Aug 172018
 

Es ist gut 30 Jahre her, dass ich mit meiner Schwester von einer erfolgreichen Langspielplattenjagd nach Hause kam. Das gute Stück welches wir in den Händen hielten, war eine LP namens „Suffer“ einer Band, die wir bis dahin nicht kannten.

Wie so häufig hatten wir uns die LP nach der Coverart gekauft. Eine der damaligen Künste war es in einem Bild eine LP für den Käufer spannend zu machen. Leider ausgestorben. „Suffer“ hat eines der wirkmächtigsten Bilder als Cover, die ich bis heute gesehen habe. Der brennende Junge im amerikanischen Vorstadtidyll.

Es folgte ein reinhören auf der eigenen Stereoanlage und 27 Minuten, die mein Leben bis heute prägen. 27 Minuten schnellster, melodischer Punk. Was mich schon damals interessierte und bis heute ein Argument zum Kauf von Musik ist, sind die verbreiteten Texte. Und auch dort hatte die Original LP eine lustige Lösung zu bieten. Das Textheft war das Foto einer Zimmerwand, an die handschriftlich die Texte der Lieder geschrieben waren. Halbwegs leserlich. Nach dem reinhören folgte also das reinlesen.

Während die Musik von Bad Religion garantiert nichts besonderes ist, außer dass es gefühlt immer der gleiche Song ist, was schon wieder besonders ist, so sind es die Texte des Greg Graffin schon. Eine biologisch, wissenschaftliche Sicht auf die Welt, die so gar nicht zu „Punk“ passt. Wo andere Parolen gröhlen, benutzt er Worte wie „ectoplasmic“ in Punktexten.

Und so kaufte ich in den folgenden 30 Jahren beinah jedes Album der Band, war nicht immer musikalisch überzeugt, weil auch die brüllende Wut der Band zwischendurch abhanden gekommen war, aber die Texte waren immer lesenswert.

Ein Auszug aus diesen war hier auch jahrelang auf diesem Blog zu lesen:

“a righteous student came and asked me to reflect
he judged my lifestyle was politically incorrect
I don’t believe in self important folks who preach
no Bad Religion song can make your life complete
prepare for rejection you’ll get no direction from me
you’ll get no direction from me
you’ll get no direction from me”

Immer noch ein Leitmotiv für mich, wenn ich hier schreibe oder mit meinen Mitbloggern ein Thema bearbeite. Ihr werdet unsere Sicht der Dinge lesen. Aber ich will nicht, dass ihr von uns eure Meinung, eure Richtung bekommt. Denkt lieber selber nach, macht euch schlau, nehmt viel klügere Quellen als mich Fußballproll und macht damit euer Leben, euer Wissen komplett. Das heißt nicht, dass ich meinungslos bin, ganz im Gegenteil. Aber Argumente zu hören und zu bewerten macht Spaß. (Das es hier Grenzen gibt, versteht sich von selbst.)

Absurderweise gibt es Leute, die meinen, dass seine Texte unpolitisch seien. Hab ich mal auf diesem Twitter gelesen. Ja klar, wenn politisch nur die platte Parole ist, dann ist das richtig. Sonst nicht. Und das die amerikanische Weltsicht häufig von der europäischen Weltsicht abweicht oder ganz andere Themen einer Behandlung bedürfen, auch dies will vielen Leuten nicht in den Kopf.

Punk Musik ist heutzutage ja nicht mehr die gewählte Ausdrucksform der Jugend. Oder eher nur noch für wenige. Heutzutage halt eine alte Leute Musik, was sich auch auf dem Konzert sehr deutlich zeigte. Da waren doch viele graue Haare zu sehen. Jede Generation sollte ihre musikalische Ausdrucksform haben. Sie sollte ihre Musik haben. Musik ist eine so schöne Einstiegsdroge in das Leben, in eine Weltsicht und auch in Politik. Und ja, genau deswegen sind so Grauzonenbands gefährlich.

Dies alles vorweg geschrieben, ergab sich letztens die Möglichkeit Suffer komplett live anzuhören. Gespielt von der Band in einem besonderen Konzert.

Und wer schon mal auf einen Bad Religion Konzert war, der weiß, wie ein solches abläuft. Die Band ballert in einem Heidentempo ihre Setlist runter, der Saal kocht und Pausen sind überbewertet. Und obwohl es noch ein Tag in der gerade abgeschlossenen Hitzeperiode war, gönnte sich auch diesmal die Band nur wenig Pausen. Der Schweiß floss und auch der grauhaarige Pogomob hielt gut durch.

Als Zugabe dann „Suffer“ in richtiger Reihenfolge, alle Lieder. In 26:23. Mit einer Pause. Da wo meine Schwester und ich die LP umgedreht haben.

Danke Bad Religion, dass ihr mir ohne eine Richtung vorgebt, ohne mir eine Richtung vorgegeben zu haben.

(Der Blogsenior)

  One Response to “Suffer oder wie ich eine Meinung bekam”

  1. Psst, an den letzten Satz müsste nochmal einer ran. (Kommentar kann gerne gelöscht werden.)

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