Nov 042013
 

oder

Trainingspause

Ouvertüre

Liebe Leser, in der langen dunklen Tee-Zeit des Fußballfans (im Volksmund auch „Rückfahrt nach Auswärtsniederlage“ genannt) kommen einem die absurdesten Ideen. Der soziale Kontakt mit „normalen“ Mitmenschen ist bereits auf ein Minimum reduziert, riecht man doch, als ob man eben gerade mit einem ganzen Schweinestall gekuschelt hat. Da hat man zwar Zeit, aber alkoholbedingt nicht die Kapazitäten zum Nachdenken. Und irgendwann durchschießt es einen, dass so eine Auswärtsfahrt auch nix anderes ist als eine Oper. Mal eine italienische mit fröhlichen Gesängen und Happy End und mal eine düstere von Wagner. Es ist nebenbei eins der traurigsten Kapitel der Kunst, dass gerade dieser unfassbare eklige Antisemit so unfassbar wahnsinnige Musik geschrieben hat und so leider nie Vergessenheit geraten wird.

Und gerade die Ouvertüren des Richard W. beinhalten eine Energie, die einen häufig genug durch die dann folgenden quälend langen Teile seiner Opern tragen. Verglichen mit so einer Auswärtsfahrt ist dies die Hinfahrt. Es liegt ein Kribbeln in der Luft, man hat noch Spannung und Energie und dies obwohl man weiß, dass die Arie mit dem Sterben (der Niederlage) der Hauptperson enden wird.

Das Libretto sieht entspannte Gespräche zwischen Freunden vor, welcher der Regisseur mit der Aufnahme von Alkohol unterlegt hat. „Heute zählt nur der Suff“ ist genauso alkoholverherrlichend wie wahr. Und wenn man dann mal wie unser Tenor eine Trainingspause hat, dann macht man bei diesem Suff fröhlich mit.

Entr’acte

In Mannheim verließ man dann den Fernverkehr der Deutschen Bahn und lies sich in einer S-Bahn nieder. Hier trat nur der Chor der Behelmten auf und setzte eine Trennung der Waggons in FCSP und FCK durch. Wo kämen wir auch dahin, wenn es noch eine Vermischung in FCKFCSP gäbe? Dann würden der Chor von der Müllverbrennungsanlage irgendwann noch seine liebevoll produzierten Freundschaftsshirts los werden. Seien wir ehrlich: Eine Vermischung hätte hier zu keinem Stress geführt, denn die FCKler waren alles eher treu saufende Familienväter und auch für unsere Gruppe zählte eben nur der Suff.

Völkerverständigend wie sie denn sind, hatten sich die Dottores (schön, dass dies auch eine Figur in der Commedia dell’arte bezeichnet) und unser Fanbe… ach ne, unser Leiter Fanprojekt sich auf die FCK-Seite geschlagen.

Im Wald standen dann noch ein paar schwarzgekleidete Teufel und führten irgendwelche Balletbewegungen mit den Armen auf, aber da hätte der Zug sowieso nicht gehalten und was sie damit nun meinten, bleibt wohl auf immer ihr Geheimnis.

So erreichte man also Kaiserslautern und machte sich auf den Weg zum Opernhaus.

Die Arie

Jeder, der sich schon länger für den Opernbetrieb in der Bundesliga interessiert, wird uns wahrscheinlich Recht geben: Das Teatro alla Betzenberg ist als Festspielhaus der besonderen Sorte bekannt. Große Melodramen sind hier aufgeführt worden und unter „Kuriositäten“ ist bei Wikipedia aufgeführt, dass die besten Aufführungen bei Fritz sein Wetter stattgefunden haben. Ein Wetter, welches Besucher der Metropolitan-Oper am Millerntor als „Hamburger Wetter“ bezeichnen würden.

Aber das Spielhaus ist in die Jahre gekommen. Die Vorführungen nur noch zweitklassig und das Haus lebt mehr schlecht als Recht von seiner Tradition. Die Zuschauer sind deswegen auch unzufrieden geworden. Wo früher die Tenore bedingungslos zum zweifach gestrichenen F geschrien wurde, herrscht heute schon Unzufriedenheit und Tumult, wenn der Tenor seine Arie nur handwerklich sauber abliefert. Und so pfiff das Publikum, als der Vorhang zur ersten Pause fiel, und musste sich später zu Recht anhören, dass es nur noch im Chor mitsingt, wenn sich die Sopranistin und der Tenor in einem romantischen Happy End in den Armen liegen.

Unser Ensemble wurde auf dieser Gastspieltour lange umjubelt. Es kam durch einen Stich in das Herz des Teufels, brilliant geführt von unserem jungen Heldentenor Kalla auch zum zwischenzeitlichen Gleichstand, musste sich dann aber doch geschlagen geben. Zu viele Töne wurden versungen. Zwar klappte das Vortragen des Vaudeville hervorragend, aber wenn es in die schwierigen Passagen der Da-Capo-Arie ging, waren unsere Sänger dem Gegner nicht mehr gewachsen und versangen sich bei einzelnen Noten.

Trotzdem konnte man sich erhobenen Hauptes beim fallenden Vorhang verabschieden. Und so brachte der Chor noch ein markerschütterndes Finale. Hatte man dem FCK doch eben gezeigt, dass man in Würde verlieren und auch singen kann, wenn man verliert.

Unser Ensemble ist noch jung und noch entwicklungsfähig. In die Weltliga der Interpreten wird es dieses Jahr wohl noch nicht aufsteigen, was angesichts des Potentials einzelner Sänger enttäuschend ist, aber was Hoffnung für die Zukunft macht. Ein bisschen mehr Konzentration beim Einüben der einzelnen Teile und aus dieser Gruppe hochtalentierter Sänger wird noch richtig was. Denn sie hat die Weltklasse im Repertoire und muss sich damit in dieser Liga absolut nicht verstecken.

Divertissement

Die Deutsche Bahn hatte sich für uns müde Helden noch etwas besonderes ausgedacht:: das E vom ICE gestrichen und lieber kein Bordrestaurant geschickt. Uns war das prinzipiell egal, denn eigentlich haben wir die Rückfahrt nur verpennt. Kurz wurde dem jungen A. noch Asyl gewährt (jaja, unbürokratisch, liebe Hamburger Politik), der dann aber weiterzog und sonst lag man da und schlief. Und kam irgendwann wieder in Altona an, wo man sich selber nicht mehr riechen konnte. Eine Dusche war ein guter Schlusspunkt für diese Gastspielreise.

Was sonst noch war

Während sich die wackeren Auswärtssänger des Magischen FC dort tummelten, wo man „Pfahlzwerge“ nicht zu schreiben weiß, oblag den Daheimgeblieben erneut eine wichtige Mission: die von langer Hand angekündigte Großdemonstration für das Bleiberecht der Lampedusa-Flüchtlinge. Dass sie mit einem Auswärtsspiel zusammenfiel, dass das Wetter eher ungut aussah, dass schon viele Tage voller Demonstrationen hinter uns lagen und dass die Sprengkraft der Thema durch das Aussetzen der Polizeikontrollen etwas eingebrochen war, ließ eine mäßige Beteiligung vermuten.

Es sollte ganz anders kommen. Ob es nun 9.000, 15.000, 20.000 oder 25.000 Menschen waren, die sich am Sonnabendnachmittag vom Hauptbahnhof, durch die Mönckebergstraße, am Rathaus vorbei und rund um die Binnenalster schlängelten, wer weiß das schon genau. Jedenfalls ein großer Erfolg. Alt und jung, links und bürgerlich, alle gingen einmal für eine Sache auf die Straße, die kaum jemanden individuell betrifft. Diese gelebte Solidarität sorgt dafür, dass wir uns inmitten dieser Stadt immer noch pudelwohl fühlen, auch wenn die Obrigkeit tatkräftig daran arbeitet, es immer ungemütlicher zu machen.

Danke, Hamburg. Wir sind mehr!

Es schrieben sonst noch…

Wird morgen nachgereicht

  3 Responses to “Eine Oper auf dem Betzenberg”

  1. dennoch fahren wir mal mit muddi nach bayreuth. wird klasse.

    jens

  2. Als treuer Verfechter der Werte St. Paulis, leidenschaftlicher Leser des Blog und in diversen Bereichen des Vereinsumfeldes aktiv, muss ich mich nun melden, denn ich bin zudem seit nunmehr einem 1/4 Jahrhundert überzeugter Wagnerianer. Nicht ein Mensch, der Wagner hört, nein Wagnerianer.

    War der Typ ein Arsch?

    Vermutlich!

    War er ein Antisemit? Ja, aber derartig inkonsequent, dass sein gesamtes privates und (selbstgewähltes) berufliches Umfeld aus Juden bestand. Selbst der Dirigent seiner letzten Aufführung in Bayreuth war Hermann Levy, dem er vertraute.

    Macht es das besser? Nein!

    Weine ich beim Tristan trotzdem jedes mal? Ja! Seit 25 Jahren. Immer!

    Viele andere Opernkomponisten oder Künstler allgemein waren selbstsüchtige und/oder spinnerte Arschlöcher. Da reicht die Spannbreite von Mozart zu Morrissey, von Gründgens zu Lynch. Die Liste ist endlos.

    Macht es das besser? Nein, es relativiert, höchstens.

    Die „quälend langen“ Teile seiner Opern sind Drama. Erstreben wir nicht immer die Konzentration auf Themen? Gilt nicht die Kenntnis des Faust als erstrebenswert? Ist nicht die „quälend lange“ Oper ein bequemes Klischee, mit dem man in vermeintlichen Punkkreisen des FCSP schnell Punkte machen kann? Diese Teile sind das, was seine Musikdramen von „Opern“ abheben. Wagner will über Leben und Lieben erzählen. Über Schopenhauer und Todessehnsucht. Über Ideal und Erlösung. Und dies erstaunlich frei von Pathos (mal frühen Verdi gesehen? Ich liebe ihn, aber das ist Riefenstahl). Und wer nur die Ouvertüren mag, ist ggf nicht in der Lage sich das Eintauchen in seine doch so klassenlose – nämlich post-1848er-Welt – zu erlauben. Neben den widerlichen Antisemitismen gab es eben auch den Wagner, der auf den Dresdner Barrikaden stand und die Märzrebellen gegen die Preußen verteidigte, der ein bürgerliches Leben aufgab, steckbrieflich gesucht wurde und Deutschland verlasen musste. Den engen Freund Bakunins, des ersten Theoretikers des Anarchismus.

    Entschuldigt das seinen Antisemitismus? Nein! Erzählt es mehr über den widersprüchlichen Menschen?Ja!

    Look closer.

    Wenn wir heute gerne darauf hinweisen, die ganze Geschichte (z.B. über Pyro) hören zu wollen und die Presse wegen Verkürzungen verurteilen, würde ich mir wünschen, dass wir dies bei allen Themen tun, auch bei denen, die lange her sind und das Urteil der Geschichte gesprochen scheint.
    Über T-Shirts und Doppelhalter des moralisch fragwürdigen, jedoch allseits verkulteten Che Guevara wäre dann auch noch zu reden.

    Gleichwohl entnehme ich dem Text eine gewisse Affinität zur Oper und dies durchaus kompetent. Das erfreute mich. Neben Wagner erzeugen die Werke Puccinis, Händels ein par Belcantohelden (v.a. Donizetti) aber auch Strauss und sogar Operetten Gefühle. Im symphonischen erfüllen Bruckner, Mahler, Beethoven und Debussy (ach! Und! Bach!) mein Herz. Und ja, ich höre Oi!, Ska, Punkrock, Northern Soul, Garage, Rockabilly, Swing, Jazz und Fusion. Ich bin kein Sonderling. Ich geh ins Jolly, In Skorbut, Kogge und Komet. Aber auch in diverse Opernhäuser. Oper ist nicht verstaubt. Schaut den Hamburger Lohengrin, die Hamburger Meistersinger. Das ist (ich sag mal nicht „große Oper“) wie Pokal gegen Hertha.

    Und wer Pathos scheiße findet, darf nie mehr Thees hören. So!

  3. Natürlich ist das ein arbeiten mit Klischees und mit Verkürzungen. Der Bericht geht über Fußball und nicht über Oper und benutzt nur Klischees als Stilmittel.

    Alles andere lass ich mal so stehen. Ich denke nicht, dass hier der richtige Platz für eine solche Diskussion ist.

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