Jun 272013
 

Liebe Leser,

nachdem wir euch seit Wochen immer mit Spendenaufrufen belagert haben möchte ich, das Blog-Mädel, noch einmal einen erweiterten Einblick aus der Arbeit in der St.-Pauli-Kirche der letzten Wochen geben.

Bevor ich nun in eine mehrtägige und langsam notwendige Zwangspause auf einem Festival erlebe (wobei mich insgeheim schon wieder tierisch auf Montag freue), möchte ich euch teilhaben lassen an vielem, was ich die letzten Wochen erlebt habe.

Vorab halte ich fest, dass ich in den letzten Wochen vielleicht mehr über das Leben, über meine Mitmenschen, das menschliche Miteinander und nicht zuletzt über mich selbst gelernt habe als in den letzten Jahren. Ich bin unglaublich froh, Teil des Geschehens an der St.-Pauli-Kirche zu sein.

Auch möchte ich vorab den Menschen danken, die daran beteiligt sind. Ich werde hier jetzt keine Namen aufzählen, aber JEDEM einzelnen, der hilft, der zuhört, der anpackt, der da ist, gebührt höchste Anerkennung.

Was habe ich also in den letzten Wochen erfahren und vor allem lernen dürfen?! Von allem etwas: Nachdenkliches, Trauriges, Verrücktes, Lustiges, Wichtiges, Banales.

Hier ein paar Beispiele:

Sankt Pauli – ist ein Stadtteil, der zu großen Teilen das Image noch lebt, was im nachgesagt wird. Ein Stadtteil, der nicht zuschaut, sondern anpackt. Ein Stadtteil, der zusammenhält.
Ob es beispielhaft die lieben Mädels sind, die seit Tagen unzählige Waschmaschinen durchhauen, damit die Gäste frische Kleidung am Leib haben. Oder ob es die Restaurants sind, die die Gäste und Helfer mit Lebensmitteln und Getränken versorgen, die spontan eine Kochstation aufstellen und Paella kochen. Man hat den Eindruck, jeder packt so an, wie er kann, und das ist toll.

Kirche – Ich führe eine große Hassliebe mit der Kirche auf der einen und mit Religion auf der anderen Seite. Zumindest in diesem ganz konkreten Beispiel bin ich der Institution und den Menschen, die sie vereint, wieder ein Stück näher gekommen. Denn bei aller berechtigten Kritik an der Kirche und ihren Privilegien stelle ich zwei Dinge fest:
Erstens ist es jetzt verdammt wichtig, einen kraftvollen Partner mit entsprechenden Ressourcen im Rücken zu haben.
Zweitens bedeutet Kirche eben doch, dass sie viele Menschen zusammenbringt, für die Nächstenliebe nicht nur ein Wort, sondern auch ein Lebensprinzip ist.

Schicksale – Wenn ich gerade nicht dabei bin, mit meiner eigenen chaotischen Art Ordnung zu schaffen oder Dinge zu organisieren und zu koordinieren, setze ich mich einfach zu den Jungs und spreche mit ihnen. Schnell merkt man, dass jeder von ihnen eine eigene unglaublich berührende Geschichte mit sich herumträgt. Nicht selten passiert es, dass ich und meine Gesprächspartner tapfer versuchen, die Tränen hinunterzuschlucken, weil da Geschichten zutage kommen, die ich mir so nie habe vorstellen können. Mein Gegenüber aber hat sie so erlebt.

Teamwork – Es ist bemerkenswert, wie eine Gruppe von Menschen, die von heute auf morgen zusammengewürfelt wird, harmonieren kann. Wir sind an der Kirche ein loser Haufen mit einem harten Kern von rund 10-15 Leuten. Mit freudigem Erstaunen beobachte ich, wie Menschen stetig an ihren Aufgaben wachsen und sich auch schnell in völlig neue Aufgaben einarbeiten können. Gleichzeitig hat sich bislang glücklicherweise noch kein Fall gezeigt, wo investiertes Vertrauen missbraucht wurde. Und ja, es klappt sogar dann weitestgehend ohne Spannungen, Zickereien usw., wenn diese Gruppe aus vielen Mädchen besteht.

Stichwort Teamwork: So gut bislang die Zusammenarbeit der Helfer funktioniert – weitere helfende Hände werden immer gebraucht. Daher rufen wir hier noch einmal alle Leser auf, die etwas Zeit, Kraft und/oder Sachen entbehren können: Kommt vorbei bei der St.-Pauli-Kirche! Zu tun gibt es immer etwas, aber lasst euch sagen, dass ihr auch dann helft, wenn ihr nur da seid und mit den Leuten redet.
Spielt eine Partie Fußball mit jemandem, der sich als „Black Man“ vorstellt, lasst euch ein paar Sprüche auf Twi oder Hausa beibringen, genießt einfach den Ausblick von der „Embassy of Hope“ auf den Hafen und lernt einzigartige Menschen kennen. Nicht zu vergessen: Die Jungs fertigen Schmuck an, der gegen Spende zu bekommen ist.

Ich verabschiede mich, wie erwähnt, in ein hoffentlich nicht allzu nasskaltes Wochenende und bin spätestens gegen Montagnachmittag wieder an der Kirche. Hoffentlich sehe ich das eine oder andere Gesicht von euch! Rückfragen beantworten wir sicherlich schon am Sonntag.