Jan 022014
 

oder

Zu Tode frittiert

Liebe Loide,

nun ist es passiert – euer Lieblingsblog war auf der Insel und besuchte die Freunde beim FC United of Manchester und beim Celtic FC. Von den lustigen Begebenheiten in Anglia und Scotia wollen wir euch hier berichten.

Donnerstag
Es ist „Boxing Day“, der zweite Weihnachtsfeiertag, der im Vereinigten Königreich traditionell für Sportveranstaltungen genutzt wird. Das Ziel: Ein Abstecher nach Manchester, um dort ein Auswärtsspiel des FCUM und mehr zu genießen; anschließend soll es weiter nach Glasgow gehen. Wir fliegen am Vormittag zusammen mit J., treffen nach unspektakulärem Flug gegen Mittag auf S., der zuvor schon in Irland war und u.a. Cliftonville FC bei einem Heimspiel in Belfast besucht hatte. Der Weg zum Hotel ist aufgrund des Feiertags und der nicht fahrenden Bahnen arg erschwert, daher gönnen wir uns ein Taxi, um uns kurz ins Hotel zu begeben, und machen uns schon bald per Bus auf in den Vorort Asthon-under-Lyne. Dort soll United auf Ashton United FC treffen

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Hurst Cross in Ashton-under-Lyne

Ein Pub-Besuch ist ein Muss vor einem Spiel in UK, denn Alkohol wird in den Stadien in der Regel nicht ausgeschenkt oder kann zumindest nicht auf die Tribüne mitgenommen werden. Wir entern nach dem Weg den „Cowhill“ hinauf also eine Lokalität, in der Sauna-Atmosphäre herrscht. Egal, kurz ein Guinness hinuntergestürzt, und auf geht’s auf die Stufen von Hurst Cross, dem Stadion von Ashton United. Da es sich bei der Northern Premiere League Premiere Division um die siebte englische Liga handelt, gibt es hier sogar noch Stehplätze. Bemerkenswert ist ein spezieller „Stehplatz“ von Hurst Cross, denn die Herren der Schöpfung können hinter einer halbhohen Mauer pinkeln und noch das Spiel betrachten.

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Ein besonders zutraulicher FCUM-Fan

Zusammen mit Wee-A. und L., alten Freunden von S. und J., die extra aus Glasgow anreisen, erleben wir ein spannendes Spiel. Der Support der FCUM-Fans ist für die siebte Liga phänomenal, auch zahlenmäßig wird das Stadion von den Reds dominiert. Leider ist das Ergebnis verkehrt – ein dummer Handelfmeter samt roter Karte gegen FCUM löst die Wende ein. Ob wir Pech mitbringen? Wie dem auch sei, wir amüsieren uns gut. Der typische Manchester-Pie Chips im Stadion mundet übrigens ganz vorzüglich, auch wenn wir sehr lange darauf warten müssen. Erinnerungen an überforderte Gastvereine aus der Zeit, als der magische FC noch in der Regionalliga kickte, kommen hoch. Anschließend gibt es noch ein Bier im Social Club von Ashton, wo wir das erste Mal – natürlich positiv – von FCUM-Fans auf unsere Sankt-Pauli-Utensilien angesprochen werden.

Den Abend in Manchester verbringen wir mit vorzüglichen Fish & Chips und dem einen oder anderen Pint. Es ist für uns gar nicht so leicht, das „Village“ zu finden, aber große Party-Ambitionen haben wir eh nicht mehr an diesem Abend. In der Hotelbar ist für uns noch weit vor der Sperrstunde Sense.

Freitag
Zweite wichtige Station in Manchester ist das National Football Museum. Es befindet sich erst seit einem guten Jahr an seinem aktuellen Standort und ist in entsprechend frischem Zustand. Für lau bietet das Museum eine überwältigende Fülle an interessanten Aspekten und Exponaten – von der Geschichte des Sports über individuelle Geschichten bis hin zu Fußball für Randgruppen wird fast alles Wichtige abgedeckt und ansprechend aufbereitet. Viele interaktive und mediale Angebote ergänzen die Ausstellungen.

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Hochkultur und so

Wir vermissen allerdings zwei Dinge:
Erstens wird der Konflikt von Fankultur vs. „moderner Fußball“ im UK nach Hillsborough weitgehend ausgeblendet. Dass ein offizielles nationales Museum, das freien Eintritt bietet und somit finanziell von „der Obrigkeit“ abhängt, den Klatschpappenfußball mehr oder weniger glorifiziert, verwundert nicht besonders.
Zweitens erscheint das National Football Museum zuweilen unstruktiert. Ein roter Faden durch die verschiedenen Ebenen der Ausstellung ist kaum erkennbar, sodass wir hauptsächlich Schlaglichter erleben. Auch das ist angesichts der Materialfülle und des Umfangs des Themas „Fußball“ nicht allzu überraschend.

Nach dem mehrstündigen Museumsbesuch wird fleißig bei Sport Direct geshoppt, gefuttert und getrunken. Gegen späteren Nachmittag geht unser Zug nach Glasgow, der nicht ohne Panne bleibt. Beim Umsteigen in Preston fehlt ein Fahrer für den Anschlusszug, der entsprechend nicht losfahren kann. Mit etwas Geduld und Whisky – Alkohol auf der Straße ist in UK häufig verboten, nicht jedoch im Zug – bestehen wir die Geduldsprobe. Außerdem holt der Zug einiges an Verspätung wieder rein.

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Gibt es ein richtiges Leben im Failte?

In Glasgow angekommen, beziehen wir Quartier, stärken uns mit Battered Haggis, Pizza und Fritten und eilen gleich weiter ins Failte. Dort warten Livemusik und einige Bekannte unseres Celtic-Veteranen S. auf uns, außerdem eine Gruppe Babelsberger. Schnell erfüllt sich dessen Prophezeihung: Als Sankt Paulianer kannst du in grünweißen Pubs kaum für dein Bier selbst bezahlen. „What ya gonna drink?“ heißt es immer wieder. Während euer Lieblingsblog relativ früh abknickt, gehen die beiden Begleiter noch auf eine Privatparty, als die dritte Glocke zur Sperrstunde gellt.

Sonnabend
Es geht nach Stirling. Am Vorabend entschieden wir uns, zum Spiel Stirling Albion FC gegen Clyde FC, einer Begegnung der viertklassigen Scottish Leage Two zu fahren. Einige Loide aus Babelsberg sowie J. von der Green Brigade und L. sind mit uns. Wer „Braveheart“ kennt, kann mit dem Ortsnamen etwas anfangen: Ein Besuch beim William-Wallace-Monument klappt zeitlich nicht mehr, dafür aber erkunden wir die Altstadt und die Festung – zumindest von außen. Nach kurzem Pub-Besuch geht es ins Forthbank Stadium, ein schmucker Bau, den wir nach einem längeren Fußmasch vorbei an einer britischen Kaserne erreichen.

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Stirling Albion FC vs. Clyde FC

Das Spiel ist spannend – besonders interessant ist vor allem, wie gegenüber auf der East Stand der Clyde-„Capo“ von Ordnern abgeführt wird. Oberkörper frei, das mögen die Offiziellen wohl nicht. Wir schmausen Pie, den wir abermals nicht bezahlen dürfen, frieren ein wenig und erleben ein leistungsgerechtes 1:1 mit zahlreichen Höhepunkten. Nach der zügigen Rückfahrt geht es auf Pub-Tour durch The Pot Still (Interessant: der deutsche Single Malt „Elbe 1“), McChuills, Tolbooth und mit der Sperrstunde auf eine private Veranstaltung mit den Jungs von United Glasgow FC, die wir schon beim Internationalen Flüchlingsgipfel kennenlernten. Die Uhr schreitet bedenklich fort, angesichts der Tatsache, dass es am Folgetag schon um etwa 8 Uhr mit dem Bus nach Inverness gehen soll.

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Zum Glück löst der Wein nicht ganz ein, was der Name verspricht.

Sonntag
Der Kopf ist etwas schwer, aber nützt ja nichts: Wir wollen unser erstes Celtic-FC-Spiel sehen. Dass eine dreieinhalbstündige Tour schon die zweitweiteste Auswärtsfahrt für die Bhoys ist, lässt uns natürlich etwas schmunzeln. Die Fahrt mit dem Bus vom Salt Market in die Highland-Stadt an der Nordsee vergeht wie im Fluge, was nicht zuletzt an der atemberaubenden Landschaft liegt, die wir durchqueren. Von einer waldigen Modelleisenbahn-Szenerie bis hin zu schneebedeckten, baumlosen Bergen ist alles dabei, dazu feinster Sonnenschein und vereinzelte Nebelfelder.

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Irgendwo im Nirgendow

Das Bier schmeckt schon wieder, während IRA-Lieder und Trash-Electro aus den Boxen dröhnen. Kurz vor Inverness fährt der Bus links ran, damit jeder seinen Alkohol im Bauch des Gefährts verstecken kann. Man fürchtet nämlich Polizeikontrollen, es wären nicht die ersten. Doch es bleibt alles ruhig. Die Heimstätte des Inverness Caledonian Thistle FC ist wundervoll gelegen: Von der Gästetribüne blicken wir auf sanfte Hügel, haben zur Rechten die Nordsee und zur Linken hinter der unfertigen vierten Tribüne eine Autobahn. Wir hängen unser minutenlang inspiziertes „Refugees Welcome“-Banner auf und sind gespannt. Es sitzt keiner der Grünweißen, auch wenn das Caledonian Stadium ein reines Sitzplatzstadion ist.

Das Spiel – naja. Celtic dominiert bekanntlich nach dem Absturz der Rangers die Liga und hat bislang noch nicht verloren in der Saision 2013/14. Auch heute soll sich das nicht ändern; ein frühes Tor durch Kris Commons entscheidet die Partie, denn danach tut sich auf beiden Seiten nicht mehr viel. Der Support ist angesichts der verbannten Green Brigade kein Meilenstein, außerdem nerven ein paar Koksköppe mit einer Vorliebe für mülligen Eurodance („Skütah!“) neben uns. Wir werden sogar aufgefordert, die deutsche Nationalhymne zu singen – nee danke.

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Das wunderschön gelegenene Caledonian Stadium in Inverness

Direkt nach Abpfiff geht es wieder in den Bus, der sich sofort in Bewegung setzt. Während einem von uns bald die Augen zufallen, erlebt der Rest einen Rave durch das Fahrzeug, der sich gewaschen hat. Das Licht geht aus, die Beats werden auf Anschlag gedreht und leuchtende Handys tanzen herum. Mit einem jungen, freudigen Celtic-Fan tauschen wir eine Mütze, dann erreichen wir auch schon wieder Glasgow. Es folgt eine knüppelharte Pub-Tour durch Tolbooth, Squirrel, Traders, Foggy Dew und Brazen Head mit viel Livemusik, unzähligen geschüttelten Händen, tausend lieben Worten und blumenvasenweise Whisk(e)y. In Erinnerung bleibt nicht alles in dieser Nacht, wohl aber C., der immer wieder (zurecht!?) betont: „St. Pauli and Celtic fans, they are special!“ Die letzte Glocke läutet, das letzte Glas wird leer, das Taxi bringt uns ins Hotel und die Augen fallen zu.

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Jede Menge kapudde Loide

Montag
Der Kopf ist noch schwerer als am Vortag, das Frühstück geht nur mit Gewalt hinunter. J., der noch länger in Glasgow bleibt, schafft es nicht aus dem Bett. S. und wir besteigen in strömendem Regen den Blus zum Edinburgher Flughafen und treten den Heimflug an. Dass wir es noch aufs Fettes-Brot-Konzert am selben Abend schaffen, ist angesichts der exzessiven Tage keine Selbstverständlichkeit.

Ihr Guten! Wir danken an dieser Stelle unserem Capo J., dem Reiseleiter S., C., den Babelsbergen und allen anderen. Einen besonderen Gruß senden wir Ph., der es leider nicht geschafft hat, mit uns auf die Reise zu gehen.

Fazit: Wir haben weder Koks noch die deutsche Hymne parat; Scots ist schwer zu verstehen, besonders wenn man westafrikanisches Englisch gewohnt ist; nicht einmal fünf Minuten kann frau flirten, weil die Typen auf der Insel doch überwiegend ganz schön hässlich sind, und wenn wir das nächste Mal Ruhe haben wollen, müssen wir wohl im Schalke-Trikot kommen. Aber wer will schon Ruhe, wenn es nach Glasgow geht.

Noch eine kleine Reisewarnung: nicht im Euro Hostel absteigen, lieber für geringfügig Geld mehr ins Jury’s Inn gegenüber.

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