Nov 182016
 

Achtung. Dies ist kein Text für Menschen, die sich einfach empören wollen und aufregen wollen. Dies ist kein Text, der die Blödzeitung als den personifizierten Teufel ansieht. Dies ist ein Text zum Nachdenken, wenn die Aufregung vorbei ist.

Der Sachverhalt

Gestern lief ein Tweet über den offiziellen Account, der sich wiederum auf einen Tweet von Kai Diekmann bezog. Dieser Tweet ließ uns erstmal ziemlich sprachlos. Das müssen auch wir zugeben. Und auch wir machten unsere spontane Enttäuschung in Tweets deutlich.

Der Verein kassierte in der Folgezeit das, was man wohl einen mittelschweren Shitstorm nennen würde. Abends fand sich dann ein erläuternder Text auf der Homepage, der jedoch die Aufregung nur bedingt besänftigt hat.

Vorbemerkung

Leute, die Blöd ist Scheiße. Das steht außer Frage. Und das berühmte Max-Goldt-Zitat ist ein absolut erstrebenswertes Idealbild. Ob sich das in einem öffentlichen Mediengeschäft immer so 100-prozentig leben lässt, sei mal dahingestellt. Die wahrscheinlichste Antwort ist „nein“. Das ist dieses Tribünentrainer-Ding, wenn man nicht für 25 junge Männer und 30.000 Abhängige direkt verantwortlich ist, lassen sich Ideale und Haltungen viel freier formulieren, als wenn man diese Verantwortung hat. Dies sollten alle begreifen.

Was man weiterhin begreifen sollte, ist, dass die Bildzeitung langsam der liebgewonnene Aufreger und bei weitem nicht mehr der Rechtsaußen-Tabubrecher überhaupt ist. Habt ihr mal das neue Focus-Titelblatt gesehen? Oder euch mal die Reichweiten solcher Internetseiten wie Compact angeguckt? Und gesehen, was die so schreiben? Dagegen wirkt die Blöd harmlos. Wohlgemerkt: „wirkt“ ist nicht gleich „ist“! Nur damit das niemand falsch versteht. Und was uns an „Journalismus“ blüht, wenn solcher Dreck wie Breitbart in Europa Fuß fasst, möchten wir uns gar nicht ausdenken.

Und noch eine Vorbemerkung

Merkt ihr eigentlich, wie sehr ihr mit diesen Shitstorms der rechten Empörungskultur auf den Leim geht? Wie sehr ihr jedes Maß verliert? Was haben wir gestern lesen müssen? „Lebenslanges Stadionverbot“ z. B. Ja, kann man denken, aber ist euch eigentlich klar, wie scheiße das aussieht, wenn man für Dreck schreiben lebenslanges Stadionverbot fordert? Ist euch eigentlich klar, wie schnell man das für Pyro, Plakete etc. umdrehen kann? Mal ganz davon ab: Lebenslang ist so wie Chaot, Linksradikal etc. es ist eine Schublade, in die man einen Menschen steckt, aus der er nie wieder raus kommt. Ist das ein humanistisches Weltbild? Die bibelfesten unter uns werden von „Kainsmal“ reden. Und dieses verträgt sich mit einem „linken“ humanistischen Weltbild aber so gar nicht.

Anders ausgedrückt: Kai Diekmann mag noch so ein Arschloch sein, er ist weder der Teufel persönlich, noch ist es ausgeschlossen, dass er sein Unrecht einsieht und sich ändert. Das ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Daher sollte man vielmehr innehalten, die andere Seite hören, dann sich in Ruhe seine Meinung bilden und diese auch mit einer durchhaltbaren Konsequenz besetzen. Irgendwelche „Brennt die Geschäftsstelle nieder!“-Forderungen sind Unsinn, wenn man sie nicht durchhält. In dem Fall auch, wenn man sie durchhält.

Noch was zu dem Thema Shitstorm: Ist euch eigentlich noch bewusst, worüber ihr euch vor zwei Wochen aufgeregt habt? Was für eine unglaubliche Energie heutzutage in tagesaktuelle Aufregung gesteckt wird, ist einfach nur fürchterlich. Wäre eine langfristige, besonnene Politik der richtigen Schritte nicht viel besser? Es ist echt so: Man kann Kai Diekmann sehr gut ignorieren und ihn doch politisch bekämpfen. Man muss sich auch nicht über jeden Mist aufregen, den Erika Steinbach absondert, und mag sie trotzdem nicht. Geht. Und ist viel gesünder und konstruktiver. Glaubt es uns. Reicht doch, wenn der Blutdruck jede Woche beim Spiel ins Unermessliche steigt.

Wenn man dies alles bedenkt, dann…

… kann man jetzt die Stellungnahme und den Tweet nochmal lesen. Und dann kommen wir zu folgender Bewertung:

  1. Man muss Kai Diekmann uns seiner PR-Maschine nicht auf den Leim gehen. Deswegen ist ignorieren eigentlich immer das Beste, gerade als Verein, Vereinsoffizieller, Vereinsaccount etc. pp. Insbesondere, wenn man wie Kai Diekmann selber ein absolut guter Spindoctor ist und auch noch diverse andere Spindoctors in seiner Hinterhand hat. Wer Interesse hat, kann gerne mal die anderen Twitteraccounts der Blöd-Verantwortlichen googeln. Wir verlinken so etwas nicht.
  2. Ist Andreas Rettig irgendwie verdächtig, ein Blödzeitungsjünger zu sein? Die Frage zu stellen, ist sie zu verneinen, oder?
  3. Kann ein Vizepräsident des FCSP beruflich Kai Diekmann einladen? Ach Leute, da kommen wir wieder zu dem Idealbild. Wir wissen ja nicht mal, was eigentlich Inhalt dieser Konferenz war. Und wir wissen nur, dass er Böh… äh, Varufakis und Dunja Hayali auch eingeladen waren. Wir wissen auch nicht, wozu sein Vortrag war. Ganz ehrlich: Wenn es z. B. um „Wie beeinflusse ich Öffentlichkeit?“ ginge, gäbe es wohl wenig talentierte als Diekmann. Siehe 2.
  4. Muss man dann als Vize ein Treffen zwischen Diekmann und Rettig organisieren? Denn das „spontane“ Treffen ist garantiert nicht so 100 Prozent spontan, was man schon an bereitliegenden Geschenken sieht. Oder haben das alle Teilnehmer bekommen? Wir wissen es nicht. Aber hier bewegt man sich natürlich massiv auf Glatteis. Siehe 2.
  5. Kann man eine Entschuldigung von Kai Diekmann annehmen? Ja, kann man. Man wird sehen, ob sie dann glaubwürdig ist. Man kann da SEHR skeptisch sein. Aber da sind wir wieder oben bei dem humanistischen Weltbild.
  6. Kann man Kai Diekmann etwas schenken und ihn zum FCSP einladen? Ist wieder sehr dünnes Eis. Kommt ein bisschen darauf an, ob man meint noch irgendwie einen guten Funken in das Hirn von Diekmann setzen zu können. Wenn man dies aber meint, dann ist das Kochbuch und ein Besuch im Hort der Revolution das richtige Geschenk.
  7. War der Tweet Murks?
    Jo. Da kommt die dahinter stehende Idee nicht rüber und mit „Lieber“ muss man Diekmann auch nicht zwingend ansprechen. Außer man ironisiert sehr viel stärker. Typische Social-Media-Verkürzung. Und siehe 2.

Fazit

Oh ja, man muss das ganze kritisch betrachten, man muss als handelnde Personen des FCSP daraus lernen. Und dieses Lernen endet nie. Keine Fehler machen nur Polizisten und Leute, die nie handeln. Die Ironie im letzten Satz müssen wir nicht kennzeichnen, oder?

ABER kommt mal runter, macht nicht diese Dauerempörung mit immer härteren Forderungen mit. Das ist Bullshit und mit einer „linken“ Denke nicht vereinbar.

Lest gern auch, was der Übersteiger zur gleichen Geschichte schrieb. Auch ’ne Haltung.

  2 Responses to “Hinter der Aufregung”

  1. „Ob sich das in einem öffentlichen Mediengeschäft immer so 100-prozentig leben lässt, sei mal dahingestellt. Die wahrscheinlichste Antwort ist „nein“.“
    – Man muss es einfach nur tun. Ist ganz einfach. Der FC St. Pauli ist kein Mediengeschäft, sondern ein Fußballverein. Der kommt, wie du schon treffend schreibst, auch mit einer ignorierten Bild großartig zurande. Da kommt es auf einen schmierigen Demagogen mehr oder weniger auch nicht an. Mir egal, was der Pawlik in seiner Freizeit macht,

    „Habt ihr mal das neue Focus-Titelblatt gesehen? Oder euch mal die Reichweiten solcher Internetseiten wie Compact angeguckt? Und gesehen, was die so schreiben? Dagegen wirkt die Blöd harmlos. Wohlgemerkt: „wirkt“ ist nicht gleich „ist“! Nur damit das niemand falsch versteht. Und was uns an „Journalismus“ blüht, wenn solcher Dreck wie Breitbart in Europa Fuß fasst, möchten wir uns gar nicht ausdenken.“
    – Whataboutism? Echt jetzt? Soll ich ernsthaft darauf scheißen, was für Türen die Bild unter Diekmann geöffnet hat, nur weil es jetzt noch Schlimmeres gibt? Merkst du noch was?

    „Daher sollte man vielmehr innehalten, die andere Seite hören, dann sich in Ruhe seine Meinung bilden und diese auch mit einer durchhaltbaren Konsequenz besetzen.“
    – Die „andere Seite“ hat in den letzten 20 Jahren fleißig den Nährboden für Ausländerhass, Pegida, AfD und Co. bereitet; sie hat konsequent Persönlichkeitsrechte verletzt, gehetzt und gelogen. Der Typ hat so einen riesigen Haufen Mist an den Hacken, dass es jeder Beschreibung spottet. „Ja, aber der ist toller Spindoctor!“ Das war Goebbels auch, herzlichen Glückwunsch! Wenn Diekmann irgendwann mal einsehen sollte, was für ein Arschloch er ist, dann erschießt der sich sofort. Damit ist leider nicht zu rechnen. Vorher kriegt er den Nobelpreis für Narzissmus. Wann kommen die „Nazis wegkuscheln“ Aufkleber?

    Und für Punkt 6 muss ein klares und großes NEIN gelten. Wofür gibt es die Vereinsleitlinien und die Stadionordnung? Beides hat Diekmann Zeit seines Schaffens lachend mit Füßen getreten. Der Typ hat im Stadion nichts, aber auch gar nichts verloren.

    Euer Captcha ist übrigens auch Mist.

  2. Mir egal, was der Pawlik in seiner Freizeit macht, aber der soll den Dreck da lassen, wo er hingehört: Draußen.

    (Der Vollständigkeit des ersten Absatzes halber.)

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