Jul 262013
 

oder

Vom Umgang mit der Polizei

Vorwort

Erstmal: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Es gibt Texte, die müssen alle drei Leute, die dieses Blog verantworten, in Ruhe lesen. Daher erst jetzt etwas zu dem Basch-Ding. Und wir verbitten uns jetzt schon in den Kommentaren irgendwelche Nazivergleiche. Wer solche zieht, disqualifiziert sich für immer und ewig. Gründlichkeit vor Schnelligkeit bitte sowieso auch beim Textverständnisses dieses Textes. Erst nachdenken und verstehen, dann kommentieren, zustimmen oder ablehnen.

Liebe Leser, die Basch hat nun einen Text veröffentlicht, welcher eine Diskussion aufwirft, zu der auch wir etwas beitragen wollen: Wie ist es eigentlich mit St.-Pauli-Fans, die Polizisten sind?

Auch der betroffene Fanclub hat zwischenzeitlich eine Stellungnahme abgeben. Wir schreiben an dieser Stelle immer das Gleiche: Aus zwei schriftlichen Stellungnahmen kann man keine Glaubwürdigkeit und keine Glaubhaftigkeit abschließend beurteilen. Nicht ohne Grund werden Zeugen mündlich vor Gericht vernommen. (Zur Sicherheit steht dieser Satz unten nochmal). Daher sind gewisse Widersprüche nicht endgültig aufzuklären, so dass wir auch nicht abschließend über den Einzelfall urteilen wollen.

Der Basch-Text beinhaltet aber auch Passagen, die ihrem Wortlaut nach eine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Und diese sollten alle mal einer kritischen Prüfung unterziehen und gerne auch Gegenthesen entwickeln. Natürlich werden wir auch das Verhalten des Fanclubs hinterfragen, denn wir sind ja jedem gegenüber konstruktiv kritisch.

Deutlich ist im Basch-Artikel zu erkennen, dass er auch von enttäuschtem Vertrauen handelt, von Wut und damit emotional ist. Auch das muss man bei einer Bewertung immer mit einbeziehen, denn jeder kann (und sollte) sich einfach mal den Frust von der Seele schreiben dürfen. Das gehört auch dazu. Trotzdem – und dem sind wir uns auch erst sehr spät bewusst geworden – bringt Reichweite auch Verantwortung. Das gilt insbesondere, wenn man ein Magazin ist, welches sich als offizielles Sprachrohr einer Gruppe definiert.

Über das Linkssein und die Kritik am Staate

Oh ja, man kann die Polizei als Institution, Obrigkeit und das konkrete Handeln der Hamburger Polizei sehr gut und sehr ausführlich kritisieren. Und vieles ist da auch kein „bedauerlicher Einzelfall“ mehr, sondern zeigt ein starkes strukturelles Problem. Die Möglichkeit, Gewalt auszuüben, sollte immer mit einer Kontrolle und einer Verantwortlichkeit gepaart sein. Und man sollte sich selber immer über dieses Privileg und diese Macht im Klaren sein. Und dies sind viele eben nicht. Insbesondere Innenpolitiker und Polizeigewerkschafter fabulieren lieber von Supergrundrechten, als sich dieser Verantwortung wirklich zu stellen.

Nur wer ist denn so konsequent und boykottiert den „staatlichen Repressionsapparat“ (Zitat Basch) komplett? Hand auf Herz: Wer von euch zahlt keine Steuern? Nebenbei ist so ein Finanzamt ein echter staatlicher Repressionsapparat. Inklusive Hausdurchsuchungen und allem. Kann man wirklich mal drüber nachdenken, ob man eigentlich Finanzbeamte in der Kurve haben will?

Natürlich könnte man nun zwischen übertriebener Kriminalisierung, Stigmatisierung von politischen (oder fußballerischen Zusammenhängen) und dem notwendigen Schutz von Leben und Unversehrtheit durch den Staat differenzieren. Das eine als Repression und das andere als notwendig ansehen. Aber diese Differenzierung sehen wir da gerade irgendwie nicht. Passt auch mit ACAB irgendwie nicht zusammen, denn dann ist der Mordermittler ja plötzlich kein B mehr.

Aber zurück zu den Fragen: Wer von euch ruft nicht die Polizei, wenn bei ihm eingebrochen wurde? Oder er einen Unfall hatte? Das alles ist auch staatlicher Repressionsapparat und außer ein paar sehr konsequenten Leuten wird es wenige geben, die sich da ganz ausklinken. Ja es ist einfach über staatliche Gewaltmonopole zu meckern, sie selber aber nicht zu nutzen, ist eher schwierig.

Oder kurz gefasst: Ob du willst oder nicht, auch du bist Deutschland, auch du nutzt den repressiven Staatsapparat, lebst sehr entspannt damit, dass das Gewaltmonopol in weiten Teilen des Lebens anerkannt wird und wirst davon (insbesondere wenn du auch noch weißer Hautfarbe bist) priviligiert. Und seien wir ehrlich: Auch ihr alle guckt Tatort.

Und sich dann in einem Bereich doch bitte keine Polizei, keine Staatsmacht zu wünschen, weil man dort lieber seine eigenen Regeln machen UND durchsetzen will, ist ein Paradoxon. Auf der einen Seite ist dies als vorbildlicher Mikrokosmos sehr lobenswert, auf der anderen Seite ist es sehr inkonsequent. Und damit sind wir auch schon beim Mikrokosmos Fußballkurve:

Macht in der Kurve

Man darf sich nichts vormachen, in Fußballstadien herrscht Faustrecht. In einer Kurve gibt es wenig Grundrechte und wenig Minderheitenschutz. Das fängt bei Politik an (siehe Aachen Ultras), kann aber auch sehr viel weiter gehen. Wer die Manpower hat, wer geschickt mit den Leuten kooperiert, die zuhauen wollen/mögen, der kann seine Meinung durchsetzen. Will hier jemand widersprechen? Das ist ein sehr lustiges Paradoxon der Kurve, denn während man am Zaun „Freiheit für die Kurve“ fordert – und dies nebenbei nach außen und gegenüber der DFB und Polizeimacht zu Recht – ist man im Inneren nicht bereit, diese wirklich zu gewähren. In diesem Mikrokosmos gilt immer noch die Macht des Stärkeren. Das wollen viele Leute nicht wahrhaben, aber es ist so. Ebenso ist der Umgang mit (konstruktiver) Kritik in wohl jeder Kurve verbesserungswürdig. Und so wird auch dieser Text wahrscheinlich entweder mit „ihr habt doch keine Ahnung“ oder ähnlichem abgetan. (Verkopfter und komplett zu Unrecht auf Ultras beschränkt, kann man ähnliches auch hier lesen.)

Zwar kann man eine Polizei mit Wasserwerfern, Pistolen und Knüppeln nun so gar nicht mit der Macht der Kurve vergleichen, aber auch hier in diesem Mikrokosmos muss sich der Machthabende seiner Verantwortung bewusst sein. Sonst wäre es einfach mit einer linksemanzipatorischen Einstellung nicht zu verbinden.

In dieser Verantwortung muss man sich insbesondere bewusst sein, dass nicht alle Leute in so einer Kurve gewaltfreie, verkopfte Studenten sind. Wenn ich nämlich mit meinen Texten, meinen Tapeten, meinem Handeln die (Achtung, derbes Klischee) verkoksten Hooligans anfüttere und die sich dann zum „bewaffnenden Arm“ unter meinem Wegschauen machen, dann ist dies mehr als bedenklich.

Wir halten es nebenbei immer noch für extrem unwahrscheinlich, nein, für eigentlich ausgeschlossen, dass der Basch-Text ein solcher versteckter Aufruf ist. Aber man muss sich bei jeder Formulierung eben darüber im Klaren sein, dass man so etwas auch unbewusst transportieren kann.

Wie also mit unliebsamen Menschen umgehen?

Es gibt keinen perfekten Umgang mit einer solchen Situation. Das muss man wissen. Da spielen Emotionen rein, Wut und natürlich auch Enttäuschung. Dies sind nur für jedes grundsätzliche, langfristige Handeln schlechte Berater. Wir schildern daher nur unseren Wunschumgang und wollen zum Nachdenken anregen.

Prinzipiell: Unser Stadion ist keine polizistenfreie Zone. Das ist schlichtweg Fakt und kann auch kein Wunschszenario sein. Hier mag man gerne auch mal das Wort „Toleranz“ im wahrsten Sinne des Wortes benutzen. Wir werden Menschen nicht pauschal aufgrund ihrer Berufswahl ausschließen können und sollten dies auch nicht. Pauschale Urteile, in Schubladen packen und abstempeln sind einfach Nährböden, die wir nicht bedienen sollten. Zu häufig werden wir doch von allen als Fußballfans abgestempelt und in Schubladen gepackt. Nebenbei nicht nur von der Polizei, sondern von einer sehr breiten Öffentlichkeit.

Und auch gerade: Wo soll das denn anfangen? Bei Polizisten? Bei Beamten allgemein? Was ist mit Pfarrern? Lehrern? CDU-Wählern? SPD-Wählern? Und wer bestimmt denn eigentlich, was geht und was nicht? Ihr merkt, das ist ein Fass ohne Boden. Mal ganz davon ab: In unserem Stadion gilt unsere Satzung und unsere Stadionordnung. Und zwar für jeden!

Und dies gilt per se auch für die Südkurve. Auch für sie gelten die Regeln des Vereines. Punkt! Wenn man ein anderes Verständnis für die Südkurve haben will, dann sollte man dies beim Verein und bei ALLEN Fans auf der Süd legitimieren. Nur dies wäre wirkliche Selbstverwaltung. Zumindest wissen wir nix von einem Flyer, auf dem Sonderregeln Südkurve stehen und der mit den Dauerkarten verschickt wird. Dass indes so etwas geht, sieht man beim Dresdener K-Block, wo nämlich auf der offiziellen (!!!) Seite Verhaltensregeln für diesen Block zu lesen sind.

Etwas Anderes ist es natürlich, wenn USP keinen Umgang mit Polizisten haben will. Wenn das der Wille der Gruppe ist, dann ist dies ihr Himmelreich. Wenn sie selber Busse organisiert und dort Polizisten auch privat nicht haben will? Geschenkt! Uns persönlich wäre ja der Charakter des Einzelnen viel wichtiger als sein Beruf und für dieses Ding mit „All cops…“ kennen wir genügend Gegenbeispiele, aber gut, das ist eben jedermanns eigene Wahl. Aber: Das geht eben nur dort, wo man selber das sagen hat. Und das gilt eben nicht für die gesamte Südkurve.

Es gibt aber eben auch Grenzen. Und Grenzen sind dort, wo öffentliche Räume wie z.B. Stadion, Fanladen, Vereinsheim etc. von einer Gruppe beansprucht und damit andere aus Gründen der Berufswahl ausgeschlossen werden. (Wir reden nicht von Rassisten und ähnlichem Pack, auch wenn manche das gern gleichsetzen.) Das geht schlichtweg nicht. Zumindest nicht ohne denjenigen, der dort wirklich das Hausrecht hat. Sei es nun Verein, sei es Fanladen, sei es wer auch immer.

Und hier muss sich natürlich auch die betroffene Person und der betroffene Fanclub mal hinterfragen lassen, wenn man so die Stellungnahme liest. Wenn ich jemanden mit so einer Geschichte habe, warum suche ich dann die Nähe zu einer Gruppe, die bekanntlich Probleme mit der Polizei hat? Und wenn ich merke, dass ich das nicht verheimlichen kann, warum spiel ich dann nicht mit offenen Karten? Ja, letzteres braucht ziemlich Eier in der Hose, warum wird wahrscheinlich gleich noch klarer. Aber es ist immer der bessere Weg.

Und da kommen wir auf das oben Gesagte zurück. Man muss sich eben immer klar sein, wie ein „du bist hier nicht erwünscht“ umgesetzt wird. Ignoriere ich? Oder meint irgendwer das Hausrecht in die Hand zu nehmen und dies mit der Faust zu klären? Formulierungen wie „unmissverständlich klar gemacht“ lassen da eben sehr viel Interpretationsspielraum. Die Frage ist hier natürlich, ob der Basch-Artikel da ganz bewusst nicht genauer wird. Die gesamte Formulierung lautet:

„Es wurde daher allen unmissverständlich deutlich gemacht, dass sie sich von der Gruppe USP sowie der Südkurve fernhalten sollen und auch der gesamte Fanclub nicht mehr Teil selbiger ist.“

Das ganze steht an diesem Punkt nicht wirklich im Widerspruch zu der Stellungnahme des Fanclubs und hier wollen wir mal einmal kurz den konkreten Fall beleuchten. Im Juristendeutsch nennt man so etwas unsubstanziertes Bestreiten und das reicht nicht aus um einen wirklichen Widerspruch zu bekommen. Widersprechen tun sich die Texte an anderen Stellen, aber da nun jemandem zu glauben ist eher Gefühlssache, als dass es irgendwer wirklich (juristisch) begründen könnte. Zeugen vor Gericht sagen nicht zu Unrecht mündlich aus.

Und wenn man so den ganzen Sachverhalt von beiden Seiten liest, dann stellt sich doch folgende Frage: Was passiert eigentlich, wenn ich als „persona non grata“ mich nicht daran halte? Das muss ich mir eben als Machthabender in einem Mikrokosmos immer klar machen, gerade wenn ich Teil einer sehr breiten Gruppe bin. Aber dann muss ich auch die Verantwortung übernehmen. Ein späteres „so haben wir das aber nicht gemeint/gewollt“ ist dann mindestens grob fahrlässig. Und ich muss mich eben genau aus diesen Gründen nicht wundern, wenn jemand eben nicht die Wahrheit sagt. Oder um es anders auszudrücken – wirklich gut ist es dann, wenn folgendes absolut gelten würde: Körperliche Gewalt zwischen FCSPlern ist ein absolutes No-Go. Nun würden wir dies für alle uns bekannten Ultrà-Leute unterschreiben, aber kann man dies bei einer öffentlichen Stellungnahme auch für alle anderen Leser? Nach der Außenwirkung muss man immer fragen, bevor man so etwas schreibt. Das steht im Gegensatz zu Wut und Ärger, aber mit Macht, mit Einfluss kommt Verantwortung.

Was ihr vielleicht merkt ist, dass hier wenig auf den konkreten Fall eingegangen wird. Wir können diesen nicht beurteilen, da mag neben dem Beruf des Polizisten auch die persönliche Enttäuschung eine große Rolle spielen. Aber noch mal: Prinzipiell sollte niemand (außer dem Verein und damit seiner Mitgliederversammlung) die Macht haben, zu bestimmen, wer sich wo in unserem Stadion aufhält. Und das gilt eben auch bei bitteren Enttäuschungen. Wenn sich einzelne Kurven eigene Regeln geben wollen, dann bitte in einer internen, umfassenden Debatte.

Handele so, wie du selbst behandelt werden willst…

Noch ein Aspekt sollte das Handeln immer beeinflussen – Kant lässt grüßen. Und zwar, dass man immer so handeln sollte, wie man behandelt werden möchte. Klar, da gibt es Grenzen, aber grundsätzlich muss dies Prämisse des Handelns sein.

Laut Text hat man dem gesamten Fanclub deutlich gemacht, dass er sich von der Süd fernhalten soll. Nun mögen wir uns täuschen, aber sind Loyalität, „internes Klären“ und „auch mal ein bisschen Scheiße nach außen decken“ nicht Werte, die in einer Gemeinschaft gewünscht werden? Wenn man an sich selbst solche Maßstäbe ansetzt, dann muss man dies auch bei anderen. Sonst wird es einfach inkonsequent.

Und wie ist es mit der berühmten Kollektivbestrafung? Kann man wirklich JEDEM im Fanclub ein Fehlverhalten nachweisen? Lustigerweise sagt der Basch-Text ja, dass man Kollektivstrafen doof findet. Man muss hier sehr vorsichtig sein, dass man nicht Mechanismen benutzt, die man beim DFB, bei der Polizei komplett zu Recht kritisiert. Ja, das ist etwas Anderes, ob Mikro- oder Makrokosmos, aber herrschende Verhältnisse abzuschaffen, das bekommt man sehr gut durch Mikrokosmen mit besseren Regeln hin. Wie wir oben bereits erwähnten.

Zuguterletzt und eigentlich ein vollkommen anderes Thema: Ey, kein Problem damit, Polizeihandeln zu kritisieren und das auch mal deftig. Aber bitte sich nach solchen Plakaten wie beim letzten Heimspiel auf der Süd nicht als unschuldig Verfolgte hinstellen! Wer sich mit herrschenden Machtapparaten anlegt und diesem mehr oder minder Gewalt in Aussicht stellt, der muss auch ertragen können, dass diese bis zu einem gewissen Grad handeln müssen. Unschuldig im Sinne von „ich hab doch gar nix gemacht“ ist man dann eher nicht mehr. Das sagt nichts über die Legitimation eines solchen Plakates aus, aber wie es in den Wald hineinruft… Mal ganz davon ab, dass es im Strafgesetzbuch solche Paragraphen wie „Aufruf zu einer Straftat“ gibt, so etwas kann man auch mal vor dem Malen lesen und in seine Überlegungen mit einbringen.

Der aufmerksame Leser wird einen eventuellen Widerspruch entdeckt haben. Denn auch wir wollen keine Wache in der Gegengerade. Jedoch: Hier geht es um die – absolut zu kritisierende – Institution Hamburger Polizei und nicht um einzelne Menschen. Da sehen wir doch einen deutlichen Unterschied.