Dez 232013
 

Vor ein paar Wochen trat ich aus der Haustür und sah, wie die Wohncontainer für die Refugees per Kran auf den Hügel der St.-Pauli-Kirche gehoben wurden. Viel hat sich verändert in diesem Jahr.

Ich erinnere mich an den heißen Sommer, den „African Summer“, den wir gemeinsam auf Sankt Pauli erlebten.

Dort, wo jetzt diese weißen, kalten Blechkästen stehen, saßen wir im Sommer gemeinsam in der „Embassy of Hope“, der Kontaktstelle und Basis auf Sankt Pauli für die Aktionen rund um die Lampedusa-Flüchtlinge. Wir planten, demonstrierten, bastelten, musizierten, stritten, lachten, weinten, lebten dort alle zusammen. Flüchtlinge, Supporter, Pastoren, Nachbarschaft, Kinder, Erwachsene, Menschen, einen Sommer lang.

Nun ist alles anders. Ein erster Blick in die Container lässt mich zusammenzucken. Auf so wenigen Quadratmetern, die alles andere als Wohnlichkeit zeigen, sollen nun Menschen leben, die die meisten Jahre ihres Lebens um dieses bangen mussten? Die nirgendwo willkommen sind? Ja, auch hier sind sie von den Politikern und sicherlich auch einem großen Teil der Bevölkerung nicht willkommen und genau das vermitteln einem auch diese Container. Jedes Krankenhauszimmer wirkt einladener als dieses metall-weiße Gemisch, in das die Männer nun gezwängt wurden, sinnbildlich für die „Politik“, die Scholz und Co. zeigen.

Diesen Sonntag ging ich mal wieder in meinen Vorgarten und besuchte meine Brüder, Nachbarn, Freunde. Holte sie zu einem Termin ab.
Wie jedes Mal wurde ich herzlichst empfangen und trotz dreckiger Schuhe wurde ich aufgefordert, in den Container zu kommen.

Und alles ist irgendwie anders. Leider nicht in der Politik, aber hier, in einem der Container.
Die drei jungen Männer, die in der Nummer sechs wohnen, haben sich auf engstem Raume ein kleines Zuhause geschaffen. Und die Details stehen alle sinnbildlich für das, was sich die letzten Monate an Hilfe auftat. Denn so prekär und unsicher die Lage ist, so haben die Jungs unglaublich viel Hilfe und Solidarität besonders aus dem Stadtteil und der Fanszene erhalten.

Es sieht hier aus wie in den meisten Wohnungen, nur eben alles auf kleinem Raum.
Sie haben Teppich ausgelegt und an dem Fenster und an der Wand strahlt Weihnachtsbeleuchtung, die ihnen aus der Nachbarschaft geliehen wurde. An der anderen Wand hängen Poster mit FCSP-Motiven, alte Fanräume-Zeitschriften, die aus dem Sankt-Pauli-Umfeld gespendet wurden. Aus kleinen Boxen klingt das heißgeliebte Dancehall-Reggae-Gemisch, auf dem einen Bett liegt ein Kuscheltier. Ich darf mich auf das Sofa setzen, was sie auf der Straße gefunden haben, und mir wird ein Becher Wasser und eine aufgewärmte Portion Couscous angeboten. Ich fühle mich wohl.

Ich schaue sie an und erinnere mich an Sätze, die diese Menschen sagten:

„Seit einem Jahr habe ich meine Mutter nicht angerufen, ich will sie nicht weinen hören.“

„Ich wurde in Libyen zweimal brutal überfallen. Schau, alle diese Narben haben sie mir mit Messern zugefügt. Zweimal haben sie mir alles genommen, was ich hatte, was ich mir monatelang erarbeitet habe. Und die Arbeit in Libyen ist nicht leicht.“

„Sankt Pauli? Wir sind echte Sankt-Pauli-Fans! Die helfen uns, wir helfen ihnen. Ich will kein Spiel mehr verpassen.“

„Wenn ich eine Wohnung bekomme, dann soll sie auf Sankt Pauli sein. Hier ist jetzt unser Zuhause.“

Und dann denke ich an Angst. Ihre Angst, meine Angst, unsere Angst. Angst, Freunde, Brüder, Nachbarn zu verlieren. Angst, dass der Hamburger Senat einen nach dem anderen heimlich still und leise rausschmeißt. (Und seien wir ehrlich, so wie der Senat sich auch gerade wieder jüngst zeigt, ist diese Angst absolut berechtigt.)

Am meisten habe ich aber Angst davor, dass diese Menschen wieder verlieren. Wieder gehen müssen. Wieder riesige Unsicherheit erleben und wieder ein Zuhause, eine Gemeinschaft verlieren.

Weniger Angst habe ich davor, dass, sobald es passiert, die starken Unterstützer nicht mehr da wären. Ich bin mir sicher, wenn dieser Fall eintrifft, werden wir alle wieder eng zusammenrücken, werden einmal mehr laut, deutlich, zahlreich, wie wir es in diesem Jahr schon gezeigt haben.

Und das wünsche ich mir dieses Jahr. Demütig bin ich geworden. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass diese Menschen hier bleiben dürfen, ihren Platz in unserer Gesellschaft festigen. Ich wünsche mir, dass wir diesen Kampf weiter kämpfen und gewinnen und dadurch ein Zeichen setzen können.

Mit diesen Worten möchte ich mich und wir uns in die Weihnachtspause verabschieden. Im neuen Jahr melden wir uns dann wieder mit einem frischen Hopping-Bericht im Gepäck.
Passt gut auf euch auf und feiert schön bis dahin.

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