Mrz 282019
 

Liebe Lesende, warum wollen wir beinah jeden zweiten Hot Take „Am Arsch” nennen? 

Egal. Kommen wir zum Thema. Unser Verein hat heute eine „Maßnahmenpaket” veröffentlicht, das in Tonalität und Inhalt nur als kontraproduktiv und lächerlich bezeichnet werden kann. Beinhaltet es doch beinahe ausschließlich Kollektivstrafen, die entweder alle Südbesucher*innen betreffen oder zumindest eine große Gruppe von Südbesucher*innen. Dabei wird ausdrücklich keine individuelle Verantwortlichkeit der Süd oder der benannten Gruppen ausgemacht.

Das ganze ist eine Ansammlung von fragwürdigen Formulierungen, die MOPO Leser*innen und ihr Geifern nach möglichst harten Strafen beruhigen soll, und vollkommen unsinnigen Kollektivstrafen für Südbesuchern*innen, die wahrscheinlich zu 99 % mehr Opfer als Täter*innen waren. Das ist zutiefst reaktionär. Wenn man sich heute von Seiten des Präsidiums fragt, was einen denn von anderen Vereinen unterscheidet, dann kennen wir die Antwort: Euer Verhalten in Krisen schon mal nicht. Ihr reagiert genauso holzschnittartig und auf den deutschen Pöbel zugeschnitten wie Uli Hoeneß. 

Uns ist ja klar, dass man Presse, Sponsoren etc. auch beruhigen muss, die mit einem ruhigen pädagogischen Ansatz nichts anfangen können, sondern lieber den starken Mann sehen wollen, der ein paar Leute öffentlich „hängt”. Klar ist das ein Spannungsfeld, aber das kann man doch viel klüger bearbeiten, als mit so einem Schrott. 

Ein paar Lowlights

Da wird z. B. geschrieben “Der FC St. Pauli wird den Weg des Dialogs mit der Fanszene nicht aufgeben, auch wenn das vom Verein entgegengebrachte Vertrauen während des Derbys von Teilen der Fanszene in der Südkurve missachtet worden ist.” Warum wird da entweder niemand benannt oder jemand konkret benannt? So eine Wischiwaschi-Formulierung ist doch scheiße! “Teilen der Fanszene in der Süd” bedeutet 10%? 50%? 70% Klingt doch nach mindestens 50%, realistischer sind wahrscheinlich 10%. Und macht man nun USP verantwortlich? Wenn ja: Dann sagt es! Wenn nein, warum dann Kartenentzug? (Dazu später mehr)

Was soll dieses „Ihr wart böse, aber wir sind gnädig und bleiben im Dialog?” Sonst stille Treppe wie bei der Super-Nanny? Mal ganz davon ab, dass diese komplett erzieherisch destruktiv ist, ist so eine unkonkrete Formulierung ein Witz. Was ist denn die Alternative zum Dialog, liebes Präsidium? Polizei mit Knüppeln reinschicken? Stadionverbot für alle Südler? Beleidigtes Anschweigen? Sagt mal konkret, was eure Handlungsalternative ist! So ist es eine lächerliche Mischung aus gnädigem Mafiaboss und zahnlosem Tiger. Warum soll man den Dialog mit “der Fanszene” (Definition?) aufgeben wollen, wenn ein Teil der Fanszene auf der Süd (da sind zwei Eingrenzer drin!) sich danebenbenimmt? Da wird einer kollektiven Verantwortung und Bestrafung das Wort geredet, welche wir beim FCSP eigentlich immer – aus guten Gründen – abgelehnt haben. 

Man formuliert weiterhin “Nach dem Abschluss der Gespräche” und an einer anderen Stelle dann “Die weitere Aufarbeitung der Ereignisse mit allen Beteiligten erfolgt”. Ja was denn nun? Und warum braucht man, wenn man einen Maßnahmenkatalog schon in die Öffentlichkeit posaunt, eine weitere “Aufarbeitung”. Was soll diese denn noch bringen? Noch mehr Strafen? Und welches Interesse sollten dann Fans daran haben? Als aktive Gruppe kann man doch seine Beteiligung auf dem Podium nächste Woche nun nur absagen. Wir haben auch schon gehört, dass dies Vertreter*innen gemacht haben. (Kurze Klarstellung: Auf dem Podium sollten Fans ja sowieso nicht sein, aber auch als Publikumsdiskutant macht das kein Sinn mehr.)

Und zu allem auch noch die gewählten Formulierungen: “Maßnahmenpaket” klingt auch eher nach Amtsschimmel als nach Fussballverein, der “durch sportlichen Erfolg seine Werte möglichst vielen Menschen präsentieren will”. Könnt Ihr Euch Oke beim Verlesen dieses Maßnahmenpaketes vorstellen? Gut, wir auch nicht. Ehrliche Sprache statt autoritärem Gehabe.

Vor 10 Jahren haben wir – wie sogar der Verein so schön auf seiner Seite beschreibt – als erster Verein in Fussballdeutschland gemeinsame Leitlinien beschlossen:
Toleranz und Respekt im gegenseitigen Miteinander sind wichtige Eckpfeiler im FC St. Pauli.”
“Die aktive, d.h. in erster Linie die auch am Spieltag vor Ort engagierte Fanszene bildet das Fundament für die Emotionalisierung des Fußballsports, welche wiederum die Grundlage der Vermarktungsfähigkeit des FC St. Pauli darstellt.”
Wir wünschen uns, dass die für dieses Unding von Statement verantwortlichen mal mit den Leitlinien meditieren gehen. Sehr sogar.

Zu den einzelnen „Maßnahmen“: 

“Verringerung des von Fangruppen in der Südkurve selbstbestimmt verwalteten Kartenkontingents für die Südkurve. Diese Karten gehen in den freien Verkauf.”

Unser Wissensstand ist, dass USP und der Fanladen Karten haben. Da der Fanladen keine „Fangruppe” ist, meint man hier wohl USP. Warum? Macht man sie verantwortlich? Ist vielleicht schon weit hergeholt, aber sie haben ja Verantwortung übernommen. Siehe MillernTon. Dann kann man es aber sagen. Aber warum dann die Karten? Wir kennen genug Leute, die so Karten bekommen, und das waren eher Leute, die über das Geschehen entsetzt waren. Warum muss man diese Leute nun konkret bestrafen? Oder ist es ein albernes “Privilegien entziehen”? Und was genau soll ein freier Verkauf besser machen? Dass Elo noch häufiger erklären muss, dass Fotos in Mitte der Süd extrem uncool sind? Die Grundstruktur ändert es nicht. Und der Sturm wurde ja z.B. auch mit der Kartensituation begründet. Die macht man nicht über einen “freien Verkauf” besser. Das ist auch so ein bisschen „Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass“. Wir wollen kollektiv bestrafen, aber das Südkonzept da trauen wir uns nicht. Nächstes Mal werden dann 10 Karten mehr pro Pyro entzogen? 

“Kostenbeteiligung von Fangruppierungen der Südkurve an brandschützenden Maßnahmen”

Das klingt komplett unklar. Ist das abgesprochen? Ist das eine Strafe? Welche Gruppen und wie? Über die Kartenpreise? Das wäre eine Kollektivstrafe, die auch alle Unbeteiligten trifft. Ebenso wäre eine Rechnung an erkennbare Gruppen. Warum soll die G.A.S. dafür bezahlen, wenn die wahrscheinlich gar nix damit zu tun haben? (Wissen wir natürlich nicht, aber die sind jetzt mal fiktiv genannt, weil sie toll sind) Unseren in der Süd stehenden Teil hat jedenfalls bisher noch keine Rechnung erreicht.

Man kann natürlich Eingänge umbauen (Personenvereinzelungsanlagen etc), aber auch hier muss wieder gefragt werden, inwieweit ich alle für einige bestrafen möchte. Denn solche Umbauten und “strengere Kontrollen” sind immer extrem unbequem. Man kann das gerne mal in Bielefeld besichtigen. Zumal die Einlasssituation in der Süd nun auch in der Vergangenheit schon nicht gerade optimal war. Wir berichteten mehrfach.

Morgen

Wir sprachen vor einigen Tagen darüber, dass wir morgen mit komischem Gefühl ins Stadion gehen – wenig vorhersehbar was passiert, wie und ob es eine Reaktion gibt, etc. pp. Und durch das Statement ist leider klar geworden: Dieses mulmige Gefühl war berechtigt. Gilt doch in Krisensituationen auch bei uns das Prinzip “Führung mit harter Hand” statt Dialog.
Offen bleibt, warum so ein Statement einen Tag vorm nächsten Heimspiel – und eine Woche vorm angekündigten Dialog über unsere Werte – so scharf (in Wortwahl) und unscharf (in Inhalt) zugleich rausgedonnert werden muss. 
Wir wundern uns nicht, wenn Unmut darüber morgen auch im Stadion zu sehen ist. Und können nur sagen: Zu Recht. Und schicken solidarische Grüße an alle guten Leute mit reaktiönären Präsidien da draußen, so fühlt sich das also an.

Nachtrag (29.03.2019, 09:00 Uhr)

Wir haben uns noch mal die beiden Statements des Vereins angesehen:

„Am Tag nach der Partie gegen den HSV kritisieren Präsidium, Aufsichtsrat und Geschäftsführung des FC St. Pauli die Vorfälle in der Südkurve.“
Erste Stellungnahme des Vereins am 11. März

„Verantwortliche des FC St. Pauli beschließen Maßnahmenpaket nach Vorkommnissen im Derby“
Verkündigung des Maßnahmenpakets am 28. März

Uns fällt auf, dass die erste Formulierung klar die unterzeichnenden Gruppen benennt, das fehlt in der gestrigen Kommunikation völlig. Und stellt sich daher die Frage, ob da jemand unaufmerksam war oder ob die Formulierung absichtlich so schwammig gewählt wurde.