Jul 192012
 

oder

Fuck Off!

Pushing little children
With their fully automatics
They like to push the weak around
S.o.a.D – Deer Dance

Vorwort

Liebe Leser, eigentlich wollten wir uns an dieser Stelle dem wirklichen Freundschaftsspiel in Babelsberg widmen, wo wir eine riesige Menge Spaß hatten, wo die Polizei sich ausschließlich am Bahnhof aufhielt, wo trotz keiner Polizei, keiner Ordner und trotz Bengaloeinsatz weder die Welt untergangen ist, noch irgendwer wirklich zu Schaden gekommen ist, wo Menschen einzigartige Fußballkultur zelebriert haben und alles friedlich blieb.

Wir wollten positiv gesehen nette Menschen abfeiern, die zusammengewürfelt einen riesigen Spaß hatten und negativ homophobe Sprüche von irgendwelchen St. Paulipunkern geißeln. Wir wollten den Stadionsprecher loben und die Gastfreundschaft, wir wollten ein insgesamt positives Fazit schreiben und uns auf die Saison freuen.

Nur dann kam der Sicherheitsgipfel. Und damit war alle Vorfreude verzogen und es bleibt nur die Feststellung, dass dieser Fußball nicht (mehr) der Fußball ist, den wir lieben.

Worum geht es eigentlich?

Nachtrag als Vortrag: Leider kam das Interview mit Meeske und Spies erst nachdem dieser Text fertig gestellt wurde. Es wird am Ende des Textes gewürdigt.

Liebe Leser, was ist denn da beschlossen worden? Warum gehen Fanvertreter denn so auf die Palme? Ist das nicht alles richtig und muss Gewalt nicht bekämpft werden? Und was ist denn nun mit den Stehplätzen? All das muss man kritisch hinterfragen und dafür muss man ausholen. Und genau dies macht die ganze Diskussion ja auch so schwierig. Steht man doch als kritischer Fan sehr schnell als „Gewaltverharmloser“, als „nicht konsequent“ da. Dies macht das Ganze ja auch so perfide, weil zwar nicht mit dem Begriff „alternativlos“, aber doch mit dem dahinter stehenden Gedankengut versucht wird eine Diskussion, eine besonnene Stimme sofort zu töten.

Es geht hier nämlich auch um die Herrschaft an den Stammtischen. Und genau daher weht der Wind. Innenminister Friedrich muss befürchten, dass das Verfassungsschutzdebakel doch endlich mal die Öffentlichkeit aufwachen lässt. Das jemand mal Sicherheitsbehörden hinterfragt und vielleicht auch Journalisten irgendwann anfangen diese zu hinterfragen. Da muss man ein Thema finden, wo man sich als Hardliner, als Retter des Friedens aufspielen kann und dafür muss man jemanden finden, der (auch aus eigenem Verschulden nebenbei) keine Lobby in der Öffentlichkeit hat. Und da eignet sich der Fußballfan an sich und der Ultra im besonderen doch perfekt. Oder?

Wir möchten hier auch auf ein Interview mit jemandem verweisen, der im Rockerumfeld recherchiert. Nun liegt es uns fern, uns mit Rockern und ihrer archaischen Gesellschaftsform zu solidarisieren, aber die Mechanismen sind die gleichen. Und wenn man bedenkt, dass die einbetonierte Leiche schlichtweg nicht gefunden wurde, dann greifen hier in der Öffentlichkeit schon ähnliche Mechanismen.

Dieser Vereinfachungslogik, dieser Stammtischlogik, diesem lauten Ruf nach immer mehr Gesetzen und immer mehr Strafen eine Stimme entgegen zu setzen, das muss unser Ziel sein. Dafür müssen wir aber ausholen und euch, liebe Leser, fordern. Bildzeitungsparolen sind eher nicht unsers. Wiederholungen zu alten Artikeln werden sich nicht vermeiden lassen. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Stadionverbote

Fangen wir mit den Stadionverboten an. Jeder denkt zuerst: „Ist doch gut, wenn ein Straftäter oder ein Gewalttäter aus dem Stadion genommen wird.“ An dieser Logik mag auf den ersten Blick etwas dran sein, aber wenn man sie genauer betrachtet, dann fällt sie schnell in sich zusammen. Wenn man sich die Presseerklärung so ansieht, dann wird da der Begriff „Störer“ verwendet. Und da weiß man schon, woher die Musik spielt. Störer ist ein polizeirechtlicher Begriff, der in den Bereich der präventiven Gefahrenabwehr gehört. Und ein Störer ist z.B. Verschuldensunabhängig, so dass es in dieser Denke vollkommen logisch ist, dass man Stadionverbote gegen jemanden verhängt, der Notwehr ausübt. Gerechtigkeit oder so spielt da keine Rolle. Und damit hat man das Grundproblem schon am Wickel.

Man kann und muss sich auch fragen, ob es denn zur Gefahrenabwehr nützlich war oder ist. Und dies kann man wohl sehr stark verneinen. Das Stadionverbot gibt es nun seit 20 Jahren und trotzdem wird in der Denke der Sicherheitsfanatiker doch alles immer nur schlimmer. Insofern muss man selbst aus ihrer Denke sehen, dass dieses Instrument schlichtweg gescheitert ist. Dass es auch widersinnig ist, einen potentiellen Gewalttäter lieber auf der unkontrollierbaren Straße, als im Hochsicherheitstrakt Bundesligastadion zu haben, sei nur so am Rande erwähnt. Mal ganz davon ab, dass bei Ultragruppen Stadionverbote eher einen Solidarisierungs- und Gruppenfestigungseffekt haben. Aber zugegeben, so etwas wie Sozialpädagogik ist vollkommen aus der Mode.

Nun hat man also dieses problematische Instrument wieder auf fünf Jahre im Regelfall verlängert und in „Extremfällen“ sollen auch bis zu zehn Jahren möglich sein. Die Presse macht daraus dann, dass „gegen besonders brutale Hooligans“ zehn Jahre möglich seien. Was bereits hier wieder vergessen wird und selbst von „Qualitätsmedien“ wie der Tagesschau nicht einmal annähernd problematisiert wird ist, dass das Stadionverbot eben keine Strafe sein soll.

Dies zeigt auch die Praxis: Stadionverbote werden ständig in noch laufenden Ermittlungsverfahren verhängt und bevor überhaupt eine Verurteilung vorliegt. Zwar kann man bei einer erwiesenen Unschuld (! Das ist nebenbei etwas anderes, als eine Einstellung wegen Geringfügigkeit) dieses wieder aufgehoben bekommen, aber Fakt bleibt, dass man erstmal im Stadionverbot ist, obwohl die juristische Unschuldsvermutung noch gilt. Im Endeffekt erlebt man hier eine Umkehr der Beweislast. Man muss beweisen, dass man unschuldig ist. Das ist nebenbei rechtstaatlich gar nicht möglich.

Mit dem zweifelhaften Argument der präventiven Gefahrenabwehr wird hier also ein
Nebenstrafrecht eingeführt. Dass dies der Fall ist, zeigt sich noch an Folgendem:

Es kommt die Vergabepraxis vor Ort hinzu. An vielen Standorten wird pauschal immer drei Jahre für jedes Vergehen (unjuristisch gemeint) gegeben. Es wird also die Sachbeschädigung mit der Körperverletzung mit dem Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz gleichgesetzt. Eine Abwägung der individuellen Gefährlichkeit, eine Beurteilung, ob der Täter auch in einem Jahr, in zwei Jahren, in drei Jahren oder in zehn Jahren noch gefährlich ist, erfolgt nicht und kann eigentlich auch von privatrechtlichen Vereinen nicht passieren. Bei zehn Jahren wäre dann auch dringend zu fragen, warum keine Kontrolle in der Frist erfolgt? Auch der brutalste, fieseste Hooligan heiratet, wird braver Familienvater und will sich seinen Verein nur bei einem Wasser auf der Haupttribüne ansehen. (Wir arbeiten bewusst mit Klischees). Um es mal zusammen zu fassen: Was der Staat hier macht, ist, dass er sich um seine ureigenste Aufgabe drückt. Und – bei aller Kritik am Polizeirecht – ist das u.a. eine effektive und sinnvolle Gefahrenabwehr.

Findet ihr rechtstaatlich nicht problematisch? Wir schon! Ja, Rechtstaat ist immer so ein böses Wort. Es ist nämlich Täterschutz. Und das ist unpopulär. Wir hören schon das geliebte „wenn man nichts macht, dann hat man doch nichts zu befürchten“ Argument. Tja, da Freunde Stadionverbot haben, weil sie ihr Eigentum verteidigt haben, können wir irgendwie dieses Argument nicht sehen.

Und als Strafe ist ein Stadionverbot schlichtweg unhaltbar. Denn auch das ist eine ureigenste Aufgabe des Staates. Daher: Wenn man unbedingt Stadionverbote als sinnvoll erachtet, dann gehören die Raus aus irgendwelchen Vereinbarungen von Vereinen, dann haben die nicht die Vereine zu vergeben, dann muss das der Staat machen mit all seinen Rechtsschutzmöglichkeiten und all seinen Institutionen. Nur das wäre datenschutzrechtlich, freiheitsrechtlich und überhaupt auch nur annähernd vertretbar. Und dabei wollen wir nicht verheimlichen, dass wir gerade im Bereich des Ordnungsrechtes erhebliche Bauchschmerzen bei ALLEN Möglichkeiten des Staates haben. Aber haltet mal diesen Gedanken der Privatisierung der staatlichen Aufgaben fest, er wird uns noch mal begegnen.

Und niemand muss glauben, dass da eine differenzierte, täter- und tatorientierte Stadionverbotspraxis beschlossen wurde. Alleine wenn davon die Rede ist, dass alle Maßnahmen konsequent ausgenutzt werden sollen, dann wird hier doch wieder dem angeblich zu verständlichem Ortsverein, eine Nähe zu den Fans und eine „falsche“ Nachsichtigkeit unterstellt. Die Vereine werden bei einem Abweichen von den Höchststrafen in einen erheblichen öffentlichen und politischen Erklärungsdruck gedrängt. Da haben doch schon Innenminister gefordert, dass nur der Verband die Stadionverbote aussprechen solle, weil der ja Unabhängiger sei. Und so etwas wie Einzelfallgerechtigkeit und Anhörungen sind sowieso etwas für Gutmenschen, Weicheier, was auch immer. Beängstigend nebenbei, dass dieser Innenminister einer grün-roten Regierung angehört. Ein Zeichen dafür, wie weit Rechtspopulismus und Stammtischparolen schon in das linke Umfeld eingedrungen sind.

Fanprojekte

Mehr Geld für Fanprojekte ist immer eine gute Sache. Viele Standorte leiden darunter, dass sie viel zu viel machen müssen mit zu wenig Personal. Aber das ist eben immer nur die eine Seite der Medaille.

Es bleibt die Sorge, dass hier nur ein soziales Feigenblatt geschaffen wird. Fanprojekte müssen auch ernst genommen werden, dürfen in ihrer Arbeit vor Ort nicht behindert werden und dürfen von der Polizei nicht einfach nur als lästig wahrgenommen werden. Nur dann bringt das Geld auch etwas. Und zu Recht weisen die Fanprojekte immer wieder darauf hin, dass man bei Jugendlichen Handlungsalternativen aufzeigen können muss. Und wenn das Verhalten auch zu fünf Jahren Stadionverbot führt, obwohl man im Endeffekt juristisch unschuldig ist, dann ist damit ein wichtiger sozialpädagogischer Ansatz zunichte gemacht. Man muss Jugendliche und ihre Organisationen immer als so vielschichtig sehen, wie sie es sind. Nicht nur als Sicherheitsrisiko!

Nebenbei: Auch hier wird der Ersatzstrafrechtscharakter des Stadionverbotes sehr deutlich. Ein Jugendlicher, der sich einer einfachen Körperverletzung strafbar macht, würde in dem – nebenbei richtigem – Ansatz des Jugendstrafrechtes höchstens geringe Auflagen und Maßnahmen bekommen. Im Sicherheitsdenken des Fußballs bekommt er dafür nun fünf Jahre, wenn nicht zehn Jahre. Für einen Jugendlichen ist das gleich Lebenslang. Glaubt ihr, dass dies zu einer Besserung führen würde? Nein, er ist gebrandmarkt und er würde sich danach auch so verhalten. Sinnvoll ist dies alles nicht.

Mal ganz davon ab: Man hat nun jahrelang nicht ernsthaft mit Fans geredet, man hat nur schöne Fotofankongresse abgehalten, ohne Folgen, der DFB hat mit seinem Basta Abbruch der Pyrogespräche eine goldene Chance vertan, so dass es mehr als lächerlich ist nun Fanprojekte stärken zu wollen, wenn man sie eigentlich nur als Handlanger sieht und nicht als Fanvertreter. Denn mit diesen will man ja nicht sprechen und sie auch nicht zur Lösung des Problemes machen. Das wäre viel wichtiger, als mehr Geld. Das dieses Geld dann auch noch von den Vereinen kommt, die öffentliche Hand sich also aus ihrer Verpflichtung der Finanzierung (teilweise) zurückzieht, ist noch ein widerlicher Nebeneffekt.

Mehr Videoüberwachung

Nun soll also in noch schärfere Eingangskontrollen und noch stärkere Videoüberwachung investiert werden. Nun hat wohl ganz bewusst niemand hinterfragt, was genau damit gemeint ist, denn die Videoüberwachung in Stadien ist bereits sehr überzogen und verhindert auch nix. Weil Videoüberwachung schlichtweg nun mal nix verhindert. Und in einer sich bewegenden, dunklen, nicht perfekt ausgeleuchteten, uniform gekleideten Masse stößt Videoüberwachung schnell an seinen Grenzen. Sie ist aber der Freund von jedem Sicherheitsfanatiker. Dass sie Probleme nicht löst, das steht ja auf einem ganz anderen Blatt. Auch die Eingangskontrollen sollen verschärft werden und so werden wir wohl flächendeckend erleben, dass irgendwelche Sprengstoffhunde an einem rumspringen, dass einem mit homophoben Äußerungen in den Schritt gefasst wird und das noch mehr Ordner freidrehen. Was das nützt? Nichts! Aber es klingt so gut, insbesondere wenn man unterstellt, dass die Vereine bisher ja aus „Privilegien“ nichts getan haben. Dass das alles Schwachsinn ist, sei nur nebenbei angemerkt.

Aber auch hier wird das Ganze erneut auf die Vereine abgeschoben, was eigentlich Aufgabe des Staates ist. Sie haben Ordner (Stichworte dazu u.a. Niedriglohnsektor, zweifelhaft, da häufig Rocker oder Nazis etc.) einzustellen, die Körperdurchsuchungen machen in einem Bereich, der außerhalb eines Stadions eindeutig der Polizei vorbehalten ist.

Und was ist mit den Stehplätzen?

Von einigen Seiten wird jetzt schon gesagt, dass die Abschaffung der Stehplätze schon beschlossene Sache ist. Und so ganz von der Hand zu weisen ist diese Theorie nicht, denn wie schon oben ausgeführt, es ist Wahlkampf, Friedrich hat ein Imageproblem und er muss sich als Macher präsentieren. Da ist so ein Stehplatzverbot doch echt mal toll. Nun ja, aber vielleicht regt sich dann doch Widerstand? Von den Vereinen können wir uns den nicht so richtig vorstellen, die werden eher ein bisschen pseudomäßig protestieren und dann die Schuld auf die bösen Ultragruppen schieben. Und sie verlieren endlich den Ansatzpunkt ihre Preispolitik zu kritisieren. Kein Zwanni für ein Steher? Super, wenn es keine Steher mehr gibt, dann kann ich doch mindestens 40 Euro nehmen. Und wenn ich 40 Euro für einen Kurvensitzplatz nehme, dann kann ich doch 60 Euro… Die feuchten Träume eines jeden wirtschaftlichen Geschäftsführers beginnen ungefähr so.

Aber geht das Ganze vielleicht doch woanders hin? Immerhin muss man auch immer etwas anderes bedenken, der Staat hat sich einer lebenslangen Sparpolitik verschrieben. Und natürlich könnten die Länder auf die Idee kommen zu überlegen, ob man nicht bei Polizeieinsätzen sparen kann. Kosten auf die Vereine abwälzen? Ach was, das ist nervig, da könnte noch jemand plötzlich mitbestimmen wollen und/oder klagen. Und was ist mit den Anfahrtswegen? Und was für ein Schlüssel nehme ich eigentlich? Und was ist, wenn mehrere Bundesländer beteiligt sind? Viel zu kompliziert. Und unsexy. Aber man lese folgendes (und danke an DPA, dass sie diesen Zwischenton mit transportieren):

„Die Vereine seien für die Ordner und Begleitung der Fans auf Auswärtsfahrten verantwortlich. «Für die allgemeine Sicherheit ist die öffentliche Hand zuständig. Bei dieser Arbeitsteilung muss es bleiben», sagte Friedrich.“

Man lese das ganz genau, was Herr Friedrich dort sagt. „Die Vereine seien für die Ordner und die Begleitung der Fans auf Auswärtsfahrten verantwortlich.“ Na, wo müssen Fans wohl nach Meinung von Sicherheitsfanatikern „begleitet“ werden? Richtig, wenn sie mit der Bahn fahren. Und wer ist für die Sicherheit in der Bahn und auf Bahnhöfen zuständig? Richtig, die Bundespolizei. Und wer bezahlt die? Richtig, Herr Friedrich.

Kurz: Hier könnte jemand doch sehr auf die Idee kommen, das Schweizer Modell (oder das holländische Modell oder eine Kombination aus beidem?) anzuwenden und weite Teile der Sicherung der Anfahrtswege zu privatisieren und dazu „Schwarze Sheriffs“ einsetzen. Wie problematisch das alles ist, müssen wir wahrscheinlich nicht ausführen, oder?

Dass Herr Wendt sich im weiteren Verlauf des Artikels aufregt und diesen Vorschlag seines obersten Dienstherrens (jaja, Herr Wendt ist Landespolizist) nicht so toll findet und andere Vorschläge macht, ist logisch, denn er will natürlich keinen Kosten/Nutzenwettbewerb mit privaten Anbietern haben. Das könnte für seine Beamte in Lohndumping enden.

Aber ja, so etwas könnte man sich schon vorstellen, oder? Das Sparpaket über Fußballfans bezahlt. Das noch populistisch verpackt und alle sind zufrieden. Außer vielleicht die Fußballfans.

Einschub: Wir würden nebenbei ein Verbot, seine Begründung und die Klage dagegen sehr spannend finden. Juristisch würden wir gerne mal sehen wie Stehplätze = Quelle der Gewalt begründet wird und wie z.B. Oktoberfest und andere Veranstaltungen von diesem Verbot ausgenommen werden. Und warum es überhaupt ein Sonderrecht für den Fußball geben muss, wenn beim Oktoberfest doch genauso viel passiert.Und worauf der Bund ein solches Verbot hätte stützen wollen. Wäre spannend geworden. Einschub Ende

Bengalos?

Es sei Herrn Friedrich als Innenminister (aber nicht als studierter Jurist) verziehen, dass er den Unterschied zwischen de lege lata und de lege ferenda nicht kennt. Und als Politiker einen Kompromiss sofort auszuschließen finden wir – sagen wir mal – eher spannend. Gut, von Horst Seehofer wird er in der Koalition nichts anderes gelernt haben, aber wirklich sinnvoll ist es nicht. Und daher bleiben auch wir bei unserer Haltung: „Bengalos sehen gut aus, müssen aber sinnvoll eingesetzt werden, so dass eine Neuentwicklung von weniger gefährlichem Material und eine Genehmigungspraxis mit Augenmaß sinnvoll ist. Da kann es keinen Kompromiss geben.“ Liebe Medien, wir sind insoweit zitierfähig.

Und nun?

Sich unterwerfen? Der Sicherheitslogik entsprechen? Keine Bengalos mehr und dem Nazi lieb den Weg in den Gästeblock erklären? Bernd Georg zum Präsidenten wählen? Nein, so lange wir bei St. Pauli sind, wird es dies nicht geben.

Und lieber FC, wie man es macht, hat Union gezeigt. Und selbst wenn der Präsident von Union das alles toll fand, selbst wenn es ihm nur um das zuschicken 20 Stunden vor einer Sitzung ging und wenn er erkannt hat, dass dies nicht von seinem allgemeinen Vertretungsmandat so ohne weiteres gedeckt ist, so sei er zu feiern und zu beglückwünschen. Diese Einsicht hätten wir von einem Bernd Georg Spies auch erwartet. Wir fragen uns, wie man sich als durchsetzungsstarker Präsident präsentieren will, wenn man bereits hier ohne Not einknickt. Für uns ist er damit unwählbar geworden. (Nachtrag auch hier: Dirk Zingler begründet sein Wegbleiben und hat jetzt unsere volle Sympathie. )

Von unserem Präsidium erwarten wir, dass sie ihre Einwilligung in diesen Sicherheitspakt widerrufen, öffentlich erklären, dass sie Stadionverbote über drei Jahre ignorieren werden und das sie gegen eventuelle Lizenzauflagen sowohl den verbandsinternen, als auch den ordentlichen Rechtsweg bestreiten werden. Und wir erwarten von unserem Verein auf der nächsten Verbandstagung Gegenanträge, Änderungsanträge, Gegenkandidaten. Kurzum: Wir erwarten das volle Rohr an zivilem Ungehorsam.

Das sind wir unserem non established schon lange schuldig. „Auf St. Pauli regeln wir das unter uns?“ Richtig. Und auch ohne Friedrich oder DFB.

Das erwarten wir nebenbei auch von uns Fans. United we stand, divided we fall ist eine griffige Parole, die es hier mal wieder gilt auszupacken. Wir lassen uns nicht teilen, wir regeln das unter uns, aber wer meint, dass mit Denunziantentum und Zusammenarbeit mit Polizisten etwas geregelt wird, der kann sich gepflegt gehackt legen. Wir lassen uns nicht verdrängen und wenn doch, dann gehen wir gemeinsam.

Und lieber Verein, lieber DFB, liebe Polizei. Wir können auch anders. Sonst gibt es eben den AFC St. Pauli von 2013. Und da gibt es jedes Spiel das fetteste Bengalointro, was ihr euch vorstellen könnt.

Lebe St. Pauli, lebe unangepasst.

HALTET DIE PRESSE

In der Zwischenzeit hat unser Verein (vielleicht weil ihm Leute die Bude einrennen?) reagiert und versucht zu relativieren. Und mal wieder macht er damit alles eigentlich nur noch schlimmer. Da wird die Drohkulisse angesprochen. Und dann geht man darauf auch noch ein. Das wäre doch der Moment, wo man sagt „Sie drohen mir? Machen Sie mal, aber dann muss ich mit Ihnen auch nicht reden, Herr Friedrich.“

Nein, stattdessen wird selbst indirekt in diesem Interview Friedrich zugestimmt, dass doch die Stehplätze das Problem seien. Denn anders kann man die „überreagiert“ Passage gar nicht lesen. Das alleine ist unfassbar. Haben die denn kein Rückgrat? Oder verstehen die nicht, was sie da gerade unterschrieben haben?

Wenn Herr Friedrich einen erpressen will, dann soll er es tun. Nur dann steht man auf und geht und unterschreibt nicht noch irgendwelche platten Tafeln und macht lieb Kind! Die Öffentlichkeit muss dies doch als grundsätzliche Genehmigung des Maßnahmenkataloges verstehen und hat es auch so verstanden. Das ist ja Schwächung der Verhandlungsposition in Perfektion!

Und wenn wir so etwas lesen: „Meeske: Er sagt ja zum Beispiel nur konsequente Sanktionierung, nicht Erhöhung der Sanktionen aus.“ Dann fragen wir uns, ob die nicht begreifen, was die da gerade unterschrieben haben. Die Öffentlichkeit hat es so aufgenommen, dass die Erhöhung beschlossene Sache ist. Wie soll da denn noch zurück gerudert werden? Sie nehmen sich mit der Unterschrift doch jedes Argument, gegen eine Erhöhung der Sanktionen zu sein. Und so etwas wie diese platte Wand zu unterschreiben, wenn es einen Maßnahmenkatalog gibt, den man nicht unterschreiben will, das ist doch blauäugig, leichtsinnig, gefährlich. Warum machen die so etwas? Das ist ja noch schlimmer, als wenn man gleich die fünf bis zehn Jahre Stadionverbot abgenickt hat.

Noch ein Klassiker: „Ganz im Gegenteil: die Diskussion ist jetzt erst eröffnet.“ Wer soll denn mit wem diskutieren? Die Fans mit den Vereinen? Damit dann die Oberen wieder bei Herrn Friedrich kuschen? Die Fans mit Herrn Friedrich? Ne, danke, der hat ja nun gezeigt, wessen Geistes Kind er ist. Und eine Diskussion unter der Prämisse „ihr schluckt das oder wir verbieten die Stehplätze“ ist ja nicht wirklich eine Diskussion auf Augenhöhe. Jahrelang wurde versäumt mit Fanprojekten mit Fanvertretern und mit Fans zu reden. Und da fällt der „Basta“ Abbruch der Gespräche über Pyro genau wieder auf den DFB zurück. Niemand hat mehr Bock auf irgendwelche Alibiveranstaltungen zu gehen, wo schöne Worte gedroschen werden und am Ende wird doch wieder Friedrich abgenickt. Der FC St. Pauli sollte sich sehr genau überlegen, ob ein zweiter Fankongress sinnvoll ist, wenn man selbst hier Fans anscheinend nicht ernst nimmt. Wir sagen vorsichtshalber unsere Teilnahme schon mal ab.

Man kann die Fans absolut verstehen, dass sie stark überlegen, ob sie sich an einer AG Stadionverbote beteiligen. Warum sollten sie? Alles ist beschlossene Sache und im Notfall lässt man sich die AG durch „wahre Fans“ (aka Bildzeitungsleser) besetzen und alles ist gut (Ironie).

Annex. Eine kleine Presseschau:

Lichterkarussell haut in die gleiche Kerbe.

Metalust und Subdiskurs denkt an das römische Reich

11 Freunde erkennt die Frechheit

Reviersport fragt auch mal Fans. U.a. den unvergleichbaren, unerreichten und unglaublichen Wilko.

Wir stellen schon in Zweifel, dass der Fußball ein spezifisches Gewaltproblem hat, aber sonst ist auch die Süddeutsche sehr lesenswert.

Mit Dank an eine namentlich nicht genannte Ideengeberin aus dem Rhein-Main Gebiet.

  3 Responses to “Und wirklich?”

  1. danke. ich wünschte, ich könnte derart differenziert schreiben.
    immer wieder ein genuss, euch zu lesen. bitte weitermachen!

  2. […] Dortmund mit einer umfassenden Betrachtung des Sicherheitsgipfels aus Fansicht. –       „Und wirklich?“ (MagischerFC-Blog) Eine Betrachtung jener Sicherheitskonferenz der letzten Woche, mit Gedanken […]

  3. […] Hier ein Haufen Links, den das Internet ausgespuckt hat. SANKT PAULI Teilen, Teilen, Teilen und vielen Dank! […]

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