Jun 272013
 

Liebe Leser,

nachdem wir euch seit Wochen immer mit Spendenaufrufen belagert haben möchte ich, das Blog-Mädel, noch einmal einen erweiterten Einblick aus der Arbeit in der St.-Pauli-Kirche der letzten Wochen geben.

Bevor ich nun in eine mehrtägige und langsam notwendige Zwangspause auf einem Festival erlebe (wobei mich insgeheim schon wieder tierisch auf Montag freue), möchte ich euch teilhaben lassen an vielem, was ich die letzten Wochen erlebt habe.

Vorab halte ich fest, dass ich in den letzten Wochen vielleicht mehr über das Leben, über meine Mitmenschen, das menschliche Miteinander und nicht zuletzt über mich selbst gelernt habe als in den letzten Jahren. Ich bin unglaublich froh, Teil des Geschehens an der St.-Pauli-Kirche zu sein.

Auch möchte ich vorab den Menschen danken, die daran beteiligt sind. Ich werde hier jetzt keine Namen aufzählen, aber JEDEM einzelnen, der hilft, der zuhört, der anpackt, der da ist, gebührt höchste Anerkennung.

Was habe ich also in den letzten Wochen erfahren und vor allem lernen dürfen?! Von allem etwas: Nachdenkliches, Trauriges, Verrücktes, Lustiges, Wichtiges, Banales.

Hier ein paar Beispiele:

Sankt Pauli – ist ein Stadtteil, der zu großen Teilen das Image noch lebt, was im nachgesagt wird. Ein Stadtteil, der nicht zuschaut, sondern anpackt. Ein Stadtteil, der zusammenhält.
Ob es beispielhaft die lieben Mädels sind, die seit Tagen unzählige Waschmaschinen durchhauen, damit die Gäste frische Kleidung am Leib haben. Oder ob es die Restaurants sind, die die Gäste und Helfer mit Lebensmitteln und Getränken versorgen, die spontan eine Kochstation aufstellen und Paella kochen. Man hat den Eindruck, jeder packt so an, wie er kann, und das ist toll.

Kirche – Ich führe eine große Hassliebe mit der Kirche auf der einen und mit Religion auf der anderen Seite. Zumindest in diesem ganz konkreten Beispiel bin ich der Institution und den Menschen, die sie vereint, wieder ein Stück näher gekommen. Denn bei aller berechtigten Kritik an der Kirche und ihren Privilegien stelle ich zwei Dinge fest:
Erstens ist es jetzt verdammt wichtig, einen kraftvollen Partner mit entsprechenden Ressourcen im Rücken zu haben.
Zweitens bedeutet Kirche eben doch, dass sie viele Menschen zusammenbringt, für die Nächstenliebe nicht nur ein Wort, sondern auch ein Lebensprinzip ist.

Schicksale – Wenn ich gerade nicht dabei bin, mit meiner eigenen chaotischen Art Ordnung zu schaffen oder Dinge zu organisieren und zu koordinieren, setze ich mich einfach zu den Jungs und spreche mit ihnen. Schnell merkt man, dass jeder von ihnen eine eigene unglaublich berührende Geschichte mit sich herumträgt. Nicht selten passiert es, dass ich und meine Gesprächspartner tapfer versuchen, die Tränen hinunterzuschlucken, weil da Geschichten zutage kommen, die ich mir so nie habe vorstellen können. Mein Gegenüber aber hat sie so erlebt.

Teamwork – Es ist bemerkenswert, wie eine Gruppe von Menschen, die von heute auf morgen zusammengewürfelt wird, harmonieren kann. Wir sind an der Kirche ein loser Haufen mit einem harten Kern von rund 10-15 Leuten. Mit freudigem Erstaunen beobachte ich, wie Menschen stetig an ihren Aufgaben wachsen und sich auch schnell in völlig neue Aufgaben einarbeiten können. Gleichzeitig hat sich bislang glücklicherweise noch kein Fall gezeigt, wo investiertes Vertrauen missbraucht wurde. Und ja, es klappt sogar dann weitestgehend ohne Spannungen, Zickereien usw., wenn diese Gruppe aus vielen Mädchen besteht.

Stichwort Teamwork: So gut bislang die Zusammenarbeit der Helfer funktioniert – weitere helfende Hände werden immer gebraucht. Daher rufen wir hier noch einmal alle Leser auf, die etwas Zeit, Kraft und/oder Sachen entbehren können: Kommt vorbei bei der St.-Pauli-Kirche! Zu tun gibt es immer etwas, aber lasst euch sagen, dass ihr auch dann helft, wenn ihr nur da seid und mit den Leuten redet.
Spielt eine Partie Fußball mit jemandem, der sich als „Black Man“ vorstellt, lasst euch ein paar Sprüche auf Twi oder Hausa beibringen, genießt einfach den Ausblick von der „Embassy of Hope“ auf den Hafen und lernt einzigartige Menschen kennen. Nicht zu vergessen: Die Jungs fertigen Schmuck an, der gegen Spende zu bekommen ist.

Ich verabschiede mich, wie erwähnt, in ein hoffentlich nicht allzu nasskaltes Wochenende und bin spätestens gegen Montagnachmittag wieder an der Kirche. Hoffentlich sehe ich das eine oder andere Gesicht von euch! Rückfragen beantworten wir sicherlich schon am Sonntag.

Jun 112013
 

oder

Rock im Park 2013

Vorwort

Liebe Leser, wer nix über Musikfestivals lesen will, der sollte jetzt diesen Bericht schließen. Während meine beiden Mitblogger sich nämlich sinnvoll betätigen, lungerte ich auf einem Festival rum. Und so wie es Tradition ist, folgt nun der übliche Bericht:

Freitag / Nur vier mal Frei.Wild

Die donnerstägliche Anreise war komplett problemlos und ohne besondere Vorkommnisse. Und das Bier im Landbierparadies schmeckt auch immer noch sehr lecker, so dass man tief und fest schlief, bevor Freitagmorgen die Morgensonne einen weckte.

Unsere Gastgeber hatten wieder groß aufgefahren und hatten Frühstück für eine Kohorte aufgefahren. Am Freitag traditionell noch etwas reduziert, sprich ohne Rührei. Das ist zwar normal, aber muss natürlich stark angeprangert werden. Nun wird schon beim Rührei gespart. Der Eklat konnte nur knapp abgewendet werden.

Mit der Straßenbahn ging es wie üblich zum Festivalgelände. Was auffiel: Keine Einlassschlangen. Insgesamt war die von uns den Tag über genutzte Alternastage sehr leer. Das ist natürlich ein subjektiver Eindruck, aber man hatte nicht das Gefühl, dass das Festival wirklich ausverkauft ist. Auf den Zeltplätzen das übliche Getummel, aber es fiel auf, dass es alle sehr sauber war. Im Gegensatz zu den Vorjahren lag sehr wenig Müll (aka Bierdosen) rum.

Zu wenig Klos, wie immer. Zu teures Bier, wie immer. Wir hatten uns eigentlich als Spaß ausgedacht, dass wir dieses Jahr Frei.Wild Shirts zählen, aber dieser Freitag war echt „enttäuschend“ nur vier Stück und ein „Nordmann“ Shirt auf der Habenseite.

Das Programm dieses Jahr ist eher durchwachsen. Wenig Bands, die man nicht schon mehrfach gesehen hat und die Headliner sind nicht alle mein Geschmack. Hier nun die Bands des Freitags:

Stereophonics: Ach waren die nicht mal in den 90er Jahren das nächste große Ding? Naja, Britpop, ganz nett zu hören, aber davon gibt es Millionen. Ganz nett, im Sinne von ganz nett.

Wetter ist bei Open Air immer ein Thema und ein komplett trockenes RiP haben wir bisher noch nicht erlebt. Der Freitag war erstmal sonnig und trocken. Und da wir Sonnencreme dabei hatten, hielt sich der Sonnenbrand auch in Grenzen. Wenn man mal von der kleinen Stelle absieht, die ich beim eincremen vergessen habe.

Buffy Clyro sagte mir Banausen ja wieder gar nix. Aber der Mob kannte das und war auch in den hinteren Reihen textsicher. Ganz unterhaltsamer Rock war es auch, also gut zum anhören.

Zu Tocotronic dann in die ersten Reihen, soviel muss dann für (Ex-) Hamburger sein. Viel Publikum war nicht vorhanden, denn dafür ist Tocotronic wohl auch zu speziell und hat wohl auch seine besten Zeiten hinter sich. Immerhin sitze ich da so rum, starr in mein Bier, als ich gefragt werde, ob ich vom Magischenfcblog sei. 😀 So wurde die Zeit fröhlich mit einem Marathonabteilungsmitglied und einem Südsaisonkarteinhaber verschnackt. Du liest das ja garantiert A. Danke, für den Schnack, wir sehen uns.

Tocotronic sind alt geworden und überroutiniert. Das schockt dann nicht so ganz. Da fehlt irgendwie das Feuer.

Phoenix. Die Franzosen sind eine perfekte Festivalband. Insbesondere wenn auch noch die Sonne scheint. Tanzbarer Indiepop ist an so einem sonnigen Nachmittag ein riesiger Spaß.

Die Frau Liebtdi_ch hatte dann empfohlen zu Disco Ensemble zu gehen und da halte ich mich doch dran, wenn sie das sagt. Und die vier Finnen rockten. Bemerkenswert: Beide Saiteninstrumentalisten spielten Linkshänderinstrumente. Das sieht man auch selten. Sonst Roggnroll ohne Showallüren. Die kommen auf die Bühne kicken Arsch und gehen wieder. Kann man mal machen.

Dann wieder zur Alternastage (den ganzen Tag nicht einmal Center Stage, kann man mal machen): The Killers. Ach wenn jeglicher Pop so wäre, dann wäre er sehr unterhaltsam. Ansagen oder so machen die nicht, aber man sieht den Jungs an, dass sie Spaß an ihrer Musik haben uns so etwas kommt dann auch beim Publikum an. Das ist nebenbei die perfekte Laufmusik. Um so komischer, sie mal im Stehen zu hören. 🙂

Danach ging es ins Bett und obwohl es kein Rührei gab, war es ein guter Tag. Was auffiel: Sehr wenig vollkommene Alkoholausfälle. In der Bahn hatten wir noch zwei Jungs, die nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne waren, aber auch die waren komplett harmlos.

Samstag der HipHop Tag

Endlich Rührei! Der Tag konnte nur gut werden. Aber vor das Rührei hatte der Zeitplan das ritualisierte Festivallaufen gelegt. Wie immer der kürzeste und langsamste Lauf des Jahres. Wer also nicht glauben will, dass saufen und rumstehen leistungshemmend ist, der kann mir glauben: Es ist leistungshemmend.

Das Frühstück wie immer eine Eins mit Sternchen. So kann man gestärkt in den Festivaltag gehen. Beim Frühstück waren ostfränkische Spezialitäten Thema. Und die Klöse der Gegend. Zitat: „Das ist das Grundnahrungsmittel für Coburger Kinder. Von der Brust an den Klos“.

Der Blick über das Gelände offenbarte Festivalroutine. Der erste Gang auf die Center Stage zeigte auch hier nur minimale Anpassungen um das ganze noch weitläufiger zu machen. Aber nicht jeder ist routiniert im RiP Besuchen. Da läuft eine Truppe mit selbstgemachten Hüten rum, auf denen „RiP13“ steht und Passanten kommentieren dies mit „Guck mal, wie clever, die haben ihre Hüte durchnumeriert, damit sie sich erkennen.“ Wir haben mal darauf verzichtet, sie die RiP9 suchen zu lassen.

Okay, ab ins Pit um Bad Religion zu sehen. Es wird aufgebaut und Herr Bentley (Bassist steht sabbelnd am Rand). Dann kommt der (grauenhafte) Moderator, er ist immer noch am sabbeln. Sein Gitarrist spielt die ersten Akkorde und Herr Bentley so „oh ich muss jetzt spielen? Dann spiel ich mal.“ Das nennt man dann wohl 32 jährige Routine, so wenig aufgeregt zu sein und dann doch sofort warm zu sein. Die alten Herren rocken, haben augenscheinlich immer noch Spaß an ihrer Musik und legten einen Set nach meinem Geschmack hin. Aber ich bin auch Fanboy.

Simple Plan: Nun ja, das ist irgendwie so Poppunk, wie ich ihn unfassbar langweilig finde. Die sind ja auf der ganz nett, aber die Geschichten, dass sie nun deutsches Bier, deutsche Mädchen und deutsche Pornos lieben und einen deutschen „Girlfriend“ haben wollen, ist dann schon wieder zu doll Rockklischee.

Kraftklub: Vor zwei Jahren noch mit vielleicht 200 Leuten in der Clubstage gesehen, nun stehen die auf der Centerstage und es ist voll. Die Leute gehen ab und obwohl die Band nun gut zwei Jahre durchgängig mehr oder minder unterwegs ist, haben die immer noch Bock und freuen sich über die Reaktion des Publikums. Und dementsprechend ist auch die Energie. Und wenn dann zu „Songs für Liam“ Casper auf die Bühne kommt und die schönen Zeilen aus der Echo Version rappt, dann haben die eigentlich schon gewonnen.

Danach erstmal Biergartenpause. Das Festivalgelände umfasst auch die Eishockeyhalle und deren Catering hat einen eigenen Biergarten, bei dem es anderes und billigeres Bier gibt. Da es auch dort auch ordentlich Sitzgelegenheiten gibt, wird das immer zum Treffpunkt der älteren Generation.

Danach zur Alternastage und Casper geguckt. Ich finde ja, der Typ rockt. Und zwar von der Attitüde her. Endlich mal ein Rapper, der nicht nur davon singt, wie geil er ist und wie es abgeht und wie seine Beats reinhauen, sondern jemand, der über ganz andere Dinge singt. Und jemand, der sich auf der Bühne einen Ast abfreut, weil ihn die Leute feiern, ist sowieso schon mein Freund.

Seeed: Was soll man sagen? Diese riesige Band weiß es Massen zu unterhalten. Die drei Frontleute die ganze Zeit mit synchronen Tanzschritten und einer wirklich guten Bühnenpräsenz. Die Musik für das Bein. Und die Hits des einen Frontmannes werden dann halt ein bisschen umgeschrieben und einfach mit vorgetragen. Nur die Obsession des Pierre B mit dem Handtuch konnte nicht so ganz aufgeklärt werden. Zumindest hielt er 90 % der Zeit eines in der Hand beim tanzen und singen.

Tag vorbei, Green Day nicht gesehen, später den Rock am Ring Auftritt bei EinsLive gesehen und beschlossen, dass das die richtige Entscheidung war. Nein, nicht weil Green Day schlecht sind, sondern weil das einfach besser war.

Sonntag der Light Tag

Der Sonntag begann mit dem üblichem Frühshoppen, diesmal aber nicht im „Wanner“ sondern in einem anderen Biergarten. Der Wetterbericht sagte eigentlich nur Regen voraus, aber außer ein paar Tropfen am Vormittag blieb dieser aus. Und damit war es amtlich: Im neunten Versuch das erste Mal Rock im Park ohne ein Tropfen Regen während wir auf dem Gelände weilen.

Bring me Horizon: Also wenn der Sänger kein Drogenproblem hat, dann hat er zumindest eine Essstörung. Man war der Dünn. Sonst gab es das amerikanisch geprägte Metalbrett. Der Typ vor uns in einer Metalkutte konnte jedes Lied mitsingen, sagte aber, die höre er „nur so nebenbei“.

A day to remember: Eine Band zwischen etwas härterem Collegerock und Hardcorebrett. Einige Songs bretthart, andere sehr melodisch. Alles aber gut anzuhören.

Amon Amarth: Man entschuldige mir diese Assoziation, aber bei den beiden Bands vorher standen ja mehr so die jungen schmalen Bubis auf der Bühne, nun kamen so Wikingerkerle, der Marke, groß, langhaarig und stämmig. So echte Kerle halt (jaja, ich weiß). Wikipedia spricht in seiner Weisheit von „melodischem Deathmetal“. Ich als nicht Metalhead hätte nun „melodisch“ und Deathmetal“ als sich ausschließende Kategorien verstanden. Nun gut, wieder etwas gelernt, denn das geht. Ich kann ja mit dieser nordischen Mythologie Ausschlachtung nun so gar nix anfangen, aber gut, ist halt Metal und die Musik geht gut ins Ohr. Und jemand den man beim Metalsingen wirklich versteht, sprich die Texte verfolgen kann, ist schon interessant. Kamen sonst auch sympathisch rüber auf der Bühne, also ein netter Auftritt.

Cro: Sprach ich gestern von Attitüde? Der hat eine, die einfach bei mir nicht ankommt. Und insgesamt ist das Songwriting auf Dauer zu dünn. Das ist Hiphop gewöhnlich und damit punktet man bei mir nicht. Ist aber wie alles natürlich Geschmackssache.

Also ein letztes Bierchen im Biergarten.

Fettes Brot: „für Sie immer noch Herr vorragend“ singen die in einem Lied und das fasst es eigentlich auch schon zusammen. Die – ähm, ja ist wohl so – alten Herren können es einfach. Was können sie? Ein Publikum richtig gut unterhalten. Und wenn auf der Bühne „gesabbelt“ wird und man „Shitbüdel“ von der Bühne genannt wird, dann schlägt das norddeutsche Herz doch gleich höher. Hits und ein paar neue Stücke und fertig ist die Hausabrissparty. Dazu noch Gags wie „Wisst ihr was das meistgenutzte Instrument der Musikgeschichte ist?“ „Das Döp“ (man singe danach einfach mal Scooter und weiß, was gemeint ist).

Okay, da 30 Seconds to Mars eher so gar nicht mein Ding sind und Limp Biskuit auch nicht, blieb nur die Alternative zwei Stunden auf Korn warten oder nach Hause gehen. Kurz überlegt: Das zu Hause siegte.

Fazit: 84 fränkische Würstchen (böse Stimmen behaupten, ich hätte davon 80 gehabt), unzählige Brötchen, Biere, Kaffee, eine Zigarette, zwei zauberhafte Gastgeber und ein Wochenende voller Spaß. 2014 sind wir wieder dabei. Warum? Weil wir es können.

Jun 102013
 

Liebe Leser,

einige Tage haben wir euch trotz vieler Ereignisse nicht mehr auf dem Laufenden gehalten. Unser schreibwütigstes Drittel ist derzeit auf Reisen, während der Rest von uns rotiert. Es gibt wahrlich einiges zu erzählen!

Am vergangenen Freitagabend machten wir uns erstmals selbst ein Bild von der Lage in der St.-Pauli-Kirche am Pinnasberg. Sicherlich habt ihr schon einiges davon gelesen, so zum Beispiel bei den tüchtigen Kollegen vom Ostblock. Unser Eindruck ist ein ganz ähnlicher: Die Zuflucht, die die afrikanische Flüchtlinge bei Pastor Wilms und seinen Leuten gefunden haben, ist eine echte Oase in der Hamburgischen Tristesse.

Wir wollen nicht behaupten, dass das Schlafen und Essen mit zig anderen Leuten in einem Kirchenschiff oder die anderen Umstände paradiesisch seien. Doch der ganze Ort strahlt eine so friedliche Atmosphäre aus, dass es einfach schön ist, dort zu Besuch zu sein. Die „Embassy of Hope“ – „Botschaft der Hoffnung“ im Kirchgarten lädt die Leute aus dem Viertel und von außerhalb zu Begegnungen ein, was viel genutzt wird. Kommt selbst vorbei in der Kirche, sprecht mit den Gestrandeten und lernt diese freundlichen Menschen kennen!

Nachdem wir einen ersten Eindruck der Lage gewinnen konnten, bereiteten wir uns auf die Demo am Sonnabend vor. Also flugs zwei Transpis bemalt und die nötigen Absprachen getroffen. Die Demo am nächsten Tag selbst verlief sehr gut, mit geschätzten 1.500 Teilnehmern war das „Randgruppen-Thema“ auch gar nicht mal schlecht besetzt. Man sollte nicht vergessen, dass parallel dazu die Ereignisse in Glinde Kräfte banden.

Kritisieren müssen wir, dass manche immer wieder vom „NATO-Krieg“ sprechen. Wir wollen keinen Historikerstreit vom Zaun brechen, aber der Bürgerkrieg in Libyen wurde sicher nicht von der NATO ausgelöst. Zweifellos aber muss Europa endlich mehr Verantwortung für die hierher geflohenen Menschen aus Afrika übernehmen, deren Probleme nicht zuletzt dem Erbe des Kolonialismus geschuldet sind.

Am Ölmühlenplatz fand am Samstagnachmittag eine große Soli-Veranstaltung für die Lampedusa-Gruppe statt. Herrlicher Sonnenschein und viele tolle Menschen schufen eine zauberhafte Atmosphäre, die wir lange genießen konnten. Die Jungs der Notgemeinschaft Peter Pan ließen sich nur ein wenig bitten, bis sie am frühen Abend vor dem Knust ihr Soli-Konzert zum besten gaben.

So spaßig die Nummer war, so stieß der Schrabbelpunk bei den Refugees selbst offenbar nicht auf sehr viel Gegenliebe. Wie man hört, waren Künstler von potentiell beliebteren Musikrichtungen nicht zu bekommen, was sehr schade ist. Unseren Spaß hatten wir, aber um die Hamburger sollte es eigentlich weniger gehen.

Nundenn, wir zogen im Anschluss noch einmal weiter zur Kirche. Schließlich gibt es immer etwas zu tun. Nach einigen sortierten Kleiderspenden entschlossen wir uns spontan, bei der Nachtwache der Ossis mitzumachen – auch wenn ein Teil von uns die „Nacht“ größer schrieb als die „Wache“. Hier noch einmal von uns der Appell: Wer Zeit zu entbehren hat, sollte sich unbedingt in der St.-Pauli-Kirche melden, denn „Nachtwächter“ werden dringend gesucht.

Nach einigen Stunden Schönheitsschlaf auf der heimischen Matratze begaben wir uns am Sonntagnachmittag erneut zu den Refugees. Wegen Gottesdienst und Konzert hatten zahlreiche Helfer das Nachtlager vorübergehend aus dem Kirchenschiff verlegt, sodass der Betrieb wohl recht normal weitergehen konnte. Und immer wieder kamen Menschen vorbei, die auf unterschiedlichste Weise ihre Hilfe anboten.

Überwältigt sind wir und auch die vielen anderen Helfer davon, wie viele Menschen sich engagieren. Seien es die vielen großartigen Sachspenden, die Zeit und Arbeit, die einige in die Unterstützung der Flüchtlinge stecken, oder einfach die Welle an Solidarität, die spürbar ist. Manchmal möchte man nur dastehen und heulen vor Rührung.

Klar, die Unterbringung in der St.-Pauli-Kirche ist keine optimale Lösung. Doch eine Zweckentfremdung ist das bestimmt auch nicht. Man mag von der Kirche an sich halten, was man will – aber das, was dort so unbürokratisch an humanitärer Hilfe geleistet wird, ist außergewöhnlich. Unsere Hochachtung vor der logistischen Meisterleistung inmitten des Chaos, mit der die Refugees dort versorgt werden.

Jun 062013
 

Da die Loide vom Zeckensalon gerade nicht selbst bloggen können, greifen wir da mal unter die Arme:

Wir als Zeckensalon richten uns mit diesem Aufruf an die Fans des FC St. Pauli und an alle Hamburgerinnen und Hamburger. Seit Wochen kämpfen aus Libyen geflüchtete Menschen unter dem Namen „Lampedusa in Hamburg“ für ihre Rechte. Über 300 Geflüchtete mussten monatelang auf der Straße oder in Notunterkünften schlafen und sind nach wie vor akut von Abschiebung bedroht. Der SPD-Senat setzt seine unmenschliche Politik fort, doch die Geflüchteten geben nicht auf. Höchste zeit, sie bei ihrem Kampf zu unterstützen.

Die Mauern der „Festung Europa“ durchziehen nicht nur das Mittelmeer – sie sind auch hier in Hamburg. Das zeigen die Kämpfe der Geflüchteten aus Libyen, die auf Hamburgs Straßen leben müssen. Sie schließen sich zusammen und machen ihre prekäre Lage sichtbar, so dass niemand mehr wegsehen kann. Doch der Hamburger SPD-Senat sieht weg. Olaf Scholz & Co verwehren den Geflüchteten die Rechte, die ihnen zustehen. Doch diese lassen sich nicht beirren: „Wir sind Menschen und haben Rechte. Wenn die Gesetze gegen uns sind, müssen sie abgeschafft oder geändert werden. Der Mensch macht das Gesetz, nicht das Gesetz den Mensch“.

Für die Rechte der Geflüchteten müssen die deutschen Gesetze abgeschafft werden. Seit langem versucht Deutschland Flucht und Migration zu entrechten und zu verhindern. Spätestens mit der rassistisch vorangetriebenen Grundgesetzänderung von 1993 und den neueren EU-Gesetzen (Dublin II) wird es nahezu unmöglich, das Recht auf Asyl in Deutschland zu bekommen. Doch die Geflüchteten kämpfen für einen sicheren Aufenthalt und ein besseres Leben: Sie fordern ihr Recht auf Wohnraum, freien Arbeitsmarktzugang, Bildung, medizinische und soziale Versorgung sowie die „freie Wahl des Aufenthaltsortes bzw. Wohnortes innerhalb der EU“.

Nun ist es an allen Hamburgerinnen und Hamburgern, die Geflüchteten in ihren Kämpfen und ihrer prekären Lage zu unterstützen. Insbesondere liegt es auch an dem FC St. Pauli und seinen Fans hier ein klares Zeichen zu setzen. Die Fans vom Verein und die Leute im Viertel haben in den verschiedensten Auseinandersetzungen in den letzten Jahrzehnten gezeigt, wie ein solidarisches Miteinander und der Einsatz gegen Diskriminierung jeglicher Art aussehen könnte. So konnte auch der Hamburger Senat das eine oder andere Mal in die Schranken verwiesen werden. Die Kämpfe der Geflüchteten für einen sicheren Aufenthalt und eine Unterkunft können dabei auch als Bestandteil der immer größeren Bewegung für ein Recht auf Stadt und Wohnraum für alle verstanden werden. Sie zeigen, dass der Pass oder die Herkunft eines Menschen nicht über sein Leben bestimmen darf. Alle die das auch so sehen, sollten den Kampf von „Lampedusa in Hamburg“ unterstützen.

Zeit zum Handeln! Zum einen wird konkrete Unterstützung gebraucht: Überlegt was ihr beisteuern könnt (z. B. Matratzen, Hygieneartikel oder Geldspenden), ob ihr selbst Aufgaben übernehmen wollt oder sonst irgendein Support gebraucht wird. Haltet Ausschau nach Aufrufen was gebraucht wird oder geht selbst zum Infozelt am Steindamm/Hauptbahnhof. Dort könnt ihr euch auch informieren lassen über die anstehenden Aktionen. Denn zum anderen wird mehr denn je politischer Druck gebraucht, damit der Senat auf die Forderungen der Geflüchteten eingehen muss.

Deshalb kommt alle zur Demo am Samstag! Auch wenn wir im Aufruftext neben der Kritik an den NATO-Staaten eine Kritik an dem System Gaddafi vermissen, gegen den sich 2011 viele Menschen in Libyen erhoben haben, rufen wir ausdrücklich dazu auf, den Protest am Samstag zu unterstützen. Es ist wichtig auch auf der Straße Flagge zu zeigen! Wir müssen deutlich machen, dass viele Leute in Hamburg nicht hinter der Abschiebepolitik von Scholz & Co stehen, sondern hinter dem Protest der Geflüchteten!
Es wird Zeit, dass auch die antifaschistischen & antirassistischen Werte der St. Pauli-Fanszene nicht nur in Internet-Foren, auf Tapeten oder in Texten wie diesem gezeigt, sondern praktisch werden und auf die Straße gehen.

Zeckensalon 2013

Termine am Samstag:

Demonstration von „Lampedusa in Hamburg“
12Uhr | HH-Hauptbahnhof/Hachmannplatz
Link: http://lampedusa-in-hamburg.tk

Soli-Fest zur Unterstützung von „Lampedusa in Hamburg“ im Karoviertel
Im Anschluss an die Demo | Auf dem Ölmühlenplatz (Marktstraße; U-Bhf-Feldstraße)
Link: www.facebook.com/events/332678563527394

Jun 042013
 
Soli_Grafik_5

Grafik kann gerne geteilt und benutzt werden.

 

 

Folgende Nachricht erreichte uns eben von kirchlicher Seite:

An Sachspenden werden gebraucht:
– Isomatten, Faltmatratzen und Schlafsäcke
– Männerjacken: Regen, Flies, etwas gefüttert
– Hygieneartikel: Zahnbürsten, Zahnpasta, Duschzeug, einmal Rasierer, Rasierschaum
– Rucksäcke und Taschen
– Schuhe ab 42 (bitte nur welche die noch gut in Schuss, nicht zu ausgelatscht und eine intakte Sohle haben, am besten wasserdicht)
neue (!!!) Socken und Unterwäsche (man muss das „neu“ leider betonen…)
– Schreibartikel: Kulis, Hefte oder Blöcke, es wurde auch schon nach deutsch-französisch, deutsch-englisch Wörterbüchern gefragt.
– Einmalgeschirr v.a. Becher

Die Sachspenden mögen bitte an das Info-Zelt am Anfang des Steindamms gebracht werden. Vorsicht das stimmt Wohl nicht (mehr). Siehe Kommentare.

GEssensspenden bitte nur nach Rücksprache! (zB Freitags Reissäcke an die Erlöserkirche, Getränke an St Pauli Kirche oder Infozelt, etc)
Für Geldspenden gibt es entweder eine kleine Box am Infozelt, ein Konto der Karawane und eins der Nordkirche.

Tatsächliche Mithilfemöglichkeiten und weitere Projekte werden gerade noch überlegt, mit den refugees abgestimmt und koordiniert.
Dazu halten wir euch aber dieser Tage auf dem Laufenden.

Bitte schaut regelmäßig in die entsprechenden Quellen!

Veranstaltungen

Samstag
Solifest im Karoviertel

Demo

Sonntag
Benefizkonzert „Embassy of Hope“ 19h St Pauli Kirche

Wichtige Adressen:

Sankt Pauli Kirche, Pinnasberg 80, 20359 Hamburg
Infostand der refugees Steindamm, vor der internationalen Apotheke

Jun 032013
 

(english version below)

Hamburg – das Tor zur Welt, nicht die Festung Europa

Mit Bestürzen beobachten viele von uns, wie mehrere hundert afrikanische Geflüchtete seit Wochen von der Stadt Hamburg im Stich gelassen werden. Wir, eine Gruppe von Fans des FC St. Pauli, wollen unsere Kräfte sammeln und den Geflüchteten aktiv bei ihrem Kampf für einen sicheren Aufenthalt in Hamburg und ein besseres Leben unterstützen.

Schon lange versäumt es der Senat, seiner Verantwortung als Regierung einer der reichsten Städte Europas gerecht zu werden und jene Menschen zu unterstützen, die vor einem Bürgerkrieg mit wenig mehr als dem eigenen Leben hierher geflohen sind.

Das ist nicht unser Hamburg!

Was auch immer wir tun können, wir werden helfen. Dazu fordern wir alle BürgerInnen der Stadt auf, sich einen Ruck zu geben und mit anzupacken. Im Augenblick vernetzen wir uns mit den Geflüchteten direkt, mit den Kirchen, mit antirassistischen Initiativen und anderen wichtigen Stellen, um einen konkreten Plan auszuarbeiten. Wem das Schicksal der Geflüchteten nicht im Allerwertesten vorbeigeht, verfolge weiter diese Kanäle, auf denen wir in Kürze die Möglichkeiten nennen werden, wie ihr eure Solidarität und Unterstützung zeigen könnt.Wir fordern zudem auch die Institutionen und Gremien des FC St. Pauli selbst auf, da zu helfen, wo dieses von den Betroffenen und ihren Unterstützern gewünscht und gebraucht wird.

Kein Mensch ist illegal!

Hamburg – the Gate to the World, not the Fortress Europe

Deeply concerned, a lot of us see several hundred African refugees being left behind by the City of Hamburg for weeks. We, a group of supportes of the FC St. Pauli, are willing to gather our powers to help these refugees with their struggle for a save stay in Hamburg and a better life.
For a long time the Hamburg Senate fails in its responsibility of being the government of one of the richest cities in Europe and support those people who fled from a civil war with little more than their own lives.

That is not our Hamburg!

Whatever we can do, we will help. Therefore we urge all Hamburg citizens to get up and join us. At the moment, we are networking with the refugees themselves, with antiracist initiatives, with the churches, and with other important institutions to build up a proper plan. All you people who don’t turn a blind eye to the fate of the refugees should follow these wires. We will shortly name the possibilities how you can show your solidarity and support.
We also ask the intitutions and comittees of the FC St. Pauli itself to help where the people concerned and the supporters need it.

No one is illegal!

Jun 022013
 

oder

Ein Wochenende in wenigen Worten und ein paar Bildern

Eröffnet

Die Fanräume sind eröffnet. Die Räume wurden auf breiter Front von Leuten gelobt und die Förderwand (Fliesenwand) erwies sich als Blickfang, vor der viele Leute lange innehielten. Das Bier floss reichlich und das Sommerfest war gut besucht. Hübsch angemalt sind die Wände, die Büros hell und freundlich (die Fanladenmitarbeiter werden das sehr zu schätzen wissen). Nun kommt aber das Wichtigste: Ab jetzt muss das ganze mit Leben gefüllt werden, es muss inhaltlich mit mehr als Bier trinken und chillen gefüllt werden, dann wird es wirklich etwas Besonderes. Hier noch ein paar Bilder vom Eröffnungstag und vom Fanladenumzug:

Viele Hände schnelles Ende im Laster.

viele Hände, schnelles Ende im Laster.

Leer da...

leer da…

Leer hier...

leer hier…

das war nebenbei mal das Büro

das war nebenbei mal das Büro

Rauchverbot

Rauchverbot

der Tresen im Fansaal

der Tresen im Fansaal

der Eingangsbereich... Heizung schön genutzt

der Eingangsbereich… Heizung schön genutzt

die gegenüberliegende Wand

die gegenüberliegende Wand

Förderwand: Detail

Förderwand Detail

(die letzte vier Fotos Copyright @clubmateicetea, Benutzung mit freundlicher Genehmigung)

Der Lauf gegen Rechts

Erst einmal kann man nicht gegen Rechts laufen. Laufen ist etwas sehr Unpolitisches, in jedem Fall unpolitischer als Fußball. Und solche Mottos können ja auch sehr hohl werden. Aber wenn Geld für Aktionsbündnisse gesammelt und ein Lauf entsprechend auch politisch begleitet wird, dann ist es ein sehr gutes Mittel. Den Kopf schütteln musste ich (@headnutHH) kurz, als ich ein Typ mit tätowierten eisernem Kreuz mitlaufen sah. Von sonstigen Aussehen würde ich sagen: Metaldude. Bisschen komisch, so eine Symbolik da spazieren zu tragen. Aber nun gut.

die Alster mit Message

die Alster mit Message

Sportlich wurde es bei mir eine Rekordrunde. 41:22 brutto wurden vom Veranstalter gemessen, 40:46 netto sagte meine Uhr. Egal. Beides ist definitiv Rekord auf der Alsterrunde. Eine 5:27er Pace ist für mich schon sehr schnell.

Ansonsten war die Veranstaltung gut organisiert, es gab selbst auf halber Strecke eine Verpflegungsstelle mit Wasser. Das ist bei der Distanz (7,4 km) nun wirklich außergewöhnlich.

Jun 022013
 

oder

Wenn SKB und ZIS nur Geldverschwendung sind

Vorwort

Liebe Leser, dieser Bericht ist bitte sehr vorsichtig zu lesen. Er differenziert ganz bewusst und versucht, sich ganz gezielt in die Lage von Einsatzleitern vor Ort zu begeben. Viele Leute haben schon über die geleakte sogenannte „Vorauslage“ der ZIS geschrieben. Verlinkt sei mal der Bericht bei Publikative. Es ist aber mal interessant, das Ganze noch etwas genauer zu betrachten und dabei den Schwerpunkt auf unser Spiel in Kaiserslautern (ergänzt durch unseren Besuch in Duisburg, um auch mal Busanreisen zu dokumentieren) zu legen. Warum auf dieses? Ganz einfach, wir sind ein FCSP-Blog und wenn wir eine Fanszene einschätzen können, dann ja wohl (hoffentlich) die eigene. Und durch die hohe Anzahl der Mitreisenden sollten auch viele unserer Leser zu einer eigenen Einschätzung kommen können.

Die ganze Betrachtung kommt dabei ganz bewusst von der Sicherheitslogik her und nicht von der Freiheitslogik des Betroffenen. Es soll einfach gezeigt werden, dass selbst in einer Polizeistaatlogik (um mal ein bisschen polemisch zu werden) sehr viel schief läuft bei der Begleitung von Fußballeinsätzen.

Die Lage

Fangen wir also erstmal damit an, was in diesem Bericht über unser Spiel beim FCK so stand:

Zitat Beginn

2.1 Vorauslage

Nach Angaben der Polizei Hamburg wurden mit Stand vom 13.05.2013 ca. 2.600 Tickets im Kartenvorverkauf abgesetzt. Insgesamt wird mit 3.000 bis 3.500 anreisenden St. Pauli-Fans nach Kaiserslautern (KL) gerechnet, von denen etwa 850 bis 1.000 direkt aus dem Großraum Hamburg anreisenden [sic!] werden. Unter den Gästefans werden sich voraussichtlich ca. 100 Personen der Kategorie B sowie 30 bis 40 der Kategorie C befinden.

Bei den B-Fans handelt es sich überwiegend um Angehörige der Gruppierung „Ultras St.
Pauli (USP)“, die vornehmlich in schwarzer Bekleidung anzutreffen sind oder zum Teil auch braune Trainingsjacken und schwarze Wollmützen mit dem Emblem der „USP“ tragen („Che Guevara“-Kopf und die Buchstaben „USP“). Die C-Fans aus St. Pauli setzen sich sowohl aus Ultras der „USP“ als auch aus Angehörigen der Gruppierungen „Reisegruppe Kiez“ und „St. Pauli Warriorz“ zusammen.

Da die auswärtige Risikofanszene durchgängig linksorientiert ist, sind bei einem Aufeinandertreffen mit politisch rechts gerichteten Personen körperliche Angriffe zu erwarten. Dafür reicht es aus, wenn dem Gegenüber eine entsprechende Gesinnung unterstellt wird (z.B. durch das Tragen von „Thor Steinar“-Bekleidung).

Die Polizei Hamburg teilt mit, dass bei einigen Auswärtsspielen des Gastvereins pyrotechnische Erzeugnisse durch Einzelpersonen gezündet worden sind. Diese Personen stammen jedoch nicht aus dem Kreis der Ultraszene, von der derartige Störungen grundsätzlich nicht zu erwarten sind. Im Rahmen der Einlasskontrollen wird jedoch darauf hingewiesen, dass es im Falle einer (zu erwartenden) geschlossenen Ankunft (insbesondere) der mit einem Sonderzug anreisenden auswärtigen Ultras zu (ggf. geplanten) Drucksituationen am Einlass kommen kann (Kassen-/Blocksturm). In der Vergangenheit wardies nach Erkenntnissen der Polizei Hamburg mehrfach geplant, konnte jedoch aufgrund entsprechender Polizeipräsenz überwiegend verhindert werden.

Weiterhin kann davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Gästefans bereits bei der Ankunft am Spielort größere Mengen alkoholischer Getränke konsumiert haben wird, insbesondere die Kuttenträger. Im Rahmen der An- oder Abreise, insbesondere bei Unterwegshalten an Tank- und Rastanlagen, können Diebstahlsdelikte durch (busreisende) Gästefans nicht ausgeschlossen werden.

Das Verhältnis der (Problem)Fans des FC St. Pauli zur Polizei ist derzeit sehr angespannt. Weisungen der Polizei oder des Ordnungsdienstes werden nur widerwillig oder gar nicht befolgt. Bei einem polizeilichen Einschreiten gegen St.Pauli-Anhänger ist mit einer starken Solidarisierung der Fans zu rechnen. Insbesondere im Stadion muss beim Einschreiten von Ordnern und/oder Einsatzkräften auch erwartet werden, dass diese sofort angegriffen werden.

Das Verhältnis der Problemfans beider Anhängerschaften zueinander wird übereinstimmend als rivalisierend eingestuft. Bei einem unkontrollierten Aufeinandertreffen von B-/C-Fans aus KL und St. Pauli ist daher mit verbalen Provokationen und unmittelbar beginnenden, gruppendynamischen Auseinandersetzungen zu rechnen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es nach Spielende zu einem „Platzsturm“ kommt (siehe hierzu auch Nr. 10).

2.2 Reisewege/Reisemittel

Durch den FC St. Pauli wird ein Sonderzug mit einer Kapazität von 850 Personen eingesetzt, der bereits seit mehreren Wochen ausverkauft ist. Unter den Mitreisenden werden sich nach Angaben der Polizei Hamburg alle zuvor genannten Problemfans befinden.

Folgende
Fahrtzeiten sind bekannt:
[hier mal gekürzt]

Fast alle übrigen St. Pauli-Fans werden (überwiegend individuell) aus dem regionalen Umfeld des Spielortes bzw. dem restlichen Bundesgebiet anreisen.

Zitat Ende. Hier noch ein paar Ausschnitte aus dem Bericht über das Spiel in Duisburg (da ist viel Wiederholung drin, daher hier nur ein „best off“):

„Unter den Gästefans werden sich voraussichtlich 80 bis 100 Personen der Kategorie B sowie 20 bis 30 der Kategorie C befinden. Bei den B-Fans handelt es sich überwiegend um Angehörige der Gruppierung „Ultras St. Pauli (USP)“, die vornehmlich in schwarzer Bekleidung anzutreffen sind oder zum Teil auch braune Trainingsjacken und schwarze Wollmützen mit dem Emblem der „USP“ tragen („Che Guevara“-Kopf und die Buchstaben „USP“). Die C-Fans aus St. Pauli setzen sich sowohl aus Ultras der „USP“ als auch aus Angehörigen der Gruppierungen „Reisegruppe Kiez“ und „St. Pauli Warriorz“ zusammen.“

„Im Rahmen organisierter Busreisen wurden durch den „Fanladen“ und den Fanclub „Nordsupport“ insgesamt drei Reisebusse der Firma „Hamburg […]“ (aKz.: HH-[…]) angemietet. Auf den beiden erstgenannten und durch den „Fanladen“ angemieteten Reisemitteln können sich erfahrungsgemäß fünf bis zehn B-Fans befinden.“ (Kennzeichen und Firma der Reisebusse von uns gekürzt)

Erstmal sacken lassen

Bevor wir auf den Text eingehen, lassen wir ihn erstmal wirken und fragen uns, auf welcher Grundlage das alles passiert. Die ZIS ist entstanden durch einen Beschluss der Innenministerkonferenz und ist in NRW angesiedelt. Soweit ersichtlich, gibt es keine wirkliche gesetzliche Grundlage für die Tätigkeit der ZIS. Nur für die dort ebenfalls geführte „Gewalttäter Sport“-Datei gibt es eine Verordnung, weil vorher Gerichte das Fehlen genau dieser bemängelt hatten. Ziel der ZIS ist es – laut Eigenbeschreibung – „die Koordination und Durchführung des aufgabenorientierten Informationsaustausch“. Kurz: Sie sammelt Informationen über uns Fußballfans und gibt sie weiter. Das mag man nicht mögen und kann man auch sehr kritisch sehen, aber im polizeiinternen Bereich (sprich: zwischen den Behörden der Länder) haben Gerichte das für unproblematisch erklärt. Und rein theoretisch ist das ja auch gar nicht doof. Wenn wirklich echte Informationen ausgetauscht werden würden, dann würde man bei einem vollkommen unproblematischen Spiel wie Paderborn nicht von einer Polizei empfangen, die Bürgerkrieg erwartet.

Nun offenbart das Papier aber auch seinen Verteiler. Und dieser beinhaltet mit „Bundesliga“ und „Berlin DB AG“ zwei Empfänger, die nicht im Polizeikreis sind. Nun kommt das bei dem von uns zitierten Text nicht so heraus, aber wenn man mit dem Bus anreist, dann sind da selbst die Kennzeichen der Busse enthalten. Es ist schon bemerkenswert, dass so unbestimmte Empfänger wie „Bundesliga“ solche doch sensiblen Daten erhalten. Vielleicht will z.B. ein Busunternehmer aus Unna nicht so ganz an die große Glocke hängen, dass er BVB-Ultras fährt? Und immerhin steht jeder Busunternehmer in einem Konkurrenzverhältnis zur Deutschen Bahn. Es wird hier in einen sehr breiten Verteiler gepustet. Und ohne Abstufung, wen was anzugehen hat. Sprich: Was soll die Bahn mit Kennzeichen von Bussen?

Ist denn so eine Weitergabe erlaubt? Da wir uns hier im Bereich der Polizei NRW befinden und eine gesonderte Rechtsgrundlage nicht zu erkennen ist, müssen wir wohl auf das Polizeigesetz NRW zurück greifen. Alleine das zeigt schon die Problematik: Obwohl ein Spiel z.B. null Berührungspunkte mit dem Bundesland Nordrhein-Westfalen hat, gelten plötzlich dessen Landesnormen.

Polizeigesetze sind uns bei unseren Abhandlungen ja bereits mehrfach begegnet und man ist hier in einer äußerst problematischen Rechtsmaterie. Polizeigesetze behandeln Prävention. Sie sollen der Polizei ein Handeln ermöglichen, bevor etwas passiert. Ein auf den ersten Blick logischer Gedanke. Dass derartige Prognosen stets sehr schwierig sind, darf man allerdings nicht vergessen. Dementsprechend bleiben viele Normen in Polizeigesetzen vage, um der Polizei Flexibilität zu gewähren. Und gerne vergisst der Gesetzgeber dabei, dass er auch einen Schutzauftrag gegenüber dem Bürger hat. Diesen dann durchzusetzen überlässt er wiederum den Gerichten. Warum? Weil auch viele Bürger diesen Schutzauftrag vergessen. Argumente, die mit „Wenn ich nichts gemacht habe, dann…“ beginnen, sind jedem bekannt.

Und so einen Gummiparagraphen haben wir auch in § 29 des Polizeigesetzes NRW, denn danach ist die Weitergabe erlaubt, „soweit dies zur Erfüllung ihrer [gemeint ist die Polizei] Aufgaben oder zur Abwehr erheblicher Nachteile für das Gemeinwohl oder zur Abwehr schwerwiegender Beeinträchtigung der Rechte einer Person erforderlich ist“. (Zitat ist ein bisschen redaktionell umgestellt)

Liebe Leser, selbst bei dieser sehr offenen Formulierung kann man sich wirklich fragen, ob sie die Rechtsgrundlage dafür gibt, dass die Deutsche Bahn (und die Bundesliga!) Kennzeichen von Bussen erfährt und weiß, wie einzelne Fans durchs Bundesgebiet reisen. Würde man der Bahn nur einen Ausschnitt geben, auf welchen Strecken erhöhtes Aufkommen von Fans des Vereines A, B oder C zu erwarten ist, dann würde man das problemlos in diese Norm bekommen, alleine schon um irgendwelches Gedränge zu vermeiden, z.B. weil gerade heute beim Spiel Osnabrück – St. Pauli zwischen Bremen und Osnabrück der Schienenersatzverkehr geplant war. Da soll und muss die Polizei auch präventiv tätig werden und was ist bessere Prävention, als so etwas zu kommunizieren? Soweit so unproblematisch. Problematisch wird es eben bei konkreten Gruppennamen und konkreten Busdaten. Diese haben bei der Bahn einfach nix zu suchen. Wie schon erwähnt: Gerade ein Busunternehmer hätte gute Gründe, solche Sachen nicht der Bahn zu melden. Immerhin ist man ggf. Konkurrenz.

Gleiches gilt für die Weitergabe an die „Bundesliga“. Nun mag die Anzahl der Busse für den gastgebenden Verein noch von Interesse sein (z.B. um entsprechenden Parkraum vorzuhalten), aber warum auch hier Kennzeichen und Infos, welche Gruppe welchen Bus gemietet hat, weitergegeben werden, ist wahrscheinlich auch ausschließliches Geheimnis der Polizei.

Noch etwas fällt auf. Es werden ja nicht nur Daten von B- und C-Fans gesammelt und weitergegeben, sondern es werden ja auch die Anreisedaten von A-Fans zusamengestellt und in diesen weiten Verteiler gepustet. A-Fans sind Fans, die selbst von der Polizei (!!!) als vollkommen unproblematisch gesehen werden! Wie eine solche Datenerhebung und Weitergabe unter § 29 passen soll, weiß wahrscheinlich niemand.

Aber nun zu uns!

Informationen sind nur dann wirklich nützlich, wenn sie stimmen. Nur so kann eine örtliche Polizei flexibel und auch Ressourcenschonend ihre Kräfte einsetzen. Und steht ein wichtiger Kritikpunkt: Wenn man sich mal die Vorauslage zu Kaiserslautern ansieht, dann sehen wir da kein Potential für ein Hochrisikospiel und dies wird ja auch dadurch deutlich, dass man Bier im Stadion erwerben konnte. Trotzdem setzte die Polizei auf dem Hinweg nicht nur auf eine komplette Fantrennung, sondern lies auch einen Hubschrauber über dem Marsch fliegen, um dann per Twitter anzukündigen, dass man den nun abziehe, weil ja alles gut verlaufen sei. Wenn man mal dem oben zitierten Geschreibsel glauben will, dann war die auch nicht anders zu erwarten (oder wie schrieb jemand so schön auf Twitter „was ist daran so bemerkenswert?“) und der Hubschrauber war schlichtweg nur eines: Steuergeldverschwendung. In der Vorauslage wird nur vor „unkontrolliertem“ Aufeinandertreffen von B- und C-Fans gewarnt, von denen es bei uns gerade einmal 100 geben soll.

Leider veröffentlicht die Polizei Kaiserslautern keine Anzahl der eingesetzten Beamten, aber wir gehen mal vorsichtig davon aus, dass uns ca. 200 begleitet haben. Laut der Pressemitteilung wurden selbst Kollegen aus dem Saarland angefordert. Wenn man mal 200 Polizisten in unserer Begleitung annimmt, dann hatte also jeder von der Polizei (!!!) als problematisch angesehene Fan zwei Polizisten direkt an seiner Seite. Man kann hier sehr gut die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen. Oder glaubt man dem ZIS-Bericht nicht? So oder so: Hier wird Geld ausgegeben, ohne die entsprechende Wirkung zu haben.

Nur seien wir ehrlich, man kann auch an der Qualität der Berichte stark zweifeln. Es ist bezeichnend, dass es die Polizei Hamburg nicht schafft, die Gruppe, die sie seit zehn Jahren auf dem Kieker hat, richtig zu bezeichnen. Oder kennt ihr die Ultras St. Pauli? Wir nicht. Wir kennen nur Ultrà Sankt Pauli und ja, das ist ein Detail, aber gerade Details sind doch wichtig, wenn ich eine differenzierte Herangehensweise haben will.

Dazu noch ein bisschen Realsatire (das mit den Mützen) und noch mehr falsche Informationen. (Oder hat jemand einen Sonderzug vom Verein FC St. Pauli gesehen? Nebenbei hatte dieser laut vermietender Firma auch eine andere Anzahl an Plätzen.) Fertig ist der Zweifel, dass die Informationen, die für Polizeiarbeit (!!) wirklich wichtig sind (B, C welche Gruppen? Etc.) der Wahrheit entsprechen.

Oder drücken wir es mal anders aus: Wenn selbst die paar Fakten, die wir nachprüfen können und wollen, mit Fehlern nur so durchsetzt sind, dann spricht das kaum für die Qualität der anderen Informationen. Würdet ihr euch als Einsatzleiter darauf verlassen, insbesondere, wenn ihr die Ohren richtig lang gezogen bekommt, wenn das alles schief geht? Definitiv nicht. Also fahrt ihr Hubschrauber und Bürgerkriegsausstattung für nix und wieder nix auf.

Die Kollegen bei Publikative überlegten ja so ein bisschen, was eigentlich die Quellen für diese Infos sind, und viele dieser Infos werden garantiert von unseren sogenannten szenekundigen Beamten zusammengestellt und/oder gefiltert. Die Fehlerhaftigkeit dieser Informationen unterstützt die Theorie, die ich (@headnutHH) schon vor Jahren gegenüber unserem damaligen Innensenator vertreten habe: In dieser Form braucht SKBs kein Mensch. Nicht einmal Sicherheitsfanatiker. Sie sind reine Geld- und Zeitverschwendung.