Jul 272015
 
Liebe Mitstreiter und Mitstreiterinnen!


Die neue Saison hat begonnen und sofort stellt sich wieder die
Schwierigkeit dar, in einer unbefriedigenden Situation ein irgendwie
positive Narrativ zu finden, um mit diesen Samstag retrospektiv doch
noch einigermaßen zufrieden zu werden.

Versuch Nr. 1: Strukturelle Neuerungen. Das beginnt bei dem (von der
Gegengerade aus) Blick nach rechts. Dort steht die neue Nordtribüne,
deren nagelneuer Anblick quasi symbolisch für den Abschluss eines
äußerst langen Krafttakts steht und wohl niemanden gänzlich unberührt
gelassen hat. Erinnert sei beispielhaft an die Komplikationen vor dem
Bau der neuen Südkurve. Doch das ist nun vorüber und auf den neuen
Stufen werden wir hoffentlich noch viele Jahre stehen können.
Dieses neue Element unseres Stadions wurde wohl auch mehr als würdig
mit einer Choreo eingeweiht, welche erstmalig alle Tribünen umfasste.
Man muss sicherlich kein Freund von Blockfahnen sein, aber es ist doch
noch mal etwas viel erhebenderes wenn Choreos nicht auf den
Mittelblock der Südkurve beschränkt bleiben. Und sind wir mal ehrlich,
in dieser Masse und Größe die Logos und Schriftzüge zu sehen ist
definitiv beeindruckend und nötigt Respekt für die Arbeit ab.

Ach ja, das ganze Stadion:

Im Choreoaufruf ist von "war für alle nicht einfach und war
von Konflikten zwischen den verschiedenen Interessen geprägt" die Rede.  
Das Ergebnis ist bei aller Zweckmäßigkeit und allen betonlichen Zwängen ein 
Wohnzimmer in dem wir 20 bis 30 Jahre wirken können. Im wahrsten Sinne des 
Wortes. In dem wir Raum für neue Wege haben und das bunt genug ist um trübe 
Gedanken zu vertreiben. Gebäude prägen Menschen. Diese Stufen uns hoffentlich 
in die richtige Richtung.

Und dafür mal außerhalb des Tagesgeschäftes ein riesiges Dankeschön an alle, die 
daran beteiligt waren, insbesondere aber auch an die AG Stadionbau, die ehrenamtlich
im Endeffekt Architekten- und Planungsleistungen erbracht haben. Kleiner Tipp an alle 
Mitglieder dieser AG. Trefft euch mal in der nächsten lauen Sommernacht, knebelt den 
Wachdienst, setzt euch mit einem Bier auf den Mittelkreis, genießt "euer" Stadion, 
atmet ruhig durch und pinkelt danach in jede Ecke. Verdient habt ihr es.

Versuch Nr. 2: Es kommt also ein Aufsteiger und spielt wirklich nicht
gut. Nehmen wir dazu noch kontrafaktisch an, das Abseitstor Börners
hätte gezählt... ach, lassen wir das. Nein, ganz ehrlich, sportlich
ist das alles kein Grund zu glauben, dass wir solide oben mitspielen.
Aber – und vielleicht macht das ja Hoffnung – wir sprechen hier nur
über ein Spiel und der FCSP spielte bei weitem nicht so dilletantisch
wie über weite Strecken der letzten Saison. Deutlich ist das auch in
vielen Spielen der Vorbereitung geworden. Es bleibt abzuwarten, was
sich spielerisch noch entwickeln wird. Eine gewisse Harmlosigkeit und
Perspektivlosigkeit im Offensivspiel könnte ja erneut durch personelle
Neuerungen behoben werden, wie man den Äußerungen von Herrn Meggle
entnehmen kann.
Voreilige Schlüsse scheinen jedenfalls unangebracht, das ambivalente
Verhältnis zwischen alten Schwächen und guten spielerischen Ansätzen
sowie neuen Gesichtern ist wohl zu vage, um den Verlauf für die ganze
weitere Saison vorherzusehen.

Zwei weitere Anmerkungen seien noch gemacht.

Zum einen verabschieden wir uns in tiefer Trauer von Quote, der leider
vor Kurzem verstorben ist. Eine gute Reise dir und rock on! Wir
hoffen, dass zügig ein ausführlicher Nachruf folgen wird.

Zum anderen ist sicherlich vielen das Transparent vor dem USP-Banner
aufgefallen. Valentin, ein linker Ultra aus Bremen, sitzt in
Untersuchungshaft, weil er sich gegen einen Naziangriff zur Wehr
setzte. Rechte Übergriffe auf diverse Bremer Gruppen und
Einzelpersonen besitzen in Bremen seit Jahren erschreckende
Regelmäßigkeit. Dass nun ausgerechnet jemand, der sich gegen diesen
Terror zur Wehr setzt, in Untersuchungshaft sitzt, ist höchst zynisch
und verkennt die reale Situation in Bremen, die für viele Leute
permanente Bedrohung bedeutet. In diesem Sinne ist es vollkommen
begrüßenswert, wenn sich auch Fanszene des FCSP mit Valentin
solidarisiert.

Bis dahin! Gehabt euch wohl.
Jul 172015
 

Nachdem nun auch klar ist, dass man sich vollständig trennt, diese Worte zu Christian Bönig seinem Abschied:

Vorweg: Christian war bei uns in einer Art Sandwich-Postion tätig. Irgendwo zwischen „sportlichem Bereich“, in dem frühkapitalistische Leistungsprinzipien und Führungsmuster von anno dazumal herrschen, und dem administrativen Bereich, in dem sich hoffentlich so etwas wie Teamwork und kooperativer Führungsstil festgesetzt haben. Machen wir uns nix vor. Wenn ein sportlicher Entscheider zu dir sagt: „Deine Nase gefällt mir nicht, weil du am 12.05. Geburtstag hast“, dann wirst du im sportlichen Bereich nichts werden. Und dann wirst du in dieser Welt der absoluten Autorität auch keine Chance haben. Das sollte in einem normalen Unternehmen zumindest ein wenig anders sein, außer es führt wie in den 40er Jahren.

Weiterhin verbieten sich jegliche Spekulationen über Gründe oder Nicht-Gründe. Arbeitsverhältnisse unterliegen als höchstpersönliche Verträge einer breiten Schweigepflicht. Und das gilt umso mehr, wenn es sich nicht um hochbezahlte Showstars der Marke Fußballspieler handelt. Die bekommen dafür, dass diese Verschwiegenheit ausgehöhlt wird, immerhin ein gewisses Schmerzensgeld. Grenzen werden da trotzdem überschritten.

Dies vorweg geschickt: Selbst wenn CBö goldene Löffel geklaut oder Thomas Meggle mit Volldampf auf den Tisch gekackt haben sollte, es ändert nix an dem nun Folgenden. Ebenso – und das sei nun auch mal ausdrücklich gesagt – ist CBö nicht „St. Pauli“ oder „hat der Verein nun seine Seele verloren“. Leute, übertreibt nicht immer so. Und schon gar nicht muss nun „das Präsidium weg“ und „Corny wieder her“. Arbeitsverhältnisse enden, sie enden auch mal unschön. Aber das ist wie eine Ehe. Passiert. Sagt aber wenig darüber aus, ob die beteiligten Menschen sonst gute Menschen sind oder nicht. CBö war ein sympathischer Teil, der nun nicht mehr bei uns wirkt. Ganz unemotional. Emotionen ab jetzt:

Christian, in vielen Dingen wären wir wahrscheinlich komplett anderer Meinung gewesen. Ich werde alleine schon nie verstehen, wie man für den Springer-Verlag arbeiten kann. Ich werde auch nie mit dieser Schein- und Glamorwelt warm, die so Fußballspieler umgibt. Du schon. Und ich hätte auch null Bock, die irgendwie hegen und pflegen zu müssen. Du schon.

ABER über diese Grenzen hinweg hast du dich schnell mit der ja auch nicht ganz einfachen Fanszene eingelassen und mit ihr immer kommuniziert und Dinge ermöglicht. Was ich dabei an dir mochte, war, dass du niemanden nach dem Bart geredet hast. Zumindest nicht, wenn ich dabei war. Da habe ich häufig genug ehrliche, offene und kritische Worte gehört. So war das auch bei der Viva. Ab und zumal hast du da vielleicht zu schnell die „Können wir nicht machen“-Keule geschwungen, aber hey. Ich könnte es immer nachvollziehen, auch wenn ich vielleicht mehr Rebell hätte haben wollen. Und das ist, wenn es in einer menschlich freundlichen Art passiert, echt viel wert. Und das habe ich in der Zusammenarbeit mit dir geschätzt. Dein Wort zählte. Das ist auch viel wert.

Christian Bönig

Ein paar Jährchen her

Oder wenn man in diesem Blog mal über dich gepöbelt hat. Oder irgendwas, wo du meintest, dass es in deine Zuständigkeit fällt. Fünf Minuten später, Telefon klingelt. So richtig böse hab ich die nie erlebt. Wahrscheinlich hast du die fünf Minuten für eine Beruhigungszigarette und einmal an Josips Ohr vorbei ein „Ist dieser N. nun vollkommen doof?“-Brüllen genutzt und warst deswegen schon wieder gefasst. Und dann wurde es diskutiert. Und am Ende war man vielleicht immer noch nicht einer Meinung. Aber man hatte verstanden, was der andere sagen wollte. Und noch viel wichtiger: Man hat es respektiert.

So durften wir dann auch mal uns über AGB beim Ticketverkauf kloppen. Nach 15 Minuten Streitgespräch (sachlich!) stockten wir beide und sagten: „Warum telefonieren gerade WIR miteinander? Ich meine du bist die Pressestelle?“ Aber letztendlich hat man auch dort Lösungen und Kompromisse gefunden. Vielleicht war das auch immer so ein bisschen deine Stärke wie Schwäche. „Ich bin nicht zuständig“ war nie dein Satz.

Und daher kann ich nur sagen: Danke, dass du da warst. Danke, dass du zehn Jahre St. Pauli mitgeprägt hast. Schade, dass du irgendwann Presse und den ganzen Kram nicht mehr machen wolltest. Danach hatten wir nur noch wenig zu tun.

Egal was du jetzt machst: Viel Erfolg dabei. Und da du ja schon angekündigt hast, dich wieder auf die Gegengerade zu stellen. Komm gerne mal auf ein Bier und ein Joint beim Breiten Tresen vorbei.

Mach es gut, CBö.

PS: Ich tue es ja de facto sowieso, also haben die beiden besten Menschen dieser Welt und ich beschlossen, dass ich auch offiziell hier wieder mitmache. Ich werde aber eher nicht regelmäßig schreiben. Dafür lese ich viel zu gerne J.s abgedrehten Spielberichte mit A.s intellektuellen Einsprengseln. Oder andersherum?