Jan 262014
 

oder

Wenn Fans oder Polizei „ein bisschen frech“ werden

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Ihr Lieben,

euer (hoffentlich noch) Lieblingsblog war mal wieder umtriebig. Während der eine Teil das Viertel mit der Klobürste sauber hielt, machte sich der andere Teil (wann können wir eigentlich endlich wieder von Dritteln sprechen?) auf den Weg nach Berlin zum zweiten Fankongress. Dieser stand unter dem Motto: „Fanfreundliches Stadionerlebnis: Wie Fans den Fußball wollen“ und ist eine Veranstaltung organisiert von ProFans und Unsere Kurve.

Wir werden jetzt keinen Gesamtabriss dieser spannenden Veranstaltung liefern. Es gibt ja – erfreulicherweise – schon reichlich Medienresonanz s. Pressespiegel.
Wer sich über die Inhalte selbst intensiver informieren möchte, kann auch den ausführlichen Ticker der Veranstalter durcharbeiten.
Aber nun zu unseren persönlichen Eindrücken und Einschätzungen.

Wir fuhren am Freitag nach Feierabend los. Da wir noch einen Umweg auf uns nahmen, um einen Mitfahrer einzusacken, kamen wir doch reichlich spät in der Hauptstadt an. Randbemerkung: Man kann in so einem 9er Bus vorzüglich die ganze Fahrt schlafen, wenn einem die ganze Bank gehört und Fahrer und Beifahrer eine spannende (?) Diskussion führen, die die Wirkung eines Hörbuches hat.

Nachdem wir im Hostel eingecheckt waren (das Odyssee Globetrotter Hostel ist übrigens empfehlenswert) lotste uns der schon eher angereiste Teil der Gruppe in eine Berliner Szenebar. Für unsereins kaum auszuhalten, entwich eine kleine Schimpftirade, wie furchtbar hip und fancy der Laden doch sei, um gleich darauf in das verwirrte Gesicht des Barinhabers zu blicken. Ein paar Biere auf leeren Magen später war das Ambiente dann auch schon wieder egal.

Kennt ihr alle „Kaffee und Wein“ und seine Entstehungsgeschichte? Nur so viel sei verraten, dass wir an diesem Abend so etwas wie die Wiederholung dieser Erzählung erleben durften. Einen schönen Gruß an dieser Stelle an Herrn Matthäus Eulenmann.
Nach einem ausgiebigen und schmackhaften Burger-Mahl ging es dann ins Bett.
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Am nächsten Morgen dann doch bis zur letzten Minute im Bett geblieben, um schließlich in die Eröffnungsveranstaltung zu hetzen, die glücklicherweise auch verspätet begann. Im Anschluss konnte man sich aus verschiedenen Panels eine Veranstaltung aussuchen.

Wir entschieden uns für: „Von Profis lernen: Workshop zum Thema Medienarbeit“- passt ja irgendwie.
Dort erläuterten Jakob Rosenberg, Andrej Reisin, Dario Sarmadi und Martin Endemann zunächst die Basics von „guter Medienarbeit“, um im Anschluss zu diskutieren, ob und wie sich Fans die Medien zunutze machen können und sollten. Ging natürlich sehr um die Basics („kommentierte Kontaktliste anlegen“, „wie sollte eine Pressemitteilung aufgebaut sein“), aber auch ein guter Austausch zu unterschiedlichen Erfahrungen und Meinungen. Nicht revolutionär, aber eine gute Bestätigung dafür, dass in der Medienarbeit der Fanszene noch sehr viel Luft nach oben ist.

Im Anschluss folgte ein zentrales Mittagessen, was dazu Raum gab, einander kennenzulernen – die Verpflegung war insgesamt sehr gut, da muss man auf manchen „kommerziellen“ Konferenzen mit weniger Lecker auskommen.
Für das Nachmittagprogramm entschieden wir uns für „Raus aus dem Trott – Die Zukunft der Fanvertretung in Gefahr?“ In diesem Panel wurden zunächst die unterschiedlichen Möglichkeiten von (insbesondere überregional vernetzter) Fanvertretung mitsamt der Vor- und Nachteile vorgestellt, um sich darüber im Anschluss auszutauschen. Der Fokus lag dabei auf den Organisationen ProFans und Unsere Kurve. Ein extrem gutes und wichtiges Thema.

Einerseits ist in Deutschland bereits ein hoher Grad an Organisiertheit erreicht worden und es wird durchaus stetig und mit hohem persönlichen Einsatz der Ehrenamtlichen für die Interessen der Fans eingetreten. Andererseits existieren große Herausforderungen für die Zukunft. Eine liegt sicherlich gerade in der Problematik, dass nachhaltige Arbeit zurzeit nur über Selbstausbeutung der beteiligten Personen möglich ist, und das über möglichst lange Zeiträume, um personelle Kontinuität zu erreichen. Kennen wir ja zur Genüge auch auf lokaler Ebene.

Dem gegenüber steht ein sich zunehmend weiter professionalisierendes Umfeld bei den Verbänden und ein erhöhter Druck durch die Interessen von Seiten der Politik und Polizei als Folge der immer höheren gesellschaftlichen und ökonomischen Relevanz des Fußballs. Gleichzeitig war bereits die Vergangenheit mehr von Abwehrkämpfen, als von Aktionen für eine effektive Verbesserung der Situation der Fans geprägt. Engagement, als dessen Ergebnis bestenfalls die Abwendung einer weiteren Verschlechterung steht, nutzt nicht nur die Motivation der Aktivisten ab, sondern lässt sich auch schwer kommunizieren. Sicherlich auch ein Grund dafür, dass die betreffenden Organisationen außerhalb der „aktiven“ Fans keine besonders hohe Reichweite haben, obwohl gerade Unsere Kurve hunderttausende Menschen repräsentiert.

Ein weiteres und nicht zu unterschätzendes Problem ist ein eher internes – wie geht man mit politisch fragwürdigen und ggf. auch gewalttätigen Gruppen um? Ist die Einbindung einer Grauzone eine Chance oder wertet das diese Gruppen unnötig auf? Will man wirklich mit Leuten an einem Tisch sitzen und gemeinsame Fanpolitik betreiben, von denen beim nächsten Spiel Angriffe zu erwarten sind und die rechtsgerichtete Personen in ihren Reihen akzeptieren?

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Die Veranstaltung konnte diese Punkte in den vorgesehenen 90 Minuten leider nicht ansatzweise erschöpfend aufarbeiten. Dafür war nicht nur die Zeit zu kurz, sondern auch die Vorkenntnisse der Teilnehmer zu unterschiedlich. Auf eine etwas längliche Einführung in die Organisationen und die vergangene und derzeitige Arbeit folgte eine Art Frage- und Feedback-Runde, in der verschiedene der Punkte angerissen wurden, ohne allerdings konkreten Output zu liefern. Interessant war die sehr ablehnend wirkende Reaktion auf den Vorschlag hauptamtlichter Strukturen, erscheint das doch in Hinblick auf manche der oben genannten Herausforderungen als eine logische Konsequenz, die eine Diskussion wert wäre.

Unterm Strich war auch diese Veranstaltung interessant und hat Denkanstöße gegeben. Richtig prägnant und greifbar war sie aber nicht. Wahrscheinlich wäre eine andere Herangehensweise mit klareren Fragestellungen sinnvoller gewesen. Die Aktivisten auf dem Podium sind ja nicht blöd, die meisten Anregungen und Kritiken aus dem Plenum werden ihnen bereits bekannt gewesen und wahrscheinlich auch tiefer diskutiert worden sein, als das in so einer Veranstaltung passieren kann.

Es folgte ein Kuchenschmaus und der Abschluss des Arbeitsteils am Sonnabend in Form der zentralen Podiumsdiskussion „Fußballfans & Polizei: Getrennt in den Farben, getrennt in der Sache?“ Teilnehmer waren unter anderem namhafte Personen wie Prof. Dr. Thomas Feltes, Gerd Dembowski sowie der Sicherheitsbeauftragte des DFB Hendrik Große-Lefert.

Hier ein paar Zitate:
Bernd Heinen (Bundespolizei (?), Vorsitzender des NASS): „Man muss sich mal ansehen, wieviele Personen Herr Wendt wirklich vertritt.Und warum er trotzdem immer wieder in den Medien ist.“

[aus dem Plenum:] „Warum reden Sie von Grundgesetz, wenn ich erlebe, wie Kollegen von mir sich im Container Nacktkontrollen unterziehen müssen?“

Prof. Dr. Albert Scherr: „Ich habe mir vorgenommen, heute nicht nur Polizeikritik zu üben. Aber das fällt mir immer schwerer.“

Ihr seht, es gab einiges zu hören. Der Höhepunkt war aber wohl der Redebeitrag von T., Mitglied der St. Pauli Mafia und ursprünglich aus Manchester. Sein Vergleich der Verhältnisse in England und Deutschland und sein Appell zu einer auch optischen Abrüstung der Polizei schaffte es in diverse Zeitungsberichte und findet sich auch in unserer Unter-Überschrift wieder.

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Es muss wirklich positiv gesehen werden, dass sich überhaupt zwei Vertreter der Polizei der Diskussion gestellt haben. Dabei zeigte Hans-Ulrich Hauck (Leiter Direktion 2, Polizei Berlin, verantwortlich unter anderem für Einsätze am Olympiastadion) eine fast schon altersmilde wirkende Offenheit und machte pragmatische Angebote für den Alltag – ob das auch praktische Folgen hat, werden die Berliner Fans herausfinden müssen. Die besten Erfahrungen hat man als Auswärtsfan mit den bei der Hertha eingesetzten Polizisten eher nicht gemacht, die bei Union waren allerdings regelmäßig noch schlimmer. An Bernd Heinen konnte man hingegen gut beobachten, warum zwischen Polizei und Fans weitestgehende Sprachlosigkeit herrscht. Das ist an anderer Stelle schon ausreichend ausgeführt worden, in jedem Fall liegt dort noch ein langer Weg vor den beteiligten Parteien.

Am Morgen angekündigt unter der Bedingung, dass kein einziger Sticker oder Spucki auf dem Veranstaltungsgelände verklebt werde, folgte nach dem Abendessen dann der bierige Abschnitt des Fankongresses. Der wurde dann noch in verschiedene Bars verlagert, in denen sich ein schönes Bild abzeichnete.

Denn auch wenn wir alle in den Farben getrennt sind und den einen oder anderen sicherlich auch unter normalen Umständen mit dem Arsch nicht ansehen würden, verbindet einen doch eine gemeinsame Stoßrichtung. Sowohl im offiziellen wie im informellen Teil des Fankongresses haben wir diese überwiegend fair diskutiert. Und dass die Saalefront sich mittlerweile als „unpolitisch“ sieht, kann man ja fast als Fortschritt festhalten …

Der Sonntag begann mit einem Grußwort vom DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig, aus dem wir besonders freudig entnahmen, dass die DFL zukünftig mehr in die Arbeit gegen Rechts investieren werde, da der Schlüssel in dem Kampf in der Bildung liege. Für Projekte in diesem Bereich sollen zunächst 500.000 Euro pro Saison bereitgestellt werden. Rettig schloss seine Rede mit „Nazis raus“ und erntete dafür doch einen ordentlichen Applaus. Wir fragen uns, ob Rettig einfach nur ein berechnender Politiker ist oder ob tatsächlich einige positive Gedanken in ihm stecken. Und ob die Leute aus Halle mit applaudierten, fragen wir uns auch. Das konnten wir leider nicht sehen.

Die darauffolgende Podiumsdiskussion „Auf den Rängen: Hier bestimmen wir! Grenzen und Chancen von Selbstregulierung in Bezug auf Anti-Diskriminierung“ wurde für unseren Geschmack etwas zu früh beendet, denn als sich Vertreter aus Halle zu Wort meldeten, fing es an, erst so richtig spannend zu werden. Interessante Statements zum Thema Selbstregulierung kamen hier unter anderem von Leuten aus Siegen und von Union. Der Vertreter des Fanverbands von Aachen versuchte was fürs Image zu tun und berichtete von Lichterketten und ähnlichen Veranstaltungen „gegen Extremismus“, musste sich aber völlig zurecht fragen lassen, wo denn seine „99%“ waren, als ACU aus der Kurve geprügelt wurde. Sven B. lieferte ebenfalls einen Beitrag, bei dem – man höre und staune – die Video-Überwachung im Stadion als Hindernis der Selbstregulierung genannt wurde.

Es folgte noch eine Zusammenfassung aller Veranstaltungen und dann ging es quasi auch schon wieder Richtung Hamburg. Auf der Rückfahrt vertrieben wir uns die Zeit mit dem Live-Ticker der haesvau-emvau. Ihr wisst ja jetzt, welche „Wert-„Papiere ihr das nächste Mal zum Schrottwichteln besorgt.

Was bleibt für uns vom Fankongress 2014? Zunächst wollen wir noch einmal den Hut vor dem Orga-Team des Fankongresses 2014 ziehen. Durch ihr intensives ehrenamtliches Engagement haben sie eine großartige Veranstaltung geschaffen, von dem wir uns unbedingt weitere Auflagen wünschen, am liebsten jährlich.

Man muss aber auch klar sehen, was so ein Kongress leistet (leisten kann?) und was nicht. In allererster Linie liegt sein Wert sicherlich in der Symbolik. Dass über 700 Fans selbstorganisiert zusammenkommen, diskutieren und arbeiten und auch Verbände, Wissenschaftler und selbst die Polizei einbinden, ist ein Wert an sich. Die Ernsthaftigkeit, Disziplin, Selbstkritik und Fairness in der Zusammenarbeit und bei den Diskussionsveranstaltungen konterkariert das in der öffentlichen Meinung oft vorherrschende Bild der nur mit dem Schlagstock zu bändigenden Horden. Was für ein Unterschied zur unqualifizierten, populistischen und brandgefährlichen Hetze der Polizeigewerkschaften und einiger Politiker, wie viel offener und reflektierter als die Verbände und manche Vereine!

Weitere Pluspunkte sind die Möglichkeiten des informellen Informationsaustauschs und der Vernetzung mit anderen Fans und Aktivisten, sowohl auf der Veranstaltung als auch bei der „Nachbereitung“ in den Kneipen.

An seine Grenzen stößt das Konzept bei der Erarbeitung konkreter Inhalte und Ergebnisse. Als Motto wurde „Fanfreundliches Stadionerlebnis: Wie Fans den Fußball wollen“ ausgegeben – eine greifbare Antwort darauf entstand aber unserem Eindruck nach nicht. Hier wurde verpasst, eine Agenda zu setzen und dem Event ein greifbares Resultat zu geben. Die Frage ist natürlich, ob das in der aktuellen Organisationsform überhaupt möglich ist. Die – unserer Meinung nach unverzichtbare – Offenheit des Kongresses für alle Interessierten, die dem Grundkonsens hinsichtlich Rassismus usw. zustimmen, bewirkt auf der anderen Seite natürlich auch höchst unterschiedliche Wissensstände der Teilnehmer und wirft Fragen hinsichtlich der Repräsentanz auf. Das sind aber sicherlich Probleme, die man organisatorisch in den Griff bekommen könnte.

Immer wieder neu verhandelt werden muss, wie scharf man sich gegenüber problematischen Gruppen abgrenzen will und muss. Ein Minenfeld und eine klare Antwort ist leider nicht möglich. Integration wie Abgrenzung haben ihre Vor- und Nachteile. Klar dürfte sein, dass Gruppen wie die Karlsbande und jeder, der sich nicht klar und vor allem auch praktisch von Rassisten, Nazis und anderem Dreck distanziert, nicht akzeptiert werden können. Die Grauzone ist dann aber leider groß und vielfältig.

Unterm Strich war es ein absolut harmonisches, spannendes, interessantes und kurzweiliges Wochenende. Wir freuen uns schon aufs nächste Mal!

Vielen Dank an S.G. für seine Mitarbeit an diesem Blogartikel.

Jan 142014
 

Liebe Leser,

nun melden wir uns zum ersten Mal als das auf zwei Köpfe reduzierte Blog. An dieser Stelle wünschen wir dem scheidenden Vater unserer schönen Netzpostille alles Gute und vermissen ihn jetzt schon. In weiteren Sentimentalitäten möchten wir hier nicht schwelgen, das kriegt Senior schon persönlich auf den Weg. Außerdem kommen immer wieder große Herausforderungen auf uns zu – es ist auch wirklich nicht eben wenig, was da auf den Straßen der Stadt passiert. Das führt uns zum Thema.

Wir haben nicht allzu viel in den letzten Tagen von uns gegeben. Seitdem das Gefahrengebiet am 4. Januar wirksam wurde, war täglich kreativer Protest gefragt. Da ist es nicht so unseres, sich hinter den Rechner zu klemmen und halbkluge Sachen in die Tasten zu hämmern, die schon am nächsten Tag keinen Bestand mehr haben. Nun aber ist es wieder Geschichte, das GröGaZ, und auch die „Gefahreninseln“ sind wieder im Meer der Geschichte verschwunden.

Und nu?

Olaf, Michael, Wolfgang – wer auch immer nun wirklich diesen Mist ausgeheckt hat – der Griff ins Klo war tiefer als der von Meister Röhrich in „Werner – Beinhart!“. Das solltet ihr bei der ganzen Negativpresse der vergangenen Tage irgendwie selbst gemerkt haben. Grundgütiger! Neben selbst konservativen Stimmen auch noch die US-Botschaft gegen sich aufzubringen, dazu gehört schon verdammt viel Hirnschiss. Sucht euch am besten baldestmöglich einen sonnigen Platz in irgendeinem Aufsichtsrat oder freut euch auf die Pension. Etwas besseres als den Rücktritt könnt ihr der Stadt nicht mehr bieten.

Altona, Schanze, Sankt Pauli – das war ein bisschen geil. Einen kreativen Protest wie diesen, bunt und vielfältig, das haben wir lange nicht erlebt. Dass es angesichts so vieler stinkiger Menschen auf der Straße kaum zu Entgleisungen der Zivilisten kam, finden wir positiv bemerkenswert. Was nicht bedeutet, dass nicht doch immer mal ein paar Dummbatzen auf die Idee kommen, ohne Not eine Flasche, einen Stein oder einen Böller zu schmeißen. Aber auf die Gesamtheit der Gegängelten und Gedemütigten gerechnet, kann man nicht von einer Gewalt suchenden Szene sprechen.

Die Klobürste… schöner kann man eine derart absurde Maßnahme seitens der Behörden nicht ins Lächerliche ziehen. Mit diesem Widerstandssymbol haben sich die Guten in Hamburg selbst ein Denkmal gesetzt. Und letztlich hat die Klobürste ihren Zweck erfüllt und die Gefahrenscheiße aus der Stadt geschrubbt. Wer noch einmal auf die Idee kommen sollte, ein solches Monstrum zu installieren, soll wissen: Wir werden die Klobürste wieder ausgraben. Seid also gewarnt!

Das bringt uns zu einem wichtigen Punkt: Spätestens jetzt muss dringend die Frage gestellt werden, wie es sein kann, dass sich in der Hamburger Polizei Legislative und Exekutive derartig vermischen. Richterlicher Beschluss? Initiative des Parlaments? Wozu, wenn man ein Polizeigesetz wie in Hamburg hat. Nein, so kann es ganz gewiss nicht weitergehen. Unser Jurist ist just in diesem Moment nicht mehr am Ruder, deswegen lehnen wir uns nicht so weit aus dem Fenster. Aber wir können nur inständig hoffen, dass Lehren aus diesem Desaster gezogen werden und wieder so etwas wie Gewaltenteilung in der Hansestadt einzieht.

Eine Lehre sollten die Ereignisse des 28. Dezember auch für die lokalen, regionalen und überregionalen Medien sein. Haben euch Streiber und seine listige Bande so richtig schön verarscht, dass ihrs irgendwann selber gemerkt habt, wie? Polizeimeldungen sind nicht identisch mit der Wahrheit, das sollte jetzt auch in dem dümmsten oder bequemsten Journalistenschädel angekommen sein. Großes Lob hingegen an die Kollegen von Mittendrin, die die etablierte Presse mit ihrem Elan und ihrer Gewissenhaftigkeit ganz schön alt aussehen lassen.

Vor allem aber ist es jetzt, nachdem der Sekt geleert ist, an der Zeit, zu den Problemkernen der Stadt zurückzukehren. Viel zu sehr ließ die Debatte über Gewalt und Gewaltverzicht die grundlegenden Themen in den Hintergrund treten. Ja, wir haben große politische Probleme in Hamburg, und das sind zweifellos solche Felder wie Wohnungsnot, Verdrängung, Ignoranz gegenüber Menschen mit geringem Einkommen und der fehlende politische Wille, einen Gegenentwurf für das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik zu liefern.

Es sind sehr unterschiedliche Themen, die am 21. Dezember und auch jetzt am 18. Januar auf dem Programm der Demonstrationen stehen. Uns scheint es oft zielführender, wenn sich solche politische Veranstaltungen auf einen kleineren Komplex beschränken. Doch das Gefühl, keine Recht auf diese Stadt zu haben, das vereint viele Menschen.

Wir betonen: viele. Nicht alle. Am eigenen Leibe durften wir feststellen, dass einige gute Leute in der Betrachtung selbst elementarer Dinge weit von dem abweichen, was wir für richtig halten. Von den Kommentarspalten der Zeitungen wollen wir gar nicht erst sprechen. Vergessen wir das nicht! Sind wir wirklich mehr? In vielen Fragen nicht. Es bleibt wichtig, miteinander zu reden und auch einige derjenigen ins Boot zu holen, von denen wir uns am liebsten gleich wieder abwenden würden, wenn sie den Mund aufmachen. Wir kommen nicht weiter, wenn wir nur unser eigenes Süppchen kochen und große Teile der Bevölkerung für dumm erklären.

Und dennoch, dieser unsägliche Senat tut verdammt wenig dagegen, dass sich eine Menge Hamburger ausgegrenzt und ignoriert fühlen. Bleiben wir beim kulinarischen Bild: Die versalzene Suppe wird die Kaspertruppe im Rathaus noch ausschlürfen müssen. In der einen Hand die Klobürste, reichen wir mit der anderen gern den Löffel.

Jan 132014
 
Liebe Leser, 
14 Jahre habe ich nun Texte ins Internet gestellt. Zuerst bei meinem ehemaligem Fanclub, nun seit über fünf Jahren hier. Mehrfach schon habe ich mal Pausen gemacht. Nun jedoch möchte ich das Projekt magischerfc.de für mich endgültig beenden. 
Das heißt nicht, dass magischerfc.de damit Geschichte ist, denn immerhin gibt es ja hier noch zwei andere sehr talentierte und gute Macher. In welcher Form das ganze weitergeführt wird, ist also deren Sache. Es wird aber weitergeführt werden.
Natürlich hat so ein Abschied Gründe. Viele Gründe, auf die ich nicht alle eingehen mag. Trotzdem seien mir ein paar Worte zum Abschied erlaubt.
Es bleibt nicht aus, dass man sich Feinde macht, und es bleibt auch nicht aus, dass man mal Fehler macht. Man lese nur die ersten Kolumnen durch, die ich so 2000 geschrieben habe. Da sind Texte bei, die würde ich heutzutage niemals mehr so schreiben. Nicht mal die Texte von 2008 gefallen mir wirklich noch. Man ändert sich halt. 
Diese Feststellung tut jedem Menschen weh. Und Selbstreflektion ist sowieso nicht die Stärke des Homo Sapiens. Jeder sollte sie aber machen. Und noch etwas sollten viele Menschen endlich mal begreifen: Es ist nur das Internet, es ist nur Fußball. „No wisdom, just football“ haben wir mal als Spruch gebracht. Das hat schon Sinn. Nehmen wir uns und insbesondere unsere Meinung doch deutlich weniger wichtig. Ich kann mich leidenschaftlich über Pyro, Politik oder Ultras streiten, aber fünf Minuten später trinken wir gemeinsam ein Getränk, liegen uns in den Armen und sage „Hey, das ist St. Pauli.“
Ja, solche Menschen habe ich kennen gelernt und ich möchte sie auch nie wieder missen. Menschen, mit denen man streiten und lachen kann. Innerhalb von fünf Minuten. 
Namen möchte ich nicht nennen. Es sind viele. Es sind diese, die den besonderen Geist von St. Pauli ausmachen. Wir müssen uns nicht immer grün sein, aber wir müssen uns zuhören und wir müssen voneinander lernen. Und wenn ich Menschen sehe, die sich weiterentwickeln, dann bin ich stolz. Stolz auf das, was der FCSP aus ihnen gemacht hat. Oder glaubt, ihr ein Junge aus Poppenbüttel hätte diesen Erfahrungs- und Wissenshorizont, wenn er nicht zum FCSP ginge
Ich habe aber leider auch die andere Seite kennengelernt. Menschen, die eine Halbsatz nicht lesen können, die andere Meinungen nicht akzeptieren wollen und die nur mit dem Herz und nie mit dem Verstand argumentieren oder auch andersherum. Nicht meine Welt, und es wäre alles noch in Ordnung, wenn man einfach feststellt, dass es nicht geht. Man geht dieser Person in Diskussionen aus dem Weg und gut ist. Passiert. 
Belastend wird es aber dann, wenn man mitbekommt, dass dies Kreise zieht und Menschen kategorisiert werden. So nach dem Prinzip. „Du hast mal was gut gefunden bei dem, deswegen spreche ich nicht mehr mit dir.“ Da ist meines Erachtens ein gehöriges Maß an Überschätzung meines Geschreibsels drin und eine zu große Fraktionierung der Welt. 
Niemand sollte das hier 100 Prozent gut finden. Es war meine Meinung. Im schlechtesten Fall sagte man:Ich bin anderer Meinung, Norbert ist doof.Im besten Fall sagte man:Oh, ich denke da noch mal drüber nach und bilde mir meine Meinung.“ Ich bin nicht die Bildzeitung. Ich bilde keine Meinung. Das BadReligionZitat ist schon bewusst da vorne auf der Startseite abgedruckt. Aber vielleicht hätte ich es über jeden Bericht, über jeden Tweet und über jeden Facebook-Eintrag drucken sollen. 
Und letztendlich kann man mal meiner Meinung sein und mal nicht. Man kann mich nett finden, obwohl man nie meiner Meinung ist, oder mich doof finden, obwohl man immer meiner Meinung ist. Man sollte sich sowieso davor hüten, Menschen mit Ettiketen wie „aktiver Fan“ in Schubladen zu packen. Oder in Teams. 
Sowieso: Twitter und Facebook sind gute Erfindungen. Man kann sich kaum besser vernetzen und auch über diese Medien sehr viel lernen und hinterfragen. Sie sind aber auch Geißeln unserer Zeit. Anscheinend meinen Leute wirklich, dass Twitter das Leben ist. 140 Zeichen sind nix. Und daher ist auch Twitter nix. Außer einem netten Zeitvertreib und manchmal ein nützliches Werkzeug. Aber vergesst nie, das Leben da draußen. Lernt Freunde über Twitter kennen, aber verliert keine Freunde wegen Twitter. 
Allgemein sollten sich viele Leute überlegen, ob es Sinn des Lebens ist, alles vor dem Rechner zu kommentieren. Immer wieder hat man das Gefühl, dass es Leute gibt, die zwar gegen die Gesamtscheiße sind, aber anstatt auf der Straße (im Plenum, wo auch immer) gegen diese Gesamtscheiße zu kämpfen, lieber kritisieren, auf welche Weise andere gegen die Gesamtscheiße sind. Und zwar nicht mehr auf eine konstruktivkritische Art, sondern mit einer Emotion, die ich nicht nachvollziehen kann. Leben und Handeln heißt Fehler machen. Nur wer nix macht, macht nix verkehrt. Und Menschen sind nun mal nicht perfekt. Keiner von uns. 
Ich habe darüber hinaus immer weniger Lust, mir Abende in irgendwelchen Gremien, Vereinen, Tresen oder Gruppen um die Ohren zu schlagen. Das mache ich den ganzen Tag beruflich. Die eigene sportliche Betätigung bringt da mehr Spaß und ich ziehe sie immer häufiger vor. Dementsprechend ist man auch nicht mehr so drin im Viertel. Hat da jemand was von „alt werden“ gesagt?
Und darunter leiden natürlich auch die Qualität und Anzahl meiner Berichte. So schweigt dieses Blog zum Gefahrengebiet auch deswegen, weil einfach die Zeit fehlt. Und die Lust, sich durch ein 34seitiges Urteil zu kämpfen. Früher (TM) hätte ich mich da sofort drauf gestürzt und stundenlang das verarbeitet. Heute sind andere Blogs einfach schneller und besser als ich. 
Und so höre ich nach 14 Jahren auf, ein Blog oder Tagebuch oder ähnliches zu schreiben. Es war eine superschöne Zeit und ich werde sie missen. Werde die ganzen Touren mit lieben Menschen missen und den immer mitschwingenden Gedanken: Was kannst du daraus Lustiges machen? 
Aber das hier ist ein Hobby. Und Hobby soll laut Wikipedia dem Lustgewinn und der Entspannung dienen (warum noch mal gehen wir eigentlich zum Fußball?). Und wenn dies nicht mehr da ist, sollte man ein Hobby beenden. 
Und für das InsInternetschreiben gilt sowieso: Lieber beenden, wenn man noch vermisst wird. Nicht weitermachen, wenn einen Leute schon mit Steinen bewerfen. 
Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß und ich bin mir sicher, dass ihr viele gute Dinge hier an dieser Stelle lesen werdet. Nur eben nicht mehr von mir. Vielen Dank an euch alle, liebe Leser.
Möge uns der Himmel nicht auf den Kopf fallen. 
Norbert
Jan 022014
 

oder

Zu Tode frittiert

Liebe Loide,

nun ist es passiert – euer Lieblingsblog war auf der Insel und besuchte die Freunde beim FC United of Manchester und beim Celtic FC. Von den lustigen Begebenheiten in Anglia und Scotia wollen wir euch hier berichten.

Donnerstag
Es ist „Boxing Day“, der zweite Weihnachtsfeiertag, der im Vereinigten Königreich traditionell für Sportveranstaltungen genutzt wird. Das Ziel: Ein Abstecher nach Manchester, um dort ein Auswärtsspiel des FCUM und mehr zu genießen; anschließend soll es weiter nach Glasgow gehen. Wir fliegen am Vormittag zusammen mit J., treffen nach unspektakulärem Flug gegen Mittag auf S., der zuvor schon in Irland war und u.a. Cliftonville FC bei einem Heimspiel in Belfast besucht hatte. Der Weg zum Hotel ist aufgrund des Feiertags und der nicht fahrenden Bahnen arg erschwert, daher gönnen wir uns ein Taxi, um uns kurz ins Hotel zu begeben, und machen uns schon bald per Bus auf in den Vorort Asthon-under-Lyne. Dort soll United auf Ashton United FC treffen

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Hurst Cross in Ashton-under-Lyne

Ein Pub-Besuch ist ein Muss vor einem Spiel in UK, denn Alkohol wird in den Stadien in der Regel nicht ausgeschenkt oder kann zumindest nicht auf die Tribüne mitgenommen werden. Wir entern nach dem Weg den „Cowhill“ hinauf also eine Lokalität, in der Sauna-Atmosphäre herrscht. Egal, kurz ein Guinness hinuntergestürzt, und auf geht’s auf die Stufen von Hurst Cross, dem Stadion von Ashton United. Da es sich bei der Northern Premiere League Premiere Division um die siebte englische Liga handelt, gibt es hier sogar noch Stehplätze. Bemerkenswert ist ein spezieller „Stehplatz“ von Hurst Cross, denn die Herren der Schöpfung können hinter einer halbhohen Mauer pinkeln und noch das Spiel betrachten.

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Ein besonders zutraulicher FCUM-Fan

Zusammen mit Wee-A. und L., alten Freunden von S. und J., die extra aus Glasgow anreisen, erleben wir ein spannendes Spiel. Der Support der FCUM-Fans ist für die siebte Liga phänomenal, auch zahlenmäßig wird das Stadion von den Reds dominiert. Leider ist das Ergebnis verkehrt – ein dummer Handelfmeter samt roter Karte gegen FCUM löst die Wende ein. Ob wir Pech mitbringen? Wie dem auch sei, wir amüsieren uns gut. Der typische Manchester-Pie Chips im Stadion mundet übrigens ganz vorzüglich, auch wenn wir sehr lange darauf warten müssen. Erinnerungen an überforderte Gastvereine aus der Zeit, als der magische FC noch in der Regionalliga kickte, kommen hoch. Anschließend gibt es noch ein Bier im Social Club von Ashton, wo wir das erste Mal – natürlich positiv – von FCUM-Fans auf unsere Sankt-Pauli-Utensilien angesprochen werden.

Den Abend in Manchester verbringen wir mit vorzüglichen Fish & Chips und dem einen oder anderen Pint. Es ist für uns gar nicht so leicht, das „Village“ zu finden, aber große Party-Ambitionen haben wir eh nicht mehr an diesem Abend. In der Hotelbar ist für uns noch weit vor der Sperrstunde Sense.

Freitag
Zweite wichtige Station in Manchester ist das National Football Museum. Es befindet sich erst seit einem guten Jahr an seinem aktuellen Standort und ist in entsprechend frischem Zustand. Für lau bietet das Museum eine überwältigende Fülle an interessanten Aspekten und Exponaten – von der Geschichte des Sports über individuelle Geschichten bis hin zu Fußball für Randgruppen wird fast alles Wichtige abgedeckt und ansprechend aufbereitet. Viele interaktive und mediale Angebote ergänzen die Ausstellungen.

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Hochkultur und so

Wir vermissen allerdings zwei Dinge:
Erstens wird der Konflikt von Fankultur vs. „moderner Fußball“ im UK nach Hillsborough weitgehend ausgeblendet. Dass ein offizielles nationales Museum, das freien Eintritt bietet und somit finanziell von „der Obrigkeit“ abhängt, den Klatschpappenfußball mehr oder weniger glorifiziert, verwundert nicht besonders.
Zweitens erscheint das National Football Museum zuweilen unstruktiert. Ein roter Faden durch die verschiedenen Ebenen der Ausstellung ist kaum erkennbar, sodass wir hauptsächlich Schlaglichter erleben. Auch das ist angesichts der Materialfülle und des Umfangs des Themas „Fußball“ nicht allzu überraschend.

Nach dem mehrstündigen Museumsbesuch wird fleißig bei Sport Direct geshoppt, gefuttert und getrunken. Gegen späteren Nachmittag geht unser Zug nach Glasgow, der nicht ohne Panne bleibt. Beim Umsteigen in Preston fehlt ein Fahrer für den Anschlusszug, der entsprechend nicht losfahren kann. Mit etwas Geduld und Whisky – Alkohol auf der Straße ist in UK häufig verboten, nicht jedoch im Zug – bestehen wir die Geduldsprobe. Außerdem holt der Zug einiges an Verspätung wieder rein.

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Gibt es ein richtiges Leben im Failte?

In Glasgow angekommen, beziehen wir Quartier, stärken uns mit Battered Haggis, Pizza und Fritten und eilen gleich weiter ins Failte. Dort warten Livemusik und einige Bekannte unseres Celtic-Veteranen S. auf uns, außerdem eine Gruppe Babelsberger. Schnell erfüllt sich dessen Prophezeihung: Als Sankt Paulianer kannst du in grünweißen Pubs kaum für dein Bier selbst bezahlen. „What ya gonna drink?“ heißt es immer wieder. Während euer Lieblingsblog relativ früh abknickt, gehen die beiden Begleiter noch auf eine Privatparty, als die dritte Glocke zur Sperrstunde gellt.

Sonnabend
Es geht nach Stirling. Am Vorabend entschieden wir uns, zum Spiel Stirling Albion FC gegen Clyde FC, einer Begegnung der viertklassigen Scottish Leage Two zu fahren. Einige Loide aus Babelsberg sowie J. von der Green Brigade und L. sind mit uns. Wer „Braveheart“ kennt, kann mit dem Ortsnamen etwas anfangen: Ein Besuch beim William-Wallace-Monument klappt zeitlich nicht mehr, dafür aber erkunden wir die Altstadt und die Festung – zumindest von außen. Nach kurzem Pub-Besuch geht es ins Forthbank Stadium, ein schmucker Bau, den wir nach einem längeren Fußmasch vorbei an einer britischen Kaserne erreichen.

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Stirling Albion FC vs. Clyde FC

Das Spiel ist spannend – besonders interessant ist vor allem, wie gegenüber auf der East Stand der Clyde-„Capo“ von Ordnern abgeführt wird. Oberkörper frei, das mögen die Offiziellen wohl nicht. Wir schmausen Pie, den wir abermals nicht bezahlen dürfen, frieren ein wenig und erleben ein leistungsgerechtes 1:1 mit zahlreichen Höhepunkten. Nach der zügigen Rückfahrt geht es auf Pub-Tour durch The Pot Still (Interessant: der deutsche Single Malt „Elbe 1“), McChuills, Tolbooth und mit der Sperrstunde auf eine private Veranstaltung mit den Jungs von United Glasgow FC, die wir schon beim Internationalen Flüchlingsgipfel kennenlernten. Die Uhr schreitet bedenklich fort, angesichts der Tatsache, dass es am Folgetag schon um etwa 8 Uhr mit dem Bus nach Inverness gehen soll.

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Zum Glück löst der Wein nicht ganz ein, was der Name verspricht.

Sonntag
Der Kopf ist etwas schwer, aber nützt ja nichts: Wir wollen unser erstes Celtic-FC-Spiel sehen. Dass eine dreieinhalbstündige Tour schon die zweitweiteste Auswärtsfahrt für die Bhoys ist, lässt uns natürlich etwas schmunzeln. Die Fahrt mit dem Bus vom Salt Market in die Highland-Stadt an der Nordsee vergeht wie im Fluge, was nicht zuletzt an der atemberaubenden Landschaft liegt, die wir durchqueren. Von einer waldigen Modelleisenbahn-Szenerie bis hin zu schneebedeckten, baumlosen Bergen ist alles dabei, dazu feinster Sonnenschein und vereinzelte Nebelfelder.

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Irgendwo im Nirgendow

Das Bier schmeckt schon wieder, während IRA-Lieder und Trash-Electro aus den Boxen dröhnen. Kurz vor Inverness fährt der Bus links ran, damit jeder seinen Alkohol im Bauch des Gefährts verstecken kann. Man fürchtet nämlich Polizeikontrollen, es wären nicht die ersten. Doch es bleibt alles ruhig. Die Heimstätte des Inverness Caledonian Thistle FC ist wundervoll gelegen: Von der Gästetribüne blicken wir auf sanfte Hügel, haben zur Rechten die Nordsee und zur Linken hinter der unfertigen vierten Tribüne eine Autobahn. Wir hängen unser minutenlang inspiziertes „Refugees Welcome“-Banner auf und sind gespannt. Es sitzt keiner der Grünweißen, auch wenn das Caledonian Stadium ein reines Sitzplatzstadion ist.

Das Spiel – naja. Celtic dominiert bekanntlich nach dem Absturz der Rangers die Liga und hat bislang noch nicht verloren in der Saision 2013/14. Auch heute soll sich das nicht ändern; ein frühes Tor durch Kris Commons entscheidet die Partie, denn danach tut sich auf beiden Seiten nicht mehr viel. Der Support ist angesichts der verbannten Green Brigade kein Meilenstein, außerdem nerven ein paar Koksköppe mit einer Vorliebe für mülligen Eurodance („Skütah!“) neben uns. Wir werden sogar aufgefordert, die deutsche Nationalhymne zu singen – nee danke.

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Das wunderschön gelegenene Caledonian Stadium in Inverness

Direkt nach Abpfiff geht es wieder in den Bus, der sich sofort in Bewegung setzt. Während einem von uns bald die Augen zufallen, erlebt der Rest einen Rave durch das Fahrzeug, der sich gewaschen hat. Das Licht geht aus, die Beats werden auf Anschlag gedreht und leuchtende Handys tanzen herum. Mit einem jungen, freudigen Celtic-Fan tauschen wir eine Mütze, dann erreichen wir auch schon wieder Glasgow. Es folgt eine knüppelharte Pub-Tour durch Tolbooth, Squirrel, Traders, Foggy Dew und Brazen Head mit viel Livemusik, unzähligen geschüttelten Händen, tausend lieben Worten und blumenvasenweise Whisk(e)y. In Erinnerung bleibt nicht alles in dieser Nacht, wohl aber C., der immer wieder (zurecht!?) betont: „St. Pauli and Celtic fans, they are special!“ Die letzte Glocke läutet, das letzte Glas wird leer, das Taxi bringt uns ins Hotel und die Augen fallen zu.

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Jede Menge kapudde Loide

Montag
Der Kopf ist noch schwerer als am Vortag, das Frühstück geht nur mit Gewalt hinunter. J., der noch länger in Glasgow bleibt, schafft es nicht aus dem Bett. S. und wir besteigen in strömendem Regen den Blus zum Edinburgher Flughafen und treten den Heimflug an. Dass wir es noch aufs Fettes-Brot-Konzert am selben Abend schaffen, ist angesichts der exzessiven Tage keine Selbstverständlichkeit.

Ihr Guten! Wir danken an dieser Stelle unserem Capo J., dem Reiseleiter S., C., den Babelsbergen und allen anderen. Einen besonderen Gruß senden wir Ph., der es leider nicht geschafft hat, mit uns auf die Reise zu gehen.

Fazit: Wir haben weder Koks noch die deutsche Hymne parat; Scots ist schwer zu verstehen, besonders wenn man westafrikanisches Englisch gewohnt ist; nicht einmal fünf Minuten kann frau flirten, weil die Typen auf der Insel doch überwiegend ganz schön hässlich sind, und wenn wir das nächste Mal Ruhe haben wollen, müssen wir wohl im Schalke-Trikot kommen. Aber wer will schon Ruhe, wenn es nach Glasgow geht.

Noch eine kleine Reisewarnung: nicht im Euro Hostel absteigen, lieber für geringfügig Geld mehr ins Jury’s Inn gegenüber.