ erreichen und zum nachdenken anleiten. Die Junge Union verteilte nebenbei auf dem Festival Kondome (!!!). Sie und die Jusos waren die beiden einzigen vertretenen parteipolitischen Jugendorganisationen.

 

Das Angebot an Essen hat sich deutlich verbreitert und wir haben in den drei Tagen auch immer was essbares zu halbwegs vernünftigen Preisen gefunden. Billig ist das alles nicht, aber halbes Hähnchen mit Krautsalat für 6,50 ist erstmal okay.

 

Die Musik

 

Und damit wären wir bei der Musik. Es folgt ein Kurzeindruck aller halbwegs gesehenen Bands. Das ist natürlich rein subjektiv und genau deine Lieblingsband finde ich natürlich zu Unrecht vollkommen Scheiße! Ich hab sowieso keine Ahnung von Musik. Und Speedmetal konnte ich noch nie von Trashmetal unterscheiden. 

 

Mit einer Ausnahme ist das Thema „die Künstler sind ziemliche Volltrottel“ ausgelassen. Es gibt auf der Liste aber auch noch zwei, drei andere Bands, welche die Rubrik „Kontroversen“ auf Wikipedia nicht zu Unrecht füllen. Checkt so etwas aus, bevor ihr Fan werdet. Da hat ja auch jeder seinen persönlichen Toleranzbereich, den ich euch garantiert nicht vorgeben möchte. 

 

Freitag 

 

Seiler und Speer

Österreicher. Ich verstehe kein Wort. Musik geht aber ins Tanzbein. Die kommentieren politisch eher durchs Knopfloch mit einem Lied über Polizisten und „Going to Ibiza“ nach dem letzen Song. Machten Laune, werden aber wahrscheinlich nie nördlicher als Würzburg etwas werden. 

 

Feine Sahne Fischfilet

Du bekommst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten (frei nach Thees). Es gibt aus einer urbanen linken Sicht wahrscheinlich 50 Millionen Argumente gegen Band, handelnde Personen und Musik. Aber insgesamt ist schmissigere Punk mit klaren politischen Ansagen, etwas was Menschen erreicht, wo Adorno nicht hin kommt. Und das können die. Und sie formulieren Sätze wie “in was für Flüssen ihr hier schwimmen müsst, kommt mal ans Meer!” das ist was für die norddeutsche Seele. Und auf so einem Festival geht solche Musik immer. 

 

Dropkick Murphys

 

“Das sind voll die Prolls, die gehen gar nicht” “Mir egal ob die Prolls sind, die hauen Nazis!” (Legendäre Facebook Diskussion)

 

Gesehen habe ich sie. Gehört nicht. Absolut mieser Sound, Instrumente nicht zu erkennen, daher ohne Wertung. Die hatten Stauprobleme und wurden auf einen anderen Termin geschoben und erwähnten, dass sie trotzdem in Hast aufbauen mussten. Insofern kein Vorwurf. Schade war es trotzdem. 

 

Die Ärzte

 

Drei alte Herren rocken. Und haben sichtlich Spaß dran. Laberten nicht so unfassbar viel wie bei anderen Auftritten, die ich von ihnen sah. Und sofort wird es unterhaltsamer.  Bemerkenswert: Das Publikum hatte bei uralten Liedern (z.B. “Zu spät”) Textprobleme. Und das obwohl auch Menschen anwesend waren, die schon die erste Platte nicht mehr als Teenager gekauft hatten.

 

Die Antwoord

Es war eine Erfahrung. Ich weiß nur nicht, ob eine Gute. Eine der wenigen weiblichen Künstlerinnen (siehe Exkurs). Die Arbeiten massiv mit Stimmverfremdungen und Effekten, die Musik ist tanzbar, das gerollte R der beiden Südafrikaner (auch mal außergewöhnlich) trifft mein Dialekt Herz. Aber irgendwie ist das auch SEHR abgedreht und befremdlich. Und dabei sind die Penismännchen, die zwischendurch den grafischen Hintergrund bilden noch das am wenigsten befremdliche.

 

Samstag 

Adam Angst

 

Wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man Songwriter Musik oder Punk machen will, dann macht man halt Songwriterpunk. Aber der geht gut ab und eine sehr gut gefüllte Alternastage hatte ihren Spaß.

 

Kontra K

 

Ganz große Warnung! Der Typ geht gar nicht. Siehe z.B. diesen Artikel hier.

 

Aber in dem Artikel steht auch der Grund, warum ich mir den angesehen habe. Die Jugend (TM) hört den. Und man kann sich auch vorstellen warum. Eingänge Melodien, gut ausgearbeiteter HipHop, wenn auch ohne Ecken und Kanten. Aber alleine das Mikro in Schlagring Optik und diese Straßengangster Attitüde ist aber nun so gar nix für mich.

 

Tenacious D

 

Man sieht das beide Schauspieler sind. Können eine Bühne ohne viel Beiwerk füllen und haben augenscheinlich Spaß auf der Bühne. Spielen eingängigen Rock und werden von einer handwerklich perfekten Begleitband unterstütz. Launeband die perfekt für ein Festival ist. Auf Platte wirkt das wahrscheinlich null. 

 

Bastille

 

Die Hits kennt ihr. Die anderen Lieder stellt euch so ähnlich, aber etwas weniger Massenkompatibel vor. Nett aber nicht etwas an das ich mich in 10 Jahren noch erinnere. Ihr Konzert war per Grafiken in drei Akte eingeteilt, das ganze sollte wohl eine Nacht in drei Teilen darstellen.  Bemerkenswert: Jedes Bandmitglied singt.

 

Marteria & Casper

 

Elo meinte mal, dass die beiden wie ein altes Ehepaar seien. Und das fasst die Stimmung auf der Bühne zusammen. Ein sehr verliebtes altes Ehepaar. Das Konzert? Neudeutsch ein kompletter Abriss. Mischung aus gemeinsamen Songs und Hits, die sie jeweils einzeln verbrochen hatten. Wir standen relativ weit vorne und einmal liefen die direkt an uns vorbei. 

 

Sonntag 

 

Halestorm

 

Es besteht noch Hoffnung für diese Welt! Denn entgegen aller anderer Behauptungen gibt es ihn noch, den klassischen Amihardrock mit fetter Rockröhrenstimme der Frontfrau. Bruder und Schwester machen zusammen Musik, seitdem sie 10 und 13 sind. Und das hört man. Perfekt eingespielt, der Schlagzeuger ist ein echter Entertainer und Schnuckelchen. Machte wirklich Laune und eine perfekte Festivalband.

 

Alice in Chains

 

Ich verstehe ja warum Menschen auf dieses hirnzersetzende Brett mit Monsterstimme stehen, bei mir kam das noch nie an. Diese Beziehung ist gescheitert und es liegt eindeutig an mir. Fans wird der Auftritt gefallen haben.

 

Foals

 

Britpop! Muss man mehr schreiben? Tanzbar, schöne Stimme, aber auch nix was nicht aus den 30000 anderen Britpop Bands heraus sticht.

 

Smashing Pumpkins

 

Sperrig, ein Redner oder Entertainer wird er nicht mehr, aber ich mag die. Und “die Hits” spielten sie auch.

 

Und danach waren wir platt. „Wir sind zu alt für den Scheiß“ ist unser Motto seit 2003.

 

Fazit

 

Danke an meine Gastgeber. Wie jedes Jahr wart ihr toll. Und lustigerweise sehen wir uns bald schon zum nächsten Abenteuer im Frankenland.

 

Bis zum nächsten Jahr